Dschihadisten-Prozess in Niedersachsen : IS-Terror: Haben Wolfsburger im Krieg gemordet?

Zwei junge Männer aus der Autobauer-Stadt stehen wegen ihrer Beteiligung an den Gräueltaten der Terroristen im Nahen Osten ab Montag vor Gericht.

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30. Juli 2015, 17:22 Uhr

Wolfsburg | Ausgerechnet Wolfsburg: Die Autobauer-Stadt gilt mit ihrer internationalen Bevölkerung als Beispiel für die gelungene Integration tausender Arbeiter aus dem Ausland - und ist zugleich seit langem ein Zentrum radikaler Islamisten in Niedersachsen.

Die niedersächsischen Behörden haben seit Wolfsburg seit Jahren als ein Zentrum radikaler Islamisten im Visier. In Wolfsburg sind den Sicherheitsbehörden etwa 30 bis 40 Personen mit Bezug zum Kampfgeschehen in Syrien und dem Irak bekannt - Menschen, die nach dorthin ausreisen wollen, dies bereits getan haben oder dafür werben oder dies logistisch unterstützen. Neben den beiden nun angeklagten mutmaßlichen Unterstützern der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) geriet Ende vergangenen Jahres ein weiterer mutmaßlicher Dschihadist aus Wolfsburg ins Visier der Justiz. Dem 29-Jährigen wurde am Flughafen Hannover die Ausreise in die Türkei verweigert. Der Mann soll neben einer großen Menge Bargeld auch eine Drohne im Gepäck gehabt haben. Die Behörden vermuten, dass der Mann sich in Syrien dem IS anschließen wollte. Schon 2007 fiel ein deutsch-tunesischer Jugendlicher aus Wolfsburg den Fahndern auf, weil er für die „Sauerland-Gruppe“ Zünder aus der Türkei nach Deutschland geschmuggelt haben sollte.

Mindestens 20 der über 700 deutschen Dschihadisten, die sich nach Syrien und den Irak begeben haben, um die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zu unterstützen, kommen aus Wolfsburg. Nach der Rückkehr in ihre Heimat im Sommer 2014 wurden zwei von ihnen festgenommen. Von Montag an wird ihnen wegen der Unterstützung des IS in Celle der Prozess gemacht. Dem Duo drohen einige Jahre Haft.

Warum sich ausgerechnet die VW-Stadt, in der Integration täglich gelebt wird, zu einem Zentrum für junge radikale Islamisten entwickelt hat, ist noch offen. Denn Wolfsburg ist anders als andere Städte wohlhabend. Der Autobauer hat hier seinen Sitz.

Die Stadt bietet für seine rund 125.000 Einwohner überdurchschnittlich viel: Es gibt ein renommiertes Kunst- und ein Wissenschaftsmuseum sowie die Autostadt, eine Art Freizeitpark von Volkswagen. Die Festnahme von einem der zwei mutmaßlichen Dschihadisten erfolgte denn auch nicht in einem tristen Vororthochhaus, sondern in einer Straße mit Einfamilienhäusern im Stadtteil Reislingen.

Als Gebetshaus für türkisch- und tunesischstämmige Muslime, meist der älteren Generation von VW-Arbeitern, beschreibt der Landesvorsitzende der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), Yilmaz Kilic, die Moschee beim Bahnhof. Dort soll laut Bundesanwaltschaft ein IS-Mitglied die beiden Männer rekrutiert haben, die nun vor Gericht kommen. „Die Radikalen klappern meist bestehende Moscheen ab, mit dem Versuch, sich dort zu festigen.“

Dies sei es auch bei der radikalen Clique der Fall gewesen, die zunächst in der arabischen und später der Ditib-Moschee Hausverbot erhielt. Eine ganz normale Moschee, sagt auch der Verfassungsschutz, der das Gotteshaus nicht unter Beobachtung hatte. „Dem äußeren Anschein nach war dies ein ganz normaler jugendlicher Freundeskreis, sie kamen zum Gebet und unterhielten sich untereinander“, so Kilic. Erst nach Hinweisen gab es ein Hausverbot.

Der Annahme, dass sich die Radikalisierung quasi unbemerkt in dem ansonsten unspektakulären Wolfsburg abspielte, widerspricht Kilic. „Der letzte Stand der Dinge ist, dass schon vor Bekanntwerden der Terrorzelle diesbezüglich Gespräche mit der Stadt, dem Bürgermeister, Landeskriminalamt und Verfassungsschutz geführt wurden.“

Das Landeskriminalamt widersprach Medienberichten, nach denen sich Angehörige wegen der drohenden Abreise von einem der Männer an das LKA gewendet hätten, die Behörden die Ausreise aber nicht verhindert hätte. Laut LKA gab es lediglich einen mündlichen Hinweis auf eine mögliche Ausreise. Da der Hinweisgeber den Kontakt abbrach, hätten die Behörden zu wenig belastbares Material für einen Passentzug in der Hand gehabt.

Was aber ist das Profil der Islamisten „made in Germany“, die in Krisengebiete aufbrechen, aus denen die örtliche Bevölkerung zu Hunderttausenden flieht? Besonders anfällig für islamischen Extremismus seien junge Muslime, denen ein männliches Leitbild fehle, sagte kürzlich der Geschäftsführer des Landespräventionsrates, Erich Marks.

Für den Geschäftsführer des Islamischen Kulturzentrums Wolfsburg, Mohamed Ibrahim, könnten die Gründe für eine Radikalisierung unter anderem Perspektivlosigkeit, Ausgrenzung und Langeweile sein. „Aber eine genaue Begründung dazu kann ich Ihnen nicht liefern“, sagte er nach den Berichten zur Terrorzelle.

„Wir hatten mit Religion nichts zu tun“, beteuerte einer der Angeklagten in einem in der Untersuchungshaft geführten Interview mit NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Ein „falscher Prediger“ sei gekommen und habe Druck aufgebaut. „Wie kannst Du in Ruhe schlafen, also in der Wärme mit Heizung, wo junge Muslime gerade verhungern oder Frauen vergewaltigt werden?“, soll er gefragt haben. Der Mann machte demnach auch Versprechungen: Von teuren Autos und vier Frauen gleichzeitig sei die Rede gewesen.

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