Hamburger im Gespräch Hier finden Sie alle Interviews der Serie

27.01.2017, 16:36 Uhr

In der Interview-Reihe „Hamburger im Gespräch“ kommen jeden Samstag Stars, Politiker oder Künstler aus der Elbmetropole zu Wort.

Interview

St. Pauli-Präsident Oke Göttlich: „Wir wollen etwas in dieser Welt bewegen”

Meinung – Martin Sonnleitner
Oke Göttlich kommt gerade aus einem der hippen Cafés in der Schanze um die Ecke. Er ist munter, gut gelaunt. Doch es herrscht nicht nur eitel Sonnenschein beim FC St. Pauli, der gerade einen Trainer- und Sportchefwechsel hinter sich hat. Der 43-Jährige spricht auf der Geschäftsstelle des FC mit unserem Mitarbeiter Martin Sonnleitner auch über Politisches im Fußball sowie den Spagat zwischen Gegenkultur und Kommerz. 

Ist der FC St. Pauli immer noch der etwas andere Verein? Ja, das lässt sich auch anhand von Fakten belegen. So haben wir angefangen, uns Gedanken über alternative Finanzierungsmodelle zu machen. Wir denken über eine Genossenschaft nach, das wäre ein in der Fußballbranche sehr unübliches Konstrukt. Dann betonen wir es nicht nur, sondern leben auch, dass wir ein „Community-based“ Klub sind. Wir führen sehr viele Dialoge mit Fans und Gremien. Das ist bei uns seit 35 Jahren der Fall.

Ich glaube, bei uns können viel mehr Leute Input geben und Einfluss nehmen, als es bei anderen Vereinen der Fall ist. Wir erleben zwar nicht mehr die Nähe von einst, wo man die Spieler noch im Vereinsheim treffen konnte, aber so, dass man noch eine nahbare Identität hat und im modernen Fußball auch immer neue Wege finden muss, dies zu ermöglichen. Das fängt beim Stadion mitten in der Stadt an, geht über Fan- und Jugendinitiativen, die wie Jugendzentren funktionieren, bis hin zum öffentlichen Training. Wir wollen ein gesellschaftskultureller Verein sein, mit einer Solidarität zur Community.     

Wie ist diese besondere Identitätsstiftung gewachsen? Das ist Anfang/Mitte der Achtziger gewachsen. Davor war St.Pauli ein herkömmlicher Verein. Vielleicht mit der Besonderheit, als Arbeiterstadtteil direkt an der Elbe beheimatet zu sein. Dann gab es hier wohnungspolitische Zerwürfnisse, Stichwort Hafenstraße. St. Pauli war zudem ein musikkultureller Ort mit Punk-Attitüde, das hat den Resonanzboden geliefert. Da haben dann Leute gesagt: Wir mögen eigentlich Fußball ganz gerne, lass uns hier doch mal gucken, es anders zu machen. Dann hat sich das bis dahin hier auch übliche Repertoire eines Fußballklubs sukzessive ausgeschlichen, bis hin zu einem antifaschistischen, gegen Rassismus und Ausgrenzung stehenden Verein.

Doch es gab Stress mit der eigenen Fanbasis, die in einen Stadionstreit unter eigenen Anhängern beim Stadtderby mündete. Ihr hattet einen runden Tisch, wie sehen die Ergebnisse aus? Wir haben keinen Stress mit unseren Fans, sondern stellen als Verein eine Plattform dar, die immer den Spagat zwischen Jugend- und Subkultur und Establishment wagt. Der FC St.Pauli ist immer ein Verein mit vielfältigen Stimmen gewesen, die aber im Sinne unserer Werte auch gegenseitig respektiert und toleriert werden. Die Fans schaffen es seit 30 Jahren in den häufig wiederkehrenden und immer gleichen Themen ein Miteinander zu entwickeln, welches den Stadtteil und unsere im Fankongress selbst auferlegten Leitlinien in den Einklang bringen.

Dass es in Familien oder Vereinen immer mal wieder in besonders kritischen Situationen zu Befindlichkeiten oder Aussetzern kommt, gehört in einem gesellschaftlichen Gefüge dazu. Das zu einer dann erfolgten Debatte zirka 1000 St. Pauli-Fans mit unterschiedlichen Auffassungen diskutieren, ist ein erster Schritt einen gemeinsamen st.-paulianischen Weg von Aktivismus, Support und  Zusammengehörigkeit zu finden, ohne Gleichmacherei und Dogmatik zu betreiben. Es gibt nicht den einen oder einzig wahren St. Pauli-Fan. Wir sind ein Haufen von Menschen, die sich vornehmen, in dieser Welt etwas zu bewegen.

Auch der erneute Trainerwechsel inklusive Austausch des Sportdirektors vor drei Wochen kann Ihnen nicht gefallen haben...Alle 36 Profiklubs träumen vom Modell Heidenheim oder Freiburg, was die Dauer der Amtszeit der sportlichen Verantwortlichen angeht. Wir haben 36 unterschiedliche Standorte mit sehr unterschiedlichen Faktoren, was und wie Geduld möglich macht. Für uns gilt Folgendes: Wenn wir die Wahl zwischen Kontinuität und Entwicklung haben, entscheiden wir uns für Entwicklung. Am liebsten wäre uns aber eine kontinuierliche Entwicklung, weil sie sowohl ökonomisch als auch strategisch am meisten Sinn macht. Die war aber leider nicht zu erkennen, weswegen es in unserer Verantwortung liegt, im Sinne des Vereins zu handeln. Wir freuen uns sehr, dass Andreas Bornemann trotz weiterer Anfragen aus der 1. und 2. Liga den Weg als neuer Sportchef ans Millerntor-Stadion gefunden hat.

Dennoch kann sich der Verein nicht ganz frei machen von der Kommerzialisierung der Branche, oder? Natürlich sind wir auch ein normaler Fußballverein, spielen auf demselben Feld  auf 105 mal 65 Metern, tätigen Transfers und unterliegen denselben Lizensierungsbedingungen wie andere Vereine auch. Wir sind unter Gleichen etwas anders, aber kein Besserwisserklub. Es ist ja keine Folklore, in politischen Fragen oder gegen absurde Kommerzialisierungstendenzen öffentlich Stellung zu beziehen. Es gibt im Fußball eine sportpolitisch hausgemachte Übersättigungstendenz, weil bestimmte Regularien der Fairness oder Integrität nicht mehr greifen.

Finanziell gibt es ein gewolltes, ungleiches Verteilungsmodell innerhalb der Liga und auch auf europäischem Terrain, um Vermarktungsmodellen für den besseren Verkauf des Produkts Fußball zu entsprechen. Das alles passiert unter dem Deckmantel der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und treibt seine Blüten soweit, dass Konzerne heute Clubs unterhalten, weil es ein Steuersparmodell für den Mutterkonzern ist.

Seit 2016 stattet der US-Konzern Under Armour Ihren Verein mit Trikots und sonstiger Bekleidung aus. Under Armour soll in den USA martialisch auftreten, sogar die National Rifle Association (NRA), die Waffenlobby also, unterstützen. Verstößt das nicht gegen Ihre DNA? Under Armour ist ein Bekleidungshersteller, wie es ihn auf der Welt vielfach gibt. Nach unseren Recherchen und nach Rückmeldung von Under Armour gibt es aber keine Verträge mit der US-Army und keine Verbindungen zur NRA. Der etwas laute Markenauftritt von Under Armour mag einigen zu rabiat sein, wir leben in einer Gemeinschaft mit diesem Partner. Die Spieler übrigens auch, das Tragegefühl und die Qualität der Stoffe ist große Klasse. Wir sehen uns ja auch als Herausforderer in der Zweiten Liga, ähnlich wie Under Armour ein Herausforderer der großen Sportartikelhersteller ist. Wir würden die Großen gerne ein wenig piesacken. Zigtausend Leute haben ja eine Petitionen gegen die Partnerschaft unterschrieben, wir werden gegenüber Partnern aber nicht vertragsbrüchig, auch das ist eine Stilfrage. Klar geht es auch um Geld, das ist so im Profifußball. Unsere Prämisse ist: Wir wollen den größtmöglichen sportlichen Erfolg, um unsere Werte den meisten Leuten widerspiegeln zu können.

Was läuft da denn aktuell so, wie sieht die Basisarbeit konkret aus? In die Stadionordnung des FC St. Pauli wurden ja immerhin Antifaschismus, Antirassismus und Antisexismus verankert. Von unserem Fanladen gehen viele Aktionen aus, wie der Holocaust-Gedenktag, wo die gesamte Mannschaft mit immer mehr Teilnehmenden hier vor der Geschäftsstelle Kränze niederlegen. Da kommen Überlebende, es referieren auch Studenten, die zu gewissen Themenschwerpunkten forschen. Das antirassistische Thema wird ja längst in Werbespots des Weltverbandes FIFA aufgenommen. Auch antisexistische Werbung in den Stadien wird hinterfragt. Das wird auch kontrovers diskutiert, es sind Prozesse, vielen sind solche Diskussionen auch zu anstrengend. Oft werden Sachen an uns herangetragen.

Eine 16-Jährige hat bei einer der letzten Mitgliederversammlungen einen Antrag gestellt, sie möchte, dass unsere Kleidung ökologisch nachhaltig hergestellt werden. Daraus setzte sich ein Prozess in Gang, der dazu führte, dass zunächst Totenkopf-T-Shirts und -Hoodies nachhaltig hergestellt werden. Bis alles umgestellt, dauert es. Wir haben zudem den AK Refugees, auf dessen Initiative und mit dessen Unterstützung wir im letzten Jahr haben eine Woche lang ein Fußballcamp mit illegalen afrikanischen Flüchtlingen auf Sizilien durchgeführt haben.

Sie haben ja den damaligen Präsidenten Stefan Orth ablösen sollen, es sollte ein eher linker Vereinschef installiert werden. Sie waren ja zuvor taz-Redakteur, dann schon recht erfolgreicher Musikunternehmer gewesen. Was haben Sie da mitgenommen? Ich glaube, es gibt sehr viele musikkulturelle Hintergründe samt ihrer Vermarktung, die viel mit dem gemeinsam haben, wie der FC St. Pauli historisch gewachsen ist. Man kann den Wert von Community für Bands ähnlich betrachten, wie die Community St. Pauli mit diesem Fußballverein. Im Musikbereich wird es sehr gelebt, dass Bands mit einem sehr kleinen Kern an Aktivisten einen sehr engen Austausch pflegen.

Wie sieht denn die Berufswelt in 20 Jahre aus? Die Digitalisierung verändert ja auch Fußballvereine immens. Es gibt viele neue Möglichkeiten, das Ökosystem, in diesem Fall der FC St. Pauli, muss aber mitgenommen werden. Wie schnell, wie bereit, geduldig, wie ungeduldig muss man sein, um solche Systeme nutzbringend einzusetzen. Bei Fußballvereinen gibt es gegenüber solchen Veränderungen, sei es aus Gründen, dass man es nicht will oder es nicht kann, eher eine Abwehrhaltung als in einem Musikunternehmen oder einer Social-Media-Abteilung. Ich glaube aber, dass ein Fußballspiel in 15 Jahren nicht mehr 90 Minuten dauern wird. Die Aufmerksamkeitsspanne ist in der digitalen Welt immer geringer. Die Bewegtbildgeneration wird immer mehr kürzere, knappere, prägnantere Inhalte verlangen, so wie MTV einst in der Musik. Ein verändertes Konsumverhalten, verändert das Rezeptionsverhalten, das wiederum die kommerziellen Angebote verändern werden. Insofern wird sich die Arbeitswelt generell, auch im Fußball verändern.

Oke Göttlich ...persönlich

Ihre Lieblingsband momentan ist . . .  das neue Album der österreichischen „Bilderbuch“ ist gut. „Feine Sahne Fischfilet“ ebenso, auch wenn sie Rostocker sind.

Lieblings-Klub neben dem FC St. Pauli  . . .  ist der SC Freiburg

Lieblingsclub zum Ausgehen . . . ist der Golden Pudel Club.

Hamburg ist besser als London und New York, weil . . . es da keinen FC St. Pauli gibt.

Kiez bleibt Kiez . . . , weil es hier dreckig und laut bleibt.

Veränderung ist gut . . . , weil Stillstand Tod bedeutet.
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Interview

HipHop-Band Fettes Brot: „Wie abgestumpft kann man sein?“

Meinung – Nadine Wenzlick
Rund 25 Jahre ist es her, dass Boris Lauterbach alias König Boris, Martin Vandreier alias Dokter Renz und Björn Warns alias Björn Beton die HipHop-Gruppe Fettes Brot gegründet haben. Mit Songs wie „Nordisch by Nature“, „Jein“, „Schwule Mädchen“ oder „Emanuela“ landeten sie seitdem immer wieder in den Charts. Ihre witzigen Texte voller Wortspiele waren stets ihr Markenzeichen, aber genauso haben Fettes Brot immer wieder Haltung bewiesen.

Das gilt auch für ihr neuntes Album „Lovestory“: Eigentlich dreht es sich um die Liebe, aber mit „Du driftest nach rechts“ kommentieren Fettes Brot auch die aktuelle politische Lage in Deutschland. Im Gespräch mit Nadine Wenzlick sprechen die drei Hamburger über Rechtsruck, Engagement – und natürlich die Liebe.

Ihr neues Album trägt den Titel „Lovestory“. Kann unsere Welt gerade etwas mehr Liebe vertragen? König Boris: Liebe kann nie schaden! Wenn die Leute sich unser Album anhören, werden sie aber schnell feststellen: Es ist nicht unbedingt das, was man erwartet, wenn man den Titel „Lovestory“ liest. Sowohl musikalisch als auch inhaltlich sind die Songs, so hoffe ich doch, im besten Fall überraschend.

Es geht auf dem Album um Liebe zu Robotern, gleichgeschlechtliche Liebe und Liebe zur Mutter der Freundin. Wie kamen Sie auf die Idee, ein Album über die Liebe in all ihren Facetten zu machen? Dokter Renz: Als wir die ersten Demos fertig hatten, stellten wir fest, dass sie sich irgendwie alle um die Liebe drehen. Also dachten wir: Vielleicht können wir einen thematischen Rahmen, eine inhaltliche Klammer finden. Wenn man an seinem neunten Studioalbum arbeitet, geht es natürlich auch darum, etwas Neues auszuprobieren, das man so noch nicht gemacht hat. Deswegen sind wir für die Aufnahmen dieses Mal auch nach Niebüll gefahren, statt in unserem eigenen Studio zu bleiben. Das hat uns inspiriert, noch mal ganz anders Musik zu machen. König Boris: Das Studio ist vollgestopft mit interessanten Instrumenten, die zum Herumspielen und Ausprobieren nur so eingeladen haben. Das hat uns zu neuen Verrücktheiten animiert.

Wie wichtig ist Veränderung für die Kunst? König Boris: Experimente sind immer gut. Das heißt nicht, dass es funktioniert. Aber mal ausprobieren, wie es ist, etwas anders zu machen, ist nie eine schlechte Idee, für Kunst im Allgemeinen. Wir haben den Anspruch, uns nicht allzu sehr zu wiederholen und immer frische, neue Ansätze zu finden. Dokter Renz: Auf den ersten Blick löst so ein Album-Thema natürlich eine Verengung aus, aber wir haben schnell gemerkt, dass sich von diesem roten Faden ausgehend vieles noch überraschender und pointierter beschreiben ließ – zum Beispiel, indem man statt eines Songs mit dem Titel „Du sollst nicht die AfD wählen“ das Dilemma eines Menschen beschreibt, der eine Entfremdung von seinem Partner spürt.

Sie sprechen den Song „Du driftest nach rechts“ an, in dem es darum geht, dass die geliebte Person plötzlich eine rechte Gesinnung annimmt. Etwas, das Sie selbst erlebt haben? Björn Beton: Ich glaube, das kennt jeder: dass im Umfeld irgendjemand etwas sagt und man denkt: Hä? Das hat der jetzt nicht wirklich gerade gesagt! Wie kommt man denn auf das schmale Brett? Dokter Renz: Der Riss geht ja auch durch Familien. Ich denke da zum Beispiel an England: Da haben Großeltern für den Brexit gestimmt und die Enkel denken, was fällt euch eigentlich ein? Die Folgen erlebt ihr doch gar nicht mehr. In Amerika ist es mit Trump genauso.

Wie nehmen Sie die politische Situation in Deutschland wahr? König Boris: Ich habe das Gefühl, dass sich immer mehr Leute mit ihren menschenfeindlichen Weltbildern raustrauen, sich nicht mehr schämen, dass sie so denken, und wenn es um die Flüchtlingskrise geht, im Chor rufen: ‚Lasst sie ertrinken‘. Das ist doch verrückt. Was ist da los? Ich kann mir gar nicht vorstellen, was in den Köpfen dieser Leute vorgeht. Wie abgestumpft kann man sein und wie wenig kann man bemerken, was man da gerade tut? Dokter Renz: Und dieselben Leute haben Tränen in den Augen, wenn sie daran denken, wie Genscher den DDR-Bürgern damals gesagt hat, dass sie das Botschaftsgelände jetzt verlassen und ausreisen dürfen. Das ist noch nicht lange her und das ist eine deutsche Geschichte. Björn Beton: Auf eine Art beschreibt „Du driftest nach rechts“ also auch unser Verhältnis zu Deutschland. Wir fühlen uns manchmal befremdet davon, was einige in der Gesellschaft sagen. Das heißt nicht, dass ich mich von Deutschland trennen möchte, weil ich es nicht mehr aushalte – aber es macht mich an der einen oder anderen Stelle so wütend, dass ich den Mund einfach aufmachen muss. Dokter Renz: Es geht darum gegenzusteuern, vom Sofa aufzustehen und zu sagen: Moment mal! Wir sind mehr, daran glaube ich fest. Wir leben in einem demokratischen Land, in dem die Mehrheit der Menschen für Menschenwürde und Gleichberechtigung sind. Man muss es nur immer wieder sagen.

Fettes Brot standen schon immer für Haltung und Engagement. Zuletzt haben Sie sich für die Initiative „Viva La Bernie“ eingesetzt, die den Werkhof in der Bernstorffstraße vor der Gentrifizierung bewahren soll. König Boris: In dem Hinterhof leben und arbeiten über 100 Menschen. Seit 2004 befindet sich auch unser Bandstudio und Büro hier. Vor kurzem wurde der Werkhof dann von einem Investor gekauft und da gingen bei uns natürlich zu Recht die Alarmglocken an. Man weiß ja, wie das läuft auf St. Pauli: Abreißen, neu bauen und dann entstehen hier schicke Eigentumswohnungen. Das wollen wir auf jeden Fall verhindern. Unser Plan ist, den Hof zu kaufen. Das Geld haben wir schon zusammen und wir sind mittlerweile in konstruktiven Gesprächen.

Welche Auswirkungen hat es auf die Hamburger Wohnungspolitik, wenn der Kauf des Hofs wirklich gelingt? König Boris: Da kann man nur fantasieren, aber ich schätze, es werden sich dann einige Leute ein Beispiel daran nehmen – und vielleicht findet dann auch in der Politik ein Umdenken statt. Dass man nicht einfach alles dem Markt überlässt, sondern auch mal regulierend eingreifen muss. Dass die Stadt für alle da ist und dort nicht nur Leute leben können, die reich sind. Unser Ziel ist es, den Hof für immer dem Spekulationsmarkt zu entziehen. Wenn wir ihn kaufen können, wird er in eine Genossenschaft überführt. Vielleicht können wir damit ein positives Beispiel liefern, dass man sich mit Solidarität und gemeinschaftlicher Power nicht ganz so ohnmächtig gegenüber dem Geld fühlen muss.

Auch bei der Neugestaltung des Esso-Geländes haben die Bewohner sich  eingebracht und eine Planbude errichtet. Sind die Hamburger eigentlich besonders engagiert? König Boris: Natürlich gibt es hier die Hausbesetzerszene mit der Hafenstraße oder das Gängeviertel, wo es funktioniert hat – aber ähnliche Geschichten findet man in anderen Großstädten sicherlich auch. Die Probleme sind in allen großen Städten weltweit die gleichen. Irgendwann ist der soziale Zusammenhalt gefährdet und dann knallt es, wenn man nicht rechtzeitig gegensteuert und dafür sorgt, dass die Leute ein Dach über dem Kopf haben. Das Recht auf Wohnen ist schließlich ein Menschenrecht.

Zurück zu Fettes Brot: Die Band gibt es inzwischen seit über 25 Jahren. In dem Stück „Zwei Freunde und du“ feiern Sie Ihre Freundschaft, oder? König Boris: Ja, wir lassen die Freundschaft hochleben. Das ist unsere Geschichte und irgendwie auch nicht – als wäre unser Leben nachverfilmt worden. Der Song ist nicht komplett autobiografisch, aber er trifft den Kern ganz gut.

Was ist Ihr Geheimnis, dass es auch nach all den Jahren noch so gut läuft? Dokter Renz: Naja, zum einen haben wir halt nichts anderes gelernt… Björn Beton: Ich glaube, dass wir einfach treue Seelen sind. Wir wissen die Freundschaft zu schätzen und pflegen sie. Das bedeutet auch, dass man die Stärken und Schwächen der anderen und von sich selbst kennt – und den anderen so akzeptiert, wie er ist.

Neben dem Album „Lovestory“ haben Sie kürzlich auch Ihr erstes Buch veröffentlicht: „Was wollen wissen“ basiert auf ihrer gleichnamigen Radiofragestunde auf N-Joy. Warum nun auch ein Buch? Björn Beton: Wenn man ganz ehrlich ist, kam der Verlag auf die Idee. Wir waren am Anfang eher skeptisch, ob das, was wir da so an Quatsch erzählen, in gelesener Form Spaß macht. Aber dann haben wir es ausprobiert, ein paar Lieblingsstellen aus den Sendungen runtergeschrieben und gemerkt, dass das echt lustig ist.

In der Radiosendung dürfen Hörer Ihnen Fragen stellen und dann reden Sie einfach. Wie kommen Sie auf all diese quatschigen Antworten? Björn Beton: Im besten Fall sind die Fragen der Leute so offen, dass man sich dazu einfach eine Geschichte ausdenken kann. Eine gewisse gedankliche Biegsamkeit ist natürlich schon vonnöten, um den Wahnsinn heil zu überstehen. Und es besteht immer das Risiko des Scheiterns. Es kann passieren, dass uns weder etwas Witziges, noch etwas Intelligentes oder Mitfühlendes einfällt. Dokter Renz: Das ist ganz schrecklich, wenn ich die anderen angucke und ihr Blick sagt: Kannst du vielleicht was sagen?

Fettes Brot ...persönlich

Die schönste Lovestory der Welt ist . . . Björn Beton: Gin und Tonic!

Ein Anmachspruch, der garantiert funktioniert . . . König Boris: Wenn ich die Formel gewusst hätte, wäre mir oft geholfen gewesen!

Wenn ich nicht Musik mache, dann . . . Björn Beton: höre ich Musik, denn beides gleichzeitig geht leider nicht.

An Hamburg mag ich besonders  . . .  König Boris: den FC St. Pauli.

Mein Lieblingsplatz ist . . . Dokter Renz: an der Sonne, am Hamburger Elbstrand.

Liebesäpfel, wie sie auf unserem neuen Albumcover zu sehen sind . . . Björn Beton: schmecken leider nicht so gut, wie sie aussehen.
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Interview

Dr. Carl Claus Hagenbeck: „Es ist nichts auf der Strecke geblieben“

Meinung – Barbara Glosemeyer
Dr. Carl Claus Hagenbeck (77) ist der Urenkel des legendären Tierpark-Gründers Carl Hagenbeck (1844–1913). Der hatte ein Tierhandelshaus gegründet und das Konzept der gitterlosen Freigehege entwickelt. 1907 eröffnete so in Hamburg-Stellingen Hagenbecks Tierpark.  Aber die Ursprünge von Hagenbeck reichen weitere 50 Jahre zurück ins 19. Jahrhundert, als der Fischhändler Gottfried Clas Carl Hagenbeck (1810-1887) auf St. Pauli 1848 sechs Seehunde ausstellte, von Schaulustigen Eintritt nahm und die Tiere später verkaufte. Das gilt in der Familie als Geburtsstunde der Tierschau. Heute besuchen jährlich mehr als eine Million Menschen Hagenbecks Tierpark, der immer Familiensache geblieben ist. Die traditionelle Doppelspitze in der Geschäftsführung geht auf eine Entscheidung des Gründers Carl Hagenbeck  zurück. Seitdem stellen beide Familienzweige je einen gleichberechtigten Geschäftsführer. In fünfter Generation führte diese Regelung zu einem Zerwürfnis  zwischen Carl Claus Hagenbeck und seinem angeheirateten Neffen Joachim Weinlig-Hagenbeck, das bis heute andauert und erst 2015 zu einer Nachfolgeregelung führte. Seitdem leiten Hagenbecks Tochter Bettina und deren Cousine Friederike  den Tierpark. Grund für den Streit war eine offene Rechnung der Stadt über zwei Millionen Euro gewesen, resultierend aus einem städtebaulichen Vertrag von 1996. Für Weinlig-Hagenbeck bestand die Forderung nicht mehr, für Hagenbeck stellte sie eine Verpflichtung dar, der ein hanseatischer Kaufmann nachzukommen hatte. Redakteurin Barbara Glosemeyer hat Carl Claus Hagenbeck zum Gespräch bei ihm zuhause in Stellingen getroffen. 

Herr Dr. Hagenbeck, was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Tierpark und einem Zoo? Eine offizielle Definition gibt es nicht. Aber ein Tierpark wie unserer zeichnet sich durch eine  großzügige Gartengestaltung mit eingestreuten großzügigen Gehegen aus. Nur etwa ein Drittel der Gesamtfläche in unserem Tierpark sind Gehege, der Rest sind Wasserflächen, Parkanlagen und Wäldchen. Im Berliner Zoo dagegen reiht sich ein Gehege an das andere und es werden zum Beispiel verschiedene Affenarten nach  zoologischen Gesichtspunkten gezeigt, damit man sie untereinander vergleichen kann. Den normalen Besucher interessiert das allerdings kaum.

Würde es Sie ärgern, wenn jemand vom Zoo Hagenbeck sprechen würde? Nein, nein (lacht). Aber Hamburg hat keinen Zoo. Hamburg hat Hagenbeck. Unsere Besucher sagen ja auch, sie gehen nach Hagenbeck hin (lacht) und nicht, sie gehen in den Zoo.

Sie sind vor 77 Jahren in die ur-hamburgische Familie Hagenbeck geboren worden und haben als junger Erwachsener in fünfter Generation die Leitung des Tierparks übernommen. Ist es aus heutiger Sicht Glück oder Bürde, Teil einer solchen Tierpark-Dynastie zu sein?Es ist Glück. Für mich gab es nie Zweifel, dass ich die Leitung des Tierparks übernehmen möchte. Ich bin zwar eigentlich Techniker,  schraube selbst an meinen Oldtimern rum und kann alles Mögliche reparieren. Aber ich wollte von Anfang an Tiermedizin studieren und ich hatte nie ein Problem damit, mich hier hochzuarbeiten und mir  durch Leistung  Anerkennung und Akzeptanz bei den Mitarbeitern zu verschaffen.  Mir war immer wichtig, dass  meine Mitarbeiter nicht Angst vor ihrem Chef haben, sondern Respekt.

Sie sind immer noch Geschäftsführer der Hagenbeck GmbH, haben aber die Leitung des Tierpark im Sommer 2015 an Ihre Tochter Bettina und deren Cousine Frederike abgegeben. Was hat sich in Ihrem Leben geändert? Ach, ich habe immer noch gut zu tun mit dem noch  andauernden Streit innerhalb unserer Familie, bei dem es um  Untreue in  Millionenhöhe und Steuerbetrug geht. Ursprünglich hatte ich die Leitung des Tierparks  2004  an meinen Schwiegersohn Stefan Hering-Hagenbeck übergeben. Als es dann aber zum Streit kam und mein  Schwiegersohn zurücktrat, um sich herauszuhalten, bin  ich noch mal für einige Jahre eingesprungen. Erst als 2015 ein Vergleich geschlossen wurde, bin ich endgültig von der Tierparkleitung zurückgetreten.   Als Geschäftsführer der Carl Hagenbeck GmbH arbeite ich immer noch von morgens bis abends und lese meist juristische Schriftsätze.

Gehen Sie  regelmäßig in den Tierpark? Hin und wieder gehe ich mit meiner Frau dort spazieren, allerdings immer mit den Augen eines ehemaligen Tiergärtners (lacht). Ich sage  meiner Tochter dann auch, was mir aufgefallen und aus meiner Sicht nicht ganz optimal ist. Aber als Seniorchef muss ich mich auch  zurückhalten. Wir leben  davon, dass wir erstklassige Mitarbeiter haben, die auf ihrem Gebiet alle besser  sind als die Chefs.

Heute tragen Sie eine Krawatte mit Walen, die sich küssen. Sie sollen aber mehr als 50 Elefanten-Krawatten im Schrank haben. Warum sind Sie ein so großer Elefanten-Fan?Das sind faszinierende Tiere und sie gehören auch deshalb zu meinen Lieblingstieren, weil   die Elefantenzucht , die ich  von 1984 an  im Tierpark aufgebaut habe, meine Herzensangelegenheit wurde. Eine Elefantenzucht aufbauen zu wollen,  war damals ungefähr so abwegig wie zum Mond zu fliegen.  Mein Vater hat immer gesagt: Wer als Zoodirektor keine Sorgen hat, kauft sich einen Elefantenbullen. Elefanten gehören nämlich zu den  gefährlichen Tieren.  Nach drei Jahren Korrespondenz und Bürokratie mit indischen Behörden gelang es uns dann  1987 tatsächlich, den Elefantenbullen  Hussein aus Indien zu importieren. Seitdem hatten wir 24 Elefantengeburten.

Als im vergangenen Jahr zwei Elefantenbabys am Herpes-Virus gestorben sind, wurde die Haltung der Elefanten kritisiert, weil das Herpes-Virus offenbar durch großen Stress ausgelöst wird. Was sagen Sie dazu? Kritik am Tierpark sind wir gewohnt. In unserer Gesellschaft darf ja jeder Kritik äußern, egal, ob er Sachverstand hat oder sich überhaupt mit der Materie beschäftigt hat. Ob Herpes durch Stress ausgelöst wird, wissen wir nicht genau. Mit Sicherheit weiß ich aber, dass die Tiere nicht unter Stress leiden, weil sie bei uns im Tierpark leben.

Waren Sie mal in Afrika, wo Tierpark-Tiere in freier Natur leben? Ich war mehrfach  in Afrika, auch weil meine Tochter und ihr Mann dort einige Jahre gelebt haben. Auf den Safaris, die ich erlebt habe, war es schon beeindruckend, die Tiere in freier Wildbahn zu sehen. Am faszinierendsten fand ich die unglaubliche Stille. Der Begriff „dröhnende Stille“ ist mir dabei in den Sinn gekommen.

Hat der Tierpark Hagenbeck auch in Zukunft eine Zukunft?Die letzten 160 Jahre haben wir überstanden, dann gucken wir doch mal optimistisch auf die nächsten 160 (lacht). Im Gegenteil: Die Bedeutung von Zoos wächst sogar noch -  nicht nur als Bewahrer von Tieren, um sie vor der Ausrottung durch den Menschen zu retten. Es hat ja längst nicht jeder die Möglichkeit, sich die Tiere in freier Natur in Afrika anzusehen. Die meisten Menschen, auch hier im Norden,  können sich das nicht leisten. Hier im Tierpark können sie erleben,  wie groß ein Löwe ist oder wie hoch  eine Giraffe ist.

Welches Talent, welche Sehnsucht von Ihnen ist durch die Familien-Disziplin in Stellingen für Sie zu kurz gekommen? Nichts. Wissen Sie, ich  habe bisher ein tolles Leben gehabt. Ich musste nie hungern,  habe erlebt, wie mein Vater den Tierpark aus den Trümmern des Krieges wieder aufgebaut hat,  hier meine Jugend verbracht, den Tierwärtern bei der Arbeit geholfen und  ausgebüxte Rhesus-Affen mit einem Kescher wieder eingefangen.  Und auch mein Hobby Oldtimer-Autos konnte ich  immer ausleben. Insofern ist in meinem Leben nichts auf der Strecke geblieben.

Sie werden als Hanseat von Abstammung wie von Habitus bezeichnet. Was macht denn einen Hanseaten aus? Ein Hanseat zeichnet sich dadurch aus, dass er  ehrlich, pünktlich, verlässlich ist. Mit einem echten Hanseaten können sie ein Geschäft auch heute noch per Handschlag besiegeln.

Sie sind Hamburg und der Tierpark braucht Hamburg. Ist die Stadt auf einem guten Weg? Ja, ich denke schon. Wir werden gut regiert. Ob Hamburg wirklich auf einem guten Weg ist, werden wir aber endgültig erst in 20 Jahren wissen.

Was muss besser werden? Es muss immer irgendetwas besser oder anders werden. Mich ärgern  die parteipolitischen Spielchen. Wenn die Regierung A sagt, sagt die Opposition immer B, egal, wie sie inhaltlich zu einer Sache steht. Das finde ich frustrierend.

Sie sind 77 Jahre jung und die Dinge verändern sich immer schneller. Trauern Sie manchmal alten Zeiten hinterher? Nein, aber ich erinnere mich manchmal daran, dass wir als Kinder, wenn wir im Tierpark spielten,  den Gong, der zum Essen rief, auf der gegenüberliegenden Parkseite hören konnten. Das wäre   bei dem  dauerhaften Geräuschpegel, den wir heute haben, nicht mehr möglich. Das hat sich geändert, aber nachtrauern muss man dem nicht.

Was möchten Sie Ihren sechs Enkelkindern für deren Leben mit auf den Weg geben?Dass sie authentisch bleiben und das tun, was ihnen Spaß macht. Wer widerwillig zur Arbeit geht, hat den falschen Beruf. Die hanseatischen Tugenden sind wichtig: authentisch, ehrlich und zuverlässig sein.

Haben Sie Haustiere? Wir hatten einen Dackel namens Fiete und meine Frau behauptete, er konnte sprechen (lacht). Er war eine jagdliche Schleiche, aber ein goldiger Dackel. Heute haben wir keinen eigenen Hund mehr, nehmen aber gern die Hunde unserer beiden Töchter, wenn die im Urlaub sind.

Dr. Carl Claus Hagenbeck ... persönlich

Ich fühle mich am wohlsten . . ., wenn ich etwas mit meiner Hände Arbeit geschaffen und nicht nur Schriftsätze gelesen habe.

Eine Stärke von mir ist  . . . zupackend zu sein. Fix oder nix, hat mein Urgroßvater immer gesagt.

Eine Schwäche von mir . . . ist sehr ordnungsliebend, fast pedantisch zu sein. Ich kann auch nichts wegwerfen.

Familie  . . . ist alles.

Glück . . . muss man haben.

Alter . . . der Herbst hat auch noch schöne Tage.

Geld . . . beruhigt.
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Interview

Olympiasiegerin Laura Ludwig: „Mit entspanntem Ehrgeiz kommt man weiter“

Meinung – Manfred Ertel
Nach dem Training ist vor der Physiotherapie. Deshalb hat es Laura Ludwig auch eilig. Nach der Übungseinheit muss sie noch schnell duschen und sich umziehen, zusammen mit einer Horde neugieriger Schülerinnen nach deren Sportunterricht, und online etwas zu essen bestellen, bevor sie Manfred Ertel im Olympiastützpunkt in Hamburg zum Gespräch trifft. Trotzdem ist sie entspannt und locker, als sie über ihre neuen Herausforderungen spricht. Sie lacht viel dabei, als sei alles nur ein riesengroßer Spaß. Dabei hat sich das Leben der Olympiasiegerin 2016 und Weltmeisterin 2017 gehörig verändert.

Neue Partnerin auf dem Feld

Im Juni vorigen Jahres brachte die 33-Jährige ihr erstes Kind zur Welt, Sohn Teo Johnston. Nach Monate langer Pause greift sie Ende April wieder an und kehrt in Xiamen (China) zurück in den Beachvolleyballzirkus. Danach geht es nach Malaysia und Brasilien. Dafür quält sie sich seit Wochen in Trainingslagern in wärmeren Gefilden und natürlich im Sand des Olympiastützpunktes in Hamburg. An ihrer Seite hat sie mit Margareta Kozuch eine neue Partnerin, nachdem Kira Walkenhorst im Herbst ihre Karriere beendete und das Erfolgsduo der „Golden Girls“ sprengte.



Die neue Doppelrolle scheint Laura Ludwig zu gefallen. Stress wegen der Doppelbelastung ist ihr nicht anzumerken. Sie wollte das Kind und sie wollte nach der Geburt wieder zurück an den Ball – daran gab es für sie nie einen Zweifel. Und das strahlt sie auch aus, privates Glück und große Freude. Sehr persönlich erzählt sie von ihrem neuen Leben, welch Organisationstalent zum Beispiel erforderlich ist, um den Alltag auf dem Trainingsplatz und zuhause zu organisieren. Das sei nicht immer ganz leicht, denn ihr schottischer Mann Imornefe Bowes (42) sei als Beachvolleyball-Bundestrainer ebenfalls stark beansprucht. Deshalb seien sie auf liebevolle und tatkräftige Unterstützung von Oma, Opa, Schwiegermama und zwei Nannys angewiesen. Laura Ludwig spricht offen und auch privat über die Herausforderungen junger Eltern, die nebenbei noch im Beruf abliefern wollen und müssen. Zum Beispiel, wenn sie über ihre Schlafdefizite spricht. Der Kleine schlafe gut und meistens durch, trotzdem sei der Schlaf ein anderer.

Laura Ludwig ist zurück und auf gutem Weg, an ihre Erfolge wieder anzuknüpfen. Die Liste ist lang. Viermal war sie zum Beispiel auch Europa- und siebenmal Deutsche Meisterin. Bei den Turnieren in Europa im Sommer soll der kleine Teo meistens mit dabei sein. Auch hier zeigt sie Gelassenheit. Das gilt genauso für die Weltmeisterschaft vor der eigenen Haustür am Hamburger Rothenbaum, bei der sie ihren Titel als Weltmeisterin verteidigen möchte und wieder einmal besonders im Blickpunkt stehen wird. Denn die WM beginnt am 28. Juni – ausgerechnet dem ersten Geburtstag von Teo.

Kribbelt es eigentlich schon, endlich wieder unter Wettkampfbedingungen im Sand zu baggern und zu pritschen? Absolut, vor allem seit dem letzten Trainingslager auf Teneriffa, das dritte mit meiner neuen Partnerin. Da hat es sich für mich wieder langsam so angefühlt wie damals mit Kira. Das war das erste Mal, dass ich gedacht habe, okay, jetzt kann ich mich wieder aufs Feld stellen und langsam habe ich echt wieder Bock auf Wettkampf. Gab es in der langen Pause manchmal richtige Entzugserscheinungen? Nach den vielen intensiven Jahren brauchte ich für meinen Kopf eine Pause, musste mich neu sortieren, um danach wieder neue Ziele in Angriff nehmen zu können. Ich habe mich eher wohlgefühlt, weg zu sein von der Beachvolleyball-Tour, mal mehr Zeit zu haben für mich, für Familie, für Freunde, die Wochenenden mal zu planen, wie ich Bock hatte. Das hat mir eigentlich mal ganz gut getan, die Auszeit fand ich super. Wenn es Ende April in China wieder losgeht, wird für Sie alles neu sein, auch wegen Margareta Kozuch als neuer Partnerin an Ihrer Seite. Was erwarten Sie von sich? Ich liebe Beachvolleyball und das Gewinnen. Wir arbeiten jetzt lange und intensiv darauf hin, dass es bald losgeht. Wir wollen dann unser bestes Beachvolleyball spielen und alles geben. Was am Ende dabei rauskommt, werden wir sehen. Aber wir haben beide richtig Bock und der Killerinstinkt ist bei mir zurück. Wie war es, als Ihre Partnerin Kira Walkenhorst, mit der Sie die größten Erfolge hatten, überraschend den Rücktritt vom aktiven Sport verkündete? Es war zunächst schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es das Duo mit Kira nicht mehr geben wird. Aber überrascht hat mich das zu dem Zeitpunkt nicht mehr, wir hatten die Situation ja gemeinsam im ganzen Team besprochen. Und ich habe Verständnis für Kira. Gab es nie einen Punkt, an dem Sie über Ihren Wunsch nach einem Comeback auch mal ins Zweifeln gekommen sind? Nur als Teo auf der Welt war, in den ersten zehn Wochen, da habe ich schon mal gedacht, was ich mir damit angetan habe, ein Comeback starten zu wollen. (lacht). Man muss das wohl erst erleben, damit man checkt, was ein Kind bedeutet. Mir war schon bewusst, dass ein Kind viel Arbeit ist und viel Schlafentzug heißt. Der Kleine hat uns anfangs ganz gut in die Mangel genommen, sodass ich manchmal gedacht habe, boah, ich schaffe das nicht. Wie wichtig ist Beachvolleyball für Sie? Beachvolleyball ist meine absolut erste Leidenschaft. (lacht). Ich habe ehrlich gesagt nie darüber nachgedacht, die große Leidenschaft zum Beruf zu machen, als ich jung war, oder später, als ich anfing in der Halle und in der Bundesliga zu spielen. Oder als ich dann international beim Beachvolleyball eingestiegen bin. Das ist alles step by step gegangen, aber ich bin sehr froh, dass das so passiert ist. Denken Sie manchmal über das Risiko nach, von ganz oben als Olympiasiegerin und Weltmeisterin auch tief fallen zu können? Ehrlich gesagt, fühle ich mich mittlerweile relativ sicher in dem, was ich tue. Und habe schon sehr viel Selbstvertrauen getankt in den letzten Jahren, dass ich weiß, wo mein Potenzial ist und was ich noch kann. Ich gehe einfach nicht davon aus, dass ich tief fallen werde. Und wenn das so kommen sollte, habe ich ganz tolle Leute um mich herum, die mich auf jeden Fall auffangen werden. Aus Angst vorm Fallen, mit dem Beachvolleyball aufzuhören oder mir das Leben mit Angst schwer zu machen, dafür bin ich einfach nicht der Typ, das ist mir zu anstrengend. Mit neuer Partnerin, die eine Klassevolleyballerin in der Halle ist, aber vergleichsweise wenig Erfahrung im Sand hat? Mit Maggie ist es eine andere, aber eine sehr positive Herausforderung, auf die ich voll Bock habe und die mir auch tierisch viel Spaß macht. Wir kennen uns ja schon sehr viel länger, wir haben viel Potenzial, mit dem Team um uns herum sehr viel aus uns herauszuholen. Sie will das auch unbedingt und hat richtig Bock auf Veränderung. Maggie bewegt sich auch gerne raus aus der Komfortzone, das hat man gleich in den ersten Monaten sehr schnell gemerkt, Und deswegen mache ich mir da gar keine Sorgen. Fühlen Sie sich besonders unter Druck, weil Ihre sportliche Partnerin als Ziel Olympia in Tokio ausgegeben hat und womöglich auch wieder die Goldmedaille? Die Goldmedaille? Das glaube ich nicht. Damit ist sie auch sehr vorsichtig. Sie freut sich darauf, denn dieses Event fehlt noch in ihrer Sammlung. Wir haben beide das Ziel, die Qualifikation so gut wie möglich zu bestreiten und dabei zu sein. Und natürlich will man um eine Medaille mitspielen. Aber wir sagen jetzt nicht, die Goldmedaille muss her, um glücklich zu sein. Sie wollen mit Erwartungen an sich entspannt umgehen, aber können Sie das bei Ihrem Ehrgeiz überhaupt? Ich bin absolut ehrgeizig, aber mit entspanntem Ehrgeiz kommt man weiter. Ich kann ja nichts tun, als alles so gut wie möglich machen. Ich bin deshalb zufrieden, wenn ich mich wieder so fühle wie vor der Schwangerschaft und wirklich die Fitness wiederhabe, wenn ich Spaß beim Spielen habe und das Auge dafür, die besten Bälle zu spielen. Wenn wir das erreichen, können wir auch sehr, sehr gut spielen und nach oben kommen. Ob wir dann gegen alle gewinnen, werden wir sehen. Sie sind zu Spielen, Turnieren und Trainingslagern auf der ganzen Welt unterwegs - was ist eigentlich im Moment zuhause für Sie? Zuhause ist hier in Hamburg. Ich fühle mich schon sehr wohl hier. Wir kommen immer gern in unsere Wohnung zurück, das ist unser Rückzugsort. Wenn ich das sage, guckt meine Mama immer sehr traurig, weil ich doch eigentlich Berlinerin bin und sie noch in Köpenick wohnt. Aber ich fühle mich sehr wohl auf der Uhlenhorst, da sind sehr viele Kinder unterwegs, viele Familien, und wir haben die Alsternähe zum Spazieren. Super! Es gibt andere Sportlerinnen, die nach der Geburt eines Kindes immer noch Weltklasse sind, aber nicht mehr ganz Weltspitze, könnten Sie das aushalten? Hmmh, ich glaube, wenn ich mich nicht mehr wohl in meiner eigenen Haut fühle und mit dem was ich aufs Feld bringe, werde ich es auch lassen. Ich bin definitiv nicht damit zufrieden, nicht mehr ganz oben bei den Besten der Welt mitzuspielen. Das würde anstrengend und schwierig.

Laura Ludwig ...persönlich Zeit zum Abschalten finde ich  . . . im Schlaf, wenn ich den kriege. Ich brauche meinen Schlaf zurzeit.

Meine Hobbys sind  . . . mein Beruf und natürlich mein Sohn.

Kochen und Hausarbeit  . . .  mache ich, wenn ich Zeit habe, sehr gern, Kochen vor allem, Haushalt eher so nebenher.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg  . . . überall, wo ich entspannen kann. Zum Spaziergang an der Alster, in meiner Wohnung oder im Aspria Uhlenhorst.

Ein Leben ohne Sport  . . . wird es für mich nie geben.

Ein zweites Kind  . . . kommt auf jeden Fall, nicht in den nächsten zwei Jahren, aber dann mal gucken.
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Interview

Bürgermeister Peter Tschentscher: „Es gibt Situationen, in denen ich energisch werden muss“

Meinung – Barbara Glosemeyer und Markus Lorenz
Gut ein Jahr ist Peter Tschentscher (53) jetzt Hamburgs Erster Bürgermeister. Dabei hatte der ehemalige Finanzsenator mit Bremer Wurzeln dieses Amt eigentlich nie angestrebt. Aber als Olaf Scholz als Bundesfinanzminister nach Berlin ging, wurde händeringend ein Nachfolger gesucht. Schließlich fiel die Wahl auf Peter Tschentscher, der als Finanzsenator bis dahin öffentlich kaum in Erscheinung getreten war. Am 28. März 2018 wurde er Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg. Ein Jahr danach haben ihn die Hamburg-Redakteure Barbara Glosemeyer und Markus Lorenz zum Gespräch in seinem Amtszimmer im Rathaus getroffen.

Herr Bürgermeister, Sie waren sieben Jahre Finanzsenator und sind jetzt seit einem Jahr Bürgermeister. Konnte Sie im neuen Amt noch irgendwas überraschen? Thematisch nicht. Auch wie das Rathaus funktioniert, wusste ich. Aber die Perspektive ist eine andere. Was ein Bürgermeister macht und wie er denkt, das interessiert die Leute viel mehr als bei einem Finanzsenator.

Können Sie als Bürgermeister in Ihrem Stadtteil Barmbek noch unbehelligt einkaufen gehen? Ich gehe bei uns jedenfalls am Wochenende weiterhin zur Reinigung, zum Bäcker und zum Bioladen. In den ersten Woche nach der Wahl wurde ich noch gefragt: „Sind Sie nicht der neue Bürgermeister?“ Jetzt ist das aber kein Thema mehr. Welche persönlichen Eigenschaften kommen Ihnen im Bürgermeisteramt entgegen? Vor allem Gelassenheit. Es passieren jeden Tag zehn Dinge, die geplant sind, und dann noch fünf weitere. Oft ist das mit öffentlicher Aufregung verbunden. Mich regt das innerlich nicht so auf. Das ist ein Vorteil. Gibt es Situationen, in denen Sie ausrasten? Nein, das sicher nicht. Es gibt aber manchmal Situationen, in denen ich energisch werden muss. Einige Menschen akzeptieren Dinge erst, wenn sie klar gesagt bekommen: Nein, das geht so nicht, vergiss es. Wissen Sie immer sofort genau, wie Sie entscheiden wollen? Oft schon. Vieles in der Politik ist eine Frage der Erfahrung. Bestimmte Konstellationen habe ich schon so oft erlebt, dass ich von vorneherein weiß, wie die Sache ausgeht. Es gibt aber auch komplexe Fragen, die man nicht vorschnell entscheiden, sondern sorgfältig bedenken sollte. Haben Sie sich in Ihrem Regierungsstil etwas von Olaf Scholz abgeguckt? Ja, dass Politik immer zu vernünftigen Entscheidungen führen muss. Wir sollten uns nicht vor Kritik fürchten, sondern vor Fehlentscheidungen. Aufregung legt sich wieder. Falsche Entscheidungen machen sich früher oder später immer wieder bemerkbar. Ärgern Sie sich, wenn etwas in der Zeitung steht, was aus Ihrer Sicht nicht stimmt? Es geht so. Da wird man im Laufe der Zeit unempfindlich. Ich kann andere Ansichten gut akzeptieren, habe aber ein eigenes Gefühl dafür, was für die Stadt wichtig ist. Was habe ich zum Beispiel vor dem Verkauf der HSH Nordbank für Kommentare bekommen: „Das ist doch illusionär. Dafür bekommt Ihr keinen einzigen Euro.“ Am Ende haben wir noch eine Milliarde Euro bekommen. Jetzt frage ich mich manchmal, was die Kritiker von damals heute eigentlich dazu sagen. Ärgerlich finde ich, wenn um politische Entscheidungen Legenden gestrickt werden. Dann frage ich mich: Was haben die Leute für eine merkwürdige Vorstellung davon, wie Politik gemacht wird? Als Greta Thunberg kürzlich in Hamburg war, sind Sie zu den demonstrierenden Schülern von „Fridays for Future“ auf den Rathausmarkt gegangen. Zugleich hat Ihr Schulsenator vor Schule schwänzen gewarnt. Was haben Sie den Schülern gesagt? Dass ich es großartig finde, wenn sie sich um ihre Zukunft Gedanken machen und für den Klimaschutz einsetzen. Ich habe als Schüler auch ein Mal während des Unterrichts an „5 vor 12“-Demos gegen die Stationierung von Pershing 2- und SS20-Raketen teilgenommen. Schule schwänzen ist also in Ordnung? Nein, grundsätzlich natürlich nicht. Es ist wichtig, dass sich junge Leute engagieren. Aber das lässt sich eben auch gut außerhalb der Unterrichtszeiten machen. Klimaschutzengagement und Bildung ist kein Widerspruch. Ich würde die Schülerdemonstrationen am Freitagnachmittag genauso ernst nehmen. Und die jungen Menschen brauchen gute Bildung und Ausbildung, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Konnten Sie die Schüler von Ihrer Klimapolitik überzeugen? Ich hoffe schon. Viele haben den Eindruck, wir sitzen nur im Rathaus, gucken an die Wand und tun nichts. Ich habe deshalb erklärt, was wir alles für die Energiewende und den Klimaschutz tun, zum Beispiel, dass alle Hamburger U-und S-Bahnen zu 100 Prozent mit Ökostrom fahren. Das fanden sie gut. Offiziell ist es bisher nicht, daher die Frage: Treten Sie 2020 wieder als Bürgermeisterkandidat an? Ja, davon können Sie ausgehen. Wird es ein Wahlkampf ums Bürgermeisteramt Tschentscher für die SPD gegen Katharina Fegebank von den Grünen? Man sollte nie gegen jemanden kandidieren, sondern für die eigenen Positionen eintreten und zur Sache reden. Wir wollen mit guten Argumenten dafür eintreten, dass die SPD bei den Wahlen in Hamburg wieder möglichst stark wird ...

... nämlich? Weil wir eine Hamburg-Partei sind, die unsere Stadt auf den richtigen Kurs und vorangebracht hat. Mit dem Bau von Wohnungen, Kitas und Schulen. Mit unseren Verbesserungen von Bussen und Bahnen, der Wissenschaft und einer starken Wirtschaft. Hamburg geht es gut, das soll so bleiben. Der Wahlkampf sollte ein Wettbewerb um die besten Ideen werden. Aber neu ist doch die Möglichkeit, dass die Grünen stärkste Partei in Hamburg werden könnten ... ... Ich trete − wie gesagt − für eine starke SPD ein. Dass die beiden Regierungsparteien gute Umfrageergebnisse haben und die Senatspolitik insgesamt große Zustimmung erfährt, ist ein gutes Zeichen. Dafür bin ich als Bürgermeister nämlich zuständig. Keine Angst vor Jamaika in Hamburg? Diejenigen, die Schwarz-Grün in Hamburg erlebt haben, wissen, dass es da viele Probleme gab, die wir erstmal in Ordnung bringen mussten. Straßen und Schulen sanieren, Elbphilharmonie zu Ende bauen, den Schaden aus der HSH Nordbank-Krise begrenzen. Da passte vieles nicht zusammen. Was zusammen passt, sind die Stadt und die Hamburger SPD. Wie es aussieht, wird Verkehr das Top-Wahlkampfthema. Befürchten Sie die Quittung unzufriedener Auto-, Bahn- und Radfahrer? Nein. Gerade in diesem Bereich haben wir vieles vorangebracht und neue Impulse gesetzt: Radwege gebaut, die U4 bis an die Elbbrücken verlängert, Busse und Bahnen modernisiert, das Angebot gerade in den Hauptverkehrszeiten ausgeweitet und Car-Sharing flächendeckend eingeführt. Es gibt darüber hinaus noch Zukunftsprojekte wie die U 5 als eine der modernsten U-Bahnen Europas und den neuen Hamburg-Takt. Damit wollen wir in den kommenden Jahren Busse, Bahnen und neue Verkehrsmittel so häufig fahren lassen, dass Fahrpläne überflüssig werden und man überall in der Stadt zu jeder Zeit ohne Auto unterwegs sein kann. Aber das ist das Morgen. Im Heute klagen die Menschen über Staus auf den Straßen, übervolle und unpünktliche S-Bahnen . . . ? Wir müssen die Straßen und Brücken weiter sanieren, Datenkabel verlegen und vieles mehr. Das führt leider zu vielen Baustellen, die wir mittlerweile besser koordinieren, um Behinderungen gering zu halten. Es gibt bereits viele neue und moderne Radwege und ein besseres Angebot an Bussen und Bahnen. Gleichwohl ist noch einiges zu tun, das wir in Angriff nehmen. Peter Tschentscher persönlich

Ich könnte gut verzichten . . .  auf viele Spekulationen, die in der Politik eine Rolle spielen.

Am besten kann ich mich vom Job erholen  . . . beim Spaziergehen mit Musik im Kopfhörer.

Längst mal wieder wollte ich . . . sportlich etwas aktiver sein.

Ärgern kann ich mich . . . wenn nicht zur Sache geredet wird.

Kaputtlachen kann ich mich . . . über einige Vermutungen, was ich angeblich denke.

Die Elbphilharmonie ist . . . ein großartiges Konzerthaus, das zu einer neuen Begeisterung für die Musik geführt hat.

Ich wünsche mir, dass die Hamburger einmal über den Bürgermeister Peter Tschentscher sagen  . . . das war ein weitsichtiger und moderner Bürgermeister.

Peter Tschentscher in drei Worten . . .  ein hanseatischer Typ.
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Interview

Schauspielerin Sanna Englund: „Ich bin eigentlich ein schüchterner Mensch”

Meinung – Manfred Ertel
Ihre beiden ungarischen Jagdhunde Lenni und Paul freuen sich am meisten, als Manfred Ertel den Fernsehstar in den Büroräumen einer alten Villa in Harvestehude zum Interview trifft. Sie sind „die größten Kuschelhunde der Welt“, sagt der TV-Star, und fast immer dabei. Wenn Sanna Englund mal nicht für „Notruf Hafenkannte“ dreht und mit ihren Hunden in Hamburg in Zivil unterwegs ist, wird sie inzwischen oft erkannt, auch von „echten“ Polizisten. Die grüßen dann schon mal aus dem Streifenwagen mit „Hallo Kollegin“.

Zählen Sie eigentlich noch mit, die wievielte Folge von „Notruf Hafenkante“ Sie gerade drehen und welche Folge aktuell im Programm zu sehen ist? Mitgezählt habe ich nicht, aber ich weiß, dass ich gerade Text gelernt habe für Folge 347 und gestern für Folge 344. Welche aktuell gerade im Programm zu sehen ist, weiß ich tatsächlich nicht so genau. Das müsste eine sein, die ungefähr immer 20 bis 25 Folgen davor abgedreht wurde

Zusammen mit Rhea Harder sind Sie seit der ersten Sendung dabei, sie sind praktisch „die Alten“ ...Das Urgestein sagt man immer zu uns.

Fühlen Sie sich manchmal schon ein bisschen wie die Alten? Komischerweise überhaupt nicht, ich fühle mich sogar jünger als vor 13 Jahren, als wir angefangen haben. Wir sagen immer, „Notruf Hafenkante“ und unsere Arbeit sind wie ein Jungbrunnen, zumindest kopfmäßig.

Ist es mehr Fluch oder Segen, seit über zehn Jahren fester Bestandteil einer Serie und deren Gesicht zu sein? Das ist Empfindungssache. Es gibt Schauspieler, die empfinden es als einschränkend, einengend. Was natürlich auch sein kann, weil man andere Projekte und Angebote schwer wahrnehmen kann. Für mich persönlich ist es ganz großes Geschenk, wie ein Sechser im Lotto. Man ist beschäftigt, man hat sein sicheres Einkommen. Für mich ist es schön, über so lange Zeit in einer so familiären Atmosphäre arbeiten und drehen zu dürfen. Die Routine empfinde ich nicht als Einschränkung, sondern als bewegend und inspirierend. Und wenn man dann auch noch von einem großen Publikum geschätzt wird, ist das toll.

Sind Sie nicht sehr festgelegt, wenn es um andere Rollenangebote geht? Sicherlich, erst mal zeitlich. Wenn es mal eine größere Drehpause gibt, dann braucht man diese Pause bei dem Pensum, was wir haben, auch, um sich mal wieder selbst zu finden. Und rollentechnisch bin ich seit vielen Jahren die taffe Polizistin und manch einer sieht mich deshalb vielleicht gerade weniger in zarteren romantischen Charakteren. Aber so ist es dann eben. Wenn die Zeiten mal vorbei sind, muss man sich sowieso neu ordnen und neu definieren.

Sie haben Psychologie studiert, sind ausgebildet in Kampfsport und Schießsport, können Ihre Stunts selbst bewältigen und haben als Model im In- und Ausland gearbeitet – sind Sie nicht eigentlich überqualifiziert für eine Vorabendserie? Für mich ist alles gleich, ob Kino, Vorabend, Telenovela oder der große Spielfilm zur Hauptsendezeit. Ich spiele eine Rolle und bereite mich in jedem Format in gleicher Weise darauf vor und gebe das volle Herzblut hinein, hoffe ich jedenfalls. Ich bin sehr glücklich mit meiner Rolle, außerdem hat die sich über die Jahre auch entwickelt. Ich hatte immer wieder neue Herausforderungen, ich musste mich immer wieder neu finden.

Haben Sie Einfluss auf die Geschichten und Ihre  eigene Figur, können Sie eigene Ideen einbringen? Das war von Anfang an das Besondere an dieser Serienarbeit, dass wir mit den Dramaturgen und Autoren in ständigem Kontakt stehen. Wir treffen uns mindestens einmal im Jahr zum gemeinsamen Brainstorming und können jederzeit Ideen und Wünsche für die eigene Figur vorbringen. Und zum größten Teil wurden meine Wünsche auch aufgegriffen.

Zum Beispiel? Ich hatte mir für die Melanie mal einen harten gesundheitlichen Einschnitt überlegt, dass es bei ihr einen Krebsverdacht gab, der sie bei der Arbeit beschäftigte.  Oder auch das Thema, dass sich Melanie mal nicht in einen Mann verliebt, sondern in eine Frau. Das wurde dann leider nicht so lange und in so großen Bögen erzählt, wie ursprünglich geplant, das fand ich etwas schade, obwohl das Publikum damals unglaublich positiv und interessiert auf die Geschichte reagiert hat. Wir gehen trotz Vorabend schon viele gewagte Schritte.

Wie viele Wochen im Jahr sind Sie eigentlich die taffe Polizistin Melanie Hansen? Etwa 60 Prozent des Jahres, wir drehen im Jahr immer so ungefähr 20 bis 25 Folgen. Aber ich bin und bleibe immer Sanna Englund, die sich dann auf ihre Rolle vorbereitet.

Ist Polizeihauptkommissarin Melanie Hansen nicht manchmal so etwas wie ein Alter Ego? Nein, ich habe das oft überlegt und werde auch immer wieder gefragt. Und muss immer wieder neu drüber nachdenken. Es fühlt sich eher an wie eine enge Freundschaft oder Schwester.

Fühlen Sie sich angesprochen und reagieren, wenn Sie jemand Melanie ruft? (lacht) Ich werde am Set oft Melanie gerufen, wenn sie da die Namen mal nicht auseinanderhalten können. Da reagiere ich schon drauf. Aber auf der Straße würde ich mich nicht umdrehen, nee.

Die Kommissarin Melanie Hansen kämpft auf dem Weg zu einer Führungsposition als Frau gegen Vorurteile wie im wahren Leben. Sind Sie für eine Frauenquote? Schwierige Frage. Wir erleben die 50-Prozent-Frauenquote jetzt zum Beispiel in unserer Regieabteilung und haben das Glück, dass wir mit unheimlich guten und motivierten jungen Frauen als Regisseurinnen arbeiten dürfen. Das finde ich ganz toll. Das wäre vielleicht ohne die Frauenquote nicht so gelaufen. Aber manchmal sind wir auch etwas eingeschränkt durch die Quote, weil die Frauen, die unsere Serien führen sollen, gerade nicht verfügbar sind oder andere Termine haben. Wenn man dann gezwungen ist, irgendwelche Kompromisse einzugehen und nicht einfach einen anderen Mann nehmen kann, der parat steht und mit dem wir gute Erfahrungen gemacht haben, dann finde ich so eine Pflichtquote vielleicht zu eng gedacht.

Hat sich Ihr Verhältnis zur Polizei durch die Serie und Ihre Rolle geändert? Ja, eindeutig. Ich habe einen unfassbaren Respekt vor der Arbeit von Polizisten. Ich merke oft schon beim Drehen, okay, ich habe jetzt Glück, dass es ein Drehbuch gibt und ich weiß, wie diese Situation ausgeht. Wenn ich mir dann vorstelle, wie ich als echte Polizistin in Situationen geraten kann, von denen ich nicht weiß, wie sie ausgehen könnten, empfinde ich auf jeden Fall schon eine gewisse Bewunderung für Menschen, die Polizeiarbeit machen.

Fahren Sie nie mehr zu schnell, halten Sie sich immer an Tempolimits und Park- oder Halteverbote? (lacht) Ich habe mich gebessert und versuche schon, mich im Verkehr zu benehmen. Das wäre ja auch peinlich, wenn ich ständig auffallen würde. Aber natürlich passieren mir auch schon manchmal kleine Dinge, aber mehr aus Schusseligkeit.

Wenn Sie in Hamburg so zuhause sind, warum leben Sie nicht ganz hier? Das habe ich tatsächlich noch nie in Erwägung gezogen. Dabei habe ich Hamburg schon immer geliebt. Ich habe mir auch aktiv gewünscht, in Hamburg zu drehen, bevor diese Serie überhaupt begonnen hat. Damals habe ich natürlich auch darüber nachgedacht, ob es nicht sinnvoll wäre, ganz hierher zu ziehen. Aber dann habe ich irgendwie gedacht, nee, das will ich nicht.

Warum denn nicht? Ich fühlte mich damals in Berlin einfach ein bisschen näher dran an meiner Branche, meine Agenturen waren meistens in Berlin, sehr viele Kollegen und Freunde auch. Das hat sich in den letzten Jahren etwas geändert und ich bin jetzt ja auch aufs Land gezogen. Wenn ich Familie gegründet hätte, so im klassischen Sinne, dann hätte ich mich wohl für Hamburg entscheiden können.

Werden Sie in Hamburg zu viel erkannt, können Sie in Berlin oder Bayern privater sein? In Berlin war ich privater, ja, in Bayern ist es komplett das Gegenteil, da werde ich öfter erkannt und angesprochen als in Hamburg. Es ist erstaunlich und ich hätte nicht gedacht, wie beliebt diese Serie in Bayern ist, ob jung oder alt, ob junge Mädchen zum Beispiel im Supermarkt oder ältere Herrschaften, alle sagen:  Oh, ist die Serie schön und dieses Hamburg, das sehen wir so gerne. Tja, wir sind sehr beliebt da unten

Täuscht der Eindruck oder machen Sie sich als TV-Star öffentlichen relativ rar und meiden rote Teppiche möglichst? Ja, das mache ich tatsächlich. (lacht) Das passt eigentlich gar nicht zu einer Schauspielerin, dass ich gar nicht gern im Mittelpunkt stehe. Dass ich überhaupt nicht mein Privatleben öffne, sondern mich gerne einigele. Ich bin sehr glücklich, dass ich bisher so konstant und viel arbeiten durfte, ohne mich auf diesen Starrummel oder diese Öffentlichkeitsarbeit einlassen zu müssen.

Die Blitzlichter müssten Sie doch eigentlich gewöhnt sein, erst recht als Model. Klar, wenn es sein muss bin ich schon Profi und habe dann  letztendlich auch Spaß dabei. Aber ich suche die Öffentlichkeit nicht so aktiv und ich bin froh, dass ich es nicht muss. Ich bin eigentlich ein sehr schüchterner Mensch, ich habe große Schwierigkeiten, mich selbst zu verkaufen (lacht). In meiner Rolle kann ich mich vor großem Publikum auswälzen, als Sanna Englund bin ich dann eher unsicher.

Sanna Englund ...persönlich

Abschalten vom Dreh kann ich am besten  . . .  in der Natur, ich brauche Bäume, Wald und Wiesen und Bewegung, dann bin ich glücklich.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist  . . .  gegenüber von der Elbphilharmonie, das Brachland mit Blick auf Hamburg.

Wenn über „Bullen“ geschimpft wird, denke ich   . . .  an männliche Kühe. (lacht)

Die Küche ist für mich . . .  mein Experimentierlabor, ich versuche da fein zu kochen.

Krimis finde ich  . . .  spannende Pflichtlektüre.

Mein Lieblingsautor  . . .  John Le Carré, immer „abgrundtief“ schlau und spannend.

Labskaus und Fischbrötchen  . . .  esse ich sehr gern, typisch für Hamburg, beides ganz toll.
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Interview

Sängerin Annett Louisan: „Meine Lieder sind auch therapeutisch”

Meinung – Nadine Wenzlick
Nach einer langen Auszeit ist Annett Louisan mit ihrem Doppelalbum „Kleine große Liebe“ zurück. Im Interview mit Nadine Wenzlick spricht sie über das Älterwerden, ihre Kindheit, die Geburt ihrer Tochter und ihre Wahlheimat Hamburg.

Frau Louisan, seit Ihrem letzten regulären Album sind fünf Jahre vergangen. Waren Sie danach so inspiriert, dass Sie nun gleich ein Doppelalbum aufgenommen haben?Ich habe in den Jahren nicht nur viele Songs geschrieben, ich bin auch durch eine ganz besondere Lebensphase geschritten, die mich zu vielen Geschichten inspiriert hat. Als ich dann versucht habe, Lieder für ein neues Album auszuwählen, habe ich gemerkt, dass es mir schwerfällt. Ich hätte so viele musikalische Kompromisse machen müssen, wollte aber auch keinen Song wegstreichen, weil alle zusammen ein großes Bild ergeben. Die Idee eines Doppelalbums ermöglichte es mir, meine künstlerische Vision vollständig umzusetzen. Zum einen konnte ich mir als Chanson-Sängerin treu bleiben, zum anderen meine Sehnsucht nach Popmusik mal so richtig ausleben.

Tatsächlich wirkt Ihr Album wie eine Bestandsaufnahme. Hatten Sie das Gefühl, Sie müssen sich mit einigen Dingen auseinandersetzen? Eigentlich ist das ein totales Klischee, aber genauso ist es bei mir gewesen. Die erste kleine, wenn man das so nennen kann, Midlife-Crisis kurz vor der 40, in der Mitte des Lebens, die einen dazu anhält, sich näher mit sich selbst und mit seiner Vergangenheit zu beschäftigten und auch Fragen aufwirft wie: Was passiert in den nächsten 20 Jahren? Wo willst du überhaupt hin? Irgendwie waren die letzten Jahre Übergangsjahre. Die tun manchmal ein bisschen weh, so wie Wachstumsschmerzen, aber sie sind natürlich auch ganz wichtig und großartig. Den Liedern hört man das an. Sie sind sicher auch ein bisschen therapeutisch. Ich habe mich mit meiner Herkunft befasst, meiner Vergangenheit, meiner Kindheit, mit meiner Mutter.

Den Song „Meine Kleine“ singen Sie aus der Sicht Ihrer Mutter, die Sie im Alter von nur 20 zur Welt brachte.Inspiration für den Song waren viele Briefe, E-Mails und SMS, die sie mir in den letzten Jahren geschrieben hat. Die Tatsache, dass unsere Beziehung zwar innig, jedoch nicht immer unproblematisch war, hat mich dazu veranlasst, die Dinge einmal aus ihrer Sicht zu betrachten und Verständnis dafür zu entwickeln. Man fällt als Kind ja immer wieder in so Muster zurück, ist vielleicht wütend, dass bestimmte Dinge passiert sind. Ich wollte loslassen, verzeihen und irgendwie neu anfangen, ihr neu begegnen.

Wie war das damals, im Osten, auf dem Dorf, mit einer alleinerziehenden Mutter? Das Wort Bastard habe ich wirklich gehört. Auch von Kindern, die gar nicht wussten, was das ist. Es war bestimmt nicht einfach für meine Mutter, alleine, in einer dörflichen Gegend, so jung ein Kind großzuziehen. So viele Träume, Wünsche und Bedürfnisse, die hintenanstehen müssen. Natürlich kann ein Kind nichts dafür. Eins habe ich gelernt, weil ich jetzt selbst Mutter bin: Wir sind alle nur Menschen. Und jede Mutter versucht, die beste Mutter der Welt zu sein, auch wenn das nicht immer gelingt.

Auch die Wende und Ihren Umzug nach Hamburg im Alter von zwölf verarbeiten Sie auf dem Album, nämlich in „Straße der Millionäre“. Warum? Das ist so ein wichtiges Thema für mich, ich wollte schon ganz lange ein Lied über den Mauerfall schreiben, eines der eindrücklichsten, großartigsten Erlebnisse in meinem Leben. Die Zeile „Straße der Millionäre“ geht auf ein persönliches Erlebnis zurück, das sich in unserem Dorf zugetragen hat, als eines Tages diese Briefwurfwendungen „Sie sind Millionär“ im Postkasten waren. Wir lebten damals in einem Plattenbau und ein Kind kam auf den Spielplatz gerannt, das meinte, sie hätten gewonnen, sie seien jetzt Millionäre. Wir Kinder sind alle völlig ausgerastet vor Freude. Irgendwann kam dann raus, dass natürlich alle im Block die Werbung bekommen hatten. Ich werde diese wunderschöne, aufregende Zeit immer in meinem Herzen tragen. Die Wende war er erste große Bruch in meinem Leben – das hat etwas mit mir gemacht.

Und zwar? Naja, dass so etwas überhaupt passieren kann, dass sich das Leben so stark verändern kann. Alles brach zusammen, aber gleichzeitig herrschte so eine Aufbruchsstimmung. Für ein paar Wochen war auch in der Schule nichts mehr wie vorher. Die Lehrer waren unsicher und wir haben nur Scheiße gebaut. Familien waren auf einmal weg, weil sie weggezogen sind. Unser Umzug nach Hamburg war natürlich auch krass: Vom Land in die Stadt, von der Kindheit in die Pubertät und vom Osten in den Westen. Dadurch bin ich als vorher vorlautes und sehr altkluges Kind erst mal enorm introvertiert geworden. Das steckt bis heute in mir, ich bin sekundär extrovertiert. Ich muss mir erst mal in Ruhe alles anschauen und dann zünde ich die Rakete.

Als jemand, der das Gefühl kennt, an einem fremden Ort ein neues Leben aufbauen zu müssen: Mit welchen Gefühlen beobachten Sie die Flüchtlingsdebatte in Deutschland? Das macht mir große Bauchschmerzen. Als Künstlerin frage ich mich immer: Wie gehe ich damit um? Ich habe während eines Konzertes in bestimmten Städten schon oft einen Spruch gegen die AfD fallen lassen, und da schwang dann plötzlich leichter Missmut durch den Raum. Den richtigen Weg zu finden, wie man Position bezieht, ohne die Leute zu belehren, ohne dass sie sofort zu machen und sich missverstanden fühlen, ist sehr schwer. Ich bin keine Lehrerin und kein Vorbild, ich bin Geschichtenerzählerin. Das traue ich mir zu. Ich mache Politik im Kleinen.

Nach ein paar Jahren in Berlin leben Sie inzwischen wieder in Hamburg. Was bedeutet die Stadt für Sie heute? Hamburg ist mein Zuhause, definitiv. Ich musste einmal von hier weggehen, um die Stadt wirklich schätzen zu lernen. Mir ist früher oft die Decke auf den Kopf gefallen. Wie Lagerfeld immer sagte: Hamburg ist das Tor zur Welt, aber auch nur das Tor. Was aber ein Zuhause wirklich bedeutet, habe ich in den letzten Jahren erst richtig gelernt. Die Hanseaten: ihre angenehme Zurückhaltung, aber auch die Tiefe, die Verbindlichkeit. Den Wind, der mir immer noch viel zu häufig Kopfschmerzen bereitet, nehme ich dafür in Kauf – weil es einfach schön ist, hier zu leben. Ich freue mich, hier meine Tochter großzuziehen.

Auch von Ihrer Tochter Emmylou singen Sie auf dem Album. Wie hat das Muttersein Sie verändert? Das hat mein Leben echt auf den Kopf gestellt und verändert bis ins Mark. Jeden Tag entdecke ich neue kleine Puzzlestücke, verstehe das Leben noch mal neu und vor allem lerne ich mich selbst neu kennen. Ich bin als Mutter doch anders, als ich gedacht hätte. Ich bin viel mehr Glucke, als ich jemals sein wollte (lacht).

Wie äußert sich das? Die Angst, die man um sein Kind hat! Und die Angst, die ich auf einmal um mich selbst habe. Ich hatte noch nie Angst um mich selbst. Aber wenn ich mir vorstelle, dass ich meine Tochter nicht aufwachsen sehen kann, kriege ich sofort Atemnot. Früher war ich manchmal tatsächlich ein bisschen verantwortungslos mit mir. Ich habe viel gearbeitet, wenig geschlafen, war nie ein Hypochonder und habe immer Gas gegeben. Aber auf einmal will ich die beste Version von mir selbst sein.

Singen Sie eigentlich für Ihre Tochter? Ja, aber keine Annett-Louisan -Lieder (lacht). Die lernt sie früh genug kennen. Ich greife erstmal zurück auf das ganz alte Repertoire, die alten Volkslieder und Kinderlieder. Das macht schon Sinn, dass die sich über Jahrhunderte von Mund zu Mund weitergetragen haben. Ich bin ein großer Fan von Volksliedern, es gibt so wunderschönes Liedgut.



Wann hat das mit dem Singen bei Ihnen angefangen? Meine Mutter sagt ich habe gesungen, bevor ich gesprochen habe. Ich wollte immer Sängerin werden, schon als kleines Mädchen. Meine Mutter und ich haben uns das Schlafzimmer am Anfang geteilt und darin stand ein Wandschrank – da bin ich dann immer rauf, mit einer kleinen Leiter, habe es mir gemütlich gemacht und habe gesungen. Stundenlang, Fantasie-Englisch-Lieder aus dem Radio. Das war wie eine Art Meditation. Ich sehne mich manchmal nach dieser Art des Musizierens zurück. Denn wenn man das professionell macht, mit Publikum, ist es nicht immer einfach, diesen Zustand zu erreichen. Aber wenn man ihn erreicht, gibt es nichts Schöneres im Leben. Das ist spirituell.

Nun spielen Sie im September in der Elbphilharmonie. Eine Ehre? Ja, das ist toll. Ich muss zu meiner Schande zugeben, dass ich noch nie dort war! Ich war in den letzten eineinhalb Jahren noch nicht mal im Kino. Aber das Konzert war in null Komma nichts ausverkauft und ich habe so viele Zusendungen bekommen – Menschen kommen aus der ganzen Bundesrepublik angereist. Nur meine kann Mutter nicht kommen. Sie hat versprochen, dass sie auf Emmylou aufpasst.

Annett Louisan ...persönlich

An Hamburg mag ich . . . die Hanseaten und die Alster.

Meine Lieblingsort ist . . .  die spanische Treppe an der Alster. Wenn man von dort, wo alle Stand-Up-Paddling machen, noch ein Stückchen weiter geht, hat man einen wahnsinnig schönen Blick.

Abschalten kann ich . . .  wenn ich auf dem Trampolin bin und Musik höre. Erst mal kommt das ganze Adrenalin raus und dann wird es ruhig und schön. Ich habe das schon als Kind geliebt und ich bin auf Tour sogar mit Trampolin gereist.

Mutter zu sein ist . . .  das Größte!

Erfolg bedeutet für mich . . .  Anerkennung und Sicherheit. Erfolg sollte aber nicht so wichtig werden.

Mein größter Traum ist . . . sehr alt zu werden, meine Tochter aufwachsen zu sehen und immer noch auf der Bühne stehen zu dürfen.
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Interview

Wirtschaftssenator Michael Westhagemann: „Man sollte seine Wurzeln nie vergessen“

Meinung – Barbara Glosemeyer und Markus Lorenz 
Er fährt als bundesweit erster Ressortchef ein Dienstauto mit Brennstoffzelle, er hat die Baustellenplanung zur Chefsache gemacht und ist gerade von einer Asienreise zurückgekehrt, auf der er Reedereien über den Stand bei der Elbvertiefung informiert und  für den Hamburger Hafen geworben hat. Michael Westhagemann ist nach nur vier Monaten in seinem neuen Amt als Senator für Wirtschaft, Verkehr und Innovation angekommen. Die Hamburg-Redakteure Barbara Glosemeyer und Markus Lorenz  trafen den 61-Jährigen zum Gespräch in seinem Büro am Alten Steinweg in Hamburg.

Herr Senator, erledigen Sie eigentlich als gelernter Starkstromelektriker die Elektroarbeiten in Ihrem Haushalt selbst? Ja, sicher, und das wird auch immer wieder von meiner Familie eingefordert – zum Beispiel bei Umzügen. Ich bin froh, dass bislang nichts schiefgegangen ist (lacht).

Sie gelten als bodenständig. Liegt das auch daran, dass Sie mal als Industriehandwerker angefangen haben? Mit einem Handwerksberuf, den man von der Pike auf gelernt hat, ist man näher an der Basis und hat ein anderes soziales Umfeld kennengelernt als ein Manager, der direkt von der Uni in den Beruf einsteigt. Man kennt die Probleme der Menschen, die auch körperlich hart arbeiten müssen, und kann auch ihre Nöte und Klagen besser verstehen. Ich halte es für wichtig, nie seine Wurzeln zu vergessen, gerade wenn man sich im Berufsleben weiterentwickelt. Auch bei meinen beiden Töchtern war es mir wichtig, ihnen handwerkliches Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. Ich habe  immer gesagt: Ihr müsst ein Fahrrad flicken können, damit ich das nicht machen muss (lacht). Und im Ernst: Das Allerwichtigste ist, dass sie ein Loch in die Wand bohren können.

Was hat Sie am meisten überrascht bei Ihrem Wechsel von der freien Wirtschaft in die Politik? Dass ich noch mehr arbeiten muss als vorher. Das hätte ich nicht erwartet, obwohl mich mein Vorgänger Frank Horch darauf vorbereitet hat, dass der Job sehr arbeitsbelastend ist. Neben meinem normalen Arbeitspensum muss ich ordnerweise Unterlagen lesen, Sie glauben gar nicht, was da an Anfragen und Drucksachen zusammenkommt. Meine Hoffnung ist, dass sich das nach einer Eingewöhnungsphase bessert und ich dann mal wieder zwei Abende in der Woche Zeit für mich und meine Familie habe. Im Moment bin ich ganz froh, dass meine Frau oft bei einer unserer Töchter in Münster ist, die gerade unser zweites Enkelkind zur Welt gebracht hat und Unterstützung gebrauchen kann. Sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen.

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Welche Tugenden und Erfahrungen als Manager können Sie im Amt des Senators gut gebrauchen? Das klar strukturierte und strategische Arbeiten gibt mir eine gute Basis, mit den Herausforderungen umzugehen, die aus dem Markt auf Hamburg und mich als Wirtschaftssenator zukommen. Und ich kann relativ gut Fragen stellen, um Entwicklungen auf den richtigen Weg zu lenken. Außerdem lernt man in einem großen Konzern, immer den Kunden als König im Blick zu behalten. Als Wirtschaftssenator ist der Bürger für mich der Kunde oder eben auch der König. Und solange der Bürger sich über viele Staus und zu viele Baustellen in Hamburg beklagt, müssen wir das zur Kenntnis nehmen und vor allem optimieren. Genauso aber müssen wir den Mut haben zu sagen: Wir sind hier nicht bei „Wünsch dir was“.

Alle meckern rum: Autofahrer, ÖPNV-Nutzer, Radler. Verkehrspolitik muss Ihnen besonders wenig Spaß machen?Manchmal nimmt das Nörgeln schon Überhand und man muss viele Einzelinteressen berücksichtigen. Mich ärgert es, wenn Dinge ideologisch diskutiert werden, wenn etwa Fahrradfahrer die Abschaffung des Autoverkehrs in Hamburg fordern oder einzelne Bürger eine Tempo-30-Zone vor ihrer Haustür, ohne das berechtigte Interesse anderer Bürger oder des Wirtschaftsverkehrs zu berücksichtigen. Heute hält sich der Bürger manchmal für den besseren Verkehrsplaner und für den besseren Wirtschaftssenator. Das nehmen wir ernst und wollen durch unser Handeln zeigen, dass wir unseren Job können.

Lange hat die Verkehrsbehörde die Verkehrs- und Stausituation schöngeredet und jegliche Kritik der Opposition abgewimmelt. Bis Sie kamen. Sind früher Fehler gemacht worden? Wir mussten feststellen, dass die verschiedenen Stellen und Abteilungen, die mit Baustellen zu tun haben, wie Leitungsverleger, Straßenbauer, U- und S-Bahnen nicht eng genug zusammen arbeiten und ihre Vorhaben und Planungen nicht an einer Stelle zusammenlaufen und koordiniert werden. Es muss künftig einen geben, der die Übersicht über alle Baustellen behält. Das gehen wir jetzt an. 

Wodurch? Das Baustellen-Management muss strukturell komplett neu aufgesetzt werden und es müssen klare Verantwortlichkeiten geschaffen werden. Im Mai wollen wir so weit sein, dann können Bürger auch über eine Hotline Baustellen melden und ihren Ärger darüber loswerden. Und ich kann mir punktuell zum Beispiel auch den Einsatz von Drohnen vorstellen, um möglichst schnell und gezielt einen Überblick über die Stausituation in und um Hamburg herum zu bekommen.

Also versprechen Sie schon bald weniger Staus?Ich glaube, dass wir den Verkehr flüssiger machen können. Aber jede Baustelle bleibt eine Behinderung. Wir werden uns nicht aufhalten lassen, die Infrastruktur in einen besseren Zustand zu versetzen. Das ist dringend erforderlich und bringt Belastungen auch für die Bürger mit sich.

Der Hafen steckt in einer veritablen Krise. Hat der Abstieg vom Welt- zum Regionalhafen längst begonnen? Auf keinen Fall. Wir haben natürlich − auch bedingt durch die schleppende Fahrrinnenanpassung − Ladung verloren. Aber ich würde den Hafen nicht auf den Containerumschlag reduzieren, sondern die Stellung unseres Hafens insgesamt im Vergleich mit Häfen wie Rotterdam und Antwerpen in den Blick nehmen. Unsere nautische Zentrale etwa sucht weltweit ihresgleichen. Und wir erweitern gerade zwei große Dalben-Liegeplätze für Containerschiffe in Finkenwerder, die dort warten können, wenn es mit dem Zu- und Ablauf im Hafen eng wird. Wir müssen in Zukunft unsere Stärken noch viel deutlicher herausstellen, die jetzt mit der Fahrrinnenanpassung wieder neu Fahrt aufnehmen. Wir schlagen heute so viel Containerladung auf die Schiene um wie unsere Wettbewerber in der Nordrange zusammen. Meine Schlüsselbotschaft an unsere Kunden ist: Hamburg entwickelt sich weiterhin zu dem wichtigsten maritimen Logistik-Standort in Nordeuropa und hält die größte zusammenhängende Industriefläche im Hafen bereit.  Die werden wir in den nächsten Jahren entwickeln. Dafür gibt es viele Szenarien, zum Beispiel könnte hier – sofern wir eine wasserseitige Anbindung brauchen - die größte Fabrik für große Ersatzteile wie Turbinen im 3D-Druck entstehen, die Ersatzteillager überflüssig macht. Es zeichnen sich technologische Themenfelder ab, die für Industrieansiedlungen im Hafen in Zukunft interessant werden. Gleiches gilt für erneuerbare Energien.

Bekommt Hamburg ein viertes Kreuzfahrtterminal? Nein, ein viertes Kreuzfahrtterminal brauchen wir aktuell nicht. Aber die Nachfrage der Kreuzfahrtreedereien, nach Hamburg zu kommen, ist ungebrochen hoch und wir denken darüber nach, am Kreuzfahrtterminal in Steinwerder einen weiteren Liegeplatz herzustellen. Dort haben wir Platz dafür.

Warum erhöht Hamburg nicht den Druck auf die großen Kreuzfahrt-Stinker? Venedig macht es vor, indem es die Kreuzfahrtschiffe jetzt vor die Tore der Stadt verbannt. Norwegen lässt ab 2026 nur noch emissionsfreie Kreuzfahrtschiffe in seine Fjorde. Warum tut Hamburg sich so schwer?Ich bin ein Fan der Nachhaltigkeit! Wir müssen also darauf achten, dass sowohl Ökonomie als auch Ökologie zu ihrem Recht kommen. Wir entwickeln gerade mit Hochdruck ein überarbeitetes Landstromkonzept. Gerade bei den Kreuzfahrtschiffen passiert aber auch schon einiges, denken Sie an Landstrom und LNG. Darüber hinaus müssen wir den Druck auf die Reeder erhöhen, umweltschonende Treibstoffe wie LNG oder Wasserstoff ebenso wie Landstrom auch in der Breite einzusetzen, schon weil unser Hafen mitten in der Stadt liegt. Und wenn die deutschen Hersteller keine Wasserstoff-Fahrzeuge für den schadstoffarmen Verkehr im Hafen anbieten, dann müssen wir uns Lieferanten außerhalb Europas suchen. Manchmal muss man der Industrie einen deutlichen Wink geben.

Michael Westhagemann ...persönlich

Als geborener Münsterländer gefällt mir an Hamburg . . .  besonders die Elbe.

Mir gefällt nicht an Hamburg  . . .  nix. Eigentlich gefällt mir alles.

Urlaub mache ich am liebsten . . .  weit weg, in Asien.

Eine Schwäche von mir ist  . . .  Ungeduld

Meine Stärke ist   . . . strategisch alles im Blick zu haben.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg  . . .  ist die Außenalster.

Längst mal wieder wollte ich  . . .  einen guten Freund treffen.

Am besten entspanne ich mich  . . .  bei meiner Familie.

Die Elbphilharmonie  . . .  ist für mich ein Leuchtturm.

Die Hafencity  . . .  ist für mich inspirierend.

Ich kann mich kaputtlachen  . . .  sehr oft.

Ärgern kann ich mich  . . .  über Dinge, die nicht schnell genug gehen.

Michael Westhagemann in drei Worten ist  . . .  ein toller Typ (lacht).
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Interview

Schriftstellerin Kristine Bilkau: „Ich hatte ganz schön Schiss“

Meinung – Manfred Ertel
Gänzlich unprätentiös erscheint die Autorin Kristine Bilkau (44) im Café am Rande des Hamburger Schanzenviertels. Im Gespräch mit Manfred Ertel scheint sie selbst fast noch ein bisschen überrascht vom großen Erfolg ihrer beiden ersten Romane. Gedanklich ist sie bereits beim nächsten, der in Mittelholstein spielt. Fühlen Sie sich nach Ihrem rasanten Debüt eigentlich so ein bisschen wie ein Shooting- Star der deutschen Literatur? Eigentlich gar nicht (lacht). Die sehr positiven Rezensionen und auch die Aufmerksamkeit waren schon überraschend für mich. Man sitzt beim Schreiben ja die größte Zeit allein vor seinem Text und weiß irgendwann gar nicht mehr so genau, ob das überhaupt jemanden interessiert oder nicht. Und wenn der dann hinterher so gut aufgenommen wird, ist das fast ein bisschen unwirklich.

Zur Person Wenn man einen Förderpreis bekommen hat und dann gleich für den ersten Roman zwei Preise und massenhaft gute Kritiken sammelt, ist das ziemlich wirklich. Besser kann ein Start doch eigentlich nicht sein? Das würden meine Lektorin oder mein Verlag sicher auch so sagen. Für mich selbst sind das eher kleine Glücksmomente, die immer dann wieder aufsteigen, wenn man bei einer tollen Lesung war oder positive Rezensionen noch mal liest und alles sacken lassen kann. Aber wenn ein Buch fertig und auf dem Markt ist, ist man selber schon gedanklich bei dem nächsten. Und das nächste fühlt sich dann so an wie das erste. Man steht wieder am Fuße des Berges und weiß wieder nicht so genau schaffe ich das? Von daher ist die Gefühlslage durchaus sehr gemischt. Sprechen aus Ihrem ersten Roman, in dem ein gut etabliertes junges Paar nach der Geburt des ersten Kindes aus seiner kleinbürgerlichen Existenz abstürzt in prekäre Lebensverhältnisse, auch ein bisschen die eigenen Ängste? Es ist eine Mischung. Es waren vor allem Beobachtungen, die sich mir angehäuft und aufgedrängt hatten, als ich ungefähr 2010 anfing, über die Figuren nachzudenken. Das hatte noch was mit der Wirtschaftskrise 2008 zu tun. Ich merkte, wie sich diese Entwicklung in meinem direkten Umfeld anfing niederzuschlagen, in Gesprächen, unter Freunden. Es ging eigentlich nur noch um Arbeit, befristete Verträge, Mieten, Wohnungssuche, Angst vor Mieterhöhungen. Überall verknäuelten sich diese beiden Themen. Natürlich gehöre ich zu dem Milieu dazu, natürlich betrifft mich das auch. Und ich habe angefangen nachzudenken, was macht das mit uns, wenn auf zwei Säulen, die unser Lebensgefühl prägen und unsere Existenz, nämlich Arbeit und Wohnen, so viel Stress und Unsicherheit entstehen. Wie schwer ist Ihnen der zweite Roman gefallen, nachdem das erste Buch so in den Himmel gelobt wurde? Nicht so schwer, wie man vielleicht denken könnte. Ich hatte eigentlich bereits vorher über ein zweites Buch nachgedacht als überraschend meine Mutter starb. Leider schon vor dem Erscheinen meines Debüts, das war sehr traurig. Meine Mutter trug immer eine wichtige Geschichte mit sich herum, die ich schon als Kind und Teenager früh aufgenommen habe. Diese unerfüllte Liebesgeschichte, was das mit ihrem Leben und sogar mit meinem Leben gemacht hat, hat sich meinen Plänen durch den Verlust total in die Quere gestellt. So dass ich das, was ich eigentlich machen wollte, erst mal zur Seite legen musste. Spürten Sie keinen Druck wegen der hohen Erwartungen? Das Buch hatte so eine Dringlichkeit, dass ich gar nicht darüber nachdenken konnte nach dem Motto „oh das zweite Buch darf jetzt nicht scheitern“. Ich wusste einfach, das will ich jetzt erzählen.

Hier finden Sie alle Interviews der Serie Wie lassen sich Familie und persönlicher Erwartungsdruck an die eigene Arbeit rund um eine Neuerscheinung vereinbaren? Ach, das geht eigentlich. Ich bin dann vielleicht etwas unruhiger und gucke öfter mal ins Internet. Am Anfang ist man mehr mit sich selbst beschäftigt, aber das hört schnell wieder auf. Gibt es Momente, in denen Sie als Schriftstellerin dem Rest der Familie nur noch auf den Wecker gehen? Nein, mein Mann hat großes Verständnis für meine Arbeit. Er liest auch meine Texte zwischendurch und kann mir gutes Feedback geben. Sie waren als Journalistin in einem vergleichsweise soliden Beruf etabliert, bevor Sie sich ins unbekannte Abenteuer der Schriftstellerei stürzten. Warum? Eigentlich war das schon von Anfang mein Ziel. Trotzdem bin ich so etwas wie eine Spätzünderin, ich habe mir sehr viel Zeit gelassen. Aber schon als ich mit 17 ein Jahr in den USA war und dort an der High School einen Kurs „Zehn Finger schreiben“ belegte, den kein Mensch machte, weil das an alte Sekretärinnenarbeit erinnerte, muss ich offenbar gewusst haben, dass das wichtig für mich sein wird, weil ich viel schreiben werde. Während des Studiums habe ich dann Geschichten geschrieben, von denen ich niemandem was gesagt habe. Gleichzeitig habe ich gedacht, ich muss sehen, wie ich mit Schreiben Geld verdienen kann. Da war der Journalismus eine interessante und eine reelle Möglichkeit. Haben Sie nie Angst vor dem finanziellen Risiko gehabt? Doch, ich hatte ganz schön Schiss. Aber ein bisschen hat mir das Schicksal die Entscheidung abgenommen, weil ich bei der „Financial Times Deutschland“ war, als die eingestellt wurde. Damals war mein Manuskript für „Die Glücklichen“ noch nicht an einen Verlag verkauft und ich hatte noch nicht das Gefühl, es geschafft zu haben. Aber es gab mir eine Art Schubs, das Buch zu Ende zu schreiben. Wie wichtig ist Ihr Lebensmittelpunkt Hamburg für Ihre Romanstoffe? Gute Frage (zögert). Es kommt wohl darauf an, was man schreibt und worum es geht. Die Liebesgeschichte, die auch von meiner Mutter handelt, spielte ja in Hamburg. Aber es ist mir nicht so wahnsinnig wichtig, Hamburg hervor zu tun. In dem Buch, mit dem ich mich jetzt beschäftige, das eigentlich mein zweites hätte werden sollen, spielt Hamburg kaum eine Rolle. Das spielt in der schleswig-holsteinischen Provinz, am Nord-Ostsee-Kanal in diesem Zwischenland, das nicht mehr dörflich ist, aber auch noch nicht Großstadt. Das finde ich interessant, da werde ich mich jetzt aufhalten. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten, das ist alles noch so fragil. Im Mai und im August werde ich als Stipendiatin im Künstlerhaus Eckernförde wohnen und daran schreiben. Sie haben mal gesagt, Ihr aktuelles Buch handelt von der Frage, ob Liebe immer was mit Realität zu tun haben muss. Muss sie? Ich denke nicht, aber das ist ein Reifungsprozess und hat etwas mit Alter zu tun. Mit zunehmendem Alter kann man auch Liebe empfinden, die aus Erinnerung gemacht ist und dem Wissen, dass nicht mehr so viel Zukunft vor einem liegt, die für Erfüllung sorgen kann. Dann kann man damit vielleicht seinen Frieden machen. Das ist in hohem Alter vielleicht das Beste was einem passieren kann. Gemessen an der Öffentlichkeit, der Sie sich stellen, geben Sie wenig von Ihrem Privatleben preis . . . Finden Sie das? (lacht) Das ist Zufall, ich wüsste gar nicht so viel Interessantes über mich zu berichten. Sind Sie nicht gern eine öffentliche Person? Ich empfinde das tatsächlich gar nicht so. Ich bin einfach die Person, die ich bin, die im Supermarkt einkaufen geht, die zum Elternabend muss und da zwei Stunden sitzt wie alle anderen. Ich werde eigentlich selten erkannt, so bekannt ist man als Schriftstellerin dann doch nicht. Und dann denke ich manchmal auch, dass bei Leuten, die meine Bücher gelesen haben und mich im Alltag treffen, eher so was wie Ernüchterung einsetzen könnte. Nach dem Motto: Das bin ja nur ich, da ist ja keine bekannte Persönlichkeit hinter. Wie gehen Sie mit Kritik des Feuilletons um? Unterschiedlich, egal ist mir das nicht. Ich bin in dem Moment schon enttäuscht oder vielleicht verletzt. Dann schaue ich mir das an, ob ich darin auch ein Körnchen Wahrheit sehe und damit etwas anfangen kann. Und ob mich das weiter bringt. Der Regisseur Fatih Akin hat gesagt, Kritik und Misserfolg seien immer ein bisschen wie verprügelt werden. Für mich ist das eher so, dass negative Bestätigung die Zweifel nährt, die man sowieso in sich trägt. Als würde sich jemand hinstellen und sagen „Siehst du, du kannst es doch nicht“. Aber wenn man sich davon wieder frei macht und auf das konzentriert, was man gewollt hat und sich in dem eigenen Text auch wiederfindet, dann überwinde ich das wieder.

Kristine Bilkau persönlich Abschalten vom Schreiben kann ich am besten  . . . beim Schwimmen. Oder Spazierengehen, alleine oder mit Hund.

Privat lese ich am liebsten  . . . alles Mögliche. Ich bin eine Leserin, die fünf angebrochene Bücher neben sich hat.

Mein Lieblingsautor ist . . . oh, das wechselt. Aber ich bin Fan der britischen Autorin  A.L. Kennedy und der Amerikanerin Lydia Davis. Ich stöbere aber auch gern in den alten Büchern meiner Mutter und habe Marlen Haushofer und Anna Seghers wiederentdeckt.

Kino und Theater sind für mich . . . Abwechslung und Inspiration.

Wenn mein Sohn keine Bücher lesen würde . . . wäre ich unzufrieden, nörgelig.

Mein größter Traum ist . . . zufrieden zu bleiben und weiter so arbeiten und leben zu können.

Literarischer Erfolg ist für mich . . . Erfüllung.
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Interview

Schauspieler Sky du Mont: „Alte Menschen werden vergessen“

Meinung – Barbara Glosemeyer
Sky du Mont ist viel unterwegs. Schon seit dem vergangenen Jahr ist er auf Tournee durch deutsche Städte. Dabei liest er aus seinem jüngsten Buch „Jung sterben ist auch keine Lösung“, die Pianistin und Kabarettistin Christina Schütze kontert singend am Klavier. Der 71-Jährige widmet sich dem Alter mit viel Humor und einer großen Portion Herz. Und natürlich ist das Älterwerden auch Thema im Gespräch mit Redakteurin Barbara Glosemeyer, aber längst nicht das einzige.

Herr du Mont, Sie spielen in Theater-, Kino- und Fernsehfilm-Produktionen, sind Werbegesicht von Pralinen bis Telekom und arbeiten als Buchautor und Sprecher. Wer oder was ist Sky du Mont? Charakterkopf oder Werbemarke?Ich würde sagen, ein bisschen von allem. Ich mag die Abwechslung und habe das große Glück, dass ich immer wählen und unterschiedliche Dinge machen konnte.

Sie waren, auch für People-Magazine wie „Bild“ oder „Bunte“, immer der „schöne Sky“. Dann besetzte Sie Bully Herbig 2001 im „Schuh des Manitu“ und Sie erweiterten Ihr Charakterfach um das Komödiantische . . . . . .  das war nicht Bully. Ich habe schon vorher in Komödien am Theater gespielt und mein erster, sehr erfolgreicher Komödienfilm war „Otto – der Film“. Bully hat nur das weiter gesponnen, was ich damals schon an mir entdeckt hatte.

Und das ist?Ich kann ziemlich lustig sein.

Liegt Ihnen das komödiantische Fach inzwischen mehr als das ernste Fach? Das ist schwierig zu sagen. Meine großen Erfolge waren komödiantischer Natur. Es liegt mir schon, aber genauso hat die Folge der amerikanischen Serie  „War and Remembrance“, in der ich die Rolle des Hitler-Attentäters Graf Stauffenberg spiele, einen Golden Globe gewonnen.  Doch, es stimmt, in Deutschland waren meine komödiantischen Rollen die größten Erfolge.

Apropos Erfolge. Nervt Sie das Image des ewigen Beaus? Natürlich nervt es, auf das Äußerliche reduziert zu werden. Wenn man das bei einer Frau macht, wird man sofort als Macho beschimpft, aber umgekehrt nervt es genauso. Was mich betrifft, so sind diese Zeiten vorbei. Heute steht der Respekt vor meiner Arbeit als Schauspieler im Vordergrund. Und ab einem gewissen Alter erledigt sich das mit den Äußerlichkeiten ja sowieso von selbst. (lacht)

Seit dem vergangenen Jahr touren Sie mit Ihrem achten Buch „Jung sterben ist auch keine Lösung“. Was heißt Älterwerden für Sie? Nun ja, das sind halt die Jahre. Ich selber fühle mich nicht wie 71, sondern vielleicht wie 60. Es ist immer eine Frage der Perspektive. Für meine Kinder bin ich ein alter Mann. Ich persönlich habe aber keine großen Probleme mit meinem Alter, weil ich noch voll im Berufsleben stehe.

Steht Alter denn für Beschwerlichkeit und wackelige Gesundheit? Noch habe ich Glück und kann so schnell laufen wie mein Sohn. Aber ich mache auch Sport und versuche mich gesund zu ernähren. Aber wenn man das Leben mit einem Lineal misst, weiß man, dass man am Ende angekommen ist. Man weiß, dass man langsam anfangen sollte aufzuräumen. Aber wie gesagt: Ich fühle mich wie 60.

Was ist besser im Alter? Nichts. Die Toleranz nimmt vielleicht zu, weil man schon so viele Dinge erlebt hat, dass man weiß: So ernst ist das alles nicht. Aber sonst fällt mir nichts ein.

Heute wirken Ältere fitter und jünger als früher. Stimmt das? Ja, das stimmt. Das thematisiert auch Christine Schütze in einem ihrer Lieder in unserem gemeinsamen Programm. Das Alter wird heute anders eingeschätzt. Die Gefahr ist aber, dass man glaubt, wirklich so jung zu sein, wie man sich fühlt und macht sich lächerlich, indem man sich mit 70 eine Harley kauft oder in Turnschuhen rumläuft.

Sie sind Kosmopolit, sind in Argentinien aufgewachsen, haben Ihre Schulzeit in London verbracht, Ihr Abitur in der Schweiz gemacht und in Amerika gelebt. Warum leben Sie in Hamburg? Das lag an meiner damaligen Frau Mirja. Sie wollte nach Hamburg  ziehen. Und mir war es egal, weil ich überall arbeiten kann. Inzwischen fühle ich mich hier äußerst wohl. Hamburg ist eine wunderbare Stadt.

Was ist für Sie Heimat? Das ist eine gute Frage. Eigentlich ist Deutschland für mich zur Heimat geworden, weil es für mich das liebste Land ist, in dem ich leben möchte. Deutschland ist ein politisch stabiles, gerechtes Land, in dem du auch als Benachteiligter die Chance hast, etwas zu erreichen. Amerika zum Beispiel lehne ich total ab. Wenn du da kein Geld hast, bist du ein armes Schwein. Deutschland ist eines der besten Länder, in denen man leben kann. Das Klima könnte besser sein, aber wir haben ja Heizung (lacht).

Liegt Ihnen die deutsche Mentalität? Als ich jünger war, fand ich das Deutschsein spießig. Doch mit den Jahren hat sich das komplett verändert. Deutschland ist ein tolles Land und ich bin stolz, einen deutschen Pass zu haben.

Was gefällt Ihnen speziell an Hamburg? Die Liberalität der Leute. Sie sind großstädtisch und voller Humor. Das Besondere an Hamburg lernt man aber erst, wenn man länger hier lebt und arbeitet. In anderen Großstädten bekommt man zum Beispiel als Autofahrer im Straßenverkehr schnell mal einen Vogel gezeigt oder wird angehupt, das ist mir hier schon sehr lange nicht mehr passiert. Hamburg ist eine sehr angenehme Stadt, fast englisch.

Was muss besser werden in Hamburg? Ich finde Hamburg wird nicht besonders gut regiert. Wir haben zum Beispiel lauter Baustellen, Staus bis nach Quickborn, aber niemand kommt auf die Idee, dass auf den Baustellen rund um die Uhr gearbeitet werden könnte. Das würde in München nicht passieren, weil die Leute ausflippen und sich sofort beschweren würden. Der Hamburger ist zu höflich, um sich zu wehren. Aber das macht ihn auch wieder sympathisch.

In Hamburg will der Senat ja nun ein neues  Stau- und Verkehrsmanagement einführen . . . Ja, aber nur damit die Sympathiewerte der Verantwortlichen steigen. Sie ändern gar nichts, egal, wer das Sagen hat.

Im Hamburger Bürgerschaftswahlkampf 2008 traten Sie in einem Wahlwerbespot der FDP auf. Anfang 2018 sind Sie aus der Partei ausgetreten. Warum? Ich bin befreundet mit Christian Lindner und halte ihn für einen sehr fähigen Politiker. Aber ich, wie auch viele aus meinem Bekanntenkreis, haben sich extrem darüber geärgert, dass damals die FDP nach der Bundestagswahl aus den Koalitionsverhandlungen ausgestiegen ist, und damit ihre Wählerstimmen für die FDP verloren gegangen sind. Sie fühlten sich betrogen. Und ich bin zum Beispiel anders als die FDP auch der Meinung, dass wir mehr Überwachung etwa durch Kameras brauchen. Verschiedene Dinge haben dazu geführt, dass ich heute kein FDP-Mitglied mehr bin, aber deshalb bin ich immer noch liberal. Wenn morgen Bundestagswahl wäre, wüsste ich heute noch nicht, was ich wählen sollte.

Warum sind Sie selbst nie  in die Politik gegangen? Weil man sich nur lustig machen würde. Ein Schauspieler, der politisch aktiv ist, gilt in diesem Lande gar nichts. Ich wüsste zwar nicht, warum ein Schauspieler weniger Ahnung von Politik haben sollte, als ein Chefchirurg vom UKE, aber so ist die Gesellschaft.

Machen Ihnen der bei uns und international wachsende Rechtspopulismus oder die Autokraten in Venezuela und in der Türkei eigentlich Angst? Angst macht es mir nicht, weil ich in einem der stabilsten Länder dieser Erde lebe. Aber es schockiert mich zutiefst.

Was würden Sie als Kanzler von Deutschland sofort ändern?Es gibt unzählige Beispiele, wie wir in Deutschland das Alter vernachlässigen. Wir haben zum Beispiel einen gravierenden Pflegenotstand. Und wir haben Rentner, die ihr Leben lang geschuftet haben und von ihrer Rente nicht einmal ihre Heizkosten bezahlen können. Das geht nicht. Alte Menschen werden in dieser Gesellschaft vergessen. Das habe ich aber auch schon vor 20 Jahren gesagt, nicht erst jetzt, wo ich selbst alt bin.

Was geben Sie Ihren Kindern mit auf den Weg? Ich versuche, Ihnen gute Erziehung, gute Manieren und angemessene Umgangsformen beizubringen. Das ist mir wichtig.

Glauben Sie, nach vier Ehen, immer noch an die Liebe?An die Liebe: ja!

Aber nicht mehr an die Ehe? Ich habe immer an die Ehe geglaubt. Doch für jede Scheidung, die ich hinter mir habe, gibt es leider immer auch eine sehr gute Erklärung. Mehr möchte ich nicht dazu sagen.

Ist ein großer Altersunterschied, wie bei Ihnen und Ihrer früheren Frau Mirja, irgendwann auch ein Problem in einer Beziehung?Natürlich, aber das wusste ich vorher. Ich würde mich im Alter nie von der Frau, die ich Liebe, pflegen lassen. Das käme für mich nie in Frage. Ein Altersunterschied von 25 Jahren ist einerseits kein Problem, wenn man jünger ist. Mit zunehmendem Alter wird das schwieriger. Andererseits gibt es auch keine Garantie dafür, dass gleichaltrige Paare ein Leben lang zusammen bleiben. Wichtig ist, dass beide sich verstehen und tolerieren.

Sky du Mont ... persönlich

Die Elbphilharmonie . . . ist akustisch ein wenig zu perfekt, klanglich zu kühl. Selbst große Musiker treten dort nicht mehr so gern auf und gehen lieber in die Laeiszhalle.

Ich kann mich ärgern . . . über die Fehlplanung des Verkehrs. Jeder hat heute einen Computer, aber so etwas Einfaches wie die digitale Ampelsteuerung  bekommt  niemand in den Griff.

