Historikertag in Münster : Historiker-Vorsitzende: Sozialer Dissenz ist normal und nützlich

Sich mit der Vergangenheit zu befassen, setzt die Fähigkeit voraus, eigene Sichtweisen zurückzustellen zu können: Eva Schlotheuber wirbt für die Bedeutung der Geschichtswissenschaft, um Toleranz und Dialog zu lernen. Das Bild zeigt rechte Demonstranten in Chemnitz. Foto: dpa/Jan Woitas
Sich mit der Vergangenheit zu befassen, setzt die Fähigkeit voraus, eigene Sichtweisen zurückzustellen zu können: Eva Schlotheuber wirbt für die Bedeutung der Geschichtswissenschaft, um Toleranz und Dialog zu lernen. Das Bild zeigt rechte Demonstranten in Chemnitz. Foto: dpa/Jan Woitas

Scharfe soziale und politische Konflikte sind in der Geschichte keine Ausnahme, sondern die Regel. Historiker-Vorsitzende Eva Schlotheuber rät im Interview mit unserer Redaktion daher zum konstruktiven Umgang mit Protest – auch aktuell in Ostdeutschland. Sorgen bereitet der Professorin der zunehmend schlechte Leistungsstand von Schülern.

shz.de von
13. September 2018, 07:00 Uhr

Flensburg | Vom 25. bis 28. September findet in Münster mit dem Historikertag der größte geisteswissenschaftliche Kongress Europas statt. Hauptveranstalter ist der Verband der Historikerinnen und Historiker Deutschlands (VHD). Die Vorsitzende Eva Schlotheuber spricht vorab über gespaltene Gesellschaften und die Bedeutung dessen, sich mit der Geschichte zu befassen. Frau Prof. Dr. Schlotheuber, der Historikertag steht unter dem Motto „Gespaltene Gesellschaft“ – wie würden Sie eine solche Gesellschaft definieren?

In allen Gesellschaften der Gegenwart und Geschichte sind Schichtungen, Teilungen oder auch Spaltungen durchaus üblich. Dass mal kleinere, mal größere Gruppen den Konsens nicht teilen, ist völlig normal. Und die Stimmenvielfalt ist natürlich umso hörbarer, je mehr Gruppen sich am Dialog und am politischen Willensprozess beteiligen, so wie es heute der Fall ist. Der Dissenz selbst macht also nicht den Unterschied, sondern der Umgang damit. In einer gespaltenen Gesellschaft fehlt die Bereitschaft zu einem wirklichen Dialog. Dann wird es für eine Demokratie schwierig.

Ist Deutschland derzeit gespalten?

Wir haben zuletzt in Chemnitz gesehen, dass durch Teile der Gesellschaft tiefe Risse gehen, die nicht nur mit einer unterschiedlichen Meinung, sondern geradezu mit unversöhnlichem Hass verbunden sind. Das sind klare Indikatoren für eine Spaltung.

War die Bundesrepublik denn einmal weniger gespalten?

Der Druck, das Land nach dem Zweiten Weltkrieg schnell wieder aufzubauen, hat eine Zeit lang gewisse Risse übertüncht. Denkt man an 1968, sind gravierende Spaltungen aber immer wieder sichtbar geworden. Heute ist das Selbstverständnis unserer Gesellschaft nicht zuletzt durch die Globalisierung in einem umfassenden Wandel begriffen. Das eigene Selbstverständnis ist natürlich eminent wichtig für die Frage der Spaltung und deren Wahrnehmung. Wenn eine Gesellschaft eine solche Spaltung wahrnimmt, thematisiert und problematisiert, dann kommt diese natürlich stärker zum Tragen, als wenn Auseinandersetzungen unterdrückt werden können. Derzeit wird die Spaltung sehr stark thematisiert.

Ist ein ungeteiltes Land überhaupt erstrebenswert? Wäre es nicht notwendigerweise mehr oder weniger totalitär?

In der Tat, es muss verschiedene Stimmen geben. Eine Gesellschaft lebt davon, dass sie sich durch Konflikte erschüttern lässt und sich in der Folge wandelt und weiterentwickelt. Dissenz setzt den Prozess des Nachdenkens und damit Wandel und Anpassung an neue Gegebenheiten in Gang.

Die Proteste von Chemnitz haben also eine gewisse Funktion?

Derart massive und anhaltende Proteste sind ein Anzeichen für eine gravierende gesellschaftliche Schieflage, der man auf jeden Fall aufmerksam und konstruktiv begegnen sollte. Das muss man aus historischer Perspektive ebenso nüchtern wie deutlich sagen, ohne dass man Extremisten hinterherlaufen darf.

Schützt historisches Wissen vor Populismus?

