Unterwegs : Sicher durchs Eis schippern

Boote müssen nicht nur die großen Eisberge umfahren, sondern auch die, die knapp unter dem Wasser liegen.
Foto:
1 von 3
Boote müssen nicht nur die großen Eisberge umfahren, sondern auch die, die knapp unter dem Wasser liegen.

Gefahr in Verzug: Vor der Küste von Grönland müssen größere Schiffe Eislotsen an Bord haben.

shz.de von
11. Januar 2018, 20:05 Uhr

Die See ist spiegelglatt, kein Lüftchen weht. Trotzdem lässt der Eislotse Steen Lom aufmerksam seinen Blick über die Wasseroberfläche schweifen. Er fährt seit vielen Jahren vor der Küste Grönlands zur See. Steen Lom weiß: Die Ruhe an so einem Tag kann trügen. Denn das Eis in der Arktis kann gefährlich sein.

Was ist denn so gefährlich am Eis?

Steen Lom: Ein Schiff, das mit einem Eisberg zusammenstößt, kann im schlimmsten Fall ein Loch bekommen und sinken. Aber Eisberge sind gar nicht das größte Problem. Am gefährlichsten sind die Growler. Das sind sehr kleine Eisberge oder große Eisschollen, die flach im Wasser liegen. Selbst bei guter Sicht sind sie schlecht zu sehen. Bei Wellengang verschwinden sie zwischen den Wogen, dann können wir sie auch mit dem Radar nicht mehr orten.

Wie entsteht ein Eisberg?

Eisberge schwimmen zwar im Meer. Trotzdem bestehen viele der Berge nicht aus Meerwasser, sondern aus Süßwasser. Wer sich von so einem Berg ein Stückchen abbricht, kann das schmecken. Denn das Eis schmeckt nicht salzig! Das Ganze hat mit der Entstehung der Eisberge zu tun.

Viele Eisberge bilden sich, weil sie von Gletschern abbrechen. Ein Gletscher ist eine große Masse von Eis, die aus Schnee entstanden ist. Gletscher bewegen sich langsam voran - so ähnlich wie ein Fluss in Zeitlupe. Bricht von einem Gletscher in Küstennähe Eis ab, rutscht es ins Meer.

Das Meerwasser ist richtig kalt. Deshalb schmelzen die Eisberge nur sehr langsam. Es gibt riesige Eisberge, die zum Teil Jahre brauchen, bis sie ganz abgeschmolzen und zu Wasser geworden sind.

Übrigens: Es gibt auch Eis aus salzigem Meerwasser. An der Meeresoberfläche bilden sich Eisschollen, die dann auf dem Meer schwimmen. Werden diese Schollen zusammengeschoben, bildet sich eine zusammenhängende Eisdecke - das Packeis.

In Grönland ist vorgeschrieben, dass jedes große Passagierschiff Eislotsen an Bord haben muss. Warum?

An der Ostküste von Grönland gibt es viele Eisberge, denn die Strömung treibt sie aus der Polar-Region nach Süden. Das Wetter kann schnell umschlagen, und bei Sturm und schlechter Sicht wird es für Schiffe sehr gefährlich. Dann ist es gut, wenn der Kapitän jemanden an Bord hat, der sich mit Eis auskennt. Ich fahre seit 41 Jahren in diesen Gewässern zur See, ich kenne mich aus. Fährt ein Kapitän hier zum ersten Mal, ist er froh, wenn ich dabei bin.

Was kann ein Eislotse, was der Kapitän nicht kann?

Wir arbeiten mit Eiskarten und Satelliten-Daten. Auf dem Radar sehen wir, wo der Wind herkommt und wie stark die Strömung ist. Unser wichtigstes Werkzeug sind aber unsere Augen: Wenn ich mit dem Kapitän oder dem ersten Offizier zusammenstehe, lasse ich meinen Blick pausenlos über das Meer wandern und halte Ausschau nach Eis.

Eisberge sind ja wunderschön. Wie nah darf man da ranfahren?

Wenn die See ruhig und das Wetter gut ist, kann man auch zwischen dem Eis hindurchfahren. Dann ist es nur wichtig, sehr langsam und vorsichtig zu fahren. Sobald es aber neblig oder stürmisch wird und man den Horizont nicht mehr sieht, gilt: Schnell möglichst weit weg vom Eis.

Wie wird man Eislotse?

Ich bin da reingewachsen. Ich war lange Kapitän in grönländischen Gewässern, und irgendwann wurde ich als Experte angefragt. Heute ist das aber ein offizieller Beruf. Man muss einen Kurs belegen und eine Prüfung machen.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen