Miniserie von HBO auf Sky : Warum man die Serie „Chernobyl“ sehen muss

Die Miniserie „Chernobyl“ zeigt eindrucksvoll die Ereignisse des Super-GAUs 1986.
Die Miniserie "Chernobyl" zeigt eindrucksvoll die Ereignisse des Super-GAUs 1986. Foto: Sky UK Ltd/HBO

Weltweit überschlagen sich die Kritiker mit Lob. Zurecht? Ja. Die Serie muss man unbedingt gesehen haben.

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12. April 2021, 19:16 Uhr

Osnabrück | Erinnern Sie sich noch an die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl im April 1986? An die Folgen, die der Super-GAU für viele europäische Staaten und natürlich auch für Deutschland hatte? Die Miniserie „Chernobyl“, die aus fünf Episoden besteht, ruft nicht nur die Angst vor radioaktivem Regen und verseuchten Pilzen in Erinnerung, sondern zeigt das Grauen anhand menschlicher Schicksale eindringlich. Und führt grausame Fakten vor Augen, die auch nach über 30 Jahren noch erschrecken.

Worum geht es in „Chernobyl“?

Gleich in den ersten Minuten wird der Zuschauer in das grausige Szenario geworfen, das die Menschen 1986 im Kernkraftwerk und in der nahe gelegenen Stadt Prypjat erlebt haben: Eben war es noch friedlich, dann taucht eine Feuersäule über dem Kernkraftwerk auf. Das Dach würde brennen, heißt es im Kraftwerk und bei der Alarmierung der Feuerwehr, das klingt nach Routine. Dass es alles andere als Routine ist, verleugnet der Chefingenieur lange oder kann er sich nicht vorstellen, was nicht sein darf?

Die Wissenschaftler im Kernkraftwerk begreifen erst spät das Ausmaß der Katastrophe. Foto: Sky UK Ltd/HBO
Liam Daniel
Die Wissenschaftler im Kernkraftwerk begreifen erst spät das Ausmaß der Katastrophe. Foto: Sky UK Ltd/HBO

Denn Block 4 ist explodiert und hat extrem verstrahltes Graphit in die Umgebung geschleudert. Graphit, das die Feuerwehrleute in die Hand nehmen, um es wegzuräumen. Die Folgen sind verheerend, denn niemand weiß, auf was sie sich da eingelassen haben bei der Rettungsaktion. Dass ein Reaktor explodieren kann, hatten alle für unmöglich gehalten – schließlich hatten sie rechtzeitig das Kraftwerk heruntergefahren. Oder doch nicht?

„Chernobyl“ zeigt, wie die damalige Sowjetunion mit diesem Unglück umgegangen ist: Sie haben das Ausmaß beschönigt, die Folgen geheim gehalten und Menschen in den Tod geschickt, bei den Versuchen, das Atomkraftwerk zu sichern.

Wer spielt in „Chernobyl“ mit“?

Im Mittelpunkt von „Chernobyl“ steht der Wissenschaftler Waleri Legassow (Jared Harris): Zu Beginn der Serie wird er 1988 gezeigt, wie er Tonbandaufnahmen anfertigt und sich anschließend erhängt. Er kennt alle brisanten Fakten zum Super-GAU in Tschernobyl und will die Schuldigen endlich benennen. Die Regierung will die Wahrheit aber weiter vertuschen.

Legassow sorgt 1986 nach dem Unglück dafür, die Stadt Prypjat zu evakuieren, außerdem soll er die Gründe für die Katastrophe untersuchen und einen Plan zu Beseitigung des radioaktiven Materials entwickeln. Er wird zusammen mit dem skeptischen Politiker Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgard) vom Kreml nach Prypjat geschickt, um die Situation vor Ort einzuschätzen. Dabei wird den beiden unterschiedlichen Charakteren schnell klar, dass auch sie dem Tode geweiht sind.

Unterdessen entdeckt Wissenschaftlerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) einen Anstieg von radioaktiven Partikeln im weißrussischen Minsk. Sie forscht nach und findet heraus, dass es einen katastrophalen Vorfall in Tschernobyl gegeben haben muss. Ihre Bedenken werden von der Regierung abgewiegelt, daher reist sie ebenfalls nach Prypjat.

Feuerwehrmann Wassili Ignatenko (Adam Nagaitis) beim Einsatz in Tschernobyl. Foto: Sky UK Ltd/HBO
Liam Daniel
Feuerwehrmann Wassili Ignatenko (Adam Nagaitis) beim Einsatz in Tschernobyl. Foto: Sky UK Ltd/HBO

Die schwangere Frau des Feuerwehrmanns Wassili Ignatenko, Ludmilla (Jessie Buckley), reist hingegen überstürzt nach Moskau, wo ihr Mann nach dem Einsatz im Kraftwerk in eine Klinik eingewiesen wurde. Dort findet sie nicht nur ihren dem Tod geweihten Mann vor, sondern auch zahlreiche Ärzte und Pflegepersonal, das nicht weiß, wie krank ihre Patienten wirklich sind.

Ludmilla Ignatenko (Jessie Buckley). Foto: Sky UK Ltd/HBO
Ludmilla Ignatenko (Jessie Buckley). Foto: Sky UK Ltd/HBO

Anhand einiger Einzelschicksale rekonstruiert „Chernobyl“ die Ereignisse des Super-GAUs. Dadurch zeigt die Serie eindringlich, was die Katastrophe für den Einzelnen, aber auch am Ende für die Bevölkerung für Auswirkungen hatte.

Warum wird „Chernobyl“ von den Kritikern und Zuschauern so gelobt?

