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Wilhelm Busch : 150 Jahre Max und Moritz: „Ritzeratze, voller Tücke“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor 150 Jahren, im Oktober des Jahres 1865, erschien Wilhelm Buschs „Max und Moritz – Eine Bubengeschichte in sieben Streichen“ mit einer Auflage von ganzen 4000 Exemplaren – und verkaufte sich zuerst grauenhaft.

Auch wenn es zuerst nicht danach aussah, „schnupdiwup“ wurde aus „Max und Moritz“ eines der beliebtesten Kinderbücher der Welt, das sich bis heute viele Millionen Male verkauft hat und in rund 300 Sprachen und Dialekte übertragen wurde. Der Erfolg machte Wilhelm Busch schon zu Lebzeiten zu einem berühmten und wohlhabenden Mann. Dabei wollte er zuerst selbst nicht so recht an diesen Erfolg glauben. Schließlich hatte sich sein erstes Buch, die 1864 erschienenen „Bilderpossen“, als kommerzieller Reinfall erwiesen. „Übrigens bei Alle dem, ist so etwas nicht bequem“, könnte man mit Wilhelm Busch sagen, so dass sein Verleger Heinrich Richter (Sohn des berühmten Malers Ludwig Richter) keine große Lust verspürte, noch einmal ein derartiges finanzielles Wagnis zu unternehmen und das Manuskript von „Max und Moritz“ kurzerhand ablehnte.

Also bot Busch die Geschichte seinem alten Münchner Verleger Kaspar Braun an, mit dem er sich zwar zwischenzeitlich überworfen hatte, der aber schon einiges von ihm in seinen humoristischen „Fliegenden Blättern“ und in den ebenfalls von ihm herausgegebenen „Münchner Bilderbogen“ veröffentlicht hatte. „Mein lieber Herr Braun“, schrieb Busch, „ich schicke Ihnen hier nun die Geschichte von Max und Moritz ... mit der Bitte, das Ding doch recht freundlich in die Hand zu nehmen und hin und wieder ein wenig zu lächeln.“ Busch dachte nach seinem ersten Buchfehlschlag an eine Verwendung „für einige Nummern der Fliegenden Blätter“.

Doch Kaspar Braun erkannte das Potenzial der Lausbubengeschichte und machte gleich ein eigenes Buch daraus. Busch bekam für „alle Rechte“ ganze 1000 Gulden, was zwar nicht gerade wenig war, aber natürlich in gar keinen Verhältnis zu dem späteren Erfolg des Buches stand. Zu Buschs 70. Geburtstag überwies der Verlag noch einmal 20.000 Mark an den Autoren, der das Geld zwar dankend, aber nicht ohne Verbitterung, gleich wieder spendete.

Was viele nicht wissen: Für seine beiden Lausbuben hatte Wilhelm Busch zwei ganz reale Vorbilder – und zwar sich selbst und seinen besten Freund aus Kindertagen, den Müllerssohn Erich Bachman. Zwar schrieb Busch über sich, er sei als Kind „ängstlich“ und „empfindsam“ gewesen – was in krassem Widerspruch zu den beiden Antihelden in seinem Buch steht – aber ganz so schlimm kann es dann auch wieder nicht gewesen sein, denn es finden sich durchaus Passagen in seiner Biografie, die an die Lausbuben Max und Moritz erinnern.

Der Vater hatte den neunjährigen Wilhelm 1841 zur Erziehung seinem Onkel Georg Kleine übergeben, der Pastor im niedersächsischen Ebergötzen war, einem Dorf nahe Göttingen. Dort angekommen, schloss er nicht nur sofort mit dem Müllerssohn Erich Bachmann Freundschaft, sondern brach mit diesem auch ins Umland auf – und sicherlich nicht, um nur brav zu sein. So wälzte er sich beispielsweise gemeinsam mit Erich im Schlamm und ließ die Matschkruste anschließend in der Sonne trocknen. Wer denkt da nicht gleich an Max und Moritz im Kuchenteich („Ganz von Kuchenteich umhüllt, stehen sie da als Jammerbild“)?

Überhaupt erinnert die Mühle von Erichs Vater doch sehr an die Streiche von Max und Moritz. Auch die explodierende Pfeife Lehrer Lämpels ist von einem realen Vorfall inspiriert. Der kleine Wilhelm und sein Freund Erich stopften nämlich die Pfeife des Dorftrottels einst mit Kuhhaaren, was Wilhelm Prügel vom Pastorenonkel einbrachte – auch wenn diese längst nicht so drakonisch ausfielen wie im Buch.

Bis heute wurde „Max und Moritz“ in rund 300 Sprachen und Dialekte übertragen – manchmal sogar mehrfach in ein- und dieselbe Sprache, ganz einfach aus dem Grund, weil die Übersetzer die anderen Übertragungen nicht kannten. Schon 1866 erschien die dänische Übersetzung „Karl og Peter’s Spilopper“. Dabei wurde nicht immer wortwörtlich übersetzt, sondern vielmehr Texte und Namen dem jeweiligen Land angepasst. So heißen „Max und Moritz“ im Schottischen „Dod and Davie“, in der wallonischen Übersetzung von 1889 „Simon et Lina“, und in der portugiesischen von 1911 „Juca e Chico“. Schon 1887 wurde das Buch ins Japanische übersetzt, 1898 ins Hebräische und 1904 ins Lettische.

