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Kultur : André Heller: Besser ungültig als gar nicht wählen

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Der österreichische Künstler André Heller (66) hat kein Verständnis für Menschen, die am Wahltag zu Hause bleiben. Wer niemanden finde, den er wählen könne, müsse eben ungültig wählen.

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erstellt am 20.Sep.2013 | 08:07 Uhr

Hellers Heimatland Österreich wählt eine Woche nach Deutschland, am 29. September, sein Bundesparlament. Der Künstler feiert am 1. Oktober mit der Neuauflage seiner Show «Afrika! Afrika!» in Baden-Baden Weltpremiere. Im dpa-Interview: André Heller.

Frage: Es gibt ja Stimmen auch von Kulturschaffenden, die sagen «Ich wähle nicht, weil...». Können Sie das nachvollziehen?

Antwort: Wählen sollte man unbedingt gehen. Ich komme aus einer jüdischen Familie und es ist mir schon als Kind klar geworden, dass in einer Demokratie leben zu dürfen ein wunderbares Geschenk ist, das man gefälligst ehren muss. Ich habe kein Verständnis für Menschen, die die Wahl schwänzen. Wenn man niemanden findet, den man wählen will, muss man ungültig wählen. Dafür habe ich mitunter Verständnis. Man kann auch einen poetischen oder einen Wut-Satz auf den Stimmzettel schreiben. Aber diese winzige Mühe, dass man in die Wahlzelle geht und dort seinen Protest wenigstens deponiert, den schuldet man den Lehren aus der Geschichte.

Frage: Die ungültigen Zettel werden dann doch aber auch nur von irgendeinem Auszähler weggeworfen.

Antwort: Man kann aber auch nicht jemandem sein Vertrauen aussprechen, dem man radikal misstraut, und immer nur das kleinste Übel unterstützen, das in Wirklichkeit genauso wenig Unterstützung verdient wie das größere. Vielleicht erlösen uns ja neue wählbare Gruppierungen aus diesem Dilemma.

Frage: Hat Kunst Ihrer Ansicht nach noch eine politische Wirkung?

Antwort: Wenn jemand weinend oder lachend aus einer Bühnenvorstellung oder einem Film kommt und dadurch angestiftet wird, über sich nachzudenken oder etwas loszulassen oder eine Entscheidung zu treffen, dann ist das enorm politisch. Alles, was uns positiv oder negativ erschüttert und ermutigt, ist politisch. Natürlich auch, wenn Menschen durch künstlerische Erfahrungen geschwächt werden. Wenn ich sie für drei Stunden in ein zynisches Theater, einen menschenverachtenden Film oder eine taub machende Musikveranstaltung locke, dann schade ich ihnen und versäume es, sie zu verfeinern. Ich mache sie damit kleiner und verängstigter. Es gibt keine unpolitische Kunst.

André Heller

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