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Film : Fordert den Zuschauer: «Inside Wikileaks»

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Es ist ein starker Herbst für Daniel Brühl. Vor wenigen Wochen erst ging er als Niki Lauda in Ron Howards Kinofilm «Rush» an den Start. Nun darf Brühl in einer weiteren internationalen Produktion agieren, diesmal unter der Regie von Bill Condon.

shz.de von
erstellt am 28.Okt.2013 | 10:33 Uhr

Daniel Brühl («Good Bye, Lenin!») gibt den Hacker Daniel Domscheit-Berg, auf dessen Buch «Inside Wikileaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt» ein Gutteil des Drehbuchs basiert.

Regisseur Condon erzählt die Geschichte um die so berühmte wie umstrittene Enthüllungsplattform und dessen charismatischen Kopf Julian Assange. Dieser wird gespielt vom Briten Benedict Cumberbatch («Sherlock»). In weiteren Rollen zu sehen sind etwa Laura Linney, Anthony Mackie und deutsche Darsteller wie Moritz Bleibtreu.

Bei einem Hacker-Kongress treffen die beiden Protagonisten im Film erstmals aufeinander: Julian Assange, aus Australien stammender Journalist und Ex-Hacker, und Daniel Domscheit-Berg, ein deutscher Informatiker. Zwei Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber ein gemeinsames Ziel antreibt: über eine Plattform im Netz Geheimdokumente öffentlich zu machen, um damit sogenannte Whistleblower zu unterstützen, die moralisch zweifelhaftes Verhalten in der eigenen Firma oder eigenen Regierung anonym anprangern wollen.

Schnell macht Wikileaks mit Enthüllungen auf sich aufmerksam: über eine Schweizer Bank oder Regierungskorruption in Kenia. Immer mehr aber entzweien sich Assange und Domscheit-Berg, als dieser erkennt, zu welch radikalen Schritten der weißhaarige Wikileaks-Vordenker im Namen der Wahrheit bereit ist.

Bei Wikileaks traf diese filmische Darstellung auf heftigen Widerspruch. Der echte Julian Assange prangerte wiederholt an, er werde mit dem Film zum Bösewicht gemacht. Hinzu kommt, dass Assange sich mittlerweile mit eben jenen Menschen überworfen hat, deren Bücher die Grundlage für das Drehbuch bildeten. «Der Film wird die wahre Version der Ereignisse ersticken», gab sich Assange überzeugt. Er weigerte sich, Hauptdarsteller Cumberbatch zu dessen Vorbereitung zu treffen.

Benedict Cumberbatch ist dennoch faszinierend in der Rolle des Julian Assange. Der Brite, der 2013 schon in «Star Trek Into Darkness» zeigen konnte, dass er sich auf schillernde Figuren versteht, vermag in «Inside Wikileaks - Die Fünfte Gewalt» die vielen Facetten von Assanges Persönlichkeit auf die Leinwand bringen: Das sensible, hochintelligente, aufgrund einer schwierigen Kindheit jedoch traumatisierte Computergenie; den charmanten Womanizer; den manischen, für die Ungerechtigkeiten der Welt empfindsamen Netzaktivisten; aber eben auch den unterkühlte, kalt kalkulierenden Fiesling. Inwieweit das dem echten Assange, der seit über einem Jahr in der ecuadorianischen Botschaft Londons festsitzt, auch nur ansatzweise gerecht wird, ist fraglich. Cumberbatchs Spiel aber ist beeindruckend.

Daniel Brühl gibt souverän den nüchtern-bodenständigen Gegenpart. Und in gewisser Weise auch das moralische Gewissen des Politthrillers. Sein Daniel Domscheit-Berg - Brühl traf den Informatiker anlässlich der Dreharbeiten - ist sympathischer angelegt als Cumberbatchs Assange. Dafür vermag Brühls Figur weniger zu fesseln als Assanges enigmatisches Wesen.

In jedem Fall aber empfiehlt sich Brühl nach seinem Auftritt in «Rush» auch mit dieser Rolle für weitere internationale Produktionen. Für Anfang 2014 ist der Kinostart angekündigt von «A Most Wanted Man», Regie Anton Corbijn («Control»). Brühl darf hier an der Seite von Größen wie Philip Seymour Hoffman agieren, und muss sich wohl um sein Vorankommen auf internationalem Parkett nicht sorgen.

Bill Condon, der auch für Filme wie «Breaking Dawn - Bis(s) zum Ende der Nacht» verantwortlich zeichnet, legt mit «Inside Wikileaks» eine dynamische, von schnellen Schnitten und vielen Ortswechseln dominierte, teils etwas hektische Inszenierung vor. Von Berlin über Belgien und Island bis nach Kenia reichen die Drehorte; es dauert etwas, bis der Film seinen Rhythmus findet und ein wenig zur Ruhe kommt.

In seiner Rastlosigkeit erinnert das Werk an Facebook-Drama «The Social Network» von David Fincher. Deutlich aber sind auch die Anleihen, die Condon bei einem der Politklassiker schlechthin nimmt: «Die Unbestechlichen» von 1976.

Sowohl das Skript, als auch Condons Regie sind klug genug, sich eines klaren, allzu einfachen Urteils über Wikileaks und auch über Assange zu enthalten. Stattdessen wirft der Film Fragen auf, die unseren Umgang mit Freiheit und Transparenz, unser Verständnis von Gerechtigkeit und Demokratie im digitalen Zeitalter betreffen. Antworten muss der Kinobesucher selbst finden.

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