Universitätsrat : Hochschulsystem im Norden unterfinanziert

Das Universitätssystem in Schleswig-Holstein ist nach Expertenansicht unterdimensioniert und unterfinanziert. Der neue Universitätsrat forderte am Freitag nach seiner ersten Sitzung in Lübeck deutlich mehr Landesmittel - über Studiengebühren oder auf anderem Weg.

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09. August 2008, 10:40 Uhr

Bei den Ausgaben für Wissenschaft und Forschung stehe Schleswig-Holstein am "untersten Ende der Bundesliga", hieß es. Der Vorstoß offenbarte erneut die Widersprüche in der schwarz-roten Koalition: Wissenschaftsminister Werner Marnette (CDU) rechnete vor, dass Studiengebühren jährlich 30 Millionen Euro zur Verbesserung der Lehre bringen würden. "Doch der bis 2010 geltende Koalitionsvertrag schließt dies nun einmal aus." Die SPD halte am gebührenfreien Erststudium fest, bekräftigte deren Hochschulexperte Jürgen Weber.
Der Verzicht auf Gebühren enthält den Universitäten nach Ansicht des Universitätsrates materielle und personelle Mittel vor, über die Hochschulen anderer Bundesländer verfügen können. Allein die Kieler Universität könnte jährlich über 15 - 18 Millionen Euro mehr haben. Moderate Gebühren wären sinnvoll, wenn sie mit günstigen Darlehen und einem Stipendiensystem gekoppelt würden, um junge Leute aus materiell benachteiligten Familien nicht vom Studieren abzuhalten, hieß es.
Aufstockung der Landesmittel um 20 bis 25 Prozent erstrebenswert
Das Land habe mehr Abiturienten als Studienplätze an den Unis Flensburg, Kiel und Lübeck, sagte der Ratsvorsitzende, Prof. Peter Gaehtgens. Diesen Verlust an Talenten dürfe man sich nicht leisten. Der Rat war 2007 gegründet worden, um die Entwicklung der drei Unis besser zu koordinieren. Wenn in den Zielvereinbarungen zwischen Land und Universitäten für 2009 bis 2013 nur der Ist-Zustand fortgeschrieben würde, wäre dies keine zukunftsorientierte Politik, betonte Gaehtgens. Für erstrebenswert hält der Rat eine Aufstockung der Landesmittel für die Universitäten um 20 bis 25 Prozent. Dass dies nicht "von Montag auf Dienstag" geschehen könne, sei klar. Der Doppelhaushalt 2009/2010 müsse aber die Weichen stellen.
"Nur wenig hilfreich" nannte Minister Marnette die Empfehlungen zu den Zielvereinbarungen. Trotz überaus knapper Haushaltslage würden die Hochschulen gegenüber 2008 bis 2010 fast neun Prozent mehr Mittel zur Verfügung haben. "Dieses Geld muss in anderen Bereichen des Landes zulasten der Allgemeinheit schmerzhaft eingespart werden." Insgesamt werde es für Hochschulen im Doppelhaushalt 2009/2010 knapp eine Milliarde Euro geben. Offen kritisierte Marnette den Universitätsrat: "Schwarzmalerei und überzogene Forderungen helfen ebenso wenig weiter wie Hinweise auf die Versäumnisse der Vorgänger- Regierungen - wir sollten gemeinsam daran arbeiten, den Wissenschaftsstandort zu stärken und in realistischer Betrachtung der vorhandenen Ressourcen die Zukunft unserer Hochschulen gestalten".
Stärkere Kooperation der Universitäten gefordert
Nach Ansicht des SPD-Hochschulexperten Weber muss das Land beim Abbau von Unterkapazitäten die Hochschulen insgesamt betrachten und dabei die Fachhochschulen stärker gewichten als bisher. Jede Form von Gebühren für das Erststudium sei Gift für eine dringend benötigte höhere Zahl von Hochschulabsolventen und verstärke soziale Auslese.
Der FDP-Landtagsabgeordnete Ekkehard Klug forderte einen Kurswechsel: "Noch nie ist der Hochschulpolitik der Landesregierung von einem unabhängigen Expertengremium ein derart schlechtes Zeugnis ausgestellt worden." Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel verlangte über mehr Studienplätze hinaus eine bessere Qualität. "Dazu müssen endlich klare Aussagen in den Zielvereinbarungen erfolgen."
Der Uni-Rat schlug eine stärkere Kooperation der Universitäten vor. Dass dies zu guten Ergebnissen führe, habe die Exzellenzinitiative vorigen Jahres mit gemeinsamen Projekten von Kiel und Lübeck gezeigt. Auch außeruniversitäre Wissenschaftseinrichtungen und die Wirtschaft sollten stärker ins Boot geholt, Kooperationen mit Hamburg und Dänemark vorangetrieben werden. Die Schließung eines Universitätsstandortes sei dagegen nicht die Lösung. Dies koste Geld und bewirke erst viel später vielleicht Einsparungen. Allerdings sei jede Uni gefordert, die besten Spezialisierungschancen zu nutzen.

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