Weit weg Weltenbummler-Weihnacht

Von Ina Reinhart | 20.12.2014, 03:30 Uhr

Die vergangenen Weihnachtsfeste haben Maya (9) und Lena (7) ganz woanders gefeiert: auf einem Boot am anderen Ende der Welt. Drei Jahre lang lebten sie auf schwankenden Planken.

Ob der Weihnachtsmann sie überhaupt findet? Hier in der Bucht Caleta Horno ist es nicht sehr weihnachtlich. Es gibt keinen Laden, wo man ein Festessen oder einen Tannenbaum kaufen kann. Bäume sind weit und breit nicht zu sehen. Am Strand haben sie gerade mal einen vertrockneten Zweig  gefunden, der an die Form eines Tannenbaums erinnert.

Maya und Lena Wnuk sind in Argentinien, in Südamerika. Im September 2011 sind sie nach Buenos Aires geflogen  und auf das Segelboot „Iron Lady“ gegangen. Hier ist im Dezember Sommer, denn es liegt auf der Südhalbkugel.  Vor zehn Tagen sind sie von der argentinischen Hauptstadt   losgesegelt, in Richtung Süden.

Unter Pinguinen, Seelöwen und Delfinen

Jetzt machen sie ein paar Tage Pause, denn Heiligabend wollen die Mädchen nicht auf See verbringen. Außerdem gibt es hier so nette Nachbarn: die Magellan-Pinguine, Seelöwen, Robben und viele Vögel. An Land sehen sie Gürteltiere und Guanacos, das ist eine Lama-Art. Und dann sind da noch die Delfine. Sie  begleiten Maya, Lena und ihre Eltern, wenn sie mit dem Dinghi – so nennen Seeleute das Beiboot – vom Boot zum Strand fahren. 

Am 23. Dezember backen sie nochmal Kekse und singen dabei Weihnachtslieder. Der Backofen ist winzig klein. Macht nichts, dann müssen Maya und Lena halt dreimal so oft das Backblech mit den Plätzchen füllen. Immerhin backt der Ofen trotz der Schaukelei zuverlässig, denn er bewegt sich so im  Seegang, dass er immer aufrecht steht. Kardanische Aufhängung nennt man das.

Wir basteln uns einen Weihnachtsbaum

Ein trockener Zweig wird mit grünen Stoffresten umwickelt. Eine kleine Kiste mit Tannenbaumschmuck haben die Segler dabei. Dazu bastelt Maya noch Vögel, Sterne und Fische aus Walnuss-Schalen, Filz und Papier.

Am Heiligen Abend ist das Boot festlich geschmückt. Doch  wird der Weihnachtsmann die Geschenke hierher bringen? Egal, jetzt brauchen die Weltenbummler erstmal ein Festessen. Dafür gehen die Mädchen mit Papa Michael Wnuk auf Angeltour im Dinghi. Doch die Fische wollen heute einfach nicht anbeißen. Wahrscheinlich haben die Pinguine, Seelöwen und Vögel schon das Weihnachtsessen weggefischt.

Glücklicherweise hat Mama Nathalie Müller in der Stadt genügend Vorräte gebunkert.  Als die Mädchen ohne Fang zum Boot zurückkehren, steht das Festessen auf dem Tisch im Salon. Und – hurra – der Weihnachtsmann hat auch den Weg zur „Iron Lady“ gefunden. Unter dem Tannenbaum stapeln sich Geschenke. Was für eine Bescherung!

Am ersten Weihnachtstag packt die Familie schon wieder den Weihnachtsbaum weg und segelt weiter, Richtung Süden, denn die Fahrt geht  um Kap Hoorn auf die andere Seite des Kontinents, vom Atlantischen in den Pazifischen Ozean.

Weihnachten 2012 feiern sie am Fuße der schneebedeckten chilenischen Vulkane. Auch wenn hier unten Sommer ist, heißt das nicht, dass sie ständig im Badeanzug herumlaufen können. Es regnet ziemlich viel in der Adventszeit.

2012: Das schwimmende Zuhause wird verkauft

Doch der Familie Wnuk-Müller geht es gut. Die Mädchen haben sich an das Leben auf dem Boot gewöhnt. Aber sie sind nicht ständig auf dem Wasser unterwegs, sondern sehen auch viel von den Ländern, an denen sie entlang segeln.