Dabei wurden auch die Inhalte den Gebräuchen des jeweiligen Landes angeglichen. Während Max und Moritz im Deutschen „Äpfel, Birnen und Zwetschgen“ stehlen, sind daraus auf Shetland „Kartoffeln, Rüben und Erbsen“ geworden und „Büchsenfleisch und Bananen“ auf Neuguinea. Nicht ganz einfach ist es, dabei den Wortwitz des Originals zu erhalten oder gar den Reim. Dennoch haben sich viele Übersetzer weltweit dieser Herausforderung bis heute mit großem Erfolg gestellt.

Der weltweite Erfolg des Kinderbuches rief bald unzählige Nachahmer auf den Plan, aber auch Künstler, die sich zu eigenen Zeichnungen, Texten, Filmen, Puppenspielen und Theaterstücken inspirieren ließen, wobei die Grenzen hier natürlich fließend sind.

Schon 1902 kam eine damals vielbeachtete Parodie von Ludwig Thoma und Thomas Theodor Heine mit dem Titel „Die bösen Buben“ heraus. 1910 erblickten die Schwestern von Max und Moritz, „Lies und Lehne“, das Licht der Welt. 1914 mussten die beiden Lausbuben gar mit „Max und Moritz im Felde“ in den Krieg ziehen. 1969 parodierten „Marx und Maoritz“ das Buch auf ihre Weise. 1987 wurden die Buben in „Mac und Mufti“ zu Punkern.

Mal spielten die beiden ihrer Umgebung noch heftigere Streiche, ein anderes Mal wiederum waren sie plötzlich brav. Aber auch die Werbeindustrie entdeckte sie als Werbeträger für Schokolade ebenso wie für Scheuerpulver.

Wilhelm Busch gilt heute als einer der „Großväter des Comics“. Wort-Bild-Verknüpfungen gab es zwar schon in der Antike, und auch der ebenfalls nicht zimperliche „Struwwelpeter“ des Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann war mit seinen Reimen und Bildern 1845 schon für Kinder gedacht. Der Comicstrip im heutigen Sinne des Wortes begann seine Geschichte aber einer Reihe von Fachleuten nach erst mit Rudolph Dirks „The Katzenjammer Kids“ von 1897. Dirks orientierte sich mit seinen Charakteren wiederum sehr stark an Buschs Vorbildern.

Auch die Lautmalereien, die mancher Pädagoge heute noch am Comic kritisiert, finden sich schon bei Busch. „Gewisse Dinge sieht man am deutlichsten mit den Ohren“, hatte er seinem Freund Franz von Lenbach einmal geschrieben.

Wilhelm Busch lebte in einer Zeit, die sich im Umbruch befand, die von Biedermeier (erste Hälfte 19. Jahrhunderts), Märzrevolution (1848) und Reichsgründung (1871) geprägt war. Kinder hatten damals vor allem wohlerzogen und gehorsam zu sein. In der Prügelpädagogik konnten viele Erzieher jener Tage keinen Widerspruch erkennen.

Max und Moritz revoltierten nun mit ihren anarchischen Streichen nicht etwa gegen diese Welt der Erwachsenen mit all ihren Vorschriften, Regeln, Werten und Normen, nein, viel schlimmer noch: Sie ignorierten sie einfach und taten schlicht das, was ihnen gefiel, ungeachtet der Konsequenzen, die das haben konnte. Logisch, dass nicht nur die damaligen Pädagogen nicht gerade erfreut waren über Buschs Werk.

Wilhelm Busch hielt seinen Zeitgenossen mit „Max und Moritz“ den Spiegel vor, doch kaum einer bemerkte das damals. Der Historiker Bernd Erhard Fischer bringt das sehr schön auf den Punkt: „Sie verstehen ihn alle nicht. Die Frauen halten ihn für einen Spaßmacher und guten Onkel, die Künstler wollen mit ihm saufen, und das Publikum will sich totlachen und merkt nicht, dass es vor einem Zerrspiegel lacht, der seine Gemeinheit, Dummheit und Lebensgier offenlegt.“

Wer mit Max und Moritz lachen möchte und sich vielleicht sogar auf die Spuren von Wilhelm Busch begeben will, der hat dazu auch nach 150 Jahren noch viele Möglichkeiten in Museen, Ausstellungen und Wallfahrtsorten. Geboren ist Wilhelm Busch am 15. April 1832 im niedersächsischen Wiedensahl im Schaumburger Land, wo auch heute noch sein Geburtshaus zu besichtigen ist, sowie das ehemalige Pfarrhaus, in dem er ein Zimmer hatte. In Ebergötzen bei Göttingen gibt es die Wilhelm-Busch-Mühle zu sehen, in der er zusammen mit seinem Freund, dem Müllerssohn Erich Bachmann, viel Zeit verbrachte. In Mechtshausen (Wilhelm-Busch-Haus) lebte Busch seine letzten Jahre bis zu seinem Tode am 9. Januar 1908 und liegt dort auch begraben. Nicht zu vergessen natürlich das bekannte Wilhelm-Busch-Museum in Hannover, in dem unter anderem das Original-Manuskript von „Max und Moritz“ beheimatet ist. An Wilhelm Busch wird aber auch in Hattorf am Harz erinnert, sowie in Lüthorst in Südniedersachsen und auch in Hameln findet sich ein Wilhelm-Busch-Haus.

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