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SHMF : Annett Louisan: Prosecco und jubelnde Flensburger

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schwacher Beginn, superstarke zweite Halbzeit: Die Hamburger Sängerin begeistert bei ihrem Auftritt in Flensburg.

Flensburg | Ob schon in der Pause Prosecco geflossen ist? Wie ausgewechselt kehrt Annett Louisan auf die Bühne im Deutschen Haus in Flensburg zurück, wo sie am Montag mit ihrer vorzüglichen Band und dem jugendlich frischen Schleswig-Holstein Chamber Orchestra als Verstärkung ihrer Vorliebe für Bossa Nova und Swing frönte.

Das Konzert von Annett Louisan mit dem Schleswig-Holstein Chamber Orchestra war einer der Höhepunkte des diesjährigen Schleswig-Holstein Musik Festivals SHMF. Intendant Christian Kuhnt zeigte sich zur Halbzeit des Festivals sehr zufrieden. Es seien schon mehr als 145.000 Karten verkauft. Das entspricht einer Auslastung von 83 Prozent. Damit zeichnet sich eine Rekord-Saison ab.

Während ihr erstes Wort „Flensburg“ ebenso wie die Enden mancher hörenswerter Zeilen ungehört versickern und die Sängerin sich sparsam, fast schüchtern bewegt, wächst sie im Verlauf der sagenhaften drei Stunden über sich hinaus und beweist Stimmkraft. Am Ende tobt das Publikum, reicht nicht mehr eine Hand, um die Zugaben zu zählen, und (b)raucht Louisan eine Zigarette. Eine sei mit der Feuerwehr verabredet, flunkert sie vermutlich und nippt nochmal am Prosecco.

 

Selbstironisch und professionell ins Mikro hauchend: Annett Louisan bei ihrem Auftritt in Flensburg.
Selbstironisch und professionell ins Mikro hauchend: Annett Louisan bei ihrem Auftritt in Flensburg. Foto: LUKAS

Der spielt eine Rolle in einem Lied und, wenn es wahr ist, auch im Leben. „Das alles wär nie passiert“ heißt ein Song, und der Text geht weiter mit „ohne Prosecco“. Das Lied ist ein mustergültiges Beispiel für ein gelungenes neues Arrangement mit Louisans Band und dem Festivalkammerorchester. Geschickt zitieren die Musiker passende Stücke bei Stichworten wie Südkurve des HSV oder Telefon.

Oder sie nehmen sich zurück und lassen Louisans Stimme in Ruhe klingen. Die Aufregung, mit der die 38-Jährige zu kämpfen hat, wie sie anfangs zugibt, weicht zusehends. Die kleine Sängerin im noch kleineren Schwarzen kokettiert mit ihrem Image. Angenehme Selbstironie und Humor zeichnen Texte und Ansagen aus. Als sie sich verhaspelt, stoppt sie kurz und sagt, „’tschuldigung, versprochen“. Ein anderes Mal tadelt sie sich selbst: „Ich bin so trottelig, echt“, und singt „Die Beerdigung“, ein fröhlich beschwingtes Stück zur Frage: „Wie kriege ich die Zeit bis zu meiner Beerdigung noch rum?“

Humorvoll verknüpft sie die Geschichten ihrer Lieder und plaudert schlagfertig mit dem Publikum. Gleich zu Beginn bei „Rosenkrieg“ („Immer wenn ich Rosen krieg’, dann weiß ich, Du bescheißt mich“) ist zum Stichwort ein Rosenkavalier mit einem Strauß zur Stelle. „Gutes Timing würde ich sagen“, lobt Louisan, die das Hauchen professionalisiert hat, und singt den Refrain. Wenig später wird sie wohl nicht zum ersten Mal in einer Stadt sagen, was für ein besonderer Abend das ist. Doch dann erklärt die Wahl-Hamburgerin, die aus der Altmark stammt, dass dieses ihr „allerletztes Konzert für eine längere Zeit“ sein wird. Den Grund verrät sie nicht.

Ihre zarte Stimme passt zu Hildegard Knefs „Papillon“, das sehr berührt. Den rhythmischen Kontrast bildet „Spiel Zigeuner“ (Charles Aznavour), das im Zugaben-Reigen ein zweites Mal für ein Haus außer Rand und Band sorgen darf. „Ich finde, wir machen eine Tour zusammen“, ruft Louisan den Menschen zu, die sie nur widerwillig feiern gehen lassen. Hinterm Vorhang, wo die Musiker einer nach dem anderen verschwinden, klingen noch minutenlang an indianische Gesänge erinnernde Jubelrufe hervor.

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erstellt am 12.Aug.2015 | 10:55 Uhr

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