Folk trifft auf Klassik : Im Spannungsfeld musikalischer Sprachen

Im steten Dialog: 'Tears For Beers'-Geiger Stefan Baumann und Orchesterleiter Klaus Volker Mader (re). Fotos: Staudt
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Im steten Dialog: "Tears For Beers"-Geiger Stefan Baumann und Orchesterleiter Klaus Volker Mader (re). Fotos: Staudt

Die Folkband "Tears For Beers" spielt zur Kieler Woche zusammen mit dem Kieler Uni-Orchester auf der Krusenkoppel-Bühne. Das Konzert wird als Livestream auf shz.de übertragen. Derzeit laufen die Proben.

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20. Juni 2009, 12:57 Uhr

Kiel | Abends in einem Essenssaal der Uni-Mensa I. Orchesterleiter Klaus Volker Mader hat sich einen exponierten Platz gebastelt. Zwei Esstische zusammen gestellt, ein Stuhl als Tritt, zwei Stühle oben. Auf dem einen dirigiert er in Socken und T-Shirt, der andere dient als Noten-Ablage. Mader schüttelt den Kopf, bricht mitten im Song ab. Der Trommler - zu laut: "Das Problem ist, wir hören von uns nix mehr", konstatiert er ironisch liebenswürdig. "Tears For Beers"-Schlagwerker Christian Belau gelobt untertänigst Besserung: "Ich versuche, so leise wie möglich zu spielen". Nicht die einzige Hürde im Zusammenwirken, die mit Humor genommen wird.
Denn die Folkband "Tears For Beers" und das Kammerorchester der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel wagen ein Experiment. Am 21. Juni werden sie zur Kieler Woche gemeinsam 13 Songs der im Norden bekannten Kieler Folk-Barden auf der Krusenkoppel-Bühne präsentieren (20 Uhr). Fünf gemeinsame Proben gibt es dafür, dies ist die dritte - und es muss deutlich hörbar noch viel am Repertoire gefeilt werden. Nächster Knackpunkt: Ein Geigenpart erklingt reichlich schief, die Akzentuierung fehlt fast völlig. "Unangenehm aber schön", lobt der Orchesterleiter trocken seine Streicher, umreißt ihnen die Lage und lässt den Part wiederholen. Noch während der Probe tröpfeln einige Nachzügler herein, entpacken ihr Instrument und huschen an ihren Platz.
"Wir wollten einfach etwas ganz besonderes machen"
"Tears For Beers"-Geiger Stefan Baumann steht die meiste Zeit direkt neben Maders bizarrem Thron - zwecks kurzem Kommunikationsweg. Baumann hatte die Idee für das Projekt. "Wir spielen jetzt das zehnte Jahr in Folge zur Kieler Woche auf der Krusenkoppel, das ist ein Klassiker, da wollten wir einfach etwas ganz besonderes machen", erzählt er in der Probenpause und verweist auf prominente Fusionen dieser Art wie etwa von Metallica oder den Scorpions. Zusammen mit Bassist Dimitar Bonev hat Baumann 13 Songs der Band, deren Stil sich kurz als eine Mischung von irischen Traditionals mit rockigen Elementen beschreiben lässt, orchestriert.
"Das war ein extrem großer Aufwand, seit letztem Herbst bestimmt 300 Stunden, es sind insgesamt 2187 Seiten Noten dabei herausgekommen", so Baumann, "aber ich will einfach wissen, ob das mit unserem Zeug funktioniert." Noch bevor er sich an die Arbeit machte, hatte er kurzerhand Klaus Volker Mader angerufen und ihm seinen Vorschlag unterbreitet. Der leitet das Orchester der CAU seit der Gründung 1980 - und hat noch nie mit einer Band zusammen gespielt: "Das ist für uns eine ganz besondere Herausforderung, eine ganz andere Art zu musizieren, als wir es gewohnt sind", sagt Mader. Bei Tears For Beers etwa spielen die Noten keine Rolle. Mader: "Wenn ich dem Orchester sage: Fangt an bei Takt 41, heißt das für die Band übersetzt das ist vier Takte vor Beginn der 2. Strophe". Umgedreht ist das Orchester normalerweise nicht an ein Metronom gebunden, "aber bei uns muss alles im konstanten Tempo gespielt werden", so Baumann.
Trotz der Unterschiede, Band und Orchester gehen zuversichtlich und mit sichtbar viel Spaß zu Werke, freuen sich auf das Konzert - und blicken sogar schon in die Zukunft. Mader: "Bei dem Aufwand, den wir betreiben, könnte ich mir im Falle eines Erfolgs gut vorstellen, damit noch ein weiteres Mal aufzutreten." Vielleicht zum Doppeljubiläum, dem 20-jährigen Bestehen der Band und dem 30-jährigen des Orchesters im kommenden Jahr.

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