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Erdogan-Schmähgedicht : Kommentar: Jan Böhmermann hat mal wieder Grenzen überschritten

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Das Schmähgedicht von Jan Böhmermann war eine Steilvorlage für Erdogan - und richtet Schaden an. Ein Kommentar von Martin Schulte.

Jetzt ist Schluss mit lustig: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Jan Böhmermann – weil er den türkischen Präsidenten beleidigt haben soll. Der ZDF-Moderator und Satiriker hatte Recep Tayyip Erdogan während eines Beitrags verunglimpft, ihm Pädophilie und andere Verbrechen angedichtet – und gleichzeitig darauf hingewiesen, dass diese Schmähungen und Unterstellungen nicht vom Begriff der Satire gedeckt seien. Böhmermann hat sich also bewusst strafbar gemacht, er hat mal wieder Grenzen überschritten, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das kann man lustig finden, sollte es aber eher unklug nennen – auch wenn die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft übertrieben wirken.

Nach Erdogans Kritik an einem Satire-Beitrag des Magazins Extra3 haben zahlreiche Experten und Politiker die die von der Meinungs- und Pressefreiheit geschützten Satire verteidigt. In seinem Gedicht wollte Böhmermann den Unterschied zwischen (erlaubter) Satire und (illegaler) Schmähkritik aufzeigen.

Böhmermann ist so etwas wie das hyperaktive Kind des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das ZDF braucht ihn und seine Sendung „Neo Magazin Royale“, um Quote beim jüngeren Publikum zu machen, schafft es aber nicht, eine angemessene Haltung zu Moderator und Format zu entwickeln. Auf Böhmermanns Erdogan-Beitrag jedenfalls folgte ein unsäglicher Eiertanz des Senders, der nicht nur den Beitrag aus der Mediathek entfernen ließ, sondern auch öffentlich über satirische Qualitätsansprüche fabulierte. Damit konnten die Mainzer – positiv interpretiert –  wohl nur die Kollegen des NDR-Formats „extra-3“ meinen, die mit ihrem Beitrag über Erdogan die ganze Debatte um Satire und Meinungsfreiheit in der Türkei in Gang gesetzt hatten.

Dann kam Böhmermann, wollte noch einen draufsetzen – und richtete vor allem Schaden an. Denn jetzt entfernt sich das Thema vom eigentlichen Anlass, statt um die Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei geht es um Böhmermanns Provokationen. Das mag gut für die Quote seines Magazins sein, das im späten ZDF-Programm immer noch ein Nischenformat ist. 

Vor allem aber hat er es Erdogan jetzt tatsächlich ermöglicht, auf die Berichterstattung über seine Person in deutschen Medien Einfluss zu nehmen. Das ist die Botschaft, die in der Türkei ankommen wird. Und die Ermittlungen gegen Böhmermann werden es dem türkischen Präsidenten auch leichter machen, in seinem Land gegen Satire und kritische Medien vorzugehen. Die Argumente dafür haben ihm Jan Böhmermann und das ZDF geliefert. Das klingt dann gar nicht mehr lustig.

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erstellt am 07.Apr.2016 | 08:35 Uhr

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