zur Navigation springen

Dänemark nach den Anschlägen : Juden in Kopenhagen: Bemühter Alltag hinter Waffenträgern

vom

Dank enormer Polizeipräsenz kann an den jüdischen Schulen Kopenhagens wieder unterrichtet werden. Die Anschläge trafen die Gemeinde nicht mal unerwartet. Doch die Rückkehr zur Normalität wird lange dauern.

Die Unsicherheit unter Dänemarks Juden ist groß, denn der erste tödliche Terror-Akt in Dänemark seit 30 Jahren traf gleich jemanden aus ihrer Mitte. Der 37-Jährige jüdische Wachmann Dan Uzan hatte in der Nacht zum Sonntag vor der großen Synagoge im Stadtzentrum Wache gehalten und war dabei von dem 22-jährigen Attentäter Omar Abdel Hamid El-Hussein erschossen worden. In der Synagoge hatten 80 Menschen eine Bat Mizwa gefeiert.„Hätte er nicht dort gestanden, zusammen mit zwei Polizisten, hätten wir ein Massaker erlebt“, sagte der frühere dänische Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen vor der Beisetzung am Mittwoch.

Nach dem Anschlag fürchtet die Gemeinde weitere Akte der Gewalt und fordert mehr Schutz für jüdische Einrichtungen. Überrascht hätten ihn die lang befürchteten Attentate aber nicht, sagte der Oberrabbiner von Kopenhagen, Menachem Margolin, dem dänischen Sender DR. Dem pflichtete Jeppe Juhl, Sprecher der Jüdischen Gemeinde, bei. Margolin forderte im selben Satz der Überwachung aller jüdischer Institutionen – rund um die Uhr.

Trotz der herrschenden Angst bemühen sich die in der dänischen Hauptstadt lebenden Juden, Ruhe und Normalität einkehren zu lassen. An den jüdischen Schulen herrscht wieder Betrieb. An der Carolineskolen, einer der ältesten jüdischen Schulen der Welt, kann dies jedoch nur unter massivem Einsatz von schwer bewaffneten Polizeikräften geschehen. Gerade in letzter Zeit wurde die Institution häufiger von Antisemiten attackiert, Scheiben wurden eingeworfen, die Wände mit feindseeligen Parolen besprüht. Laut Medienberichten wurde Schülern von der Schulleitung schon seit längerem das Tragen religiöser Symbole untersagt.

Es ist eben längst nicht alles wie vor den Februar-Attentaten. In einem sonst eher lautstarken Keller in Nørrebro ist es seit Montag still: Radio Shalom, der kleine Sender der jüdischen Gemeinde in Kopenhagen, ist nicht mehr auf Sendung. Aufgrund der hohen Sicherheitsbedenken hatte der dänische Geheimdienst PET dem für seinen Mix aus jüdischer Musik, Geschichte und Kultur bekannten Radiokanal für den Weiterbetrieb strengen Polizeischutz auferlegt. Doch den hat Radio Shalom strikt abgelehnt. „Wir wollen einfach keine Polizei vor unserer Tür“, sagt der Geschäftsführer Abraham Kopenhagen. „Da stellen wir lieber den Sendebetrieb ein, bis es wieder ruhiger ist. Keine Ahnung, wie lange das dauert.“

Weiterhin setzt die Gemeinschaft der Juden in der dänischen Hauptstadt viel daran, dass die freundschaftliche Zusammenarbeit mit den anderen Religionsgruppen in der Metropole am Öresund durch die Attentate und die Angst keine bleibenden Schäden davonträgt: „Wir müssen weiter zusammenhalten, so wie wir das derzeit erleben. Wir müssen stärker mit Polizei und Regierung zusammenarbeiten und herausfinden, warum Menschen radikalisiert werden. Die Brücke, die wir über Jahre zwischen den Religionen gebaut haben, hat der Attentäter wieder eingerissen. Aber wir werden sie wieder aufbauen“, sagte der Verbandssprecher Qaisar Najib.

„Die Juden sind ein Teil Dänemarks und das Land wäre nicht mehr das, welches wir kennen, falls sie gingen. Aber natürlich können sie tun, was sie möchten", sagte Regierungschefin Thorning-Schmidt in Reaktion auf den Aufruf von Israels Premier Netanjahu, Europas Juden sollten angesichts der Terrorwelle nach Israel auswandern.

„Wir stehen Schulter an Schulter. Muslime, Juden und Christen“, sagt Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt bei der Gedenkfeier für die Opfer. „Wir stehen als Dänen zusammen.“ Es ist kein einfaches Unterfangen für die Ministerpräsidentin, die auseinanderdriftende dänische Gesellschaft zu besänftigen. In der Konsensdemokratie ist die Kritik an Einwanderung und Islam seit den 1990er Jahren wesentlich lauter zu hören als anderswo. Einer im Januar veröffentlichen Umfrage des dänischen Magazins „Opinionen“ zufolge, ist die Stimmung gegenüber Muslimen so schlecht, dass drei Viertel aller alteingessenen Dänischtürken die Rückkehr in die Türkei erwägen. Die Dansk Folkeparti ist wohl momentan die stärkste fremdenfeindliche Partei in Westeuropa. In Umfragen lag sie zuletzt bei rund 20 Prozent.

Nun befürchten die Muslime, dass das ohnehin angespannte gesellschaftliche Klima für sie nach den Mordattentaten des palästinensisch-stämmigen Dänen, Ex-Häftlings, und Homegrown-Terroristen weiter gelitten hat. „Ich glaube, wir werden uns weiter voneinander entfernen“, sagt die 26-jährige Zelal Kara. Ihre Familie habe Angst, dass die Vorurteile gegen Muslime wegen der Tat des Terroristen zunehmen werden. „Dänemark ist mein Land“, sagt die 34-jährige Maryam Hussain - und fürchtet trotzdem, künftig anders behandelt zu werden.

Ein gutes halbes Jahr vor den Parlamentswahlen muss die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt nicht nur die innere Sicherheit auf den Prüfstand stellen, sondern auch ihre Fähigkeiten als ausgleichende Landesmutter unter Beweis stellen. Gelingt es ihr nicht, das politische Klima wieder zu besänftigen und ein weiteres Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern, könnten die Rechtspopulisten der große Nutznießer sein. Beobachter mutmaßen außerdem, dass Thorning-Schmidt je nach der Entwicklung der Umfragewerte die Gelegenheit nutzen und bald Wahlen ausrufen könnte.

Mit dpa

zur Startseite

von
erstellt am 18.Feb.2015 | 18:03 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert