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Tiere : Wohnungsnot im Wattenmeer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Einsiedlerkrebs Bernhard lebt in der Zukunft. Und er ist sauer. Denn er findet einfach kein passendes Haus, in dem er leben kann.

Wir schreiben das Jahr 2100. Der Einsiedlerkrebs Bernhard ist sauer. Der Grund: Wohnungsnot! Er wandert über den Boden des Wattenmeeres auf der Suche nach einem neuen Haus. Bisher ist Bernhard zwar nicht obdachlos – sein Heim zieht er beständig hinter sich her. Doch jeder kann es sehen: Das Schneckenhaus, in dem das Hinterteil des Krebses steckt, ist viel zu klein. Und es sieht auch schon ein wenig angeknabbert aus.

Da sieht der Einsiedlerkrebs das Gehäuse einer Wellhornschnecke. Ein wenig löchrig ist es zwar, aber doch größer als sein Heim. Bernhard klopft an: „Poch, poch, poch. Ist jemand zu Hause?“ „Verzieh dich! Hier wohne ich!“, zischt es ihm entgegen. Hier ist schon ein Artgenosse eingezogen. „Verdammt“, sagt Bernhard.

Eine Strandkrabbe kommt vorbei. Sie sieht den Krebs klagen und ruft: „Bau dir doch dein eigenes Heim! Einen starken Panzer, wie ich ihn habe. Damit bist du gut geschützt.“ Der Einsiedler schaut nur traurig drein. „Du hast ja keine Ahnung. Das kann ich nicht. So bin ich nun mal. Vorn ein Krebs mit großer Schere. Hinten ein Weichling. Da kann man nichts machen“, sagt der Wohnungsbedürftige. Er zieht weiter.

Was ist bloß passiert? Jahrhunderte lang haben Einsiedlerkrebse sich nach jedem Wachstumsschub eine neue Bleibe gesucht. Die leeren Wellhornschneckenhäuser sehen nicht nur hübsch aus, sondern schützen auch das Hinterteil des Krebses vor Feinden. Doch das Wasser im Meer verändert sich. Es wird saurer. Saures Meerwasser – das kann man sich kaum vorstellen. Aber es passiert schon jetzt.

Wie sauer Wasser ist, wird mit dem ph-Wert gemessen. Der ph-Wert geht von 0 bis 14 – je niedriger der Wert liegt, desto saurer. Vor 200 Jahren, also um 1800, lag der ph-Wert der Nordsee bei 8,2. Heute liegt er bei 8,1. Das ist ein Unterschied, der gar nicht so klein ist, wie es scheint. Wenn der ph-Wert unter 8 sinkt, hat das Auswirkungen auf viele Tiere.

Forscher gehen davon aus, dass der Wert bis zum Jahr 2100, wenn unser Einsiedlerkrebs im Wattenmeer unterwegs ist, auf 7,7 abnimmt.

„So ein Mist! Wie kann das nur passieren?“, fragt Bernhard. Das hängt mit dem Klimawandel zusammen. Der Grund ist vor allem Kohlendioxid, kurz CO2 genannt. Davon gibt es immer mehr in der Luft. Es entsteht zum Beispiel durch Menschen und Tiere, die den Sauerstoff aus der Luft verbrauchen und CO2 ausatmen. Bei Bäumen und anderen Pflanzen ist es gerade umgekehrt – sie vernichten sozusagen das Kohlendioxid. CO2 wird auch produziert, wenn zum Beispiel Öl oder Kohle verbrannt werden, um damit zu heizen oder Strom zu produzieren.

Dadurch, dass Menschen in den vergangenen Jahrhunderten viele Wälder abgeholzt und viel Öl und Kohle verbraucht haben, ist immer mehr CO2 in die Luft gelangt. Und das Meerwasser nimmt viel von diesem Kohlendioxid auf. Das macht, kurz gesagt, das Wasser saurer.

Die Säure greift Kalkschalen an. „In der Ostsee kann man das zum Beispiel schon an Muschelschalen beobachten. Dort bilden sich kleine Löcher“, sagt der Meeresbiologe Frank Melzner. Denn in diesem Meer gibt es häufig schon einen ph-Wert von 7,7.

Einige Tiere können sich gegen die Säure wehren. Die Miesmuschel zum Beispiel hat eine schleimige Schicht auf der Muschelschale, die sie schützt. Die Wellhornschnecke, die das Zuhause für Bernhard und seine Artgenossen baut, hat so etwas nicht. Wie die Tiere auf eine Veränderung in ihrer Umwelt reagieren, kann man nicht genau vorhersagen, erklärt der Experte.

Doch wenn Bernhards Häuser löchrig werden, oder gar nicht erst gebaut werden, dann kann es sein, dass der Einsiedlerkrebs auswandert.


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erstellt am 04.Sep.2014 | 04:53 Uhr

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