Geschichte ist der gemeinsame Erfahrungsraum. Ohne diese Erfahrung könnten wir nicht auf gemeinsame Vorstellungen zurückgreifen, die ja für die Zukunft handlungsleitend sind. Sie formt unsere Bewertungsmuster und Ziele. Man kann aus der Geschichte nicht lernen, aber historische Prozesse und deren Auswirkungen zu kennen, bedeutet nicht zuletzt die Fähigkeit, die Genese unserer Bewertungsmuster besser zu verstehen und damit ein vertieftes Verständnis der Gegenwart zu gewinnen. Tatsächlich ist es ein gutes Wirkmittel gegen ‚fake news‘ und Geschichtsverfälschungen aller Art oder einfache populistische Antworten, wenn man sich selbstständig im historischen Raum orientieren kann.

Wenn man weiß, dass geteilte und gespaltene Gesellschaften normal sind, müsste doch die Konsequenz sein, keine ultimative Anpassung zu fordern, sondern Vielfalt zu fördern? Warum geschieht das nicht?

Womöglich auch aus einem Mangel an historischem Denken heraus. Sich mit der Vergangenheit zu befassen, setzt die Fähigkeit voraus, sich in einen Dialog zu begeben, in dem man nicht die eigenen Vorstellungen und Sichtweisen in den Mittelpunkt rückt, sondern versucht, ‚fremde‘ Stimmen und Prozesse in Erfahrung zu bringen und zu verstehen. Historische Kenntnis schult daher Toleranz und Dialogbereitschaft – Fähigkeiten, die eine Demokratie dringend braucht.

Schmerzt es eigentlich die Historikerin, wenn Menschen vergessen, dass Normalität immer von Zeit und Raum abhängt und oft nur einen gewünschten Zustand meint, nicht aber einen gewesenen?

Das kann in der Tat deprimierend sein. Man kann leicht vergessen, dass das, was wir heute als normal empfinden, in langen Jahrhunderten und immer wieder neuen Anläufen errungen werden musste, wie zum Beispiel politische Partizipation oder die Tatsache, dass jeder Lesen und Schreiben lernen kann. Lesen und Schreiben ist eine zentrale Zugangsvoraussetzung zu Wissen und Weiterentwicklung, die aber keinesfalls selbstverständlich auf so hohem Niveau wie gewohnt Bestand haben muss. Die Zahl der Analphabeten in Deutschland ist viel höher, als man glaubt. Auch im Unialltag erleben wir, dass die Fähigkeit komplexere Texte aufzunehmen, nicht mehr vorausgesetzt werden kann.

Wie bitte? Es beginnen Leute ein Geschichtsstudium, die nicht richtig lesen und schreiben können?

Das wäre vielleicht übertrieben. Aber aufs Ganze gesehen werden die Vorkenntnisse immer geringer und der Weg der Studierenden deshalb immer länger. Das gilt für das Erfassen und Durchdringen komplexer Texte und die Kenntnis historischer Zusammenhänge. Die Geschichte bietet ja nicht zuletzt Orientierungswissen, das aber in der Schule offenbar nicht mehr ausreichend vermittelt wird. Europa hat wie jeder andere Kontinent eine jahrhundertelange, vielfältige und spannende Tradition, die das Leben heute sehr bereichern kann, aber von der man aber eben auch wissen muss.

Ihr Verband hatte an G8 kritisiert, dass der Geschichtsunterricht zu kurz kam, von fachfremden Kräften unterrichtet oder mit anderen Fächern fusioniert wurde. Sehen sie jetzt Besserung, wo viele Länder zu G9 zurückkehren?

Ich kann nicht erkennen, dass der Geschichtsunterricht wieder gestärkt wird – aus unserer Sicht ein fataler Fehler. Politik kann das Defizit nicht ersetzen. Eine selbstständige Würdigung und Einschätzung der Gegenwart setzt ein vertieftes Geschichtsverständnis, ja überhaupt Kenntnisse davon voraus. Gerade in Zeiten der weltweiten Vernetzung ist es notwendig, nicht nur die eigenen Wurzeln verorten zu können, sondern auch die der anderen. Geschichte kann und soll neue geistige Horizonte öffnen, die Fähigkeit vermitteln, in historischer Perspektive Entwicklungen kritisch zu hinterfragen, erklären und gleichsam einen gemeinsamen Erfahrungsraum im kulturellen Gedächtnis verankern. Darin liegt die nicht zu unterschätzende Integrationskraft der Geschichtswissenschaft begründet.

Welcher Empfehlung würden Sie für den Unterrichtsumfang geben?

Für eine fundierte Schulbildung ist der Geschichtsunterricht – nicht nur in den Gymnasien – als eigenständiges Unterrichtsfach zu erhalten. In der Oberstufe sollte Geschichte durchgehend unterrichtet werden, unabhängig davon welchen Schwerpunkt die Schule, die Schülerin oder der Schüler verfolgt.

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