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Film : Nordische Filmtage als Forum für Beschwerdechor

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Miserable Straßen oder unfreundliche Nachbarn: Es gibt immer irgendwas, worüber man sich beschweren möchte. Rund 40 Lübecker gehen jetzt in die Offensive. Statt heimlich zu meckern oder böse Briefe an Behörden zu schreiben, singen sie ihren Ärger laut heraus.

shz.de von
erstellt am 28.Okt.2013 | 12:43 Uhr

Im ersten Lübecker Beschwerdechor machen sie mit Hilfe von Studierenden der Musikhochschule Lübeck aus Ärgernissen wohltönende Musik. Mit einem abendfüllenden Programm wird der Chor im Rahmen der 55. Nordischen Filmtage erstmals an die Öffentlichkeit gehen.

Rund 250 Beschwerde-Vorschläge sind innerhalb weniger Wochen im Büro der Filmtage eingegangen. Kirchenmusikstudenten der Musikhochschule und ihr Lehrer Franz Danksagmüller haben sie gesichtet, in eine singbare Textform gebracht und vertont. «Herausgekommen sind fünf musikalisch ganz unterschiedliche Stücke, die Musik reicht von populär bis avantgardistisch», sagt der Professor. Angst vor schrillen Klängen brauche niemand zu haben, beruhigt er. «Vertonte Beschwerden müssen nicht zwangsläufig dissonant klingen», sagt er. Wie zum Beweis singt der Chor in schwingendem Rhythmus: «Sieben schlechte Straßen musst du fahr'n, denn diese Stadt ist nicht aus Marzipan.»

Die Filmtage gelten als bedeutendste Werkschau für neue Filme aus Skandinavien und dem Baltikum. Bis zum 3. November sind in Lübeck 160 Filme der unterschiedlichsten Genres zu sehen. In vielen werde in diesem Jahr die Musik eine besondere Rolle spielen, sagt die Künstlerische Leiterin der Filmtage, Linde Fröhlich. Eröffnet wird das Festival am Mittwoch (30. Oktober) mit dem isländischen Film «Von Pferden und Menschen» («Of Horses and Men»), dem Spielfilmdebüt des Schauspielers und Bühnenautors Benedikt Erlingsson. Auch ein Dokumentarfilm mit dem Titel «Complaints Choir» über Beschwerdechöre in Chicago und Singapur steht auf dem Programm.

Die Idee zum Meckern nach Noten stammt aus Finnland. «Dort gibt es den Begriff Valituskuoro. Er beschreibt Menschen, die sich zur gleichen Zeit über die gleiche Sache beschweren», sagt die Pressesprecherin der Nordischen Filmtage, Silke Lehmann. «Diesen Begriff haben die Künstler Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen wörtlich genommen und die Idee vom Beschwerdechor entwickelt. Den ersten gab es 2005 in Birmingham», sagt Lehmann. Da Musik in diesem Jahr ein Schwerpunktthema der Nordischen Filmtage sei, habe man die Idee aufgegriffen, sagt sie.

Beschwerdechöre gibt es mittlerweile in vielen Städten. Bei den Lübeckern stieß die Idee auf Begeisterung. «Mir sind auf Anhieb viele Dinge eingefallen, die mich stören», sagt Marianne Cruse, eine der Mitwirkenden. Die fehlende Klimaanlage in ihrem Lieblingskino oder die schlechten Radwege in Lübeck seien nur einige der Dinge, die ihr auf der Seele lägen. «Obwohl ich seit vielen Jahren nicht mehr in einem Chor gesungen habe, bringt mir dieses Projekt einen Riesenspaß», sagt die 63-Jährige. Seinen ersten großen Auftritt hat der Lübecker Beschwerdechor am 31. Oktober.

Nordische Filmtage Lübeck

Beschwerdechor

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