Eine Schwäche von mir ist . . . Ungeduld.

Vorbilder . . . habe ich  nicht. Ich kann eine Leistung bewundern, aber nicht eine Person.

Meine Stärke ist . . . ach, das sollen andere sagen. Eigenlob stinkt.

In Hamburg wollte ich längst mal wieder . . . an der Elbe spazieren gehen.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg . . . ist der Elbstrand.

Ich halte mich fit mit . . . mit Sport. Ich rudere im Fitness-Studio.
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Interview

Schauspieler Gustav Peter Wöhler: „Ich habe wenig Selbstbewusstsein gehabt“

Meinung – Barbara Glosemeyer
Gustav Peter Wöhler ist in diesen Tagen viel unterwegs. Seit dem 1. Februar ist er wieder als „Prinz Sternschnuppe“ in der „Frau Luna“ im Tipi am Kanzleramt in Berlin zu sehen. Und eine Rolle, die dem Schauspieler wie auf den Leib geschrieben scheint, übernimmt er in Schwerin: Bei den Schlossfestspielen Schwerin spielt er ab 21.Juni den Milchmann Tevje in dem Musical-Klassiker „Anatevka“. Kurz vor seiner Abreise nach Berlin trifft Redakteurin Barbara Glosemeyer den sympathischen Schauspieler in seinem Heimat-Stadtteil St. Georg zu einem sehr persönlichen Interview über seine Kindheit, übers Singen und Politik.

Herr Wöhler, als Höhepunkt der letztjährigen Tournee „Behind Blue Eyes“ mit Ihrer Gustav-Peter-Wöhler-Band haben Sie ein umjubeltes Konzert in der Elbphilharmonie gegeben. Siegt der Sänger „GPW“ immer öfter über den Theaterschauspieler?Siegen würde ich das nicht nennen. Ich bin auch als Schauspieler erfolgreich, aber die persönlich größeren Erfolge habe ich in den vergangenen Jahren in der Tat mit der Musik erlebt. Doch ich bin glücklich darüber, dass ich alle drei Sparten Theater, Film und Musik machen kann.

Wie sind Sie eigentlich zum Singen gekommen? Ich war schon als Kind begabt und habe viel gesungen. Doch ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der dieses Talent weder mit Gesangs- noch mit Klavierunterricht sonderlich gefördert wurde. Man hat es so hingenommen, wenn der kleine Peter etwa beim Männergesangverein vorgesungen hat. Dabei war Musik mein Lebensinhalt, ich habe viel Musik gehört, mir früh Platten gekauft und mit 15 Jahren meine erste Band gegründet. Später in Hamburg waren es Theatermusiker, die mich ermunterten, Musik zu machen und zu singen. So ist vor 22 Jahren meine Gustav-Peter-Wöhler-Band in der Kantine des Hamburger Schauspielhauses entstanden.

Singen Sie nur auf der Bühne oder auch unter der Dusche? Überall. Ich singe unter der Dusche und im Bett sowie beim Schreiben oder beim Essen. Einfach dort, wo es mir Spaß macht – nur nicht gern im öffentlichen Raum. Hatten Sie frühe musikalische, gesangliche Vorbilder? Am Anfang waren es Schlager wie „Du bist nicht allein“ von Roy Black. Den fand ich zwar schrecklich, wenn er bei in der Kneipe meiner Eltern in der Musikbox lief. Aber ich habe all diese Lieder gekonnt und regelmäßig die Hitparade mit Dieter Thomas Heck geguckt. Als ich jetzt den Kinofilm „Der Junge muss mal an die frische Luft“ gesehen habe, habe ich durchgeheult, weil die Geschichte und Kindheit von Hape Kerkeling auch meine ist. Auch ich habe meine Mutter verloren, als ich sieben Jahre alt war, und habe dann versucht, mich mit Musik und Humor aus meiner Traurigkeit zu retten. 

Haben Sie wie Hape Kerkeling früher zuhause oder in der Schule auch schon mal den Clown gegeben? Ja, in der Schule war das meine Chance. Wie Hape war ich ein kleiner Dicker und deshalb ein Außenseiter. Indem ich die Leute zum Lachen gebracht habe, konnte ich das überbrücken. Ich bin sogar als Stimmungsmacher nur für die erste halbe Stunde auf Partys eingeladen worden. Wenn die Party dann lief, saß ich da, und keiner hat sich um mich gekümmert. Das hört sich schrecklich an, aber so war es eben auch.

Welches ist der Sound Ihres Lebens? Anfangs war es die Musik von den Beatles und Elton John, dann Joni Mitchell und Bob Dylan. Die erste Langspielplatte von Elton John habe ich bekommen, als ich 15 Jahre alt war. Da habe ich gespürt, wie vielschichtig Musik ist. Das hat mich von da an immer begleitet.

Haben Sie eigentlich ein Instrument und Noten gelernt? Ich habe Blockflöte gespielt und zur Konfirmation eine Gitarre bekommen. Ich gab das Spielen dann aber schnell wieder auf, weil es mir mit meinen kleinen Wurstfingern zu anstrengend war. Klavier wollte ich immer lernen, habe es aber nie begonnen. Im Ernst, ich bin von Natur aus ein sehr fauler Mensch, kein Macher. Ich muss auf etwas gestoßen werden. In meinem Leben hat sich alles ergeben. Ich habe immer darauf gewartet, dass etwas passiert.

Wie kam es zum Schauspielstudium in Bochum, denn eigentlich wollten Sie Sozialpädagogik studieren? Wenn mein Lehrer in der Schule mich nicht ermutigt hätte, Schauspieler zu werden, wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass jemand einen kleinen dicken Knubbel auf der Bühne oder vor der Kamera sehen will. Ich habe immer wenig Selbstbewusstsein gehabt. Mit dem Erfolg hat sich das gebessert, aber damals war es furchtbar anstrengend für mich, mich zu motivieren. Sozialpädagogik wollte ich anfänglich studieren, weil das meine Mitbewohner in der WG taten.

Geprägt hat Sie unter anderem der Regisseur und Intendant Peter Zadek am Schauspielhaus in Hamburg. Was hat er Ihnen gegeben? Peter Zadek war für mich eine Zeit lang wie ein Vater, den ich nie hatte, weil mein Vater sehr früh gestorben ist. Zadek habe ich wie einen Vater geliebt und gehasst, habe mich gegen ihn gestellt, und war aufmüpfig. Er hat damals schon erkannt, dass an mir ein Entertainer und Musiker verlorengegangen ist. Aber ich wollte so nicht sein und nicht solche Rollen spielen, weil es mir nicht kulturell anspruchsvoll erschien. Damals wollte ich großes Theater spielen und ein seriöser Charakterdarsteller werden, kein Komiker. Das aber habe ich erst später erkannt. Wenn ich damals nicht so verbohrt gewesen wäre, hätte ich länger mit Zadek arbeiten können.

Neben Ihrem komödiantischen Talent liegen Ihnen offenbar Charaktere, die vordergründig fies oder linkisch sind . . . . . . das liegt an meiner Physiognomie. Ich bediene mit meiner Äußerlichkeit ein Klischee, wie man sich den kleinen, verdrucksten Perversen vorstellt. Das nervt mich aber nicht, denn damit verdiene ich mein Geld. Deshalb bin ich bis heute besonders dankbar, dass ich als Schauspieler diese tollen Rollen spielen und unfassbar viele handwerkliche Schauspielerfahrungen sammeln konnte.

Ihre Fans wie auch Ihre Kollegen haben Sie 2018 damit überrascht, dass Sie in einer Mittagspause, sozusagen zwischen Suppe und Hauptgang, Ihren Lebenspartner geheiratet haben. Sind Sie unromantisch oder mögen Sie keine Rituale? Nein, ich bin definitiv romantisch. Unsere erste Hochzeit, unsere eingetragene Partnerschaft, hatten wir 2008 groß mit Freunden gefeiert. Die Eheschließung jetzt war ein rein rechtlicher Schritt, der uns wichtig war. Homosexuelle Paare sollten die gleichen Rechte haben wie heterosexuelle Paare.

Auch 2019 gehen Sie mit „Behind Blue Eyes“, Ihren Lieblingsstücken, wieder auf Tournee. Blickt man mit 62 Jahren doch etwas mehr zurück? In der Tat sind es heute eher die ruhigeren Songs, die mir gefallen. Und dem Publikum geht es offenbar ähnlich.

Schon als Kind wollten Sie immer nach Hamburg. Warum? Ich war auf Klassenfahrt, habe am Hafen gestanden und wusste: Hier will ich hin! Noch heute geht es mir sofort gut, wenn ich am Wasser bin. Hamburg ist mir einfach nah. Jetzt bin ich schon seit 1982, seit über 35 Jahren hier, als ich mein erstes Engagement am Schauspielhaus bekommen hatte. Und ich fühle mich immer noch wohl.

Was muss dringend besser werden? Wir brauchen weniger Verkehr, es sind zu viele Autos unterwegs. Das geht mir komplett auf die Nerven. Aber noch ist die Autolobby stärker. Und die Mietpreise müssen runter.

Weltweit gibt es einen erstarkten Egoismus, Neo-Nationalismus und Anti-Europa-Geist, für den bei uns in Deutschland die AfD steht. Bereitet Ihnen das Sorgen? Ja. Auf der einen Seite hoffe ich, dass wir mittlerweile eine so gefestigte Demokratie haben, dass es sich nicht mehr so zuspitzen kann wie in der damaligen NS-Zeit. Auf der anderen Seite sehe ich unglaublich viele Menschen, die nicht mehr in meinem Sinne politisch denken. Die Politik der AfD, die populistisch ist, Menschen ausgrenzt und rechtsradikal ist, geht mir richtig gegen den Strich. Bei der weltweiten Entwicklung bin ich manchmal fast froh, dass ich aus dem Alter raus bin, meine nächsten 40 Jahre zu planen. Wenn ich an die Kinder meiner Nichten und Neffen denke, sage ich nur: toi, toi, toi. Die Umwelt geht ja auch gerade flöten. Es steht überall alles auf wackeligen Beinen.

Gustav Peter Wöhler ... persönlich

Die Elbphilharmonie ist  . . . ein Bau, gegen den ich mich immer gewehrt habe. Ich wollte dort erst auch nicht auftreten, bin aber von meiner Band überstimmt worden und habe mittlerweile dort einige Konzerte erlebt. Ich persönlich bevorzuge die Akustik der Berliner Philharmonie, der ist wärmer, grundierter, tiefer. Die Akustik in der Elbphilharmonie ist analytischer und verbraucht beim Zuhören sehr viel Energie. 

Glück ist . . . da, wo man es nicht vermutet.

Ich kann mich ärgern . . . über Menschen, die ihre Dummheit vor sich her tragen.

Eine Schwäche von mir . . . ist, dass ich eher vor Problemen weglaufe, als sie anzugehen und zu lösen.

Ich könnte gut verzichten . . . auf ein Auto, aber mein Mann fährt für sein Leben gern Auto.

Meine Stärke . . . ist meine Empathie.

Heimat ist für mich . . . da, wo die Liebe ist.
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Interview

Sängerin Inga Rumpf: „Musik war für mich ein Seelenöffner“

Meinung – Manfred Ertel
Die Rock- und Blues-Sängerin Inga Rumpf hört sich jugendlich munter an, als Manfred Ertel sie zum Gespräch erreicht, von Altersmüdigkeit keine Spur. Entspannt plaudert sie über ihre Karriere, die Rolle von Frauen im Rock-Geschäft und ihr neues Leben auf dem Land.

Wie haben Sie sich gefühlt, als sie vorigen Sommer mit 71 Jahren in Eutin den deutschen Blues Award verliehen bekamen?(lacht) Schon das Jahr, in dem ich 70 wurde, war ein ganz tolles Jahr: Und dass dann noch der Blues Award gerade von dieser Seite kam, fand ich ganz lieb. Ich habe ganz oft, fast schon seit Dekaden in der Gegend gespielt und es sind seitdem viele Blues-Musiker nachgewachsen.

Aber es war keine Auszeichnung für Ihr „Lebenswerk“, sondern in der Kategorie „Beste Sängerin“. Hat Sie das nach so langer Karriere nicht auch ein bisschen überrascht?Darüber habe ich mir gar keinen Kopf gemacht. Ich nehme das so, wie es kommt. Aber ich habe mich natürlich darüber gefreut.

„Still got the Rock“ ist der Titel Ihres letzten Albums, fühlen Sie auch so, immer noch den Rock im Blut zu haben?Ich bin ja verschiedene Wege gegangen. Ich habe angefangen mit Gospel und Blues, dann bin ich ein bisschen lauter geworden und habe mit „Frumpy“ und „Atlantis“ in Europa und Amerika gespielt. Danach bin ich wieder zurückgekehrt zu den leiseren Tönen. Als ich 60 wurde, dachte ich, es wäre mal wieder Zeit, die alten Klassiker rauszuholen und neu zu interpretieren. Seitdem bin ich mit verschiedenen Besetzungen unterwegs , mit meiner Stammgruppe „Friends“,und spiele wieder diese alten Frumpy- und Atlantis-Songs – deshalb ja, „Still got the Rock“.

Wie lange kann man eigentlich authentisch als Blues- und Rock-Musikerin auf der Bühne stehen? So lange man das fühlt. Die Rolling Stones sind dafür ein gutes Beispiel, die haben das von Anfang an in sich aufgesogen, bis heute, wo Mick Jagger und Keith Richards 75 sind. Mir geht das auch so. Ich bin praktisch nach dem Krieg musikalisch sozialisiert worden durch amerikanische Musik, am Anfang mit sehr viel Blues. Das prägt einen natürlich.

Gelten in dem Geschäft für Frauen eigentlich andere Gesetze als für männliche Musikerkollegen? Ich kann nur für mich sprechen. Ich denke, dass die Musik eine Art Gleichmacher ist. Wir haben alle in der Pubertät und im Leben unsere Erfahrungen gemacht und irgendwelche Traumata erlebt und können das in der Musik gut ausdrücken. Rock und Blues sind ein guter Transmissionsriemen, um loszuwerden, was man erlebt hat, für männliche Musiker gleichermaßen wie für Frauen.

Was für eine Art von Traumata waren das für Sie, zum Beispiel die Chancenungleichheit für Frauen? Vielleicht auch. Jeder hat sein eigenes Schicksal, ich habe mir in der Anfangszeit, als ich auf die Bühne kam, wenig Gedanken gemacht. Ich hatte die Musik für mich entdeckt, das war für mich wie ein Seelenöffner, deswegen habe gar nicht darüber nachgedacht, ob es für mich als Frau eigentlich schwieriger ist. Sicherlich war es das, aber ich habe mich durchgesetzt, auch gegen die Männer, habe viele Songs geschrieben und bin dadurch zur Front-Frau geworden.



Sie sind praktisch direkt aus dem Klassenzimmer auf die Rock-Bühne gewechselt, wie fanden Ihre Eltern das denn damals? Gar nicht gut, die waren sehr besorgt. Wir haben zwar in der Familie Musik gemacht, meine Mutter hat gesungen, auch im Kirchenchor, mein Vater hat Akkordeon gespielt, deswegen war Musik für uns normal. Aber dass man daraus einen Beruf machen will,  war zu der Zeit ja in den Vorstellungen von Eltern fast unmöglich. Deshalb hat meine Mutter auch gesagt, bevor ich unter die Räder komme sollte ich lieber eine Lehre machen. Ich habe dann drei Jahre tatsächlich durchgestanden und den damals aktuellen Traumberuf Schaufenstergestalterin gelernt (lacht).

Haben Sie rückblickend alles richtig gemacht? Das würde ich tatsächlich sagen. Es gibt natürlich immer Brüche im Leben, aber die führen ja auch zu neuen Wegen. Als ich anfing, Musik zu machen, war mein Ziel, damit mein Leben zu finanzieren, Menschen kennen zu lernen, die Welt zu entdecken, und mein Talent auszuleben. Das habe ich erreicht. Dabei habe ich auch unheimlich viel Glück gehabt, bin nicht unter die Räder gekommen. Ich fühle mich mit meinen 72 Jahren sehr wohl.

Es gab und gibt tolle Rock-Musikerinnen, aber wenige sind so mega-erfolgreich wie manche Männer. Warum? Es gehört eine Menge Mut dazu, auch Mut zum Risiko. Frauen sind zu meiner Zeit aber so erzogen worden und aufgewachsen, dass sie eher zurückhaltend waren und Männer vorgelassen haben. Heute ist das ein bisschen anders. Ich hatte meinen Vater als Vorbild, der war Seemann auf Handelsschiffen, ist zweimal im Krieg versenkt worden und musste an Land schwimmen. Der hat mir immer gepredigt, du musst Mut haben. Das ist bei mir wahrscheinlich eindrucksvoll hängengeblieben. Genau wie der Rat meiner Mutter, die immer gesagt hat, du musst selbstständig bleiben und unabhängig.

Werden Männern Eskapaden im Rockgeschäft eher nachgesehen als Frauen? Es gibt dafür auch Frauenbeispiele, nicht nur in der Musikwelt, auch in der Filmbranche. Solche Eskapaden gehören wohl zu einer Künstlerbiografie dazu, dafür gibt es viele Beispiele. Aus solchen Brüchen entsteht auch Kunst, es wäre ja langweilig, wenn man nur glücklich wäre.  Auch aus Trauer entspringen ganz große Gedichte und Songs.

Sprechen Sie da auch aus Erfahrung? Ja, immer. Meine Texte leben auch von Glück und Trauer, das ist immer ein großer Anschub. Außerdem habe ich natürlich auch meine Muse gehabt. Selbst ich war verheiratet, mein Mann ist vor jetzt schon 18 Jahren gestorben. Aber sogar nach seinem Tod war er noch meine Muse.

Wie wichtig war Hamburg für Sie und Ihren Erfolg?Natürlich ganz wichtig. Ich kenne Hamburg wie meine Westentasche. Ich bin in Hamburg aufgewachsen, als der „Star-Club“ und das „Top Ten“ ganz groß waren und aktuell bei den internationalen Musikern. Später gab es dann das „Onkel Pö“, wo die internationale Künstlerszene verkehrte. Der damalige Wirt Peter Marxen hat Musiker geliebt, der hat uns wirklich wie in einem Biotop großgezogen.

„Hamburg ‘74, Mensch war das gemütlich“ war ein Kult-Song der sogenannten Hamburger Szene. War das ein Lebensgefühl damals, das Sie auch beflügelt hat? Nee, ich bin nicht so’ne Hamburger-Szene-Tante. Wir haben uns schon damals mit unseren Bands eher international ausgerichtet, was auch dazu führte, dass wir viel im europäischen Nachbarraum unterwegs waren und später in Amerika. Ich habe mir die Hamburger Szene zwar angeguckt, aus der sind ja auch einige Bands entstanden, die es geschafft haben wie Udo Lindenberg. Aber so gemütlich fand ich das damals gar nicht.

Sie haben dem Stadtleben den Rücken gekehrt und sind aufs Land gezogen?Vor mittlerweile 20 Jahren habe ich bei Freunden hier Urlaub gemacht und mich total in die Gegend verliebt. Irgendwann hat es sich so ergeben, dass ein Resthof zum Verkauf stand, an dem noch ganz viel getan werden musste. Ich hatte etwas Geld gespart und dachte, das ist doch eine gute Gelegenheit, dass mal endlich loszuwerden. 2017 habe ich mich dann ganz von Hamburg verabschiedet. Alles hat seine Zeit, ich überlass jetzt den Jüngeren den Platz. Aber ich gebe Hamburg nicht ganz auf, bin immer noch gern da, Hamburg ist eine tolle Stadt.

Haben Sie den Ortswechsel nie bereut?Nein, ich bin so viel in der Gegend rumgereist und habe die Ruhe hier schätzen gelernt. Ich konnte mir das lange nicht vorstellen. Hamburg ist ja eine Plattform für alle möglichen Begegnungen und Entwicklungen, man hat da immer reichlich zu tun. Wahrscheinlich kommt jetzt das ostpreußische Naturell meiner Mutter durch. Als ich früher um die Welt gereist bin mit der großen Sehnsucht nach Entdeckungen, war das wohl das Naturell meines Vaters. Jetzt bin ich dahinter gekommen, dass das Landleben eine ganz feine Sache ist und man dort nicht tot überm Zaun hängen muss. Ich habe mein ganzes Spielzeug hier, ich schreibe Songs und ich liebe es draußen im Garten in der Erde zu buddeln.

Ihre traditionellen Konzerte zum Jahresende, auch in der Hamburger Fabrik, sind auch für 2019 schon wieder fest terminiert. Wie oft denken Sie über Abschied von der Rockbühne nach?

Warum sollte ich (lacht), sagen Sie es mir. Wenn man schon sein ganzes Leben Musik gemacht hat, bleibt das ein ganzes Leben so. Es wird vielleicht weniger, die Intensität verlagert sich, man hat auch nicht mehr so viel Kraft, eine ganze Tour durchzustehen. Deswegen spiele ich vereinzelt Konzerte, die mich nicht fertig machen und für die   ich keine langen Reisen machen muss. So behalte ich meine Stimme und die will ich auch noch ein bisschen behalten.

Inga Rumpf persönlich

Am Landleben mag ich besonders . . . meine Nachbarschaft.

Am liebsten beschäftige ich mich . . . mit Lesen, zumindest im Moment bei dem Wetter, ich lese gern Biographien. Meine aktuelle Lieblingsmusik ist . . . keine. Wenn ich Auto fahre mache ich mal einen Klassiksender an aber zuhause höre ich gar keine Musik.

Wenn ich in Hamburg bin muss ich unbedingt  . . .  erst mal zum Friseur, zu meiner wunderbaren Freundin der „Zarin“, Niko Kazal.

Musik-Castingshows im TV finde ich . . . teilweise zum Lachen.

Die Selbstvermarktung in den sozialen Medien finde ich  . . . mit Vorsicht zu behandeln.
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Interview

Umweltschützer Manfred Braasch: „Olaf Scholz war mein härtester Gegner“

Meinung – Markus Lorenz
Dieselfahrverbote, Elbvertiefung, Fluglärm – praktisch kein großes Hamburger Streitthema, bei dem Manfred Braasch (54) nicht mitmischt. Der Landesgeschäftsführer des Umweltverbandes BUND gilt vielen als einer der streitbarsten – und einflussreichsten – Männer in der Stadt. Herr Braasch, sind Sie streitsüchtig? Ich streite mich gern, wenn es um Fragen der Zukunft, der Lebensqualität und des Naturschutzes geht. Und zwar weil ich glaube, dass wir kein Erkenntnisproblem, sondern ein Handlungsproblem haben. Wir wissen, dass der Klimawandel kommt, dass es einen massiven Artenschwund gibt und dass wir unseren Lebensstil ändern müssen.

Macht diese Art Streit Spaß? Debatten um die Sache machen mir Spaß, auch mit Personen, die anderer Meinung sind. Ich lege aber Wert darauf, dass das nicht unter der Gürtellinie läuft, sondern faktenorientiert. Weniger Spaß macht es mir, Klagen zu führen, weil das nicht nötig wäre. Die sind für mich und den BUND nur Ultima Ratio. Sie legen sich bei fast allen großen Themen Hamburgs mit den Mächtigen im Senat und in der Wirtschaft an, siehe: Elbvertiefung, Flughafen, Wohnungsbau, Dieselfahrverbote. Was treibt Sie? Die Erkenntnis, dass wir mit diesem Planeten nicht gut umgehen. Wir leben in einem hochindustriellen und reichen Land, in dem wir die Möglichkeit haben, uns auch anders zu verhalten, auf Innovationen zu setzen und Lebensstile in Frage zu stellen. Ihre Kritiker sehen Sie als Ökomissionar und Dauer-Verhinderer...? Mit dem Wort Missionar kann ich wenig anfangen. Aber ich bin schon ein Überzeugungstäter mit einem gewissen Sendungsbewusstsein. Ein Neinsager bin ich nicht. Bei Themen wie Elbvertiefung, Flug- und Autoverkehr oder Grünflächenverbrauch suchen wir immer nach Lösungen und machen eigene Vorschläge. Wie steht es um das persönliche Umweltverhalten des BUND-Chefs? Manfred Braasch fährt Auto...? Nein, jedenfalls habe ich kein Auto. ...nie gehabt? Vor 28 Jahren hatte ich mal für knapp zwei Jahre aus beruflichen Gründen ein Auto. Mit meiner Familie mache ich aber Carsharing, wenn wir mal ein Auto brauchen. Dann auch mit Verbrennungsmotor. Manfred Braasch macht Flugreisen...? Ich bin in den letzten 20 Jahren zweimal geflogen, um in Australien eine sehr nahestehende Freundin und Patin unseres Kindes zu besuchen. Das wurmt mich in meiner persönlichen CO2-Bilanz. Aber anders kommt man da schlecht hin. Manfred Braasch würde eine Kreuzfahrt machen...? Nie im Leben. Ich finde das ganze Kreuzfahrtsystem insgesamt nicht überzeugend. Es geht nicht nur um die Luftschadstoffe, auch die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung an Bord sind katastrophal. Und dann der immense Ressourcenverbrauch für die Gäste – ich möchte nicht wissen, was da alles weggeschmissen wird. Manfred Braasch kauft eingeschweißtes Gemüse im Supermarkt...? Wenn es aus ökologischer Erzeugung ist...(lacht). Das ist ja das Kuriose: Biogurken in Folie. Zu 80 bis 90 Prozent kaufen wir Lebensmittel aus ökologischer Erzeugung. Kann ein Großstadtmensch überhaupt mit sauberem Ökogewissen leben? In einer Stadt wie Hamburg gibt es ein sehr großes Angebot, um seinen ökologischen Fußabdruck zu verbessern. Das gilt für Lebensmittel, Kleidung, Mobilität und mehr. Es wird nur zu wenig genutzt.

Was ist daran verwerflich, wenn sich Hamburgs Politik bei der Frage „Elbvertiefung oder Schierlings-Wasserfenchel“ für die Hafenjobs entscheidet? Das ist nicht verwerflich, aber nicht zu Ende gedacht. Es ist eine Illusion, dass Hamburg beim Containerumschlag mit Konkurrenten wie Rotterdam auf Dauer mithalten kann. Das alte Hafenkonzept hat ausgedient. Auch die Elbvertiefung wird nicht den Durchbruch bringen, um das einst ausgegebene Ziel von 25 Millionen Containern pro Jahr zu erreichen. Hamburg braucht ein Umdenken im Hafen, das wird mittel- und langfristig auch Arbeitsplätze sichern.

Ihr erster großer Kampf als BUND-Geschäftsführer richtete sich gegen die Zuschüttung des Mühlenberger Lochs. Am Ende konnten Sie die Erweiterung des Airbuswerks für den A380 nicht verhindern. Hand aufs Herz: War die Entscheidung der Politik nicht doch richtig, weil sie Hamburg Tausende Jobs gebracht hat? Differenzierte Antwort: Die warnenden Stimmen von damals, dass der A380 kein Erfolgsmodell ist, waren richtig. Der A380 ist schon jetzt ein Auslaufmodell. Auch die Start- und Landebahnverlängerung für die Frachtversion war überflüssig, denn die ist nie gebaut worden. Andererseits hat der A380 dem Hamburger Werk einen Innovationsschub gegeben. Aber das hätte sich auch anders erreichen lassen und es ist wirklich viel Natur zerstört worden.

Luft und Gewässer bei uns sind deutlich sauberer als früher, Menschen leben immer länger – so schlecht scheint es um unsere Umwelt nicht zu stehen...? Natürlich geht es uns im Vergleich zu anderen Ländern, etwa in Afrika, gut. Wir haben einiges erreicht, etwa bei der Qualität von Luft und Wasser, etwa der Elbe – auch dank des Bundes für Umwelt und Naturschutz  übrigens. Wenn man aber die großen Linien wie Klimaschutz und Artensterben betrachtet, dann gehen alle Warnlampen an. Hamburg wird mit dem steigenden Meeresspiegel in den nächsten 100 oder 150 Jahren immense Probleme bekommen. Wir müssen uns jetzt dieser Verantwortung stellen und können nicht so tun, als ginge uns das nichts an. Was war Ihr größter Erfolg als Umweltschützer? Die Rekommunalisierung der Hamburger Energienetze (per Volksentscheid 2013,  d. Red). Der größte Misserfolg? Dass es uns nicht gelungen ist, den Bau des Kohlekraftwerks Moorburg zu verhindern (Inbetriebnahme 2015, d. Red.). Das wurmt mich. Aber in der politischen Konstellation war das damals nicht möglich. Sie haben viele Jahre gegen die Vertiefung der Elbe gekämpft und am Ende verloren. Was macht das persönlich mit Ihnen? Das ist eine echte Niederlage. Allerdings klagen wir weiter und haben noch etwas im Köcher. Ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass die Elbvertiefung falsch ist. Aber natürlich war es eine Zäsur, dass wir nach zehn Jahren Kampf die Baugenehmigung nicht verhindern konnten. Andererseits haben wir ihm Laufe des Prozesses viel für die Natur der Elbe herausgeholt. In Hamburg sagen manche, Manfred Braasch ist der eigentliche Oppositionsführer. Schmeichelt Ihnen das? (Überlegt) Na ja, darin drückt sich aus, dass das Wirken des BUND und auch mein Wirken wahrgenommen werden. Und das wirft vielleicht auch ein Licht auf die derzeitige Oppositionsarbeit. Gibt es persönliche Anfeindungen, vielleicht sogar Bedrohungen? Es gibt ab und zu böse E-Mails, auch unter der Gürtellinie. Dann wird schon mal gefordert, ich soll die Klappe halten. Das tue ich aber natürlich nicht. Zum Glück bin ich aber nie persönlich angegriffen oder mit Gewalt bedroht worden.

Auch in den hitzigsten Diskussionen bleiben Sie ruhig und sachlich. Ist das Taktik oder Charakter? Das ist mein Wesen. Ich sehe durchaus Betroffenheiten auf der anderen Seite, etwa wenn es um Arbeitsplätze geht, und kann das nachvollziehen. Sobald es aber unsachlich wird, würde ich ein Gespräch beenden.

Wer war Ihr härtester Widersacher? Olaf Scholz. In den Veranstaltungen zum Netzerückkauf gab es mit ihm beinharte Diskussionen. Nicht unfair, aber Scholz zeichnet aus, dass er sich keinen Millimeter bewegt. Sie sind Ökotrophologe, also Ernährungswissenschaftler. Leben Sie vegan? Nein, aber ich bin seit mehr als 30 Jahren Vegetarier. Allerdings einer, der sich hin und wieder von einem guten Fischgericht hinreißen lässt. Was, wenn Ihre Frau oder Kinder sagen, sie wollen mal ein schönes Steak essen ...? Damit habe ich absolut kein Problem. Meine Frau und meine Töchter essen tatsächlich ab und zu mal Fleisch. Ihr Hobby ist zaubern – warum? Ich fand zaubern immer toll, deshalb hat mir meine Frau mal einen Zauberkoffer geschenkt. Mit dem habe ich dann beim vierten Geburtstag unserer Tochter improvisiert. Das kam super an – und schon wurde daraus ein semiprofessionelles Hobby. Das mache ich zwei-, dreimal im Jahr, just for fun.   Was ist Ihr schönster Trick? Ich lege eine Goldmünze in einen kleinen Behälter, dann werfe ich ein Streichholz hinein, es gibt eine Riesenflamme – und dann sind Gummibärchen drin. Die Kinder sind begeistert.

Sie schreiben Romane. Welches Genre? Politische Krimis. Der dritte ist gerade in Arbeit. Es macht mir Spaß, mir einen Plot und Charaktere auszudenken und das in der Hamburger Politik zu verorten. Verarbeiten Sie so Ihre beruflichen Erlebnisse? Nein. Das sind keine Umweltkrimis.

Manfred Braasch persönlich

Wenn ich einen Tag Bürgermeister wäre......dann würde ich den Kohleausstieg festlegen.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg......sind die Landungsbrücken.

Mein Lieblingsplatz in Schleswig-Holstein......ist das Noldemuseum in Seebüll.

Entspannen kann ich am besten... ...bei einem guten Essen.

Lachen kann ich über......gute Satire.

Derzeit lese ich......ein sehr frühes Werk von Mankell: „Der Sandmaler“.

Meine letzte Umweltsünde war......der lange Flug nach Australien im vorigen Jahr.

Schlaflose Nächte bereitet mir......der Klimawandel und was er für meine Kinder und Enkel bedeutet.
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Interview

Flughafen-Chef Michael Eggenschwiler: „Ich muss einen kühlen Kopf behalten“

Meinung – Dagmar Gehm
Seit gut 15 Jahren ist Michael Eggenschwiler Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Hamburg GmbH. In dieser Zeit konnte der Airport so manchen Steilflug vermelden. Für 2019 sind nach einer leichten Flaute 18 Millionen Passagiere angepeilt. Es gab aber auch Startversuche, die auf Gegenwind stießen. Dagmar Gehm hat ihn zum Gespräch getroffen.

Herr Eggenschwiler, gerade steht der Flughafen wegen des geplanten Ausbaus und wegen Landungen nach 23Uhr in der Kritik. Der BUND hat sogar Ihren Rücktritt gefordert. Bereitet Ihnen dieser Widerstand Kopfschmerzen?

 Bei einem Flughafen in unserer Lage gibt es immer wieder kritische Stimmen. Ich muss aber ganz klar sagen, dass uns sämtliche Genehmigungen vorliegen und wir alle Regularien einhalten. Ich finde es nicht korrekt, uns Dinge zu unterstellen, ohne sie zu belegen. Man lernt aber, damit umzugehen, und wenn jemand einen kühlen Kopf behalten muss, dann bin ich es. Das gehört zu einer Führungsaufgabe.

Können Sie Flughafen-Anrainer verstehen, die sagen: „Der Fluglärm macht mich fertig“?Wir nehmen das Thema ernst und haben immer viel gemacht − ob es die lärmabhängigen Entgelte sind für Airlines, durch die laute Flugzeuge deutlich mehr bezahlen oder gar nicht mehr fliegen dürfen, oder ob wir viel Geld investiert haben in Lärmschutzmaßnahmen.  Bei verspäteten Flügen am Abend haben wir die Entgelte massiv angehoben und in den letzten Monaten intensiv mit den Airlines gesprochen, wie sie ihre Flugpläne so anpassen, dass sie Verspätungen nach 23 Uhr reduzieren. Das ist uns in den letzten drei Monaten richtig gut gelungen. Von Oktober bis Dezember gab es fast 20 Prozent weniger verspätete Flüge als im Vorjahr, im Dezember sogar 37 Prozent.

Wünschen Sie sich schon mal, dass der Flughafen in Schleswig-Holstein liegt? Um das zu tun, bin ich zu sehr Realist. Wir müssen damit leben, was wir haben, und unser Standort ist gut, weil er genau dort ist, wo die meisten unserer Passagiere auch leben. Die Anfahrt zum Flughafen Hamburg ist richtig kurz, 60 Prozent der Passagiere wohnen in unmittelbarer Nähe des Flughafens, das heißt, in 30 bis 40 Minuten Fahrzeit. Etwa 30 Prozent unserer Passagiere kommen aus Schleswig-Holstein, dazu noch zehn Prozent aus Niedersachsen, Dänemark, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen.

In einem Interview mit unserer Zeitung hat Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen gefordert, der Hamburg Airport solle ein internationaler Flughafen werden  . .  . Wir sind ein internationaler Flughafen. Zehn Prozent ist Langstreckenverkehr und 90Prozent Europaverkehr. Wir sind sehr gut an die großen Drehkreuze angebunden, sodass unsere Passagiere mit nur einmal Umsteigen über 1000 Ziele erreichen können. Der Flughafen Hamburg selbst ist nicht gebaut als Drehkreuz, das werden wir nie sein. Aber der Markt für die ein oder andere Langstrecke ist da, Potenzial sehe ich zum Beispiel in Richtung China, da fehlen im Moment noch die Verkehrsrechte. An uns liegt es nicht.

Ist Hamburg für Sie eine Weltstadt?Hamburg ist eine Stadt, die einen Weltruf verdient. In meinen Augen könnte sie aber mit etwas mehr Selbstbewusstsein in der Welt präsent sein. In den USA ist sie nicht so bekannt wie München, Heidelberg oder Berlin. Das finde ich schade, weil Hamburg wirklich viel zu bieten hat. Besucher sind immer wieder begeistert.

Sie bekleiden verschiedene Nebenämter, darunter als Honorarkonsul der Schweiz für Hamburg und Schleswig-Holstein. Wie viel Zeit können Sie von Ihrem Hauptberuf dafür abzweigen?Das Konsulat ist praktischerweise hier in meinem Flughafenbüro untergebracht. Ich muss mich so organisieren, dass mein Hauptberuf nicht darunter leidet. Es gibt zum Beispiel Tätigkeiten, bei denen  ich beides kombinieren kann. Die klassische konsularische Tätigkeit, wie Pässe ausstellen, wird durch die Botschaft in Berlin gemacht. Das Honorarkonsulat ist die Vertretung der Schweiz, aber keine offene Anlaufstelle. In Hamburg und in Schleswig-Holstein leben 4000 bis 5000 Schweizer, und es gibt auch Schweizer Vereine.

Wären Sie gern Pilot geworden? Als Schüler wollte ich mal Pilot werden. Aber heute bin ich eigentlich froh, dass ich es nicht geworden bin, weil ich glaube, dass ich in meinem jetzigen Beruf mehr Abwechslung habe, als ich es als Pilot gehabt hätte. Ich hatte aber schon immer ein Faible für die Luftfahrt − eine spannende Branche, die Leute zusammenbringt, die international ist, die auch inhaltlich eine große Vielfalt bietet.

Besitzen Sie einen Flugschein?Ja, ich habe einen Flugschein als Privatpilot für kleine, einmotorige Maschinen. Ich fliege aber  wenig, nur zwischendurch mal.

Wo und wie können Sie am besten entspannen? Ich bin gern in der Natur. Ob an der Elbe, an Nord- oder Ostsee. Weil ich in der Natur runterkommen kann und den Kontrast zum hektischen Alltag finde. Ich muss aber nicht drei Monate in eine Berghütte oder auf eine einsame Insel mit zwei Kerzen und drei Büchern.

Was ist Ihr Lieblingsziel? Ich bin ganz gern in den USA - ein faszinierendes Land mit viel Freiheit. Ich war aber auch relativ früh schon in China und habe die beeindruckende Entwicklung der letzten 25 Jahre miterlebt.

Was gefällt Ihnen an Hamburg? Es ist eine Stadt mit sehr viel Grün, sehr viel Wasser, einer wirklich schönen Architektur und einer großen Vielfalt. Die Hamburger haben eine sehr angenehme Art. Auch wenn viele sie als zurückhaltend ansehen, empfinde ich die Art des Umgangs als äußerst wertschätzend.

Was vermissen Sie hier?Dass ich am Wochenende nicht meine Skier aufs Auto packen und irgendwo Ski fahren kann. Mehr nicht. Die Lebensqualität ist vergleichbar gut wie in der Schweiz, wir kriegen hier auch die klassischen Schweizer Produkte.

Welche Eigenschaften braucht man, um in dieser Position schon so viele Jahre zu bestehen? Sie brauchen ein Interesse an einer ganzen Breite von Themen. Von den betriebswirtschaftlichen bis hin zu flugbe-trieblichen, technischen und politischen Themen. Sie müssen auch den Umgang mit rund 2100 Mitarbeitern lieben.  Man muss sich selbst treu bleiben. Wenn man wie ich vom Typ her eher ruhig ist, sollte man das auch sein und keine Rolle nachleben. Für mich ist authentisch zu sein das Wichtigste. Dass man berechenbar und verlässlich ist und die Mitarbeiter wissen, woran sie sind.

Also, dass man beständig ist in seiner Meinung?Ja, aber ich finde es ganz wichtig, dass man auch zuhört. Man muss eine eigene Meinung haben, klar, aber man muss auch akzeptieren, dass es andere Meinungen gibt und auch mal zugeben können, dass jemand eine bessere Argumentation hat. Ich habe zwar eine eigene Vorstellung, aber wenn jemand belegen kann, dass es einen anderen, besseren Weg gibt, habe ich kein Problem zu sagen: „So machen wir das!“

2018 ist die Verbindung mit United nach Newark weggefallen. Wann gibt es wieder einen Direktflug in die USA? Und/oder weitere Interkontinentalflüge?Zurzeit haben wir Dubai zweimal am Tag mit Emirates; einmal mit dem Airbus A380, einmal mit der Boeing 777. Was die USA betrifft, führen wir verschiedene Gespräche. Der Verkehr muss ganzjährig gut laufen, damit es sich rechnet. Mit der neuen Flugzeugentwicklung der A321 Long Range für 200 Passagiere lässt sich die Ostküste der USA von Hamburg aus gut erreichen. Wir setzen auf diese neuen Flugzeugmodelle, die Langstreckenverbindungen auch abseits der großen Drehkreuze attraktiv machen. Wir warten lieber, bis wir ein gut vorbereitetes Projekt haben, das dann auch die Chance auf längerfristigen Erfolg hat
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Interview

Schauspieler Devid Striesow: „Theater ist wie Hochleistungssport“

Meinung – Barbara Glosemeyer
Die Proben sind gerade zu Ende, als wir Devid Striesow in der Kantine des Schauspielhauses in Hamburg treffen. „In Hamburg zu sein, ist für mich immer wie nach Hause  kommen“, sagt der 46-Jährige, der  eigentlich in Berlin lebt. Aber jetzt gerade „bin ich Hamburger“. Ab 18. Januar  ist er in der Rolle des Geschichtsprofessors George im Theaterklassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ zu sehen. Drei Monate lang wird täglich mehrere Stunden geprobt.

Striesow kennen viele aus „Bella Block“ an der Seite von Hannelore Hoger, als Kommissar Jens Stellbrink im „Tatort“ aus Saarbrücken oder als Hape Kerkeling in der Kinoverfilmung „Ich bin dann mal weg“. Ein Gespräch mit Redakteurin Barbara Glosemeyer über die Herausforderungen des Theaterspielens, über Politik, Beziehungen und seine Liebe zu Hamburg.

Herr Striesow, Sie spielen im Theater, Fernsehen und Kino unterschiedlichste Charaktere. Welche dieser drei Bühnen ist Ihnen als Schauspieler die liebste?Ich genieße es gerade sehr, Theater zu spielen und das Hamburger Schauspielhaus ist für mich die schönste Sprechbühne im deutschsprachigen Raum. Beim Theaterspielen ist man deutlich mehr ganzkörperlich gefordert als beim Drehen fürs Fernsehen oder Kino. Es fordert mehr Kondition und Konzentration und ist sehr viel zeitintensiver – allein dadurch, dass man bis zur Premiere eines Stücks sechs bis acht Wochen jeden Tag bis zu sechs Stunden probt. Theater ist wie Hochleistungssport. Immer, wenn ich nach einiger Zeit ans Theater zurückkehre, merke ich, dass mir genau das gefehlt hat. 

In diesem Jahr werden die beiden letzten Tatorte mit Ihnen ausgestrahlt. Sie haben die Zusammenarbeit auf eigenen Wunsch beendet. Warum wollten Sie nicht länger Kommissar Jens Stellbrink aus Saarbrücken sein?Es war an der Zeit,  sich neuen Aufgaben zu stellen und aufgeschobene Projekte zu realisieren. Dann kam sogar noch das Angebot vom ZDF dazu, den undurchsichtigen, ambivalenten Detektiv Andi Schwartz in der Krimireihe „Schwartz & Schwartz“ am Samstagabend zu spielen. Wunderbar!

Sie haben viele Auszeichnungen eingeheimst, unter anderem den renommierten Grimme-Preis. Wie wichtig sind Ihnen solche Preise?Ich will jetzt nicht mit Billy Wilder sagen:  „Preise sind wie Hämorrhoiden. Früher oder später bekommt sie jeder.“ Mir bedeuten die Preise viel, weil es immer eine Wertschätzung durch das Publikum oder eine Jury ist. Besonders für den Filmschauspieler, der keinen Applaus vom Publikum bekommt, sind Auszeichnungen wie ein Ritterschlag.

Meistens spielen Sie besonders herausfordernde Rollen, extreme Charaktere. Gibt es für Sie eine Traumrolle, die Sie reizen würde?Das hängt immer vom Drehbuch ab, nicht unbedingt von der Größe der Rolle. Ich würde jede toll geschriebene Rolle mit tollen Kollegen spielen. Und ja, ich würde mich auch freuen, wenn die Rollen so vielschichtig und vielfarbig bleiben würden, wie sie bisher für mich gewesen sind.

Vor Ihrer Schauspielausbildung haben Sie Musik studiert und eine Gesangsausbildung gemacht. Darüber hinaus spielen Sie Klavier, Gitarre, Violine und Mandoline. Welche Musik hören Sie und wann? Ich bin absoluter Klassikfan, höre gern Beethoven, aber vor allem Bach. Schon als Kind habe ich sehr viel Klassik gehört und vor dem Spiegel dirigiert. Das hat mich in meinem Leben immer begleitet. In Phasen, in denen ich mit mir im Reinen bin, höre ich ausschließlich Klassik. In den zerrissenen Phasen, in denen ich mich beispielsweise mit einer Rolle aufs Glatteis wage, höre ich vornehmlich entsprechende Musik, klar. Von Bad Religion bis Wahnsinns-Rock’n’Roll von Linkin Park.

Hören Sie Musik nebenbei oder nur konzentriert?Ich bin jemand, der zu allen Gelegenheiten und auch gleich morgens nach dem Aufstehen Musik hört. Für mich ist Musikhören wie Emotion-Doping. Mit Musik komme ich dem nahe, was ich an mir mag. 

Ab 18. Januar sind Sie am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ in der männlichen Hauptrolle des George zu sehen. Haben Sie noch Lampenfieber?  Ja. Kurz bevor man die Bühne betritt, denkt man: „Schaffe ich es?“ Diese Bewältigungsangst gibt es immer.

In dem Klassiker von Edward Albee von 1962 geht es um die Zerstörung einer Ehe, Wunschbilder und Lügen, und zum Schluss bricht alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ein Ehe-Drama halt. Was ist für Sie unabdingbar, damit eine Beziehung gelingt?Ich weiß es nicht. Es gibt keine Faustregel, das ist sehr individuell. Oftmals gibt es ältere Paare, von denen man sich vielleicht etwas abgucken kann. Da kann man immer nur hoffen, dass es solange hält, wie es sich beide wünschen.

Wie viel Persönliches steckt in der Erarbeitung einer so extrovertierten Männerrolle wie George?Eigentlich ist George ja am Anfang eher der „Klemmi“ unter den Vieren. Die Herausforderung ist, als extrovertierter  Schauspieler einen verklemmten Charakter zu spielen. Es geht nicht um die Eigenschaften des Schauspielers. Man muss eine Rolle glaubwürdig für 1200 Zuschauer spielen, für ein großes Publikum. Das ist die Bühnenrealität.

Ist Schauspielerei für Sie eher Handwerk oder Kunst?Meine Meinung dazu ändert sich  alle paar Jahre (lacht). Im besten Fall ist es eine Mischung aus beidem. Und es hängt immer von der Aufgabe ab: Nicht jedes Spiel ist gleich. Theaterspielen ist für mich auf jeden Fall eine Kunstform, an der man festhalten sollte. Theater ist für das breite Publikum eine Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern. Schauspielen kann sicherlich nicht jeder erlernen wie ein Handwerk und das will ja auch nicht jeder. Dazu braucht es zu viel Selbstaufgabe. Es geht darum, möglichst unbeschadet viele Facetten von sich zu zeigen, die aber nicht in die Tiefe blicken lassen. Für mich ist Spielen dann gelungen, wenn man so eine Tiefe erreicht, dass es andere wirklich berührt.  

Machen Ihnen die Veränderungen durch die neuen Nationalisten in Europa und der Welt oder auch die AfD in Deutschland Angst?  Ja, das macht mir Angst. Aber vor allem verstehe ich nicht, dass die Medien diese Personen, diese austauschbaren Männchen wie Trump, immer wieder in den Mittelpunkt des Interesses stellen statt vor den politischen Strömungen zu warnen.

Sie sind in Rostock aufgewachsen und waren 16 Jahre alt, als die Mauer fiel. Sind für Sie die alten und die neuen Bundesländer nach fast 30 Jahren zusammengewachsen?Ich kann das nicht allumfassend einschätzen, weil ich viel unterwegs bin. Aber ich weiß, dass es Orte im Osten von Deutschland gibt, wo die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sagen würde, dass Ost und West nicht zusammengewachsen sind. Für mich war der Mauerfall, die Wende, das größte biografische Ereignis. Nach Hamburg zu dürfen, wofür wir früher erschossen worden wären, wenn wir es nur versucht hätten, war etwas ganz Großes. Wenn ich aktuell Bilder im Fernsehen vom Mauerfall sehe, kommen mir heute noch die Tränen.

Sehen Sie sich als Ostdeutscher oder als Europäer?Wenn man anfängt, zu dieser Frage eine Antwort zu formulieren, hat man immer das Gefühl, man landet im Politiker-Argumentationsmodus. Ich bin der Meinung, wir müssen in komplett anderen Dimensionen denken, oder denken lernen, um unseren Lebensraum zu erhalten und neu zu gestalten. Da werden Ost-West-Denkschemen ganz klein.

Was verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Das kann auch ein Hotelzimmer sein, wenn ich meine persönlichen Dinge bei mir habe. Das gilt gerade für mich, da ich enorm viel unterwegs war in den vergangenen Jahren.

Sie haben einen erwachsenen Sohn und zwei weitere Kinder. Was geben Sie denen mit auf den Weg?Ich versuche, sie so wenig wie möglich zu reglementieren, was schon schwierig genug ist. Ich habe durch meine eigene Biografie gelernt, dass Reglements, ob durch einen autoritären Staat oder ähnliches, zu nichts Gutem führen. Jedem die eigenen Möglichkeiten bewusst zu machen und mit Lob zu befeuern, hat die positivsten und nachhaltigsten Auswirkungen. So denke ich.

Was gefällt Ihnen an Hamburg?Es ist die Mentalität, die mir gefällt. Hamburg ist eine coole, offene Stadt.



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Interview

Regisseurin und Romanautorin Nino Haratischwili: „Es ist ein Spagat zwischen zwei Welten“

Meinung – Martin Sonnleitner
Nino Haratischwili hat gerade anstrengende Wochen hinter sich. Erst wurde sie für ihren Roman „Die Katze und der General“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises für den besten deutschsprachigen Roman 2018 gehandelt, dann war sie einer der Stars auf der Frankfurter Buchmesse. Schließlich war ihre Heimat Georgien Gastland, sie als Expertin gefragt. Nach der anschließenden Lesereise quer durch Deutschland traf unser Mitarbeiter Martin Sonnleitner sie im  „Café Unter den Linden“ in der Hamburger Schanze, wo Haratischwili wohnt.

Nachdem schon „Das achte Leben (Für Brilka)“ von 2014 vielfach ausgezeichnet wurde, stand Ihr jüngster Roman „Die Katze und der General“ in diesem Jahr auf der Short List des Deutschen Buchpreises. Hat der Erfolg etwas verändert? Bestimmte Türen sind aufgegangen, für bestimmte Sachen muss man sich jetzt nicht mehr so sehr bemühen. Das habe ich gerade auf der Lesereise gemerkt. Die Leute wollen das Buch lesen. Im Münchner Literaturhaus waren 400 Leute da. Für mich persönlich hat sich nicht so viel verändert. Jeder neue Text, auch jede neue Theaterinszenierung fühlt sich immer noch so an, als würde man bei Null anfangen. Klar, kriegt man eine gewisse Sicherheit, Routine kann ich mir bei meinem Beruf aber nicht vorstellen.

War es nicht der große Lebenstraum, erfolgreiche Schriftstellerin zu werden?Es war schon mein Plan, Schriftstellerin zu werden. Es war aber unabhängig davon, ob ich Geld kriege oder nicht. Ich habe es einfach immer gemacht, seit ich halbwegs bewusst denken kann. Ich habe es größtenteils erst einmal für mich selber gemacht, weil es mir guttat, ich es brauchte. Ich habe es nicht hinterfragt, es war wie Atmen oder Essen, mein Weg, mit der Welt klarzukommen. Klar habe ich es mir irgendwie gewünscht, mir vorgestellt, wie schön es wäre, ein Buch zu veröffentlichen. Aber auch in der Zeit, wo ich nicht veröffentlicht wurde, teilweise viel Kritik einstecken musste, stand es nicht zur Debatte, etwas anderes zu machen.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?Ich habe seit der frühen Pubertät geschrieben. Ich habe immer viel gelesen, war ein Mensch der Bücher. Es waren aber immer erfundene Geschichten, nie Tagebuch. Dann habe ich in der Schule an einer Theater AG teilgenommen. Da habe ich Stücke geschrieben, die wir aufgeführt und inszeniert haben. Das war mit ganz einfachen Mitteln, damals noch in der Ukraine. Da habe ich Blut geleckt, weil ich gemerkt habe, dass Geschriebenes Menschen zum Leben erweckt. Dann habe ich überlegt, dass ich das Ganze zu meinem Beruf machen wollte, aber eher Inszenieren, nicht Schreiben. Ich wollte Regie machen, hatte auch eine große Affinität zum Film. Dann habe ich erst einmal drei Jahre Film in Tiflis studiert, war da aber nicht so glücklich mit. Dann habe ich mich 2003 in Hamburg für Theaterregie beworben und bin schließlich hier gelandet. Parallel hatte ich zwar immer auch weiter viel geschrieben, wollte aber Regisseurin werden.



Wie sind Sie zur deutschen Sprache gekommen, Sie schreiben ja auch auf Deutsch?Ich habe von klein auf Deutsch gelernt, meine Schule hatte den Fokus auf deutsche Sprache und Kultur. Wir hatten auch Muttersprachler als Lehrer. In der achten und neunten Klasse war ich auch schon hier gewesen, weil meine Mutter in Deutschland gearbeitet hat. Als ich hergekommen bin, sprach ich also bereits Deutsch.

Welche Rolle spielt heute Heimat für Sie?Heimat ist ein ambivalenter Begriff, weil neben Schönem auch Unschönes dabei rumkommt, wenn man zu sehr auf Heimat pocht. Jede Form von nationaler Identifikation finde ich fragwürdig. In zwei Kulturkreisen unterwegs zu sein, ist immer auch schwierig. Es ist ein Spagat zwischen zwei Kulturen, zwei Sprachen, zwei Welten, zwei Mentalitäten, zwei Temperaturen. Ich bin sehr georgisch kodiert, das merke ich immer wieder, gleichzeitig aber auch in Deutschland sozialisiert. Das heißt, auch in Georgien ecke ich an. Das ist schon eine Herausforderung.

Wie sieht denn die georgische Kodierung konkret aus?Es ist erst einmal ein ganz andere Umgang mit Emotionen. Viel expressiver, Gefühle werden gezeigt, nicht verdeckt. Es ist eher ein südländisches Temperament, jede Form von Absicherung, ich nenne es Runtergedimmtheit, ist ihnen fremd. In der Politik kann das zum Problem werden, im Menschlichen Umgang ist es aber was sehr Schönes, Warmes, Herzliches. Es ist auch eine sehr kollektive Gesellschaft, wo ich mich nicht so zurechne. Man ist wenig alleine, den Rückzug muss man sich hart erkämpfen.

Wie ist denn heute das Verhältnis Georgiens zu Russland?Ich fühle mich gar nicht zu Russland zugehörig. Ich spreche die Sprache und mag die russische Literatur, habe da auch Freunde. Die Russen halten 20 Prozent des georgischen Territoriums besetzt. Wir haben etliche Kriege mit ihnen geführt, nichts von dem, was die Russen darstellen, würde mich interessieren. Das Gegenteil ist der Fall. Die Politik überschattet alles, es gibt da keinen normalen Umgang. Es ist schade, weil viele Georgier auch die russische Sprache ablehnen, die ich sehr schön finde.

Sie kritisieren ja auch immer wieder die ehemalige Sowjetunion  . . .Georgien war zwar 70 Jahre Teil dieses Landes oder Konstruktes, es war aber wie eine Zwangsehe, nichts Organisches. Die Probleme, die die Ukraine, Georgien oder andere postsowjetische Staaten haben, finden ja da ihren Ursprung. Ich habe mich auch viele Jahre mit der sozialistischen Idee auseinandergesetzt. Es gibt ein Buch auf Russisch von verschiedenen Schriftstellern, da wird nachgewiesen, dass die Bolschewisten schon wenige Wochen nach der Oktoberrevolution all ihre Ideen verraten hatten. Die Idee als solche ist gut, sie widerstrebt aber der menschlichen Natur. Das heißt aber nicht, dass man nicht weiterhin nach Verbesserungen suchen und den Kapitalismus kritisieren sollte.  

War Ihr Umzug nach Hamburg ein Kulturschock?Nein, war es nicht. Ich sprach ja bereits die Sprache. Es hat ein wenig gedauert, bis ich wirklich angekommen bin, es war mir ein bisschen zu nordisch. Ich hatte aber einen heiß begehrten Studienplatz ergattert, war eine von sechs, die ausgewählt wurden für die Theaterakademie. Es waren sehr intensive zwei Jahre, ich musste viel nachholen, es hat mir aber geholfen. Ich habe mich mit Hamburg anfangs nicht so leicht getan. Ich kam von Tiflis, das ist ungefähr so, als wenn man von Neapel nach Oslo umzieht.

Wann kam denn der entscheidende Sprung zur Prosa?Ich habe immer schon Prosa geschrieben, bin über die Prosa zum Theater gekommen. Ich habe es neben dem Studium immer weiter gemacht. Ich habe in der Zeit auch meinen ersten Roman geschrieben, Stücke gehabt, die in meiner Schublade lagen. Als sich die erste Möglichkeit anbot, im Thalia in der Gaußstraße, durften wir als Vordiplom was öffentlich inszenieren. Da habe ich dann die Gunst der Stunde genutzt und 2006 mein erstes Stück auf die Bühne gebracht. Das war sehr aufregend, weil ich nicht wusste, wie es die Leute aufnehmen würden.

Es hieß „Z“, ein Zweipersonenstück mit relativ wenig Mitteln. Ich hatte Glück, obwohl viele auch in der Hochschule skeptisch waren, wurde es ein Erfolg. Ich wurde auf Festivals eingeladen, habe ein Angebot vom Theaterverlag bekommen. Ich hatte einiges an Texten in petto, konnte also relativ schnell nachliefern. Prosa hat lange gedauert, ich habe drei Jahre einen Verlag gesucht, auch wenn ich schon viele Theaterstücke hatte, die verlegt und inszeniert wurden. In Deutschland ist aber alles fein säuberlich getrennt, die Bereiche überlagern sich nicht so. Mir war auch nicht klar, dass das Meiste, was man unaufgefordert an Verlage sendet, im Papierkorb landet.

Dann bin ich über 1000 Ecken an den kleinen Berliner Verbrecher Verlag gelangt. Ein linker, mutiger Verlag. Den habe ich überzeugt, mich zu verlegen. Der Roman „Juja“ war dann 2010 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, hat viel Presse bekommen. Das hat mir viel Mut gemacht. Dann bin ich zum größeren Verlag, der Frankfurter Verlagsanstalt, wo ich bis heute bin. Danach war alles leichter, weil die Aufmerksamkeit da war. 

Der Riesenerfolg „Das achte Leben“, 1280 Seiten lang, war dann der nächste große Sprung  . . .Es war nicht so opulent geplant. Es sollte zwar schon eine georgische Familiengeschichte werden, ich wollte es aber auf eine oder zwei Dekaden konzentrieren. Dann habe ich aber gemerkt, dass es schwierig werden würde, es vor allem dem deutschen Leser zu vermitteln. Es wäre ja die Perestroika-Zeit gewesen. Das war aber so chaotisch, da blickte keiner mehr durch, also habe ich früher in der Geschichte angefangen.

Dann hat es auch für mich einen Sog entwickelt. Ich habe vieles gelesen, entdeckt, herausgefunden, bin dann bei der Oktoberrevolution angelangt und habe mir gesagt: Okay, über den Umfang machst du dir erst später Gedanken. Dann ist es schließlich eine Familiengeschichte geworden, die 1900 anfängt und bis 2007 geht, über sechs Generationen mit acht Hauptfiguren. Es geht um die georgische Geschichte, die ja wiederum mit der russischen eng verflochten ist. Die Politik und Realhistorie beeinflusst das Leben der Einzelnen sehr stark. Ich wusste, es wird eine Familiengeschichte, aus der Gegenwartsperspektive erzählt. Über Struktur und Form hatte ich mir schon Gedanken gemacht. Wobei mich größere Erzählbögen mehr interessieren als das Kleine, Private.        

Nino Haratischwili . . . persönlich

Hamburg bedeutet mir  . . . ein Stück Zuhause, Ruhe, Entspannung, aber auch ein Ort, an dem ich mich bis heute abarbeite.

Tiflis bedeutet mir  . . . Zuhause und  viel Hektik.

Europa ist  . . .  eine sehr wichtige Wertgemeinschaft, die es unbedingt zu schützen gilt.

Wäre ich nicht Schriftstellerin, wäre ich  . . . gerne Komponistin.

Mein nächster Roman wird . . . dazu möchte ich noch nichts verraten.

Theater und Literatur sind sich deshalb so nah, weil  . . .  für mich in beiden Gattungen die Menschen mitsamt ihren Tragödien und Komödien im Zentrum stehen und   uns bestenfalls in unserem Menschsein berühren und erschüttern können.

Für Frieden in der Welt, braucht es  . . . eine neue Gattung an Mensch.
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Interview

Peer Steinbrück über Helmut Schmidt: „Über Privates haben wir fast nie geredet“

Meinung – Markus Lorenz
Für die  Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung wacht Peer Steinbrück über das politische Erbe des großen Hamburgers. Schmidt war für ihn Vorbild, Welterklärer – und Schachpartner. Markus Lorenz sprach mit dem Stiftungs-Vorsitzenden.

Herr Steinbrück, Sie haben mit Helmut Schmidt häufiger Schach gespielt. Wer war der bessere Spieler?Darüber haben wir öffentlich nie Auskunft gegeben, deshalb habe ich keine Veranlassung, das jetzt zu tun. Wichtig ist, dass es uns beiden Spaß gemacht hat.

War Helmut Schmidt als Schachspieler derselbe kühle, pragmatische Stratege wie als Politiker?Naja, er war auch zu unkonventionellen Zügen in der Lage. Manchmal machte er Züge, die nicht im Schachlehrbuch vorkommen, die aber deshalb auch schwer auszurechnen waren. Er spielte übrigens auch gern mit Loki, und ich hatte den Eindruck, dass sie ihm mindestens ebenbürtig war.

War Helmut Schmidt für Sie ein enger Freund?Mit der Zuschreibung Freund wäre ich vorsichtig. Er war ja kein kumpelhafter Typ. Er hatte in seiner Umgebung einige enge Freunde, mit denen ihn aber eine jahrzehntelange Beziehung verbunden hat. Wir beide waren wechselseitig aneinander interessierte Gesprächspartner. Wir mochten uns, aber über private Dinge haben wir so gut wie nie geredet.

Was war Schmidt für Sie? Für mich war und bleibt er  eindeutig ein Vorbild. Und umgekehrt war ich für ihn jemand, der auf der Grundlage gemeinsamer Überzeugungen seine Neugierde an der aktuellen Politik befriedigen konnte. Insbesondere wollte er wissen, was gerade in der Weltwirtschaft und der Finanzwelt los war, aber auch innerhalb der SPD.

Wie lange kannten Sie sich?Ich habe Helmut Schmidt 1979 kennengelernt, als ich noch grün hinter den Ohren war, damals als junger Referent im Bundeskanzleramt. Aber daraus ergaben sich noch keine intensiveren Begegnungen. Unsere Beziehung ist erst in Gang gekommen, als ich 1993 Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein wurde. Dann lag es nämlich nahe, ihn öfter in seinem Sommerhaus am Brahmsee zu besuchen...

...wo er Ihnen dann Ratschläge für Ihre politische Tätigkeit gab? Naja, in der Hinsicht war er vorsichtig. Obwohl er andererseits aus seinen Bewertungen kein Hehl machte. Und die konnte im privaten Gespräch durchaus rigide ausfallen, so wie er öffentlich nie geredet hätte. Da fielen auch schon mal Kraftausdrücke.

Warum sollte Menschen das politische Wirken Schmidts heute noch interessieren?Ich glaube, Helmut Schmidt ist nach wie vor aktuell, weil er politische Tugenden in sich vereinigte, die zeitlos wichtig sind.

Zum Beispiel?Er war daran interessiert zu verändern, was man verändern kann – und zwar zum Besseren. Er lebte die klassischen politischen Tugenden, die Max Weber mit Leidenschaft, Augenmaß und Verantwortung beschrieben hat. Helmut Schmidt hatte ein hohes Gefühl für Verantwortung, nicht nur für das eigene Tun, sondern auch bezogen auf das Unterlassen, also das Nicht-Handeln. Er war zur Führung bereit und versuchte, Orientierung zu geben fern jeder ideologischen Sinnestrübung. Das ist ein Politikertypus, der auch heute noch jungen Menschen als vorbildhaft in einer parlamentarischen Demokratie dargestellt werden sollte.

Die Beschreibung scheint zum meistzitierten Ausspruch von Schmidt zu passen: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Hat er das wirklich gesagt?Das weiß ich nicht, mir gegenüber hat er das nicht bestätigt. Aber richtig ist, dass er eine gewisse Distanz hatte gegenüber allem, was wolkig war. Ein Gesinnungsüberschuss war ihm suspekt. Es kam ihm weniger auf das gut Gemeinte als auf das gut Gemachte an.

Wie erklären Sie sich die immense Popularität eines solchen Politikers bis in unsere heutigen Tage?Ich glaube, dass er nach seiner Zeit als Bundeskanzler mehr Sympathie erfahren hat als im Amt, weil er eine Projektionsfläche für Sehnsüchte wurde, wie ein Politiker sein sollte. Dabei spielt eine enorme Rolle, dass er eine Instanz für Erklärung war, Orientierung gab und zur Führung bereit war. Viele Bürger haben offenbar Politiker satt, die folgenlos reden. Die einen Gipfel nach dem anderen veranstalten, ohne dass es konkrete Maßnahmen gibt. Er stand für einen handelnden Politiker mit einem klaren moralischen und ethischen Kompass.

Laut Olaf Scholz hat Helmut Schmidt „das Hanseatische“ in die Weltpolitik gebracht. Was war hanseatisch an ihm?Ich teile diese Ansicht. Hanseatisch heißt, nicht mehr Schein als Sein. Heißt, man redet keine Girlanden und man beißt auch mal die Zähne zusammen, wenn es schwierig wird. Helmut Schmidt war nicht prätentiös und lebte nicht auf großem Fuß. Sein Haus in Langenhorn ist keine Villa, sondern sozusagen Neue Heimat 60er Jahre, das Sommerhaus am Brahmsee war letztlich aus dem Legobaukasten. Er nahm Filzstift statt Mont-Blanc-Füller, Bier statt teurem französischem Rotwein. 

Was würde Schmidt als Politiker heute tun, um den Krisen der Welt zu begegnen? Sehr hypothetische Frage. Ihn würde die Lage in Europa umtreiben. Er würde kritisieren, dass die deutsche Politik seit einem Jahr sprachlos bleibt auf die Vorschläge von Präsident Macron zur Stabilisierung der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Er würde gesteigerten Wert auf eine deutsch-französische Initiative legen, um den nationalistischen Fliehkräften in Europa entgegenzuwirken. Er hätte eine Priorität darauf gesetzt, dieses Europa zusammenzuhalten, weil er eine isolierte Position Deutschlands für fatal hielt.

Sie sind Kuratoriumsvorsitzender der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Was tut die Stiftung für dessen politisches Erbe?In den Gesprächen noch zu Lebzeiten Helmuts Schmidts über eine solche Stiftung hat er gesagt, er habe kein Interesse an einer rein musealen und nostalgischen Darstellung seiner Person. Aber er war einverstanden damit, seine Impulse und sein Wirken auf die heutigen politischen Probleme zu spiegeln. Zum Beispiel im transatlantischen Verhältnis, in Europa, oder auch zur Frage: Wie hält man eine freie und friedfertige Gesellschaft zusammen, auch vor dem Hintergrund von Migration, Globalisierung und Digitalisierung? Das ist ein wesentlicher Stiftungszweck.

Was tut die Stiftung konkret?Es wird eine Dauerausstellung in der Hamburger Innenstadt geben. Dazu eine Reihe von Veranstaltungen. Ein erster großer Kongress zu Europa hat in Hamburg bereits stattgefunden. Wir werden auch mit anderen Einrichtungen und Stiftungen zusammenarbeiten sowie Fachleute zusammenbringen, die Beiträge leisten und diese einem breiteren Publikum zukommen lassen. Die Stiftung will nicht im eigenen Saft schmoren.

Was ist speziell zum 100. Geburtstag geplant?Es wird Ende Februar in der Elbphilharmonie einen großen Festakt geben, bei dem nach Lage der Dinge auch der Bundespräsident eine Rede halten wird, ebenso eine bekannte Persönlichkeit aus Europa. Daneben werden wir ein großes Symposium ausrichten, das arbeiten soll zu verschiedenen Aspekten der europäischen Entwicklung.

Wird das Wohnhaus des  Ehepaares Schmidts in Langenhorn der Öffentlichkeit zugänglich gemacht?Das Haus eignet sich nicht dafür, dort täglich viele Menschen durchzuführen. Aber im Internet ist ein virtueller Rundgang schon möglich. Zusätzlich werden wir das Haus von Zeit zu Zeit für kleine Besuchergruppen unter Begleitung öffnen.

Zum 100. gibt es eine Sonderbriefmarke, eine große Lichtinstallation in der Innenstadt und viele andere Ehrenbezeugungen. Was würde Schmidt zu so viel Aufhebens um seine Person sagen?(schmunzelt): Das ist eine kitzelige Frage. Auf der einen Seite würde er vielleicht sagen: „Dat is aber beten veel.“ Auf der anderen hatte der Mann eine begnadete Eigenschaft, dafür zu sorgen, dass sein Selbstbild von einer breiten Öffentlichkeit übernommen wurde. Er wusste Respekt und Sympathie durchaus zu schätzen, die ihm entgegengebracht wurden.

Helmut Schmidt hat Sie als SPD-Kanzlerkandidaten 2013 empfohlen. Die Wahl ging klar verloren. Hat der große Welterklärer sich also  getäuscht?Da müssen Sie schon nach Ohlsdorf gehen und ihn selber fragen. Im Ernst: Ich habe aufgrund eigener Fehler verloren, aber das in einem politischen Umfeld, in dem die SPD keine Chance hatte zu gewinnen. Heute würde man aber vielleicht sagen, 25,7 Prozent waren kein schlechtes Ergebnis.

Wie würde Helmut Schmidt auf die derzeitige schwierige Situation der SPD reagieren?Die würde ihn umtreiben und er würde ein Plädoyer dafür halten, dass die SPD „dringend auf die Höhe der Zeit kommt“, wie Willy Brandt gesagt hat. Und dass sich die Partei verjüngen, ihre Organisation deutlich verbessern und vor allem ihre Programmatik klar zentrieren muss auf die zentralen Probleme und Themen, die den Bürgern unter den Nägeln brennen. Das Ausmaß an Selbstbezogenheit und Vergangenheitsbewältigung, das sich in der SPD findet, hätte er kritisiert.

Hartz-IV-Rücknahme und Linksruck würden Helmut Schmidt demnach nicht gefallen?Davon würde er strikt abraten. Er hielt die Agenda 2010 von Gerd Schröder für einen Erfolg, den die SPD durch ihre Selbstzweifel verspielt hat.

Aus Sicht von Helmut Schmidt und Peer Steinbrück: Ist der Niedergang der SPD noch aufzuhalten?Selbstverständlich. Nichts steht geschrieben!
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Sänger

Max Giesinger im Interview: „Ich hatte einfach Bock auf Popmusik“

Meinung – Nadine Wenzlick
Mit seinem Überraschungs-EM-Hit „80 Millionen“ gelang Max Giesinger 2016 der große Durchbruch: Das dazugehörige Album „Der Junge der rennt“ hielt sich stolze 93 Wochen in den deutschen Charts und verkaufte sich mehr als 250000 Mal. Giesinger erlebte aber auch seinen ersten großen Shitstorm, und zwar als Jan Böhmermann ihn in dem Beitrag „Eier aus Stahl: Max Giesinger und die deutsche Industriemusik” auf den Arm nahm. Während er an seinem dritten Album arbeitete, ließ Giesinger all das und mehr Revue passieren – auch im Gespräch mit Nadine Wenzlick.

Herr Giesinger, nachdem Ihre ersten beiden Platten die Titel „Laufen lernen“ und „Der Junge, der rennt“ trugen, heißt ihr neues Album „Die Reise“. Gehören Sie zu jener Sorte Menschen, die ständig in Bewegung sind?Ja, sowohl gedanklich als auch in dem Sinne, dass ich immer unterwegs und auf Tour bin. Die letzten Jahre waren wirklich abgefahren. 2016 habe ich um die 100 Shows gespielt, 2017 waren es sogar 180. Auch wenn ich schon über drei Jahre in Hamburg lebe, hatte ich bisher wenig Zeit, Wurzeln zu schlagen. Das macht natürlich etwas mit einem, wenn man kaum noch Zuhause ist und ständig auf großen Bühnen steht. Auch wenn damit mein Traum in Erfüllung gegangen ist.

Sie haben auf Tour 120.000 Kilometer zurückgelegt, auf Bergen, Burgen und im Bergwerk gespielt. An welchen Moment erinnern Sie sich besonders gerne zurück?An meinen Auftritt bei „Das Fest“ in Karlsruhe, weil ich damit so viele Kindheitserinnerungen verbinde. Das war das erste Open Air Festival, das ich als Gast besucht habe. Die Kulisse ist einfach toll, du siehst dort das ganze Ausmaß von 40000 Menschen. Ich hatte immer den Traum, da irgendwann selbst auf der Bühne zu stehen, und habe bei etlichen Wettbewerben mitgemacht, wo man Auftritte gewinnen konnte – ich bin aber immer rausgeflogen. Nach „80 Millionen“ kam dann die Anfrage. Der Auftritt war zwar schon um 16 Uhr, aber egal. Ich war so aufgeregt!

Bei allen positiven Erlebnissen gab es auch Gegenwind: Jan Böhmermann kritisierte Sie in seinem Beitrag „Eier aus Stahl: Max Giesinger und die deutsche Industriemusik” scharf. Wie sind Sie damit umgegangen?Am Anfang habe ich versucht, das überhaupt nicht an mich ranzulassen. Irgendwann habe ich aus Macht der Gewohnheit dann doch Facebook aufgemacht. Böhmermanns Song „Menschen Leben Tanzen Welt“ ist ja echt witzig – aber in den Kommentaren zu lesen, wie die Leute einem die Arbeit aberkennen… es war ja niemand dabei. Keiner weiß, wie es wirklich war.

Wie war es denn wirklich? Böhmermann warf Ihnen ja vor, dass Sie in einem Interview gesagt haben, Sie würden Ihre Texte mit Hilfe eines Freunds selbst schreiben, in Wirklichkeit aber mit Autoren arbeiten, die für viele andere deutsche Künstler schreiben. Das war eins der ersten Interviews, die ich zu ‚Der Junge, der rennt‘ gegeben habe. Ich war noch sehr unerfahren und wusste nicht, wie ich diese Frage beantworten soll. Ich habe wirklich ganz viel mit einem Kumpel geschrieben – ein bekanntes Lied entstand allerdings mit mehreren Leuten. Das waren aber schon meine Freunde, ich habe also nicht gelogen. Und dass ich eine Marionette der Plattenfirma, wie einige Leute schrieben, stimmt einfach nicht. In den Songs stecken meine Geschichten und es war mir immer wichtig, dass ich auch Songwriter bin.

Fühlten Sie sich missverstanden? Ungerecht behandelt, weil mir alles aberkannt wurde. Um mein erstes Album über Crowdfunding zu finanzieren, habe ich in Wohnzimmern, auf Hochzeiten und auf Tupperpartys gespielt. Auch wenn meine Musik nicht Indie war, komme ich aus diesem Indie-Ding. „Der Junge der rennt“ war fertig geschrieben, bevor ich einen Plattenvertrag dafür hatte. Mir hat keiner gesagt ‚schreib noch mal einen Hit‘, sondern ich hatte einfach Bock auf Popmusik.

Was bedeutet Ihnen Musik? Musik war immer ganz klar mein einziges großes Talent. Ich habe mich in der Schule schwergetan und bin auch nie der selbstbewussteste Typ gewesen. Die Fußballer saßen im Bus in der ersten Reihe und hatten mich auf dem Kieker – da musste ich mir jeden Morgen ein paar Sprüche gefallen lassen. Ich machte dann meinen Discman an und hörte „Don’t Stop Me Now“ von Queen. Irgendwann hat meine Mutter mich zum Gitarrenunterricht geschickt.

Und Ihre Leidenschaft entflammte? Mir hat das einfach unglaublich viel Spaß gemacht. Ich spielte stundenlang und meine Mutter musste mich wirklich von der Gitarre wegziehen. Mein Lehrer hat mich auch immer gelobt. Als Kind ist es ja enorm wichtig, Bestätigung zu bekommen. Einmal im Jahr gab es dann ein Konzert, bei dem ich singen durfte. Ich war natürlich wahnsinnig aufgeregt, aber fand das so toll, dass ich dachte das ist es. Ich muss es irgendwie schaffen, dass ich davon leben kann. Ich hätte aber nie gedacht, dass ich mal an diesem Punkt stehen würde.



Auf „Die Reise“ blicken Sie nun auf das Geschehene zurück: Sie zeichnen die Wege ihrer Clique nach, singen von ihrer Backpacker-Zeit in Australien, aber auch davon, was in den letzten zwei Jahren passiert ist. Woher die reflektierende Stimmung?Das stimmt, auf dem Album sind viele Rückblicke. In den letzten zwei Jahren ist viel passiert, aber wenig Privates. Deswegen habe ich mich zum einen damit auseinandergesetzt, was das ganze Reisen mit mir gemacht hat, aber darüber hinaus hatte ich auch noch Zeit, mir über vergangene Dinge Gedanken zu machen. So entstanden Songs wie „Australien“ oder „Die Reise“.

Sie sind ja im Oktober 30 geworden…Puh, ich tue mich noch etwas schwer damit.

Warum das? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass damit jede Jugendlichkeit weg ist. Mit 30 hatten die eigenen Eltern längst Kinder. Man steht mitten im Leben. Als ich neulich auf dem Oktoberfest war und jemand nach meinem Alter fragte, habe ich es das erste Mal ausgesprochen: Dreißig! Da ist mir bewusst geworden, welchen Weg ich schon hinter mir habe. 30 Jahre auf diesem Planeten, wow.

Was ja bedeutet, dass Sie noch mehr als die Hälfte vor sich haben. Im besten Fall, ja. Ich glaube als Mann wird man im Schnitt 78. Das Gute ist: Ich habe auf jeden Fall eine gewisse Grundentspanntheit, weil ich schon ein bisschen was erlebt hab. Ich hatte mal eine ganz besondere Mitfahrgelegenheit:  Ich war 17 oder 18 und bin nach Köln gefahren, um Straßenmusik zu machen. Ich fuhr bei diesem älteren Typen mit und der hat mir drei Stunden lang erzählt, wo er schon überall war und was er alles erlebt hat. Ab da wollte ich immer viel erleben. Und das, was in den letzten zehn Jahren passiert ist, von den Anfängen als Musiker in Mannheim bis zu dem Punkt, an dem ich heute stehe, reicht im Grunde für zehn Leben. Da könnte ich ein Buch drüber schreiben.

Stattdessen haben Sie einen Song geschrieben: „Wir waren hier“ handelt davon, dass Ihnen all das niemand mehr nehmen kann.Das ist die Kernbotschaft. Wer weiß, vielleicht ist das ganze ja nur von einer gewissen Dauer. Wenn ich im Februar auf Tour gehe, spiele ich in Hallen, von denen ich im Leben nicht gedacht hätte, dass ich sie mal vollkriege. Kann sein, dass das in zehn Jahren kein Schwein mehr interessiert. Deswegen versuche ich es so gu

In dem Song „Zuhause“ derweil wünschen sich, irgendwann der Junge zu sein, der ankommt. Wann ist man denn angekommen? Das ist eine gute Frage. Und was ist, wenn man angekommen ist, was macht man dann? Ist das nicht total langweilig? Ich glaube für viele bedeutet ankommen mit 65 endlich in Rente zu gehen. Aber was dann? Dann hängst du rum? Man kann doch vorher schon geile Sachen erleben. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es eher um ein partielles Ankommen geht. Zum Beispiel, wenn man mit dem Tretboot auf der Alster rumschippert. In solchen Momenten kann man kurz loslassen – und sich dann auf die nächste Reise machen. Ansonsten würde man ja stehenbleiben.

Max Giesinger persönlich

Glück bedeutet für mich…auf der Bühne zu stehen und damit hoffentlich andere Leute glücklich zu machen.

Zuhause fühle ich mich… mit den richtigen Leuten im richtigen Moment am richtigen Ort. Zum Beispiel auf der Berghütte mit meinem Vater und Bruder, so wie vor zwei Wochen. Da habe ich mich sehr wohl gefühlt, in der Sonne.

Der schönste Ort, an den ich bisher gereist bin… ist ganz klar die Südinsel von Neuseeland. Wanka und Queenstown. In Wanaka bin ich das erste Mal freiwillig auf einen Berg hochgelaufen. Bis dahin fand ich wandern immer total scheiße.

Wenn ich heute loslegen dürfte… würde ich noch mal nach Neuseeland fliegen. Ich war damals einen Monat mit dem Bus unterwegs und das war exorbitant geil. Es gibt aber viele Orte, die ich noch nicht kenne.

Hamburg ist… eine der schönsten Städte Deutschlands. Sehr weltoffen, mit einem tollen Vibe und großartigen Menschen. Dieses Klischee, dass die Norddeutschen kühl sind, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ich habe hier sehr nette Erfahrungen gemacht.
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Interview

Ex-Nationalspieler und DFB-Trainer Horst Hrubesch: „Bei Frauen bekommt man 100 Prozent“

Meinung – Manfred Ertel
Fußball fasziniert Horst Hrubesch (67) noch immer, auch wenn er sich zum 31. Dezember endgültig in den Ruhestand zurückzieht. Das wird schnell klar, als Manfred Ertel das ehemalige „Kopfballungeheuer“ des HSV zum Gespräch im Baumarkt seines langjährigen Freundes Horst Plambeck in Norderstedt trifft. Über seine „Mädels“ der Frauen-Nationalmannschaft spricht er mit Empathie und Leidenschaft, zu seinem Ex-Klub müssen die Antworten eher aus ihm herausgekitzelt werden.

Haben Sie eigentlich schon Ihre Angelausrüstung für den Ruhestand aus dem Keller geholt und entstaubt? Das brauche ich nicht, meine Angelausrüstungen sind immer entstaubt und gut in Schuss, egal woher ich komme.

Erschrecken Sie trotzdem manchmal noch ein bisschen bei dem Gedanken, dass jetzt endgültig Schluss mit dem Fußball sein soll und Sie alle Zeit für Ihre Hobbys haben? Nein, ich war ja innerlich darauf vorbereitet und habe das alles lange vorher gewusst. Irgendwann muss doch jeder für sich rausfinden, wann ist Schluss und macht man mal was anderes. Für mich kann Fußball im Leben ja noch nicht alles gewesen sein.

Warum gerade jetzt und nicht schon nach dem tollen Erfolg bei den Olympischen Spielen 2016 oder nach der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen im kommenden Jahr? Die Festlegung war eigentlich, nach Olympia ist Feierabend. Dann ist Anfang 2017 überraschend  DFB-Sportdirektor Hansi Flick zurückgetreten. Wir hatten beim DFB zu dem Zeitpunkt viele junge Trainer, sodass ich den Jungs gegenüber zumindest für eine Übergangsphase in der Verantwortung war. Das Gleiche ist dann noch mal passiert, als die Entscheidung getroffen wurde, mit der Bundestrainerin  für die Frauen, Steffi Jones, nicht mehr weiterzumachen. Daran war ich ja auch beteiligt. Dass der Übergang dann so erfolgreich wurde, darauf haben wir alle gehofft, aber man konnte es nicht ahnen. Deswegen gehe ich ohne Wehmut, es ist der richtige Zeitpunkt.

Nach 31 Jahren als Trainer von Männermannschaften haben Sie noch ein Dreivierteljahr bei den Frauen drangehängt. Wie war diese Erfahrung?Mädels kannte ich nur vom Handball her, das ist richtig. Aber vor Olympia hatten wir das Glück einer Zusammenkunft von Fußballmännern und -frauen. Und da waren die Mädels wirklich die entscheidenden Faktoren. Die hatten die Erfahrung und haben uns die richtigen Tipps gegeben, was kommt da auf uns zu, welche Gegebenheiten gibt es, die haben uns sehr geholfen. Deshalb war diese Verbindung eigentlich schon vorher gut und ich wusste, was auf mich zukommt. Aber einiges war natürlich auch Neuland. Ich musste mich mit ganz anderen Herausforderungen beschäftigen, auch körperlichen.

Was ist bei Frauen anders als bei Männern?Was mich überrascht hat, ist, dass man bei Frauen immer 100 Prozent bekommt. Von der Grundeinstellung her, wie sie vorbereitet sind, wie sie zum Training kommen, wie sie trainieren und dann auch spielen, die geben immer  alles. Ich musste sogar oft auf das Tempo drücken und sagen stopp, eine Stufe langsamer und ruhiger, damit nicht immer voll nach oben gefahren wurde.



Kümmern sich männliche Fußballprofis im Vergleich zu viel um Nebensächlichkeiten abseits des Platzes? Die Situation ist eine ganz andere. Viele Vereine mit Frauenteams bei uns werden praktisch noch amateurmäßig geführt, sodass die Spielerinnen selbst für sich verantwortlich sind. Ich hatte Mädels dabei, die sechs und acht Stunden täglich arbeiten und fünfmal die Woche trainieren. Dazu haben die Frauen als höchstes sportliches Ziel Olympia, deshalb haben wir viele Spielerinnen dabei, die vier Jahre lang darauf hinarbeiten und alles dafür tun. Im Profibereich der Männer ist alles kurzlebiger, du musst das nächste Spiel gewinnen, und dann kommt schon wieder das nächste. Die Frauen sind im Moment noch geerdeter, aber das wird ruckzuck gehen und sich verändern. Man sieht das in England, da haben schon alle großen Vereine professionelle Frauenmannschaften.

Wie wird das Leben von Opa Horst künftig ohne Ball aussehen, können Sie sich das tatsächlich vorstellen? Ich habe mir schon vor 20 Jahren die Frage gestellt, was kommt da noch, war das schon alles? Praktisch bin ich schon seit zwei Jahren Rentner und habe ständig irgendwo Termine  und muss immer springen, da will ich raus. Ich will selber bestimmen, was ich will. Ich weiß nicht, wie lange mein Faden noch hält, bevor er abgeschnitten wird. Neuseeland ist zum Beispiel ein Ziel, das wollten meine Frau und ich immer schon mal machen. Jetzt sind wir noch fit, es macht Sinn, das direkt zu verwirklichen. Nächstes Jahr geht es los.

Sie sind von den Hamburgern durch Ihre Erfolge mit und für den HSV praktisch eingemeindet worden. Welche Beziehung haben Sie zur Stadt? (lacht) Eigentlich nur eine in Superlativen, sportlich und auch menschlich. Was mich als Erstes fasziniert hat war, wie ich hier aufgenommen wurde. Beim zweiten oder dritten Training war Uwe Seeler da und hat zu mir gesagt, mach dir keine Sorgen, das packst du. Der „Dicke“ war immer einer meiner Förderer und Unterstützer, auch in der Zeit danach. Und ich bin dankbar dafür, dass ich so einen Menschen überhaupt kennengelernt habe.

Und die Stadt? Nach den fünf Jahren beim HSV war klar, dass wir familienmäßig nicht mehr zurückgehen, dass wir auf jeden Fall hier oben bleiben. Hamburg und wir waren einfach so fest zusammengewachsen. Ich liebe diese Stadt, das ganze Drum und Dran, ich habe hier viele Freunde gefunden, es macht immer wieder Spaß in der Stadt zu sein, auch die Kultur ist super. Was mich einzig etwas stört ist, dass wir nicht mehr Sportstadt sind. Wir spielen im Eishockey keine Rolle mehr, im Handball auch nicht, im Fußball sind inzwischen beide Vereine zweitklassig. Ich hätte auch gern gesehen, wenn die Olympia-Bewerbung durchgegangen wäre.



Tut Ihnen die Lage des HSV eigentlich weh, wenn Sie die negativen Schlagzeilen über die desolaten Finanzen und die Zweitklassigkeit lesen? Weh tut das nicht, man hat ja fünf Jahre um den Abstieg gebettelt. Deshalb konnte man sich  ja darauf vorbereiten und an die Situation gewöhnen. Die Frage ist jetzt, wann man wieder in die Bundesliga zurückkommt und was dann passiert. Denn der Kader wird so nicht reichen für die erste Liga. Ich würde mir wünschen, dass der HSV jetzt irgendwann mal in die Spur kommt und kontinuierliche Arbeit leistet. Nur weiß ich nicht, ob das mit dem Management, das im Moment verantwortlich ist, in die richtige Richtung geht.

Guter Rat würde dem Klub dringend gut tun. Können Sie sich noch irgendeine Art der Zusammenarbeit vorstellen? Nein, in dieser Form nicht. Ich habe in den ganzen Jahren immer nur mitgekriegt, dass ich gehandelt worden bin. Aber bis auf ein, zwei kurze Anfragen war das nie ein Thema, vor allem für mich nicht. Ich hatte ja einen Job und war nicht frei. Und es war nie von der Konstellation her so, dass ich hätte sagen können, es würde mich reizen. Für mich waren es nicht die richtigen Leute, nicht das richtige Umfeld, und deswegen war es auch nie ein richtiges Thema.

Sie haben 2014 mit anderen Ex-Spielern des HSV für eine Ausgliederung des Klubs in eine Kapitalgesellschaft geworben, mit der viele Versprechungen zum Beispiel von Investoren und dreistelligen Millionensummen verbunden waren, aber keines wahr wurde. Fühlen Sie sich missbraucht?Nein, es ging für mich in der Zeit darum, dass man die Ausgliederung hinkriegt, um den Verein lebensfähig zu halten. Für die Versprechungen kann ich nicht stehen, ich habe nicht mit Investoren gesprochen. Für mich ging es nur darum, dass der Fußball eigenständig wird. Wenn in den gesamten Sport von Volleyball bis Eishockey Geld reingesteckt wird, das normalerweise in den Profibereich gehört, kann der Verein irgendwann auf diesem Markt nicht mehr mitspielen. Meine Überlegung war, dass der Fußball wieder diese Vormachtstellung in Hamburg übernehmen muss und kontinuierlich international mitspielt.

Und dafür schießt Geld von Investoren die nötigen Tore? Jeder Verein muss finanziell beweglich sein und auch mal Transfers stemmen können wie international üblich, sonst hat er keine Chance. Durch den Abstieg ist die Lage für den HSV klar. Du wirst nur wieder nach oben kommen, wenn du den richtigen Weg gehst, die richtigen Leute holst, wenn du vor allem über die jungen Spieler kommst. Schalke hat‘s vorgemacht, Dortmund auch, die beide schon mal fast am Boden lagen. Ein Verein braucht Kontinuität und die haben wir in Hamburg leider nicht.

Bedauern Sie angesichts der Riesengehälter und Ablösen für Spieler manchmal, nicht 20 Jahre später Profi geworden zu sein? Nein, Geld war für mich nie der entscheidende Faktor. Ich habe gutes Geld verdient, keine Frage, aber es hat mich nie wirklich interessiert. Und was die Jungs heute verdienen eigentlich auch nicht. Mir geht es darum, dass der Sport weiterlebt, wie er eigentlich ist. Fußball ist einfach und simpel, jeder kann ihn spielen, und er hat eine Faszination. Ich hätte auch ohne Geld gespielt und habe das ja auch getan. Ich bin ja erst mit 24 Profi geworden und habe vorher bei den Amateuren gespielt. Ich würde die Zeit nicht tauschen wollen.  

Horst Hrubesch persönlich

Fische angeln ist für mich . . . die Erholung, die ich immer wieder brauche.

Fische essen . . . mag ich gern.

Das Leben auf dem Lande . . . ist meine Welt.

Bei der Erinnerung an alte Zeiten . . . möchte ich nichts davon eintauschen.

Wenn ich auf der Straße erkannt werde . . . geht‘s mir manchmal auf den Keks (lacht).

Mein Lieblingsplatz zum Abschalten . . . sind Flüsse, da ich im Wasser laufen und angeln kann und in der Natur bin.

Immer noch mal machen möchte ich . . . mehr reisen. Neuseeland ist ein Traum, Feuerland könnte ich mir auch gut vorstellen.
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Interview

Ex-Bahnchef Rüdiger Grube: „Ich vergesse nie, wo ich herkomme“

Meinung – Manfred Ertel
Rüdiger Grube (67) ist ein Überzeugungstäter. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) weiß, was er will und vor allem, warum. Das wird schnell klar, als Manfred Ertel ihn im Hotel „The Fontenay“ an der Außenalster zum Gespräch trifft. Und er sofort begeistert über sein aktuellstes Anliegen spricht, die Stiftung „Off Road Kids“, die in Hamburg und fünf anderen Städten mit „strenger Herzlichkeit“ Straßenkindern und jungen Obdachlosen hilft.

Sind Sie eigentlich ein Spätzünder? Wenn man meinen Lebenslauf anschaut, könnte man das denken, bin ich aber nicht. Die familiären Umstände haben mich erst relativ spät starten lassen.

Ist Ihr für Top-Manager ungewöhnlicher Bildungsweg eher ein Beleg für Ihren Ehrgeiz oder für die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems? Für beides. Als ich fünf Jahre alt war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Meine Mutter hat dann immer darauf geachtet, dass mein Bruder und ich alles gleich hatten, Pullover, die Farbe der Hose, die Pudelmütze. Aber mein Bruder, der sehr viel intelligenter ist als ich, hatte damals durch die Trennung meiner Eltern einen Sprachfehler und konnte keine höhere Schule besuchen. Deshalb durfte ich auch nicht zur höheren Schule gehen. Ich habe mich letztlich gegen den Willen meiner Mutter mit 16 selbst auf der Realschule angemeldet, und dann alles mit viel Ehrgeiz und einem durchlässigen System nachgeholt.

Was hat Sie angetrieben, diesen Umweg bis zum Ziel zu gehen? Ich hatte als Zehnjähriger mal ein Erlebnis, das nagte wie ein Stachel unter meiner Haut. Wir mussten bei einer Tante übernachten, weil meine Mutter im Krankenhaus lag. Die Tante fragte morgens am Frühstückstisch, was wir mal werden wollten, und ich sagte wie aus der Pistole geschossen: Pilot. Sie hat mich schallend ausgelacht und gesagt, du schaffst doch gar kein Abitur. Heute schmunzele ich darüber, damals hat mir das sehr wehgetan. Das war einer der ganz entscheidenden Antriebe.

Was können heute junge Menschen von Ihrem Bildungsweg lernen? Nie aufzugeben und sich mit Winston Churchill zu beschäftigen: Wenn man erfolgreich sein will im Leben, muss man einmal mehr aufstehen als man hingefallen ist. Für mich beginnt Siegen im Kopf und Erfolg ist kein Schicksal.

Wie fühlen Sie sich gut anderthalb Jahre nach ihrem Ausscheiden bei der Bahn, sind Sie im Ruhestand angekommen oder noch im Abklingbecken? Mit Sicherheit bin ich nicht im Ruhestand angekommen. Aber der Stress ist ein völlig anderer, weil ich mich ausschließlich auf Themen fokussieren kann, die mir Spaß machen. Was Spaß macht, macht man gern. Und was man gern macht, macht man auch gut.

Können Sie nicht loslassen? Ein Leben nur mit Freizeit ist nicht mein Leben. Das hängt sicherlich mit meiner beruflichen Sozialisation zusammen, dass ich immer kämpfen musste, immer ziemlich mit Speed unterwegs war. Das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, das ist mein Zuhause. Ich fühl’ mich glücklicherweise gesund und für mich ist das der richtige Weg. Und außerdem habe ich eine recht junge Frau, die auch sehr aktiv ist, und wenn man auf Augenhöhe wahrgenommen werden möchte, muss man sich selbst auch attraktiv und interessant halten. Von nichts kommt nichts.

Ärgern Sie sich als Fahrgast eigentlich genauso häufig über die Deutsche Bahn wie viele andere Passagiere? Ich ärgere mich nicht, ich schäme mich, wenn ich teilweise die schlechten Leistungen erlebe, ich habe schließlich acht Jahre dort die Verantwortung gehabt. Ich fahre fast jeden Tag mit dem Zug oder fliege irgendwo hin, beides tut sich nicht viel, auch Flugzeuge kommen zu spät, und beides ist nicht gut.



Aber verstehen Sie, warum Züge schon beim Einsetzen in Hamburg Verspätung haben, die Zugreihung oft nicht stimmt oder Speisewagen schon frühmorgens nicht betriebsbereit sind? Nein, der Kunde braucht das auch nicht zu verstehen. Es muss der Anreiz sein für das Management, dass wir dort wirklich besser werden. Ich will aber auch nicht die Leistungen schmälern, die Bahn und auch Fluggesellschaften täglich bringen. Wenn man bedenkt, dass die Bahn täglich 37000 Züge plus 6000 Güterzüge bewegt und 7,5 Millionen Menschen befördert. Manche Ursachen kommen ja auch von außen wie kürzlich das Drahtseil, das über die Gleise gespannt war. Aber ich will gar nichts gesundbeten. Die Bahn hat viele Herausforderungen zu meistern. Doch dafür sind jetzt andere verantwortlich.

Was fühlen Sie, wenn Sie heute durch ihren Geburtsort  Moorburg fahren? Das macht mich auf der einen Seite sehr traurig, weil ich den Ort  als Kind als blühendes grünes Dorf umgeben von Apfel- und Kirschplantagen erlebt habe. Wenn man heute durch Moorburg fährt, dann ist da zwar wieder etwas entstanden, weil die Hafenerweiterung doch nicht so schnell realisiert werden konnte, wie man das damals vorhatte. Aber Moorburg ist nicht mehr Moorburg. Der Ort wirkt verlassen, verkommen. Es ist offen gesprochen nicht mehr meine Heimat.

Ihre Familie galt immer als überzeugte Anhänger der Sozialdemokratie. Was empfinden Sie beim heutigen Zustand der SPD? Ich bin nie in der Partei gewesen, aber ich habe ein großes Herz für Menschen, die schwer arbeiten müssen, die morgens früh aufstehen und mit wenig Geld ihr Leben bestreiten müssen. Weil ich selbst aus so einer Welt komme und nie vergessen habe, wenn ich morgens um zehn aus der Schule kam und meine Mutter kein Geld hatte, um was zu essen zu kaufen. Ich möchte nie vergessen, wo ich herkomme und etwas für Menschen tun, die auf Unterstützung angewiesen sind. Der Zustand der SPD macht mich nicht nur traurig, sondern fast ärgerlich.

Weil die Wahl- und Umfrageergebnisse für die Sozialdemokraten nicht gerecht sind? Weil ich finde, dass die Sozialdemokraten gute Politik gemacht haben und auch immer noch machen, und sich das in den Wahlergebnissen nicht widerspiegelt. Man muss sicher differenzieren, Bayern ist anders zu sehen als Hamburg. Aber ich finde, dass die SPD in Hamburg eine sehr gute Arbeit gemacht hat und auch noch macht. Und ich kann nur alle Daumen drücken, dass wir in Hamburg auch weiterhin so stabile politische Verhältnisse haben werden.

Hätten Sie gerne über einen Wechsel in die Politik nachgedacht? Das reizt schon ein bisschen (lacht). Und es hat mich geehrt, dass ich in Hamburg gefragt worden bin, als ein neuer Wirtschaftssenator gesucht wurde. Aber es gibt ein altes Sprichwort: Schuster, bleib bei deinem Leisten.

Was läuft falsch in der Politik, dass politische Arbeit so wenig gewürdigt wird, wie es derzeit den Altparteien widerfährt? Das muss man differenzieren. Aber ganz allgemein muss man wohl sagen, dass die Menschen sich durch viele, die in der Politik tätig sind, nicht mehr vertreten fühlen, die sind für viele Menschen nicht mehr als Vorbild wahrnehmbar. Und es fehlt an Führung. Man muss als Politiker am Puls der Wähler sein, das fehlt häufig.

Kann ausgerechnet der Aufsichtsratsvorsitzende einer durchaus zweifelhaften Fondsgesellschaft wie Blackrock, Friedrich Merz, das Symbol für politische Erneuerung der Kanzlerpartei CDU sein? Ich kenne Friedrich Merz sehr gut, wir sind gut befreundet und sein Leben ist sicher nicht nur das von Blackrock. Der Mann hat große Stärken, der Mann kann führen, hat Visionen, er ist hochintelligent. Merz  ist allemal ein Kandidat, dem ich das zutraue. Ich kenne aber auch Annegret Kramp-Karrenbauer sehr gut, habe sie als Ministerpräsidentin des Saarlandes regelmäßig getroffen. Ich habe vor ihr großen Respekt und war immer tief beeindruckt von ihrer Professionalität, dem Ehrgeiz und der Verbindlichkeit, Ich kann mir auch sie gut als CDU-Vorsitzende vorstellen. Wen ich mir nicht vorstellen kann ist Herr Spahn.

Warum nicht?Er hat keine ausreichende Erfahrung, aber immer, mit Verlaub,  ‘ne große Klappe. Mein Typ von Politiker ist er nicht.

Muss man als Ex-Politiker, der 16 Jahre draußen ist und sich so dem großen Geld verschrieben hat wie Merz, nicht mal akzeptieren, dass seine Zeit vorbei ist? Gehen Sie nicht davon aus, dass Friedrich Merz die Politik jemals gedanklich verlassen hat. Ich bin immer überrascht gewesen, wie tief er noch in den Themen drin steckt. Aber er hat sehr klug akzeptiert, dass Merkel die Bundeskanzlerin ist und sich vernünftigerweise entschieden, sich nicht tagtäglich in der Fraktion mit der Kanzlerin anzulegen. Jetzt geht es darum, eine neue Dekade vorzubereiten. Da ist er sicher jemand, der neue Impulse setzen kann, Deshalb sind meine beiden Kandidaten Kramp-Karrenbauer und Merz.

Rüdiger Grube persönlich

Abschalten kann ich am besten  . . . mit meiner Frau. Und beim Joggen.

Wirklich zur Ruhe setzen werde ich mich  . . . nie.

Gerne noch machen würde ich  . . . noch mehr für obdachlose Jugendliche und Obdachlose mit Hunden, weil die Tiere oft ihre einzigen Begleiter sind. Dafür würde ich gern noch mehr Zeit haben.

Heimat ist für mich  . . . .Hamburg. Ich bin im Hafen groß geworden, meine Eltern und meine Familie hatten und haben immer noch auf dem Großmarkt einen Obst- und Gemüsehandel. Wir haben Schiffe immer mit Proviant versorgt, und ich bin als Hamburger Buttje immer dabei gewesen.

Mein Lieblingsplatz ist  . . . am Elbstrand auf Höhe der „Strandperle“: Geradeaus gegenüber schaue ich auf Moorburg und die Harburger Berge, nach rechts sehe ich Airbus, wo ich meine berufliche Erstausbildung hatte und meine Karriere begann, und nach links schaue ich auf den Burchardkai der HHLA in den Hafen. Dieses Dreieck ist für mich wie eine Sternstunde.

An Hamburg ärgert mich  . . . die lange Diskussion um die Elbvertiefung. Die brauchen wir absolut, für das Image der Stadt und ihre Wirtschaftskraft.
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NDR-Intendant

Lutz Marmor im Interview: „Ich bin der Möglichmacher“

Meinung – Barbara Glosemeyer und Markus Lorenz
Die Ergebnisse seiner Arbeit haben wir täglich in Ohren und Augen. Lutz Marmor (64) ist seit einem Jahrzehnt Intendant des NDR. Ein Gespräch mit Barbara Glosemeyer und Markus Lorenz über den Job als Medienmanager.

Herr Marmor, wie viele Stunden am Tag sehen Sie fern oder hören Sie Radio? Zu wenig, aber doch regelmäßig. Radio höre ich im Auto immer...

...immer NDR? Ehrlich? Ja. Und auch gern. Wenn ich in die Länder des NDR fahre, dann höre ich die jeweiligen Landesprogramme, um mich zu informieren. Also NDR 1 Welle Nord in Schleswig-Holstein, NDR 1 Niedersachsen und NDR 1 Radio MV. 

Im Urlaub schalten Sie dann ab? Nein, auch dann nicht. Ich habe schon immer leidenschaftlich gern Radio gehört und ferngesehen und versuche das wie ein normaler Konsument zu tun, nicht wie ein Intendant.

Das gelingt? Fast immer. Nur in Einzelfällen denke ich schon mal: „Huch, was war denn das?“ – zum Beispiel, wenn der Genitiv fehlt. Aber ich rufe dann nicht sofort in den Redaktionen an, sondern bespreche das später behutsam. In der Regel machen die Kolleginnen und Kollegen ihre Sache nämlich gut, da habe ich Vertrauen.

Was ist Ihre Hauptbeschäftigung am Tag? Das werde ich oft gefragt. Ich kann das nicht einfach beantworten, weil die Tätigkeit so vielfältig ist. Aber ich glaube, die Hauptbeschäftigung ist Kommunikation nach innen und außen. Das bedeutet viele Termine mit Gesprächen und Konferenzen, natürlich dann auch Entscheidungen.

Haben Sie ein Lieblingsformat im NDR? Ach, wenn ich das verrate, dann fühlen sich etliche Kolleginnen und Kollegen zurückgesetzt. Ich bin wirklich jemand, der fast alle Genres gern sieht und hört. Ich sehe zum Beispiel immer sonntags den „Tatort“, wenn’s geht. „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ sehe ich aus politischem Interesse, aber auch die NDR-Landesprogramme, „Extra 3“, „Inas Nacht“, Sport und vieles andere.



Worüber beschweren sich Hörer und Zuseher am häufigsten? Die meisten Zuschriften gibt es zur „Tagesschau“ und zwar inzwischen über Social Media. Sobald wir beispielsweise über Russland, die Ukraine oder Syrien berichten, kommt auch viel negatives Feedback. Das müssen wir aushalten.

Gibt’s auch Lob? Ja, sogar mehr als Kritik. Ich gehe oft zu Veranstaltungen, bei denen unser Publikum Lob, aber auch Negatives äußert. Laut Umfragen sagen vier von fünf Norddeutschen übrigens: „Wir vertrauen dem NDR“. Das ist sehr schön. 

Kein Ärger über die Zwangsgebühren? Den Begriff mag ich nicht, ich sage lieber Rundfunkbeitrag. Ehrlich: Mich hat auf Veranstaltungen noch keiner angesprochen und gefragt: „Warum muss ich den Rundfunkbeitrag zahlen?“.  

Falls doch, wie begründen Sie 17,50 Euro Beitrag im Monat? Für unter 60 Cent pro Tag gibt es ein wirklich breites Medienangebot, vom Ersten über das ZDF, die Dritten ARD-Programme, die NDR-Radioprogramme, Deutschlandradio, Phoenix, Kika bis ARTE. Das kann nicht anders finanziert werden als über einen Rundfunkbeitrag. Ich komme selber aus einem Arbeiterviertel in Köln und weiß, dass Geld knapp sein kann. Das ist ein Antrieb, das Programm so gut wie möglich zu machen.

Wie stellen Sie sich in Zukunft auf die Internetkonkurrenz von Netflix, Youtube, Apple TV und andere ein? Darauf stellen wir uns schon in der Gegenwart ein. Wir sind in dieser Hinsicht gespannt-gelassen. Wir Öffentlich-Rechtlichen haben ein starkes Informationsprofil, anders als Netflix und die anderen. Deshalb ist die Fernsehnutzung bei uns noch sehr stabil. Aber das ist kein Grund, sich auszuruhen.

Netflix tritt mit großen Etats an. Können Sie gegenhalten? Das ist ein Grund zur Sorge, weil Netflix möglicherweise die größten Talente wegkauft, Schauspieler, Regisseure und andere. Wir müssen uns fragen, wie wir weiterhin gute Leute bekommen.

Und die Antwort?Die Serie „Babylon Berlin“ ist der Versuch einer solchen Antwort auf diesem Niveau. Die Serie läuft sehr erfolgreich. Das ist teuer, aber wir sind sehr zufrieden, das Konzept geht auf.

ARD und ZDF geben viel Geld für Sport-Rechte aus, der NDR ist federführend für Olympia. Sind die Milliardenkosten zu rechtfertigen? Wir können und werden im Wettbieten mit milliardenschweren Unternehmen um Sportrechte nicht jeden Preis zahlen. Aber wir kämpfen im Interesse unserer Zuschauer darum, weiterhin möglichst viele Übertragungen zu bekommen. Ich glaube, dass es die Menschen bedauern, wenn etwa die Champions League nicht mehr im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen ist. Aber die Ausgaben müssen im Rahmen unserer Budgets bleiben. So wie bei den Rechten für Olympia, bei denen wir zunächst ausgestiegen waren, nun aber bei den nächsten Spielen wieder über die ganze Rechtepalette verfügen.

