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Film : Ein richtig mieser Bulle: «Drecksau» nach Irvine-Welsh-Vorlage

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Er quält Kollegen, missbraucht Frauen und giert nach Macht: In der Verfilmung des Romans «Drecksau» aus der Feder des «Trainspotting»-Autors Irvine Welsh spinnt der Edinburgher Cop Bruce Robertson seine Intrigen in einem Sumpf aus Drogen und Korruption.

shz.de von
erstellt am 14.Okt.2013 | 10:31 Uhr

Detective Bruce Robertson ist kokssüchtig und cholerisch. Er spinnt Intrigen und demütigt seine Mitmenschen wegen ihrer vermeintlichen Schwächen, wo er kann: Den unerfahrenen, aber aufstrebenden Anfänger stellt Robertson bloß. Die Frauen im Kommissariat diskriminiert er. Den schwulen Kollegen verunglimpft er vor dem offen homophoben Chef.

Schließlich hat der Edinburgher Polizist nur ein Ziel vor Augen. Er will so bald wie möglich die Karriereleiter hochklettern und befördert werden. Durch seinen Machtinstinkt werden in seinen Augen alle Kollegen zu potenziellen Feinden. Doch eigentlich hat nur Bruce selbst ein großes Problem: seine verzerrte Selbstwahrnehmung. Sie ist Teil einer bipolaren Erkrankung. Bruce leidet unter einem Kindheitstrauma, oft quälen ihn Halluzinationen. Diese werden durch seine Abhängigkeit von Drogen, Alkohol und Medikamenten verstärkt.

Während sich Bruce, der selbsternannte «stallion» («Hengst»), für einen Sieger hält, beruflich wie sexuell, rutscht er immer tiefer in seine Sucht und merkt zunächst nicht, dass er selbst sein größter Gegner ist. Bis ihn schließlich ein lange gehütetes Geheimnis einholt und sich der Fall, an dem er arbeitet, gegen ihn selbst richtet.

«Drecksau» spielt von Beginn an mit verschiedenen Ebenen der Realität. Schottland sei ein großartiges Land mit wundervollen Menschen, heißt es zum Beispiel, während Filmbilder gleichzeitig Obdachlose zeigen. Die Anspielungen verdeutlichen, dass dieses Drama auch ein Zerrbild der schottischen Gesellschaft ist, allerdings der im Jahr 1998, als Welshs Roman erschien. Das könnte den leicht veralteten Beigeschmack der Sozialkritik in dem Film erklären.

Filme, in denen der absichtlich widerwärtige Antiheld nicht ein Fünkchen Sympathie erweckt, funktionieren selten richtig gut. «Drecksau» wird wohl nur Zuschauern gefallen, die Spaß daran haben, mit den Augen eines korrupten Soziopathen auf die Welt zu blicken - und selbst dann nur bedingt. Denn dem Darsteller James McAvoy («Abbitte», «Wanted») gelingt es zwar recht überzeugend, in der Rolle des Detective mit jeder Menge destruktiver Energie zwischen Schizophrenie und Realität zu wüten. Doch das Verwirrspiel der Wahrnehmungen verliert zunehmend an Spannung. Wichtig für die Atmosphäre des Films ist auf jeden Fall der schottische Slang. Wenn man «Drecksau» schaut, dann also am besten in der Originalversion.

Die Milieugeschichte ist prallvoll mit Gewalt und gehört klar ins Genre der «pulp fiction», der «dreckigen Fiktion». Zudem scheut sich Regisseur Jon S. Baird nicht, die Charaktere des Films zu Karikaturen zu verzerren und nach Kräften auf Klischees herumzureiten: von wirren Drogenexzessen auf dem Hamburger Kiez bis zu halluzinatorischen Horrorfantasien, in denen Bruce die Gesichter der Menschen als hässliche Tierfratzen wahrnimmt. Wer so viel Lust an der grotesken Übertreibung nicht mag, wird an diesem Kinoabend vermutlich wenig Gefallen finden.

Drecksau

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