zur Navigation springen

Film : Eiseskälte und schöner Schein: Drama «Finsterworld»

vom

Verschiedene Menschen, die alle mit ihrem Leben hadern und sich nach Nähe sehnen: «Finsterworld» ist ein starkes Debüt aus Deutschland, bezaubernd und verstörend zugleich.

Schonungslos lotet die deutsche Regisseurin Frauke Finsterwalder in ihrem ersten Kinofilm die menschlichen Beziehungen aus in einer Welt, die schön, aber gleichzeitig unwirtlich und kalt ist. In der alle um Liebe und Anerkennung kämpfen, in der Beziehungen zerbrechen an der Unfähigkeit, einander wirklich nahe zu sein. Verschiedene Episoden fügen sich zu einem Film mit prägnanten, wunderschönen Dialogen und hervorragenden Schauspielern, allen voran der Berliner Schauspielschüler Leonard Scheicher als wohlstandsverwahrloster, verunsicherter Privatschüler Dominik.

Finsterwalders Beobachtungen sind mal erschreckend, unerträglich, mal komisch und anrührend. Die Regisseurin seziert die Befindlichkeiten der Charaktere mit dem Blick der Dokumentarfilmerin, was ihre Geschichte glaubwürdig und authentisch wirken lässt. Das Drama ist wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle - er bezaubert und verstört gleichermaßen. Subtil entfaltet sich bei jeder der Figuren ihr eigenes, persönliches Drama.

Da ist etwa der Fußpfleger, dessen Besuch für seine betagten Kundinnen ein wichtiger Termin im einsamen Alltag ist. Liebevoll versorgt er sie mit selbstgebackenen Keksen. Eine rührende Geste, doch hinter dem ewigen Lächeln des Podologen (Michael Maertens) verbirgt sich ein abstoßendes Geheimnis. Auch der Privatschüler Dominik leidet. Er kann sich fast alles kaufen - die Liebe und Wärme seiner Eltern dagegen ist für ihn unerschwinglich. Als auch noch seine Freundin einen anderen küsst, haut er auf einer Klassenfahrt einfach ab. Verzweifelt schlägt er sich zu Fuß durch die Pampa, auf dem Weg ins Nirgendwo. Und beschwört damit eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes herauf, in die auch seine Eltern verwickelt sind, ein zerstrittenes Ehepaar, hervorragend gespielt von Corinna Harfouch und Bernhard Schütz.

Geradlinig und präzise zeichnen Finsterwalder und ihr Ehemann, der Schriftsteller Christian Kracht, in ihrem Drehbuch eine Welt des schönen Scheins, in der es aber keine Geborgenheit gibt. Seelenlose Beziehungen etwa zwischen Dominiks Eltern kontrastieren sie mit kleinen, poetischen Momenten. Wie zufällig entstehen beglückende Begegnungen, etwa wenn die eingespielten Berührungen des Fußpflegers ein Lächeln ins Gesicht seiner alten Patientin zaubert. Ein Ersatz für die Dame, die sich in Wirklichkeit nach der Liebe und Wärme ihrer Familie sehnt. Ähnlich ergeht es dem Polizisten Tom (Ronald Zehrfeld), der sich heimlich als Kuscheltier verkleidet, um mit gleichgesinnten Furrys harmlos zu kuscheln. Er traut sich nicht, dieselbe Nähe von seiner Freundin (Sandra Hüller) einzufordern.

Bisweilen ist der Film auch schockierend. Etwa, wenn die Schüler den Besuch in einem Konzentrationslager völlig gleichgültig über sich ergehen lassen. Und schlimmer noch, eine Klassenkameradin in einen leeren Verbrennungsofen stoßen und dort einsperren. Hier offenbaren sich eisige Gefühlskälte und überhebliches Desinteresse. Ein Schock auch für den Lehrer (Christoph Bach), dem der Ausflug sehr am Herzen liegt und der feststellen muss, dass seine Schüler so übersättigt sind, dass selbst die Nazi-Gräuel sie scheinbar gleichgültig lassen.

Finsterworld

zur Startseite

von
erstellt am 14.Okt.2013 | 10:31 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen