Ukraine : Kämpfen und leben im Niemandsland

'Kiew braucht einen ehrlichen Bürgermeister': Vitali Klitschko will die ukrainische Hauptstadt regieren. Foto: Krökel
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"Kiew braucht einen ehrlichen Bürgermeister": Vitali Klitschko will die ukrainische Hauptstadt regieren. Foto: Krökel

Die Ukraine sucht auch dreieinhalb Jahre nach der orangenen Revolution nach ihrer Identität. Ulrich Krökel hat Kiew und die verschiedenen Regionen der Ukraine besucht. Eine Annäherung.

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26. Mai 2008, 11:22 Uhr

"Wie? Und warum?" Natalia Grigorjewna lässt nicht locker. Die Exkursionsleiterin im Kiewer Höhlenkloster gestaltet ihre Führungen im Stil von Examensprüfungen. "Wie wurden die Russen bis ins 17. Jahrhundert hinein genannt?", donnert sie. Das Echo hallt lange nach. Dann herrscht wieder andächtige Stille in der Dreifaltigkeits-Torkirche. Die Blicke der Besucher tasten den Boden ab. Bis sich Natalias massigem, schrankförmigen Körper ein tiefer Seufzer entringt. Das verzweifelte "Sie wissen es wieder nicht!" bleibt unausgesprochen.

Dabei meint es die Mittfünfzigerin durchaus gut mit ihren Gästen. Allein: Der früheren Deutschlehrerin geht es um eine Herzensangelegenheit - die ukrainische Nationalkultur. Deren Ursprünge verortet Natalia unter anderem hier, im Höhlenkloster. Es entstand kurz nach der Christianisierung des Kiewer Reiches vor rund 1000 Jahren, als einige Mönche Wohntunnel in das Steilufer des Dnjepr gruben. Wem das mittelalterliche Reich und sein Erbe "gehören" - darüber streiten Ukrainer und Russen bis heute leidenschaftlich. Tatsächlich handelte es sich weder um einen ukrainischen noch um einen russischen Staat, sondern um eine eher lose ostslawische Fürstenherrschaft mit dem "Zentrum" Kiew, die schon im 12. Jahrhundert zerfiel. Die ethnische Aufspaltung in Russen und Ukrainer begann dagegen erst 250 Jahre später. Doch die heutige unabhängige Ukraine sucht verzweifelt nach ihren Wurzeln, nach ihrer Identität zwischen Ost und West - und dies in Abgrenzung zu "den Moskowitern". Denn "so wurden die Russen im Mittelalter genannt!", wie Natalia schließlich verrät.
Orangene Helden und blaue Bösewichter
Beim Verlassen des Geländes wird einer der "Prüflinge" mutig: "Und warum", fragt er herausfordernd, "steht diese Glocke dort?" Er zeigt auf einen gewaltigen Klangkörper, der vor dem fast 100 Meter hohen Klosterturm aufgebockt ist. "Bäh!", stößt Natalia hervor und brummt etwas Unverständliches über "diesen Janukowitsch". Gemeint ist Viktor Janukowitsch, der Chef der prorussischen Partei der Regionen. Er hat die Glocke im Wahlkampf gespendet. Doch sie ist zu schwer für das alte Gemäuer. Natalia verachtet Janukowitsch und seine "Blauen", seine vor allem ostukrainischen Anhänger, aus tiefster Seele. Die Helden sind für sie die orangenen Revolutionäre von 2004, allen voran Präsident Viktor Juschtschenko und Regierungschefin Julia Timoschenko. Weil sie prowestlich sind? "Weil sie proukrainisch sind! Naja, und weil sie proeuropäisch sind."

West und Ost, Gut und Böse, Orange und Blau - Andrej Kurkow betrachtet all diese schematischen Einteilungen zunehmend skeptisch. "Die Unterschiede zwischen den Parteien verschwinden", urteilt der russischsprachige Schriftsteller und erläutert: "Gut möglich, dass Janukowitsch künftig gegen die orangene Regierung die Fahne der Demokratie hochhält. Das ist ein Spiel, und der Einsatz ist die Macht." Der 47-jährige Kurkow ist in Sankt Petersburg geboren, aber in Kiew aufgewachsen und dort seit langem heimisch. Zudem ist er mit einer Engländerin verheiratet und lebt zeitweise in London. Wer also könnte die prekäre Lage der Ukraine zwischen Russland und dem Westen besser ausdeuten als er?
Kämpfer um des Kampfes willen
"Das Land ist nicht gesund", diagnostiziert der zur Ironie neigende Schriftsteller ungewöhnlich ernst. Wir sitzen im Café "Jaroslaw" im Herzen der Hauptstadt. Großfürst Jaroslaw der Weise galt als Lichtgestalt des Kiewer Reiches. Und heute? Nichts davon: "Präsident, Regierung, Opposition - sie alle haben sich ineinander verkämpft. Die gegenwärtigen ukrainischen Politiker sind keine Strategen, sie sind Kämpfer um des Kampfes willen", analysiert Kurkow. Und was heißt das alles für die Zukunft des Landes? Der Schriftsteller grübelt. Gedankenversunken leert er nach und nach das gesamte Kännchen Milch in seinen Kaffee. Was folgt, ist ihm wichtig: "Die junge Generation betrachtet diese Grabenkämpfe im Niemandsland mit Zynismus. Aber das ist ein gesunder Zynismus, denn er zeugt von Idealismus. Nur wer an Ehrlichkeit glaubt, kann über unfähige Eliten so vernichtend urteilen."

