zur Navigation springen

Von Hooligans und Salafisten : HoGeSa-Ausschreitungen: Die pure Lust auf Gewalt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ob Hooligans oder Salafisten: Es sind Männer, die gefühlte Unterlegenheit mit Brutalität kompensieren. Politik oder Religion dienen nur der Bemäntelung, findet Wolfgang Bok.

shz.de von
erstellt am 02.Nov.2014 | 13:54 Uhr

Keine Frauen! Das fällt als erstes auf, wer sich die Bilder der Gewaltexzesse anschaut, wie sie jetzt in der Kölner Innenstadt schockiert haben. Es sind fast ausnahmslos Männer, die sich nicht scheuen, am helllichten Tag inmitten einer belebten Großstadt Polizisten mit Feuerwerkskörpern, Flaschen und sogar Fahrrädern zu bewerfen. Eine etwa 30-köpfige Gruppe kippt auf offener Straße einen Polizeibus um – und der Mob um sie herum juchzt und applaudiert. 48 Beamte werden als verletzt gemeldet.

„Eine ganz komische Mischung“, nennt der Polizei-Gewerkschafter Arnold Plickert die etwa 4800 (Glatz)-Köpfe zählende Horde, die sich in der Domstadt unter dem Deckmantel des Demonstrationsrechtes zusammengerottet hat, um „gegen den radikalen Salafismus in Deutschland“ zu protestieren. Allerhand „Sicherheitsexperten“ analysieren nun sorgenvoll, dass sich „bislang unpolitische Hooligans mit Rechtsextremisten zu einem brandgefährlichen Gemisch verbünden“. Der Verfassungsschutz fürchtet ein „Aufschaukeln der Extremisten“ und weitere Straßenschlachten, wenn sich die angemeldeten „Demonstrationen“ der sogenannten „HoGeSa“ (Hooligans gegen Salafisten) in Hamburg, Berlin und weiteren Städten nicht unterbinden lassen.

Die gewalttätigen Aufmärsche, die seit geraumer Zeit quer durch die Republik an Brutalität gewinnen, haben nicht nur das Fehlen der Frauen gemein. Das Verbindende geht tiefer und ist nicht ohne bittere Ironie. Denn die selbst ernannten Gegner der Salafisten sind ihrem Feindbild ähnlicher als sie wahrhaben wollen. Die einen verkleiden sich mit Bärten und wallenden Gewändern. Die anderen tragen Kapuzenpullis und schwarze Shirts mit martialischen Aufschriften. Die wiederum sind den Linksautonomen nicht unähnlich. Man denke nur an die regelmäßigen „Gewaltfestivals“ zum 1. Mai. Auch bei Demonstrationen sind „Faschisten“ und „Antifaschisten“ mitunter kaum zu unterscheiden. Ob linker oder rechter „Schwarzer Block“ ist letztlich einerlei. Steine und Brandsätze fliegen aus beiden. Ihre Feindbilder sind wahlweise der Staat, die Polizei, die Medien, der Kapitalismus, die Globalisierung, die Amerikaner oder die Juden. Die Ultras der Islamisten subsumieren das alles unter der „Dekadenz des Westens“, die es rechtfertige, „Ungläubige“ zu bekämpfen.

Was den einen die Religion, ist den anderen der Religionsersatz namens Fußball. Beides sind geschützte Räume: Salafisten geben vor, nur für ihren Glauben einzutreten, was von unserer Verfassung besonders geschützt ist; Hooligans werden als eine Art folkloristische Begleiterscheinung des Ballsports verharmlost, weil sie in den Stadien für Stimmung sorgen und die Ränge füllen. Ihre Hassgesänge nimmt man hin wie ihre „Bengalos“.

Was diese Männer im Alter zwischen etwa 20 bis 50 Jahren verbindet, ist der Spaß an der Provokation, die Lust auf Randale, das Vergnügen an Zerstörung. Dafür gehen sie auf die Straße – und nicht um für Menschenrechte oder Religionsfreiheit einzutreten. Doch woher kommt diese Wut? Es ist ja nicht so, dass nun die Unterdrückten rebellieren. Hier erheben sich nicht die Obdach- oder Arbeitslosen. Selbst die hiesigen Salafisten nutzen gerne die Annehmlichkeiten der westlichen Dekadenz, die sie zugleich zum Feind erklären. Und von den Hooligans weiß man, dass sich bei ihnen nicht zu allererst die Randständigen zusammenfinden. Fan-Forscher sprechen vielmehr von „erlebnisorientierten Gewalttätern“. Sie kommen oft genug aus der Mittelschicht. Gehen die Woche über ihrem geregelten Jobs nach, um am Wochenende dem Rausch der Gewalt zu erliegen. Fußball und Mannschaftskult sind dabei meist nur die Schmiermittel, um der Verrohung einen gemeinschaftlichen oder gar „gottgewollten“ Grund zu geben.

