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Film : «Die andere Heimat»: Edgar Reitz zeigt bitterste Armut

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Der Blick zurück in die deutsche Vergangenheit hat es Edgar Reitz seit langem angetan.

shz.de von
erstellt am 30.Sep.2013 | 09:51 Uhr

Im Mittelpunkt seiner berühmten und mehrfach ausgezeichneten «Heimat»-Trilogie stand zwar eine fiktive Familie aus dem Hunsrück. Seine Jahrzehnte-übergreifenden Geschichten berichteten aber auch von zahlreichen wichtigen historischen Ereignissen und wurden so zu einer Chronik deutscher Geschichte.

An diese Idee knüpft Regisseur Reitz nun auch mit seinem aktuellen Werk wieder an. «Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht» eigt den bitterarmen Hunsrück des 19. Jahrhunderts, als viele Menschen mit der Flucht ins Ausland die Hoffnung auf ein besseres Leben sahen.

Erneut erzählt Reitz von der Familie Simon, erneut spielt die Geschichte in dem Ort Schabbach. Doch nun fokussiert der Regisseur nicht wie in der «Heimat»-Trilogie auf das 20. Jahrhundert mit den beiden Weltkriegen, der Teilung Deutschlands und dem Fall der Mauer. Vielmehr ist «Die andere Heimat» die Vorgeschichte zur «Heimat»-Trilogie.

Es ist das Jahr um 1840. Der junge Jakob vergräbt sich lieber in Bücher über Brasiliens Urwaldindianer statt in der familieneigenen Schmiede mit anzupacken. Er studiert die Kultur und Sprache der Indianer und träumt davon, ihnen selbst einmal begegnen zu können. Mit seiner Begeisterung für das Ferne steckt er auch andere an, darunter seinen Bruder Gustav und seine heimliche Liebe, das Jettchen. Doch die Realität ist harsch. Harte Winter, Hungersnöte, Epidemien und politische Ungerechtigkeiten behindern Jakobs Pläne immer wieder.

Der in Morbach in Rheinland-Pfalz geborene Reitz kreierte eine detailgetreue Kulisse für seinen Film - er ließ ein Dorf umbauen und mehr als 150 Jahre zurückversetzen. Auf der Kinoleinwand beeindruckt daher, mit welcher Genauigkeit er die Zeit wieder aufleben lässt: wie der Schlamm nach einem Regen auf der Hauptstraße knöcheltief matscht, wie in den alten Fachwerkhäusern mehrere Generationen auf engstem Raum nebeneinander leben, wie die Pferdewagen über die gefährlich unebenen Feldwege rumpeln, wie der Klang der Schmiedeeisen durchs Dorf hallt. Dazu tragen auch die schwarz-weißen Bilder bei, mit denen Reitz die Ereignisse einfängt.

Die eigentliche Entdeckung ist allerdings Jan Dieter Schneider als Jakob. Er ist ein Laiendarsteller, den Reitz fast zufällig entdeckte und der eigentlich mitten im Medizinstudium steckt, wie er bei der Weltpremiere des Films kürzlich bei den Festspielen in Venedig erzählte. Er verkörpert diesen Jakob mit einer wunderbaren Mischung aus Leichtigkeit und Melancholie, und sein im Hunsrücker Dialekt vorgetragenes Schwärmen über indianische Laute überträgt sich durchaus.

«Die andere Heimat» ist jedoch nicht leicht konsumierbar und eher sperrig. Man muss sich einlassen auf diese Geschehnisse, die mit der ein oder anderen Länge auch nicht immer ganz über die vier Stunden des Films tragen. Und doch gelingt es dem 80-jährigen Reitz wieder einmal, die große Geschichte auf kleine Geschichten herunterzubrechen. Durch seine Figuren Jakob und Gustav wird die tatsächlich durchlebte Auswandererwelle nach Brasilien erlebbar, werden die Beweggründe der Menschen nachvollziehbar.

Die andere Heimat

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