Probe aufs Exempel: Aljoscha ist einer dieser vermeintlich zynischen Jungen. Gemeinsam mit einer Handvoll Kommilitonen hat der 22-jährige Anglistik-Student vor dem Rathaus im westukrainischen Lemberg (Lwiw) ein Zeltlager nach dem Vorbild der orangenen Revolution errichtet. Die jahrhundertelang polnische, später österreichische Stadt gilt als Hochburg der "Europäer" in der ukrainischen Politik, die einen schnellen Beitritt zu EU und Nato anstreben. Aljoscha und seine Mitstreiter indes haben anderes im Sinn. "Wir wollen, dass die Korruption hier im Rathaus endlich aufhört", erklärt der 22-Jährige. Zynisch klingt das nicht, idealistisch sehr wohl. Denn der Protest gegen die Käuflichkeit der Eliten gleicht nicht nur in Lemberg einem Kampf gegen Windmühlen: Transparency International bewertet die Ukraine mit 2,8 auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 für "restlose Korrumpierung" steht.
Killerspiele stehen hoch im Kurs

Aljoschas "Aufstand" entpuppt sich allerdings als Ausnahme. Das Gros der ukrainischen Jugendlichen trifft sich eher in Kneipen, Kinos oder den überfüllten Internet-Cafés und Cyberclubs. Killerspiele stehen dort hoch im Kurs. Andere, wie Kolja, nutzen das Polit-Spektakel pragmatisch zum Broterwerb. Der 18-jährige Schüler verteilt Wahlkampfbroschüren auf dem legendären Majdan, dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz, wo 2004 die Revolution regierte. Anfang Mai 2008 brodelt dort nur das Alltagsleben. Die Menschen hasten vorüber und lassen Kolja mit seinen "Tschas"-Flugblättern im Nieselregen stehen. "Tschas" - Zeit, das ist das Motto von Ex-Box-Weltmeister Vitali Klitschko, der sich bereits zum zweiten Mal um das Amt des Kiewer Bürgermeisters bewirbt. Zeit für den Wandel, soll das heißen, weiß Kolja. Aber auf die Frage, in welcher Hinsicht sich die Hauptstadt denn verändern sollte, antwortet er mit einem Schulterzucken. Er bekomme Geld fürs Zettelverteilen, schiebt er entschuldigend hinterher, bevor er sich wieder den Passanten zuwendet. Am Ende wird auch Klitschkos massiver Mitteleinsatz nicht gereicht haben. Der Ex-Boxer geht bereits in der ersten (Wahl-)Runde k.o., der Titelverteidiger bleibt Champion.

Worum ging es bei dieser Wahl? Clemens Hoffmann hat den Überblick. Der Zwei-Meter-Mann, Jahrgang 1970, arbeitet als Korrespondent für deutsche Medien in Kiew. Bürgermeister Leonid Tschernowezki sei tatsächlich korrupt, berichtet er. "Ein Multimillionär, der seine Stellung missbraucht, um Geschäfte zu machen." Die Vorwürfe reichten zwar bislang nicht für eine Anklage. Auf Druck der Timoschenko-Regierung legte Tschernowezki aber sein Amt nieder. Absurde Pointe: Als wäre nichts gewesen, stieg der zwielichtige Unternehmer am vergangenen Sonntag wieder mit in den Ring. Und da seine wichtigsten Gegner - Klitschko und Timoschenkos Vizepremier Alexander Turtschinow - zerstritten sind, triumphierte Tschernowezki erneut. "Dabei liegen Klitschko und Timoschenko politisch auf einer Linie", fügt Hoffmann hinzu. Doch es sei auch um rein wirtschaftliche Interessen gegangen. So werde im Kiewer Stadtrat demnächst über den Verkauf lukrativer Baugrundstücke entschieden. Und beim Geld höre die Freundschaft ja bekanntlich auf.
Auf dem Europaplatz geht ein Gespenst um
All diese für das Land so typischen Kämpfe und Ränkespiele um Macht und Kapital müssten ein gefundenes Fressen für eine linke Opposition sein. Doch der Aufmarsch der Postkommunisten am Tag der Arbeit bleibt überschaubar. Es mögen 1000 KP-Anhänger sein, die sich an diesem 1. Mai auf dem Kiewer Europaplatz versammelt haben. Viele Rentner sind darunter, die besonders unter der zuletzt wieder in die Höhe geschnellten Inflation von mehr als 20 Prozent zu leiden haben. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters schwenken sie eifrig rote Fahnen. Auf der Empore haben sich derweil neben Parteichef Pjotr Simonenko zahlreiche ordensgeschmückte Sowjetveteranen aufgebaut.

