Oper mit Splatter-Effekt : „Elektra“ an der Staatsoper Hamburg: Serienmord im Bürgerhaus

Avatar_shz von 29. November 2021, 09:11 Uhr

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Vor Ängsten und Traumata dem Wahnsinn nahe: Elektra (Aušrinė Stundytė, links) und ihre Mutter Klytämnestra (Violeta Urmana)
Vor Ängsten und Traumata dem Wahnsinn nahe: Elektra (Aušrinė Stundytė, links) und ihre Mutter Klytämnestra (Violeta Urmana)

Dmitri Tcherniakov ist mit seiner Version der "Elektra" von Richard Strauss an die Staatsoper Hamburg zurückgekehrt. Er zeigt damit: Der Horror ereignet sich mitten unter uns.

Hamburg | „Nein heißt nein!“ Das möchte man dieser wahnsinnigen Frau zurufen, die gerade ihre Schwester auf den Tisch gezerrt hat und offenbar versucht, sie zu vergewaltigen. „Nein heißt nein!“ möchte man rufen, als die Wahnsinnige die Schwester ein paar Minuten später mit schmeichelnden Tönen, mit Streicheln und Zärtlichkeiten sexuell bedrängt. Das Bestürzendste dabei: Das spielt sich nicht in fernen Zeiten und fernen Ländern ab. Wir hier eine bittere Wahrheit aus einer der vielen kaputten Familien, eine Wahrheit, für die wir uns erst allmählich und zaghaft sensibilisieren. Weiterlesen: Kent Nagano liebt das Hamburger Schietwetter Kommt der nächste Kulturlockdown? Die beiden Frauen heißen Elektra und Chrysothemis, und die Szene ist ein bedrückendes Beispiel dafür, wie Regisseur Dmitri Tcherniakov die Tragödie „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss an der Staatsoper Hamburg aus der Antike heraus- und in unseren Alltag hinein holt. Dafür muss er dem Stück keine Gewalt antun; Tcherniakov betont vielmehr die Zeitlosigkeit des Jahrtausende alten Stoffes, die ja schon Hofmannsthal und Strauss vor etwas mehr als hundert Jahren fasziniert haben muss. Die spektakulärste Partitur von Richard Strauss Im Wesentlichen geht es darum, dass Elektra den Mord an ihrem Vater Agamemnon rächen will. Ihre Mutter Klytämnestra hat ihn, gemeinsam mit dem neuen Mann Aegisth (mit kernigem Tenor: John Daszak) umgebracht, Elektra wächst mit ihrer Schwester Chrysothemis im neuen Elternhaus auf, den Bruder Orest hat sie außer Landes geschafft, um ihn vor Mutter und Stiefvater zu schützen. Im Ausland wird er zu Kampfmaschine ausgebildet, die die Rache vollstrecken soll. Richard Strauss hat zu diesem Stoff Anfang ds 20. Jahrhunderts eine seiner spektakulärsten Partituren geschrieben – eine brachiale Musik, verstörend in ihrer radikal modernen Tonsprache und schmeichelnd süß wie ein Vorbote des „Rosenkavaliers“. Genau das Richtige für Dirigent Kent Nagano. Der Musikchef der Staatsoper verleiht dem Psychothriller den passenden musikalischen Tiefgang. Schon den Anfang peitscht er am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg unerbittlich voran. Schauplatz der Horrorgeschichte ist kein antiker Tempel, sondern ein großbürgerlicher Salon, wie er in der reichen Stadt Hamburg sicher vielfach zu finden ist. Hohe Räume, Stuck und Kronleuchter, Bücherregale, Flügel und Sprossenfenster: Die großbürgerliche Fassade hat sich Tcherniakov selbst gebaut. Bösartige Golden Girls Dort sitzen die fünf Mägde nebst Aufseherin (Brigitte Hahn) am Tisch und spielen Karten: Eine Horte keifender, alter, Verzeihung: Weiber, die wie bösartige Golden Girls über Elektra herziehen (Marta Śwederska, Kady Evanyshyn, Kristina Stanek, Gabriele Rossmanith und Hellen Kwon). Diese Eingangsszene entwickelt Nagano zum Treibsatz für den ganzen Abend - drastische Momente musikalischer Konversation voller