Sie haben als NDR-Intendant keine journalistische Ausbildung. Wie geht das? Ich bin als Intendant ein Generalmanager und auch Außenrepräsentant. Ich nenne das gern den Möglichmacher. Ich habe Betriebswirtschaft studiert, und an der Uni hat man mir immer gesagt, ich sei zu journalistisch. Ich denke außerdem, dass ich gut mit Sprache umgehen kann. Insofern passt das.

Welche drei Eigenschaften braucht ein Intendant? Erstens muss er für das Programm brennen. Zweitens den Redaktionen Freiheit ermöglichen und lassen. Und drittens muss ein Intendant kommunikativ und entscheidungsstark sein.

Sollten Öffentlich-Rechtliche Sender wie der NDR in gesellschaftlichen Debatten nicht mehr Haltung zeigen? Wir haben eine Haltung auf Basis des Grundgesetzes. Wir stehen für Werte wie Gerechtigkeit, Meinungs- und Pressefreiheit sowie Rechtsstaatlichkeit. Wir fühlen uns als Demokratie-Verteidiger, ich nenne als Beispiel für viele nur Anja Reschke. Aber wir machen nicht die ganze Zeit Haltungsjournalismus. Wir müssen zunächst einmal Fakten berichten. 

Sind Sie ein Kumpeltyp? Ich mag Menschen und rede gern mit ihnen, übrigens unterschiedslos, ob sie oben in der Hierarchie stehen oder nicht. Kumpel ist aber der falsche Begriff. Ich muss am Ende auch einmal Entscheidungen treffen, die wehtun. Ich versuche fair mit allen umzugehen und Entscheidungen zu erklären.

Ist es der Rheinländer in Ihnen, der gern unter Leute geht? Ja. Wenn Sie als Intendant nicht gern mit Menschen zu tun haben, dann werden Sie leiden. Der Intendant ist eine Art Gesicht des Senders. Er muss sich zeigen.

Fehlt Ihnen als Kölner etwas in Hamburg? Nein. Ich finde, Hamburg ist eine wunderschöne, offene Stadt, da kann ich richtig ins Schwärmen geraten. Ich mag die Leute und die Internationalität der Stadt.

Sie sind seit 2008 NDR-Intendant. Was war Ihr größter Erfolg?Dass der NDR heute so gut bei den Menschen dasteht. Aber das ist eine Leistung des Teams. Als Einzelerfolg werde ich den ESC-Sieg mit Lena 2010 nicht vergessen. Ich habe damals mit unserem Unterhaltungschef Thomas Schreiber beim Rest der ARD durchgekämpft, dass es erstmals eine Zusammenarbeit mit Stefan Raab und Pro7 gab.

Ihr größter Fehler? Auch ESC, die Nominierung von Xavier Naidoo  2015. Ich habe die Wirkung unterschätzt, die ein Auftritt von ihm auf internationaler Bühne gehabt hätte.

Ihr Vertrag läuft bis Anfang 2020. Machen Sie weiter? Schau‘n wir mal, das überlege ich mir rechtzeitig. Bis 2020 ist ja noch Zeit. Ich mache meine Arbeit jedenfalls sehr gern und fühle mich fit. Letztlich ist die Wahl des Intendanten oder der Intendantin vornehmste Aufgabe der Gremien.

Welches große Projekt wollen Sie noch umsetzen? Wir sind mitten auf dem Weg zur trimedialen Nachrichten-Erstellung, also gemeinsam für Hörfunk, Fernsehen und online, um die  Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Das ist nicht trivial, dafür müssen viele Mitarbeiter von der Rothenbaumchaussee nach Lokstedt umziehen. Zugleich bauen wir ein neues Redaktionsgebäude für die „Tagesschau“ in Lokstedt. Das ist auch ein klares Bekenntnis der ARD zum Standort Hamburg für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“.

Lutz Marmor persönlich

Das Beste am Norden ist ... der NDR und vor allem die Norddeutschen.

Das Zweitbeste … weite Blicke, viel Wasser, besonders schönes Licht.

HSV oder St. Pauli? … der 1. FC Köln.

„Panorama“ oder „Neues aus Büttenwarder“? ...beides!

Wenn ich mal richtig frustriert bin, gucke/höre ich am liebsten ... richtig frustiert bin ich eigentlich nie.

Glücklich macht mich ... Freiheit und Liebe.

Peinlich ist mir ... wenn ich jemandem Unrecht getan habe.

Mein Laster ... Curry-Wurst, auch in der Senderkantine.

Hanseatisch ist ... verlässlich, klar und verbindlich zu sein.

Meine Stärke ... auf Menschen zuzugehen.

Meine Schwäche ... manchmal bin ich zu ungeduldig.
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Interview

Model Mario Galla: „Es herrscht enormer Konkurrenzdruck“

Meinung – Volker Stahl
Mario Galla wählt das Abaton Bistro im Hamburger Grindelviertel als Treffpunkt. Nur einen Steinwurf entfernt wurde er in einem Imbiss entdeckt. Heute ist der Medienwissenschaftler auf den Laufstegen in Paris, Mailand und Berlin zu Hause. Bei einem Latte macchiato erzählte der blonde und blauäugige Siegfried unserem Mitarbeiter Volker Stahl von seiner Achillesferse – seinem zehn Zentimeter verkürzten rechten Bein. Galla ist das einzige berühmte Model mit einer so starken Behinderung.

Mario Galla. Hört sich an wie ein Künstlername.Nein, nein. Der ist echt.

Wo kommt er her?Weiß ich auch nicht. Ich habe jedenfalls keine italienischen Wurzeln. Geboren bin ich in Rotenburg an der Wümme, meine Familie stammt ursprünglich aus Hamburg. An der Uni hatte ich verschiedene Recherchetechniken erlernt, die mir bisher auch nicht weiter geholfen haben. Bitte sagen Sie den Lesern des Pinneberger Tageblatts, dass ich für jeden Hinweis auf meinen Familiennamen dankbar bin.

Ist hiermit geschehen. Sie sind aber nicht wegen Ihres Nachnamens eine kleine Berühmtheit geworden, sondern als „Model mit der Prothese“. Nervt Sie das?Das ist nun mal das, was mich auszeichnet. Die Behinderung ist ein Teil von mir und die Story, die hinter mir steht. Das ist völlig okay, denn sonst würde es ja auch keinen Grund dafür geben, über mich in diesem Ausmaß zu berichten.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie anders sind als die anderen?Da gab es keinen besonderen Moment. Mein zehn Zentimeter kürzeres Bein war immer da. Ich habe es von Anfang an akzeptiert. Außerdem wurde ich sehr selbstbewusst erzogen. Niemand hat besondere Rücksicht auf mich genommen. Klar, es gab auch Probleme. Ich lernte erst sehr spät Fahrrad fahren, weil ich rechts ein anderes Gefühl und Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht habe. Aber das machte mich nicht zum Außenseiter. Ich war immer sehr gut integriert und habe einen sehr engen Freundeskreis. Der hat sich immer für mich stark gemacht, dumme Sprüche wurden so im Keim erstickt.

Erklärt sich der lockere Umgang mit dem Handicap dadurch, dass es angeboren ist?Ja, ich kenne das nicht anders. Für mich ist das normal. Ich bin auch nie gehänselt worden und hatte im Sport von der ersten Klasse bis zum Abitur immer eine Eins.

Fußballspielen mit Prothese – geht das überhaupt?Weder mit der Technik noch der Schnelligkeit habe ich ein Problem. Beim Sprint war ich nie der Langsamste. Ich kann dribbeln, beherrsche den berühmten Jay-Jay-Okocha-Trick und wurde sogar als Torwart eingesetzt. Jede Position habe ich gut ausgefüllt. Während meiner langjährigen Vereinsmitgliedschaft beim Eimsbütteler TV gehörte ich in der Jugend immer zur Stammmannschaft. Auch Snowboard fahren und Wasserski sind keine Hürden. Später spielte ich auf der Leistungsebene Basketball. Das ständige Training war mir aber dann zu stressig. Deshalb habe ich damit aufgehört.

Welche Rolle hat die Prothese bei Ihrer Entdeckung als Model gespielt?Keine. Ich bin vor neun Jahren in der Nähe meiner damaligen Wohnung im Hamburger Grindelviertel in einem philippinischen Imbiss angesprochen worden. Der Wirt, der früher in der Branche tätig war, fragte mich, ob ich schon mal was mit Modeln zu tun hatte, was ich verneinte. Ich war sehr skeptisch und dachte, dass mein Aussehen nicht reiche, um als Model arbeiten zu können. Trotzdem hinterlegte ich meine Nummer. Zwei Tage später meldete sich die Agentur.

Wie verlief die Vorstellung?Ich wurde ganz normal mit einigen anderen gecastet. Ein Fotograf machte Polaroids, um zu sehen, wie ich vor der Kamera wirke. Für Oberkörperaufnahmen musste ich mein Shirt  ausziehen. Da dachte ich: Wenn du auch die Hose ausziehen musst, kommt es sowieso raus. Deshalb sprach ich mein Handicap an.

War das nicht vielleicht sogar ein kleiner Wettbewerbsvorteil gegenüber den anderen, weil Du etwas Besonderes bist?Nein, es gab vorher keine Agentur mit jemanden wie mich in der Kartei. Es gibt zwar Kollegen mit markanten Narben, aber nicht mit großen körperlichen Einschränkungen. Narben gehen noch als Markenzeichen durch, mit einem verkürzten Bein hast du eigentlich ein Problem. Und die Agentur auch. Behinderte Modelle sind mir außer der Ex-Frau von Paul McCartney nicht bekannt. Und die braucht heute nicht mehr zu arbeiten, weil sie eine Millionen-Abfindung erhalten hat.

Sie haben sich trotzdem durchgesetzt. Warum?Das weiß ich nicht genau. Zur damaligen Zeit war mein Look aber groß gefragt: blonde Haare, blaue Augen und eine gewisse Strenge – das typisch Deutsche eben. Meine krass blonden Haare waren vielleicht ein Vorteil.

Wenn man Sie googelt, stößt man auf einen Prothesen-Hersteller. Würden Sie für den werben?Früher hätte ich „nein“ gesagt, heute halte ich das aber nicht mehr für ausgeschlossen. Man muss aber auf sein Image aufpassen. Wenn in Zukunft nur noch derartige Anfragen kämen, wäre es ein Fehler. Aber das ist bisher nicht der Fall. Deshalb wäre so ein Job sogar ganz witzig.

Fürchten Sie, auf das Handicap reduziert zu werden?Am Anfang war das schon der Fall. Mittlerweile ist es mir egal. Außerdem habe ich ja immer noch hauptsächlich Jobs, für die ich wegen des Gesichts gebucht werde, das meine Auftraggeber haben wollen.

Was haben Sie empfunden, als Sie am 22. Juni 2008  zum ersten Mal über den Laufsteg marschiert ...… gehumpelt ...

… sind. Wie war das? Ich war so aufgeregt, dass ich meine Beine nicht mehr spürte. Ich dachte: Du hast sowieso einen schlechten Gang und jetzt schlottern dir auch noch die Knie. Dieses Gefühl kannte ich nicht einmal von der Führerscheinprüfung. Links und Rechts war ein riesige Kamera-Front aufgebaut, dazu die vielen Leute, die auf mich starrten. Als der Adrenalinstoß abebbte und alles vorbei war, stellte sich bei mir das Gefühl der Genugtuung ein.

War das Engagement ein Schritt in eine neue Welt?Ja, das kann man so sagen. Der Auftritt für Boss in Metzingen bei Stuttgart fand noch an einem Sonntag während meiner kaufmännischen Ausbildung beim NDR statt. Die After-Show-Party und das ganze Drumherum konnte ich aber gar nicht genießen, weil ich am Montag wieder im Büro sitzen musste. Deshalb buchte ich den ersten möglichen Flug zurück nach Hamburg. Am nächsten Morgen saß ich dann noch ganz perplex im Büro, weil ich das Erlebte erst verarbeiten musste. Ich fragte mich: Was habe da gerade gemacht? Ich war am Tag zuvor mit den Top-Models der Welt zusammen. Und so haben die sich übrigens untereinander auch unterhalten: Ich komm gerade aus Paris und hab die und die Show gemacht, und so. Und ich saß wieder in Hamburg-Lokstedt und musste erst mal zurück in meine alte Welt switchen.

Klingt nicht so, als seien Sie begeistert von den Kollegen auf dem Laufsteg.Es gibt in dieser Szene einige Rockstars, arrogante Personen, die denken sie seien etwas Besonderes. Die meisten hängen an ihren Handys, telefonieren wichtig mit ihren Agenten. Manche steigen mit 17 ein und haben einen riesigen Erfolg, der ihnen dann zu Kopf steigt. Letztendlich ist der Job eine Frage des Charakters. Es gibt aber auch Ausnahmen. Ich habe Kollegen aus Holland, die sehr hilfsbereit sind und die ich als Freunde bezeichnen würde.

Models gelten als eitel, oberflächig und zickig – wie kommen in dieser Szene klar?Manchmal ist es schon nervig, wenn man im Ausland mit zehn anderen Leuten in einer WG zusammen wohnt und die sind nur am kiffen, saufen oder Party machen. Dann ziehe ich mich mit den Leuten zurück, die nicht so auf High Life stehen. Ein größeres Problem sind aber manche Auftraggeber, die einen extrem spüren lassen, dass man für sie nur eine Nummer ist.

Wie stark ist der Konkurrenzdruck?Bei Männern ist er nicht ganz so stark ausgeprägt wie bei Frauen. Es gibt einfach viel mehr weibliche Models, die sich um die Jobs reißen. Bei fashion weeks ist es besonders schlimm. Dann sind 2.500 männliche Models in der Stadt. Die wenigen berühmten Models haben ihren Job meist in der Tasche, die dann noch freien fünf bis zehn Jobs sind hart umkämpft. Es herrscht ein enormer Zeit- und Konkurrenzdruck. Besonders bei 37 Grad im Schatten sind die Gemüter erhitzt. Es gibt viele Jungs mit harten Ellenbogen. Ich habe sogar schon Rangeleien erlebt. Manchmal hilft aber auch das Glück. Einmal war ich in Mailand der einzige Blonde unter lauter Latinos. Da konnte ich alle Jobs abgreifen.

Sagen Sie auch mal „nein“?Echt-Pelz würde ich nicht tragen. Das wäre mit meinem Gewissen nicht vereinbar. Ich bin Tierfreund und kann der Pelz-Industrie nichts abgewinnen.

Sind Sie schon in Gewissensnöte geraten?Als ich einmal in Frankreich im Urlaub war, bekam ich von meiner Agentur das Angebot, für ein hochwertiges Magazin in Paris Fotos zu machen. Als ich total abgehetzt in Studio ankam, sagten die: So jetzt bekommst du schön Schmuck umgehängt und dann einen Pelz. Ich dachte nur: Oh, sch… Geiles Magazin, du hast einen ganzen Tag deines Urlaubs geopfert und nun kannst du den Job nicht machen. Glücklicherweise haben wir einen Kompromiss gefunden: Kunstpelz. Seitdem achte ich darauf, dass auf meiner Karteikarte „no fur“ steht.

Würden sie für Tierrechtsorganisationen posieren? Ich habe für PETA eine Kampagne gegen Fallenfang gemacht. Neben meinem Foto stand die Aussage: „Pelztiere in Fallen können nicht auf Prothesen zurück greifen, sie sterben entweder direkt oder überleben mit schwer verletzten Gliedmaßen.“ Ich lehne Pelz grundsätzlich ab und hoffe, dass sich dies auch in der gesamten Modebranche durchsetzt!

Wie reagierten Ihre Eltern und Freunde auf das Modeln? Am Anfang waren meine Eltern skeptisch und belächelten das. Als die ersten Aufträge kamen, hieß es dann: Welches Magazin muss ich kaufen? Sie fanden die Geschichte plötzlich aufregend, waren stolz und fieberten mit mir mit. Einmal rief mich ein Freund aus London an und sagte: Ich habe dich im Easy-Jet-Magazin gesehen. Das macht schon Spaß. Auch wenn man eine Zeitschrift durchblättert und sich in einer Anzeige entdeckt. Das ist schon ein cooles Gefühl! Meine Frau, mit der ich seit zwei Jahren verheiratet bin, kommt glücklicherweise nicht aus der Branche, worüber ich sehr froh bin. Als wir uns vor sechs Jahren trafen, kannte sie mich nicht. Sie findet meinen Job okay und freut sich mit, wenn ich einen guten Auftrag an Land ziehe.

Haben Sie noch einen Zweitjob?Ja klar, ich hatte immer einen Plan B. Nach meiner kaufmännischen Ausbildung beim NDR habe dort gejobbt und Medien und Information studiert. Seit zwei Jahren arbeite ich als Teilzeitbeschäftigter in der Marketingabteilung der Wochenzeitung DIE ZEIT. Fürs Modeln werde ich, falls erforderlich, freigestellt. Das wird von dem Team, in dem ich arbeite, akzeptiert und aufgefangen.

Was machen Sie dort?Ich denke mir Kampagnen aus, um Abonnenten über Social-Media-Portale wie facebook, Instagram und Twitter zu gewinnen.

Welchen familiären Hintergrund haben Sie eigentlich?Meine Mutter ist Drogenfahnderin bei der Hamburger Polizei und mein Vater arbeitet als Industriemechaniker im Hafen.

Also Menschen, die mitten im Leben stehen und bürgerliche Berufe ausüben. Wollten Sie deshalb ursprünglich Kommissar werden?Der Polizeiberuf hat mich früher fasziniert. Heute bin ich froh, dass ich diesen Weg wegen des Schreibkrams nicht eingeschlagen habe. Sonst müsste ich heute tausend Protokolle schreiben. Aber ich durfte ja auch nicht, von daher hatte sich das von selbst erledigt.

Man hat Sie nicht genommen?Eine absurde Geschichte. Ich wurde wegen meines Beins nicht einmal zur Sportprüfung zugelassen. Ich hatte denen am Telefon erzählt, dass ich mich auf den Test gewissenhaft vorbereiten und ihn sicher bestehen würde. Aber es gibt irgendwelche Paragrafen, die mein Handicap als chronisches Leiden definieren und eine Einstellung von Menschen wie mir unmöglich machen. Das ist doch idiotisch, wenn man daran denkt, dass manche Polizisten mit einer riesigen Wampe herumlaufen.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?Ich modele, so lange Jobs rein kommen. Momentan ist die Auftragslage so gut wie nie.

Wir werden Sie also eines Tages als Mario Silver erleben?Warum nicht. Ich kann mir gut vorstellen, noch vor der Kamera zu stehen, wenn ich alt und grau bin. (lacht)

Mario Galla persönlich

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist … es gibt zu viele.

Und weltweit … überall wo es nette Menschen und Sonne gibt.

Ich wollte längst mal wieder … ein Buch lesen.

Ich möchte in meinem Leben nicht verzichten auf … meine Frau und meinen Hund.

Ich kann mich ärgern über … die deutsche Autolobby und wie sie zusammen mit der Politik die Verbraucher für dumm verkauft.

Luxus ist … Gesundheit und Zufriedenheit.

Sorge in diesem Land bereitet mir … die vielen rechten Vollpfosten.

Nichts verachte ich mehr als ... Intoleranz und Engstirnigkeit.
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Interview

Mit Hüftschwung und Haltung

Meinung – Nadine Wenzlick
Schon als Teenager träumte Aki Bosse davon, eines Tages mal mit der Musik sein Geld zu verdienen. Inzwischen gehört der 38-Jährige zu den erfolgreichsten Sängern Deutschlands: Mit seinem letzten Album „Engtanz“ erreichte er 2016 die Spitze der deutschen Charts. Weil die opulenten Songs textlich so düster waren, wollte  er  auf seinem siebten Album nun bewusst etwas Leichteres schaffen. Etwas, zu dem man die Hüften schwingen kann, das aber trotzdem Tiefgang hat. „Alles ist jetzt“ handelt von Familie und Zusammenhalt, Liebe und Beziehungen – aber auch davon, mit sich selbst im Reinen zu sein. Darüber sprach  der Wahlhamburger mit Nadine Wenzlick.

„Das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht“, singen Sie in dem Titelsong Ihres neuen Albums „Alles ist jetzt“. Ihr Lebensmotto?

Das ist schon ein Lied über mich. Das war der erste Song, den ich für das Album geschrieben habe. Bei meinem letzten Album „Engtanz“ hatte ich im Nachhinein das Gefühl, dass es ganz schön dunkel war. Die Geschichten darauf sind alle gar nicht ausgegangen, oder wenn, dann negativ und traurig. Als ich danach anfing, an neuen Songs zu arbeiten, wollte ich etwas Helles. Ich brauchte Erneuerung und frische Beats. Und dann entstand „Alles ist jetzt“. Ich finde den Song für meine Verhältnisse sogar einigermaßen weise, weil ich sage, was ich im Laufe der Zeit gelernt habe.



Den Moment zu genießen – verlieren wir das zu oft aus den Augen?

Ja, darum ging es mir. Carpe Diem ist zwar ein alter Hut, das wurde schon ganz oft gesagt – aber mir war das in diesem Moment wichtig. Auch, wenn ich mir unsere Welt so angucke. Es ist an der Zeit zu sagen, dass nicht alles doof ist. Es gibt zwar viele doofe Menschen, aber mit denen muss man eben kommunizieren und sie überzeugen, dass Liebe, Zwischenmenschlichkeit und Empathie nur über Energie und Selbstzufriedenheit kommen. Selbsthass ist das absolute Gegenteil, da kann man nur schlimme Sachen ausstrahlen und sich in seiner eigenen Misere quälen. Deswegen war dieser Song so ein toller Anfang für das Album.



Wann sind Sie besonders im Moment?

Auf der Bühne. Im Jetzt sein bedeutet ja immer, dass man alles drum herum vergisst und einfach nur so da ist. Beim Sport kann ich das auch gut, egal welcher Sport. Aber beim Musikmachen empfinde ich es eben noch intensiver. Oft sage ich zu meiner Band nach einem Konzert „das war toll, wir waren alle so drin“.



Der Song „Augen zu Musik an“ handelt von der Liebe zur Musik. Wann fing diese Liebe bei Ihnen an?

Ich habe sehr früh angefangen, Klavier zu spielen und fand Musik immer schon toll. Schon als Kleinkind liebte ich alle Dinge, aus denen Töne rauskamen. In der frühen Pubertät dachte ich dann das erste Mal, dass Musik das Beste auf der Welt ist. Ich spielte Schlagzeug in einer Blues-Band in der Schule und bei unserem ersten Auftritt dachte ich, ich bin der König der Welt. Der ganze Körper hat gewackelt, es war auch viel zu laut und klang schlecht, aber danach wusste ich, dass das mein Beruf werden soll.

Deswegen haben Sie die Schule einfach abgebrochen…

Da war ich 16. Ich habe viel gearbeitet, um von der Musik leben zu können, aber das geht ja den meisten so. Das ist jetzt 22 Jahre her – eine lange Zeit!



Mehr als die Hälfte Ihres Lebens. Fragen Sie sich manchmal, wo die Zeit geblieben ist?

Auf die 40 zugehen, ist schon irgendwie komisch. Man hat das Gefühl, der Körper fängt langsam an zu zerfallen. Andererseits habe ich natürlich schon so viel gemacht und gesehen. Das muss man ja mal so sagen. Da stellt sich dann die Frage, was man überhaupt noch zu sagen hat und wie man es aus seiner eigenen musikalischen Favela rausschafft, wie es weitergeht.



Apropos viel erlebt: Zum Anschlusskonzert Ihrer letzten Tour kamen 13000 Menschen auf die Trabrennbahn in Bahrenfeld. Was ging da in Ihnen vor?

Alles! Das war schon richtig krass. Meine Oma aus Braunschweig war da, all meine Freunde – sogar mein alter Fußballverein. Weil die Trabrennbahn so groß ist, konnte ich endlich mal alle einladen. Sogar meine Band, die alles immer sehr mit Humor nimmt, wurde an dem Abend ganz andächtig und bekam das Flattern. Wenn dein Kumpel, mit dem du mit zwölf  die allererste Band hattest, am Bühnenrand steht und neben ihm Bela B. von den Ärzten, dann wird dir schon mal kurz klar, wie verrückt das alles ist. Die Ärzte haben wir früher immer gehört und wenn uns das damals jemand gesagt hätte, wäre ich wahrscheinlich ohnmächtig geworden. Das muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen. Aber so bin ich auch gebaut.



Familie spielt auf Ihrem Album eine große Rolle: In „Indianer“ geht es um zwei Brüder, „Pjöngjang“ erzählt von zwei Geschwistern, die sich voneinander entfernt haben.

Bevor ich mit einem neuen Album anfange, denke ich immer, dass ich ein allumfassendes Thema brauche. Das geht, glaube ich, ganz vielen Musikern so und es ist auch gar nicht so dumm, weil man dadurch Anfänge und Gründe findet, um überhaupt zu schreiben. Dieses Mal habe ich mir das Thema Familie überlegt. In meinem Freundeskreis, aber auch bei mir selber gibt es viele interessante Konstrukte. Ich habe selbst einen Bruder, aber unser Verhältnis ist zum Glück gar nicht wie in „Pjöngjang“.



Was bedeutet Familie für Sie?

Familie bedeutet Zuhause. Familie ist alles. Und ich finde Familie ist auch ein Gefühl. Es bedeutet, dass ich mich nicht verstellen und anstrengen muss. Eine Familie ist natürlich auch ein Konstrukt, jede Familie hat eine Geschichte. Aber ich muss sagen, dass ich bei meinen Eltern und auch bei meiner eigenen Familie das große Glück habe, dass immer alles relativ unkompliziert und eigentlich zu 100 Prozent schön war und ist. Am Ende ist „Alles ist jetzt“ dann allerdings doch kein reines Familienalbum geworden, weil so viele andere Sachen in meinem Kopf herumschwirrten.



„Wenn ich in den Rückspiegel seh‘, sind da mehr Lacher als Tränen“, heißt es in „Ich bereue nichts“, und auch „Wanderer“ handelt vom Ankommen. Haben Sie das Gefühl, Sie sind angekommen?

Das ist ja die große Dauerfrage. Ich weiß es nicht. In meiner kleinen Welt bin ich auf irgendeine Art und Weise schon angekommen, also in Sachen Liebe und Familie.  Zuhause ist für mich da, wo der Kung-Fu-Verein meiner Tochter ist. Andererseits hört sich ankommen immer so langweilig an. Musikalisch ankommen werde ich wahrscheinlich sowieso nie. Dann könnte ich ja auch sofort aufhören. Also kann man überhaupt ankommen? Dinge ändern sich einfach immer. Wer war das, der gesagt hat, nur wenn das Licht ausgeht, ganz am Ende, kommt man an? Der ganze Rest ist wackelig – aber das ist ja gerade das Schöne.



Wackelig ist auch die politische Situation in Deutschland. Von Ihrer Sorge darüber handelt „Robert de Niro“.

Ich wollte dieses Gefühl beschreiben, das ich hatte, als diese Montagsdemos anfingen und man im Fernsehen Ausschnitte von Leuten sah, die ganz schreckliche Sachen dahergesagt haben. Der Song entstand genau zu der Zeit und beschreibt dieses eklige, braune Gefühl. Ich muss aber sagen: Ich mag die Jugend von heute. Ich finde, dass diese Generation echt aufgestanden ist. Sie bleiben nicht vorm Fernseher sitzen und sagen „das ist jetzt eben so“, sondern machen sich in sozialen Medien und auch sonst stark dafür, dass das nicht richtig ist, was da gerade passiert. Das könnte eine große Chance sein.

Ihre Frau hat türkische Wurzeln, Ihre Tochter ist jetzt zwölf. Wie erklären Sie ihr, was in Deutschland los ist?

Das muss man ihr nicht erklären, denn sie rafft es schon. In ihrer Schule und Klasse ist das durchaus Thema. Klar gibt es Idioten, die einfach Nazis sind, aber das Hauptproblem ist ja, dass wir sozial ganz schlecht aufgestellt sind. Ganz vielen Menschen geht es nicht gut und ihr Hauptdenkfehler ist, die Schuld dafür auf jemand anderen zu schieben, nämlich auf alle fremden Leute. Dabei hat das überhaupt nichts miteinander zu tun.



Schon bei Ihrem Auftritt beim Echo 2016 haben Sie den Stinkefinger in die Kamera gezeigt, in dem Video zu „Alles ist jetzt“ tun Sie es wieder. Sollten mehr Musiker hin und wieder mal den Stinkefinger zeigen?

Ich finde, dass total viele Musiker Haltung zeigen – aber nur wenig Musiker, die im großen Mainstream stattfinden und die dann anfangen müssten, in ihren sozialen Netzwerken zu diskutieren oder Profile zu sperren. Ich will jetzt gar keine Namen nennen, aber es gibt große Künstler, die durch alle Generationen, Schichten und Milieus populär sind. Die würden natürlich viel mehr erreichen.

Zurück zum Titelsong Ihres Albums. „Was du träumst, musst du machen“, heißt es. Wovon träumen Sie noch?

Ich träume immer noch viel vom Reisen, vielleicht auch mal zwei Jahre komplett raus zu sein. Ich träume aber auch davon, bis zu meinem Lebensende Musik machen zu können. Ich träume immer so viel und am Ende mache ich ganz oft einfach so weiter (lacht).

Aki Bosse  persönlich

Hamburg ist die schönste Stadt, weil… in Hamburg so gute Leute wohnen. Und weil Hamburg einfach eine toll gelegene Stadt ist. Das  macht Hamburg zur besten Stadt in Deutschland.

Mein Lieblingsort ist… die Wittenbergener Heide und der Klövensteen. Wenn man die Elbchaussee ganz weit rausfährt, gibt’s dort dieses Naturschutzgebiet und einen kleinen Heideabschnitt.

Wenn ich nicht Musik mache… dann koche ich, mache Sport, pflege meinen Garten, gehe mit meinem Hund Gassi und verbringe Zeit mit meiner Familie.

Erfolg bedeutet für mich… das machen zu können, was ich liebe.

Auf der Bühne… ist es immer heiß, aber auch immer am besten!

Mein auf dem Album zweimal besungener Hüftschwung… ist auf jeden Fall noch verbesserungswürdig (lacht). Aber ich mache ihn trotzdem gerne.
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Interview

Fernsehmoderatorin Reschke: „Haltung ist ein inneres Gerüst“

Meinung – Manfred Ertel
Am 21. Oktober wird NDR-Moderatorin Anja Reschke (46) mit dem Hildegard-von-Bingen-Preis für herausragende publizistische Leistungen ausgezeichnet. Vor wenigen Tagen kam ihr neues Buch auf den Markt: „Haltung zeigen“. Mit Manfred Ertel sprach sie über Hetze, über Hamburg und die Frage, was innere und äußere Haltung eigentlich sind.

Ein paar Augenblicke lang war Anja Reschke dann doch ins Grübeln gekommen, ob das alles so klug und richtig ist, wovon sie überzeugt ist: Haltung zeigen. Am 5. August 2015 hatte die engagierte NDR-Journalisten in einem Kommentar der ARD-Tagesthemen zur Flüchtlingsdebatte einen „Aufstand der Anständigen“ gegen Rassismus, Hass und Hetze gefordert. „Die Hassschreiber müssen kapieren, dass diese Gesellschaft das nicht akzeptiert“, sagte sie. Die Moderatorin von „Panorama“,„Zapp“ und „Wissen vor Acht – Zukunft“ −  für ihre klugen Analysen und klaren Worte vielfach ausgezeichnet − wusste durchaus, worauf sie sich einließ. Doch die öffentliche Reaktion fiel in jeder Beziehung aus dem Rahmen. Fast 20 Millionen Mal wurde das Video inzwischen aufgerufen und tausendfach kommentiert. Die allermeisten Wortmeldungen waren positiv, aber es gab auch sehr viele hasserfüllte Zuschriften und ernstzunehmende Morddrohungen. „Ich bin gewohnt, Kritik einzustecken, aber dass die Angriffe so heftig wurden und dass mein persönliches Umfeld bedroht wurde, war etwas, das für mich persönlich neu war“, sagt Reschke rückblickend. „Und dann fragst du dich natürlich, will ich das, und welchen Preis bin ich bereit, dafür zu bezahlen.“ Freunde und wohlmeinende Kollegen rieten ihr, sich ein bisschen aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, andere sagten jedoch: „So bist du nicht, du warst noch nie jemand, der den Mund gehalten hat.“ Reschke hielt stand. „Da sind wir dann beim Thema Haltung“, sagt die Journalistin: „Ich kann doch nicht sagen, Haltung zeigen, ja toll, und beim ersten Gegenwind zurückweichen.“

Wie wichtig sind Ihnen Ehrungen und Preise?Es wäre ja gelogen, wenn man sagen würde, das sei nicht wichtig, weil man sich natürlich freut. Man fühlt sich geehrt. Aber ganz grundsätzlich bin ich bei unserem ganzen „Preiswesen“ auch etwas zurückhaltend, denn manchmal weiß ich nicht, werden die eigentlich wirklich für den Preisträger vergeben oder auch für eine Jury, die sich freut, dass sie jemanden auszeichnen kann und sich auch gut fühlt. Man darf das nicht überbewerten.

Werden dadurch Kritiker nachdenklicher gestimmt oder zumindest  Angriffe auf die angebliche „Lügenpresse“ leiser?Nein, im Gegenteil. Meine fleißigsten Kritiker fühlen sich dadurch eher bestätigt − nach dem Motto: Die Elite kreist um  sich und feiert sich selbst, die Party des Wiener Kongresses tanzt, während das Volk zuguckt. Das sind so klassische Reaktionen.

Heißt das, der Vorwurf „Lügenpresse“ ist mehr ein politischer Kampfbegriff?Lügenpresse ist ein sehr perfider Begriff, weil er eine Absicht unterstellt, also Propaganda. Das ist Unsinn und zielt nur darauf ab, die Medien und ihre Rolle in der Demokratie zu diskreditieren. Trotzdem ist es wichtig und auch heilsam, dass wir Medien uns mit uns ausein-andersetzen. Die Frage, was berichten wir und wie, haben wir den Fokus auf die richtigen Themen gelegt, finde ich enorm wichtig. Wir müssen selbstkritisch sein und dürfen niemals glauben, wir wären die Pächter der Wahrheit. Aber die Angriffe aus diesem Lager gegen die sogenannte Lügenpresse kann ich heutzutage nicht mehr ernstnehmen, weil sie nie auf etwas Konstruktives zielen, sondern immer nur darauf, die Grundordnung zu stören, und zwar die einer freien Presse. Die ist in unserem System essenziell.

Nach manchen Umfragen scheint aber auch eine politisch diffuse gesellschaftliche Mitte an der Glaubwürdigkeit der Presse zu zweifeln  . . . Das stimmt, aber manchmal habe ich auch das Gefühl, der sogenannte besorgte Bürger wird zu einer Art Scheinriese aufgebauscht und größer gemacht als er ist. Seriöse Umfragen unter ganz normalen Zuschauern, zum Beispiel für den NDR, zeigen, dass die überwiegende Mehrheit sehr zufrieden mit der Berichterstattung ist und die Glaubwürdigkeit extrem hoch ist. Nur weil einige Personen sehr laut und vor allem in den sozialen Netzwerken sehr lautstark sind, muss die Kritik an der Presse noch lange nicht stimmen. Wir müssen auch aufpassen, dass wir nicht immer nur diesem kleinen Bereich zuhören.

„Haltung zeigen“ ist Ihr Credo. Was bedeutet Haltung?Ich würde gar nicht sagen, dass das mein Credo ist. Aber ich werde ständig damit belegt. Entweder ich werde ich für meine „Haltung“ ausgezeichnet oder sie wird mir vorgeworfen. Und ich frage mich immer, was ist das denn, Haltung? Es ist ein inneres Gerüst, eine innere Verfasstheit, mit der man auf die Welt zugeht und sie betrachtet. Die ist natürlich individuell und unterschiedlich. Aber es gibt eine Art Grundhaltung in einer Gesellschaft, die sich in Deutschland sicher auch stark aus den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus ableitet. Diese Grundhaltung findet sich in den ersten 19 Artikeln unseres Grundgesetzes. Das ist sozusagen eine Art Katalog für innere Haltung.

Dürfen unabhängige und objektive Journalisten „Haltung zeigen“ oder müssen sie es sogar?Wenn wir dahin kommen, dass wir uns als Journalist nicht mehr zum Grundgesetz bekennen dürfen, haben wir echt ein Problem. Auf irgendeinen Katalog muss man sich schon einigen und dafür ist die Verfassung eine gute Grundlage. Interessant ist doch, dass allein diese Haltung heute schon als „links“ gilt und angegriffen wird. Deshalb kommen wir ja gerade ins Trudeln.

Wie meinen Sie das?Wenn in Chemnitz die „Pro-Chemnitz“-Bewegung mit ihren Anhängern zusammen mit Neonazis aufmarschiert und es dagegen Demonstrationen gibt, und es später in den Nachrichten heißt, da waren rechte und linke Demonstranten, dann frage ich mich, wieso werden denn die, die sich gegen Rassismus wehren, bereits politisch links einsortiert? Nach dieser Logik wäre ja das Grundgesetz eine linke Kampfschrift. Das ist eine Verschiebung der Maßstäbe, die ich bedenklich finde.

Dürfen Journalisten Pegida-Demonstranten als „Fremdenfeinde, Nationalisten und Zweifler“ bezeichnen?  Journalisten sollten genau so wenig wie andere Leute über Gruppen pauschal urteilen. Aber wenn Pegida-Demonstranten sich rassistisch äußern, sind sie eben Rassisten. Damit müssen die dann auch klarkommen. Und wenn Menschen bei einer Demonstration mitgehen, die von Menschen mit Verbindungen zu Rechtsextremen organisiert wird und auf der klar rechtsradikale Parolen skandiert werden, dann dürfen sie sich nachher nicht wundern oder gar beschweren, dass man mit Rechten in Verbindung gebracht wird.

Sie werden gern als „unbequem“ bezeichnet, sind Sie das?Da müssten sie jetzt meine Chefs oder Kollegen fragen (lacht). Vermutlich würden Menschen um mich herum sagen, ich sei kantig. Ich lasse mich echt gerne überzeugen und bin gegenüber Argumenten immer aufgeschlossen, aber mit: Das ist so! komme ich nicht so gut klar. Ich bin sicher kein Abnicker und niemand, der immer geschmeidig ist. Also bin ich wahrscheinlich unbequem.

Nach Ihrem inzwischen berühmten Kommentar in den Tagesthemen hatten Sie gesagt: „Ich freue mich schon jetzt auf die Kommentare zu diesem Kommentar.“ Gilt das rückblickend noch immer?Ganz grundsätzlich finde ich die Diskussionen gut, weil wir diesen Diskurs als Land brauchen, auch wenn das zurzeit sehr ungemütlich ist. Nach meinem Gefühl war in den Jahren davor alles ein bisschen eingeschlafen, es herrschte so eine gewisse unbeteiligte Bräsigkeit. Ich freue mich nicht über die hasserfüllte Sprache. Aber es gibt auch Leute, die sehr kritisch schreiben, ohne sofort komplett beleidigend oder verletzend zu werden. Denen antworte ich auch und daraus entwickelt sich manchmal ein Dialog. Ich empfinde das als sehr wichtiges Element, um meine eigenen Argumente zu überprüfen, zu verwerfen, zu schärfen. Es ist nicht gut, wenn Journalisten in einer gewissen Selbstherrlichkeit glauben, alles, was sie sagen, sei das Maß aller Dinge.

Gibt oder gab es Momente, in denen Sie Angst haben?Na ja, die Momente gibt es bis heute. Aber gar nicht so sehr um mich persönlich. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich mir mal Sorgen um dieses Land machen würde. Ich bin mit der Gewissheit aufgewachsen, dass Demokratie und Rechtstaat  einfach da sind, und dass gewisse Grundeinstellungen in dieser Gesellschaft verhandelt sind. Wenn ich mir anschaue, was in Chemnitz und manchen anderen Regionen als Normalnull gilt, frage ich mich aber schon, haben wir eigentlich alle das gleiche Maß?

Wer Sie nicht kennt, vermutet in Ihnen ein typisches Nordlicht . . . Ja, die klare protestantische freudlose Norddeutsche (lacht).

Sie sind aber geboren, aufgewachsen in München und haben dort studiert. Vermissen Sie München manchmal?Ich bin wirklich mit Herz und Seele und großer Liebe Münchnerin und mag die opulente Lebenslust dieser Stadt sehr. Sie ist anders als dieses manchmal sehr nüchterne Norddeutschland. Wenn ich über den Begriff Heimat nachdenke, werde ich wohl mein Leben lang Münchnerin sein. Aber Hamburg ist die viel politischere Stadt, viel liberaler, es werden viel mehr Subkulturen zugelassen und toleriert. Das gefällt mir. Aber manchmal braucht man auch die reine Lebensfreude. Gerade als Journalist muss man aufpassen, dass man bei all dem Übel dieser Welt nicht die Freude am Leben verliert und zynisch wird.

 Sie sind Abteilungsleiterin Innenpolitik beim NDR, omnipräsent auf dem Bildschirm und auf Veranstaltungen, schreiben Bücher. Sind Sie ein Workaholic?Nein, ich habe tatsächlich das immense Glück, einen Beruf zu haben, der mir so viel Spaß macht, dass ich ihn nicht nur als Arbeit ansehe: zu moderieren, einen Filmbeitrag zu machen, ein Buch zu schreiben. Auch wenn ich dann lange Abende daran sitze, fluche und denke, warum kannst jetzt nicht einfach nur auf der Couch sitzen oder in diesem herrlichen Sommer ausgehen. Aber ein Workaholic? Nein, aber ich bin sehr pflichtbewusst.

Anja Reschke persönlich

An Hamburg liebe ich  . . . tatsächlich das Politische, das Tolerante, das Liberale, und ich mag es, am Elbstrand zu sitzen. Es ist für mich als geborene Münchnerin immer wieder faszinierend, diese riesigen Containerschiffe zu beobachten.

In Hamburg vermisse ich  . . . die Berge, sehr sogar.

Die Frauenquote ist für mich  . . . idas einzige Instrument, um eine Gleichberechtigung der Geschlechter im Beruf herzustellen.

Abschalten vom Beruf kann ich am besten  . . . wenn ich koche oder wandere.

Haushalt ist für mich  . . . eigentlich ganz entspannend.

Meine Kinder finden mich . . . noch großartig und toll.
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Interview

Gerichtsreporterin Parnass: „Ich kann nicht nach unten treten“

Meinung – Babara Glosemeyer
Als wir uns am Telefon zum Interview verabreden, bietet Peggy Parnass mir sofort das „Du“ an. Das ist für sie nichts Ungewöhnliches und schafft eine vertraute Grundstimmung. Sie duzt jeden, es sei denn, sie mag jemanden wirklich nicht.

„Bring bitte Zeitungen mit“, hatte sie mich gebeten: „Hamburger Abendblatt“, „Morgenpost“, „Bild Hamburg“ und die Satire-Zeitschrift „Titanic“. Das linke Politmagazin „konkret“ ist ihr Wegbegleiter und gehört zur Grundausstattung. Immerhin war sie 17 Jahre lang Gerichtsreporterin von „konkret“ und weit über Hamburg hinaus eine international bekannte und aufklärerische, ja radikale Stimme für Gerechtigkeit. Klare und unmissverständliche Botschaften liebt die immer noch kämpferische Schriftstellerin und Gerichtsreporterin auch heute noch.

Die Wände ihrer Wohnung an der Langen Reihe im Hamburger Stadtteil St. Georg sind alle grün gestrichen. Auf dem Boden wimmelt es von Büchern, Briefen, Zeitschriften, Karten. An den Wänden hängen Fotos von ihr und berühmten Weggefährten wie dem Schriftsteller Peter Weiss, dem Filmemacher Georg Stefan Troller oder dem Schriftsteller Ralph Giordano.

Studium in Stockholm, London, Hamburg und Paris

Ihr ganz nah, direkt am Bett, hängt ein Foto ihrer Eltern: von ihrer Mutter Hertha Parnass – „sie war eine ganz weiche Frau, zauberhaft“, sagt Peggy zärtlich – und ihrem Vater Simon Pudl Parnass. Beide wurden im Vernichtungslager Treblinka von den Nazis ermordet. 1939 wurde die damals elfjährige Peggy mit ihrem vierjährigen Bruder Gady (sie nennt ihn „Bübchen“) mit einem Kindertransport nach Stockholm geschickt. Die folgenden sechs Jahre lebte sie, getrennt von Bübchen, in zwölf verschiedenen Pflegefamilien – und überlebte so die NS-Zeit. Kurz vor Kriegsende kamen sie zu ihrem Onkel nach London. Peggy studierte dann in Stockholm, London, Hamburg und Paris. Seit sie 14 Jahre alt war, musste sie sich selbst ernähren.

Peggy Parnass arbeitete als Sprachlehrerin, Filmkritikerin, Kolumnistin und Dolmetscherin für die Kriminalpolizei, spielte in Film und Fernsehen. Berühmt wurde sie als politischer Kopf, als kämpferische Jüdin und eben als Gerichtsreporterin für „konkret“. Sie ist so bekannt und so sehr Hamburgerin, dass sie jetzt neben Nena und Udo Lindenberg als Hamburger Ehrenbürgerin 2018 nominiert ist.

Am 11. Oktober feiert sie Geburtstag, doch ob sie nun 84 Jahre alt wird oder mehr oder weniger? Nicht wichtig! „Ich bin jung im Kopf und alle meine Freunde sind jung im Kopf. Das allein ist es, was zählt“, sagt sie äußerst ungehalten beim Thema Alter. Auch ihre Männer seien immer jünger gewesen als sie. Ein Gespräch über Unversöhnlichkeit, Familie und das womöglich späte Geschenk einer Ehrenbürgerschaft.

Peggy, deine Eltern und deine gesamte Familie wurden ermordet. Deine Eltern in Treblinka, all die anderen in anderen Konzentrationslagern. Kann die Zeit Wunden heilen, kannst du verzeihen?Nein, nie. Ich bin manchmal verblüfft, wenn Jüdinnen, die selbst die schlimmsten Dinge schon als Kinder im KZ erlebt haben, in Interviews heute sagen: „Nein, hassen tue ich nicht.“ Ich weiß nicht, wie die das schaffen.

Der Vormund von deinem Bruder und dir hat deinen Schuhkarton mit persönlichsten Erinnerungsstücken verbrannt. Du hast als junge Erwachsene  seine noch lebende Frau  – stellvertretend für ihren verstorbenen Mann –  aufgesucht, um dich an ihr zu „rächen“, wie Du es nennst.  Aber dann bist Du unverrichteter Dinge wieder gegangen. Warum? Ich wollte mich an vielen Leuten rächen. Schon als Kind, als ich klein war, habe ich mir das geschworen. Es gab nicht nur den einen Fall, sondern drei Hauptfälle: Ich wollte mich auch an der Frau rächen, die meine Mutter aus dem Milchladen in Eimsbüttel geprügelt hat, weil sie einer Jüdin nichts verkaufen wollte. Ich stand daneben und sah, was sie meiner süßen, kleinen Mutter antat. Und an der Leiterin des katholischen Waisenhauses, in dem Bübchen für fünf Jahre in Schweden untergebracht war. Sie war eine Sadistin. Jedes Mal, wenn ich Bübchen besuchen wollte, stand sie groß und breit wie eine Trennwand zwischen uns und ließ uns eine Ewigkeit im Unklaren darüber, ob ich zu ihm reindurfte. Lisa hieß sie − ein so weicher Name für eine schreckliche Frau.

In deinem Buch „Mut und Leidenschaft“ hast Du dem Thema „Rache“ ein eigenes Kapitel gewidmet, so wichtig war es offenbar. Warum bist Du wieder gegangen?Ich habe in allen drei Fällen erkannt, dass diese Leute inzwischen alt und wackelig geworden waren. Sie waren menschliche Wracks. Sie waren mir unterlegen und ich kann nicht nach unten treten. Wenn sie gleichstark gewesen wären, dann ja. Ich kann sehr hart sein, aber nicht, wenn der andere schwächer ist. Mir war jedes Mal durch und durch elend, ich hätte gern gekotzt, konnte es aber nicht. Ich finde es unerträglich, dass sich auch sonst niemand „gerächt“ hat – nicht in den Militärdiktaturen in Argentinien, nicht in Chile, nicht in Griechenland, nicht in Portugal und auch hier im Nachkriegsdeutschland nicht. Immer wenn eine Diktatur abgelöst wurde, hat weder die nachfolgende Regierung die Folterer bestraft noch die Bevölkerung die Henker gelyncht. Die leben alle immer so weiter, als wäre nichts gewesen. Und in den Massenmörder-Prozessen hier in Deutschland, wenn sie überhaupt stattfanden, waren die Zeugen die Gebrochenen, nicht die Angeklagten. Denen ging es gut.

Wie ist heute das Verhältnis zu deinem sieben Jahre jüngeren Bruder Gady, genannt „Bübchen“?Gefühlt ist er bis heute mein Kind. Wir telefonieren jeden Tag eine Stunde. Er lebt im Kibbuz zwischen Tel Aviv und Haifa. Kürzlich sind die Fotos von seiner Familie angekommen, auf die ich seit Wochen warte. Große Freude (Peggy holt die Fotos, um sie mir zu zeigen). Wir hatten ja gar nichts, keine Familie. Und heute hat er drei Kinder und neun Enkelkinder. Große Freude! Sie alle sind im Kibbuz geboren.

Belastet eure Geschichte eure Kinder?Kein Kind eines Holocaust-Überlebenden kann es leicht haben. Die zweite und dritte Generation werden ja mitbeschädigt. Die meisten Überlebenden haben erst sehr spät, manchmal  gar nicht über das Erlebte sprechen können, nicht einmal mit ihren Lebenspartnern. Bübchen und ich waren bis zum Erwachsenwerden immer illegal. Wir sind staatenlos geboren. Wir hatten nichts, wir waren beschissen dran, genau so, wie die Flüchtlinge heute.

Warum bist du nach Hamburg zurückgekehrt?Es war kein Zurückkommen, ich bin hängengeblieben. Ich wollte eigentlich mit meinem Baby nach Schweden, um dort eine Wohnung zu finden. Auf dem Weg dorthin habe ich meine Kusine Urselchen besucht, mein liebster Mensch als Kind. Sie habe ich begleitet an ihrem ersten Tag an der Uni in Hamburg und sofort tolle Leute kennengelernt wie Peter Rühmkorf, Klaus Rainer Röhl und Dick Busse und bin bei denen eingezogen.

Kannst du mit dem Begriff Heimat etwas anfangen?Nein, so etwas wie Heimat habe ich nicht. Sich Zuhause fühlen verbinde ich am ehesten mit Menschen.

Gibt es etwas, was dir Frieden gibt?Freundschaft. Meine Liebesverhältnisse waren immer Hass-Lieben, nie etwas Ruhiges. Freundschaft ist für mich das Größte.

Du warst als Gerichtsreporterin im Prozess gegen Ludwig Hahn, SS-Standartenführer und oberster Gestapo-Mann in Polen, der 240.000 Morde angeordnet hatte und erst nach jahrelangen Prozessen und Revisionen 1975 zu nur zwölf Jahren Haft verurteilt wurde. Wie hast du das ausgehalten? Ich habe mich jeden Tag mit ihm unterhalten, ich wollte mehr aus ihm herauskriegen. Ich wollte − wie immer − so nah ran wie möglich. Er hat im Prozess rumgejammert, dass er jeden Tag zehn Stunden arbeiten musste. Er hat in dieser Zeit für jeden Einzelnen das Todesurteil angeordnet. Richter, Anwälte und Gerichtspersonal − alle haben vor ihm gebuckelt: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie das fragen muss“, haben sie zu ihm gesagt. Ekelhaft war das.

Gibt es Gerechtigkeit?Im Gericht nicht.

Und im Leben?Ich kenne einige Menschen, die gerecht sind. Jetzt gerade (am 18./19. September, Anm. d. Red.) haben wir den höchsten jüdischen Feiertag gefeiert: Jom Kippur. Vor diesem Feiertag habe ich höchste Achtung, weil die Begründung so toll ist. An diesem Tag soll man den Leuten verzeihen, die einem im Laufe des Jahres unrecht getan oder einen verletzt haben. Gleichzeitig soll jeder überlegen, was er anderen angetan hat. Mit sich selbst ins Gericht gehen − tolle Idee.

Was empfindest du, wenn wie jüngst bei rechten Demonstrationen in Dresden wieder Hitlergruß-Bilder um die Welt gehen?Ob irgendein Primitiver seinen Arm hebt oder einen Fuß, interessiert mich nicht. Dass sich so etwas wieder in den Köpfen der Leute etabliert, ist schlimm. Ich habe immer gegen Ungerechtigkeit gekämpft, egal gegen wen. Immer auch für Farbige. Wirklich krank machte mich, dass Afrikaner einander millionenfach umbrachten. Dass offensichtlich überall  Jeder einen Schwächeren braucht, auf den er herabsehen kann. Juden in Israel kann ich gar nicht verstehen, denn sie müssen es ja besser wissen. Gleichzeitig bin ich sicher, dass wenn die jetzt schwächeren Palästinenser zu Kraft und Macht kommen würden, auch sie ihre Macht sofort missbrauchen würden.

Ist das ein hoffnungsloser Kampf?Ich habe keine Illusionen mehr. Wenn ich wüsste, wie man die Menschen und die Welt verändern könnte, würde ich sofort damit anfangen. Aber ich weiß es nicht.

Was hältst du von der Idee, dich zur Ehrenbürgerin von Hamburg zu machen? Normalerweise wäre mir das schnuppe, ist es aber überhaupt nicht, weil mütterlicherseits die ganze Familie in Hamburg geboren ist und die ganze Familie zum Ermordetwerden rausgejagt wurde. Da wäre eine Ehrenbürgerschaft  ja mal was anderes. Es käme mir vor, als würde meiner Mutter ein Geschenk gemacht. Sonst würde mir das gar nichts bedeuten. Aber darum bedeutet mir das wirklich was.
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Interview

Musiker Ramsey: „Donald Trump ist eine Katastrophe“

Meinung – Babara Glosemeyer
Noten lesen hat er nie gelernt, und doch lebt Bill Ramsey Musik wie kaum ein anderer. Der Wahlhamburger mit dem Blues in der Stimme ist ein Grenzgänger zwischen Schlager und Jazz. Auch mit 87 Jahren swingt er noch regelmäßig im Radio.

