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Kunst : Aktionskünstler Hermann Nitsch wird 75

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Er arbeitet mit literweise Blut, Kot, Eingeweiden und entblößten Körpern: Kaum ein österreichischer Künstler polarisiert seit Jahrzehnten mehr als Hermann Nitsch.

shz.de von
erstellt am 29.Aug.2013 | 00:01 Uhr

Für die einen ist er ein künstlerisches Aushängeschild der Alpenrepublik, für die anderen schlicht Bürgerschreck und Tierquäler. Anerkennung der Experten ist dem Aktionskünstler, Maler und Bildhauer bereits seit einiger Zeit gewiss. Etwas ruhiger ist es um Nitsch nun geworden, umtriebig ist er aber weiterhin. Am Donnerstag (29. August) wird Nitsch 75 Jahre alt.

Nitsch will den Menschen intensive Erlebnisse für alle Sinne bieten. In der Gesellschaft werde mit Unterstützung der Religion viel zu viel verdrängt, was nur zu Neurosen führe. Rituale mit geschlachteten Tieren, Blut und Eingeweiden sind der Kern in dem von Nitsch geschaffenen «Orgien-Mysterien-Theater», das er als zeitgenössische Fortsetzung der Erlösungsidee der Menschheit versteht.

Seine Kunst stellt der Wiener mit dem weißen Rauschebart seit 2007 im österreichischen Mistelbach in seinem Hermann-Nitsch-Museum aus. Ein Jahr später wurde ihm ein Museum im italienischen Neapel geschenkt. Zu Beginn seiner Karriere geriet Nitsch noch regelmäßig mit den Behörden in Konflikt und musste sogar in Haft. Doch spätestens seit der Jahrtausendwende änderte sich das: Renommierte Häuser zeigen sein Schaffen. 2005 durfte er sogar im altehrwürdigen Wiener Burgtheater im Blut planschen, wenn auch Sitze und Wände vorher mit Plastik abgedeckt wurden. Selbst die Kirche zeigt sich in der Zwischenzeit versöhnt mit dem exzentrischen Künstler.

Von der Rente ist Nitsch jedenfalls noch weit entfernt: «Das verachte ich zutiefst», sagte er vor kurzem vor Journalisten. Doch er müsse erkennen, dass seine Kraft langsam versiege. Trotzdem plane er für das kommende Jahr ein neues «Sechs-Tage-Spiel», das seine bisher größte Arbeit werden könnte.

Aktuell stellt er bei der Biennale in Venedig aus. In Wien widmet er sich in einer Gruppenausstellung dem Jubilar Richard Wagner. Erst im Juni regte sich heftiger Widerstand in Leipzig, wo Nitsch ein «Drei-Tage-Spiel» aufführte. Tierschützer, aber auch die Stadt protestierten gegen die Kunstaktion mit Tierkadavern. Buhs gab es bei der ersten Opernarbeit in Deutschland von Nitsch vor zwei Jahren: Er war bei Olivier Messiaens «Saint François d'Assise» in München für die szenische Konzeption zuständig. Die mehrmalige Kreuzigung eines mit Blut überschütteten nackten Mannes sorgte für Raunen im Saal.

Geboren wurde Nitsch 1938 in Wien. Bereits Ende der 50er Jahre hatte er die Idee zu dem Blutspektakel als Gesamtkunstwerk aus Musik, Theater und Malerei entworfen, die künftig sein Schaffen bestimmen sollte. Er nennt es ein «Lebensfest», in dem er Elemente aus der katholischen Liturgie, der Freud'schen Psychoanalyse, der Bibel und kultische Handlungen miteinander vereint. Laien lassen die bildgewaltigen und oft sehr blutigen Inszenierungen oder Schüttbilder zwar bis heute oftmals am Kunstbegriff zweifeln. Auf die Straße treibt es Protestierende aber nur mehr selten.

Bisheriger Höhepunkt seines Schaffens war 1998 ein «Sechs-Tage-Spiel» auf seinem Schloss bei Wien. Nach einer von ihm verfassten, 1700 Seiten starken Idealpartitur feierte Nitsch mit seinen «Jüngern» eine sechstägige Orgie mit Musikbegleitung und 13 000 Litern Wein. Mittelpunkt bildete die Schlachtung von drei Stieren, Hunderte Liter Blut wurden verschüttet, kiloweise Trauben und Tomaten zerquetscht und zahlreiche Tierkadaver ausgeweidet.

Den größten eigenen Schmerz erlebte er selbst nach eigenen Angaben nach dem Unfalltod seiner Frau Beate. Zehn Jahre waren sie verheiratet, bevor sie 1977 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Seit 1988 ist er mit einer Psychologin verheiratet.

Obwohl sein Schaffen nichts für Menschen mit schwachem Magen ist, ist auch der Aktionskünstler nicht schmerzfrei: «Wenn sonntags die Autobahnen voll sind mit Urlaubern oder wenn Fußballweltmeisterschaft ist und die Leute nichts anderes im Hirn haben als Sport: Davor ekelt mir», sagte er einmal zur Zeitung «Die Zeit».

Homepage Nitsch

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