Simonenko, dessen Fraktion im Parlament gerade noch 20 Abgeordnete zählt, holt in seiner Rede zu einem Rundumschlag aus. Er wettert gegen die "Timoschenko-Verräter", prangert den westlichen Werteverfall an und polemisiert gegen die Nato. "Genossen!", ruft er auf Russisch, "stoppt den Ausverkauf unseres Landes!" Der Sowjetnostalgiker fordert die Einführung des Russischen als zweite Amtssprache. Immerhin ein Drittel der Ukrainer - vor allem im Osten des Landes - gibt Russisch als Muttersprache an. "Genossen!", dröhnt der KP-Chef weiter, "stoppt die Spaltung unseres Vaterlandes!" Auf dem Europaplatz geht es wieder um an diesem 1. Mai - das Gespenst der Spaltung.
"Meine Stadt, meine Mannschaft, meine Leute"

Serhyi Zhadan will von einer Zweiteilung seines Landes nichts wissen. Der 33-jährige Jungstar der ukrainischen Literatur hat mit Politik "nicht viel am Hut", wie er beteuert. Eine Meinung hat er aber durchaus. Er könne sich eine "neutrale Ukraine zwischen Russland und der Nato vorstellen", schlägt Zhadan vor. Ein Niemandsland?

Der Schriftsteller stammt aus dem russischsprachigen Charkow. Seine Bücher verfasst er allerdings wie selbstverständlich auf Ukrainisch und nennt seine Heimatstadt entsprechend Charkiw. Wir sitzen im "Irish Pub" der nordöstlichen Industriemetropole. Dort schaut der eingefleischte Fussballfan oft die Auswärtsspiele "seiner" Mannschaft Metallist Charkiw. "Meine Stadt, meine Mannschaft" - und in seiner Literatur beschreibt Zhadan "seine" Leute. "Ich lebe in Charkiw", betont er, "und ich werde hier bleiben." Jene, die bleiben, die nicht in den Westen gehen, sind auch die Helden seiner Prosa. "Sie wollen etwas verändern, sie bauen etwas auf." Tatsächlich ist der Lebensstandard in der Ukraine in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. Das Land verzeichnet stabile Wachstumsraten von fünf bis neun Prozent. Davon profitieren vor allem die Jüngeren in den städtischen Zentren.
Unverständnis - Verachtung - Hass
Serhyi Zhadan ordert ein Bier. Auch wenn es um die Zukunft der Ukraine geht, hält der zierliche junge Mann in Jeans und Turnschuhen den Ball gern flach. EU-Beitritt, Nato-Mitgliedschaft, Sprachenstreit? "Darüber reden nur die Politiker. Die Menschen interessieren sich für ihre Arbeit, für ihre Familien. Sie leben." Aber gerade so etwas wie die Sprachenfrage beeinflusst doch den Alltag ungeheuer? "Nein, nein", wiegelt der 33-Jährige ab und erzählt, dass sich in Charkiw/Charkow inzwischen sogar eine ukrainisch-russische Mischsprache herausgebildet hat, eine Art Pidgin-Ukrainisch. "Das ist alles kein Problem."

Alles kein Problem? Im Osten erhebt sich die Sonne über der sanften Hügellandschaft rund um die Schwarzmeerstadt Odessa, als sich der Nachtzug aus Charkiw seinem Zielbahnhof nähert - eine Fahrt quer durch den russischsprachigen Landesteil. Ein Reisender bestellt beim "Prowodnik", Schaffner und Mädchen für alles im Schlafwagen, auf Ukrainisch einen Kaffee. Der Zugbegleiter baut sich vor ihm auf, schweigt und starrt den jungen Mann herausfordernd an. "Kawa", wiederholt der. In den Augen des "Prowodnik" ist mehr zu lesen als nur Unverständnis. Verachtung? Hass gar? "Kofje", mischt sich ein Mitreisender auf Russisch ein. Die Gesichtszüge des "Prowodnik" entspannen sich. "Ah, kofje! Sehr gern!"

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