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Kommentar : Highway to Kindergarten: Richtig so, Broacker!

vom
Aus der Onlineredaktion

Das Kindergarten-Projekt der deutschen Minderheit in Dänemark stößt auf Widerstand. Kein Wunder.

shz.de von
erstellt am 08.Mär.2016 | 17:06 Uhr

Broacker | Die Anwohner eines Villenviertels von Broacker wollen keinen deutschen Kindergarten in ihrer Nachbarschaft haben. Haben die einen Knall? Nein! Die Furcht der Bürger vor lebhaftem deutsch-dänischem Lärm ist vollkommen berechtigt. Das liegt aber nicht an der Lebensfreude der Spielenden, sondern an der obligatorischen Transitflotte der elterlichen Zubringer.

Allmorgendlich von 7 bis 9 Uhr rollt die mit pompösen State-of-the-Art-Sicherheitssitzen vollgestopfte Diesel-Karawane 70-fach über das Dickicht der Straße, auf den überdimensionierten und dennoch prall gefüllten Parkplatz der Institution, parkt ein, reißt die Türen auf, knallt die Türen zu. „Nicht auf die Straße rennen!“, raunzt das mütterlich/väterliche Organ, bis die Person dahinter fünf Minuten später ohne den entfesselten Junior den Anlasser scheppern lässt und mit einem Kick aufs Gaspedal davonbraust, dann bremsen muss, weil sich der Verkehr staut. Ein Villenbewohner, der diesen Elterntaxi-Wahnsinn nicht jeden Tag 140 Mal ertragen möchte, ist kein Kinderekel und nicht antideutsch gesinnt, sondern ein Hüter der eigenen Gesundheit.

Zügige Zufahrt und ad-hoc-Stellplatz wollen an Kindergärten gewährleistet sein, schließlich soll der Vorgang der allmorgendlichen Ablieferung und der allnachmittäglichen Abholung des Kindes industriellen Maßstäben gerecht werden. Neue Kitas entstehen auffallend häufig eben nicht im Idyll oder am Waldrand, sondern an der Zufahrt zu schnellen Straßen im Randgebiet. Dass Lärm und Abgas die Kleinen umgeben, während sie „im Grünen“ in der Freiluft-Mittagstunde schlummern, kümmert Eltern weitaus weniger als ein Kindersitz, der es nur auf Rang drei des neuen Öko-Sicherheits-Rankings schaffte. Diese Welt ist kein Platz für Kinder, wir halten sie fern vom Verkehr – und verwahren sie (wettrüstend!) hinter immer dickerem Blech.

Parken an der Hauptstraße wäre der Kompromiss, der Anwohner des Vesterbakke besänftigen und den Kindern ihr Recht auf Teilnahme am Verkehr gewährleisten könnte. Vielleicht würde der eine oder andere Erziehungsberechtigte gar die unglaublichen Vorzüge anderer Transportmittel entdecken. Da externes Parken aber als unzumutbar gilt, werden weiter willkürlich lebensfeindliche Zonen in die Städte und Dörfer gewoben und Freiraum abgezogen. In der Konkurrenz mit der Ego-Zeit ist es um die elterliche Liebe eben oft gar nicht gut bestellt. In einer Gesellschaft, die im Autofahren das Symbol der Freiheit sieht, kann das Leben unter 18 im Umkehrschluss ohnehin nur Qual und Sklaverei sein.

Die Stadt Odense wiederum hat es durch Anreize für Eltern und Kind geschafft, dass inzwischen wieder vier von fünf Kindern mit der Kraft der eigenen Beine die Schulbank erreicht. Ob dies mit der vom Verkehr ausgeschlossenen Generation Rücksitz auch noch möglich sein wird? Darüber könnte man bei der nächsten Autofahrt einmal nachdenken.

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