Mit Blick auf radikale Islamisten sprich Alice Schwarzer von den „Flammen des Männlichkeitswahns“, die besonders dort hochschlagen, wo die Frauenrechte erstarkt sind. In den von Bürgerkriegen heimgesuchten Ländern wie Syrien, Irak oder Libyen etwa. Dem Westen wirft die Alt-Feministin eine doppelte „Attitüde der falschen Toleranz“ vor: Er habe die „Entrechtung der Frauen“ in der arabischen Welt ebenso ignoriert, wie wir über die „Agitation in unseren Multikulti-Vierteln“ hinweggesehen hätten. Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter verweist mit Blick auf die Brutalität der Terrormilizen des „Islamischen Staates“ ebenfalls auf eine „orgiastische Lust“, Mädchen und Frauen zu schänden wie einst im Mittelalter. Sie zu Sex-Sklavinnen herabzuwürdigen sei nicht nur Ausdruck der Enthemmung, sondern auch eine Reaktion auf die libertäre Gesellschaft, die den Mann seiner Vorrechte beraubt.

Von derlei Gewaltexzessen sind wir, natürlich, weit entfernt. Aber: Sind die Aufmärsche der Hooligans, Rechtsradikalen und Salafisten nicht auch eine Manifestation des Männlichkeitswahns? Oder vielleicht ein Aufschrei gegen den drohenden Bedeutungsverlust des Mannes? In einer Umfrage des Allensbach-Instituts erklärten im Sommer zwei Drittel der befragen Männer, es reiche ihnen langsam mit der Gleichberechtigung. Sie fühlten sich zunehmend diskriminiert. Passend dazu berichtete die „Wirtschaftswoche“ aus den Chefetagen der Konzerne: „Jetzt erleben Manager in der Blüte ihrer Jahre, was ihr Söhne in der Schule schon täglich mitmachen: Die herrschende Pädagogik fördert Mädchen; Eigenarten der Jungs werden als Verhaltensauffälligkeit behandelt.“ Für all das gibt es kaum Belege. Männer würden nie eingestehen, dass sie gewalttätig werden, weil sie sich unterlegen fühlen. Also finden sie andere Gründe. Die Angst vor Salafisten, die angeblich bald „Christenkinder schächten“, wie es in Hassgesängen heißt, passt gut in die aktuelle Sorgenlage. So lässt sich Gewalt vom Stigma der Rechtsradikalität reinwaschen, wie der Kieler Politikwissenschaftler Joachim Krause vermutet.

Eine weitere Gegenläufigkeit fällt auf: Einerseits wandelt sich Deutschland zur sozialen und ökologisch korrekten Republik, in der die Menschen zur Nachhaltigkeit erzogen werden. Friedfertigkeit ist eine deutsche Grundtugend. So wie Frauenförderung und umfängliche Flüchtlingshilfe. Medien und Politik lassen daran eigentlich keine Kritik zu. Wer den Konsens stört, gilt als Ketzer und steht rasch im Verdacht, braunes Gedankengut in seinem Kopf zu wälzen.

Offiziell rückt Deutschland also nach links. Drei linke Parteien und eine sozialdemokratisierte CDU bestimmen das Geschehen. Doch unterhalb der politisch korrekten Firnis scheint es ganz andere Strömungen zu geben. Eine Art Anti-Liberalismus, die den libertären Staat vorführen will. Die das großzügige Versammlungsrecht ebenso missbraucht wie die Toleranz gegenüber religiös bemäntelter Gewalt. In einer Gesellschaft, die der Gewalt so sehr abgeschworen hat und ihre Bürger ständig zum Guten erziehen will, sind brutale Grenzüberschreitungen die effektivste Provokation. Erst recht, wenn sie sich zur „neuen rechten Gefahr“ aufbauschen lässt. Das ist, mit Verlaub, zu viel der „Ehre“ für schlichte Straßenkriminelle.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen