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Film : Dokumentarfilme - Helden, Freaks und Bildungsforscher

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Der erste Eindruck zählt, heißt es. Aber nicht für Dokumentarfilmemacher. Sie sind Alltagsforscher. Sie schauen so lange und so genau hin, bis sie im Gewöhnlichen das Ungewöhnliche entdecken. Bis sie erkennen, wo die Fassade bröckelt.

Die Regisseure des Realen wissen, dass konventionelle Weisheiten zu kurz greifen. Wofür aber lohnt es sich, Klischees aufzubrechen? Dieser Frage widmen sich in diesem Herbst gleich mehrere Dokus - zu ganz unterschiedlichen Themen: Bildung, jüdisches Kulturerbe, Ökonomie und Gesellschaft. Besonders sehenswert ist die Dokumentation «ALPHABET» (Kinostart 31.10.).

Der Film stellt aktuelle Erziehungskonzepte in Frage. Dabei geht es dem Regisseur Erwin Wagenhofer («Let's Make Money») nicht darum, «Bildungssysteme miteinander zu vergleichen oder gar zu bewerten». Stattdessen sucht er weltweit nach Ursachen für Probleme in der gegenwärtigen Pädagogik - und nach möglichen Lösungen. Wagenhofer befragt eine Vielzahl von Protagonisten in Asien, Europa und den USA, darunter Bildungsexperten, Schüler, Studenten, Unternehmer und Neurologen.

Die Kritik der Interviewten ist so vielfältig wie ihre Bildungsgeschichten. Doch der Chor ihrer Stimmen zeigt auch große Linien auf. Viele von ihnen wollen nicht länger hinnehmen, dass sich Bildung mehr und mehr zum Wirtschaftsfaktor entwickelt. Dass eine von ökonomischen Interessen korrumpierte Erziehung «Menschen wie Maschinen» hervorbringt. Und dass Leistungsdruck keinen Raum mehr für Kreativität lässt. Demgegenüber steht vielfach ein bahnbrechender Enthusiasmus: für eine spielerische, kind- und menschengerechte Bildung sowie für unangepasste Denkweisen. Denn man müsse Dinge hinterfragen können, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Genau dazu regt auch diese Doku an.

Eine unkonventionelle Heldengeschichte erzählt der Film «ORCHESTER IM EXIL» (Kinostart 31.10.). Er rekonstruiert die fesselnde Biografie des polnischen Violinisten Bronislaw Huberman (1882-1947). Der jüdische Ausnahmemusiker, der schon mit zwölf Jahren auf den großen Bühnen Europas gastiert, nutzt seinen Ruhm für eine besondere Mission. Um jüdische Musikerkollegen vor dem Nazi-Regime zu retten, gründet er 1935 das Palestine Orchestra, aus dem 1948 das Israel Philharmonic Orchestra hervorgeht. Die Doku vergegenwärtigt die vielen Hürden, die Huberman überwinden muss und lässt auch kritische Fragen nicht außer Acht.

Vielen Menschen rettet Huberman das Leben: nach Angaben des Films fast 1000 Juden. Regisseur Josh Aronson setzt zum Glück nur in wenigen Momenten auf Pathos. Stattdessen lassen Zeitzeugen, Nachkommen früher Orchestermitglieder und Stars wie Joshua Bell oder Itzhak Perlman in Interviews das Erbe Hubermans aufleben. Auch szenische Nachstellungen illustrieren sein Leben; in Sepiatönen oder Schwarz-Weiß fügen sie sich recht gut in die Bildgestaltung ein und dürften selbst Kritiker dieser Technik vergleichsweise wenig stören.

Den skurrilsten Versuch, aus dem Zweifel eine Tugend zu machen, zeigt die Doku «FREAKONOMICS» (Kinostart 24.10.). Der Film beruht auf dem gleichnamigen Bestseller von Steven Levitt und Stephen Dubner. Die beiden amerikanischen Ökonomen stellen eine Reihe angeblich altbekannter Erkenntnisse mittels wirtschaftlicher oder numerischer Prinzipien in Frage: Kann man von den unterschiedlichen Namen farbiger und weißer Kinder in den USA auf deren künftige Erfolgschancen in der Gesellschaft schließen? Kann man Neuntklässler bestechen, damit sie bessere Leistungen in der Schule bringen?

Das komplexe soziokulturelle Themenspektrum, das sechs Regisseure in aufeinanderfolgenden Features abarbeiten, kommt in einer recht unterhaltsamen Packung daher. Doch der schwierige Spagat misslingt. Denn den spektakulären Erkenntnisgewinn, den der Film so effektheischend verspricht, liefert er keineswegs. Zudem geben sich die beiden Autoren vor der Kamera arg selbstgefällig. Auch die «Beweise», mit denen sie ihre Hypothesen zu belegen versuchen, wirken bruchstückhaft und oft nicht überzeugend.

Einen deutschen Mikrokosmos hinterfragt die Doku «AM ENDE DER MILCHSTRASSE» (Kinostart 24.10.). Der Film legt eine Lupe auf ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Viele Menschen dort leben seit Jahren am Rande des Existenzminimums. Einige von ihnen betrachten die Wende daher mit Skepsis, gern denken sie an die guten Seiten der DDR zurück. Unterkriegen lassen wollen sie sich aber nicht - und halten zusammen, wo es nur geht: Der zugezogene Elektriker repariert die Geräte der Nachbarn, der Bauer füttert im Gegenzug ein Schwein für ihn.

Die Szenen, in denen die Regisseure Leopold Grün und Dirk Uhlig diesen hoffnungsfrohen Gemeinschaftssinn herausarbeiten, sind die wenigen starken Momente des Films. Die Bilder der Doku ziehen allerdings genau so langsam am Betrachter vorbei, wie der Alltag auf dem Land. Und der hält nur wenige Sensationen bereit. Da wird Wäsche aufgehängt und Gras gemäht, Schnee geschippt, mal ein Schwein geschlachtet. Kinogänger sollten darauf gefasst sein, dass der Film sich nicht scheut, auch die banalen Seiten des Landlebens in epischer Breite darzustellen.

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erstellt am 21.Okt.2013 | 10:07 Uhr

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