Im chilenischen Hafen Puerto Montt haben sie nun schon viel Zeit verbracht. Aber, oje, dort wollte auch jemand unbedingt ihr Boot kaufen. So eine günstige Gelegenheit lassen sich die Eltern nicht entgehen. Die „Iron Lady“, auf der sie so viel unterwegs waren, ihr Zuhause seit mehr als einem Jahr, gehört nun bald einem anderen.  Und Mama und Papa suchen nach einem neuen Boot, denn das Vagabundenleben auf See soll noch nicht vorbei sein.   

Doch zum letzten Weihnachtsfest auf der „eisernen Dame“ machen sie  noch einen kleinen Törn.

Deutsche Wochen im  chilenischen Supermarkt

Genug Naschereien sind an Bord: Im Supermarkt von Puerto Montt gab es neulich Deutsche Wochen und die Segler konnten Gummibärchen, Schogetten und Nutella bunkern.

Und dann soll natürlich noch ein Weihnachtsbaum mit, diesmal ein richtig schicker. Schon im November stehen die Baumärkte voll damit. Die Tannen sind alle aus Plastik, das ist hier so üblich. Also gehen  Maya, Lena und ihre Eltern kurz vor Weihnachten dort noch shoppen. Die Regale sind voller Planschbecken, Schwimmflossen und anderer Badesachen. Wo sind die Tannenbäume geblieben? Andere Länder, andere Sitten: Die Chilenen stellen den Baum schon am Feiertag Mariä Empfängnis am 8. Dezember auf. Doch in einem Laden finden die vier Deutschen noch ein übrig gebliebenes Exemplar, das sie zum Schnäppchenpreis bekommen. Jetzt kann die Weihnachtsreise losgehen. Die „Iron Lady“ segelt in die Fjorde der chilenischen Landschaft Patagonien.

Fürs Weihnachtsessen sammeln sie  Muscheln an steilen Felsen. Die können sie bei Niedrigwasser einfach abpflücken. An Heiligabend regnet es in Strömen und  die Familie verzieht sich in die Kabine vorn im Boot. Eigentlich wollten sie im Dinghi einen kleinen Ausflug machen, damit der Weihnachtsmann heimlich die Geschenke an Bord bringen kann. Stattdessen hören sie vorn Podcasts und hoffen, dass der Weihnachtsmann sich von ihrer Anwesenheit nicht stören lässt. „Das ist das schönste Weihnachten auf der Welt“, sagt Lena.

Und tatsächlich findet der Weihnachtsmann auch in diesem Jahr den Weg an Bord und bringt einen Playmo-Wohnwagen, den Besen, den sich Lena gewünscht hat und viele andere Geschenke.

Ein neues Boot wartet in Surinam

Im Januar 2013 finden die deutschen Segler ein neues Boot auf der anderen Seite des Kontinents in dem kleinen Land Surinam. Sie verabschieden sich von der „Iron Lady“ und fliegen zu ihrem neuen schwimmenden Zuhause.  Sie nennen es „Marlin“, streichen es rot an und schlagen ihre Reise bekommt eine andere Richtung – nach Nordwesten.

Im Dezember sind sie in ganz warmen Gewässern, in der Karibik.  Weiße Weihnachten vermissen Maya und Lena nicht. Überall finden sie Freunde. Auf Kuba  zum Beispiel besuchen sie für einige Tage eine Schule. Das ist mal eine Abwechslung zum Unterricht auf dem Boot mit Mama Nathalie. Spanisch haben sie längst gelernt, deshalb können sie sich mit ihren neuen Freunden auch unterhalten.

Doch fürs Fest geht es weiter nach Jamaika.   An Heiligabend fahren sie an den Strand – die ganze Familie muss mit. Mit dem Funkgerät hören sie die ganze Zeit, ob sich auf der „Marlin“ etwas tut. Und tatsächlich, irgendwann erklingt da ein Glöckchen. Schnell ins Dinghi und zurück zum Ankerplatz. Dort warten schon die Geschenke unter dem alten Weihnachtsbaum aus Chile. Maya und Lena sind nicht überrascht. Auf ihrer Reise haben sie gelernt: Der Weihnachtsmann findet sie auf der ganzen Welt.

Mehr über die Reise der Mädchen erfahrt ihr hier auf ihrer Homepage.