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Film : Caroline Link über Dreharbeiten in Marokko

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Mit Marokko verbindet Caroline Link wunderschöne Erinnerungen. Etwa an die aufregende Zeit, als sie gerade frisch verliebt war in Dominik Graf, ihren jetzigen Mann, und mit ihm gemeinsam durch das Land reiste. Für «Exit Marrakech» ist sie an diese Orte zurückgekehrt.

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2013 | 08:07 Uhr

Vor der mitunter atemberaubenden Schönheit der Gegend siedelte sie ein Familiendrama an, in dem ein Vater und ein Sohn um Liebe, Achtung und Aufmerksamkeit ringen. Auch bei den Motiven setzte Link auf Brüche und schickte die 17-jährige Hauptfigur zum Skifahren in die Wüstendünen. «Ich wollte das lieber zeigen, als schon wieder Stille und ein auf sich selbst geworfenes Naturerlebnis in der Sahara», sagte Link im Interview der Nachrichtenagentur dpa.

Frage: Der Film wirft einen sehr liebevollen Blick auf Marokko und gibt ungewöhnliche Einblicke jenseits der Touristenpfade. Wann haben Sie das Land zum ersten Mal kennengelernt?

Antwort: Das war vor 22 Jahren. Damals war gerade Golfkrieg. Die Regierung von Marokko hatte den westlichen Touristen nahegelegt, das Land zu verlassen. Wir sind aber geblieben. Das war eine ganz besondere Reise die geprägt war vom Frischverliebtsein in meinen jetzigen Mann. Gleichzeitig war da eine Sinnlichkeit, eine Gefahr und ein Betreten einer wirklich fremden Kultur. In manchen Hotels waren wir die einzigen Touristen und waren sehr auf uns gestellt. Das war ein starker Eindruck. Ich wollte überprüfen, ob mir das Land 20 Jahre später immer noch gut gefallen würde.

Frage: 2011 waren Sie dann mit dem Produzenten Peter Herrmann in Marokko, um die Idee für den Film zu entwickeln. Wie haben Sie das Land dieses Mal erlebt?

Antwort: Wir sind 2000 Kilometer quer durchs Land gefahren. Wir waren in Dörfern, wo Menschen sehr einfach leben. Man will natürlich, dass es den Menschen dort gut geht, dass sie Straßen bekommen und dass sie ins Krankenhaus fahren können, wenn Not am Mann ist. Auf der anderen Seite wünschen wir uns immer, dass alles so bleibt, wie es mal war. Ich mag nicht sagen, dass ich es bedaure, dass Marokko sehr viel verloren hat an Charme und Zauber und archaischem Leben. Es ist mittlerweile extrem erschlossen und an jeder Ecke wimmelt es von Touristen. Für die Menschen bedeutet das einen gewissen Wohlstand, eine gesundheitliche Absicherung und eine Verbesserung ihrer Lebenssituation.

Ich finde es zynisch, wenn wir dort hinreisen und es toll finden, dass die Leute dort noch nicht mal Strom oder eine Toilette haben. Auf der anderen Seite kann der zehnte Golfplatz in Marrakesch oder das 100ste Luxushotel, was am Ende leer steht, auch keine gesunde wirtschaftliche Entwicklung für ein Land bedeuten.

Frage: Hat Sie dieser neue Blick auf Marokko überrascht?

Antwort: Ich habe das Gefühl gehabt, dass die Menschen dort mit einer unglaublichen Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit auf uns zugekommen sind und das hat mich schon sehr fasziniert. Die naheliegenden Themen haben mich in dem Fall weniger interessiert. Ich wollte nicht ständig thematisieren, warum tragen die Frauen bei euch noch Kopftuch, was ist in der Familie das Recht der Frau und so weiter. Ich wollte ohne oberflächliche Vorurteile gucken, was prägt diese Gesellschaft, was ist deren Lebensgefühl, wieso stellen sie unser Weltbild infrage, was ist deren Weltbild, woran glauben sie? Das wollte ich mit einem positiven Blick kennenlernen und nicht wieder den Feind in der islamischen Kultur suchen.

