Vollzeitjob: Ersatz-Vogelmama

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Lene (14) aus Ausacker wollte sich in den Ferien nur von der Schule erholen. Doch dann kam alles ganz anders. Auch ein Video der beiden findest du hier.

shz.de von
21. August 2018, 17:56 Uhr

Nach all dem Schulstress mal so richtig faul sein, dachte sich Lene. Doch dann kam Herbert.

„Er saß mitten auf unserem Heimweg und schrie um sein Leben“, erzählt Lene. Eine kleine Rauchschwalbe, viel zu früh aus ihrem Nest gefallen, welches viel zu weit oben war – keine Chance für Lene, den aufgeregten Piepmatz zurückzulegen.

Was tun? Sollte Lene den kleinen Vogel einfach liegen lassen? Doch um die Ecke lauerte schon die Katze auf leichte Beute. Lene hörte auf ihr Herz und beschloss, dass dieser kleine Schreihals zumindest eine Chance bekommen sollte. Sie polsterte ihre Brotdose mit weichem Gras aus und nahm den kleinen Herbert mit nach Hause.

Ihr Vater sagte: „Bring ihn zurück! Die Natur hat ihre eigenen Regeln.“ Doch Lene versprach, sich um Herbert zu kümmern, und das tat sie dann auch.

 

Zunächst mussten die beiden Katzen aus dem Haus ausziehen. An die Türklinken kamen Schilder: „Bitte Türen immer zu!“ und Herbert bekam einen kleinen Ast in der Fensterbank eingebaut. Hier saß er zunächst ganz verängstigt und hatte Hunger. Denn wie alle Babys brauchen auch Vogeljunge viel Nahrung, um schnell groß und stark zu werden. Und das war jetzt Lenes Job als „Ersatz-Vogelmama“. Bewaffnet mit Fliegenklatsche und Plastikdose zog sie durchs Haus und durch den Garten, um für Herbert Fliegen zu fangen. „Am besten klappte die Futtersuche bei meinem Pony, denn das hat immer ganz viele Fliegen auf seinem Fell“, erzählt Lene. Mit einer Pinzette fütterte sie den kleinen Schreihals jede halbe Stunde! „Zum Glück schlafen auch Vogelkinder in der Nacht“, sagt Lene.

Irgendwann bekam Herbert seinen Namen. „Der passte einfach,“ sagt Lene und lacht. Und von Tag zu Tag wurde Herbert fröhlicher und zutraulicher. Wenn er Lene sah, dann begrüßte er sie stets mit aufgeregtem Gezwitscher. Er kletterte auf ihren Finger, übte mit ihr auf der Wäscheleine, sein Gleichgewicht zu halten, machte seine ersten Flug-Versuche und immer hatte er sehr viel Hunger. Lene war nur noch mit der Fliegenklatsche unterwegs.

Nach vier Tagen richtete Lene draußen ein Nest im alten Meerschweinchen-Stall ein. Eine Eierpappe war sein Bau, hier war er sicher vor den Katzen. Jeden Morgen eilte Lene als erstes zu Herbert, um ihm sein Frühstück in den weit aufgerissenen Schnabel zu stecken.

Dann kam der Morgen, an dem Herbert nicht hungrig nach Lene rief. Ganz still war es in seinem Häuschen. Lene hatte Angst vor dem, was nun kam: Der Abschied – viel zu früh, denn so gern hätte sie ihren kleinen Vogel noch mit all den anderen Schwalben fliegen sehen. Doch die Natur hat ihre eigenen Regeln, und die Tiere, um die wir uns kümmern, gehören uns nicht. Wir können versuchen, sie zu beschützen, doch wir müssen auch akzeptieren, dass nicht alles in unserer Hand liegt.

Hätte Lene den kleinen Herbert dann doch lieber der Katze überlassen sollen? Nein! Denn trotz aller Traurigkeit beim Abschied, hat sie einem kleinen Vogel eine Woche Leben geschenkt.

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