Drive. Im Verlauf demonstriert Nagano aber auch Sinn für die intimen Aspekte der Musiktragödie, für die verführerischen Momente, für falsche Versprechen und bösartigen Sarkasmus. Und er leuchtet die Partitur in ihrer Vielschichtigkeit und Tiefe aus, gemeinsam mit dem hellwachen Staatsorchester, das transparent und präsent klingt, wie immer, wenn Nagano sich dem großen, saftigen Opernrepertoire widmet. Und auch die Sänger dürfen sich bei ihm aufgehoben fühlen; klar und sicher führt er sie durch die Herausforderungen ihrer Partien. Dabei lässt er es zu, dass Aušriné Stundyté in der Titelrolle auch mal vom Orchester überdeckt wird. Trotzdem ist sie eine faszinierende, überwältigende Sängerin und Darstellerin: Eine Frau, die mit ihrer Stimme zärtlich schmeicheln kann, innige Liebe ausdrückt – und abgrundtiefen, irrationalen Hass. Ihre Erscheinung ist betont maskulin, auf der anderen Seite bricht sich ihr Trauma in kindlicher Weltvergessenheit Bahn, indem sie den Anzug ihres Vaters einer Puppe überstülpt, ihn mit Hut an den Tisch setzt und Spielzeugpferde und wackelnde Plüschhunde vor ihm auf dem Tisch aufbaut. Ein bizarres Bild. Im bürgerlichen Muff ihres Elternhauses ist Elektra eine Außenseiterin, und ihre härteste Gegenspielerin ist ihre Mutter Klytämnestra. Violeta Urmana macht zur alten Furie im roten Plüsch-Morgenmantel (Kostüme: Elena Zaytseva), die Frisur ist degeneriert zu dünnen Medusa-Fransen, die auf dem Kopf züngeln. Vor allem aber ist die Frau geplagt von Schuldgefühlen und Ängsten wegen des Mordes an Agamenmnon. Urmana ist dabei grandios: Sie lotet in den bösartigsten Momenten die Grenze zum Sprechgesang aus und dreht gleich darauf wieder zum glühenden Furor auf, setzt dabei präzise Gesten, die anschaulich machen, wie sich die Psyche nach außen stülpt. Zwischen diesen Frauen steht die Chrsyothemis von Jennifer Holloway, die sich vor dem innerfamiliären Psychokrieg in das Asyl einer spießigen Graue-Maus-Unauffälligkeit geflüchtet hat. Einerseits sucht sie nach dem Mädchenideal von Ehe und Bürgerlichkeit, andererseits setzt ihr die Schwester auf eine Art zu, die man eigentlich toxisch männlich nennen würde; sexuelle Übergriffe unterfüttern den Aufruf zum Mord an der Mutter. Holloway singt von ihren Wünschen und mit einem leuchtenden, obertonreichen Sopran, der strahlend überm dichtesten Orchestergewitter leuchtet. Staatsoper Hamburg: Den Mord nimmt ihr schließlich Orest ab, auf eine Art, wie sie Quentin Tarrantino nicht bizarrer hätte erfinden können. Lauri Vasar zeigt Orest als schlanken Zyniker mit Hoodie und Wollmütze und mit einem verführerisch eleganten Bass. Diesen Orest hat die Familiengeschichte zum psychopathischen Monster gemacht, der beiläufig im Schallplattenschatz stöbert. Selbstverständlich findet er dabei auch "Elektra"-Aufnahmen – ein Relikt aus einer alten Zeit, in der die gutbürgerliche Fassade noch gehalten hat. Danach metzelt Orest den Rest der Familie nieder – und platziert die blutüberströmten Leichen an dem Tisch, an dem schon die Agamemnon-Puppe sitzt. Diese Splattervariante der Familienaufstellung führt dann noch einmal explizit vor Augen: Die Abgründe unserer Gesellschaft klaffen am tiefsten in der Familie. Eine zeitlose Erkenntnis, die Tcherniakov aus der Oper von Hofmannsthal und Strauss bestechend präzise herausgearbeitet hat. Und, ach ja: Die Mörder lauern auch mitten unter uns. Sagt Tcherniakov. Begeisterter Applaus in der unter 2G-Regeln fast ausverkauften Staatsoper. ...

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