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Interview zum Buchhandel : „Amazon pflegt einen kommunikativen Autismus“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, über den Buchmarkt.

shz.de von
erstellt am 21.Mär.2016 | 10:41 Uhr

Herr Skipis, welches Buch lesen Sie gerade?
„Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ von Frank Witzel. Das liegt auf meinem Nachttisch, das lese ich immer, wenn ich dazu komme.

Ein gutes Beispiel, um gleich auf einen Buchmarkt-Trend zu kommen: Haben Sie auch das Gefühl, dass die Titel seit dem „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg“, gern länger sein dürfen?
Einen Trend würde ich es nicht nennen, aber die Tendenz fällt natürlich auf. Im Buchmarkt geht es schließlich auch immer darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ich lese derzeit übrigens auch noch ein Buch mit kürzerem Titel: „Das Eis des Gelatiere“, ein kleiner Roman, sehr schön und ästhetisch gestaltet.

Sie klingen wie ein Anhänger des gedruckten Buches.
Ach, ich sehe das überhaupt nicht ideologisch, denn jede Erscheinungsform hat ihre Vor- und Nachteile. Der Witzel-Roman hat über 1000 Seiten, den kann ich nicht mitnehmen, wenn ich unterwegs bin. Aber ich gebe zu, dass ich stärker zum gedruckten Buch tendiere, weil mir die Ästhetik wichtig ist.


Es scheint, dass die Branche ihre Angst vor dem E-Book und der möglichen illegalen Vervielfältigung von digitalen Büchern verloren hat.
Ja, da war vor ein paar Jahren noch eine große Aufregung und Verunsicherung zu spüren. Wenn man den Marktanteil des E-Books heute sieht, rund 4,5 Prozent, dann reden wir über keinen großen Bereich. Heute merkt man, dass die Stimmung sich gewandelt hat, von einer Verunsicherung hin zu einem spürbaren Selbstbewusstsein.

Was macht denn einen guten und erfolgreichen Buchhändler aus?

Er hat eine persönliche Beziehung zum Kunden, er berät und hat das Buch auch meist verfügbar. Wenn er außerdem einen guten Online-Shop hat, dann ist er konkurrenzfähig, auch gegen einen Wettbewerber wie Amazon. Deshalb sind die Umsätze im stationären Buchhandel auch gewachsen.

Die Zahl der unabhängigen Buchhandlungen ist stabil geblieben, Probleme haben die großen Ketten. Woran liegt das?
Ich gehe davon aus, dass das ein Konsolidierungsprozess ist, der auf ein zu großes Wachstum der Ketten in der Vergangenheit zurückzuführen ist.

Auch Amazon wächst kräftig.
Der Vorteil des stationären Buchhandels gegenüber diesem Konzern ist die persönliche Beziehung zum Kunden. Und Buchkäufer sind sehr reflektierte Menschen, die auch über die Konsequenzen ihres Handelns nachdenken. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass Amazon darüber nachdenkt, in den physischen Handel einzutreten.

Wenn Sie von Amazon sprechen, klingt das sehr nach Feindbild. Gibt es eigentlich Gespräche zwischen Ihnen und den Vertretern des Konzerns?
Nein, die gibt es nicht. Amazon pflegt einen kommunikativen Autismus. Und zum Thema Feindbild: Wettbewerb in unserer Branche ist gut, aber Amazon ist kein Wettbewerber, sondern hat in seinem Business-Plan die Vernichtung der Buchhandels-Struktur formuliert. Der Konzern will der einzige Intermediär zwischen Autor und Leser sein und bezeichnet Verlage und Buchhandlungen als überflüssig. Das disqualifiziert ihn als Wettbewerber, denn wir wollen den Buchmarkt erhalten, nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus intellektuellen Gründen. Deshalb gehen wir mit allen rechtlichen Möglichkeiten gegen Amazon vor.

Man könnte aber auch positiv formulieren, dass Amazon es Autoren, deren Manuskripte von den Verlagen abgelehnt werden, ermöglicht, trotzdem ihre Werke zu publizieren.
Dagegen spricht ja auch nichts. Aber Verlage leisten einen enormen Beitrag für die Qualität der Literatur. Es hat doch einen Grund, dass Autoren gern zu einem Verlag wollen – dort wird ihr Werk entwickelt, betreut und verbessert.

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