Nach Rückruf von Algensalat : Immer mehr Hepatitis-E-Infektionen – oft lauert die Gefahr in der Wurst

<p>Das Institut für Risikoforschung testete 120 Roh- und Leberwürste – in jeder fünften wurde das Genom des Hepatitis-E-Virus gefunden.</p>

Das Institut für Risikoforschung testete 120 Roh- und Leberwürste – in jeder fünften wurde das Genom des Hepatitis-E-Virus gefunden.

Die Krankheit wird auch in SH immer häufiger diagnostiziert. Der Erreger findet sich vor allem im Schweinefleisch.

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18. Mai 2018, 19:57 Uhr

Berlin | Am Freitag wurde bekannt, dass der Discounter Lidl einen Meeralgensalat zurückgerufen hat. In einer Packung des Produkts wurden Hepatitis-E-Viren nachgewiesen. Eine Krankheit, die bisher nur wenig bekannt ist – obwohl auch in Schleswig-Holstein die Zahl der nachgewiesenen Infektionen in den letzten zehn Jahren stetig angestiegen ist. Die Erreger lauern dabei hierzulande vor allem in Schweinefleisch.

20 Prozent der Würste kontaminiert

In Deutschland sowie in mehreren Ländern Europas und Nord­ameri­kas komme in erster Linie der Genotyp 3 des Virus vor. Er werde über Wild- und Hausschweine übertragen – also etwa durch den Verzehr von Fleisch. Auch Jäger, die beim Ausweiden in Kontakt mit Blut kommen, sind gefährdet, warnt Mirko Faber vom Robert-Koch-Institut.

Eine Studie des Instituts für Risikoforschung habe ergeben, dass bis zu 20 Prozent der Roh- und Leberwürste kontaminiert seien, so der Epidemiologe. „Getestet wurden 120 Würste. In jeder fünften fand man zumindest das Genom des Hepatitis-E-Virus – auch wenn das nicht zwingend heißt, dass dieses noch infektiös ist. Die Tests werden dahingehend noch verbessert.“

Faber vermutet, dass der Erreger aus dem Algensalat aus einem exotischen Land stamme. Dort komme der Genotyp 1 vor, der im wesentlichen über verunreinigtes Wasser übertragen werde. Im Gegensatz zum Typ 3 sei diese Variante auch von Mensch zu Mensch übertragbar. „Das Wasser könnte natürlich aber auch mit Schweinefäkalien verunreinigt gewesen sein.“

Bewusstsein für die Krankheit steigt

Bundesweit steigt die offizielle Zahl an Infektionen mit Hepatitis E. Waren es im Jahr 2001 noch zwei diagnostizierte Fälle, lag die Zahl 2017 schon bei 85 Erkrankten. Deutschlandweit wurden in diesem Zeitraum insgesamt mehr als 9000 Infektionen mit dem Hepatitis-E-Virus registriert.

„Früher dachte man, dass es die Krankheit nur in den Tropen gibt. Doch dann merkte man, dass sie auch in unseren Breiten vorkommt. Seitdem wird entsprechend mehr getestet“, nennt Faber einen Grund für den Anstieg.

Anzahl Fälle 2001 2005 2010 2015 2017 2018 bis März Gesamt seit 2001
Schleswig-Holstein 2 3 10 34 85 20 266
Hamburg 2 - 8 29 28 4 157
Bundesweit 31 54 222 1265 2943 520 9226

Quelle: Robert Koch-Institut

Die Dunkelziffer liege jedoch sehr wahrscheinlich weitaus höher. Denn in vielen Fällen verlaufe die Infektion ohne Symptome – und nicht jedes Mal werde darauf getestet. „Vor allem Menschen mit geschwächtem Immunsystem haben ein erhöhtes Risiko ernsthafter zu erkranken“, so der Experte. 32 Todesfälle seien bisher für Deutschland gemeldet worden. „Auch wenn das vermutlich eine Unterschätzung ist – Todesfälle durch Hepatitis E sind selten.“

Schleichende Zerstörung der Leber

Die Symptome der Erkrankung seien unabhängig vom jeweiligen Genotyp recht ähnlich und erinnerten an andere Hepatitisformen: Gelbsucht, Dunkelfärbung des Urins, Entfärbung des Stuhls, Fieber und/oder Oberbauchbeschwerden. Auch Müdigkeit und Appetitlosigkeit können auftreten.

Meist verlaufe eine Hepatitis-E-Erkrankung akut – sie könne aber auch chronisch sein und damit weitgehend symptomfrei bleiben. „Das kann dann zu einer schleichenden Zerstörung der Leber führen“, so Faber.

Risiko in Roh- und Brühwürsten

Der Experte fordert deshalb noch mehr Kontrollen bei Wurstprodukten. Da das Virus recht unweltresistent sei, müsste bei der Zubereitung zudem auf eine ausreichende Erhitzung geachtet werden. „Bei 70 Grad mindestens 20 Minuten, oder eben höhere Temperaturen.“ Jäger könnten sich zudem durch das Tragen von Handschuhen schützen.

Weitere Informationen über Hepatitis E

Dauer der Ansteckungsfähigkeit

Das Virus kann im Stuhl etwa eine Woche vor bis vier Wochen nach Beginn der Gelbsucht nach­ge­wiesen werden.

Im Falle von chronischen Infektionen muss davon aus­ge­gan­gen werden, dass das Virus ausgeschieden wird, solange die Infektion besteht.

Therapie

Die akute Hepatitis E bedarf bei immun­kompe­tenten Personen in der Regel keiner oder allenfalls sympto­ma­tischer Behandlung.

Bei bestehender Leber­vor­schädigung besteht ein erhöhtes Risiko eines fulminanten Verlaufs. Dies gilt auch bei bestehender Schwanger­schaft, wenn die Möglich­keit einer Genotyp 1-Infektion besteht.

Bei chronischer HEV-Infektion sollte eine Virus­elimination angestrebt werden, um eine verlängerte Ausscheidungs­dauer und weitere Zerstörung des Leber­paren­chyms zu verhindern.

Eine Lebertransplantation ist zurzeit die einzige Behandlungs­option bei Leber­ver­sagen im Rahmen eines fulminanten Verlaufs einer Hepatitis E.

Prävention

Ein Impfstoff gegen die Hepatitis E ist in China zugelassen und verfügbar, steht in Europa aber nicht zur Verfügung.

In Deutschland und anderen Ländern mit Vorkommen des Genotyps 3 und 4 sollten Produkte von Schwein und Wild (z.B. Wildschwein, Reh und Hirsch), insbesondere Innereien, nur durchgegart verzehrt werden. Das Durchgaren bzw. Erhitzen auf ≥ 71°C über mindestens 20 Minuten inaktiviert das Virus.

Bei Reisen in Gebiete mit endemischer Verbreitung des Genotyps 1 oder 2 sollten die allgemeinen Regeln zur Vermeidung von lebensmittelbedingten Infektionen beachtet werden:

  • nicht abgekochtes Leitungswasser und damit hergestelltes Eis für Getränke nach Möglichkeit meiden
  • kein Verzehr von rohen oder nicht ausreichend erhitzten Speisen
 
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