Kinder : Zucker im Gepäck

Das Messgerät hilft Stefan dabei, fit zu bleiben.
Foto:
1 von 2
Das Messgerät hilft Stefan dabei, fit zu bleiben.

Wer mit der Krankheit Diabetes lebt, braucht Hilfe und Verständnis.

shz.de von
13. Januar 2015, 01:33 Uhr

„Stefan, du musst jetzt los“, sagt Emma, ohne aufzuschauen. Die Frühstückspause naht, und damit Stefan gemeinsam mit seiner Klasse essen kann, muss er jetzt messen gehen.

Stefan ist zehn Jahre alt, wohnt in Flensburg und hat seit seiner Geburt Diabetes Typ 1, auch Zuckerkrankheit genannt. Im Vorzimmer vom Klassenraum sticht sich Stefan scheinbar gleichgültig in den linken Mittelfinger und presst einen Tropfen Blut auf einen Stick, der in seinem Messgerät steckt.

Neue Kinder an der Schule reagieren immer gleich. Sie fragen „Was hast du da für ein Gerät, warum drückst du Blut aus deinem Finger, was schreibst du da auf?“ Stefan kennt diese Fragen und antwortet geduldig. Er erklärt den anderen, dass seine Bauchspeicheldrüse kaputt ist und er deshalb keinen eigenen Stoff produziert, mit dem er Zucker gut vertragen kann. Dieser Stoff heißt Insulin, er ist lebensnotwendig und macht bei gesunden Menschen, dass unser Blutzucker im Gleichgewicht bleibt und nur langsam steigt oder sinkt.

Stefan bekommt künstliches Insulin über eine Nadel in den Körper gepumpt. Seine Insulin-Pumpe hat er immer dabei, sie ist über einen dünnen Schlauch mit einer Nadel verbunden, die fest in Stefans Bauchdecke sitzt. Alle zwei Tage muss er die Seite wechseln, da sich die Einstichstelle sonst entzünden kann. Die Pumpe und das Messgerät sind über Bluetooth miteinander verbunden. Es gibt ein kompliziertes System, nach dem Stefan seinem Computer sagen muss, wie viele BE, das heißt Broteinheiten, er gerade zu sich genommen hat. Der Computer fügt dann noch den gemessenen Blutwert dazu und errechnet, wie viel Insulin die Pumpe jetzt abgeben soll.
Was Stefan will: Ein möglichst normales Leben

Viel Disziplin und Geduld braucht Stefan, um alles genau richtig zu machen. Dafür besucht er regelmäßig eine Schulung für diabeteskranke Kinder im Krankenhaus. Gemeinsam mit drei anderen übt er den richtigen Umgang mit Messgerät, Pumpe und Ernährung.

Weil man Stefan seine Krankheit nicht ansieht, muss er oft sehr viel erklären. In vielen Situationen ist er jetzt schon auf sich allein gestellt und muss genau aufpassen, wie es seinem Körper geht. Wenn der Blutzucker zu hoch geht, schadet das den Gefäßen in seinem Körper und dem Herzen. Ist er zu niedrig, dann fühlt Stefan sich elend und ist kurz vor einer Ohnmacht, die lebensgefährlich werden kann. Deshalb hat Stefan immer Traubenzucker dabei. All das ist nicht mit zwei Sätzen zu erklären, und Kinder und Erwachsene haben oft nicht die Geduld, auf etwas Rücksicht zu nehmen, was sie gar nicht sehen können.

Es gibt auch einen Jungen in Stefans Schule, der es witzig findet, ihn mit „Hey, du Diabetes-Kind“ anzusprechen. Das nervt und zeigt, wie wenig der über die Krankheit weiß. Stefan möchte ein möglichst normales Leben führen, so wie alle Kinder. Klar will er dabei sein, wenn sein Kumpel Noah ihn zum Geburtstag einlädt. Dass Stefans Mama mit am Tisch sitzt, wenn alle essen, findet er zwar doof, aber ohne sie fühlt er sich doch noch zu unsicher. „Wie viele Broteinheiten sind zwei Stück Kuchen, ein Schokokuss und fünf von den Gummitierchen?“. Schwer zu sagen. Aber das Messgerät braucht jetzt eine korrekte Eingabe, um Stefan die richtige Menge Insulin zu spritzen. Da ist es gut, wenn er seine Mutter noch mal fragen kann.

In der Hohlwegschule kümmert sich Frau Potthoff um Stefan und noch zwei andere Kinder, die ebenfalls zuckerkrank sind. Sie ist eine ausgebildete Diabetes-Assistentin und weiß genau, worauf sie und die Kinder zu achten haben. Zu ihr geht er, wenn Emma um kurz vor neun sagt: „Stefan du musst jetzt los.“

Es gibt immer noch ganz viele Kinder die nichts über diese gefährliche Krankheit wissen, aber ihr gehört jetzt nicht mehr dazu.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen