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„Katastrophe für Kulturerbe der Menschheit“ : IS-Miliz zerstört historische Stadt Nimrud – Unesco-Chefin entsetzt

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Der Terrormiliz Islamischer Staat kennt auch in Kulturfragen keine Gnade. Erneut zertrümmern die Extremisten im Irak einzigartige altorientalische Kulturgüter. Fachleute sind schockiert.

Paris | Die assyrische Stadt Nimrud hat über die Jahrtausende viele stürmische Zeiten erlebt. Einst war die altorientalische Metropole im Norden des heutigen Iraks Zentrum eines Reiches, dessen Macht bis ans Mittelmeer reichte. Prächtige Paläste standen hier, bewacht von Torhüterfiguren aus Stein, Stiere mit Flügeln und Köpfen von Menschen. Fast 3000 Jahre ist das her. Vieles davon hat bis heute überlebt - trotz unzähliger Kriege und Katastrophen. Nun aber könnte dieses einmalige Kulturerbe verschwinden. Und zwar für immer.

Die Unesco hat die Zerstörung der einzigartigen historischen Stadt Nimrud im Nordirak durch die Terrormiliz Islamischer Staat als „Kriegsverbrechen“ verurteilt. Dieser neue Angriff rufe in Erinnerung, dass die im Irak wütende kulturelle Säuberung nichts und niemanden ausspare, erklärte Unesco-Chefin Irina Bokowa am Freitag in Paris. Sie forderte die Verantwortlichen in der Region auf, „sich gegen diese neue Barbarei zu erheben“.

Der IS hatte am Donnerstag laut des irakischen Altertumministeriums die Jahrtausende alte Stadt Nimrud überrannt. Demnach begannen IS-Anhänger damit, die antike Stätte mit schwerem Gerät zu zerstören. Die irakische Nachrichtenseite Al-Mada zitierte Augenzeugen, der IS habe die Zerstörung etwa seit einer Woche vorbereitet.
Erst Ende Februar hatten die Dschihadisten ein Video veröffentlicht, das die Zerstörung assyrischer Kulturgüter zeigt. So zertrümmerten sie Statuen im Museum Mossul und eine einzigartige assyrische Torhüterfigur, die mehr als 2600 Jahre alt ist. In dem Video erklärt ein IS-Anhänger, die Statuen hätten der Vielgötterei gedient. Die Sunnitenmiliz beruft sich dabei auf eine Interpretation des Islams, die die bildliche Darstellung von Menschen und Gott verbietet.


Ein Video der Terrormiliz zeigt, wie IS-Anhänger im Museum der Stadt Mossul (Irak) bedeutende Bildwerke aus der Antike zertrümmern.
Ein Video der Terrormiliz zeigt, wie IS-Anhänger im Museum der Stadt Mossul (Irak) bedeutende Bildwerke aus der Antike zertrümmern. Foto: dpa

Nimrud ist eine bedeutende assyrische Ruinenstätte knapp 40 Kilometer südlich der IS-Hochburg Mossul. Die historische Stadt wurde um 1270 v. Chr. gegründet und war zeitweilig die Hauptstadt Assyriens. Der Name der Stadt leitet sich vom biblischen König Nimrod ab. Beim Untergang des Reiches wurde Nimrud 612 vor Christus zerstört. Im 19. Jahrhundert wurde es von britischen Archäologen wiederentdeckt.

Im Juli 2003 präsentierte das Nationalmuseum in Bagdad der Weltöffentlichkeit erstmals den Goldschatz von Nimrud, eine Prachtsammlung von 3000 Jahre alten assyrischen Goldgegenständen. Die von einem irakischen Archäologen zwischen 1988 und 1992 ausgegrabenen Goldarbeiten waren zuvor in einem Banksafe gelagert. Der einzigartige Schatz blieb von den Plünderungen verschont, denen im Gefolge der US-Invasion Tausende Kunstgegenstände im Irak zum Opfer fielen.

Der Berliner Altorientalist Markus Hilgert nannte die neueste IS-Tat eine „Katastrophe für das Kulturerbe der Menschheit“. Die Zerstörung in Nimrud sei „noch eine Steigerung gegenüber dem, was in Mossul geschehen ist“, sagte der Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin. „In Nimrud wird auch der archäologische Kontext zerstört, der viel über die Fundstücke erzählt und ihnen erst ihre Bedeutung gibt.“

Auch der höchste schiitische Geistliche im Irak, Großajatollah Ali al-Sistani, verurteilte die Zerstörung. Sie sei ein weiterer Beweis für die Brutalität des IS und seiner Feindschaft zum irakischen Volk, erklärte er in seiner Freitagspredigt in Kerbela.

Die neuesten Taten der Islamisten seien ein Weckruf an die internationale Gemeinschaft, erklärte Hilgert. „Wenn nichts getan wird, dann ist das einmalige Kulturerbe im Irak und auch in Syrien in zehn oder 15 Jahren verschwunden.“ Auch Unesco-Chefin Bokowa erklärte, angesichts dieser Taten dürfe niemand schweigen. Nach der ersten Zerstörung altorientalischer Kulturgüter durch den IS Ende Februar hatte sie bereits eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates verlangt und sich an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gewandt.

Doch was tun? Die Regierung in Bagdad ist hilflos. Große Gebiete im Norden und Westen des Landes stehen unter Kontrolle des IS, darunter Stätten wie die Wüstenstadt Hatra, die zum Weltkulturerbe der Unesco zählt. Für Archäologen sind die Gebiete unter IS-Herrschaft unzugänglich, erst recht, wenn sie die Stätten retten wollen. So reagiert Iraks Regierung mit Symbolik: Nach der ersten Zerstörung historischer Güter in Mossul ließ sie am vergangene Wochenende nach zwölf Jahren das Nationalmuseum in Bagdad wiedereröffnen.

Ministerpräsident Haidar al-Abadi schwor, die Verantwortlichen für die Zerstörung würden bestraft - laute Worte, denen er kaum Taten folgen lassen kann. Und selbst wenn die Täter eines Tages geschnappt werden sollten, könnte es für viel Kulturgüter schon zu spät sein.

Zehntausende archäologische Stätten gibt es noch immer im Irak. Sie mussten ohnehin viel mitmachen im Lauf der Zeit. Seit dem Ausbruch des blutigen Konflikts mit dem Iran 1980 hat der Irak fast nichts anderes erlebt als Kriege, Krisen und Sanktionen. Die historischen Stätten sind diesem Unheil schutzlos ausgeliefert.

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erstellt am 06.Mär.2015 | 12:11 Uhr

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