Schüler, Auszubildende, Studenten : Junge Leute in SH sind häufiger psychisch krank

Auch in Deutschland wird die Ketamin-Therapie langsam bekannter.  
69.300 Schleswig-Holsteiner im Alter von 18 bis 25 Jahren sind betroffen.

Ein Grund ist der Leistungsdruck von der Schule bis zum Berufseinstieg. Die Gesellschaft braucht Mut, meint unser Autor.

shz.de von
27. Juni 2018, 06:26 Uhr

Kiel | Gut ein Viertel der jungen Erwachsenen in Schleswig-Holstein ist psychisch krank. Zu diesem Ergebnis kommen Studien im Auftrag der Barmer Ersatzkasse. Demnach haben im nördlichsten Bundesland 69.300 Menschen zwischen 18 und 25 Jahren ein seelisches Leiden. Das entspricht einem Anteil von 27,5 Prozent in der Altersgruppe – knapp zwei Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt.

Depressionen stehen bei den Krankheitsbildern ganz vorne an: 8,7 Prozent der 18- bis 25-Jährigen sind davon betroffen. Die Diagnoserate in dieser Kategorie ist innerhalb der vergangenen zehn Jahre um 70 Prozent gestiegen. Am häufigsten finden sich Depressionen in Neumünster, Lübeck und Kiel. Zwischen zehn und gut elf Prozent der jungen Erwachsenen sind dort von der Krankheit betroffen. Dithmarschen erreicht den niedrigsten Wert mit 6,3 Prozent.

Weitere häufige Probleme sind krankhafte Reaktionen auf schwere Belastungen sowie körperliche Beschwerden wie etwa Rücken-, Kopf- oder Bauchschmerzen, für die sich keine organische Ursache finden lässt.

„Die Gleichung jung gleich gesund geht nicht auf“, bilanziert Bernd Hillebrandt, Landesgeschäftsführer der Barmer. „Uns haben die Ergebnisse etwas überrascht.“

Der Vorsitzende der Landesgruppe der Psychotherapeuten-Vereinigung, Heiko Borchers, führt die steigenden Diagnosen nur zum Teil auf eine Enttabuisierung zurück. Als Hauptgrund sieht er „eine Gemengelage aus aufgelösten Familienstrukturen, Kinderarmut sowie Leistungsdruck. „Jedes Kind wird heute mitgeschliffen“, moniert Borchers. Er meint damit die Einschulung mit sechs Jahren unabhängig von der Reife ebenso wie eine weitgehende Inklusion.

„Integrationsklassen sind nicht für jeden die Lösung.“ Studenten stünden stärker unter Druck als früher, weil sie eine bestimmte Bachelor-Note bräuchten, um einen Master draufsatteln zu können. Bei jungen Berufsanfängern im Akademiker-Milieu setze sich die Dauer-Anspannung oft durch befristete Verträge fort.

Zu viel Hamsterrad – Druck produziert auch Verlierer

ein Kommentar von Frank Jung

Eigentlich sind es bis zu den Zeugnissen noch anderthalb Wochen hin. Doch die Bildungspolitik hat bereits am Dienstag vom Berufsverband der Psychotherapeuten ein Giftblatt ausgestellt bekommen. Was dessen Landesvorsitzender in seinem Behandlungsalltag als Ursachen für die steigende Zahl seelischer Erkrankungen bei jungen Menschen kennenlernt – das rüttelt hoffentlich wach.

Anforderungen in Schule, Ausbildung und Studium sind keinesfalls per se schlecht. Es braucht sie, um ein gewisses Bildungsniveau und damit die Zukunfts-Chancen dieses Landes zu sichern. Damit junge Leute mit den Anforderungen klar kommen, muss es aber wieder stärker individuelle Spielräume geben. Ob beim Einschulungsdatum oder der Studienzeit: Der eine braucht etwas mehr Zeit als der andere, einige sind Frühbegabte, andere Spätzünder. Wieder andere, Kinder mit Lernstörungen, könnten an speziellen Förderschulen gezielter an die Hand genommen werden als in Regelklassen. Das alles haben Bildungsreformen der jüngeren Vergangenheit jedoch ignoriert.  

Zu viel Hamsterrad, zu viel Schema F für alle hat auch Verlierer produziert. Psychische Leiden sind meist stille Leiden. Umso wichtiger, dass unsere Gesellschaft den Mut fasst, darüber zu sprechen.

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