Zeit der Utopien : Als München wild und anarchisch war: «Träumer»

Volker Weidermann beim «Literarischen Quartett».
Volker Weidermann beim «Literarischen Quartett».

In der bayerischen Hauptstadt geschah 1919 Unglaubliches: Dichter übernahmen die Macht. Volker Weidermann erzählt von einer Tragikomödie mit blutigem Ausgang.

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06. Februar 2018, 13:06 Uhr

Es war eine Zeit der Extreme, des Deliriums, der Utopien und der Luftschlösser, für einen kurzen Augenblick schien alles möglich. Für wenige Monate konnten in München nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg Dichter, Philosophen und Idealisten die Macht übernehmen.

Die Münchner Räterepublik war ein einzigartiges Experiment. Anspruchsvoll, verrückt, nobel und grotesk und am Ende auch tragisch und blutig. Eine bizarre, anarchische Geschichte - untypisch für ein so ordentliches Land wie Deutschland und erst recht für das konservative katholische Bayern.

Volker Weidermann, Literaturkritiker beim «Spiegel» und beim «Literarischen Quartett», hat dieser außergewöhnlichen Episode, diesem «Märchen», wie er es nennt, ein mitreißendes Buch gewidmet. «Träumer» ist kein Geschichtsbuch, sondern eine historische Reportage, flott erzählt aus der Sicht der Akteure jener Tage.

Als da wären der Journalist Kurt Eisner, der erste Ministerpräsident des Freistaates Bayern, den ein fanatischer Rechter ermordet. Schließlich die Schriftsteller Ernst Toller, Erich Mühsam und Gustav Landauer, Pazifisten beziehungsweise Anarchisten, die nach Eisners Tod die flüchtige Dichterrepublik präsentieren. Nebenakteure sind der Bajuwaren-Dichter Oskar Maria Graf, der sensible Rainer Maria Rilke und - in der Rolle des abwartenden, kritischen Beobachters - Thomas Mann.

Vor allem Ernst Toller und Oskar Maria Graf haben die wilden Tage der Räterepublik später in ihren Erinnerungen festgehalten. Es ist ein Stoff, aus dem Romane sind. Es ist leicht, sich über die damaligen Akteure lustig zu machen, über ihre Weltfremdheit und ihren mangelnden Pragmatismus. Doch Weidermann zeigt die Dichter eben auch als Menschen, die auf den Trümmern der alten eine bessere Welt bauen wollten - durch Kultur und Bildung. Das war so falsch erst einmal nicht, vor allem wenn man sich die Alternativen anschaut, die nationalistische Rechte und die Kommunisten, beide kannten wenig Skrupel.

Und so weltentrückt waren die Dichter denn auch wieder nicht, dass sie nicht spürten, dass sie eigentlich keine Chance hatten. Das gibt ihrem Unternehmen von Anfang an eine tragische Note. Regierungschef Toller ahnt das Unheil bereits zwei Tage nach der Machtübernahme: «Diese Räterepublik war ein Fehler.»

Aber natürlich liefert die Herrschaft der Poeten jede Menge köstlicher Slapstick-Szenen, die Weidermann mit trockener Ironie erzählt. Allein die Vergabe der Ministerposten ist ein Stück aus dem Tollhaus. Die Szene spielt im ehemaligen Schlafzimmer der Königin. Erich Mühsam, «ein sprudelnder, witziger Geist», fordert das Außenministerium. Sein Freund Landauer schlägt es ihm mit der Begründung aus, Mühsam fehle die «Beherrschung des Apparats».

Den Zuschlag bekommt dann ein ominöser Franz Lipp. Seine einzige Qualifikation: Er kennt den Papst persönlich: «Gut, das muss reichen.» Kaum im Amt, lässt Lipp alle Telefonverbindungen in sein Dienstzimmer kappen, da er unter einer «Klingelphobie» leidet. Dann gibt es da noch den Finanzminister Silvio Gesell, den Erfinder des «Schrumpfgeldes». Seine Utopie, dass gespartes Geld keine Zinsen mehr bringen soll, ist heute leider gar kein Witz mehr. Walt-Whitman-Fan Landauer sichert sich natürlich das Erziehungsministerium. Seine Ideen: Einheitsschule, keine Schulbank und keine Hausaufgaben mehr.

Zur selben Zeit notiert Thomas Mann nach einem Mahl aus gebackenen Fischen und Zuckerwerk in sein Tagebuch: «Angenehmer Abend unter dem Damokles-Schwert der Kommune und Enteignung.» Doch das Schlimmste bleibt ihm erspart. Die Kommunisten übernehmen zwar von den Dichtern die Macht, um wenig später aber selbst von der blutigen Reaktion niedergestreckt zu werden.

Alles ist flüchtig: «Stundenregierungen, Scheinregierungen, plötzliche Nebenregierungen. Die Macht fließt in diesen Tagen herrenlos durch die Stadt. Mal greift einer zu. Ein anderer lässt sie davongleiten. Viele greifen in die Luft.» Die Dichter bezahlen ihre Utopie mit dem Leben oder mit Haft. Die Räterepublik bleibt ein verstörendes Intermezzo, eine bizarre Tragikomödie, die Weidermann dem Leser in all ihren schillernden Facetten in seinem glänzend geschriebenen Buch unterhaltsam näher bringt.

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 288 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-462-04714-1

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