Islamisten vor Bagdad : Irak berät nach Isis-Vormarsch über Notstand

Schwer bewaffnet rücken Isis-Islamisten immer näher an Bagdad heran. Die Organisation Islamischer Staat im Irak und in Syrien gehört zu den radikalsten Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum. Das Auswärtige Amt rät Deutschen zur Ausreise.

shz.de von
12. Juni 2014, 08:04 Uhr

Mossul/Bagdad | Angesichts des Vormarsches radikaler Islamisten berät das irakische Parlament heute über die Verhängung des Notstandes. Ministerpräsident Nuri al-Maliki hat diesen Schritt eingefordert. Damit bekäme der umstrittene schiitische Regierungschef mehr Befugnisse, um in den Konflikt mit den radikalsunnitischen Aufständischen einzugreifen. Zudem habe Bagdad Washington um Luftunterstützung bei der Bekämpfung der Extremisten gebeten, bestätigten US-Beamte dem Fernsehsender NBC News am Mittwoch (Ortszeit). Beim Sender CNN hieß es, die USA schätzten die Lage als äußerst akut ein und überlegten, welche zusätzliche Hilfe geleistet werden könnte.

Viele Sunniten fühlen sich benachteiligt durch die schiitisch dominierte Regierung. Schon nach dem Abzug der Amerikaner im Dezember 2011 hatte eine Welle der Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten den Irak erschüttert. Innerhalb weniger Stunden bewegten sich Isis-Kämpfer von Nordwesten her in Richtung Bagdad. Der Vormarsch löste international Entsetzen und Besorgnis aus. Laut Staatsfernsehen verbuchten die Regierungstruppen bei einer Gegenoffensive Erfolge.

Isis-Kämpfer hatten am Dienstag zunächst die nordirakische Millionenmetropole Mossul nahezu kampflos eingenommen. Im Verlauf des Mittwochs drangen die Isis-Truppen bis Samara vor, rund 130 Kilometer nördlich von Bagdad. Unterwegs wurden die Regionen Ninive, Anbar und Salah ad-Din erobert.

Widersprüchliche Angaben gab es am Mittwochabend zu Baidschi und Tikrit. Das Staatsfernsehen berichtete von der Rückeroberung der strategisch wichtigen Städte durch Regierungstruppen. In anderen Medien hatte es zuvor geheißen, die Orte seien von den Aufständischen besetzt worden.

In Mossul flohen rund 500.000 Menschen vor den Extremisten. Sie hätten ihre Wohnhäuser aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen verlassen, teilte die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Genf mit. Durch Kämpfe habe es unter der Zivilbevölkerung „eine hohe Zahl von Opfern“ gegeben.

Die Isis ist eine der radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Als „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ kämpft die Gruppe für einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat.

Al-Maliki nannte Berichte über das Vordringen der Gruppe „Verschwörungen und Falschmeldungen“. Die Armee sorge für eine Stabilisierung der Region. Al-Maliki regte zudem die Bildung einer neuen Brigade aus Soldaten und Zivilisten an, die die Terroristen zurückschlagen soll, wie die Nachrichtenseite „Al-Sumaria News“ den Ministerpräsidenten zitierte. Auch die unabhängigen kurdischen Truppen im Norden des Landes, die „Peschmerga“, forderte Al-Maliki auf, bei der Gegenwehr zu helfen.

In Mossul stürmten die Rebellen das türkische Konsulat und nahmen zahlreiche Geiseln. Der türkische Außenminister Ahmed Davutoglu warnte die Extremisten davor, ihren Gefangenen etwas anzutun. Niemand solle die Stärke der Türkei auf die Probe stellen, sagte Davutoglu am Mittwochabend. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte die sofortige Freilassung der Geiseln. Eine solche Attacke könne unter keinen Umständen gerechtfertigt werden, sagte er.

Das Auswärtige Amt hat Deutsche nach dem Vormarsch der Terrorgruppe zur sofortigen Ausreise aus den irakischen Provinzen Ninive, Anbar und Salah ad-Din aufgefordert. Wie das Ministerium auf seiner Internetseite mitteilte, sei dort „mit bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Terroristen, den irakischen Sicherheitskräften und Milizen sowie mit schweren Anschlägen zu rechnen.“
zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen