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Kultur : Akademie-Präsident Staeck warnt vor Wahlverweigerung

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Die Akademie der Künste in Berlin gehört zu den ältesten europäischen Kulturinstituten. Sie ist eine internationale Gemeinschaft von derzeit rund 400 Künstlern.

shz.de von
erstellt am 17.Sep.2013 | 11:27 Uhr

Im Interview der Nachrichtenagentur dpa zur Bundestagswahl wirbt ihr Präsident Klaus Staeck (75) für eine hohe Wahlbeteiligung und mehr Engagement der Kulturschaffenden.

Frage: Wie würden Sie einen jungen Menschen heute davon überzeugen, dass er wählen gehen sollte?

Antwort: Die Politik verhandelt derzeit die Zukunftschancen von jungen Menschen so, dass einem schwarz vor Augen wird. Wer da sagt, ich halte mich raus, verzichtet auf sein Mitspracherecht. Im Gegenteil: Es gibt nicht nur ein Wahlrecht, sondern auch eine Wahlpflicht. Wer anderes soll denn in einer Demokratie verantwortlich sein, wenn nicht die Politik und die Parteien? Sonst entscheidet irgendwann das «Bild»-Parlament, Bertelsmann oder wer auch immer.

Frage: Ist die Kultur in der vergangenen Legislaturperiode ernst genug genommen worden?

Antwort: Alles in allem ja. Deutschland ist hier immer noch vorbildlich. Aber mir machen zwei Dinge Sorge. Das eine ist das geplante Freihandelsabkommen mit den USA. Auf Druck der FDP ist die Kultur hier nicht aus den Verhandlungen ausgenommen worden. Sie wird behandelt wie ein x-beliebiges Wirtschaftsgut. Damit ist die Kulturförderung insgesamt in Gefahr. Und das andere ist die Künstlersozialkasse, auch sie ist durch eine Initiative der FDP bedroht. Und deshalb mache ich Wahlkampf auch für die Künstler.

Frage: Als Präsident der Akademie?

Antwort: Ich bin ja nicht als Neutrum gewählt worden, ich bin ein Mann der Einmischung. Und weil ich weiß, wie sehr Künstler darauf angewiesen sind, einen Teil ihrer Sozialausgaben von den Verwertern zu bekommen, setze ich mich dafür ein. Als Wähler habe ich mich mit mehr als 900 weiteren Unterzeichnern, darunter viele bekannte Künstler und Intellektuelle, der «Aktion für mehr Demokratie - Für einen Politikwechsel mit einer starken SPD» angeschlossen. Ziel ist, soziale Verantwortung wieder zum Maßstab politischen Handelns zu machen.

Frage: Günter Grass galt lange als moralische Institution. Hat die Kultur heute überhaupt noch einen Einfluss auf die Politik?

Antwort: Die Vergangenheit wird oft verklärt. In unserer ausdifferenzierten Gesellschaft haben auch Künstler keinen größeren Einfluss als viele andere Gruppen. Trotzdem wünsche ich mir oft mehr Engagement und aktive Teilnahme an den notwendigen Auseinandersetzungen, statt sich aus falsch verstandenem Individualismus aus allem herauszuhalten. Jeder, der vom Staat Geld fordert, sollte wissen, woher es kommt und notfalls auch fragen, wo gespart werden kann.

Frage: Brauchen wir einen Bundeskulturminister?

Antwort: Es wäre eine symbolische Geste, das Amt des Kulturstaatsministers in den Kabinettsrang zu heben. Aber ich glaube nicht, dass es die Lage wesentlich verbessern würde. Wichtig ist, dass es dieses Amt überhaupt gibt. Bei der Einführung durch die SPD 1998 war es ja noch höchst umstritten. Aber es hat sich voll bewährt. Ich finde es auch gar nicht schlecht, dass der Staatsminister im Kanzleramt sitzt und unmittelbaren Zugang zur Regierungsspitze hat.

Frage: Waren Sie denn mit Staatsminister Neumann zufrieden?

Antwort: Wir respektieren uns. Bei meinem Antrittsbesuch habe ich zu ihm gesagt: «Herr Neumann, wir haben größtes Interesse, dass es Ihnen gut geht. Und Sie sollten größtes Interesse haben, dass es uns als Akademie gut geht.» Auf dieser Ebene sind wir gut zurechtgekommen. Dennoch bleiben für die Zukunft genügend streitbare Themen.

Frage: Was halten Sie von einer Frauenquote für den Kulturbetrieb, wie von Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin gefordert?

Antwort: Es stimmt - auch in der Kultur sind Frauen nicht angemessen vertreten. Unter den Mitarbeitern der Akademie sind zwar mehr als die Hälfte Frauen, aber bei den Mitgliedern sind wir nicht annähernd pari. Allerdings würde eine starre Quote wenig helfen: Da die Wahl von Neumitgliedern geheim ist, kann keiner darauf Einfluss nehmen. Wichtiger ist, das Bewusstsein für das Thema zu schärfen.

Frage: Ist die NSA-Spähaffäre eine Gefahr für die Freiheit der Kunst?

Antwort: Nicht speziell für die Kunst, sondern für die ganze Gesellschaft. Wir müssen ja inzwischen davon ausgehen, dass alles, was technisch möglich ist, auch gemacht wird. Das hat begonnen mit dem 11. September 2001. Natürlich hieß es damals, dem Terrorismus muss man entschieden entgegentreten. Aber jetzt kann man doch nicht alles, was einem nicht gefällt, zum Terror erklären. In puncto Datenschutz hat die Bundesregierung bisher versagt.

Aufgaben Akademie der Künste

Arbeit und Aktionen Staeck

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