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Film : Frauen, «Feuchtgebiete» und der Feminismus

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Eine sehr junge, sehr schöne Frau räkelt sich nackt in der Badewanne. Soweit, so unspektakulär. Doch dann nimmt sie diverses Gemüse zur Hand - eine Gurke, eine Möhre - und testet die Lebensmittel auf ihre Masturbationsfreundlichkeit.

Es sind Szenen wie diese, die aus «Feuchtgebiete» einen Film machen, über den man spricht - am Startwochenende kam die Verfilmung des Buchs von Charlotte Roche laut Media Control GfK in Deutschland auf knapp 200 000 Kinobesucher(innen) und Platz drei der Charts. Sex auf der Leinwand lockt niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, diese Szenen aber sind zumindest ungewöhnlich. Und das hat aus Sicht von Feministinnen einen Grund.

«Die explizite Darstellung weiblicher, nackter Körper ist heutzutage kein Tabu mehr. Das fängt bei der Werbung an und hört beim Porno auf», sagt Fabienne Imlinger von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. «Aber es handelt sich um eine männliche, heterosexuelle Sicht auf Frauen und Frauenkörper, die damit zu Objekten und handhabbar werden. Sobald Frauen selbst als Subjekte ihrer Sexualität auftreten, wird das zum Problem.»

Und so gab es in der Vergangenheit in schöner Regelmäßigkeit Skandale und Skandälchen, als Sharon Stone in «Basic Instinct» im Polizeiverhör ganz von sich aus provokant die Beine spreizte oder mit dem französischen Film «Baise-moi» (2000, «Fick mich») über eine Prostituierte und eine Pornodarstellerin eine Mischung aus «Thelma und Louise» und den «Natural Born Killers» auf die Leinwand kam.

Auch in der Literatur wird explizit weibliche Sexualität nicht unbedingt als selbstverständlich hingenommen, sagen Feministinnen. Catherine Millets «Das sexuelle Leben der Catherine M.» oder Elfriede Jelineks «Lust» nennt Imlinger als Beispiel. Die Kommunikationswissenschaftlerin Joan Bleicher von der Uni Hamburg nennt Doris Lessings «The Golden Notebook» über die sexuelle Befreiung einer Frau - auch wenn dessen Veröffentlichung schon einige Jahrzehnte zurückliegt. Diese Werke lösten große gesellschaftliche Debatten aus. «Man kann damit immer noch eine Debatte entfachen, und das zeigt mir, dass es immer noch ein Thema ist», sagt Imlinger.

Die Sozialisation sei schuld, «bürgerliche, Körper- und Moralvorstellungen». Und diese würden gekränkt, wenn eine Frau - wie eben in den «Feuchtgebieten» - plötzlich über ihre Körperflüssigkeiten spricht, gerne mit Sperma spielt und ihren Tampon mit ihrer besten Freundin, der «Blutsschwester», tauscht. «Es geht hier um Körperflüssigkeiten, die ganz dezidiert als exkremental beschrieben werden.» Ein Gegenentwurf zur Hochglanzversion von Weiblichkeit.

«Man fühlt sich in seinem unzulänglichen Körper auf einmal viel besser», sagte Autorin Charlotte Roche im dpa-Interview über den Film. «Es gibt Pickel am Körper und blaue Flecken. Natürliche Körper sieht man leider viel zu selten, und dann wird man immer verkrampfter und kriegt Komplexe, wenn man immer nur bearbeitete Körper sieht.»

Und auch «Feuchtgebiete»-Regisseur David Wnendt will keine Hochglanz-Frau als Hauptdarstellerin. «Wenn in einem Film ein Mann seine Sexualität frei und offen auslebt, hätte kein Hahn danach gekräht. Wenn in einem Film mit männlichem Hauptdarsteller Fäkalwitze vorkommen, hätte sich niemand aufgeregt», schrieb er kurz vor dem Kinostart in einem offenen Brief. «Offensichtlich darf ein Mann im Film pupsen und seine Sexualität ausleben, wenn eine Frau das tut, ist für viele Schluss mit lustig.»

Filmseite «Feuchtgebiete

Filmtrailer «Feuchtgebiete»

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erstellt am 26.Aug.2013 | 14:17 Uhr

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