Robert Habeck als Spitzenkandidat : Kommentar: Das Gesicht der Grünen

Fraktionschef Robert Habeck soll Spitzenkandidat werden. Der Philosoph und Schriftsteller steht für einen erfrischend unaufgeregten Politikstil, meint sh:z-Politikkorrespondent Peter Höver.

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01. September 2011, 07:32 Uhr

Reden kann der Mann, doch die Redeschlacht, die Inszenierung des politischen Streits um des Streites willen ist Robert Habeck eher fremd. Langt der Literat und promovierte Philosoph im Landtag rhetorisch einmal etwas härter zu, dann kann es vorkommen, dass Habeck anschließend beim Attackierten Abbitte leistet. So einer soll nun die Grünen als Spitzen kandidat in die Landtagswahl führen, in eine Wahl, die die Rückkehr an die Regierung markieren soll?
Die Landtagsfraktion der Grünen hat erkennbar eine Reihe Talente zu bieten. Keiner jedoch hat der grünen Politik in den vergangenen sechs Jahren so dezidiert ein Gesicht gegeben wie Habeck. Der Mann steht für eine neue Generation Grüner, die unaufgeregt daher kommen und auf programmatische und inhaltliche Eigenständigkeit setzt. Rot-Grün ist für den 41-Jährigen längst kein Selbstgänger mehr. Schwarz-Grün ist machbar mit einem Pragmatiker wie Habeck. Der designierte Spitzenkandidat und andere Spitzengrüne wissen dabei eine Partei hinter sich, deren Spontis und Fundis längst in der Polit-Rente sitzen. Parteitage der Nord-Grünen sind heute Arbeitssitzungen. Chaos und Wolkenkuckucksheim waren gestern.
Das hat sich auch im Lande herumgesprochen. Grüne sind inzwischen längst gefragte Gesprächspartner bei Wirtschaftsverbänden wie bei Landfrauen oder Gewerkschaftssenioren. Vor ein paar Jahren noch wären grüne Spitzenleute zu Veranstaltungen solcher Gruppierungen nicht einmal eingeladen worden. Dass die Zeiten sich geändert haben, liegt auch daran, dass man den Grünen ihre Realpolitik inzwischen abnimmt. Ostseeautobahn A20 und Fehmarnbeltquerung? Natürlich sind die Grünen keine Fans solcher Projekte, doch Partei- und Fraktionsführung wissen nur zu gut, dass diese Vorhaben nicht mehr aufzuhalten sind. Man muss ja dennoch nicht gleich jedem Neubau einer Autobahn zustimmen. In der Finanzpolitik können sich die SPD und ihr Spitzenkandidat Torsten Albig längst drei Scheiben von den grünen Realos abschneiden. Nichts versprechen, was nicht auch bezahlbar und damit einlösbar wäre - so wollen die Grünen in den Wahlkampf ziehen. Zu lange ist das Wahlvolk in der Vergangenheit mit irrealen, weil unfinanzierbaren Luftblasen veralbert worden.
Das grüne Gesicht, das eine solche Politik herzeigen und vertreten wird, soll Habeck sein. Hinter Albig und dem designierten CDU-Spitzenmann, Wirtschaftsminister Jost de Jager, muss sich der gebürtige Lübecker nicht verstecken.

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