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Film : Sensibler Erstlingsfilm: Berlinale-Liebling «Silvi»

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Bei der Berlinale war «Silvi» ein Publikumsliebling. Regisseur Nico Sommer erzählt in der Tragikomödie mit seiner großartigen Hauptdarstellerin Lina Wendel von einer 47-jährigen Frau, die nach fast 30 Jahren Ehe von ihrem Mann verlassen wird.

shz.de von
erstellt am 30.Sep.2013 | 10:03 Uhr

Statt in Kummer zu versinken, macht Silvi sich mutig und neugierig auf die Suche nach neuem Glück - ein einfühlsames Spielfilmdebüt, in dem anrührende und skurrile Momente sich wunderbar die Waage halten.

«Frau, 47, schlank, sucht nach großer Enttäuschung einen tollen Mann», schreibt Silvi in ihrer Kontaktanzeige, nachdem ihr Mann Hals über Kopf wegen einer Jüngeren ausgezogen ist. Was sie sich wünscht? «Kribbeln. Dass ich mich selbst wieder spüre», sagt sie. Doch was Silvi begegnet, ist alles andere als eine neue Liebe. Der Busfahrer Uwe («Ein guter Ficker wird selten dicker») findet sie schnell schlimmer als seine eigene «Alte». Und zwei andere Liebhaber benutzen sie nur, um ihre höchst unterschiedlichen perversen Fantasien auszuleben.

Dass der Film trotzdem nie in Voyeurismus und Porno abgleitet, ist Sommers ungewöhnlichem Erzählstil zu verdanken. Er hatte zwar, angelehnt an eine echte Geschichte, ein knappes Drehbuch von Julia Stiebe, doch die meisten Szenen wurden im Team entwickelt. «Authentizität und Skurrilität sollten auf der Leinwand miteinander tanzen. Dazu war die Improvisation am Set ein ausschlaggebendes Mittel», sagt der Regisseur, der sich 2003 mit der Produktionsfirma süsssauerfilm in Berlin selbstständig gemacht hat.

Die Kamera von Alexander du Prel beobachtet die Protagonisten aus unaufdringlicher Entfernung, oft auch von hinten oder der Seite. Dazwischen gibt es ironisch passende Gitte-Schlager wie «So schön kann doch kein Mann sein, dass ich ihm lange nachwein'». Und in die Spielszenen eingeschoben sind immer wieder Interviewpassagen, die dem Film fast einen dokumentarischen Charakter verleihen. Dann sitzt Lina Wendel alias Silvi auf einem weißen Sofa und gibt mit solch entwaffnender Naivität über ihr Seelenleben Auskunft, dass einem fast die Tränen kommen. «Wenn dich niemand umarmt, wirst du eben zum Einzelkämpfer», sagt sie einmal.

Schon vor dem Start ist der Film mehrfach ausgezeichnet worden, Wendel erhielt beim Filmfest Schwerin den Preis als beste Darstellerin. Die gebürtige Ost-Berlinerin, Jahrgang 1965 und bisher noch nicht durch große Rollen bekannt, hat sich nach eigenem Bekunden ohne langes Nachdenken auf die Herausforderung ihrer Figur eingelassen. «Ich habe mich gefreut, dass so ein junger Kerl Lust hat, mit mir zu drehen, was ja nicht nur für mich, sondern auch für ihn ein Wagnis war.»

Das Risiko hat sich gelohnt. Nico Sommer, Jahrgang 1983, der schon mit seinen Kurzfilmen «Vaterlandsliebe» und «Stiller Frühling» aufgefallen war, gibt seinen Figuren viel Freiheit. Ohne Fördergelder mit knappen Mitteln produziert, erzählt sein Film mit erstaunlichem Einfühlvermögen von einer Frau, die seine Mutter sein könnte. Es gehe nicht um das Alter, sondern um ein universelles Thema der heutigen Zeit, sagt Sommer - «dieses urmenschliche Bedürfnis nach Anerkennung, Liebe, Zuneigung, Geborgenheit». Es passt zum Film, dass er sich ein Happy End versagt.

Silvi

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