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Film : «Exit Marrakech»: Roadmovie über brodelnde Gefühle

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Wieder einmal Afrika: Zehn Jahre nach dem Oscar für ihre Romanverfilmung von Stefanie Zweig kehrt die Regisseurin Caroline Link mit einem Film auf den Kontinent zurück.

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2013 | 10:07 Uhr

Anders als «Nirgendwo in Afrika» über eine jüdische Immigrantenfamilie spielt ihr neues Werk jedoch nicht in Kenia, sondern in Marokko.

Vor der atemberaubenden Kulisse des nordafrikanischen Landes hat die Filmemacherin die faszinierende und bewegende Vater-Sohn-Geschichte «Exit Marrakech» angesiedelt. Nach und nach entwickelt sich das wunderschön gefilmte Roadmovie zu einem subtilen und vielschichtigen Drama der großen Gefühle, hervorragend gespielt von Ulrich Tukur als Vater und Samuel Schneider als 17-jährigem Sohn.

Jahrelang hatte der Theaterregisseur Heinrich keine Zeit für seinen Sohn und überließ die Erziehung weitgehend seiner Ex-Frau (Marie-Lou Sellem). Doch in diesen Ferien hat er Ben nach Marokko eingeladen, wo er gerade an einem Theaterprojekt arbeitet. Nach langer Zeit will er endlich eine Beziehung zu ihm aufbauen. Doch die Rechnung geht nicht auf. Ben ist voll Trotz und Widerwillen.

Während der Vater das Hotelleben genießen will, brennt der Sohn darauf, das geheimnisvolle Marrakesch zu erforschen. Eines Tages haut er aus dem Hotel ab und folgt der hübschen Karima (Hafsia Herzi) in ihr sittenstrenges Heimatdorf im Atlasgebirge. Dort löst er mit seiner Ankunft einen Skandal aus. Ben sucht das Weite und ist in Marokko plötzlich völlig auf sich gestellt. Fasziniert will er das Land auf eigene Faust erkunden. Heinrich bekommt unterdessen Angst um seinen spurlos verschwundenen Sohn und zieht los, um ihn zu suchen. So beginnt eine abenteuerliche Reise, die vieles verändert.

Link erzählt die Geschichte sehr sparsam. Emotionen treten nur subtil zutage. Doch gerade darum geht es: Alle sind sehr beherrscht, funktionieren und erwarten von sich immer nur das Beste. Da bleibt wenig Raum für Herzlichkeiten, aber umso mehr für Enttäuschungen. Etwa als Ben dem Vater seine selbst verfassten Kurzgeschichten zum Lesen gibt. Als Heinrich sie nach langem Bitten endlich liest, reagiert er wenig feinfühlig: «Ich find's ein bisschen sentimental.»

Ben ist wieder mal enttäuscht und will die glatte Oberfläche endlich aufbrechen. Mit beharrlichem Trotz und offener Ablehnung will er seinen Vater dazu zwingen, ehrlich zu reagieren und Gefühle zu zeigen. Er will einen liebevollen, interessierten Vater, und kein perfektes Vorbild. «Du warst mit 17 halt schon der Oberchecker», wirft er ihm wütend vor. Allmählich dringt diese Wut auch zu Heinrich durch, der sich irgendwann nicht mehr hinter seinen wichtigen Terminen verschanzen kann. «Eigentlich habe ich dich komplett verpasst», stellt er im Laufe des Films erschüttert fest.

Die wunderschön gefilmten Bilder von Kamerafrau Bella Halben lassen einen tief eintauchen in die Geräusche, Farben und Gerüche des Landes. Ein erschreckender Gegensatz zur Kälte und Gefühlsarmut, die zwischen Ben und Heinrich herrscht. Marokko dagegen ist ein Fest der Sinne, aber jenseits üblicher Touristenpfade mit schwankenden Kamelen und pittoresken Altstadtgassen. Immer wieder gibt es auch überraschende Ansichten, etwa ein Hotel mitten in der Wüste, ein fast schon surrealistisch anmutender simpler 1970er Jahre-Bau im Stil einer Kongresshalle, wo Heinrich und Ben eine Nacht lang absteigen.

In der wunderschönen Landschaft Marokkos sind Vater und Sohn am Ende auf sich selbst zurückgeworfen. In den Weiten des Landes finden sie endlich den Raum, sich mit ihren jahrelang aufgestauten Gefühlen auseinanderzusetzen und diesen freien Lauf zu lassen. Ein notwendiger, aber auch sehr schmerzhafter Prozess mit ungewissem Ende beginnt.

Exit Marrakech

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