Herr Ramsey, was bedeutet Ihnen Musik?Was soll ich darauf antworten? Musik ist einfach ein sehr wichtiger Teil meines Lebens.

Können Sie sich an den ersten Kontakt zur Musik erinnern?Ja, der kam durch meinen Vater in den USA zustande. Er spielte Piano. Klassik, viel Chopin und List. Aber er war auch ein offener Mensch und hat es akzeptiert, dass ich später Boogie Woogie auf seinem Steinway gespielt habe (lacht).

Warum Boogie Woogie?Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, hat mich mein Vater mitgenommen in einen Night Club in New York. Dabei war ich eigentlich viel zu jung für einen Nachtclub (lacht). Hazel Scott hat gesungen, eine Farbige, die klassische Musik im Boogie-Woogie-Stil machte. Von da an war ich absolut nur noch für schwarze Musik zu haben.

Was faszinierte Sie daran?Schwarze Musik ist sehr lebendig, voller Spaß und sehr authentisch. Außerdem habe ich unser Personal zu Hause in Cincinnati/Ohio sehr geliebt, das waren Schwarze. Die haben immer ihre Musik im Radio gehört.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Musiker werden wollen?Ich glaube, so mit zwölf, 13 Jahren. Ich habe die Platten meiner Schwestern gespielt, die großen Big Bands wie Glenn Miller. Ich habe das sehr, sehr genossen und mich seither ständig mit dieser Musik beschäftigt.

. . .  und dann angefangen, ein Instrument zu lernen?Nein, nein. Ich kann bis heute kein Noten lesen und habe nie ein Instrument erlernt.

Trotzdem sind Sie Musiker geworden?Ich habe mir die Sachen selber beigebracht und ein bisschen Piano gespielt, vor allem Boogie Woogie. Boogie Woogie ist sehr einfach, im Grunde reine Bluesmusik mit immer derselben harmonischen Zusammenstellung. Das hatte ich schnell intus. Ein bisschen Talent war wohl vorhanden.

Was führte den Blues-Liebhaber und Selfmade-Musiker Bill Ramsey nach Deutschland?Ich kam während des Korea-Krieges 1952 als GI der Air Force nach Frankfurt, als Offiziersberater.

Hatten Sie kein Problem damit, nach Deutschland zu gehen, dem Feind aus dem Zweiten Weltkrieg?Nein. Ich hatte überhaupt nichts gegen die Deutschen. Und je länger ich geblieben bin, desto mehr wunderbare Freunde habe ich gefunden. Das war auch der Grund, warum ich nach der Militärzeit geblieben bin.

Zumal in Frankfurt Ihre Karriere begann . . . ?Ja. In meiner Freizeit habe ich damals nicht in amerikanischen, sondern in deutschen Clubs Boogie Woogie gespielt. Ich knüpfte Kontakte zu deutschen Musikern, unter anderem zum berühmten Jazz-Posaunisten Albert Mangelsdorff. Auch Paul Kuhn, James Last, Ernst Mosch und viele andere spielten in diesen Clubs, in denen ich mich zu Hause fühlte. Der US-Soldatensender AFN hat mich dann zum Chefproduzenten gemacht. Ein wunderbarer Job. Ich konnte den ganzen Tag Musik hören und hatte viele Freiheiten.

Berühmt wurden Sie nicht mit Jazz oder schwarzer Musik, sondern mit deutschen Schlagern. Wie kam es zu dem abrupten Wechsel?Im Jazz-Keller in Frankfurt habe ich Heinz Gietz kennengelernt, einen der wichtigsten Musikproduzenten der Zeit und später ein enger Freund. Er hat mich gefragt: Willst Du ´ne Platte machen? Ich war ein armer Soldat und habe gesagt: Ja, selbstverständlich.

Warum Schlager?Gietz stellte mich vor die Wahl: Rock’n’Roll oder was Lustiges? Und ich wollte es lieber lustig.

Mit dieser Art Musik hatten Sie kein Problem?Nein, überhaupt nicht. Gietz und all die anderen Bekannten hatten wie ich als musikalischen Hintergrund den Jazz. Das hat uns verbunden.

Ab Ende der 50er Jahre feierten Sie Hits in Serie: „Souvenirs“, „Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe“, „Pigalle“, „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“. Das war nicht nur lustig, viele fanden das albern …?Ja, das war albern, aber für mich war das völlig in Ordnung. Die Texte waren häufig kabarettistisch. „Zuckerpuppe“ ist die Persiflage auf ein Ereignis im Ruhrpott, bei dem ein Scheich ein Mädchen in den Orient mitgenommen hat. „Pigalle“ bezog sich auf all die deutschen Kegelclubs, die nach Paris fuhren. Souvenirs sammelten die Deutschen, als sie endlich wieder nach Italien reisen konnten. Und „Mimi“ war eine Reaktion auf die TV-Krimis, die damals die Straßen leergefegt haben. Die Lieder waren ein Spiegelbild der Wirtschaftswunderzeit.

Können Sie „Zuckerpuppe“, „Mimi“ und Co. heute noch hören? Oh ja. Ich lege mir die Platten zwar nicht auf, aber das sind schon lustige Sachen, die sind mir nicht unangenehm. Ich bin Realist. Für mich waren diese Schlager eine große Sache und ein großer Erfolg. Ich habe ungefähr 1,5 Millionen Platten verkauft.

Erfolgreich waren Sie auch auf der Leinwand. Wie kam es dazu?Heinz Gietz hat mich immer wieder fürs Kino empfohlen, insgesamt bin ich in fast 30 Filmen aufgetreten, meistens als Musiker. Von dort bin ich zum Fernsehen gekommen, das ging Hand in Hand.

Wie muss man sich die Ausmaße Ihrer Popularität damals vorstellen? Haben Menschen Sie auf der Straße angesprochen?Oh ja, sehr häufig. Das kam vor allem durch die Verbreitung über das Fernsehen und die Filme. Das waren vielleicht keine großen Kunstwerke, aber zum Teil gut gemachter Klamauk. Die Menschen empfanden das damals als enorme Erleichterung und willkommene Ablenkung vom Alltag. 

Ihr eigener Lieblingsfilm?„Die Schweizermacher“ (1978, d.Red.). Ich habe einen amerikanischen Musiker gespielt, der Schweizer Komiker Emil Steinberger war auch dabei. Der Filmstoff war für mich damals so aktuell, weil ich selber überlegte, Schweizer Bürger zu werden.

Dazu kam es nicht. Sie haben 20 Jahre in Zürich gelebt, danach in Wiesbaden. Was hat Sie 1991 nach Hamburg verschlagen?Meine jetzige Frau ist in Hamburg geboren und  hat damals hier wieder einen Job bekommen. Ich war heilfroh. Hamburg war immer meine Lieblingsstadt. Und hier war es auch einfacher als in Wiesbaden, mal unerkannt durch die Stadt zu gehen.

Sie sind 1983 deutscher Staatsbürger geworden. Warum?Ich wollte endlich zu Hause sein, wo ich zu Hause bin. Auch juristisch.

Sind Sie politisch interessiert?Ja, das bin ich. Heutzutage kann man gar nicht mehr apolitisch sein.

Wie denkt der gebürtige US-Amerikaner Bill Ramsey über Donald Trump?Donald Trump ist für mich eine Katastrophe. Er ist ungebildet. Der Mann ist indiskutabel. 

Leidet die deutsch-amerikanische Freundschaft unter Trump?Ja, die leidet. Aber ich hoffe, das bleibt eine Episode.

Sind Sie musikalisch noch aktiv?Konzerte gebe ich aus gesundheitlichen Gründen inzwischen nicht mehr. Das letzte war im Juli in Darmstadt, zusammen mit einer Frankfurter Band mit Weggefährten aus alten Zeiten.

Sie sind 87 Jahre alt. Wie geht es Ihnen gesundheitlich? Bei mir wurde kürzlich Parkinson diagnostiziert. Aber es geht mir ganz gut.

Trotzdem sind Sie in der Öffentlichkeit noch immer regelmäßig zu hören?Ja. Ich mache weiterhin einmal im Monat die Radiosendung „Swingtime“ im Hessischen Rundfunk auf  HR2. Ins Studio reise ich dafür nicht mehr, die HR2-Kollegen kommen zu mir in die Wohnung und nehmen die Moderation auf. 





Bill Ramsey persönlich

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist . . . an der Elbe.

Humor ist für mich . . . mit das Wichtigste im Leben.

An den Hamburgern mag ich besonders . . . ihre Gelassenheit und Zurückhaltung. In Frankfurt und Köln hauen mir fremde Leute auf die Schulter und rufen: Hey, Bill. Hamburger machen das nicht.

An den Hamburgern gefällt mir nicht so gut . . . da fällt mit nichts ein. Ich bin ein allgemeiner Hamburg-Fan.

Meine Schwäche ist . . . mein Gewicht.

Diese Fähigkeit hätte ich gern . . . ich hätte gern Musik studiert.
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Interview

Fernsehmoderator Beckmann: „Musikmachen macht glücklich!“

Meinung – Babara Glosemeyer
Herr Beckmann, was ist aus Ihrer roten Jeansjacke geworden, mit der Sie 1992 die von Ihnen konzipierte, erste private Fußball-Bundesliga-Show „ran“ bei SAT1 moderierten und berühmt machten?Reinhold Beckmann: Das Original hat einen gewissen Kult-Status und hängt deshalb heute im DFB-Museum in Dortmund.

Neben Ihren Karrieren als Sport-Moderator haben Sie sich montags von 1999 bis 2014 mit Ihrer wöchentlichen ARD-Talkshow „Beckmann“ als Interview-Partner etabliert. Was hat Sie damals vom Rasen auf das People-Parkett gelockt? Ich komme ja ursprünglich nicht aus dem Sport, sondern habe als Filmemacher begonnen. Für den WDR habe ich viele Interviews mit Gesprächspartnern aus Politik und Kultur geführt und unter anderem eine Kulturshow zusammen mit Helge Schneider gemacht. Das Gespräch mit Talkgästen hat mich immer gereizt. Deshalb wollte ich damals wieder gerne eine Gesprächssendung machen.

Sie erfanden und produzierten von 2015 bis 2017 die ARD-Reportagereihe #Beckmann und touren seit 2014 auch mit Ihrer Poprock-Gruppe Beckmann & Band und dem jüngsten Album „Freispiel“ durch Clubs. Sie sind Musiker,  Moderator und Produzent. In welcher Rolle fühlen Sie sich am wohlsten?Auf der Bühne Geschichten zu erzählen und Musik zu machen, ist das Schönste überhaupt. Diese Unmittelbarkeit kann das Fernsehen nicht bieten. Musikmachen ist einer der anregendsten Wege zu sich selbst und macht glücklich. Deshalb habe ich vor zwei Jahren, als ich 60 geworden bin, beschlossen, dass immer mehr von mir der Musik gehören soll.

Und trotzdem starten Sie jetzt mit einer neuen Radio-Talkshow, den „Life Sounds“ auf NDR 2. Warum jetzt erstmals Radio? Ich habe es mir seit einiger Zeit zum Prinzip gemacht, vor allem Dinge zu tun, die mich glücklich machen und für mich Sinn ergeben. Am neuen Radiotalk haben mich zwei Dinge gereizt: Erstens kann ich endlich einmal Radio machen, was sich bisher nie ergeben hat. Und zweitens ist Musik das Thema. Musik erzählt die Lebensgeschichte meiner Gäste. Ein wie ich finde etwas anderer, faszinierender Blick auf Persönlichkeiten. In der ersten Sendung sind das der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck und seine Frau, die Schriftstellerin Andrea Paluch.

Warum ist Ihnen Musik so wichtig?Mit Musik kann man unmittelbar etwas bewegen, in Gang bringen. Den Blick öffnen für ungewöhnliche Momente und Erfahrungen. Manchmal ist es nur eine Zeile, in der du dich wiedererkennst, die dich berührt. Musik kann auch politisch sein, etwas sagen, was gesagt werden muss.

Warum eröffnen Sie Ihre Radioreihe mit Robert Habeck und seiner Frau?Weil Robert Habeck sehr musikinteressiert und seine Frau Andrea Paluch auch Musikerin ist. Ich kenne ihn und finde es bemerkenswert, wie er Politik erklärt, sehr klar und verständlich. Ich glaube, wenn er sich nicht verfälschen lässt, hat Robert Habeck eine große politische Zukunft. Die Grünen sind im Aufschwung. Insofern ist es auch ein Treffer, die erste Sendung mit ihm zu machen. Ich freue mich darauf.

Wer so viel gemacht hat wie Sie, muss auch öfter etwas beenden. Sie haben den Zeitpunkt dazu häufig selbst gewählt. Woher nehmen Sie das Zutrauen zu sagen: Nun ist es gut?Manchmal gelingt einem das, manchmal nicht. Das hat was mit Lebensreife zu tun. Ich glaube nicht, dass mir das in jungen Jahren immer gelungen ist. Damals habe ich auch schon mal von glücklichen Umständen profitiert. Jetzt im Alter kommt ein bisschen kreative Sturheit dazu. Ich will nichts mehr werden, sondern möchte den Moment genießen, die Dinge tun, die mir wichtig sind und an denen ich Spaß habe. Das ist eine Freiheit, die ich mir nehme.

Welcher Gast oder Gesprächspartner hat Sie am stärksten beeindruckt?Es gab einige beeindruckende Gesprächspartner und solche, die mir auch einiges abverlangt haben. Dazu gehörte zum Beispiel der Physiker Stephen Hawking, der über die Steuerung seines Augenlids dem Computer seine Antworten diktierte. Das war sehr ungewöhnlich. Einzigartig waren auch immer die Begegnungen mit Loki und Helmut Schmidt. Da gab es eine fast familiäre Bindung, insbesondere zu Loki, mit der ich in Hamburg viel unternommen habe.

Sie engagieren sich mit der von Ihnen gegründeten Initiative „Nestwerk“ für benachteiligte Jugendliche und mischen sich mit öffentlichen Statements in die Politik ein. Können Sie sich vorstellen, in die Politik zu gehen?  Nein, diesen Weg werde ich nicht gehen. Aber es ist mir wichtig, Politik und die gesellschaftliche Entwicklung aus der praktischen Arbeit heraus zu begleiten. Es macht mich wütend, wenn Dinge passieren, die nicht hätten passieren dürfen. Angela Merkel hätte unmittelbar nach ihrem Satz „Wir schaffen das“ ein Logistik-Management auf die Beine stellen müssen. Sie hat das Problem einfach der Gesellschaft, an alle, übergeben nach dem Motto: „Ihr schafft das schon“.

Was macht Sie so wütend?Die Kommunen, die Hilfsorganisationen und die Ehrenamtlichen wurden alleingelassen und an ihre Grenzen gebracht. Auch die Arbeit bei „Nestwerk“ hat sich seitdem verändert – von der Jugendarbeit hin zur reinen Integrationsarbeit. Und es ist eine riesige Enttäuschung zu sehen, dass sich in einigen Flüchtlingsunterkünften seit zwei, drei Jahren nichts verändert hat. Als 2015 mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kamen, hätte man sofort ein Integrationsministerium installieren müssen. Und ein Konzept entwickeln müssen, um jeden Bürger mitzunehmen und zu überzeugen. Den heutigen Zustand und die Ablehnung der Flüchtlinge von offensichtlich immer mehr Bürgern hat die Kanzlerin mit ihrer unkoordinierten und konzeptlosen Politik auch ein bisschen selbst mitverschuldet.

Was fehlt den Jugendlichen, denen Sie mit Ihrem Verein Nestwerk helfen?Es sind viele junge Männer zwischen 15 und 18 Jahren, die nach Deutschland geflüchtet sind, um für ihre Familien hier ein besseres Leben aufzubauen. Die kommen hier in ein freiheitliches Leben, das sie nicht kennen und in dem sie sich nur schwer orientieren können. Sie sehen hier eine Welt ohne Grenzen. Wenn diese Jugendlichen ohne jede Begleitung in diese Welt hineinstürzen, sind die völlig irritiert. Deshalb müssen sie intensiv mit Sportangeboten und weiterführenden Bildungsmaßnahmen betreut werden. Das ist das, was wir bei Nestwerk versuchen. Wenn man die Arme ausbreitet und Flüchtlinge willkommen heißt, muss man auch dafür sorgen, dass Integration gelingen kann.

Sie sind in Twistringen bei Bremen geboren und aufgewachsen, sind Mitglied beim FC St. Pauli und leben seit vielen Jahrzehnten in Hamburg. Was schätzen Sie an der Elbmetropole und wo muss Hamburg deutlich besser werden?Die Stadt berührt meine norddeutsche Seele. Ich liebe die Stadt über alles. Es ist ein schönes Gefühl, hier zu Hause zu sein − ob ich sonntagmorgens mit dem Rennrad über den Ohlsdorfer Friedhof fahre oder an der Alster sitze. Die Stadt ist so vielseitig. Nur die Verkehrspolitik ist im Moment schwer zu ertragen. Das ist nicht nur eine Herausforderung, das ist ein echtes Nervenspiel auch zwischen Rad- und Autofahrern.

Sie sind 62 Jahre jung. Sprechen Sie gern übers Älterwerden? Ja, sehr gerne. Es ist eine große Freiheit, nichts mehr zu müssen. Es ist alles getan. Alles, was jetzt kommt, sind Zugaben. Und die kann ich genießen, nicht nur auf der Bühne. Deshalb habe ich mein neues Musikalbum auch „Freispiel“ genannt.

Wie halten Sie sich fit?Rennradfahren und schwimmen. Nach einem Kreuzbandriss kann ich leider kein Fußball mehr spielen. Das schmerzt mich. „Auf’m Platz“ vermisse ich sehr.

Der neue Radiotalk „NDR2-Life Sounds“ ist zum ersten Mal am kommenden Montag, 24. September, von 19 bis 21 Uhr zu hören. Geplant sind sechs Folgen pro Jahr.

Reinhold Beckmann persönlich

Eitelkeit finde ich . . . in Maßen gut, aber belastend, wenn es zu viel wird.  Im Alter streift man das immer mehr ab, weil man es immer weniger braucht.

Wenn ich nicht in Hamburg leben würde, dann am liebsten in . . . Twistringen, wo ich aufgewachsen bin.

Als Prominenter . . . ist mir das  normale Leben wichtiger,  denn da bin ich zu Hause.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg. . . wechselt laufend. Letzte Woche war es der Anleger Teufelsbrück.

Meine Stärke ist     . . . meine innere Ruhe,  die mir oft geholfen hat.

Eine Schwäche von mir  . . .  ist Pünktlichkeit. Ich glaub, die mag mich nicht.

Ganz bei mir bin ich . . .  beim Musikmachen.

Wenn ich Bürgermeister von Hamburg wäre . . . Nein, das schließe ich aus. Deshalb muss ich mir darüber auch keine Gedanken machen.
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Interview

Schlager-Ikone Roos: „Ich habe keine Zeit, mich zu beeilen“

Meinung – Manfred Ertel
Noch einmal wollte sie sich die Chance nicht entgehen lassen. Als das Telefon klingelte und das Angebot zur Teilnahme an der fünften Staffel der beliebten TV-Show „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ eintraf, sagte Mary Roos ihrer Sekretärin spontan: „Sofort zusagen“. Die Teilnahme der Grand Dame des deutschen Schlagers neben Rock- und Pop-Größen wie Mark Forster, Johannes Strate oder Judith Holofernes war ein Wagnis für alle Beteiligten und durchaus nicht selbstverständlich. Zum ersten Mal Rock, Pop und Schlager auf Augenhöhe, konnte das gut gehen? Schon einmal hatte sich die Frage gestellt, als Xavier Naidoo sie für eine der ersten Folgen gewinnen wollte, aber die Sängerin ihren Ohren nicht traute. „Als meine Sekretärin mir sagte, die haben angerufen und wollen dich für die Staffel haben, dachte ich, ja ja, das ist versteckte Kamera und habe abgesagt.“

Mary Roos (69) muss noch heute lachen, wenn sie die Geschichte erzählt. Sie sitzt aufgeräumt und gut gelaunt in ihrem Lieblingscafé in Hamburg-Wellingsbüttel und spricht über ihr Leben und ihre Karriere. Beides ist bemerkenswert. Sie spielte Theater in Frankreich, ohne französisch zu sprechen. Sie sang Schlager und französische wie portugiesische Balladen, spielte im Musical, parodiert derzeit an der Seite von Wolfgang Trepper mit bösem Witz die Geschichte des deutschen Schlagers. Im Mai veröffentlichte sie ihr inzwischen 25. Album – eine Künstlerkarriere immer noch wie auf der Überholspur. „Ich habe keine Zeit, mich zu beeilen“, sagt sie und lacht, „ich habe nie etwas geplant, wenn etwas interessant war, habe ich ja gesagt.“ So macht sie ab 17. November ihre erste Solo-Tournee überhaupt mit Konzerten in 28 Städten. Dazu kommt das Weihnachtskonzert von „Sing meinen Song“. Und 2019 geht ihre Revue mit Wolfgang Trepper ins fünfte Jahr. 

Zählen Sie eigentlich noch mit, den wievielten musikalischen Frühling Sie gerade erleben?Ach nein, das erspar’ ich mir. Ich bin schon so lange dabei, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenke. Ich mache einfach. Und eigentlich werde ich immer von außen darauf gebracht, wie lange ich das schon mache. Für mich ist nur das Heute wichtig, nicht mal so sehr das Morgen.

Müssen Sie sich manchmal kneifen, dass Sie immer noch wichtiger Teil des Showbusiness sind?Ja, sehr oft. Ich bin aber auch dankbar, dass es so läuft. Das ist in diesem Beruf, wo alles so schön und jung ist wie in der Werbung, gar nicht so einfach.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?Ich habe keine Ahnung, und das sage ich ohne Eitelkeit. Vielleicht, dass ich neugierig bin. Ich habe mich nie ausgeruht auf dem, was ich gemacht habe. Ich habe immer gedacht, ich möchte neue Sachen machen. Mir war immer ganz wichtig, dass ich weitergehe.

Ist der Titel Schlagersängerin eine Beleidigung für Sie? Nein, ohne diese Lieder wäre ich ja gar nicht mehr da. Viele Menschen erinnern sich über meine Lieder an mich. Aber ich bin vor allem Sängerin.

Zusammen mit Wolfgang Trepper machen Sie sich in Ihrer aktuellen Revue „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“ über Schlager, das Business  und Ihr Alter lustig. Können Sie das ganze Gewerbe nach so langer Zeit nicht mehr richtig ernst nehmen?Ich nehme mich vor allem nicht so ernst. Deshalb hatte ich ihn ja gefragt, ob er sich vorstellen kann, das mit mir zu machen. Und er hat witzigerweise sofort „ja“ gesagt. Er hat mir erzählt, dass er zwei Leute in diesem Show-Business toll findet, Udo Jürgens und mich. In seiner Stammkneipe wurden immer zwei meiner Lieder gespielt und er hat sich dagegen gewehrt, dass die Platten aus der Musikbox rausgenommen wurden.

Wie schwer ist es, als Schlagersängerin in so einer Show voller Kalauer, Satire und gespielter Vorurteile über das eigene Genre zu bestehen?Ich wusste eine Woche vor der Premiere im Hamburger Schmidt Theater nicht, was passieren würde. Regisseur Corny Littmann und Wolfgang Trepper haben die ganze Zeit für sich geprobt, und ich habe meine Lieder mit der Band geprobt. Irgendwann habe ich dann gesagt, es wird doch langsam mal Zeit, dass ich ein Buch kriege. Dann hat Littmann mir ein Din-A-4 Blatt geschickt, auf dem stand drauf „Herr Trepper sagt, Herr Trepper geht ab, Herr Trepper meint“, immer in dem Stil. Und was macht dann die Frau Roos, habe ich ihn gefragt. Und er hat geantwortet, das ist ihr Problem. So hat das angefangen. Und es verändert sich ständig.

Tut so viel Selbstironie manchmal auch etwas weh? Ich weiß noch, als Trepper mich das erste Mal ankündigte als „die Helene Fischer aus der Bronzezeit“, da  wollte ich gar nicht rausgehen auf die Bühne. Meine Musiker und ich waren in einer Art Schockstarre. Dann hab ich gesagt, egal. Und ich habe gemerkt, wie viel Spaß ich  hatte an den ganzen Boshaftigkeiten. Ich dachte, hier passiert endlich was. Jeder Abend war ein Fest. Wenn man so lange dabei ist in diesem Beruf, kann man sich eigentlich selbst gar nicht mehr so ernst nehmen. Die ersten zehn Minuten sitzen auch die Leute in einer Art Schockstarre und wissen nicht, ob sie lachen oder buhen sollen. So ist Satire.

Mit neun Jahren haben Sie ihre erste Platte aufgenommen, mit 19 das erste Album veröffentlicht, mit 21 Jahren ihren ersten Hit gehabt – haben Sie rückblickend alles richtig gemacht?Aus heutiger Sicht, ja. Damals wollte ich  eigentlich Chansonsängerin werden. Als ich 15, 16 Jahre alt war dachte ich, ich wäre zu Höherem berufen und wollte eine neue Hildegard Knef werden. Dann habe ich gemerkt, wie viel Spaß es macht,  andere Sachen zu machen. Deshalb habe mich nie auf eine Richtung festgelegt.

Haben Ihre Eltern nie gesagt, Kind lern erst mal etwas Richtiges?Nein, ich hatte so ein Glück mit meinen Eltern, die wollten hauptsächlich, dass wir, meine Geschwister und ich,  glücklich werden. Ich wusste angeblich schon mit vier Jahren ganz klar, so sagte meine Mutter jedenfalls, dass ich „Theaterin“ werden wollte. Das bin ich dann ja auch geworden.

Hätten Sie Ihrem Sohn Julian zugeraten, einen ähnlichen Weg einzuschlagen, wenn er gewollt hätte?Hauptsächlich wollte ich wie meine Mutter, dass mein Kind glücklich wird. Er ist ein sehr guter Sänger, ich darf das als Mutter sagen, aber er wollte nie auf die Bühne. Ich hätte alles mitgetragen, egal was er macht.

Ihr Sohn gehört heute zu Ihrem Management, kann so ein Verhältnis im Showbusiness auf Dauer gut gehen?Warum nicht? Wir zoffen uns schon mal, aber wir haben eine sehr hohe Streitkultur. Man muss sich streiten, aber danach auch wieder versöhnen können. Wir haben ein sehr spezielles Verhältnis. Wir gehen nie aneinander vorbei, die ganze Familie nicht, ohne uns irgendwie zu berühren oder anzufassen. Seine Meinung ist natürlich oft eine ganz andere als meine.

Wie oft bekommt denn die Mutter etwas von ihrem Sohn zu hören?Anhören tue ich mir oft was, aber ich bin nicht mit allem einverstanden. Und dann wird schon diskutiert.

Zum Beispiel?Natürlich wenn es irgendwelche Sachen gibt, bei denen ich viel Geld verdienen könnte, das aber nicht machen möchte. Das sind für mich schon zwei verschiedene paar Schuhe. Zu künstlerischen Dingen sagt er ganz wenig, aber er ist auch nicht so euphorisch, dass seine Mutter immer die Größte ist. Er zeigt mir meine Schwachstellen schon und ich ihm auch. Es herrscht ein sehr liberaler Ton zwischen uns, aber doch ein sehr direkter.

 Sie werden im Januar stolze 70 Jahre alt, haben Sie Angst vor dem Datum?Im Gegenteil, ich finde es blöd, wenn meine Kollegen alle immer jünger werden. Ich denke manchmal, wie kommt denn das, die war doch immer ein Jahr älter als ich, wieso ist die denn jetzt fünf Jahre jünger. Ich hatte früher mehr Angst, als ich 60 wurde. Aber jetzt denke ich, ich möchte ja sehr alt werden, also muss ich auch älter werden. Was jetzt kommt sind nur noch Zugaben, das sind nur noch Dinge, die ich gerne mache. Ich will die Restzeit genießen. 

Sie waren zweimal verheiratet, sind zweimal geschieden und aktuell solo. Ist das der Preis für die Karriere?In meiner ersten Ehe war ich sehr erfolgreich, aber auch sehr dumm. Ich habe mit 19 geheiratet, als mein Mann dann fremdgegangen ist, habe ich gedacht, das ist das Todesurteil und habe mich scheiden lassen. Mit diesem Mann bin ich heute noch befreundet, auch mit seiner Frau und deren Familie. Ich habe eigentlich alle Männer behalten, die ich gehabt habe, bis auf den letzten, mit dem ich verheiratet war. Da ist es schwer gewesen, das zusammenzukriegen.

 Sie leben im Moment allein, finden Sie Ehe und Partnerschaft überschätzt?Im Moment ist gut. Ich lebe seit vielen Jahren allein und habe festgestellt, dass es ganz schwierig wäre, wenn ich einen Partner hätte. Der müsste ja alles mittragen. Oder er wäre einer, der das gerade toll fände, und das würde mir nicht gefallen. Man will ja nicht dauernd über den Beruf reden. Aber ich fühle mich sehr wohl so.

 Ist Ihr neues Album „Abenteuer Unvernunft“  auch ein Blick zurück auf Ihr Leben?Ja, ich habe ein sehr durchwachsenes Leben gehabt. Bei mir hat nicht alles auf Anhieb geklappt. Ich habe so viele Fehler gemacht. Aber ich glaube, dass gerade Fehler Wertvolles fürs weitere Leben mitbringen. Wenn ich hingefallen bin, bin ich wieder aufgestanden. Das lernt man nur, wenn man auch Fehler gemacht.

Hatten Sie eigentlich etwas Angst vor der Teilnahme an der Fernsehshow „Sing meinen Song“, in der sie die Mutter und fast schon Oma der Rock- und Popkünstler hätten sein können?Ich hatte schon Magengrummeln, das muss ich zugeben. Beim ersten Treffen sagte ich zu den anderen, hier kommt das Alien. Aber es war so ein Respekt da, und Mark Forster sagte gleich in der ersten Sendung, dass sich alle schockverliebt hätten in mich. Am zweiten Tag habe ich gar nicht mehr drüber nachgedacht. Wir Älteren sollten viel mehr wagen und nicht glauben, dieses ist nur was für Jüngere und jenes für Ältere. Wir sollten versuchen, einfach mittendrin zu sein, mitten drin im Leben. Für mich war das mit die schönste Zeit, die ich je hatte.

Mary Koos persönlich

Heimat ist für mich . . . da wo ich mich wohlfühle. Die Ruhe hole ich mir in Hamburg, was seit vielen Jahren mein Zuhause ist. Aber ich mag auch die total verrückten Rheinländer. Wenn ich den Rhein rieche, erinnert mich das an meine Hauptheimat.

Glück ist für mich . . . was Kurzes. Ich glaube nicht an Glück, sondern an Zufriedenheit.

Erfolg bedeutet mir . . . nicht so viel, wie viele Leute denken.

Alter ist. . . normal.

Immer schon mal machen   . . . wollte ich meinen Segelschein und das werde ich auch, auf der Alster.

Ein Leben als Rentnerin  . . . kann ich mir auch gut vorstellen. Vielleicht nicht zu Hause, ich werde dann sicher irgendwas anderes machen.
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Interview

Museumsdirektorin Barbara Plankensteiner: „Völkerkunde klingt einfach verstaubt“

Meinung – Barbara Glosemeyer
Seit über einem Jahr ist Barbara Plankensteiner Direktorin des Museums für Völkerkunde. Sie will das Traditionshaus von seinem angestaubten Image befreien − inklusive eines neues Namens. Es soll MARKK heißen. Das steht für Museums am Rothenbaum mit dem Untertitel „Kulturen und Künste der Welt“. Offiziell geführt wird der neue Name mit der Eröffnung einer neuen Ausstellung am kommenden Mittwoch. Wir sprachen mit der gebürtigen Wienerin über den neuen Namen, das Besondere an Hamburg und Heimat.

Frage: Sie sind seit über einem Jahr Direktorin des Völkerkundemuseums. Was hat Sie zu Beginn am meisten überrascht? Barbara Plankensteiner: Mich hat positiv überrascht, wie stark viele Hamburger sich mit diesem Haus verbunden fühlen, und dass das Betriebsklima so gut ist. Mir gefällt auch, dass die Direktoren der Hamburger Museen untereinander ein konstruktives und kollegiales Klima pflegen. Das ist längst nicht überall so. Neu war hier für mich der große Nachholbedarf, den wir hier haben, um mit der Sammlung besser arbeiten zu können. Das hätte ich mir anders vorgestellt. Das Haus hatte in den vergangenen 20 Jahren  zu wenig kuratorisch-wissenschaftliches Personal. Das erschwert heute natürlich unsere Arbeit.

Sie waren zuvor an der renommierten Yale University Art Gallery. Was hat Sie gereizt, diese Aufgabe in Hamburg zu übernehmen? Man bekommt nicht jeden Tag das Angebot, ein großes und renommiertes Haus zu übernehmen. Das Museum am Rothenbaum (so nennt sich das Völkerkundemuseum offiziell ab 11. September, Anm. d. Red.) ist eines der interessantesten Museen auf diesem Gebiet in Deutschland. Hamburg hat als Welthandelsstadt im deutschsprachigen Raum  immer eine besondere Rolle  gespielt – und hat  unglaublich bedeutende Bestände in seinen Sammlungen. Das Museum am Rothenbaum hat ein enorm großes Potenzial, das wir künftig heben und auch zeigen wollen. Das Haus hat sicher die bekannteste unbekannte Sammlung in Deutschland.

Völkerkundemuseen haben ein verstaubtes Image. Das dokumentieren für Hamburg auch rückläufige Besucherzahlen. Wie wollen Sie die Hamburger neu für dieses Museum begeistern?Wir arbeiten einerseits intensiv an unserer neuen Programmatik. Und andererseits daran, sämtliche Ausstellungsbereiche des Museums neu zu gestalten. Unser erstes großes Ziel ist es, die Dauerausstellungen inhaltlich und optisch vollkommen neu zu präsentieren. Und darüber hinaus muss das Haus saniert werden.. Schon jetzt sind wir mit spannenden Sonderausstellungen auf einem guten Weg.

Fühlen Sie sich in ihrem Willen, das Museum neu auszurichten, ideell und finanziell gut von der Stadt Hamburg gestärkt? Die Stadt und der Kultursenator unterstützen uns schon sehr. Es herrscht das Bewusstsein vor, dass in diesem Haus dringend etwas passieren muss und wir dazu eine bessere finanzielle Ausstattung brauchen.

Warum ist ein Völkerkundemuseum in einer globalisierten Welt überhaupt noch wichtig? Google weiß doch heute fast alles über andere Länder und Kulturen? Wir beschreiben doch heute nicht mehr Völker oder Kulturen. Unsere Stärke sind unsere Sammlungen, die wir aus verschiedenen Perspektiven befragen. Gerade in der heutigen Gesellschaft mit ihrer kulturellen Vielfalt gibt es viele Themen und Fragen, denen wir uns mit unseren Ausstellungen vollkommen neu und spannend nähern können. Insofern bleibt die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte hochaktuell. Im Gegensatz zu Google sind wir auch ein Begegnungsort, an dem man sich über außereuropäische Kulturen und Vernetzungen austauschen kann.

Sie haben Hamburg als Weltstadt bezeichnet. Woran machen Sie das fest?Hamburg ist früher wie heute ein wichtiges globales Zentrum mit seinen internationalen Handelsbeziehungen und vielen internationalen Firmen, die hier ansässig sind.

Sie haben in Wien und in den USA gelebt. Ist Hamburg da nicht manchmal kleineres Karo? Wieso klein? Hamburg ist genau so groß wie Wien. Wien ist aber im Unterschied zu Hamburg eine Hauptstadt und war früher auch die Hauptstadt eines sehr großen Kaiserreichs. Das wird im musealen Erbe der Stadt sehr deutlich. In Hamburg haben die Museen mit ihren Sammlungen dagegen eine bürgerliche Tradition. Wien ist eine sehr lebenswerte Stadt, Hamburg aber auch.

Wann waren Sie eigentlich das erste Mal im Museum? In Bozen, wo ich aufgewachsen bin, habe ich sehr früh kleinere Ausstellungen vor Ort besucht, und später sind wir dann mit der Schule zu größeren Ausstellungen nach München gefahren. In meiner Oberschulzeit habe ich große Ausstellungen im damaligen staatlichen Museum für Völkerkunde besucht, dem heutigen Museum „Fünf Kontinente“. Das hat sicher auch zu meiner Faszination für dieses Fachgebiet und zu meinem späteren Berufswunsch beigetragen.

Der neue Name „Museum am Rothenbaum −Kulturen und Künste der Welt“, kurz MARKK – wirkt sperrig. Warum so kompliziert? Das ist nicht so ungewöhnlich. Denken Sie  an das Hamburgische Museum für Geschichte oder das Museum für Kunst und Gewerbe. Das klingt auch nicht einfacher. Man muss sich nur an den neuen Namen gewöhnen. Das wird sich einspielen, zudem lässt sich die Kurzform MARKK sehr gut einprägen. Uns war wichtig, im Untertitel zu verankern, worum es geht  und was uns ausmacht – eben die „Kulturen und Künste der Welt“.

Warum wollen Sie das Museum  umbenennen? Die Bezeichnung Völkerkunde für das Fach existiert schon länger nicht mehr und klingt einfach etwas verstaubt und rückwärtsgewandt. Wir wollen das hinter uns lassen und wie andere Häuser auf diesem Gebiet, nicht mehr in diesem früheren Sinne missverstanden werden, sondern mit einem neuen Image und mit neuen Herangehensweisen auftreten und uns bekannt machen. Für unser Haus ist jetzt der ideale Zeitpunkt für die Umbenennung, weil wir vieles neu machen und neue Ansätze verfolgen. Ich glaube, dass wir dem Haus mit unserem neuen Namen viele Möglichkeiten eröffnen. Für die Mitarbeiter, aber auch bei vielen Menschen um unser Haus herum, war es eine Befreiung. Manche andere tun sich mit der Namensänderung vielleicht schwer, da sie sich an den alten Namen gewöhnt hatten. Aber ich hoffe, dass wir mit unserer Arbeit in den nächsten Jahren auch diejenigen überzeugen können, die jetzt ein wenig unglücklich über die Namensänderung sind.

Worauf dürfen wir uns zu Ihrem Ausstellungsstart im September freuen?Nächste Woche eröffnen wir  die Ausstellung „Erste Dinge − Rückblick für Ausblick“. Damit schauen wir zurück auf den Anfang dieses Hauses, und wie es entstanden ist. Die „ersten Dinge“ sind 600 Objekte, mit denen das Museum 1897 gegründet worden ist. 200 dieser Objekte zeigen wir in der neuen Ausstellung. Das wird sehr spannend. Da bin ich mir sicher!

Barbara Plankensteiner persönlich

Wenn ich nicht arbeite, . . . lese ich sehr viel, verbringe Zeit mit Freunden und Familie oder gehe  ins Kino und ans Meer. Und wenn ich in den Bergen bin, wandere ich gern  oder fahre Ski.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg . . . ist das MARKK. Ich verbringe hier  viel Zeit und schätze auch den Stadtteil Rothenbaum, in dem sich das Museum befindet. Und wenn ich an der Alster  spazieren gehe,  ist das ein besonderer Genuss. 

Die Hamburger sind . . . jung, traditionsbewusst, weitgereist und offen.

Meine Stärke ist . . . die Begeisterung für meine Arbeit und mein großes Interesse, mit  Menschen mit verschiedensten Hintergründen zusammenzuarbeiten.

Ich werde schwach bei . . . gutem Essen.

Neben dem MARKK  gehe ich in Hamburg  gern . . . in verschiedene Museen: ins Museum für Kunst und Gewerbe, ins Museum für Hamburgische Geschichte oder die Deichtorhallen. Für mich gibt es  nicht das eine Lieblingsmuseum.

Ärgern kann ich mich . . . über Unhöflichkeit.

Ich reise . . .  gerne und  mache häufig Städtereisen und schaue mir die dortigen Museen an.

Gut verzichten könnte ich . . . auf eine ausufernde Bürokratie.

Heimat ist für mich  . . . nicht an einen Ort gebunden, sondern an ein Gefühl. Ich fühle mich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Zusammenhängen zuhause.
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Interview

„Budni“-Chef Cord Wöhlke: „Geld ist nicht alles“

Meinung – Manfred Ertel
Es kommt nicht so oft vor, dass sich Hamburger Karrieren von Harburg aus begründen und von der anderen Seite der Elbe aus ins Herz der Stadt vordringen. Die von Iwan Budnikowsky war so eine. Am 2. Oktober 1912 eröffnete der sein erstes Seifen-Fachgeschäft in der Harburger Mühlenstraße, zehn Jahre später wagte er den Sprung über die Elbe und gründete seinen zweiten Laden in Rothenburgsort. Inzwischen sind die Drogeriemärkte unter dem fast liebevollen Kürzel „Budni“ eine Hamburger Institution, knapp über 180 Filialen gibt es in der Hansestadt und im Umland. Lange ging die Erfolgsgeschichte steil bergauf, trotz harter Konkurrenz. Beim Einsatz des QR-Codes im Handel waren sie die ersten, ins Bio-Geschäft mit Lebensmitteln und Naturkost stiegen sie vor allen anderen groß ein. Aber irgendwann begann die großen Wettbewerber sie zu erdrücken, vor allem weil die Drogerie-Giganten, die Einkaufsstraßen und Shopping-Center republikweit zupflastern, bei Einkauf und Beschaffung deutlich größere Rabatte erzielen und bessere Preise machen können. Seit dem Frühjahr hat sich das Hamburger Familien- und Traditionsunternehmen neu aufgestellt. Mit dem Einzelhandelsriesen EDEKA ist Budnikowsky eine Kooperation eingegangen und hat eine gemeinsame Gesellschaft gegründet. „Budni bleib Budni“, versichert Gesellschafter Cord Wöhlke, der das Unternehmen seit 1979 als Geschäftsführer führt – inzwischen zusammen mit Sohn Christoph (41) und Tochter Julia (37).Und auch Der jüngste Sohn Nicolas (33) rückt immer mehr in die Verantwortung. Vor allem die Werte des Unternehmens sollen weiter gelten, versichert Wöhlke, nah am Menschen zu sein und in soziales Engagement zu investieren. Eine Änderung gibt es dennoch: Die bundesweite Ausdehnung der einst lokalen Institution hat begonnen. In dieser Woche hat die erste Budni-Filiale in Berlin eröffnet, in Prenzlauer Berg. Weitere werden folgen. 

Würden Sie einem jungen Hamburger Firmengründer heute noch raten, auf ein Familienunternehmen zu setzen oder ist die Zeit der Patriarchen vorbei?Die Zeit der Patriarchen ist schon lange vorbei. Als ich 1970 anfing, war sie bereits zu Ende. Wir sind heutzutage ein Team, das für Erfolge steht aber auch Misserfolge gemeinsam einsteht.

Kann man als Familienunternehmen denn heute noch groß denken?Wenn ein Familienunternehmen austauschbare Produkte hat, dann muss es heute über eine bestimmte Größe verfügen, um konkurrenzfähig bleiben zu können. Die Großen kaufen zum Beispiel teilweise um zehn Prozent oder mehr günstiger ein. Das ist das eigentliche Problem, jedenfalls im Handel. Viele mittelständische Unternehmen müssen auch verkaufen, weil sie Probleme in der Nachfolge haben. Deshalb entstehen immer größere Einheiten.

Warum hat sich „Budni“ 106 Jahre lang auf Hamburg und Umgebung als Standort konzentriert?Weil wir der Meinung waren, dass wir von diesem Standort eine Menge kennen und ihn bestens verstehen. Das hat über hundert Jahre wunderbar funktioniert. Erst in den letzten Jahren ist der Druck viel größer geworden. Nach der Schlecker-Pleite hat sich der Markt neu aufgeteilt, neue Wettbewerber sind nach Hamburg gekommen und wir waren so nicht mehr wettbewerbsfähig. Wir mussten für gut 180 Läden genau so viel leisten. wie andere Unternehmen mit 2000 Filialen, bekamen aber keine wettbewerbsfähigen Einkaufspreise. Das kann man irgendwann nicht mehr ausgleichen.

War die Kooperation mit EDEKA als Großen an der Ihre letzte Chance?Nicht die letzte. Wir hatten zwei Möglichkeiten: Wie viele andere mittelständische Unternehmen auch konnten wir verkaufen oder einen neuen Weg zu gehen. Wir hatten gute Angebote zum Verkauf, aber Geld ist nicht alles, und wir tragen auch Verantwortung für die Menschen, mit denen wir zum Teil seit Jahrzehnten zusammenarbeiten. Deshalb haben wir uns klar entschlossen diesen Weg zu gehen.

Es wimmelt geradezu von Drogerie-Großmärkten in der Republik, die Internet-Konkurrenz wachst. Warum braucht es noch einen bundesweiten Anbieter?Wichtig ist, dass man ein Konzept hat, das anders ist als das der Wettbewerber. Wenn wir genauso aufgestellt wären wie ein „dm“ oder „Rossmann“, dann bräuchte man uns nicht. Aber wir sind individueller, uns ist jeder einzelne Kunde wichtig. Wir sind kein klassischer Drogerie-Markt. Und ich denke, dass wir diese Kultur mit EDEKA in eine nationale Expansion einbringen können.

Budni hat sein Sortiment früh durch Bio-Artikel und Bio–Lebensmittel erweitert. Kluge Geschäftsstrategie oder einfach nur schlechtes  Gewissen wegen der vielen chemischen Drogerieartikel?Wir haben für unsere Unternehmensführung ein bestimmtes Wertekorsett, und dazu gehört ganz besonders Nachhaltigkeit. Zurzeit überlegen wir zum Beispiel, wie wir das Thema Massentierhaltung und die damit einhergehenden schädlichen Emissionen etwa durch Gülle sowie die daraus resultierende Grundwasserverunreinigung nach vorne bringen können. Wir nehmen immer auf, wie sich die Gesellschaft verändert und suchen nach Lösungen für unsere Kunden. Als wir gesehen haben, wie die Grünen immer stärker wurden, haben wir ganz früh reagiert und ökologische Produkte eingeführt, das begann schon Anfang der 80er Jahre. Natürlich konnten wir uns darüber dann zur Konkurrenz auch differenzieren.

Sie geben die Geschäfte mehr und mehr an Ihre Kinder ab. Fällt es Ihnen schwer, loszulassen?Wenn man leidenschaftlicher Unternehmer ist, dann ist es immer schwer loszulassen. Aber das ist ja kein Hauruck-Schritt, sondern der läuft über viele Jahre. Mit meinem ältesten Sohn Christoph arbeite ich jetzt schon seit 15 oder 16 Jahren zusammen. Aber man wird nie ganz loslassen können, dass lässt man erst, wenn der Stein oben drauf liegt.

Sie galten immer als Unternehmer der sich persönlich kümmert. Sie waren regelmäßig in ihren Filialen, gratulierten Mitarbeitern noch persönlich mit Handschlag zum Geburtstag. Passt das als Unternehmenskonzept noch in die Zeit?Ich glaube, dass es gerade für Menschen, die im Handel arbeiten und von denen wir eine hohe Leistung erwarten, obwohl die Entlohnung nicht übermäßig ist, ganz wichtig ist, dass sie auch Wertschätzung erfahren. Das wird in Zukunft sogar noch wichtiger werden.

Kann das die junge Generation genauso glaubwürdig übernehmen wie ein alter Chef?Darüber mache ich mir manchmal Gedanken. Meine Mutter meine Frau und ich haben das verkörpert, meine Kinder gehen damit ein bisschen anders um. Jeder von uns bringt eben seine Stärken ein. Aber ich glaube, dass es dafür innerhalb der Familie auch Lösungsansätze gibt. Es ist mein Wunsch, dass wir diese Form der Wertschätzung beibehalten, auch wenn es schwierig ist bei inzwischen über 2000 Mitarbeitern. Ich fahre jetzt, wo sich meine Tätigkeit etwas verändert, noch regelmäßiger in die Filialen und werde das auch weiter machen, ein bis zweimal die Woche.

Sie stehen für hanseatische Werte und Kaufmannsehre. Was heißt das konkret?Es gibt den Verein der ehrbaren Kaufleute in Hamburg, die ein Wertegerüst haben, dafür stehe ich: Das heißt Zusagen einhalten, Wertschätzung gegenüber Kunden und Mitarbeitern, Verlässlichkeit, Redlichkeit. Ökologie und Nachhaltigkeit sind uns wichtig, dabei geht es uns auch um Bewusstseinsänderung. Wir haben uns zum Beispiel sehr früh mit dem Kampf gegen Mikroplastik beschäftigt und das bei unseren Eigenmarken berücksichtigt. Man muss nicht immer global denken, sondern man kann lokal anfangen. Wir setzen uns auch stark für benachteiligte Jugendliche ein durch bessere Bildungsangebote, etwa im Rahmen der Budnianer Hilfe.



Weil Eigentum verpflichtet?Natürlich, das ist für mich ganz wichtig. Wir hätten ja verkaufen können, uns war ein toller Preis angeboten worden, aber wir haben uns anders entschieden. Jetzt bauen wir neben unserem Firmengelände 45 Sozialwohnungen, die wir für einen Mietpreis von 6,50 pro Quadratmeter an Mitarbeiter geben wollen. Wir haben viele Beschäftigte, die wir hier im Stadtzentrum brauchen, die aber aufgrund der hohen Wohnungsmieten in die Randgebiete verdrängt werden.

Wissen Sie eigentlich, dass Sie gar keinen Wikipedia-Eintrag haben?Macht nichts (lacht laut).

Bei Facebook haben Sie dagegen ein eigenes Profil und sind dort ziemlich aktiv. Macht Ihnen das Spaß?Das mache ich nur zum Teil selbst, bei allen Dingen außerhalb von Budni, was mich zum Beispiel politisch stört. Den anderen Teil bedient meine Assistentin.

Kürzlich haben Sie sich verärgert gezeigt, dass Fußballnationalspieler die Nationalhymne nicht mitsingen. Ist das mit Ihrem Wertekorsett nicht vereinbar?Wir sind ein Einwanderungsland aber uns fehlt ein Einwanderungsgesetz. Das Schöne an anderen Einwanderungsländern wie USA, Kanada, Neuseeland oder Australien ist für mich, dass deren Einwanderer sich über ihre neue Staatsbürgerschaft freuen. Diese Freude vermisse ich manchmal bei unseren Nationalspielern. Das wäre doch ein Zeichen für Integration. Nach der Diskussion um das Treffen von Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten hätte ich einfach erwartet, dass sie vielleicht mitsingen. Und wenn sie nur die Lippen bewegt hätten. Die Spieler hätte ein Zeichen setzen können.

Wie groß war der Shitstorm, der über Sie niederging?Ach, da war eigentlich kaum was. Die Menschen kennen mich und wissen, dass mir keiner was unterstellen kann. 40 Prozent unserer Mitarbeiter kommen heute aus 60 oder 70 verschiedenen Ländern, wir schätzen Vielfalt, und wir fördern alle Mitarbeiter. Wenn ich von Patriotismus rede geht es für mich darum, dass Menschen, die hier herkommen, den Willen zur Integration haben. Ich bin gegen Parallelgesellschaften in denen zum Beispiel  für den Schwimmunterricht an Schulen besondere Badeanzüge für Mädchen gekauft werden. Das ist nicht der richtige Weg.

Haben Sie eigentlich insgeheim schon mal drei Kreuze gemacht, dass Sie damals als Kandidat für den HSV-Aufsichtsrat gescheitert sind?Ich habe immer im Scherz gesagt, wenn sie mich gewählt hätten, wären sie nicht abgestiegen. (lacht)....

Also bewegen der Klub und sein Schicksal Sie noch?Ich habe bis zur letzten Minute mitgefiebert und bin über den Abstieg und die ganze Entwicklung schon traurig. Irgendwie kann man ja nicht loslassen. Für mich gehört der HSV in die erste Bundesliga. Ich hoffe auf einen Neuanfang.

Cord Wöhlke persönlich... 

In Hamburg ärgert mich am meisten.... dass zu wenig für Bildung getan wird, von der Kita bis zur Universität.

In Budni-Filialen rege ich mich auf....über leere Regale.

Tradition ist für mich... Kontinuität und Offenheit für Verändereung.

Christliche Werte sind für mich... Nächstenliebe, beziehungsweise Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist... an der Alster, weil ich drei Mal die Woche mit meiner Frau um die Außenalster laufe.

St. Pauli und die Reeperbahn als Kulturerbe finde ich.... als Idee nicht schlecht.

Langeweile ist für mich.... nicht vorstellbar, ich kann nicht nur in die Luft gucken sondern nutze Pausen auf dem Sofa oder beim Laufen für kreative Gedanken.
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Neues Album am 31. August

Samy Deluxe im Interview: „In allem hatten meine weißen Freunde Vorteile“ – außer dem Rappen

Meinung – bgl
Es ist einer dieser schönen und warmen Tage, die in diesem Sommer gar nicht enden wollen. Wir treffen Samy Deluxe in seinem Restaurant „Gefundenes Fressen“ an der Marktstraße im Karoviertel. Als wir ankommen, sitzt Samy schon draußen vor dem Restaurant auf einer Holzbank. Als er mich begrüßt, ist das „Du“ von Anfang an selbstverständlich. Alle paar Minuten kommt jemand vorbei, grüßt ihn mit Ghetto-Faust. „Hey Man“, sagt Hamburgs berühmtester Rapper dann und hält auf Englisch kurzen Smalltalk: lange nicht gesehen, was machst du, komm mal wieder vorbei! Samy raucht während des Interviews eine einzige selbst gedrehte Zigarette, die er immer wieder anzündet, dann wieder daran zieht und sie in den Aschenbecher legt.

Im ersten Song auf deinem neuen Album „Flagge hissen, Anker lichten“ singst du davon, eine eigene Nation, ein eigenes Land zu gründen, irgendwo da draußen in der Welt. Eine Art Utopia, wo die Welt in Ordnung ist und Gerechtigkeit herrscht. Bist du ein Romantiker?

Mir hat die Idee gefallen, die Leute gleich im ersten Song mitzunehmen auf die Reise. Ich bin zwar ein Hamburger Künstler, aber meine Musikgeschichte hat Einflüsse von der ganzen Welt. Ich habe eine Zeit lang in Amerika gearbeitet und in allen möglichen Ländern der Welt Videos gedreht.

Ist dein Utopia-Land eine Reaktion auf den neuen Nationalismus etwa der AfD oder die europäische Anti-Asyl-Stimmung?

Nein. Ich werde in letzter Zeit häufiger gefragt, ob mich die Stimmung in Deutschland irgendwie schockiert. Aber wenn man schwarz ist, wie ich, ist man nicht von Rassismus überrascht. Weiße Leute sind überrascht, weil sie es immer nur mitkriegen, wenn es in den Medien steht. Das ist der fundamentale Unterschied. Ich habe noch keine Phase erlebt, in der ich dachte: Rassismus ist out. Wenn ich heute einen Song über Rassismus schreiben würde, wäre der in zehn und in 100 Jahren immer noch aktuell. Davon bin ich überzeugt.

