Festivalauftakt in Papenburg : Niedersächsische Musiktage 2021 feiern die Freuden der Nacht

Avatar_shz von 29. August 2021, 16:41 Uhr

shz+ Logo
Sinnlich, frivol, witzig: Ethel Merhaut singt zur Eröffnung der Niedersächsischen Musiktage in Papenburg Lieder, Chansons und Schlager der 1930-er Jahre.
Sinnlich, frivol, witzig: Ethel Merhaut singt zur Eröffnung der Niedersächsischen Musiktage in Papenburg Lieder, Chansons und Schlager der 1930-er Jahre.

Mit einem Jahr Verspätung feiern die Niedersächsischen Musiktage jetzt ihre 34. Ausgabe. An diesem Wochenende ist es im Emsland losgegangen - mit Konzerten, die sich mit dem Thema "Nacht" beschäftigt haben.

Papenburg | Zu den Ritualen eines Konzertwochenendes gehört der Drink oder das Bier, um den Tag ausklingen zu lassen. Da sitzt man an der Bar, lässt den Tag Revue passieren, spricht über dies und das, und dann denkt man: die Chansons mit Ethel Merhaut hätten auch gut hierher gepasst. Hat nicht das quirlige Nachtleben in den Berliner oder Wiener Kabaretts der 1930-er Jahre diese Musik hervorgebracht? Hat nicht die Musik das Nachleben, den sprichwörtlichen Tanz auf dem Vulkan geprägt? An diesem Wochenende hat Corona das Konzert in der schummrigen Bar verhindert - man muss ja schon dankbar sein, dass die Entwicklung der Pandemie und die Corona-Verordnungen überhaupt wieder ein Kulturleben zulassen. Einen stimmungsvollen Ort haben die Musiktage aber im Forum Alte Werft dennoch gefunden. Der Charme der Industriearchitektur des ehemaligen Werftgebäudes mit seinen Backsteinmauern und Stahlträgern verträgt Schlager der 1930-er genauso wie ein klassisches Orchester - das junge Hamburger Ensemble Reflector aus Hamburg - und am Sonntagvormittag Pianist Markus Becker mit seinen musikalischen Expeditionen. Rituale als Gegengift gegen Vereinzelung Unter das Oberthema „Rituale“ hat Intendant Anselm Cybinski diese 34. Ausgabe der Niedersächsischen Musiktage gesetzt. „Antidot“, also Gegengift gegen Vereinzelung nennt Cybinski Rituale – und was bräuchten wir nicht gerade jetzt mehr, nach anderthalb Jahre mit minimalen sozialen Kontakten und so ganz ohne gemeinsame Kulturerlebnisse? Umso froher reagierten die Gäste des Eröffnungswochenendes in Papenburg. Cybinski hat den Abend als Variationen über das Thema „Nacht“ gestaltet: Mit zwei Serenaden eröffnet das Ensemble Reflector den Abend, eher Unterhaltungsmusik denn intellektuelle musikästhetische Auseinandersetzung. Wobei das auch schon wieder nicht so ganz stimmt, denn die Serenade für Tenor, Horn und Streicher op. 31 von Benjamin Britten ist eine Musik, in der die Schrecken ihrer Entstehungszeit die lyrischen Nachtschatten durchsetzen. Britten hat das Werk während des zweiten Weltkriegs geschrieben. Weiterlesen: Musikfest Bremen oder Niedersächsische Musiktage? Beides ist richtig Tolle Solisten prägen diesen Festivalauftakt: Amanda Kleinbart vom NDR Elbphilharmonie Orchester gibt mit dem Naturhorn das Eröffnungssignal, mit dem gewohnten Ventilhorn tritt sie mal seufzend, mal virtuos in Dialog mit dem Tenor Michael Porter. Der wiederum fühlt sich mit schlankem Tenor in Brittens Vertonungen der Texte britischer Dichter des 15. bis 19. Jahrhunderts ein, singt zart lyrisch, zeigt Muskeln, wo es sein muss. Eingebettet ist das in die Streicherklänge des Ensemble Reflectorunter dem Dirigenten Thomas Klug. Auch in Mozarts D-Dur-Serenade KV 320, die sogenannte Posthorn-Serenade von Wolfgang Amadeus Mozart ist die Nacht nicht nur zum Feiern da. Die Nacht ist eben auch ein Symbol für den Tod; deshalb verdunkeln düstere Todesschatten den heiteren Sternenglanz dieser Musik. Das lässt das Ensemble Reflector engagiert nacherleben, unter anderem in den lebendigen Dialogen von Oboen, Flöten und Fagotten, denen sich Mozart mit besonders viel Liebe gewidmet hat. Das ausschweifende Nachtleben feiert im Late Night Konzert dann Ethel Merhaut mit ihrem Quartett. Sie interpretiert die ungemein vielseitige Unterhaltungsmusik der 1930-er Jahre mit ihrem Witz, ihrer kaum kaschierten Erotik, ihrem Fatalismus in einer Phase zwischen zwei Katastrophen. In goldener Robe steht Merhaut auf der Bühne, als wäre sie einem Gemälde von Gustav Klimt entstiegen; sie wechselt brillant zwischen Sprechgesang und Opernstimme und verbreitet überhaupt die divenhafte Aura, die diese Musik verlangt. Dazu schrummt die Band im Tangorhythmus, wiegt sich im langsamen Walzer, kokettiert im Swing und pointiert im Foxtrottschritt. Längst sind die Lieder über Waldemar, Alois und erotische Frauen in die Musikgeschichte eingegangen - und das sie nach wie vor begeistern, zeigt das Publikum trotz der späten Stunde. Die Matinee am Sonntagmorgen wird schließlich, dank Pianist Markus Becker, zum künstlerischen Höhepunkt des Eröffnungswochenendes. Auch er setzt sich mit Ritualen auseinander, und zwar, indem er Grenzen aufhebt: Er improvisiert über klassische Kompositionen und lässt klassische Musik in seine Improvisationen einfließen. Er spielt eine komplette Klaviersonate von Joseph Haydn, betont aber in seiner Moderation den Ideenreichtum, den improvisatorischen Charakter der Musik. Er spielt zuckersüße Jazzballaden, und bevor die der Zahnschmelz schmerzt, verbiegt Becker Harmonik und Melodik, und plötzlich knistert es wieder. Ludwig van Beethoven nimmt Becker so ernst, dass er ihn zum Ausgangspunkt für musikalische Experimente macht – seine Gedanken zur f-Moll-Sonate op. 57, der „Appassionata“ ziehen einen weiten Bezugsrahmen auf; er spielt mit Strukturen und Zitaten, greift sich Momente heraus, macht Becker-Musik über Musik von Beethoven – und das ist alles sehr aufregend. Ein fulminantes Finale für die Eröffnung der 34. Niedersächsischen Musiktage. ...

Schließen Sie jetzt den kostenfreien Probemonat ab (anschließend 8,90 €/Monat), um diesen Artikel zu lesen. Alle weiteren Inhalte auf unserer Webseite und in unserer App stehen Ihnen dann ebenfalls zur Verfügung.

Monatlich kündbar

Sie sind bereits Digitalabonnent?

Hier anmelden »

Oder kostenlos bis zu drei Artikel in 30 Tagen lesen

Registrieren »

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen