Piratenpartei : KOMMENTAR: Die neuen Grünen?

Nach dem Erfolg in Berlin muss sich die Piratenpartei erst beweisen - denn sie brauchen mehr als ein Thema, um zu überleben, sagt Berlin-Korrespondent Henning Baethge.

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20. September 2011, 08:22 Uhr

Klar, das gab es doch schon mal. Eine neue Partei mit einem einzigen Thema, vielen jungen Wählern und seltsam gekleideten Kandidaten. Heute sind die Grünen längst so etabliert, dass sogar Angela Merkels CDU mit ihnen koalieren kann.
Dafür macht die Kanzlerin sich jetzt wegen der Piraten Sorgen. Die gleichnamige Partei hat in Berlin neun Prozent der Stimmen erhalten; ihre Vertreter fallen durch witzige Plakate und Kapuzenpullis auf. Sie nehme das Ergebnis der Piraten "natürlich ernst", sagt Merkel - um es dann aber doch nur als Ausdruck "klassischen Protests" einzuordnen.
Sammelbecken für die Unzufriedenen?
Was stimmt denn nun? Sind die Piraten die neuen Grünen, die sich dauerhaft etablieren können und bald auch in den Kieler Landtag einziehen? Oder sind sie nur ein Sammelbecken für die Unzufriedenen, das rasch wieder verschwindet wie einst die Hamburger Stattpartei, die wenig Inhalt aber viel Protest bündelte?
Auf den ersten Blick spricht manches dafür, dass der Erfolg nachhaltig ist. Wie früher die Grünen scheinen die Piraten das Lebensgefühl einer jungen Generation verkörpern zu können - diesmal nicht mit dem Kampf für Umweltschutz und Atomausstieg, sondern für Internet-Freiheit und Transparenz. Allerdings darf man nicht verkennen, dass die Grünen von Anfang an auf einer breiteren Basis standen. Sie hatten ja doch mehr als ein Thema, weil sie auch Friedenspartei und Frauenpartei waren. Daher konnten sie früh Anhänger aus verschiedenen Milieus an sich binden.
Die Piraten müssen erst noch zeigen, dass sie andere Themen außer der Informationsfreiheit überzeugend vertreten können. Gelingt es ihnen, einen umfassenderen programmatischen Überbau zu entwickeln, dürften sie sich langfristig etablieren und sogar interessant für enttäuschte Bürgerrechtler aus der FDP werden. Gelingt es ihnen nicht, wird die Kanzlerin Recht bekommen - und die Piraten als weitere flüchtige Protestpartei in die deutsche Parteiengeschichte eingehen.

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