Gaza-Krieg : Israel reagiert mit Artilleriebeschuss auf Raketenangriff

Die UN fordert eine „sofortige und bedingungslose humanitäre Waffenruhe“ zwischen Israel und der Hamas. Doch auf beiden Seiten gibt es noch zu viele Befürworter von Gewalt.

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28. Juli 2014, 08:00 Uhr

Tel Aviv | Israel hat einen Raketenangriff aus dem Gazastreifen am Montag mit Artilleriefeuer beantwortet. Der Abschussort in Beit Lahia im nördlichen Teil des Palästinensergebiets sei beschossen worden, bestätigte eine israelische Armeesprecherin in Tel Aviv. In der Nähe der Küstenstadt Aschkelon war zuvor eine einzelne aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete eingeschlagen. Es sei der erste Raketenangriff seit kurz vor Mitternacht gewesen, sagte die Sprecherin. Israel habe seine Angriffe im Gazastreifen etwa um 20.30 Uhr eingestellt. Die Truppen setzten nur die Zerstörung der Tunnel der radikalislamischen Hamas fort.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat eine „sofortige und bedingungslose humanitäre Waffenruhe“ im Nahen Osten gefordert. Israelis und Palästinenser sollten die Kampfhandlungen einstellen, um humanitäre Hilfe möglich zu machen, hieß es in einer am frühen Montagmorgen in New York verlesenen Erklärung des Rates. Das mächtigste UN-Gremium war um Mitternacht (Ortszeit) zu einer eilig einberufenen Sondersitzung zusammengetreten, die allerdings nur wenige Minuten dauerte.

„Der Sicherheitsrat fordert die vollständige Beachtung des internationalen Rechts, einschließlich des Schutzes der Zivilbevölkerung, und wiederholt seine Forderung nach Schritten zum Wohlergehen der Zivilisten“, heißt es in dem Papier. Der Rat sei „tief besorgt“ wegen der Verschärfung der Lage und des Todes von Zivilisten. Er unterstützte zugleich die Friedensbemühungen Ägyptens, von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und den USA.

Der UN-Vertreter der Autonomiebehörde, Rijad Mansur, wiederholte seine Forderung nach einem „Schutz durch die Vereinten Nationen“ für die Palästinenser. „Israel, ein anderer Staat, bedroht uns und tötet unsere Kinder. Es ist die Pflicht der Weltgemeinschaft, uns vor diesem Aggressor zu schützen“, sagte er nach der Sitzung.

Israels UN-Botschafter Ron Prosor sagte, die radikal-islamische Hamas greife Schulen, Busse und Cafés an. „Der Terror ist vor unserer Haustür.“ Die Palästinenser würden Milliarden aus Steuergeldern der westlichen Welt erhalten. „Aber sie nutzen es nicht für Bildung und Krankenhäuser, sondern für Terror gegen Israel und auch andere westliche Staaten. Der Westen finanziert Terror gegen sich selbst mit.“ Israel habe nichts gegen die Palästinenser. „Aber wir haben etwas gegen die Hamas, die das eigene Volk jeden Tag als Schutzschild missbraucht.“

Die Einwohner des Palästinensergebiets stehen unterdessen fassungslos vor den Trümmern ihrer Existenz. „Es sieht aus wie nach einem schweren Erdbeben“, sagt der 38-jährige Salman Abu Ajwa am Sonntag. Während einer Feuerpause hat er die Überreste seines Hauses im Viertel Sadschaija im Osten von Gaza-Stadt begutachtet. „Alles in dem Viertel ist total zerstört.“ Sanitäter hätten vor seinen Augen die Leiche seines Nachbarn aus den Trümmern gezogen.

Die Zahl der Toten im Gaza-Krieg ist schon auf weit über 1000 gestiegen, doch ein Ende des Blutvergießens zeichnet sich nicht ab. Die internationalen Verhandlungen über eine dauerhafte Waffenruhe zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas gestalten sich extrem schwierig und verliefen bislang ohne Erfolg.

Der 26-jährige Chaled Salah, ein Hamas-Anhänger aus Gaza, sagt am Sonntag, nach all den Verlusten könne der Kampf doch nicht einfach aufhören. „Der bewaffnete Widerstand muss weitergehen, bis die Forderungen unseres Volkes erfüllt werden.“ Die Hauptforderung der Hamas ist eine Aufhebung der Blockade des Gazastreifens.

Die 28-jährige Hind Schaaban hat dagegen genug von dem blutigen Schlagabtausch. Israel sei den Palästinensern ohnehin hoffnungslos überlegen, erklärt sie. „Genug ist genug, ich finde, die militanten Kämpfer in Gaza sollten diplomatischer sein, ihre Forderungen einschränken und den Sieg erklären“, sagt die Mutter dreier Kinder.

Mit jedem weiteren Kampftag wächst die internationale Kritik an Israel, die grausigen Bilder getöteter palästinensischer Zivilisten spielen dabei der Hamas in die Hände. Besonders rechtsorientierte israelische Minister üben jedoch starken Druck auf Regierungschef Benjamin Netanjahu aus, einer Waffenruhe noch nicht zuzustimmen.

Israel sieht die Tunnel im Gazastreifen als strategische Bedrohung seiner Sicherheit. Der Geheimdienst wirft der Hamas sogar vor, zum jüdischen Neujahrsfest im September einen „Mega-Anschlag“ geplant zu haben. Demnach sollten in einer Kommando-Aktion Hunderte von Hamas-Kämpfern gleichzeitig durch die Tunnel nach Israel stürmen und in den Grenzorten soviel wie möglich Menschen töten oder entführen. Es ist schon die Rede von „Israels 9/11“. Echte Beweise für dieses Horror-Szenario wurden allerdings bisher nicht vorgelegt.

Tatsache ist, dass Hamas-Kämpfer schon mehrere Anschläge durch die Tunnel verübt haben. Deshalb will das Militär dringend mehr Zeit, um dem „Prestigeprojekt“ der Hamas möglichst viel Schaden zuzufügen. „Je länger wir bleiben, desto mehr Tunnel werden wir finden“, sagte Oberst Atai Schelach am Sonntag. Er ist aber auch realistisch. „Wir werden nicht alle finden. Und in dem Moment, in dem wir wieder abziehen, werden sie wieder anfangen zu graben.“

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