Weltweit wird die Serie „Chernobyl“ positiv bewertet, sogar überschwänglich gelobt. In der Internet Movie Database (IMDB), in der Kritiken über Filme und Serien gesammelt werden, ist „Chernobyl“ mit 9,7 von 10 Punkten die zurzeit am höchsten bewertete Serie aller Zeiten. Damit hat sie unter anderem „Breaking Bad“ und „Game of Thrones“ überholt. Was sie so sehenswert macht, sind vier Dinge:

Die Ausstattung: Die Kleidung und die Kulissen versetzen einen sofort in die 80er-Jahre der Sowjetunion zurück. Gedreht wurde die Miniserie innerhalb von 16 Wochen in einem Wohngebiet von Vilnius, Litauens Hauptstadt, und im Inneren des Kernkraftwerks Ignalina. Beide Orte wurden ausgewählt, weil sie dem realen Ort Prypjat und Tschernobyl stark ähneln. Der Macher der Serie, Craig Mazin, war sehr darauf bedacht, so nah wie möglich an das reale Aussehen der damaligen Zeit heranzukommen, nichts zu beschönigen, aber auch nichts zu überdramatisieren.

Die Sensibilität: „Chernobyl“ ist eine Dramaserie, aber sie ist nicht voyeuristisch. Es ist die sensible Inszenierung der Atomkatastrophe, die nachwirkt. Die dramatischen Szenen werden nicht ausgereizt, der Schrecken wird manches Mal sogar sehr still gezeigt, ohne dramatische Kameraeinstellungen oder überbordende Musik. Es ist alles sehr zurückhaltend, im Gegensatz zu den schauspielerischen Leistungen.

Die Besetzung: Stellan Skarsgard, bekannt aus zahlreichen Filmen wie die Comicverfilmungen um die „Avengers“, „Jagd auf Roter Oktober“ und „Good Will Hunting“, ist als regimetreuer Politiker Boris Schtscherbina die ideale Besetzung. Nachdem er in Prypjat angekommen ist und das Grauen mit eigenen Augen sieht, bröckelt seine Verteidigung der Regierung Stück für Stück. Skarsgards intensives Spiel zeigt die wachsende Verzweiflung von Schtscherbina eindringlich. Sicherlich eine seiner stärksten Rollen in seiner langen Karriere, ähnlich wie in der britischen Miniserie "River".

Stellan Skarsgard brilliert als russischer Politiker in „Chernobyl“.
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Stellan Skarsgard brilliert als russischer Politiker in "Chernobyl". Foto: Sky UK Ltd/HBO

Auch Jared Harris, einst Gegenspieler im Film „Sherlock Holmes“ Mit Robert Downey Jr., macht seinen Job als ehrlichen Wissenschaftler Waleri Legassow außerordentlich gut. Seine Verzweiflung und sein Entsetzen über den Umgang mit dem Super-GAU bringt er meisterhaft zum Ausdruck.

Jared Harris als Wissenschaftler und mahnende Stimme Waleri Legassow. Foto: Sky UK Ltd/HBO
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Jared Harris als Wissenschaftler und mahnende Stimme Waleri Legassow. Foto: Sky UK Ltd/HBO

Beide Schauspieler glänzen vor allem in den gemeinsamen Szenen: Wenn Legassow Schtscherbina mitteilt, dass auch sie beide aufgrund ihres Aufenthalts in Prypjat und im Kernkraftwerk dem Tode geweiht sind und Schtscherbina nichts Anderes einfällt, als beiden Vodka einzuschenken, wird die Aussichtslosigkeit der Lage aller Beteiligten mehr als deutlich.

Emily Watson als Wissenschaftlerin Ulana Khomyuk geht sogar noch weiter als Jared Harris: Ihre Figur ist der absoluten Wahrheit verpflichtet und wenn sie die nicht aufdecken darf, stellt sie sich auch schon einmal dem russischen Geheimdienst entgegen. Ulana Khomyuk steht stellvertretend für die zahlreichen Wissenschaftlerinnen, die an der Aufklärung der Katastrophe beteiligt waren.

Maßgeblich an der Aufklärung beteiligt: die Wissenschaftlerin Ulana Khomyuk (Emily Watson). Foto: Sky UK Ltd/HBO
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Maßgeblich an der Aufklärung beteiligt: die Wissenschaftlerin Ulana Khomyuk (Emily Watson). Foto: Sky UK Ltd/HBO

Die Wahrheit: Diese drei Protagonisten wollen die Wahrheit um jeden Preis aufdecken und versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Eine Wahrheit, die den Zuschauer erschreckt, denn die Miniserie ist so nah an der Realität dran, dass sie einem schlaflose Nächte bereitet. Da die Radioaktivität nicht sichtbar, nicht greifbar ist, wird sie in „Chernobyl“ als Grauen in den Gesichtern dargestellt, als tödliche Strahlenkrankheit in den Krankenbetten und als verzehrendes Inferno, in das einer der Kraftwerk-Mitarbeiter schauen muss: Er wird genötigt, sich auf das Dach des Kernkraftwerks zu stellen, um zu sehen, ob Block 4 wirklich explodiert ist. Er schaut in eine feurige, dampfende Wolke: Mitten in die Hölle.

Wo kann man „Chernobyl“ sehen?

Die Miniserie „Chernobyl“ vom US-Sender HBO (bekannt für „Game of Thrones“) in Kooperation mit Sky wird in Deutschland seit dem 14. Mai 2019 auf dem Bezahlsender Sky Atlantic HD ausgestrahlt und ist über Sky Go, Sky On Demand und Sky Ticket im Stream abrufbar. Am kommenden Dienstag, 11. Juni, wird die finale fünfte Folge ausgestrahlt.

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