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Film : Charlotte Roche: Ich finde den Film richtig krass

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Ihr Buch «Feuchtgebiete» löste 2008 eine große Debatte aus und gilt seitdem als Skandalroman. Jetzt kommt die Geschichte ins Kino und Autorin Charlotte Roche freut sich.

shz.de von
erstellt am 19.Aug.2013 | 00:21 Uhr

Darüber, dass der Film nicht «scheiße» sei und die Hauptdarstellerin «wie von einem anderen Stern». Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa spricht sie über ihre Lieblingsthemen: Nacktsein, Sex und Feminismus.

Frage: Sie haben nach der Premiere gesagt, Sie freuen sich so über den Film. Warum denn?

Antwort: Ich habe so lange auf diesen Film gewartet. Die Filmrechte habe ich ja schon vor vier Jahren verkauft. Und in diesen vier Jahren haben mir ganz viele aus der Filmbranche gesagt, dass mein Buch eigentlich unverfilmbar ist. Dann fängt man an, sich Sorgen zu machen. Man muss ja mit allem rechnen. Ich hab nicht mitgearbeitet und bin denen nie auf den Sack gegangen, am Set nicht, beim Casting nicht, beim Drehbuch nicht. Im Hinterkopf hatte ich aber immer die Frage: Was macht man eigentlich, wenn der Film scheiße ist? Namen rausklagen? Wie geht das? Dann habe ich den Film vorgeführt bekommen - ganz alleine - und nach vier, fünf Minuten war mir klar, dass die absolut den Vogel abgeschossen haben.

Frage: Warum?

Antwort: Weil die Hauptdarstellerin einfach aus einem anderen Universum kommt. Mir war ja vorher schon klar, der Film steht und fällt mit der Hauptdarstellerin. Und Carla Juri ist einfach so gut. Sie spielt das so toll, diese Nacktheit, dieses natürliche Nacktsein. Sie ist so unglaublich unschuldig, aber auch total schön und super sexy in der Rolle. Ich finde, dass meine ganzen schlimmen Themen, die ich in dem Buch habe, viel leichter auszuhalten sind, weil Carla es macht. Meine Helen Memel im Buch, die ist härter, krasser, kaputter und auch hässlicher. Und Carla macht es jetzt nicht glatt oder langweilig, aber sie macht alles schöner.

Frage: Geht dadurch auch was verloren?

Antwort: Nee, der Film ist ja jetzt nicht harmlos oder so. Ich finde den richtig krass. Man sieht, wenn ich mich richtig erinnere, fünf voll erigierte Penisse im Bild. Das ist ja schonmal cool. Es fließt viel Blut, rektales Blut, Periodenblut - auch für Splatter-Fans immer gut.

Frage: Kurz nach der Veröffentlichung Ihres Buches hatten Sie auch gesagt, man könne aus Ihrem Buch eigentlich nur einen Splatter-Porno machen...

Antwort: Ja, weil ich mir mein Buch als Filmlaie ja nur eins zu eins auf der Leinwand vorstellen kann. Dann würde der Film nur im Krankenhausbett spielen und 80 Prozent der Zeit wäre die Leinwand mit einem riesigen, vereiterten Poloch gefüllt. Das kann man nicht als Film machen.

Frage: Haben Sie durch den Film noch einmal einen anderen Blick auf Ihr Buch gewonnen?

Antwort: Nein, ich nicht. Ich lese ja meine eigenen Bücher nicht mehr, wenn ich die schon auf Lesereisen ständig lesen musste. Aber ich glaube, vielen meiner Leser geht es so. Irgendwie macht der Film, dass manche mehr Verständnis für mein Buch haben.

Frage: Warum sollte man sich den Film anschauen?

Antwort: Weil man mit einem absolut tollen Körpergefühl aus dem Film rauskommt. Man fühlt sich in seinem unzulänglichen Körper auf einmal viel besser. Das ist eine Leistung von Carla, die Nacktheit so natürlich darstellt. Es gibt Pickel am Körper und blaue Flecken. Natürliche Körper sieht man leider viel zu selten und dann wird man immer verkrampfter und kriegt Komplexe, wenn man immer nur bearbeitete Körper sieht.

Frage: Glauben Sie, der Film kann daran was ändern?

Antwort: Ich hoffe. Ich bin ganz froh, dass der Film FSK 16 bekommen hat und nicht 18. Wenn ich mir vorstelle, dass 16-, 17-Jährige den Film sehen mit dieser geilen Hauptdarstellerin, was das für ein Gehirnfick sein muss im Vergleich zu körperlichen Sachen, die man sonst im Kino sieht... Das ist schon ganz schön cool.

Frage: Im kommenden Jahr kommt Ihr neues Buch auf den Markt. Können Sie darüber schon ein bisschen was erzählen?

Antwort: Ich kann auf jeden Fall sagen, dass es genau so schlecht geschrieben ist wie das erste und das zweite. Ich habe nichts dazugelernt. Ich schreibe wie ich spreche. Das stößt viele ab, aber es spricht auch viele an, weil es dann direkt berühren kann. So schreibe ich gerne und ich kann auch nur so. Es wird auch wieder eine Frau im Vordergrund stehen. Ich schreibe nicht aus einer Männerperspektive und auch nicht auch einer Tierperspektive. So viel kann ich sagen.

Frage: Sie haben sich immer ein wenig dagegen gewehrt, sich in eine feministische Ecke und eine bestimmte Tradition stellen zu lassen...

Antwort: Dass ich Feministin bin, sage ich gerne. Eigentlich sollte jede Frau Feministin sein - und jeder Mann. Das heißt ja nur, dass man nicht für sein Geschlecht diskriminiert werden will. Wenn Frauen sagen, sie sind keine Feministinnen, dann wollen die ja unterdrückt werden. Was ist das denn für eine kranke Scheiße? In meiner Vorstellung gibt es so etwas wie eine feministische Partei. Dazu gehöre ich auch - ob die wollen, oder nicht. Und in der gibt es, wie in jeder Partei, auch mal Stress. Es gibt alte und junge Feministinnen, linke und rechte und alle hauen sich die Köpfe ein.

Filmseite «Feuchtgebiete

Filmtrailer «Feuchtgebiete»

Constantin Film

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