Führung durch St. Pauli Lilo Wanders Kiez

Von Alexander Bösch | 09.05.2011, 11:37 Uhr

Einmal über die Reeperbahn: Auf ihrer Führung durch St. Pauli zeigt die Grande Dame der deutschen Aufklärung, Lilo Wanders, die sündigsten Ecken des Viertels.

"Man hat mich die ,Grande Dame des Poppens genannt und oft mit Dagmar Koller verwechselt", erzählt Lilo Wanders und kippt erstmal einen Begrüßungsschnaps - "mit Herztropfen drin", wie eine Servicekraft des Schmidt-Theaters schmunzelnd beteuert.
Hier, auf dem Spielbudenplatz, wo Ernie Reinhardt am 8.8. 1988 dem Ensemble des derzeit erfolgreichsten deutschen Privattheaters beitrat und ein Jahr später die legendäre näselnde Diva erfand, ist der Ausgangspunkt einer neuen Tour über die Reeperbahn. Bundesweit bekannt wurde diese vor allem als "liebenswürdigste Aufklärerin der Nation" im Erotikmagazin "Wa(h)re Liebe". Die Stöckelschuhe gegen bequeme Fußkleidung eingetauscht und nicht allzu grell geschminkt, ist sie nun an den einstigen Ursprung ihres Wirkens zurückgekehrt. Fortan will die Wanders je zweimal freitags und sonnabends "nackte Fakten, süße Ecken und die schönsten Döntjes rund um die geile Meile" präsentieren.
Die blonde Perücke sitzt, die Moderationen auch
Ganz neu ist das nicht, seit Längerem schon bietet Dragqueen Olivia Jones eine ähnliche Führung an. "Olivia ist eher trashig, Lilo eher die Dame", weiß Pressesprecherin Sybille Reitenbach zu unterscheiden. Eine Dame freilich, die mit kecken Sprüchen wie "Öffnet die Herzen, herzt die Öffnungen", Bestsellern wie "Nackte Verführer" und Songs wie "1000 nackte Männer" von sich reden machte. Zum unspektakulär karierten Mantel und der hellblauen Handtasche gesellt sich das gewohnt näselnde Timbre. Die blonde Perücke sitzt, die Moderationen auch. Im Blitzlichtgewitter verkündet Ernie Reinhardt, mit der Kunstfigur Lilo Wanders durch und durch verschmolzen, Informationen rund um den Spielbudenplatz, von Moritatensängern, Prostituierten und Bettlern, die den sündigen Stadtteil bevölkerten.
In den 80ern, als Reinhardt aus dem piefigen Walsrode nach St. Pauli kam und in Schwulenchören und alternativen Theatergruppen den Kiez für sich entdeckte, habe "alles darniedergelegen", miefige Peepshows hätte es gegeben und den Kaiserhof, "in dem Damen mit blaugetönten Brillen sich übers Parkett schoben". Bis es zur Gründung des "Schmidts" kam. "Wir hatten Angst, die Bühne explodiert, es herrschten 47 Grad", erinnert Wanders sich.
Erinnerungsfotos sind ausdrücklich erwünscht
20 Jahre später zieht die einstige TV-Legende jetzt mit ihrer munteren Gruppe quer durch das weltberühmte Vergnügungsviertel. Vorbei am St. Pauli Theater und dem Travestieclub Pulverfass geht die mit Anekdoten gespickte Tour, entlang der Davidswache und an ihre Dienste anbietenden Prostituierten.
Lilo Wanders will ein Star zum Anfassen sein. Erinnerungsfotos sind ausdrücklich erwünscht, auch ein paar frivole Witze dürfen nicht fehlen. "Einige kriegen von neuen Schuhen immer Blasen, bei mir ist es umgekehrt", witzelt die Meisterin der Verbalerotik. Später gibt sie jedoch zu, man hätte ihr gesagt, so ein paar Schlüpfrigkeiten müssten sein, "aber das ist gar nicht mein Ding".
"Das ist eben St. Pauli, da muss man durch"
Auf dem Hans-Albers Platz kommt es zu einem kleinen Zwischenfall. Eine Horde Engländer scharen sich um die auffallende Erscheinung. Ein Angetrunkener will der Erotikdiva partout auf den Rücken springen, andere gröhlen "Lilo has big balls". "Das ist eben St. Pauli, da muss man durch", lässt Wanders ihr bekanntes dreckiges Lachen erklingen.
Kleine Besonderheiten wie der bundesweit am häufigsten genutzte Geldautomat werden ebenso abgehandelt wie Histörchen über das legendäre Salambo, in dem einst Paare vor den Zuschauern kopulierten - "wenn sie denn einen Trauschein vorlegten" oder über die St. Josephs-Kirche, von deren Altar John Lennon und Paul McCartney sich einst erleichtert haben sollen. Mit einem Besuch in der Boutique Bizarre wird Wanders dann doch noch dem Ruf der einstigen Erotikexpertin gerecht. Keck werden ein paar Dildos und Vibratoren vorgeführt, mit Unschuldsmiene angebliche Aphrodisiaka gekostet. Plötzlich erscheint Konkurrentin Olivia Jones mit ihrer eigenen Kiezgruppe. "Da ist Lilo Wanders, macht mal n Foto", instruiert die Dragqueen ihr Gefolge. Da lässt die Wanders noch einmal ihr herzliches Lachen ertönen.
"Tour de Schmidt" -über die Reeperbahn mit Lilo Wanders, freitags und sonnabends, 18 und 21 Uhr, Reservierung: 040/3177 88 99.
(shz)