Auf dem Weg zur Fahrradstadt Rot-Grün schafft 50 Kilometer neue Radwege in Hamburg

Von Markus Lorenz/dpa | 31.05.2017, 14:25 Uhr

Einige Straßen werden zu Fahrradstraßen umbenannt. Zudem wird deutlich ausgebaut.


Wie macht man aus einer Millionenmetropole eine Fahrradstadt? Anjes
Tjarks glaubt, die Lösung gefunden zu haben. „Step by Step“,
erklärt der Fraktionsvorsitzende der Grünen-Bürgerschaftsfraktion
die Nach-und-Nach-Strategie des rot-grünen Senats. Der hat auf
Drängen der Ökopartei im Koalitionsvertrag versprochen, die
Hansestadt so umzugestalten, dass sich der Anteil des Radverkehrs
bis etwa 2030 auf 25 Prozent verdoppelt. Heißt: Mehr und bessere
Radwege, im Zweifel auch zu Lasten des Autoverkehrs.

Der
beispiellose Umbau großer Teile des Straßensystems hat begonnen.
Und er zeigt erste Fortschritte, so jedenfalls lautet die
Zwischenbilanz von Tjarks und des SPD-Verkehrsexperten Lars
Pochnicht. Im Jahr 2016 habe die Stadt 45 Kilometer
„Radverkehrsanlagen“ neu geschaffen, ein Drittel mehr Zubau als im
Jahr zuvor. „Wir sind auf einem sehr guten Weg“, urteilte der
Grünenchef, kündigte aber an, das Tempo weiter zu erhöhen. „Jetzt
geht's erst richtig los. 2017 werden wir unser Ziel von 50
Kilometern neuer Radwege im Jahr deutlich übertreffen.“

150 der bis 2020 geplanten 280 Kilometer Velorouten seien bereits fertig. Nach Senatsangaben wurden im vergangenen Jahr 6,5 Kilometer klassische Radwege gebaut, nach knapp neun Kilometern im Vorjahr. Die Strecke an neuen gemeinsamen Geh- und Radwegen summierte sich in 2016 auf fast 14 Kilometer, nach knapp einem Kilometer in 2015. Der Anstieg sei vor allem auf Maßnahmen im Hafengebiet zurückzuführen, hieß es.

Die Ausgaben in die Radverkehrsinfrastruktur sanken von 8,2 Millionen auf 7,7 Millionen Euro. Tjarks und Pochnicht betonten, dass weitere Mittel für den Radverkehr in anderen Verkehrsprojekten enthalten seien. Einschließlich des Busbeschleunigungsprogramms und des Straßenerhaltungsmanagements komme man auf annähernd 30 Millionen Euro, erklärte Pochnicht.

Insgesamt
gibt es in der Stadt etwa 1800 Kilometer Radwege. Der Begriff
Neubau klingt allerdings nach mehr als er halten kann. Laut
Senatsdefinition fallen darunter auch neue Radstreifen auf der
Straße sowie die Umdeklarierung von Straßenzügen zu
„Fahrradstraßen“, ein Kernvorhaben. 20 Kilometer seien im vergangenen Jahr instandgesetzt oder ausgebaut worden. Auf Strecken mit starkem Schwerlastverkehr wie im Hafen sei die Trennung von Rad- und Autoverkehr nach wie vor sinnvoll.

Wie solch eine Umwidmung in der
Praxis aussieht, präsentierten die Senatspolitiker am
Mittwoch zufrieden im Leinpfad in Winterhude. Die von Villen gesäumte
„Fahrradstraße“ am Alsterlauf ist ein kleines Paradies für
Pedaleure geworden. An den Zufahrten mahnen Schilder, dass
motorisierter Verkehr nur von Anliegern erwünscht ist; ein
Durchfahrtsverbot besteht freilich nicht. Große Radler-Piktogramme
auf dem Asphalt machen auch dem stursten Autofahrer klar, dass
Radfahrer im Leinpfad grundsätzlich „Vorrang“ genießen. Und so
schleichen Autos in aller Regel brav hinter den Radlern her. Der
Abschnitt ist Teil der Veloroute 4, einer Achse, die einmal vom
Jungfernsteig durchgängig bis nach Langenhorn führen soll. Tjarks:
„Die wohl schönste Veloroute Hamburgs.“

Münster oder Amsterdam als Vorbild?

Insgesamt will Rot-Grün ein
Netz von 14 solcher Magistralen schaffen, die sternförmig vom
Stadtrand in die City führen und das tägliche Pendeln per Pedale
wesentlich erleichtern sollen. Teil der Rad-Offensive ist laut
Pochnicht zudem der weitere Ausbau des Leihradangebots Stadtrad,
das boomt wie nie. 400.000 Kunden für die roten Flitzer sind
registriert, drei Millionen Fahrten wurden 2016 gebucht. Und: Für
einen besseren Umstieg vom Rad auf die Bahn erweitert die Stadt das
Bike-and-Ride-Angebot, schafft an Schnellbahnhöfen Zehntausende
zusätzlicher Abstellplätze.

Kritik der Opposition an einer
angeblich „ideologischen“ Radpolitik widerspricht Tjarks und
verweist auf die Reaktionen aus der Bevölkerung. Der Widerstand
gegen den Straßenumbau falle jedenfalls deutlich geringer aus als
erwartet. „Die allermeisten Autofahrer sind eben auch vernünftige
Menschen.“ Nur: Wo hat das Konzept seine Grenzen? Eignet sich die
Hansestadt als ein zweites Münster oder Amsterdam? „Nein“, räumt
der begeisterte Radler Tjarks ein. Aber: „Es geht sehr viel mehr
als jetzt. 25 bis 30 Prozent Radanteil sind drin.“