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Deutschland & Welt

24. Oktober 2017 | 07:00 Uhr

Erfindungen : Ideenloser Norden

vom

Immer wieder gelingt Unternehmen aus Schleswig-Holstein mit ihren Erfindungen eine kleine Revolution. Doch im Vergleich hinkt SH bei seiner Innovationskraft vielen anderen Bundesländern deutlich hinterher.

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2013 | 08:57 Uhr

Kiel/Lübeck | Die Idee zum Echolot stammt aus Schleswig-Holstein - vom Kieler Physiker Alexander Behm, der 1913 für sein Gerät zur Bestimmung der Meerestiefe ein Patent anmeldete. Der Lübecker Rudolf Baader entwickelte einige Jahre später die erste Köpf- und Entgrätungsmaschine für Fische, der Erfinder Rudolf Hell wiederum gilt heute als Vater des Fax-Geräts. Und als vor knapp drei Jahren die Kieler Firma Raytrix die weltweit erste Lichtfeldkamera (Foto) auf den Markt brachte, war auch das eine technische Revolution - und ein weiteres Beispiel für Innovationen "made in SH".
"Sie können ein Bild machen, ohne sich überlegen zu müssen, worauf sie fokussieren", beschreibt Lennart Wietzke, neben Christian Perwaß einer der beiden Gründer von Raytrix, das Prinzip. Die theoretischen Grundlagen dieser Art von Fotografie, die auch 3-D-Aufnahmen mit nur einer Kamera ermöglichen, sind zwar nicht neu. Bereits 1908 stellte der Physiker Gabriel Lippmann seine Überlegungen dazu in Frankreich vor. Die kommerzielle Umsetzung ließ jedoch aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten bis zu der Entwicklung aus Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt auf sich warten.

569 Patentanmeldungen im Jahr

Am 4. Dezember 2009 wurde das Patent für die neuartige Kamera beantragt. Eines von 569 Patenten, die nach Unterlagen des Bundespatentamtes in jenem Jahr aus Schleswig-Holstein kamen. Denn den früheren Erfindungen zum Trotz: Vergangenes Jahr wurden gerade einmal 516 Patente von Unternehmern und Firmen aus dem Norden angemeldet, 53 weniger als im Jahr der Patentanmeldung von Raytrix und gerade einmal 1,1 Prozent sämtlicher bundesweit im vergangenen Jahr beantragten Patente. Nach 486 Anmeldungen in 2011 ist es auch der zweitniedrigste Wert der vergangenen sechs Jahre. Nur in fünf anderen Bundesländern wurden zuletzt weniger Ideen patentrechtlich geschützt. Statistisch steht in Westdeutschland nur das Saarland schlechter da. Von den 50 aktivsten Unternehmen bei Patentanmeldungen stammte zuletzt kein einziges aus Schleswig-Holstein.
Aus Sicht von Experten kann das durchaus ein Alarmsignal sein. Denn neben anderen kann auch die Zahl der angemeldeten Patente zumindest auf nationaler Ebene als Gradmesser der Innovationskraft verstanden werden, wie auch Till Requate, bestätigt. Und der Wirtschaftswissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel warnt: "Eine Wirtschaft, die nicht innovativ ist, wird massiv hinten runterfallen."

Herausragende Leistung in der digitalen Welt

Raytrix’ Entwicklung ist innovativ. Das bescheinigte der Firma auch die Jury des Chip-Awards, mit dem herausragende Leistungen in der digitalen Welt ausgezeichnet werden. Das Votum der Jury über die Lichtfeldkamera: Es werde damit "die erste richtig digitale Dunkelkammer" realisiert. "Das ist die Technik von morgen", wie Wietzke selbst sagt, dessen Abnehmer vorallem in Industrie und Wissenschaft zu finden sind.
Seinen Sitz hat die Firma, die inzwischen 20 Mitarbeiter beschäftigt, im Kieler Kitz - einem Technologiezentrum, das sich nach eigener Darstellung als Durchlaufhitzer für junge Firmen wie ebene jene von Wietzke und Perwaß versteht. 14 solcher Zentren, die aus Bundes- und Landesmitteln gefördert werden, zählt Schleswig-Holstein zurzeit. Allein im Kitz, am Rande des Geländes der Kieler Uni, sind gegenwärtig neben Raytrix noch rund 50 weitere Firmen gemeldet. Neben der Unterbringung im Technologiezentrum und dem dortigen Kontakt mit anderen Gründern konnte Raytrix nach eigenen Angaben auch von der Förderung durch die Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein (WTSH) profitieren.

Der Staat muss nur den Wettbewerb schützen

Während die Politik beim Thema der innovativen Wirtschaft oft auf die Universitäten verweist, schränkt Requate diesen Punkt ein. "Die Nähe zu Universitäten kann sich positiv auswirken", sagt er zwar. "Ich würde das aber auch nicht überbewerten wollen." Als weitaus gewichtiger wertet er einen anderen Faktor. "Dem Wettbewerb ausgesetzt zu sein, ist ein starker Anreiz für Innovationen", sagt er. "Der Staat muss eigentlich nicht so viel machen. Er muss den Wettbewerb schützen."
Raytrix liefert, vier Jahre im Geschäft, seine Technik bereits in die ganze Welt. Besonders in Asien ist die Nachfrage Wietzke zufolge groß. Mitarbeiterzahl und Gewinn wuchsen zuletzt rasant. Ein Tempo, das Wietzke an anderer Stelle hingegen vermisst. "Deutschland ist sehr langsam, was neue Ideen angeht", sagt er. Fast zeitgleich mit ihnen habe ein Unternehmen in den USA eine Lichtfeldkamera entwickelt. Anders als die Tüftler aus Kiel gab es für das Unternehmen Lytro in Kalifornien eine kräftige Anschubfinanzierung von 50 Millionen US-Dollar. In Deutschland könne so etwas nicht erwartet werden. "Das ist ein anderer Boden hier", sagt Wietzke. Sein Urteil für die Bedingungen der Start-Up-Szene fällt dann auch, dem eigenen Erfolg zum Trotz, düster aus: "Für junge Unternehmer ist Deutschland nicht interessant."

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