Frage: Der junge Samuel stürzt sich mit Feuereifer in dieses für ihn fremde Leben, während sein Vater lieber im Hotel bleibt. Ist das eine Frage des Alters oder des Temperaments, wie stark man sich auf ein neues Land einlässt?

Antwort: Beides natürlich. Ich glaube, dass sich bei uns ab einem gewissen Alter schnell so eine Haltung einstellt: Ich habe schon viel gesehen, ich muss jetzt nicht mehr mit irgendeinem Berber Tee in seinem Haus trinken, ich kann mir vorstellen, wie das abgeht. Als Jugendlicher macht man vieles zum allerersten Mal und deswegen trifft man mit einem ganz anderen Blick und Habitus auf die Menschen dort und die spüren das natürlich auch. Man erlebt dann tatsächlich viel mehr, als wenn man meint, schon alles zu wissen.

Frage: Nach welchen Kriterien haben Sie die Motive für den Film ausgesucht?

Antwort: In Marokko gibt es keinen Mangel an tollen Motiven. Egal wo man hinfährt, kann man überall die Kamera aufstellen. Wir kennen schon viele Bilder von Marokko. Kasbah-Gänge, Wüstenlandschaften oder die Stadt Marrakech hat man schon hundertmal im Fernsehen, im Kino, in der Werbung gesehen. Ein überraschender Kongresszentrums-Bau aus den 1970er Jahren mitten im Niemandsland ist spannender. Und Ben hat in der Wüste auch nicht das große Naturerlebnis, er macht einen absurden Quatsch mit wie Skifahren auf den Dünen, so wie die Touristen. Sie erobern die Wüste auf die absurdeste Art und Weise mit lärmenden Quads oder Jeeps. Ben findet das großartig, obwohl es eigentlich Schwachsinn ist. Aber ich wollte das lieber zeigen, als schon wieder Stille und ein auf sich selbst geworfenes Naturerlebnis in der Sahara.

Frage: Im Film tragen Ben und sein Vater einen heftigen Konflikt aus. Ein Grund ist unter anderem, dass der Vater im Leben seines Sohnes bislang kaum existent war. Wie hat Sie an diesem Konflikt gereizt?

Antwort: Ich beschäftige mich schon seit längerer Zeit mit diesen Vaterfiguren. Dass es einen Vater gibt, der keinen Kontakt zu seinem Kind hat, das hatte ich schon als Idee dabei. Ich glaube, dass man sich spätestens in der Pubertät fragt, wer bin ich, durch wen bin ich geprägt, was ist mein genetisches Material, wer ist die zweite Hälfte meiner selbst? Dann macht man sich auf die Suche nach dieser Antwort. Ich frage mich manchmal, was aus den vielen jungen Männern aus getrennten Verhältnissen wird, die unter einem starken femininen Einfluss aufwachsen. Oft halten sich die Väter ja aus allem raus, weil sie keinen Ärger wollen. Ich glaube, dass dieser männliche Blick auf die Dinge vielen Jungs fehlt. Ich beobachte auch, dass ich Jungs, die mit Frauen aufwachsen, oft sehr mag, weil sie eine sehr große Sensibilität haben, fast schon so eine feminine Emotionalität. Aber manchmal überfordert sie das eben auch, wenn sie zu sehr die Verbündeten ihrer Mütter sind.

Frage: Worauf kam es Ihnen bei der Figur des Sohnes an?

Antwort: Ich wollte einen Ben erzählen, der schon eine gewisse Reife hat und absolute Wahrheiten sagt. Der Vater sagt aber auch Dinge, die wahr sind und die auch sein Weltbild erklären. Es ist kein Unsinn, wenn er sagt, nicht jeder Vater, der um 19 Uhr bei seinem Kind auf der Bettkante sitzt ist zwangsläufig ein guter Vater. Das finde ich auch. Er muss sich dann aber auch die Gegenfrage gefallen lassen: Das was du gemacht hast, nämlich gar nicht da sein, ist auch nicht besser. Streits und Konflikte in Filmen sind sowieso nur spannend, wenn beide recht haben. Wenn einer der Böse und einer der kluge Checker ist, dann ist es ja langweilig.

Exit Marrakech

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