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„Ich habe das Gefühl, Fanny jetzt zu verstehen“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Wie eine junge Reiterin und Konik „Fanny“ zueinander finden / Viel Bewegung, viel Zuspruch, gute Pflege und Ernährung sind wichtig für das vernachlässigte Pferd

von
erstellt am 28.Jan.2016 | 06:58 Uhr

Schwere Hufe fallen auf den steinigen Waldboden und werden immer schneller, bis sie irgendwann fast gar nicht mehr den Boden berühren. Eiskalter Wind fährt durch die Bäume. Er zerrt an meinen Haaren und bläst mir unerbittlich ins Gesicht. Mir ist kalt, sehr kalt. Meine Füße frieren und meine Beine spüre ich schon lange nicht mehr. Ich habe das Gefühl, dass meine Finger zu Eisklötzen mutiert sind. Fanny ist so schnell, ihre Mähne flattert im Wind und hinter uns wirbeln kleine Steinchen und Erdklumpen in die Luft. Ihr macht die Kälte nichts aus.

Plötzlich zerreißt ein Schuss die Stille. Abrupt bleibt sie stehen. Ihre zierlichen Beine tänzeln auf der Stelle; sie stolpert kurz und springt zur Seite. Alarmiert schaut sie sich um. Aus ihren Augen spricht Nervosität, ihre Nüstern beben. Ich tätschele ihren schlanken Hals, „Hey, alles gut, das war nur ein Böller!“ Langsam scheint sie sich zu beruhigen, wir setzen unseren Ausritt in entspanntem Schritttempo fort.


Glücklich war sie nicht


Als ich Fanny das erste Mal sah, stand sie bei meiner Reitlehrerin auf ihrem kleinen Hof bei Kappeln. Sie hatte ziemlich struppiges Fell. Sie war so dünn, dass man sie von weiter weg für einen braunen Pfosten gehalten hätte. Und sie hatte diesen überaus tiefhängenden Rücken. Fanny schaute mich mit traurigen Augen an. Glücklich war sie nicht. Meine Reitlehrerin erzählte mir, dass sie viele schlechte Erfahrungen gemacht hätte und viel zu früh eingeritten worden sei, was den tief hängenden Rücken erkläre.

Damals hatte ich noch Angst vor diesem Pferd, denn sie hatte so viel Feuer in sich. Fanny war einfach ein echtes Wildpferd. Auf eine Art so ... frei. Aber immer, wenn ich in ihre Augen geguckt habe, hatte ich das Gefühl, dass dieses Pferd nicht wusste, wo es hingehörte. Ich fand, sie hatte es verdient, an einem Ort zu sein, sich dort wohlzufühlen. Und dann kam die Entscheidung. Und jetzt ... gehört sie zu mir. Hoffentlich für immer. Ich habe das Gefühl, Fanny jetzt zu verstehen. So kann ich ihren Bedürfnissen nachkommen. Das macht mich glücklich.

Allmählich neigt sich unser Ausritt dem Ende zu. Es ist immer noch kalt und windig, meine Füße sind nun endgültig eingefroren. Am Putzplatz nehme ich ihr Sattel und Trense ab und beginne, den Dreck aus ihrem Fell zu putzen. Sanft streiche ich mit der weichen Bürste von ihren knochigen Flanken über ihren ungeraden Rücken und ihren hervorstehenden Rippen bis zu ihrer kantigen Kruppe.


Faszinierendes Fell


Koniks sind Wildpferde, die aus dem Osten stammen, aber auch bei uns in Schleswig-Holstein läuft in der Geltinger Birk eine freie Herde. Koniks sind normalerweise sehr stämmig, haben eine breite Brust und einen kräftigen Hals. Aber sie? Sie ist so dünn. Ihre Augen sind wachsam und freundlich. Ein bisschen müde vielleicht. Insgesamt wirkt sie sehr zufrieden. Konik bedeutet auf polnisch „kleines Pferdchen“.

Ich nehme Fannys Halfter von einem Ring an der Wand und lege es ihr um. Wie zum Protest schüttelt mein Pferd seinen Hals und schnaubt. Nun erreicht ein Sonnenstrahl Fannys Fell und lässt es glitzern. Am meisten glitzert es auf ihrem Rücken und oberhalb ihres Bauches, wo sie helles Fell hat.

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich die Farbe ihres Felles liebe. Es sind einfach alle Farben zusammen. Von den Brauntönen bis zu ihren schwarzen Beinen. Von dem schwarzen Aalstrich, der sich über ihren Rücken zieht, ganz zu schweigen. Ich denke, die Natur hat es so bestimmt, denn wenn ich mit Fanny im Herbst ausreite und alle Blätter verschiedene Brauntöne bekommen, ist sie immer getarnt.


Einweichfutter statt Heu

Mein Pferd stupst mich von hinten mit seinem Maul an und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich drehe mich zu ihr um. Fanny wippt aufgeregt mit ihrem Kopf auf und ab und scharrt ungeduldig mit ihrem Huf auf dem Boden. „Na, du willst dein Futter, stimmt’s“? Sie schnaubt zustimmend. Wir gehen durch den Hintergarten des alten Bauernhauses. Dort grenzt der Garten an einen kleinen Paddock mit großem Außenstall.

Vor einiger Zeit war Fanny noch bei den anderen Pferden untergebracht. Sie stand in der hintersten Ecke, doch sie hat sich nie an das Futter getraut. Deshalb habe ich beschlossen, dass sie in einen Einzelpaddock kommt, um in Ruhe fressen zu können. Langsam schließe ich das Tor hinter ihr, um Futter zu holen. Ich höre wie Fanny hinter mir leise wiehert. Sie mag es nicht, auf einer so kleinen Fläche eingesperrt zu sein. Kein Wildpferd mag das, leider muss sie sich im Winter aber daran gewöhnen.

In der Sattelkammer stehen die verschiedenen Futtersorten, die man im Wasser einweichen muss. Fanny kann nämlich seit einiger Zeit kein Heu mehr fressen. Ihre Zähne sind ziemlich abgestumpft, sodass sie Hartes nicht mehr richtig kauen kann. Auf jeden Fall hoffe ich, dass Fanny mit dem Einweichfutter etwas zunimmt, so wie es der Tierarzt versprochen hat. Mit dem Futter zurück am Gatter, erwartet sie mich schon und läuft unruhig am Zaun hin und her. Fanny stürzt sich förmlich auf das Futter. Ich setze mich neben mein Pferd auf den Boden in das frische Stroh und schaue ihr beim Fressen zu, dabei kann ich gut nachdenken. Es dauert nicht mehr lange und es ist ganz dunkel. Beruhigend klopfe ich ihr auf den Hals und wende mich zum Gehen. Sie folgt mir bis ans Gatter, denn sie hasst es, alleingelassen zu werden. „Ich komme morgen wieder“. Genau diese Worte sage ich jedes Mal zum Abschied.

Nach einer Weile schaue ich mich noch einmal um, doch ich sehe nichts mehr, außer die schwarzen Umrisse der Bäume, die sich im Wind wiegen.


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