zur Navigation springen

Abschied von einer großen Lyrikerin

vom

Sarah Kirsch ist nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 78 Jahren gestorben

shz.de von
erstellt am 23.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Tielenhemme | Der Versuch eines letzten Besuchs scheiterte am eigenen Mut. Tielenhemme ist ein Dorf, das man wahrscheinlich nur lieben kann, wenn es auch Heimat ist. Sarah Kirsch hat den 140 Seelen zählenden Ort ganz offensichtlich geliebt, so jedenfalls hat sie es in ihren Gedichten und Prosastücken, aber auch in Gesprächen immer wieder versichert. Vielleicht ein wenig trotzig, auch deshalb, weil Besucher nicht aufhörten zu fragen, was sie nur bewogen habe, aus der Großstadt Berlin in das alte Schulhaus hinter dem Dithmarscher Eider-Deich zu ziehen. Man mag die Lage idyllisch nennen, doch in jüngster Zeit wirkte das Haus vernachlässigt, ja unbewohnt. Sarah Kirsch schien sich von der Außenwelt verabschiedet zu haben. Wo war der Esel Hironymus geblieben, wo die Schildkröte Kleopatra, wo waren die Schafe? Der Garten verwildert, frühere Mitbewohner ausgezogen. Auch einst gern gesehene Gäste wagten nicht mehr, um Einlass zu bitten.

1983 war Sarah Kirsch mit Mutter und Sohn nach Schleswig-Holstein gezogen. Der hier bereits ansässige Kollege Günter Kunert hatte bei der Suche nach einer neuen Bleibe geholfen. Beide hatten zuvor gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert, wurden aus dem Schriftstellerverband der DDR und der SED ausgeschlossen.

In Ungnade war Sarah Kirsch bei den dortigen Kulturwächtern schon Jahre vorher gefallen. Man warf ihr Undankbarkeit vor, erinnerte sie daran, was sie der Partei alles zu verdanken habe.

Zunächst hatte es tatsächlich den Anschein gehabt, als würde die am 16. April 1935 im thüringischen Limlingerode als Tochter eines Fernmeldemechanikers geborene Ingrid Bernstein ein wertvolles Mitglied des Arbeiter- und Bauernstaates. Sie begann eine Lehre als Forstarbeiterin und studierte anschließend Biologie. Als sie den Lyriker Rainer Kirsch kennenlernte, nahm ihr Leben eine Wendung. Gemeinsam mit ihrem Mann studierte sie am renommierten Leipziger Johannes-R.-Becher-Literaturinstitut, veröffentlichte bald erste Gedichte, nahm aus Protest gegen den Holocaust und die antisemitische Haltung ihres Vaters den Vornamen Sarah an. Die Ehe scheiterte 1968, die fortan freischaffende Schriftstellerin zog nach Ostberlin, wo sie als Journalistin und Übersetzerin für ihren Lebensunterhalt sorgte. Nach dem Bruch mit der DDR zog Sarah Kirsch in den Westteil der Stadt, fühlte sich dort jedoch nicht wohl. Viel zu unruhig sei es ihr dort gewesen, sagte sie, dauernd sei jemand zur Diskussion vorbeigekommen, schon mittags sei der Wein geflossen. Nein, in einer großen Stadt könne sie nicht leben, auch nicht in einer gebirgigen Gegend, wo der Blick verstellt sei.

Das flache Land also bot sich an, Tielenhemme, ja, das gefiel ihr. Hier war die Natur noch weitgehend unverletzt, und der spröde Menschenschlag sagte ihr zu. "Mir geht das hier bestens", gestand sie zu einer Zeit, als sie noch Kontakte zur Außenwelt pflegte.

Und wie stolz die Dorfbewohner auf "ihre" Dichterin waren, zeigte sich, als sie 1988 aus den Händen des damaligen Ministerpräsidenten Björn Engholm den Kulturpreis des Landes erhielt. Auf den Ehrenplätzen im Konzertsaal des Kieler Schlosses saß der Gemeinderat von Tielenhemme.

In vielen ihrer kleinen Prosastücken hat Sarah Kirsch liebevoll das Leben ihrer Mitbürger verewigt. Die Natur und die Tierwelt gleich mit. Beim flüchtigen Lesen der Texte über Spaziergänge und Bootsfahrten auf der Eider könnte man "am Rande der Welt", wie Sarah Kirsch ihre Wahlheimat nennt, eine von den Gefahren der Zivilisation noch unberührte Idylle vermuten. Beim genauen Hinsehen erkennt man jedoch das Doppelbödige der vermeintlich so einfachen Schilderungen. Kreisende Raben, dunkle Wolken signalisieren Bedrohliches.

Scheitern müssen jedoch alle Versuche, anhand des Werkes den jeweiligen Seelenzustand der Autorin zu ergründen. Glaubt man gerade noch eindeutige Beweise für Menschenscheu und Melancholie entdeckt zu haben, überraschen in ihren jüngsten Veröffentlichungen Tagebucheintragungen voller Ironie, Spott und Witz. Ein besonderes Stilmittel sind eigenwillige Sprachschöpfungen "Monpauk" bedeutet Montag, "spazoren" ist spazieren, Nebuhl bedeutet Nebel. Daneben reiht sich Banales geradezu übergangslos an Dramatisches. Ihre Kommentare über das am Fernsehschirm verfolgte Fußballspiel klingen geistreicher als die von den berufsmäßigen Kommentatoren, Roger Willemsen wird mit der Bemerkung "Klugscheißer vom Dienst" eher beiläufig erledigt. Zusammen mit dem 2008 verstorbenen Peter Rühmkorf gilt Sarah Kirsch zu Recht als die bedeutendste deutsche Lyrikerin der Gegenwart. Ihre Gedichte sind naturverbunden, aber frei von Naturschwärmerei. Vor allem in ihren wunderbar banal klingenden Prosatexten neigt sie zum Skurrilen, ohne jedoch extravagant zu klingen.

Obwohl Sarah Kirsch seit mehr als 50 Jahren publizierte, ist ihr Gesamtwerk schmal geblieben. Welche Anerkennung es dennoch gefunden hat, zeigt sich an der langen Liste ihrer Auszeichnungen. Um deren Qualität zu verdeutlichen, genügt der Hinweis auf den 1996 erhaltenen Georg-Büchner-Preis, die höchste Ehrung die in Deutschland einem Dichter verliehen werden kann.

In Sarah Kirsch Geburtshaus hat ein Förderkreis schon vor Jahren eine "Dichterstätte" eingerichtet. Hier werden Erinnerungstücke an Leben und Werk der Lyrikern ausgestellt und finden kulturelle Veranstaltungen statt. Was liegt näher, Sarah Kirsch letzten Wohnsitz in Tielenhemme nicht dem drohenden Verfall zu überlassen, sondern ebenfalls als Erinnerungsstätte zu erhalten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen