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Film : Zwischen Verrat und Loyalität: «Shadow Dancer»

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In «Shadow Dancer» erzählt James Marsh den IRA-Konflikt aus der Perspektive einer jungen Mutter und nordirischen Freiheitskämpferin, die zwischen die Fronten und damit in ein moralisches Dilemma gerät.

shz.de von
erstellt am 02.Sep.2013 | 11:57 Uhr

Er ist fragil, der Frieden in Nordirland, wie die blutigen Unruhen in Belfast unlängst wieder gezeigt haben. Und doch ist der Konflikt zwischen den pro-britischen Protestanten und den republikanischen Katholiken in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund gerückt. Umso erstaunlicher und vielleicht auch wichtiger, dass Filmemacher James Marsh nun mit «Shadow Dancer» ein weiteres Drama über den unerbittlichen Konflikt in die Kinos bringt. Zahlreiche Filme hat es zu dem Thema bereits gegeben und doch zeigt er in seinem herausragenden Drama eine weitere Facette.

Die Geschichte von Collette McVeigh (Andrea Riseborough) und ihrer Familie ist untrennbar mit der IRA verbunden. Anfang der 90er Jahre: Vor 20 Jahren, 1973, hat Collette ihren kleinen Bruder losgeschickt, um Süßigkeiten und Zigaretten für den Vater zu holen. Der Junge starb in einem Feuergefecht, wie eine Rückblende zeigt. Eine Schuld, die schwer auf Collette lastet. Nicht erst seitdem kämpft ihre Familie auf der Seite der katholischen Republikaner für ein von Großbritannien unabhängiges Nordirland.

Bei dem Versuch in der Londoner U-Bahn eine Bombe zu deponieren, wird Collette vom britischen Geheimdienst MI5 geschnappt. Der stellt sie vor die Wahl: Entweder sie geht für 25 Jahre in ein britisches Gefängnis oder sie wird zum britischen Spion. Aus Sorge um ihren Sohn willigt sie ein und gerät schon wenig später zwischen die Fronten. Das erste Treffen mit dem MI5-Offizier Mac (Clive Owen) verpasst sie. Ihre IRA-Kollegen, allen voran ihre beiden Brüder, verdächtigen sie schnell.

James Marsh, der 2008 für «Man on Wire» mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, setzt viel historisches Wissen um die Geschichte Nordirlands und die IRA voraus. Er wählt eine lange Zeitspanne zwischen 1973, ein Jahr nach dem verheerenden Blutsonntag, als Collettes Bruder stirbt, und 20 Jahre später als sie selbst zwischen die Fronten gerät. Fünf Jahre danach, 1998, unterzeichneten die beteiligten Parteien einen Friedensvertrag, der zu einer leichten Entspannung führte. Erst 2005 legte die IRA ihre Waffen offiziell nieder.

Marsh zeigt ein Nordirland der Tristesse, der Enge in den Hinterhöfen und kleinen Häusern. Nicht ein einziges Mal scheint sich in dem Film die Sonne zu zeigen. Nur die kühle Collette, die gelernt hat, keinerlei Gefühle zu zeigen, setzt mit ihrem knallroten Mantel einen visuellen Farbtupfer. Marsh zeigt auch, dass sich der Kampf längst verselbstständigt hat. Die Frage nach dem Warum und dem Wofür stellt sich kaum noch. Erst als Collette um ihren Sohn und ihre Zukunft bangen muss, kommt der Gewissenskonflikt. Er porträtiert eine Frau zwischen Loyalität und Verrat.

Selbst dem britischen Geheimdienst geht es gar nicht um den Kampf in Nordirland, sondern um interne Machtkämpfe. Und so gerät auch Mac zwischen alle Fronten und in ein moralisches Dilemma. Im Gegensatz zu Collette, die stets kühl und voller Traurigkeit agiert, versprüht Mac in diesem zurückhaltenden Film aufbrausende Emotionalität. Am Ende kommt es zu einem für den Film ungewöhnlich krachenden Showdown, der plötzlich die ganze Geschichte in ein neues Licht taucht und den Zuschauer ganz benommen zurücklässt.

Shadow Dancer

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