Warum ist der deutsche Rap überhaupt dein Ding geworden?

Ich bin in Hamburg-Eppendorf aufgewachsen, einem damals wenig multikulturellen Stadtteil von Hamburg. Ich war der einzige dunkelhäutige Mensch, den ich kannte. In allem hatten meine weißen Freunde Vorteile. Rap war etwas, was ich gut konnte und auch gut verkörpern konnte. Da sahen dann meine weißen Freunde plötzlich albern aus, wenn sie sich die Hose zu tief zogen und die Cap gedreht haben. Ich habe mich von Anfang wohl gefühlt mit dieser amerikanischen Kultur. Es hat mich am meisten geprägt, auch wenn ich vom Essen und von den Umgangsformen her sehr deutsch bin.

Was ist Heimat für dich?

(lange Pause) Da, wo ich wohne und mein Studio ist. Das ist für mich die Erfüllung von kompletter Freiheit. Ich kann da alles machen, was ich will. Ich habe keine Nachbarn, kann laut sein. Deshalb ist es Heimat. Aber Hamburg ist auch Heimat und jedes Hotelzimmer auch, so lange ich meinen Laptop dabei habe. Ich bin nicht so krass ortsgebunden. Ich könnte mir auch vorstellen, woanders zu leben, wo hochfrequenter die Sonne scheint. Aber diesen einen Ort, an dem ich immer sein möchte, habe ich noch nicht gefunden.

Als Kind bist du wegen deiner Hautfarbe rassistisch beschimpft worden. Wie geht man als Kind damit um?

Ich weiß nicht, ob es da einen richtigen Tipp gibt. Ich mochte Gewalt nie. Ich bin immer einer gewesen, der Konflikte eher mit Worten als mit Fäusten gelöst hat. Nazis sind für mich Leute, die nicht das Privileg haben, die Vorteile einer multikulturellen Gesellschaft sehen zu können, weil sie so verkorkst aufgewachsen sind. Die sind einfach nicht so schlau wie ich und deshalb tun sie mir leid. Ich will lieber Signale setzen, die es dann für die nächste Generation leichter machen. Allein, dass jemand wie ich einer der aktuellen deutschen Dichter ist, ist ja schon mal ein Vorteil.

In deinen Songs übst du oft Gesellschaftskritik. In einem Lied heißt es: „Integration ist eine Illusion.“ Siehst du das so?

Je nachdem, wie man es interpretiert. Integration ist keine Illusion, weil sie ja bei mir zum Beispiel eindeutig geglückt ist. Ich hab dunkle Haut, spreche trotzdem die deutsche Sprache, besser als viele mit heller Haut, und bin erfolgreich, einflussreich und reich geworden. Trotzdem wird jeder aufgrund seines Aussehens in Schubladen gesteckt: Du bist die Journalistin mit blonden Haaren, ich der Rapper mit dunkler Haut. Darüber, wie wir sind, sagt das nichts aus. Und egal wie du dich integrierst und dich an alle Gepflogenheiten des Landes anpasst: Wenn die Rahmenbedingungen plötzlich neu definiert werden − wie jetzt durch die Flüchtlingswelle − bist du für viele Leute schnell ein Vergewaltiger, weil du dunkle Haut hast. Insofern bleibt Integration eine Illusion.

Du rappst „Hamburg ist meine Stadt, egal wo jemand was anderes sagt.“ Andererseits singst du in „Zurück zu wir“: „Große Stadt. Macht jeden klein“. Was denn nun?

Es ist beides. Ich liebe Hamburg auf jeden Fall, vor allem für den kulturellen Horizont, den ich in dieser Stadt bekommen habe auf Reggae-Partys, Punkrock-Konzerten oder in der linken Szene. Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, dass Großstädte nicht unglaublich gesund sind für Menschen. Ich bin jedenfalls viel ausgeglichener, seitdem ich auf dem Land lebe und etwas Abstand habe.

Wo muss Hamburg aus deiner Sicht besser werden? Was würdest du dem neuen Bürgermeister gern mit auf den Weg geben?

Dem, von dem keiner weiß, wie er heißt? Echt schlimm. Also Olaf Scholz hat ja komplett verkackt mit G20. Uns das anzutun, hat überhaupt keinen Sinn gemacht für die Stadt. Das war ein richtiger Ego-Move und ich hoffe, dass der neue Bürgermeister cooler ist. Wenn ich eines Tages Bürgermeister in Hamburg werde, werde ich extrem viele Jugendhäuser mehr bauen und Kultur nicht so elitär sehen wie es in den letzten Jahrzehnten der Fall war. Ich finde es schade, dass Hochkultur gefördert und Subkultur immer noch stiefmütterlich behandelt wird. Wenn die die Möglichkeit haben herauszufinden, wo ihre Interessen liegen und darin gefördert werden, wird die Gesellschaft in zehn oder 20 Jahren davon profitieren. Also, du kannst dem Bürgermeister, dessen Namen niemand kennt, ausrichten: Er kann sich auf jeden Fall bei mir melden, wenn er einen Berater für Subkultur sucht.

Würdest du in der Elbphilharmonie spielen wollen?

Ich bin dort schon aufgetreten, im September für eine groß angelegte Initiative für Hamburger Schüler. Ich freue mich mittlerweile auch, wenn ich die Elbphilharmonie sehe, weil es ein unglaubliches Gebäude ist. Allerdings klingt sie scheiße.

Was macht dich wütend?

Ich reg mich nicht wirklich auf, dafür lass ich die Sachen nicht nah genug an mich ran und lass mich nicht provozieren. Ich hab die meiste Zeit einen ausgeglichenen Spirit.

Samy persönlich...

Meine Schwäche... ist, keine Schwächen zu haben (lacht). Nein, Quatsch. Meine Schwäche ist, dass ich so projektfokussiert mein Leben lebe, dass mein Privatleben nur ein Nebenprodukt meines Künstlerseins ist. Ich habe viele Momente, in denen ich denke, das ist richtig, das ist meine Mission. Manchmal denke ich aber auch: Es ist eine Schwäche, dass immer vom anderen regiert wird.

Meine Mutter... macht mein Management und die Buchhaltung. Das sagt alles. Ich muss immer aufpassen (lacht), ich hab das gute Gewissen in meiner Visa-Card integriert.

Wenn ich König von Deutschland wäre... würde ich den Leuten die Möglichkeit geben, ihre Persönlichkeit und Talente zu erkunden. Keiner hat Spaß am Lernen, keiner hat Spaß am Schulsystem. Das würde ich ändern.

Glücklich macht... auf jeden Fall kein Reichtum. Heute will jeder reich und erfolgreich werden. Aber das ist nicht das, was glücklich macht. Glücklich macht das Ausschöpfen des eigenen Potenzials, deine Passion, deine Talente auszuleben.

Fußball in Hamburg... ist mir eigentlich scheißegal, aber wenn es schon Fußball geben muss, dann sollten alle Vereine und Fans sein wie der FC St. Pauli.

Geld ist für mich... Mittel zum Zweck, nichts Heiliges, aber gern gesehen im Deluxeschen Haushalt. Aber wird auch gern verprasst.

Meine Stärke... ist, dass ich Samy Deluxe bin. Das reicht. Ich bin der Krasseste.
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Interview

Kiez-Urgestein Susi Ritsch: „St. Pauli lebt vom Mythos, den es mal hatte“

Meinung – Manfred Ertel
Die Oma ist schuld. Als ihre leibliche Mutter verstarb, zog die 18-jährige Susi Ritsch aus Köln zu ihrer Hamburger Oma. Inzwischen ist die gebürtige Rheinländerin auf St. Pauli eine Institution. Seit fast 35 Jahren betreibt sie mit ihrem österreichischen Mann Heinz, einem Musiker, auf dem Kiez „Susis Show Bar“ – eines der letzten Etablissements, die dem einstigen Rotlicht-Milieu zu Weltruhm verhalfen. Angefangen haben die beiden 1980 mit einem Café an der Ecke zur „Großen Freiheit“, das 24 Stunden täglich geöffnet hatte.

Striptease  statt Café

Nach einem Brandanschlag, bei dem 1984 ihr „Copacabana“ und fast auch ihre Existenz zerstört wurden, entschlossen sie sich zu einem völlig anderen Neuanfang. Sie beantragten die Lizenz zur Eröffnung eines „Cabarets“ – genau genommen war das die „Erlaubnis zur Zurschaustellung von Personen“. So nannte sich damals die Rechtsgrundlage für Live-Sex-Theater wie das „Salambo“ oder das „Regina“, die St. Pauli zu seinem Mythos verhalfen aber inzwischen Geschichte sind.

Nur gucken, nicht anfassen

„Susis Show Bar“ ist geblieben. Das Konzept ist simpel. Auf einer Bühne in der Mitte der Bar tanzen Frauen und ziehen sich dabei aus. Am „Schnüffelbalken“ drum herum sitzen die Gäste und schauen ihnen dabei zu. Nur gucken, nicht anfassen – harten Sex und Prostitution gibt es bei ihr nicht.

Susi Ritsch (58) lacht viel, wenn sie über ihre „Mädchen“ spricht und die Veränderungen auf St. Pauli. Es sind nur noch wenige Bars wie ihre oder das „Dollhouse“ übrig geblieben. Sind sie die Seele von St. Pauli, über das seit Wochen so heftig diskutiert wird? Oder sind es die Theater, die neue Gastronomie, die Klubs? Das Quartiersmanagement möchte St. Pauli als „immaterielles Unesco-Kulturerbe“ anerkennen lassen, so wie Pizza backen aus Neapel, den Rheinischen Karneval oder die Ostfriesische Teekultur. Viele Geschäftsleute und Vereine unterstützen die Idee. Es gibt aber auch Gegner, denn die „Seele des Stadtteils“ – dazu gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen. Frage: Was ist eigentlich die Seele von St. Pauli? Susi Ritsch: Oha, das ist eine echt schwierige Frage. Für mich gehört sicher der Rotlicht-Mythos dazu, früher gab’s hier schließlich nur Sex, viele Menschen, und die hatten Spaß daran. St. Pauli lebt noch immer von dem Mythos, den es mal hatte, das Rotlicht zieht noch immer die Gäste an, auch wenn es immer weniger wird. Insofern ist es auch Teil der Seele. Die Frage spaltet derzeit Gastronomen und Kneipenwirte, aber auch Anwohner und Politiker, die St. Pauli zum Kulturerbe der Unesco machen und so den Stadtteil retten möchten. Zum Rotlicht gehörte immer auch Kriminalität, von Frauenhandel bis zu Gewalt. Was ist daran so rettenswert? Die ganze Diskussion hängt schon mit dem Mythos zusammen, mit diesem Ruf von früher. Sicher gab es auch Kriminalität, aber kein Mensch, der heute über den Mythos St. Pauli spricht, denkt dabei an Kriminalität. Sondern eher an dieses Prickeln, Frauen kennenlernen zu können, das war schon zu Zeiten von Hans Albers so. Das ist immer noch in den Hinterköpfen, obwohl es garantiert nicht mehr realistisch ist, aber realistisch ist hier schon lange nichts mehr. St. Pauli ist heute wirklich eine Mischung aus Kunst, Kultur, Events, Techno-Discos und sich zuschütten. Was würde sich denn für Sie verändern, wenn St. Pauli Unesco-Kulturerbe würde? Auf jeden Fall unsere Werbung (lacht). Ich weiß selbst nicht so genau, was die erwarten und was gerettet werden soll. Die Kioske auf gar keinen Fall. Diesen Ballermann-Mythos braucht hier keiner. Wie hat sich St. Pauli seit Ihren Anfängen verändert? Alle zehn Jahre gibt ist hier einen Wandel. In den achtziger Jahren gab es die ganzen Cabarets, „Salambo“, „Colibri“, „Tabu“ und wie sie alle hießen. Das „Salambo“ war der Hauptanziehungspunkt, da wurden Sex-Shows mit allem geboten, die St. Pauli weltberühmt machten, es kamen dazu sogar viele Männer aus dem Publikum auf die Bühne.

In den Neunzigern, kam die Disco-Welle. Später kamen dann die Musik-Klubs, Corny Littmann folgte mit seinen Theatern, es gibt neue Qualitätsgastronomie. Es blieben nur noch ein paar Leute von den Alten übrig. Die Zeiten verändern sich. Die Kriminalität übrigens auch.

Wie sind Sie auf die Idee der Showbar gekommen? Strip und „Oben Ohne“ waren – verglichen mit den harten Sex-Klubs auf der Großen Freiheit – damals doch vergleichsweise harmlos. Ich bin typische Kölnerin, der lustige Typ, der Karneval liebt und viel Spaß haben möchte. Ich habe deshalb sogar selbst über Jahre hier ein bisschen getanzt. Wir hatten immer tolle Musik. Die Leute kamen gut gelaunt, es war einfach lustig bei uns, gute Stimmung, darum ging es den Leuten, die wollten feiern. Mehr nicht? Wenn sie mehr wollen, sollen sie doch in die Herbertstraße gehen oder sonst wo in den Puff. Hier gab’s nur gute Laune, das ist bis heute so. Passen nackte Frauen, die an der Stange tanzen, heute noch in die Zeit? Erstens haben wir keine Stange (lacht). Sie tanzen auf einer kleinen Bühne. Und natürlich kann man das heute alles im Internet haben und überall. Dazu für weniger Geld. Aber sogar die Veranstalter des „Wacken Open Air“ buchen Frauen bei uns.

Wir verkaufen gute Stimmung, gutes Klima und tolle Mädchen, nicht die typischen von St. Pauli. Die Mädchen unterhalten die Gäste, und die können sich auch mit ihnen unterhalten. Finden Sie Ihr Gewerbe eigentlich politisch korrekt? Was heißt schon politisch korrekt. Wir machen doch gar nichts. Wir fördern keine Prostitution. Immerhin stellen Sie Frauen als reine Sexualobjekte zur Schau, während zugleich öffentlich über „#MeToo“ diskutiert wird. Passt „Susis Show Bar“ noch in die politische Landschaft? In Hamburg haben wir das Problem nicht. Alles ist doch freiwillig. Die Frauen kommen ja von selber zu uns, wollen hier arbeiten und fragen höflich, darf ich. Das ist doch toll. Die Gäste kommen auch freiwillig (lacht).

Am Wochenende, freitags und samstags, haben wir bis gegen Mitternacht fast nur Pärchen als Gäste. Weil wir auch ein nettes Show-Programm für Frauen machen. Das müssen wir jedes Wochenende zehn Mal wiederholen. Die Frauen wollen nämlich auch ein bisschen was sehen. Nicht nur die Männer. Was sind das für Frauen, die bei Ihnen tanzen? Das geht durch alle Schichten. Wir haben Mädels, die gehen zur Uni oder auf die Privathochschule, die müssen ihr Studium finanzieren. Wir haben auch Mütter mit Kindern, die durch Tanzen ihr Leben als Alleinerziehende aufbessern.

Das sind keine Frauen, die in der Herbertstraße oder im Bordell arbeiten. Sie bewerben sich übers Internet oder kommen einfach hier rein und fragen, ob sie mal vortanzen können. Wir können ja nicht jede nehmen. Manche tanzen nur zwei Tage in der Woche, manche häufiger. Alle sind sozialversicherungspflichtig angemeldet.

Wer sind die Gäste? Touristen auf ihrem Reeperbahnbummel, Betrunkene oder Theaterbesucher, die nach der Aufführung noch etwas erleben wollen?

Auch, aber wir haben unheimlich viele Stammgäste, und das über Jahre und Jahrzehnte. Die reservieren auch. Manchmal ist es schwierig, noch einen freien Tisch zu ergattern. Alle haben Lust auf gute Laune und einen netten Abend.



Sind Betriebe wie „Susis Show Bar“ oder das „Dollhouse“ die letzten Relikte, mit denen die Illusion von Rotlicht und käuflichem Sex aufrechterhalten und der Mythos am Leben gehalten wird? Wir sind alte Haudegen und der Rest der sündigen Meile. Wir tragen sicher einen großen Teil dazu bei, die Illusion zu erhalten. Mehr aber auch nicht. Denn wenn Gäste manchmal fragen, können wir hier Sex machen, denen sagen wir, nein, dann musst du in den Puff gehen. Da sind wir ganz klar. Sogar die Polizei schickte uns schon Gäste, die wissen ganz genau, wo man nicht betrogen und abgezogen wird. Sie sind Fußball-Fan vom FC St. Pauli, nur weil das auf dem Kiez dazugehört? Nein, ich bin echter Fußball-Fan. Ich habe früher selbst gespielt, in Bergisch-Gladbach. Eigentlich bin ich mehr für Kölle, das sag ich aber nicht so laut. Über Corny Littmann (Ex-Vereinspräsident und Theatermacher, Red.) bin ich zum FC St. Pauli gekommen.

Wir haben inzwischen viel mit dem Verein zu tun, wir sind über Jahre eine Art Mannschaftslokal, die Spieler feiern hier ihren Ausstand, Einstand, Umstand, das ging schon zur Zeit von Holger Stanislawski los. Das ist immer noch so und bringt einfach viel Spaß. Die Spieler kommen und gehen, wir bleiben. Gerade erst waren auch wieder Spieler hier. Die waren schon echt alt. Sie haben ein Loge im Millerntor-Stadion gemietet und sind deswegen zum Streitobjekt im Verein geworden. Linke Ultras kritisieren, dass nackte Tatsachen und Fußball in einem sich links gerierenden Verein nicht zusammenpassen. Verstehen Sie die Diskussion? Habe ich verstanden. Und, wie fanden Sie die? Eigentlich schlimm. Denn unsere Mädels waren nie nackt, wie behauptet wurde. Die hatten immer ihren Dress an. Andererseits hatten wir die beste Werbung. In der ganzen Welt wurde darüber geschrieben, dass bei uns die Mädchen Oben Ohne tanzen, obwohl das gar nicht stimmte. Hat sich auf unser Geschäft aber positiv ausgewirkt. Sie engagieren sich sehr sozial. Ist das ein bisschen schlechtes Gewissen? Nein, mein Herz schlägt so. Ich komme aus einem armen Elternhaus, ich will helfen. Wir sind Teil von St. Pauli und haben einige soziale Probleme direkt vor der Haustür, und wir wollen auch was zurückgeben, ob für Flüchtlinge, Obdachlose oder die Kinderkrebshilfe. Es gibt viel zu tun.

Susi Ritsch persönlich

Wenn ich Abstand von St. Pauli brauche . . . fahre ich in Urlaub, an die Ostsee oder nach Österreich.

Meine Lieblingsbeschäftigung ist . . . nähen, meistens Kostüme für meine Mädchen.

Meinen letzten Reeperbahnbummel habe ich . . . erst vor wenigen Tagen gemacht, (lacht) mit einer Freundin aus Baden-Baden. Wir waren unter anderem in einer Bar und später in einem der letzten noch typischen Table-Dance-Läden. Man muss das einfach öfter mal machen.

Mein Lieblingsplatz ist . . . die Elbe, vor allem eine Strandbar  im Hafen.

Gleichberechtigung von Frauen bedeutet für mich . . . dass Frauen alles machen können, auch sich zur Schau stellen.

Junggesellenabschiede auf dem Kiez . . . finde ich gut. Wir profitieren davon.
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Interview

HSV-Manager Bernd Wehmeyer: „Sport ist mein Gradmesser, wie es mir geht“

Meinung – Manfred Ertel
Er hat in der Stadt keinen Ruf wie „Uns Uwe“ Seeler, er war zu seiner aktiven Zeit kein „Kopfballungeheuer“ wie Horst Hrubesch oder hat „Bananenflanken“ erfunden wie Manfred Kaltz. Er ist auch kein Nationalspieler wie „Worldcup-Willi“ Schulz. Und doch ist Bernd Wehmeyer (66) seit Jahren einer der beliebtesten Vertreter des Hamburger Traditionsvereins.

Der Klub-Manager sitzt sonnengebräunt und gut gelaunt im Stadionrestaurant „Raute“. Er ist gerade von einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer zurück, wo er Reisenden Fußball erklärt und die WM kommentiert hat, keine Spur von Alterserscheinungen oder überstandenem Herzinfarkt. Der in Herford geborene Lehrer (Sport und Geografie) wechselte nach dem Studium vom Hörsaal direkt auf den grünen Rasen. Über Bielefeld und Hannover kam Wehmeyer 1978 als Spieler zum Hamburger Sport-Verein und war bis 1986 Stammspieler der erfolgreichsten HSV-Mannschaft aller Zeiten, die 1979, 1982 und 1983 Deutscher Meister wurde und auch den Europapokal der Landesmeister gewann. Seinen Spitznamen „Fummel“ verlieh ihm Horst Hrubesch, als er sich beim Dribbling in einem Trainingsspielchen wieder mal nicht vom Ball trennen wollte.

Nach mehrjährigem Intermezzo als Repräsentant beim Sportartikelhersteller „Adidas“ holte ihn der damalige Präsident Uwe Seeler 1995 zurück zu seinem Lieblingsklub. Wehmeyer war Sportdirektor, Klubmanager und Teammanager, er organisierte Testspiele und Trainingslager, repräsentiert den Verein bei Sponsoren und genießt wegen seiner Integrität besondere Wertschätzung zum Beispiel in den Arabischen Emiraten, als „Mann, dem die Scheichs vertrauen“.

Frage: Müssen Sie sich eigentlich manchmal kneifen und selbst fragen, warum Sie nach 20 Jahren immer noch Klub-Manager beim HSV sind? Bernd Wehmeyer: Nicht wirklich. Mir hat der Job beim HSV immer sehr viel Spaß gemacht und das macht er mir nach wie vor. Kneifen muss ich mich eher, dass wir nicht mehr erstklassig sind, sondern für uns demnächst eine Zweitliga-Saison losgeht. Daran muss ich mich noch gewöhnen. Vorsitzende, Aufsichtsräte, Trainer und Sportchefs kommen und gehen, nur der Klub-Manager bleibt. Wie erklären Sie sich das selbst? Letztendlich bin ich abgesehen von den ersten drei Jahren, als ich quasi die Funktion eines Sportdirektors hatte, immer in der zweiten Reihe gewesen. Wenn man in vorderster Front steht, ist es natürlich gefährlicher. Das klingt sehr uneitel. Das bin ich auch. Natürlich spielen meine Arbeit und meine Persönlichkeit bestimmt auch eine Rolle. Dass über all die Jahre die verschiedenen Gremien mit meiner Arbeit sehr zufrieden waren, ist sicher auch ein Vertrauensbeweis. Und es ist gut für den Verein, dass eine Konstante da ist. Das höre ich übrigens sehr häufig. Sie haben in 183 Spielen für den HSV ganze zehn Tore geschossen, Sie waren nie A-Nationalspieler. Fühlten Sie sich manchmal unter Wert gehandelt? Nein, das entspricht nicht meiner Persönlichkeit. Ich muss das ganze Bohei um meine Person nicht haben. Ich bin zwar ursprünglich als Außenstürmer gekauft worden, aber meine erfolgreichste Zeit habe ich als linker Verteidiger erlebt. Ich war dafür zuständig, dass wir wenig Tore kassieren. Fürs Toreschießen hatten wir genügend andere großartige Spieler.

Wären Sie gern Nationalspieler gewesen? Im Nachhinein muss ich sagen, ja schon. Aber die Zeiten waren damals anders. Man wurde nicht gleich nach drei guten Spielen in die Nationalmannschaft berufen oder reingeschrieben. Ich hätte auch das eine oder andere Länderspiel im Vorfeld der Olympischen Spiele machen können, habe aber auf eine Länderspielreise nach Frankreich und Luxemburg, für die ich berufen war, verzichtet, um bei Olympia dabei sein zu können. Damals waren die Bestimmungen so. Und die Spiele 1984 in Los Angeles waren für mich was ganz Besonderes.

Was hat sich seitdem im Fußball verändert? Das, was letztendlich auf dem grünen Rasen passiert, sind die gleichen Gesetzmäßigkeiten wie früher. Natürlich ist das Spiel noch athletischer geworden, teilweise schneller. Die taktische Entwicklung ist dahin gegangen, dass alles auf sehr engem Raum passiert. Rasant verändert hat sich das Drumherum, die Sponsorenlandschaft, die ganze Entwicklung der Medienlandschaft ist kolossal anders, wenn man die Anzahl der TV-Sender, der Radiostationen und Reporter sieht und den Social-Media-Bereich. Da kommt heute sehr viel mehr auf die Spieler zu. Zum Vorteil? In jedem Fall zum Vorteil der Spieler und deren Konten. Fußball ist noch viel mehr ein Wirtschaftszweig, das Geld hat ganz andere Dimensionen angenommen. Jeder einzelne Spieler hat neben dem Training viele andere Dinge für sein Geld zu absolvieren. Zu meiner Zeit betraf das die ganz großen Stars wie Kevin Keegan oder Franz Beckenbauer. Der Rest der Mannschaft konnte sich relativ in Ruhe auf das Wesentliche konzentrieren.

Hier finden Sie alle Interviews der Serie Warum müssen prominente Fußballer heute eigentlich von Kopf bis Fuß tätowiert sein? Ehrlich gesagt ist das ein Modetrend, den ich nicht verstehe und auch nicht so richtig nachvollziehen kann. Ich weiß nicht, was daran toll ist, und warum die Spieler darauf so viel Zeit und Energie verwenden, das wird ja auch ein bisschen weh tun. Manche Spieler sind so stark tätowiert, dass ich mich manchmal frage, ob die beim Hemdenkauf schon darauf achten müssen, ob das farblich zu den Tattoos passt. Wahrscheinlich bin ich ein bisschen zu alt. Mit 66 sind andere längst im verdienten Ruhestand, wie lange wollen Sie noch machen? Ich könnte jetzt natürlich sagen, solange es mir Spaß macht. Tatsächlich habe ich für mich mal gesagt, ich möchte in meiner zweiten HSV-Phase gerne die 25 Jahre voll machen. Das wäre ein rundes Jubiläum. Ohne Angst um die Gesundheit? Ende 2011 hatten Sie einen Herzinfarkt, wie hat Sie das und Ihr Leben verändert? Es geht mir heute körperlich eigentlich besser als vor diesem Ereignis, was normal ist und so sein muss. Aber wir leben natürlich etwas bewusster, das ist ganz klar. Meine Frau achtet noch mehr auf die Ernährung und tritt auch manchmal auf die Bremse. Ich lasse mich regelmäßig durchchecken, wir machen regelmäßig gemeinsam Sport, Laufen oder auf dem Crosstrainer. Ich brauche das, und der Sport ist ein auch mein Gradmesser, was ich noch kann und wie es mir geht. In einer medizinischen Veröffentlichung stand zu lesen, der Tod klopfte an Ihre Tür. Haben Sie das so empfunden? Im Nachhinein kann man das so interpretieren. In dem Moment damals habe ich das so nicht empfunden. Ich merkte beim Joggen auf dem Laufband, dass irgendwas nicht in Ordnung war und habe einen Freund angerufen, der sofort einen Termin im Universitätskrankenhaus gemacht hat. Ich bin dann selbst noch nach Hause unter die Dusche gefahren und danach mit meiner Frau ins UKE. Eigentlich dachte ich da, es ist schon wieder alles okay. Bei den Untersuchungen wurde dann festgestellt, dass eine Arterie vollkommen verschlossen war. Insofern ist wahrscheinlich wirklich an meine Tür geklopft worden.

Wenige Wochen danach mussten Sie sich überraschend einer zweiten Operation unterziehen an der Prostata. Hören Sie jetzt anders in sich und Ihren Körper rein? Mit Sicherheit macht man das, zumindest in den ersten Jahren danach. Jetzt hat das etwas nachgelassen. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis man das alles einigermaßen verdrängt und hinter sich gelassen hat. Sie machen einfach weiter, als wäre nichts geschehen, haben Sie nie Sorge, Sie könnten sich zu viel zumuten? Wenn ich Probleme hätte, würde ich das sicher nicht machen. Am Anfang ist die Anspannung noch höher. Und ausschließen kann man das nie. Aber im Moment ist es wirklich so, dass es mir gut geht. Und ich mich fit fühle. Das sind für mich die Indikatoren. Wird Hamburg Ihre Heimat bleiben oder zieht es Sie nach der Zeit beim HSV zurück nach Westfalen? Nein, nein. Hamburg ist mittlerweile zu meiner Heimat geworden, ich fühl mich hier sehr wohl. Ich bin natürlich nach wie vor auch Herforder, ich habe da noch Familie und bedauere, dass ich jetzt nicht beim 50-jährigen Klassentreffen dabei sein konnte. Sobald ich für ein paar Tage da unten bin, hoffe ich, das mit möglichst vielen nachholen zu können. Eine sportliche Frage muss gestellt werden: Wohin geht der Weg des HSV in der 2. Liga? Der Weg muss so schnell wie möglich wieder nach oben führen, eigentlich schon nach einem Jahr. Im Moment glaube ich auch daran. Hoffnung machen die letzten Spiele in der Bundesliga, und dann natürlich die Begeisterung und Euphorie um den Verein herum, die trotz des Abstiegs herrscht. Aber wir müssen uns natürlich alle im Klaren sein, dass das Vorschusslorbeeren sind und wir die mit Leistung zurückzahlen müssen. Können Sie den Namen Kühne und die Diskussion um den HSV-Investor noch hören? Ich habe das immer anders gesehen. Wir müssten doch jeden Tag ein paar Kerzen aufstellen, dass es einen Herrn Kühne überhaupt gibt. Er ist genauso HSV-Fan wie ich oder andere, er ist für mich nie ein Investor gewesen, der mit dem HSV Geld verdienen will. Das hat er sowieso genug und verdient das an anderen Stellen reichlich. Der will einfach, dass der HSV erfolgreich ist, dann hat er Spaß.

Bernd Wehmeyer persönlich

Mein Lieblingsplatz in Hamburg  . . .  ist mein Garten und ist das Alstertal.

Abschalten kann ich am besten . . . beim Rasenmähen, ein gutes Stündchen brauch ich dafür schon.

Meine Lieblingsbeschäftigung außer Fußball . . .  Essen gehen, Fisch, Pasta, Fleisch, in dieser Reihenfolge.

Labskaus ist für mich . . . ein Schmankerl, aber eigentlich nur in meinem Lieblingsrestaurant am Hafen.

Ein Derby in Hamburg bedeutet  . . . tolle Stimmung und ein Fußballfest.

Ich wollte immer schon mal . . . gut Golf spielen können.

Als Rentner freue ich mich besonders auf . . . noch mehr Zeit zum ausgiebigen Frühstück.  
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Interview

Milliardär Klaus-Michael Kühne: „Ich will gestalten, beim HSV ist das in die Hose gegangen“

Meinung – Manfred Ertel
Der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär hat, so scheint es fast, einen Hamburger Namen. Klaus-Michael Kühne war 26 Jahre alt, als er 1963 Gesellschafter und Teilhaber der Spedition Kühne + Nagel wurde, drei Jahre später war er bereits Vorstandsvorsitzender. Als Erfahrung brachte er damals lediglich eine zweijährige Ausbildung als Bank- und Außenhandelskaufmann in einem Hamburger Bankhaus ein sowie ein bisschen Berufspraxis bei befreundeten Speditionen, Reedereien und Schiffsmaklern. 

Heute ist Kühne + Nagel ein international führender Logistik-Konzern, der in mehr als 100 Ländern an über 200 Unternehmen direkt oder indirekt beteiligt ist und nahezu 79.000 Mitarbeiter beschäftigt. Kühnes Vermögen, das weitgehend in Firmeneigentum gebunden ist, wird auf über 14 Milliarden Euro geschätzt. Er rangiert 2018 auf Platz 7 der reichsten Männer Deutschlands, und auf der internationalen Forbes-Liste wird er auf Platz 93 geführt. Der schwerreiche Unternehmer (81) sitzt in der Bibliothek seines neuen Luxushotels „The Fontenay“ an der Hamburger Außenalster und plaudert entspannt über sein Leben, das ganz von seinem Unternehmen bestimmt wurde. „Ich bin da hinein gewachsen“, sagt er, „es hat mich von Anfang an fasziniert und gepackt. Und am Ende habe ich ziemlich viel erreicht, ja.“

Kühne wirkt mit sich im Reinen, auch wenn es um sein Image in der Öffentlichkeit und sein liebstes Hobby geht – den HSV. Für den hochverschuldeten Fußballklub schlägt sein Fan-Herz, als Anteilseigner sorgt er immer wieder für Schlagzeilen, wenn er die desolate sportliche und finanzielle Entwicklung kommentiert.

Frage: Wann haben Sie eigentlich beschlossen, Großunternehmer und irgendwann mal Milliardär zu werden?Klaus-Michael Kühne: Das Letztere kann man natürlich nicht beschließen (lacht). Mein Lebensweg war vorgezeichnet. Ich bin eben sehr durch das Elternhaus geprägt. Mein Großvater hat die Firma gegründet, mein Vater hat sie fast 60 Jahre lang geleitet. Er wollte, dass ich rechtzeitig in seine Fußstapfen trete, das habe ich dann gemacht und ziemlich schnell Blut geleckt, mich mit dem Beruf und dem Unternehmen identifiziert. Ich war sehr von meinem Vater geprägt hatte immer den Ehrgeiz, alles noch weiter zu entwickeln.

Sind Sie das Paradebeispiel dafür, alles erreichen zu können, wenn man nur will?Das würde ich nicht sagen. Denn es war ja ein Unternehmen da, das damals schon fast 75 Jahre alt war und eine gute Plattform darstellte. Die Spedition war ein gesundes Geschäft, vielleicht nicht so spektakulär wie heute, wo die Logistik den Welthandel nicht nur unterstützt, sondern treibt und zum Teil erst ermöglicht. Aber ich kam in ein gefestigtes Unternehmen. Es gab auch Rückschläge und auch Kampf, aber ich habe mich durchsetzen können.

Wäre so eine Erfolgsgeschichte heutzutage noch denkbar? Undenkbar ist sie sicher nicht, aber es ist gewiss nicht der übliche Weg. Ich war ja auch sehr einseitig fokussiert, hatte lange keine Familie, habe alles auf die Arbeit und auf das Unternehmen konzentriert. Ich bin ständig durch die Welt gereist, habe die ganze Auslandsorganisation entwickelt, das war harte Arbeit. Aber sie hat mich immer fasziniert, deshalb habe ich das gar nicht so als Last empfunden. Vielleicht habe ich das von meinem Vater übernommen, für den das Unternehmen immer an erster Stelle stand, gleichwertig mit der Familie. Allerdings hatte er eine Familie, im Gegensatz zu mir.

Haben Sie mal bedauert, dass sie nicht studiert haben und sei es, um sich von den Eltern zu emanzipieren? Revolutionäre Gedanken hatte ich nie. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, aber das hätte viele Jahre in Anspruch genommen. Da stand der Wunsch meines Vaters im Vordergrund, dass ich das Unternehmen übernehme. Er war immer recht krank, obwohl er sehr alt geworden ist. Dadurch fühlte ich mich verpflichtet. Aus heutiger Sicht wäre ein betriebswirtschaftliches Studium wichtig, deswegen habe ich am Anfang natürlich auch Fehler gemacht. Aber ich habe aus Fehlern immer gelernt. Inzwischen fühle ich mich aufgrund meiner Erfahrung längst wie jemand, der studiert hat.

Wissen Sie eigentlich, wie groß Ihr Vermögen genau ist? Das kann ich aus dem Aktienkurs von Kühne + Nagel ableiten, der geht rauf und runter, hat sich aber sehr gut entwickelt. Dadurch ist das Vermögen in der Tat sehr groß. Aber das steht auf dem Papier. Und ich will keine Aktien verkaufen, insofern ist das für mich kein Geld im  eigentlichen Sinne. Das Unternehmen soll in einer Hand gehalten oder zumindest durch einen Mehrheitsaktionär bestimmt werden, um es zusammenzuhalten. Das ist für mich ein etwas anderer Wert.

Was bedeutet Geld für Sie? Geld ist natürlich wichtig. Wenn man es aufs Unternehmen bezieht, ist Betriebskapital erforderlich, man muss flüssig sein und im richtigen Moment investieren können. Man muss Engpässe und hohe Schulden vermeiden oder wenn man sie hat, sich gut absichern.

Und im privaten Bereich? Wenn man so vermögend ist wie ich, leistet man sich den einen oder anderen Luxus. Auf der anderen Seite bin ich sehr sparsam, überlege mir alle Ausgaben sehr genau und versuche das immer auszubalancieren. Ich habe natürlich einige Privathäuser, ich habe auch eine Motorjacht, da hat man Freude dran. Aber man soll es nicht übertreiben und nicht allzu unbescheiden sein.

Bereits 1969 wurde der Firmensitz in die Schweiz verlegt, aus Angst vor dem deutschen Arbeits- und Mitbestimmungsrecht oder war es mehr eine Flucht vor hohen Steuern? Es war in erster Linie wegen der politischen Situation in Deutschland. Mein Vater war immer sehr konservativ, aber er war auch sehr ängstlich. Als die Ära Willy Brandt begann, meinte er, die besten Zeiten für Unternehmer und für Deutschland seien vorbei. Die Sozialbelastungen wären sehr hoch, und die Mitbestimmung mochte er gar nicht. Und dann hatte die Schweiz natürlich auch ihre steuerlichen Vorteile. Aber die waren für uns eher sekundär. Mein Vater war überzeugt, aus der Schweiz raus könnte man freier wirtschaften. Außerdem liebte er das Land, er hat dort früh seinen Altersruhesitz genommen.

Sie lieben Hamburg, haben aber trotzdem 1975 auch Ihren Wohnsitz in die Schweiz verlegt, warum? Es war die Idee, die Holding als zentrale Schaltstelle für die Verbreitung des Unternehmens über die ganze Welt, an einer neutralen Stelle anzusiedeln und noch dazu im Herzen Europas. Da war ich als Vorsitzender der Geschäftsleitung praktisch verpflichtet, meine Tätigkeit dort auszuüben. Das fiel mir aber auch nicht schwer, denn damals war in Hamburg noch nicht so viel los.

Ärgert es Sie eigentlich, immer wieder den Vorwurf des Steuerflüchtlings zu hören? Natürlich hört man das nicht gern. Damals war das anders. Heute sieht man es so, dass wer auch immer in die Schweiz gegangen ist, Steuervorteile wahrgenommen hat. Dabei haben das ja viele Unternehmen gemacht. Wen man da alles trifft, da ist man manchmal selbst erstaunt. Natürlich war das damals ein Steuer-Ventil. Und das ist auch ein Grund, warum ich in Hamburg so viel unterstütze, ich möchte auch was zurückgeben. Denn ich fühle mich als Deutscher, ich bin Hamburg ganz besonders verbunden, ich bin zwar in der Schweiz zu Hause, aber nicht in meinem Heimatland.

Sie wohnen in der Schweiz und pendeln zwischen Mallorca und Hamburg, was bedeutet Heimat für Sie? Zu Hause bin ich hier natürlich nicht, aber ich fühle mich hier wohl. Ich bin an vielen Dingen, die in Hamburg passieren, interessiert und mit ihnen eng verbunden, ob es die Kultur ist, der Hafen, die Wirtschaft oder der Fußball. Das ist meine Interpretation von Heimat.

Wie gefällt Ihnen die Entwicklung der Stadt? Sehr gut, insbesondere in den letzten 20 Jahren hat sich Hamburg stark modernisiert. Die Hafencity ist eine tolle Sache, wir waren die Zweiten, die dort investiert haben. Viele hatten uns gewarnt, das wird nie was. Dann ist alles gewachsen und sehr schön geworden. Die Elbphilharmonie ist eine tolle Sache, ich war von Anfang an als Förderer dabei. Und auch das Kulturleben fasziniert uns, vor allem Musik, auch schon vorher mit der Staatsoper oder der Laeiszhalle. Wir gehen auch zu Festspielen in Europa, aber Hamburg hat was zu bieten. Man kann Hamburg heute ernst nehmen, auch durch die Elbphilharmonie, die hat Hamburg auf der Kulturlandkarte der Welt bekannt gemacht.



Wie sehr belastet Sie die Debatte über die historische Rolle der Spedition Kühne + Nagel während der NS-Zeit? Wenn man sich nach dem Krieg damit befasst hätte, in den 50er/60er Jahren, hätte ich dafür Verständnis gehabt, aber nachdem so viel Zeit vergangen war, fand ich es überraschend, dass dieses Thema wieder auf den Tisch kam. Andererseits kann man die Dinge nicht ungeschehen machen. Wir müssen uns dazu bekennen. Es hat in der Kriegszeit leider Transporte von Gütern jüdischer Eigentümer gegeben, davon können wir uns nicht lossagen. 

Warum sind Sie nicht einfach in die Offensive gegangen und haben die Firmenarchive zur Aufarbeitung der Firmengeschichte geöffnet? Tatsache ist, die uns keiner so richtig glauben will, dass unsere Archive in Bremen und Hamburg, und das waren damals unsere maßgeblichen Häuser, beide völlig zerstört worden sind. Wir hatten selbst so gut wie keine Unterlagen aus der NS-Historie, gar keine Unterlagen kann man sagen. Es gab wohl in Staatsarchiven etwas, und daher kam ja auch das Wissen, dass dann an uns herangetragen wurde. Wir konnten es gar nicht von uns aus publizieren. Das wurde dann so verzerrt dargestellt, als wenn wir gemauert hätten und uns der Sache nicht stellen wollten. Das war sehr unerfreulich.

Sie sind inzwischen 81 und immer noch auf Jagd nach neuen Ideen und Herausforderungen, wie zuletzt beim Bau des Hotels „Fontenay“ an der Hamburger Außenalster. Was treibt Sie an? Ich liebe die Bewegung und die Herausforderung, mich mit neuen Dingen zu beschäftigen. Ich bin ein rastloser Typ, einer, dem es sonst langweilig wird. Ich will gestalten. Ich habe mir allerdings nicht vorstellen können, dass zuletzt die beiden Hotelbauten auf Mallorca und in Hamburg solche Dimensionen und auch solche Komplexitäten annehmen würden. Ich habe auch gelernt, und meine Frau predigt mir das jeden Tag, nicht immer wieder neue Sachen anzufangen und ein bisschen kürzer zu treten.



Beschäftigt Sie das Thema Tod? (lange Pause) Naja, nicht so, dass ich das Thema ständig vor Augen habe und darüber grübele. Aber natürlich beschäftigt man sich damit. Und je älter man wird sagt man sich, da kann auch schnell mal etwas passieren, deshalb muss man sein Haus bestellen. Andererseits fühle ich mich noch sehr fit und beschäftige mich mit so vielen Dingen. Es ist eher ein nachrangiges Thema.

In der öffentlichen Debatte über neue Hamburger Ehrenbürger fällt immer wieder auch Ihr Name. Ehrt Sie das? An der Diskussion bin ich nun völlig unbeteiligt, ich bin da sehr uneitel. Das ist sicher eine tolle Sache, aber dafür müsste man in Hamburg leben, die Voraussetzungen erfülle ich nicht, deshalb kann ich gar kein ernsthafter Kandidat sein in meinen Augen. Es sei denn, ich würde eines Tages meinen Wohnsitz zurückverlegen, was nicht meine Absicht ist, aber man soll nie „nie“ sagen. Dann könnte es vielleicht passen, nach all dem, was ich für Hamburg getan habe. Aber ich würde nie aus solchen Überlegungen heraus handeln.

Sind Ihre Spenden und Finanzhilfen über die Kühne-Stiftung auch Ausdruck schlechten Gewissens? Keinesfalls. Entstanden ist die Stiftung aus der Überlegung, dass wenn ich keine natürlichen Erben hinterlasse, sie als Auffangbecken für die Firmenanteile dienen soll. Etwa zehn Jahre nach ihrer Gründung beschloss ich, die Stiftung zu meinen Lebzeiten zu entwickeln und den philanthropischen Zielsetzungen zu entsprechen. Für meinen Vater stand immer die Aus- und Weiterbildung von jungen Menschen im Mittelpunkt. Er hat sich viel damit beschäftigt, Nachwuchskräfte auszubilden und heranzuführen. Das ist meines Erachtens eines der größten Erfolgsrezepte von Kühne + Nagel...

Und der Ausgangspunkt für die Errichtung einer eigenen Logistik-Hochschule? Wir haben zunächst Logistik-Studien gefördert, Forschungs- und Bildungsprojekte zur Logistik in Kooperation mit wissenschaftlichen Partnern. Die Idee einer eigenen Universität war dann eine logische Entwicklung. Wir sind sehr stolz auf unsere Kühne Logistic University in der Hafencity, sie ist praktisch ein Unikat, eine Logistik-Hochschule in dieser reinen Form gibt nirgendwo anders. Privat-Unis finanzieren sich nicht selbst. Sie muss ständig von der Stiftung alimentiert werden. Aber es ist eine große Herausforderung, eine Elite mit internationaler Ausrichtung für die ganze Branche heranzubilden.

In der Medizin kümmert sich Ihre Stiftung um Allergien, Forschung und Erziehung, wie kommt es zu dieser zumindest ungewöhnlichen Kombination? Durch meine Frau, die in ihrer Familie Fälle von Neurodermitis hat. Die Erforschung und Behandlung von Allergiekrankheiten werden allgemein nicht so stark gefördert wie zum Beispiel Herz- und Kreislauferkrankungen oder Krebs. Wir haben mit einer Beratungsstelle in einem Kinderspital in Zürich begonnen, daraus ist ein Allergie-Campus in Davos entstanden, in der schönen Höhenluft. Auf dem Campus sind Forschung, Therapie sowie die Aufklärung von Hausärzten und Patienten angesiedelt.

Zu Ihren weniger erfolgreichen Engagements gehört die Beteiligung am HSV. Kommt es für Sie dabei auf Geld nicht so an? Natürlich kann man sagen, da ich so ein profitables Unternehmen habe, kann ich es mir leisten in Bereiche hineinzugehen, wo nicht das Geldverdienen im Vordergrund steht, aber man etwas gestalten kann. Bei der Reederei Hapag-Lloyd ist das gelungen, obwohl ich zehn Jahre lang  noch kein Geld gesehen und Kapital sogar aufgestockt habe, und erst vor wenigen Tagen die erste Dividende beschlossen wurde. Aber es hat sich gelohnt, das Unternehmen zu retten, für Hamburg und für Deutschland. Das erfüllt mich schon mit Stolz. Beim HSV ist das nun total in die Hose gegangen, das muss man klar sagen. Da waren alle Versuche umsonst.



Haben Sie die Hoffnung verloren? Ganz so düster, wie es immer dargestellt wird, ist es natürlich nicht. Meine rund 20-prozentige Beteiligung an der AG ist nicht gerade besonders stabil, aber der HSV ist eine Institution, die wird nicht vergehen und die wird auch wieder bessere Zeiten erleben. Der führende Hamburger Fußballklub − das muss ja à la longue mal wieder etwas  werden. Daran eine nicht unmaßgebliche Beteiligung zu besitzen, hat  schon seinen Wert.

Was war Ihnen der Spaß denn bislang wert? Die Größenordnung von 100 Millionen, die immer kolportiert wird, ist etwas übertrieben, es gab ja auch mal Rückflüsse, aber sie ist auch nicht ganz falsch. Davon sind 60 Millionen Anteile im Verein so wie er heute bewertet wird mit 300 Millionen, insofern bin ich so unglücklich nun auch wieder nicht.  Allerdings habe ich immer versucht, durch zahllose Gespräche mit ständig wechselnden Partnern dazu beizutragen, dass es wieder besser wird und man eine stabile und in der Bundesliga gut etablierte Mannschaft zustande bringt. Ich gebe zu, das ist schiefgelaufen und daher enttäuschend.

Wie verstehen Sie sich selbst: Als Investor, Mäzen, Förderer, Fan, Unterstützer? Ich sehe mich in erster Linie als Hobby-Fan, der versucht hat, dem Verein Unterstützung zu geben, damit er die richtigen Spieler kauft und die Finanzen besser geordnet werden. Letzteres scheint bis zu einem gewissen Grad der Fall zu sein. Der Verein kann sich immer noch keine großen Sprünge leisten, aber nachdem ich beschlossen habe, die weitere Förderung einzustellen, kommen sie ja offensichtlich auch alleine klar, eine Mannschaft für die  2. Liga zu formen.

Fühlen Sie sich gerecht behandelt von Fans und Medien? Nein, es gab immer wieder wüste Dinge zu hören und zu lesen, vor allem, dass ich sehr viel Einfluss genommen hätte. Das habe ich nie gemacht, das kann ich gar nicht, weil es die Satzung nicht zulässt, das will ich auch gar nicht. Wenn ich da mal ab und an mitreden könnte, wäre es gut. Aber praktisch ist das nicht drin, das ist ein Klüngel, der sehr stark durch den Verein und die vielen Mitglieder bestimmt wird. Mir lag immer viel daran, dass die richtigen Leute an der Spitze stehen. Ob ich im Aufsichtsrat einen Sitz habe, ist für mich nicht entscheidend. Der Aufsichtsrat  muss in seiner Ganzheit aus überzeugenden Persönlichkeiten bestehen, die von der Sache etwas verstehen und gute Arbeit leisten, auf jeden Fall wesentlich besser als ihre Vorgänger. Ob das jetzt der Fall ist, da möchte ich mich mal der Stimme enthalten. Ich sehe es nicht als hoffnungslos an, aber es ist noch nichts gefestigt.

Wenn Sie könnten wie Sie wollten, was würden Sie als Erstes ändern? Die handelnden Personen müssen Fußballsachverstand haben, aber auch kommerziellen Sachverstand, der Aufsichtsrat muss eine gute Mischung sein, auch mit Führungserfahrung. Es muss ein Team sein, es darf keinen Alleinunterhalter geben. Dazu muss man das richtige Management auswählen, Vorstandsvorsitzender, Sportchef und Finanzchef sind jetzt das Triumvirat an der Spitze, das halte ich von der Struktur her für richtig.

Von den Personen her nicht? Zu Personen äußere ich mich jetzt nicht (lacht). Dann muss man den richtigen Trainer auswählen, da hat es ja zahllose verunglückte Versuche gegeben. Ich glaube an den derzeitigen Trainer, ich wünsche ihm viel Glück und auch Zeit, denn natürlich steht er noch ganz am Anfang. Im Fußball geht es immer wieder auf und ab, beim HSV ist das sehr ausgeprägt. Da muss Kontinuität eintreten, das kann nur im Laufe der Zeit reifen. Wenn es gelingt, sich in der 2.  Liga gut zu behaupten und den Aufstieg in einem, spätesten aber in zwei Jahren zu schaffen, war der Weg vielleicht gar nicht so falsch.

Herbert Wehner hat mal gesagt, wer rausgeht muss auch wieder reinkommen. Wenn wieder mal Not am Mann ist beim HSV, kommen Sie dann wieder rein? (Lacht herzlich) Ich habe mich ja positioniert, ich halte die Sperrklausel für Beteiligungen für unnötig, aber ich sage jetzt auch nicht, ich bleibe lebenslänglich bei meiner Position. Erst einmal bleibe ich Fan, sehe alle Spiele im Fernsehen an und zittere mit, auch in der  2. Liga, und auch wenn das jetzt viel mühsamer wird wegen der Anstoßzeiten. Ich habe mich sogar verpflichtet, eine Sperrminorität nicht auszunutzen, sondern immer mit dem Verein zu stimmen. Ich habe mich bereit erklärt, meine Anteile zurückzugeben, wenn der Verein sie zurückkaufen will oder einen Dritten hat, zu den gleichen Konditionen, ich will nichts daran verdienen. Das zeigt doch, dass ich den Verein nur unterstützen will.

Klaus-Michael Kühne persönlich

An Hamburg ärgert mich . . .  dass die Stadt immer noch keinen herausragenden Fußballklub hat.

Von Hamburg lossagen kann ich mich nicht . . .  weil ich Hamburg für eine sehr schöne, moderne und fortschrittliche Stadt halte.

Wenn ich aus dem Fenster meines Büros in der Hafencity blicke . . . dann fasziniert mich vor allem die Elbphilharmonie, die direkt vor meinen Augen in 700 Meter Entfernung liegt.

Die Forbes-Liste der reichsten Menschen ist . . . eine Statistik, die mich weniger interessiert und aus der man nicht allzu viel Schlüsse ziehen sollte.

Luxus ist für mich . . . mal in einem schönen Hotel zu wohnen oder eine Kreuzfahrt zu machen.

In einem Jahr ist der HSV . . . wieder in der Ersten Bundesliga.
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Interview

HHLA-Chefin Angela Titzrath: „Zuhören können ist eine Führungsaufgabe“

Meinung – Barbara Glosemeyer
Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird der wichtigste Hafenkonzern in Hamburg, die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), von einer Frau geführt. Am 1. Januar 2017 übernahm die Managerin Angela Titzrath (52) den Vorstandsvorsitz von Klaus-Dieter Peters, der in den Ruhestand ging. Angela Titzrath treibt seitdem die Modernisierung des Unternehmens voran: Mehr Umsatz und Gewinn, Digitalisierungsoffensive, der Kauf eines Terminal-Betreibers in Estland, die Komplettübernahme des erfolgreichen Tochterunternehmens Metrans. Mit Erfolg. Der Umsatz der HHLA stieg 2017 im Vergleich zum Vorjahr um rund sechs Prozent auf etwa 1,3 Milliarden Euro und der Containerumschlag legte um acht Prozent auf 7,2 Millionen Einheiten (TEU) zu.

Wir treffen die Vorstandschefin kurz nach einer Chinareise in ihrem Büro in der Hamburger Speicherstadt. Sie ist etwas müde von der langen Reise, aber aufgeräumt, freundlich und konzentriert wie immer. Ein Gespräch über Klischees, klassische Musik und Kunden.

Frau Titzrath, Sie kommen aus Essen, bezeichnen sich als Ruhrpottkind und leiten seit Januar den größten Hafenkonzern in Hamburg, die HHLA. Fühlen Sie sich schon als Hamburgerin? Angela Titzrath: Ja, denn ich ertappe mich immer öfter dabei, wie begeistert ich in meinem Freundeskreis von dieser Stadt erzähle. Ich finde, man wird hier sehr leicht und hanseatisch warm aufgenommen, und von daher fühle ich mich sehr wohl in der Stadt. Die Hamburger gelten ja allgemein als etwas kühl und distanziert. Das kann ich nicht bestätigen. Es sind Menschen, die das Herz am richtigen Fleck haben. Unter Ihrer Führung konnte der Abwärtstrend der HHLA gestoppt und in Umsatzwachstum und einen höheren Börsenwert verwandelt werden. Wie haben Sie das hinbekommen? Das ist eine Teamleistung. Zu diesem Team gehören der Vorstand, die Führungskräfte und nicht zuletzt die Mitarbeiter. Wir alle stellen den Kunden in den Mittelpunkt unseres Handelns. Das ist der Schlüssel für unseren Erfolg. Für die Zukunft der HHLA wollen Sie die „konsequente Digitalisierung“ vorantreiben. Worauf müssen sich die Mitarbeiter einstellen? Digitalisierung klingt vielleicht für den einen oder anderen beängstigend. Faktisch trägt heute jeder die Digitalisierung etwa als Tablet oder Smartphone in seiner Tasche. Digitalisierung ist also längst im Alltag angekommen. Die Arbeitswelt wird sich − auch bei der HHLA – verändern, doch haben solche Veränderungen in den letzten Jahrhunderten immer auch zu Entlastungen und Erleichterungen für die Menschen geführt.

Es ist bekannt, dass Digitalisierung einfache Tätigkeiten vernichtet. Bei der HHLA arbeiten 5300 Beschäftigte. Wie sicher sind ihre Jobs? Durch den digitalen Wandel werden sich Arbeitsplätze verändern, aber auch neue entstehen. Es kommt darauf an, ob die Mitarbeiter bereit sind, den Wandel mitzugestalten und sich Veränderungen offen gegenüber verhalten. Bei der HHLA wurden solche Prozesse in der Vergangenheit in sachorientierter Weise zusammen mit der Mitbestimmung gesteuert. Das wird auch in der Zukunft so sein. Gibt es einen Plan B, wenn es mit der Elbvertiefung nicht klappen sollte? Wegen der derzeitigen Wassertiefe der Elbe können die großen Schiffe mit einer Kapazität von über 18 000 Standardcontainern den Hafen nicht voll beladen erreichen. Das ist wirtschaftlich und ökologisch nicht sinnvoll. Die Elbvertiefung ist wichtig, um Wachstum und Arbeitsplätze im Hamburger Hafen zu sichern. Deshalb sollten die Baggerarbeiten möglichst zeitnah beginnen. Denn unsere Kunden üben sich mittlerweile seit 16 Jahren in Geduld. Ich bin aber zuversichtlich, dass es nun bald losgeht. Wie sehr schadet die Diskussion um die Elbvertiefung und auch um die rasant zunehmende Verschlickung dem Hamburger Hafen? In der Verfassung von Hamburg steht: Hamburg ist eine Welthafenstadt. Aus diesem Bekenntnis leitet sich der Auftrag ab, den Hafen lebendig zu halten. Dass der Hafen sehr weit im Landesinnern liegt, ist ein großer Vorteil; andererseits führt die Tide zur Verschlickung. Darauf muss man sich einstellen und entsprechend handeln. Brügge und London waren früher tolle Hafenstädte, bis man nicht mehr ausgebaggert hat. Dann sind sie im wahrsten Sinne des Wortes versandet und damit auch die Industrie und Wirtschaft. Als börsennotiertes Unternehmen muss die HHLA renditeorientiert und unabhängig von der Politik agieren und ist zugleich doch stark dem 68-Prozent-Gesellschafter, der Stadt Hamburg, verpflichtet. Wie bändigen Sie als Vorstandschefin die Wünsche von Senat und Bürgerschaft? Ein Ankeraktionär bedeutet Solidität und Sicherheit. Die positive Entwicklung der HHLA in den letzten 18 Monaten zeigt, dass Mehrheitseigentümer und Unternehmen von dieser Konstellation profitieren. Die HHLA-Hauptversammlung hat ja gerade einer Anhebung der Dividende pro Aktie von 59 auf 67 Cent zugestimmt. Auch für die Zukunft wünsche ich mir daher einen respektvollen und vertrauensvollen Umgang miteinander. Wenn wir schlecht übereinander reden, dann nutzt das nur unseren Wettbewerbern. Hafenexperten erwarten, dass chinesische Unternehmer auf dem südlichen Steinwerder-Areal einen vierten Containerterminal bauen. Ist das für Sie Herausforderung oder Horror? Die HHLA fürchtet weder mehr Wettbewerb im Hafen noch chinesische Unternehmen. Wir arbeiten mit Chinesen am Tollerort beispielsweise seit 35 Jahren zusammen. Es liegt im gemeinsamen Interesse von Politik und Hafenwirtschaft, den Hafen weiterzuentwickeln. Nur so kann dieser im Wettbewerb mit den europäischen Seehäfen seine Position behaupten. Dafür sind gute Ideen gefragt, diese dürfen aber nicht im Widerspruch zum gültigen Hafenentwicklungsplan stehen. Das ist auch die Position von Wirtschaftssenator Frank Horch. Insofern kann ich nicht bestätigen, dass über den Ideenwettbewerb für Steinwerder Süd hinaus irgendwelche Entscheidungen getroffen wurden. Die HHLA hat eigene Ideen für eine zukunftsfähige Nutzung des Areals und wird, sofern die Bedingungen stimmen, an einer europaweiten Ausschreibung teilnehmen. Als frühere Finanz- und Personalmanagerin waren Sie im Hafenbusiness neu, kommen nicht aus Hamburg und: Sie sind eine Frau. Wie hat die konservative Hafenelite Sie aufgenommen? Ach, wissen Sie, jeder, der nicht bekannt ist, wird erst einmal ein bisschen kritisch beäugt. Ich hatte die Möglichkeit, mit sehr vielen Leuten schnell in Kontakt zu kommen und ihnen die Gelegenheit zu geben, sich selbst ein Bild von der HHLA-Vorstandsvorsitzenden zu machen. Was braucht es generell für Eigenschaften in einer Führungsposition, um erfolgreich sein zu können? Wichtig ist vor allem eine Reflexionsfähigkeit, verbunden mit der Haltung, immer wieder dazu zu lernen. Das ist Teil einer lebenslangen Lern-Aufgabe. Niemand wird fertig geboren, jeder muss sich weiterentwickeln. Lebenslanges Lernen ist für eine Führungsaufgabe eine Kernvoraussetzung. Darüber hinaus schärft die Erfahrung aus unterschiedlichen Branchen die Sinne für neue Wege in einem Unternehmen. Ferner sollte man Zuhören können und ein Auge für Strategie und Visionen haben. Und ganz wichtig: Man muss die Nähe zu den Mitarbeitern haben. Was können Frauen an der Spitze besser? Die Frage impliziert eine Bewertung zwischen Mann und Frau, mit der ich nichts anfangen kann. Ich mache kein Hehl daraus, dass ich eine Frau bin, aber in erster Linie bin ich in der Funktion Vorstandsvorsitzende oder CEO, das ist eine neutrale Bezeichnung. Es spielt in dieser Position doch keine Rolle, ob jemand Mann oder Frau ist. Das ist Klischeedenken. Entscheidend ist die Art und Weise, wie man führt, kommuniziert und welche Schwerpunkte er oder sie setzt. Und das ist bei Männern wie bei Frauen eine Frage des Typs und nicht des Geschlechts. Wie haben Sie sich zu Beginn Ihrer Karriere bei den Männer-Vorständen durchgesetzt und profiliert? Jeder wird an seiner Leistung gemessen. Was muss in Hamburg besser werden? Wie alle Großstädte steht Hamburg vor Herausforderungen, die sich durch den demografischen Wandel, die Digitalisierung, mehr Mobilität und den Verbrauch von natürlichen Ressourcen ergeben. Vor diesem Hintergrund muss die Infrastruktur weiter modernisiert werden. Dabei sollte der wohlklingende Dreiklang wohnen, leben und arbeiten berücksichtigt werden. Was ist Ihr wichtigstes persönliches Ziel für die nächsten drei Jahre? Ich möchte noch mehr von der Stadt entdecken, auch Zeit finden für die vielen Kultur-Ecken und Begegnungen rund um die Alster. Und ich würde mich freuen, mal eine längere Fahrt mit einem Lotsen auf der Elbe zu unternehmen. 

Angela Titzrath persönlich

Am besten entspanne ich ... bei klassischer Musik.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist ... der Altonaer Balkon.

Hanseatisch heißt für mich ... herzlich.

Aus meiner Heimat im Ruhrpott fehlt mir ... das klingende Läuten der Basilika Kirchenglocken.

Ich wollte längst mal wieder ... länger schlafen.

Mein Laster ist ... Lakritz.

Angela Titzrath zeichnet aus ... Herzlichkeit, Entscheidungsstärke und Weitsicht.

Mein letztes Buch war ... „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier.

Meine liebsten Komponisten, Musiker und Popstars sind ... Schubert und Tschaikowsky gehen immer, aber im Moment bin ich Fan von Boss Hoss.

Ferien verbringe ich am liebsten ... an der See oder in den Bergen.

Wütend macht mich ... Respektlosigkeit.

Ich kann lachen über ... mich.
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Interview

Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen: „Ein gewisses Tempo sollte man vorgeben“

Meinung – Barbara Glosemeyer
Rolf Habben Jansen ist ein viel beschäftigter Mann. So muss er auch unsere erste Verabredung zum Interview absagen. Wichtige Gespräche mit dem Finanzvorstand machen eine Terminverschiebung unumgänglich. Zwei Tage später treffen wir den 51-jährigen Vorstandschef der größten deutschen Reederei, Hapag-Lloyd, in der Zentrale am Ballindamm − direkt an Hamburgs Binnenalster. Eine „würdige“ Adresse für die Hamburger Traditionsreederei und ein prachtvolles Gebäude: Schon seit dem 1. Juli 1903, also seit fast genau 115 Jahren, residiert die Hamburger Reederei an dieser Adresse, die den Namen des legendären Hapag-Generaldirektors Albert Ballin trägt. Ein Gespräch über Fehler, Freizeit und die Fahrrinnenanpassung.

Herr Habben Jansen, am Donnerstag hat die Fußball-WM begonnen und zwar ohne die Holländer. Gucken Sie trotzdem oder leiden Sie zu sehr als Holländer und bekennender Fußballfan? Rolf Habben Jansen: Ich werde mir einige Spiele anschauen, aber weniger als sonst. Ohne die eigene Nationalmannschaft ist es natürlich nicht so spannend.

Neben Fußball sind Sie auch Eishockeyfan. Dafür stehen Sie nachts sogar auf und fliegen nach Nordamerika, nur um Spiele sehen zu können. Ist das nicht ein bisschen verrückt?Jeder hat so Eigenheiten und ich gucke einfach gerne Eishockey − meistens zusammen mit einem Freund, der genauso Puck-Fan ist wie ich. Einmal im Jahr fahren wir gemeinsam nach Nordamerika, um uns Spiele live anzuschauen. Und auch hier in Europa nutze ich jede Gelegenheit, Spiele live zu sehen.

Was schaut sich der Manager Habben Jansen vom Eishockey ab?Das passiert nicht wirklich. Aber Eishockey ist ein intensiver und leidenschaftlicher Sport und es wäre natürlich schön, wenn man diese Leidenschaft immer bei jedem Mitarbeiter erkennen könnte. Das ist in diesem Ausmaß aber natürlich nicht möglich. Ich genieße Eishockey sehr, weil es ein schnelles und sehr emotionales Spiel ist.

Ihnen ist als Vorstandschef das Kunststück gelungen, die schwer angeschlagene Reederei Hapag-Lloyd aus der Krise zu steuern. Mittlerweile zählt Hapag-Lloyd zu den profitabelsten Reedereien weltweit. Wie haben Sie das geschafft?Dass Hapag Lloyd heute besser dasteht als vor fünf Jahren, ist nur möglich, weil alle Beteiligten − ob Mitarbeiter, Management, Kunden und unsere Gesellschafter − an einem Strang ziehen. Außerdem haben wir ein Quäntchen Glück gehabt mit den Deals, die wir machen konnten (Anm. d. Red.: Hapag-Lloyd fusionierte mit der chilenischen Reederei CSAV und der arabischen Reederei UASC). Das hat uns einen großen Schritt voran gebracht und in der Branche sehr geholfen.

Welche Eigenschaften muss ein CEO, der Vorstandschef, eines weltweit agierenden Unternehmens mitbringen?Am Ende geht es darum, ob etwas sachlich stimmt und wirtschaftlich Sinn macht. Und natürlich geht es immer auch darum, dass Sie Maßnahmen ergreifen und Innovationen vorantreiben, mit denen Sie entweder die Profitabilität und Produktivität steigern oder die Kosten senken können. Das mag einfach klingen – ist es aber nicht.

Wie beschreiben Sie Ihren Führungsstil?Ich denke, man sollte die eigene Rolle nicht überbewerten. Ich versuche, gradlinig zu sein und offen für Diskussionen, die Ruhe zu bewahren und das Ziel im Auge zu behalten. Viel mehr gehört aus meiner Sicht nicht dazu.

Sie sollen schnell beim Denken und Handeln sein. Stimmt das?Das müssen andere beurteilen. In meiner Rolle als Vorstandschef hat man es mit sehr vielen verschiedenen Themen und Zusammenhängen zu tun. Die Menge an Informationen, die täglich auf einen einströmt, ist schon sehr hoch. Insofern ist es natürlich wichtig, sich schnell einen Überblick verschaffen zu können.

Sind Sie deshalb ungeduldig?Ja, vielleicht bin ich ungeduldig, aber das muss ich in meiner Rolle als CEO auch sein. Eine gewisse Ungeduld und ein gewisses Tempo sollte man schon vorgeben.

Können Sie Fehler verzeihen – sich selbst und anderen?Ich denke ja, aber ich spreche Fehler auch an. Wenn man viel und hart arbeitet, gehören Fehler dazu Aber Fehler können passieren. Da darf man sich auch ärgern, aber dann muss man es auch abhaken und weitermachen.

Sie wirken zurückhaltend, geerdet, im Einklang mit sich selbst. Was bringt Sie denn mal aus der Fassung?Wenn jemand immer den gleichen Fehler macht, dann ärgert mich das. Oder wenn sich jemand über getroffene Entscheidungen hinwegsetzt, ohne dies zu kommunizieren.

Bleibt der Hamburger Hafen auch in Zukunft wettbewerbsfähig?Grundsätzlich ist der Hamburger Hafen gut aufgestellt, aber die Erreichbarkeit des Hafens ist ein echtes Problem. Je länger die Probleme der Fahrrinnenanpassung und der zu niedrigen Köhlbrandbrücke nicht gelöst sind, desto schlechter wird die Wettbewerbsposition des Hamburger Hafens. Das wird nicht von heute auf morgen passieren, aber dauerhaft wird sich der Umschlag verringern, wenn sich die Erreichbarkeit des Hafens, der ohnehin schon sehr weit im Inland liegt, noch weiter verschlechtern wird.

Wenn der Hafen nicht an Bedeutung für die Stadt verlieren und weiter erfolgreich sein soll, muss man die Voraussetzungen dafür schaffen. Das bedeutet zu allererst gute Erreichbarkeit und vielleicht auch den Bau eines neuen Terminals für Großschiffe. Die Fahrrinnenanpassung und den Ersatz für die in die Jahre gekommene Köhlbrandbrücke muss man schnell angehen. Es dauert leider in Deutschland sehr lange, bevor solche Themen erfolgreich umgesetzt werden.

Denken Sie, man hätte schneller sein können . . .. . . das kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur beurteilen, dass es sehr lange dauert. Der Wettbewerber ist ja nicht in erster Linie Wilhelmshaven, sondern es sind Antwerpen und Rotterdam. Die sind einfach schneller. Das ist nicht gut für Hamburg und deshalb sprechen wir das auch immer wieder an. Es ist völlig legitim, dass Umweltschützer die Fahrrinnenanpassung der Elbe verhindern wollen, aber irgendwann muss eine Entscheidung endgültig sein. Wenn das jetzt nicht endlich klappt, ist das ein desaströses Signal gegenüber den Reedereien und der gesamten Hamburger Hafenwirtschaft.

Wie viel Geduld haben die Kunden des Hamburger Hafens noch?Die Kunden brauchen einen Plan, eine Verlässlichkeit, dass die Fahrrinnenanpassung und wann sie kommt.

Sie haben schon in vielen Städten und Ländern gelebt. Aus den Niederlanden zogen Sie nach Basel, später arbeiteten Sie in Bracknell in Großbritannien, Kopenhagen, Den Haag und jetzt in Hamburg. Was mögen Sie an Hamburg?Hamburg ist sehr grün und ich finde es charmant, dass der Hafen mitten in der Stadt liegt. Und es gibt eine vielfältige hochwertige Restaurantszene und überraschend wenige Hochhäuser. Hamburg ist eine schöne Stadt, ich lebe gern hier.

Ist Hamburg eine Weltstadt?Es gibt sicherlich noch Unterschiede zu Städten wie New York, Mumbai, Hongkong, Mexico City, Paris oder Los Angeles. Diese Städte haben viel mehr Einwohner als Hamburg – und viel mehr Hochhäuser (lacht). Für eine Weltstadt ist das Flugangebot vom Hamburg Airport zu beschränkt. Von hier aus gibt es gerade mal zwei Kontinentalflüge nach New York und Dubai. Das ist mit Flughäfen von Weltstädten nicht zu vergleichen. Und in Hamburg hat sich seit dem Jahr 2000 daran nichts geändert. Wenn man Hamburg weiterentwickeln möchte, wäre es nicht verkehrt, wenn es ein paar mehr Verbindungen geben würde. Wenn man sich weiterentwickeln und tatsächlich eine Weltstadt sein will, ist eine der Voraussetzungen ein interkontinentaler Flughafen.

Hätten Sie auch 786 Millionen Euro für die Elbphilharmonie ausgegeben, wenn Sie das Sagen gehabt hätten?Ich denke, niemand hätte diese Summe ausgegeben, wenn man es vorher gewusst hätte. Am Ende ist es wahrscheinlich richtig, dass sie es durchgezogen haben. Aber natürlich ist es unglaublich teuer geworden.

Was muss in Hamburg besser werden?Im Leistungssport hat Hamburg viel verloren in den letzten Jahren. Das ist wirklich sehr schade.

Woher nehmen Sie Ihre Energie im Leben?Das können viele Dinge sein: ein Abendessen mit Freunden, ein guter Arbeitstag, eine schöne Reise. Für mich ist es wichtig, abschalten zu können. Dazu gehört für mich auch, dass ich am Wochenende nur ganz selten arbeite.

Rolf Habben Jansen persönlich

Ich ärgere mich . . ., wenn  wir einander nicht richtig informieren und Fehler wiederholen.

Meine Stärke ist . . . die Fähigkeit, große Mengen verschiedenartigster Informationen aufzunehmen und die Bereitschaft, dann auch schnell Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die sich später als falsch herausstellen, sind meist besser als gar keine Entscheidungen. Wir bewegen uns in einem so dynamischen Umfeld, dass wir es uns nicht erlauben können, zu lange mit unseren Entscheidungen zu warten.

Meine Schwäche  . . .  ist meine Ungeduld. Und ich lobe zu wenig, das weiß ich.

Eine Kreuzfahrt  . . . habe ich einmal gemacht vor 20 Jahren. Ich hatte das Gefühl, dass es ewig dauert. Das war nichts für mich.

Gut verzichten könnte ich im Leben auf . . .  zehn Kilo meines Körpergewichts.

Der HSV . . ., hoffe ich, kehrt zurück in die erste Bundesliga. Ich bin Fußballfan und manchmal gehe ich auch zum HSV.

Ich hätte gern mehr Zeit für  . . . Kinder, Familie und Freunde. Ein bisschen mehr Freizeit wäre nicht schlecht.

Ich halte mich fit . . .  ja, aber das ist nicht so einfach, wenn man so viel unterwegs ist. Wenn ich Zeit habe, gehe ich ins Fitnessstudio.
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Der Popstar im Interview

Sasha: „Dann bin ich jetzt halt kitschig!“

Meinung – Nadine Wenzlick
Sasha, hatte schon immer viele Gesichter: Unter dem Namen Dick Brave ging er seiner Leidenschaft für Rockabilly nach, dem Rat Pack zollte er gemeinsam mit Rea Garvey, Xavier Naidoo und Michael Mittermeier mit der Show „Alive and Swingin´“ Tribut. Mit seinem neunten Album erfindet sich er nun wieder einmal neu: Auf „Schlüsselkind“ singt der 46-jährige Wahlhamburger erstmals Deutsch. Im Interview verrät er, wie es dazu kam – und warum er in den Songs so viel Persönliches preisgibt.

Sasha, nach acht englischsprachigen Alben singen Sie neuerdings Deutsch. Wie kommt’s? Sasha: Den Wunsch, ein deutschsprachiges Album zu machen, hege ich schon sehr lange – das erste Mal kam mir der Gedanke Mitte der Neunziger, mit meiner damaligen Band, als Gruppen wie Selig es vorgemacht haben. Nach meinem dritten Soloalbum stand es erneut im Raum, doch dann kam Dick Brave dazwischen. Ein Schlüsselmoment war 2014 meine Teilnahme bei „Sing meinen Song“. Wenn man zum ersten Mal öffentlich deutsche Lieder singt und Leute wie Xavier Naidoo oder Gregor Meyle sagen, man müsse unbedingt mal ein Album auf Deutsch machen, nimmt man sich das schon zu Herzen. Vor zwei Jahren hat sich die Idee dann verfestigt.

Sarah Connor hat kürzlich bewiesen, dass man mit einem Sprachwechsel sehr erfolgreich sein kann . . . Ob etwas gut funktioniert, sollte beim Musikmachen aber eigentlich keine Rolle spielen. Ich weiß, dass Sarah sich nach unserer gemeinsamen Teilnahme bei „Sing meinen Song“ die gleichen Gedanken gemacht hat wie ich. Nicht der Erfolg, sondern die Tatsache, dass und wie sie es gemacht hat, haben mich darin bestätigt, diesen Schritt zu wagen.

Deutsche Texte machen zwangsläufig angreifbarer. Hatten Sie je Zweifel? Solche Momente gibt es oft. Wenn man Zeilen schreibt, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie so aufgenommen werden, wie man sie meint. Bei deutschen Songs ist der Grat zum Kitsch sehr schmal. Im Englischen ist das anders, da wird Wert auf eine gerade Sprache gelegt. Das wollte ich mir unbedingt beibehalten, statt plötzlich pseudointellektuell daher zu kommen. Ich spreche schließlich auch im echten Leben eine klare Sprache. Die Gefahr, kitschig zu sein, ist dann natürlich da. Aber irgendwann war mir das egal. Wenn es so aus mir herauskommt, dann bin ich jetzt halt kitschig! Es gibt auf dem Album humorvolle Songs, aber auch ernste und tiefe Momente. Tatsächlich ist ein großer Teil der Songs sehr autobiografisch. Los geht es mit Ihrer Kindheit als Schlüsselkind. Wie war das damals? Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich noch klein war. Alleinerziehende und noch dazu sehr jung, musste meine Mutter gucken, wo das Geld herkommt. Bis ich fünf war, passte meine Oma oft auf mich auf, das war eine tolle Zeit. Als ich in die Schule kam, war ich dann Schlüsselkind. Es gab schon Momente, in denen ich mich gerne jemandem mitgeteilt hätte, weil ich vielleicht eine schlechte oder besonders gute Note hatte. Heute hat man ja alle möglichen Medien, über die man das machen kann, aber damals musste ich mit mir selber klarkommen. Das Gute war aber: Ich wusste immer, dass meine Mutter nach Hause kommt. Ich hatte also keinesfalls eine unglückliche Kindheit. Später hatte das Schlüsselkind-Dasein sogar einige Vorzüge. Zum Beispiel? Mit zehn oder elf gibt es jenseits von Hausaufgaben eine Menge spannende Dinge und die konnte ich alle machen (lacht). Außerdem bin ich relativ schnell selbstständig geworden. Dadurch, dass ich auf meinen Bruder aufpasste, hatte ich eine gewisse Verantwortung. Das war auch irgendwie toll, denn in dem Alter will man ja unbedingt erwachsen sein. Ich habe auch früh gelernt, dass ich selbst Geld verdienen muss, wenn ich mir was leisten und gönnen will.

Hier finden Sie alle Interviews der Serie „Mit deinem kleinen bisschen singen wirst du es niemals zu was bringen / das habe ich tausend Mal gehört“, singen Sie in „Der Junge“. Haben damals wirklich so viele an Ihnen gezweifelt? Meine Mutter hat immer gesagt „mach“. In dem Song besinge ich eher Freunde und Bekannte. Das kennen ja viele, die einen Beruf ausüben wollen, von dem alle denken, dass es bloß ein Traum ist. Mitte 20, als ich mit meiner Band Junkfood immer noch nicht erfolgreich war, hatten die ersten ihr Studium beendet. Sie waren Anwalt in einer Kanzlei, Zahnarzt oder Lehrer, während ich immer noch mit meiner Band rumhing, Pfand sammelte und komische Jobs machte. Da wurden die Unkenrufe immer lauter: ‚Meinst du, das wird noch was?‘

Was ist am Singen so schön, dass Sie an Ihrem Traum immer festgehalten haben? Ich möchte den Menschen einfach Freude bereiten. Es ist gar nicht bloß die Musik oder das Singen – ich hätte auch Comedian werden können. Ich will die Menschen unterhalten. Zwar war ich früher nicht unbedingt der Klassenclown, der am lautesten war, und ich bin auch nicht ohne Lampenfieber geboren. Das ist bei mir sogar relativ stark ausgeprägt. Trotzdem hat es mich irgendwie immer auf die Bühne gezogen. Wenn ich da oben stehe und plötzlich alle Bedenken abfallen, bin ich der glücklichste Mensch auf Erden, das ist bis heute so. Sobald ich merke, dass es den Leuten gefällt, bin ich super ausgeglichen. Wann kommt der Gorilla in Ihnen raus, den Sie in dem gleichnamigen Song beschreiben? Zum Glück sehr selten! Der Titel geht darauf zurück, dass ich von Freunden und meiner Familie seit Jahren „der Gorilla“ genannt werde. Das hat vor allem mit meiner Physiognomie zu tun: Ich habe einfach eine krasse Primatenfigur (lacht). Außerdem kann ich einen Gorilla sehr gut imitieren. Damit der Gorilla aus mir herauskommt, braucht es schon sehr viel. Das passiert zum Beispiel, wenn man mich richtig doll reizt – obwohl ich das null mag und mich hinterher meistens dafür schäme. Er stellt sich aber auch schützend vor meine Familie oder Freunde, wenn es nötig ist, und manchmal beschützt er auch mich selbst. Das heißt? Wenn ich mich mal nicht wehren kann, übernimmt er den Job. Er ist stark in Momenten, in denen ich eigentlich schwach bin. Wenn man am Ende ist, aber plötzlich noch mal Kräfte mobilisiert werden, wo eigentlich keine mehr sind, dann ist das der Gorilla. „Genug ist genug“ ist ein Titel, der sehr eng mit dem Gorilla verknüpft ist. In dem Song geht es darum, von einer Freundschaft enttäuscht zu werden. Man steht fassungslos da und versteht nicht, was passiert ist. Dann muss der Gorilla kommen und sagen ‚jetzt ist Schluss!’ Die Lieder „Bauch voller Lieder“ und „Du fängst mich ein“ hingegen haben Sie wahrscheinlich Ihrer Frau gewidmet, oder? Ja, da gibt es wenig Spekulationsraum. „Du fängst mich ein“ kam relativ spät dazu, weil es unfassbar schwierig ist, einem Menschen, den man sehr liebt, ein Liebeslied zu schreiben. Alle denken immer, das müsse einem doch leichtfallen. Das Gegenteil ist der Fall, weil man plötzlich anfängt, sich über jedes Wort einen Kopf zu machen. Irgendwann muss man es der anderen Person schließlich vorspielen! Ihre Frau ist gleichzeitig auch Ihre Managerin. Warum passen Sie so gut zusammen? Weil wir uns hundertprozentig auf einander verlassen können. Wie in jeder Beziehung fliegen auch bei uns mal die Fetzen, aber das dauert nie lange. Tief im Inneren wissen wir, dass wir immer füreinander da sind. Dieses Gefühl der absoluten Sicherheit erlaubt es einem, wie im Song beschrieben auch mal abzuheben oder sich fallen zu lassen. Es gibt ja auch Tage, an denen man schlecht drauf ist – in einer gesunden Beziehung nimmt man die gegenseitigen Launen in Kauf. Und oft zieht der Partner einen nur durch seine Anwesenheit wieder da raus. Songs über die Kindheit, Freundschaften, Ihre Frau – das geht schon als Lebensrückblick durch. Sie sind kürzlich 46 geworden. Halbzeit, oder? Sie werden lachen: Es gibt in meinem Telefon noch eine Liste von möglichen Albumtiteln und einer davon war Halbzeit. Das war mir am Ende dann aber doch zu sportlich. Generell war es mir bei diesem Album wichtig, dass die Songs nah an mir dran sind. Ich wollte Themen ansprechen, die mich wirklich betreffen. Kann schon sein, dass das Alter das mitbringt. Macht es Ihnen etwas aus, älter zu werden? Ich bin jetzt nicht in der Midlife-Crisis – ich glaube die hatte ich schon, bevor ich meine Frau kennen gelernt habe (lacht). Aber ich denke schon manchmal darüber nach, dass es jetzt mit großen Schritten auf die 50 zugeht. Jeden Tag ein graues Haar mehr. Ich kann nicht sagen, dass ich mich auf das Älterwerden freue. Aber das Gute ist: Mein Schwager ist vor zwei Jahren schon 50 geworden und meinte ich solle mir keine Sorgen machen. Mit 40 dachte er, er hätte die Hälfte hinter sich, aber mit 50 fühlte es sich plötzlich an, als habe er noch ganz viel vor sich. Wenn das bei mir auch so ist, ist alles cool.

Am 17. Oktober tritt Sasha im Mehr! Theater am Großmarkt in Hamburg auf.

Sasha persönlich

Mein deutsches Lieblingswort . . . war als Schüler mal Osmose. Auch die dazugehörige Erklärung ist einfach herrlich: Diffusion durch eine semipermeable Membran. Das Einzige, was ich aus dem Bio-Unterricht mitgenommen habe (lacht).

Mein Lieblingsort ist . . . die Bullerei! Könnte man mein zweites Wohnzimmer nennen.

Als Fußball-Fan schlägt mein Herz  . . . für den BVB. Aber wenn Hamburg, dann eher St. Pauli.  
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Hamburger Finanzsenator im Interview

Andreas Dressel: „Ich verstehe mich als Möglichmacher“

Meinung – Markus Lorenz
In seinem Büro am Gänsemarkt stehen die Fotos seiner drei Kinder (sechs bis zwölf Jahre). Finanzsenator Andreas Dressel (43, SPD) ist der Mann, der wegen der Familie auf das Bürgermeisteramt verzichtet hat. Nun will er als Finanzsenator das Geld der Metropole beisammen halten. Ein Gespräch zwei Monate nach einer bemerkenswerten Entscheidung.

Herr Finanzsenator, machen Sie Ihre Steuererklärung selbst? Andreas Dressel: Nein, das macht ein Steuerberater für mich.

Kriegen Sie das nicht hin?Ich traue mir schon zu, eine Steuererklärung auszufüllen. Aber ich weiß auch, dass das nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig ist. Uns Politikern sollte das Mahnung sein, weiter nach Vereinfachungsmöglichkeiten zu suchen und die Formulare und das Beibringen von Belegen bürgerfreundlicher zu gestalten.



Haben Sie Verständnis für Menschen, die bei der Steuererklärung schummeln?Nein. Der Ehrliche darf nicht der Dumme sein. Wer Steuerrecht bricht, gegen den gehen wir konsequent vor. Hamburg ist in Sachen Steuerfahndung und Prüfungen gut aufgestellt sind. Auch bei Kundenfreundlichkeit und Bearbeitungsdauer belegt unsere Stadt bundesweit regelmäßig Spitzenplätze. Eine funktionierende und gut ausgestattete Steuerverwaltung ist das Fundament unseres Staatswesens. Gerade erst haben wir beschlossen, 57 zusätzliche Stellen im Bereich der Steuerverwaltung hier in Hamburg zu schaffen.

Muss ein Finanzsenator Erbsenzähler sein?Man muss genau sein und Sachen hinterfragen. Denn gute Ideen für Ausgaben gibt es viele in der Stadt. Gerade wenn die Steuereinnahmen sprudeln, sind die Begehrlichkeiten groß. Ich habe deshalb das Wort „Spielraum“ aus meinem Sprachgebrauch weitgehend gestrichen.

Der Kassenwart der Stadt muss  ein harter Hund sein?Natürlich muss man eine gewisse Härte haben. Andererseits ist die Finanzbehörde  kein Selbstzweck. Es geht einerseits darum, die solide Finanzpolitik fortzusetzen – Stichwort Schuldenbremse –, zugleich aber die wichtigen Aufgaben des Senats wie Bildung, Betreuung, Verkehr, Wohnungsbau und Sanierung öffentlicher Infrastruktur zu bewältigen. Deshalb verstehe ich mich als Möglichmacher wichtiger Projekte.

Ihr Amtssitz am Gänsemarkt ist für Sie gar nicht so neu...?Ich bin hier schon als kleiner Junge Anfang der 80er Jahre ein- und ausgegangen. Mein Vater war in der Finanzbehörde Abteilungsleiter, später Geschäftsführer der HGV, in der die Stadt ihre Beteiligungen hält. Es ist ein bisschen putzig, dass ich jetzt HGV-Aufsichtsratsvorsitzender  bin. Leider kann mein Vater das nicht mehr miterleben, aber ich glaube, er guckt von oben zu und findet das eine gute Aufgabe für seinen Sohn.

Und Paternoster fahren Sie noch immer gern?Ja, das habe ich im Gebäude schon als Kind geliebt. Und jetzt fahre ich  wieder regelmäßig, neulich übrigens mit meiner Familie. Einschließlich oben rum und durch den Keller. Und die Kinder hatten keine Angst.

Stichwort Kinder: Sie haben entschieden, mit Rücksicht auf ihre Frau und Ihre drei Kinder nicht Bürgermeister Hamburgs zu werden. Warum?Wir haben genau abgewogen, was ich der Familie an Belastung noch zumuten kann und was nicht...

...aber ein Finanzsenator hat doch auch keine 40-Stunden-Woche?Nein. Der zeitliche Aspekt war aber auch nur einer von mehreren. Dazu kamen das Thema Sicherheit und der Umstand, dass die ganze Familie eines Bürgermeisters im Fokus steht. Das ist gerade mit kleinen Kindern schon ein schwieriger Abwägungsprozess.

Sind politische Spitzenämter und Familie unvereinbar?Wir müssen schon dafür sorgen, dass sich politische Ämter und Familie besser vereinbaren lassen. Das fängt damit an, wie und vor allem wann Sitzungen organisiert sind. Bürger und Institutionen müssen sich fragen lassen, was ihre Erwartungen an Spitzenpolitiker sind. Einerseits findet es die Öffentlichkeit super, wenn Politiker Kinder haben. Andererseits erwarten die Menschen, dass Politiker auch am Wochenende gerne breit verfügbar sind, von der Klausurtagung bis zum Frühschoppen.

Wurmt es Sie, wenn Sie als Beinahe-Bürgermeister bezeichnet werden?Nein. Dass viele mir das zugetraut haben, ist doch außerdem eine Auszeichnung und keine Kritik.

Wie fühlt es sich an, wenn der Amtsvorgänger jetzt der Chef ist. Weiß Bürgermeister Peter Tschentscher bei Hamburgs Finanzen alles besser?Es ist doch gut, dass ich bei manchen Spezialfragen auch nochmal meinen Vorgänger fragen kann. Im Übrigen arbeiten wir wie bisher sehr kollegial zusammen.

Während Hamburgs Kernhaushalt schwarze Zahlen zeigt, klettert die Verschuldung in den Nebenhaushalten deutlich. Ist das solide Finanzpolitik?Die größte Belastung außerhalb des Kernhaushalts resultiert aus den Folgen der HSH Nordbank. Dazu kommt die Verpflichtung, die Energienetze zurückzukaufen. Das war auch kein Schnäppchen, ist aber von den Bürgern in einem Volksentscheid so bestimmt worden. 

Besteht die Gefahr, dass der Verkauf der HSH Nordbank doch noch an der ungeklärten Aufnahme in den Bankensicherungsfonds scheitert?Es geht jetzt darum, dass alle Beteiligten ihre Hausaufgaben machen. Wir sind mit dem Sparkassenverband und dem Verband der privaten Banken zur Überführung der HSH Nordbank vom einen Sicherungsinstrument in das andere im Gespräch.

Ein Selbstläufer ist das nicht?Das ist keine triviale Sache, weil es einen solchen Fall noch nicht gegeben hat. Meine Erwartung an das deutsche Finanzsystem ist aber schon, dass es möglich gemacht werden muss, dass eine öffentliche Bank in dieser Form privatisiert wird. Das dürfen im Übrigen auch die Bürger erwarten, die für die ganze Veranstaltung HSH Nordbank schon viel bezahlt haben.

Woran hakt es?Es sind viele Fragen zu klären, schließlich ist finanztechnische Pionierarbeit zu leisten. Aber die Hindernisse sind nicht unüberbrückbar. Ich glaube, das wird am Schluss schon klappen.

Müssen Hamburg und Schleswig-Holstein mit weiterem Geld nachhelfen?(entschieden): Nein. Wir haben wahrlich genug bezahlt. Weitere Zahlungen wären dem Steuerzahler in beiden Ländern nicht zu vermitteln und nicht zuzumuten. Die Aufgabe meiner schleswig-holsteinischen Kollegin Monika Heinold und mir ist es, dafür zu sorgen, dass nicht noch zusätzliche Kosten entstehen. Mit den entstandenen Milliardenschulden werden die Länder noch lange genug zu tun haben.

Viele Menschen ärgern sich maßlos, dass kein Politiker für das Milliardendebakel HSH rechtlich zur Verantwortung gezogen wurde. Haben Sie dafür Verständnis?Dass Menschen darüber wütend sind angesichts der exorbitanten Schäden, kann ich gut verstehen. In Untersuchungsausschüssen ist die politische Verantwortung übrigens ganz klar benannt worden. Es hat auch Strafanzeigen und Ermittlungsverfahren gegeben. Als Jurist weiß ich aber, dass es in diesem Fall schwierig ist, zu einer exakten strafrechtlichen Schuldfeststellung zu kommen. Wir leben in einem Rechtsstaat, solche Verfahren können nur nach Recht und Gesetz abgewickelt werden.

Einige Ex-HSH-Vorstände kommen erneut vor Gericht. Wünschen Sie harte Strafen?Ein Finanzsenator ist nicht dazu da, Wünsche an die Strafgerichte zu formulieren. Ich erwarte, dass die rechtsstaatlichen Verfahren ordentlich zu Ende gebracht werden, dann sehen wir, was raus kommt.

Wie lautet Ihre politische Lehre aus der HSH-Geschichte? Der Staat kann es nicht?Entscheidend ist, dass die Länder unvertretbar hohe Risiken eingegangen sind. Die damalige  Ministerpräsidentin Heide Simons hat sinngemäß gesagt, die Politik sei damals regelrecht besoffen gewesen von den Renditeversprechen des Ausflugs in die internationale Finanzwelt. Es wäre besser gewesen, sich um die lokale Wirtschaftsförderung und die Märkte im Norden zu kümmern. Die Erkenntnis lautet: Schuster bleib bei deinen Leisten. Ich bin sicher, dass die Politik in Hamburg und in Schleswig-Holstein diese Lektion gelernt hat.

Andreas Dressel persönlich

Ärgern kann ich mich über... manche Entgleisung in den sozialen Medien, die der Demokratie nicht gut tut.

Am meisten Freude bereitet mir... ein freies Wochenende mit der Familie.

Mein politisches Vorbild ist... es gibt nicht das eine Vorbild, aber Helmut Schmidt kommt dem am Nächsten.

Der Abstieg des HSV ist für mich... sehr traurig, aber hoffentlich Ansporn für alle Beteiligten, dafür zu sorgen, dass es ein einmaliger Ausrutscher bleibt.

In Hamburg fehlt mir...,dass es zu wenige echte Schneetage im Winter gibt.

Urlaub mache ich am liebsten... in Frankreich.
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Vom Geheimtipp zum gefeierten Star

Anna Depenbusch: „Ich habe mir viel erarbeitet“

Meinung – Birger Hamann
Ihre Stimme ist grandios, ihre Musik eine Mischung aus Pop und Chanson, ihre Texte sind Geschichten voller Gefühle: Davon können sich Zuhörer überzeugen, wenn Anna Depenbusch am Klavier spielt. Früher war die Hamburgerin ein Geheimtipp. Das änderte sich, als Ina Müller brüllte: „Anna Depenbusch, das ist geile Scheiße!“.

Frage: Frau Depenbusch, wissen Sie eigentlich, was Ihretwegen bei Ebay los war? Anna Depenbusch: Bei Ebay? Wegen mir? Nee, was war da los?

Ihre aktuelle Tour begann in der Elbphilharmonie. Und unter Ihren Fans lief ein Wettbieten um die letzten Tickets für dieses erste Konzert. Manche haben den dreifachen Preis bezahlt. Was? Das hat mir bislang noch niemand erzählt, krass.

Vor zehn Jahren sind Sie noch beim Duckstein-Festival auf der Fleetinsel aufgetreten, vor nicht einmal 100 Zuschauern, die alle nicht bezahlen mussten, um Sie zu sehen. Heute zahlen Menschen 100 Euro für ein Konzertticket von Ihnen. Müssen Sie sich manchmal kneifen, um diese Entwicklung zu realisieren? Eigentlich nicht, denn ich habe das Gefühl, das ist alles sehr gesund gewachsen. Es gibt ja Leute, die haben nur einen Hit im Radio und spielen plötzlich in großen Hallen vor mehr als 10.000 Menschen. Ich glaube, die müssen sich eher kneifen. Ich habe mir viel erarbeitet, es hat sich sehr viel entwickelt in den zehn Jahren. Ich bin da gut reingewachsen, und mein Publikum hat mich dabei begleitet.

Gab es dennoch einen Punkt in Ihrer Karriere, an dem Sie wussten: Von jetzt an klappt es mit der Musik, davon kann ich in Zukunft auch leben?Ja, den Punkt gab es. Das war am 9. Dezember 2010, als ich das erste Mal zu Gast bei „Inas Nacht“ war.

Damals sangen Sie „Kommando Untergang“, und Ina Müller brüllte nach Ihrem Auftritt ins Mikrofon: „Anna Depenbusch, das ist geile Scheiße!“Ganz genau. Vorher war ich immer so ein Hamburg-Tipp. Und davon kannst du dann nicht leben. Du spielst in Hamburg, und es kommen auch Leute – aber in Lüneburg kommt schon kaum noch jemand. Und da hat „Inas Nacht“ ganz viel bewegt. Ich war zwar immer noch ein Insider-Tipp, habe ab 2011 aber deutschlandweite Tourneen gespielt. Da habe ich gemerkt: Jetzt läuft’s.

Woran hat sich das konkret bemerkbar gemacht? Mehr Anfragen? Ja. Nach der Sendung haben plötzlich auch mal schöne Festivals angefragt. Veranstalter haben gesagt: „Wir haben Dich bei Inas Nacht gesehen und können uns gut vorstellen, dass Du für uns auftrittst.“ Und dann sind auch außerhalb von Hamburg die Leute zu meinen Konzerten gekommen, in Lüneburg genauso wie in Stuttgart.

Ihre derzeitige Tournee heißt „Solo am Klavier“. Genau so spielen Sie auch, ganz alleine, ohne Band. Und während Ihrer Konzerte streicheln Sie zwischen den Liedern immer wieder das Klavier. Warum?Die Beziehung zwischen mir und dem Klavier ist eine ganz spezielle. Es ist wie eine Hassliebe. Denn ich liebe dieses Instrument sehr. Aber es ist auch hart. Es fällt mir nicht leicht, es schüchtert mich ein und überfordert mich permanent. Aber wenn es mir dann Momente zurückgibt, die gut funktionieren, bin ich dankbar und bedanke mich auch bei diesem Instrument. Und das Klavier mag mich auch – glaube ich.

Wenn Sie alleine mit dem Klavier auf der Bühne sind, und alles konzentriert sich auf Anna Depenbusch und dieses eine Instrument: Sind Sie dann besonders nervös, weil Sie wie auf dem Präsentierteller sitzen?Ja, schon. Aber eigentlich kann mir gar nichts passieren. Weil ich nämlich alles selbst entscheiden kann. Ich kann Lieder spielen, wie ich will, mal schnell, mal langsam. Ich bin flexibel, kann auf das Publikum reagieren, könnte jederzeit jeden Song abbrechen und sagen: Wisst ihr was Leute, lief jetzt nicht so gut, wie fangen noch mal an. Das passiert auch mal, aber das geht mit einer Band nicht. Denn wenn der Band-Apparat einmal läuft, dann läuft er.

Sie singen in Ihren Liedern von Liebe und Freundschaft, wie in „Tim liebt Tina“, von Gefühlen und Stimmungen, wie in „Tretboot nach Hawaii“, von schönen Momenten und großen Tragödien, wie in „Schönste Melodie“. Wie sehr ist Ihre Musik autobiografisch geprägt?Man könnte sagen, sehr autobiografisch, weil viele Ideen oder Geschichten tatsächlich aus meinem engsten Freundeskreis kommen. Weil ich zum Beispiel den großen Liebeskummer meiner besten Freundin hautnah miterlebt habe. Es sind also nicht immer eins zu eins meine eignen Geschichten. Ich verändere gerne die Perspektive in meinen Geschichten, dann bin ich quasi der andere. Aber ich kann zu vielen meiner Lieder und Geschichten Namen nennen.

Dann ganz konkret gefragt: Gibt es oder gab es diesen Nachbarn im gleichnamigen Song „Benjamin“, in den Sie sich kurz und heftig verlieben und dann an der Wand, die Ihre und seine Wohnung trennt, mit anhören müssen, wie dieser Benjamin seine neue Freundin nebenan liebt?Haha, freche Frage. Also: Es gibt keinen Mann, der Benjamin heißt. Aber es gibt eine sehr hellhörige Geschichte aus unserem Haus. Und alle meine Nachbarn wissen, um wen es geht. Daher sind Konzerte in Hamburg besonders lustig, weil dann immer Nachbarn von mir im Publikum sitzen und genau wissen, wer mit „Benjamin“ gemeint ist.

Sie sind vor einem halben Jahr 40 geworden. Nicht wenige Menschen haben damit ein echtes Problem. Sie hingegen haben einmal gesagt, Sie hätten sich über die 40 gefreut. Warum?Weil man mit 40 andere Geschichten erzählen kann. Ich sehe mich in der Tradition von Liedermacherinnen, die bis 80 auftreten und dann tot von der Bühne fallen. Bis dahin möchte ich auf der Bühne in meinen Liedern Geschichten erzählen. Und zwar solche, die zu einer Frau in meinem Alter passen. Ich habe das Gefühl, ab 40 verändern sich die Themen, und man kann über andere Dinge singen. Man kann mit Anfang 20 nicht Lieder über die große weite Welt singen, weil es dir niemand abnimmt. Mit 40 trauen einem die Menschen auch schon ein paar eigene Erfahrungen zu, über die man dann auch singen kann.

Erleben Sie denn so viel oder sind Sie eine so gute Beobachterin?Ich glaube, ich bin die bessere Beobachterin. Es sind die kleinen Details, die ich besonders spannend finde, die vermeintlichen Nebensächlichkeiten. Es gibt ja wenige Lieder von mir, die die großen politischen Themen anreißen. Das ist auch nicht meine Stärke. Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die mich interessieren und die ich in meinen Liedern verarbeite.

Und damit sind Sie mittlerweile sehr erfolgreich. Dennoch haben Sie mal über sich selbst gesagt: „Ich bin kein Mainstream, mich hört man nicht im Radio.“ Wie haben Sie das gemeint?Ich bin halt nicht so der Autobahn-Typ, sondern eher so der Landstraßen-Typ. Also abseits der Hauptstraße. Dort fühle ich mich ganz wohl. Wo das Tempo nicht so hoch ist, wo die Straßen nicht so breit sind. Wo man noch mal eine kleine Schleife dreht und schöne Sachen entdeckt.

Anna Depenbusch persönlich

Ich lebe gerne in Hamburg, weil . . . es mein fester Ankerplatz ist. Egal wie lange ich weg bin, es schwemmt mich immer wieder in den Heimathafen zurück.

Was mir an Hamburg nicht gefällt, ist . . . die Entfernung zu einem tropischen Sandstrand. Das wäre es dann aber auch schon.

Abschalten kann ich am besten . . . beim gemütlichen Fahrradfahren und auf einer Zugfahrt. Ich schalte ab, wenn es sich um mich herum bewegt.

Meine größte Schwäche ist . . . Franzbrötchen und Ungeduld.

Musik bedeutet für mich . . .  Balance, sie hält mich im Gleichgewicht. Mal beruhigt sie, mal treibt sie mich an. Dabei ist es fast egal, ob ich selbst auf der Bühne stehe oder mir Musik von anderen Künstlern anhöre.
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Neues Album „Zimmer mit Blick“ erschienen

Revolverheld im Interview: „Wir leben in wilden Zeiten“

Meinung – Nadine Wenzlick
Der 26. November 2016 ist ein Tag, an den Revolverheld gerne zurückdenken: Das Abschlusskonzert ihrer „MTV Unplugged in drei Akten“-Tour in der ausverkauften Hamburger Barclaycard Arena markierte zweifellos den bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere. Eigentlich hatten Revolverheld sich vorgenommen, danach erst mal ein Jahr lang gar nichts zu machen. Aber wie so oft im Leben kam es anders als geplant, und so ist am Freitag ihr neues Album „Zimmer mit Blick“ erschienen. Es ist das fünfte Album der Hamburger Band, die sich 2002 beim Popkurs-Studium kennengelernt hat und vier Jahre später mit der Single „Freunde bleiben“ für Aufsehen sorgte. Erstmals in ihrer Karriere werden Revolverheld auf dem neuen Album auch politisch. Sänger Johannes Strate und Gitarrist Kristoffer Hünecke verraten im Interview, was ihnen gegen den Strich geht. Wie war das, als Ihre MTV Unplugged-Tour im November 2016 mit Ihrem bisher größten Konzert in der ausverkauften Hamburger Barclaycard Arena zu Ende ging? Kristoffer Hünecke: Wahnsinn. Es gibt ja ein paar Träume, die du als Musiker hast. Dass wir mal eine so große Halle vollmachen, noch dazu die größte Halle, die es in unserer Heimatstadt gibt – ich will nicht lügen, davon haben wir geträumt! Als es dann wirklich passierte, war das total surreal und wir sind immer noch dabei, es zu verarbeiten. Eigentlich wollten Sie im Anschluss an die Tournee eine einjährige Pause einlegen. Warum wurde daraus nichts? Hünecke: Auf der einen Seite hatte das musikalische Gründe. Unser letztes Studioalbum ist fünf Jahre her – es hatte sich einfach viel in uns aufgestaut und wir waren voller Inspiration. Nach der Unplugged-Scheibe hatten wir total Bock etwas Anderes zu machen. Deswegen haben wir bei diesem Album viel ausprobiert, mit Synthesizern und programmierten Drums experimentiert. Aber auch jenseits der Musik treiben uns gerade wahnsinnig viele Themen um. Nämlich? Hünecke: Wie wahrscheinlich die meisten haben auch wir das Gefühl, dass wir gerade in einer besonderen Zeit leben. Es schwebt eine Unsicherheit über allem und die politischen Geschehnisse sind bis zum kleinsten im Alltag angekommen. Politik passiert vor der Haustür, ist im Alltag deutlich spürbar und niemand kann es richtig einordnen. Das ist etwas, worüber wir uns sehr viel unterhalten haben. So kommt es, dass es auf diesem Album auch ein paar politische Songs gibt.

In dem Titelstück „Zimmer mit Blick“ klagen Sie die an, die weggucken: „Wenn die Tagesschau erzählt / wer wieder den Planeten quält / schaltest du um und drehst dich weg / in deinem Zimmer mit Blick“. Johannes Strate: Es geht in dem Song um die Komfortzone, die wir alle ein bisschen zu wenig verlassen. Wie Kris sagte: Wir leben in wilden Zeiten. Anders als bei unseren Eltern, wo ganz klar war, wer der Feind ist, ist die Weltpolitik nicht mehr schwarz und weiß. Alles ist grau und man weiß oft nicht, was richtig und was falsch ist. Aber man kann sich nicht einfach zurücklehnen und sagen ‚das ist mir alles egal‘ oder ‚gegen den Klimawandel kann man sowieso nichts machen‘. Wenn ich das schon höre! Man muss eine Haltung haben und so handeln, dass es nicht nur für einen selbst am besten, sondern auch für alle anderen okay ist. Hünecke: Viele denken, der einzelne macht keinen Unterschied. Sie ziehen sich zurück in ihr Zimmer mit Blick. Nach dem Motto: Das wird schon vorbeigehen, die anderen werden es schon richten. Keine Haltung zu haben ist gerade irgendwie in, auch bei ganz vielen Musikern. Sie haben eine Plattform, aber äußern sich nie. Warum ist das so? Ist es eine bewusste Entscheidung, weil sie nicht anecken wollen? Dafür ist es zu wichtig! Nun standen auch Revolverheld in der Vergangenheit nicht unbedingt für politische Haltung … Strate: Das stimmt, wir stehen eher für gefühlvolle Songs. Aber außerhalb der Musik haben wir uns schon immer engagiert, ob für Laut gegen Nazis oder Viva con Agua. Uns war wichtig, das bei diesem Album auch mal in Textform zu bringen. Wir sind ein Band, der ist nichts egal – dafür kommen wir alle aus zu linksliberalen Haushalten, wo die Eltern viel gemacht haben. Mein Vater war früher oft demonstrieren, ich bin mit sechs Jahren auf der ersten Demo gegen Atomkraft mitgelaufen, weil damals gerade die Katastrophe in Tschernobyl passiert war. Damals habe ich verstanden, dass auf der Welt viel schiefläuft und man vielleicht auch mal was unternehmen muss.

Über die politischen Spitzen hinaus geht es auf „Zimmer mit Blick“ auch viel um Zwischenmenschliches – vor allem Trennungen. Strate: Das ist bei uns ja irgendwie immer so. Es hatte zwar keiner von uns fürchterlichen Herzschmerz, während das Album entstand, aber wir sind jetzt in einem Alter, in dem sich super viele trennen. Oft sind es Paare mit Kindern und das sind dann total traurige Geschichten. Ich glaube, ich werde mein Leben lang Lieder über Trennung schreiben, weil es einfach ein Thema ist, das alle Menschen beschäftigt. Davon abgesehen ist es viel leichter, einen Song über ein gebrochenes Herz zu schreiben. Positive Liebeslieder klingen auf Deutsch schnell nach Schlager. Um die Songs zu schreiben, haben Sie beide Trips nach Amsterdam und Sankt Peter-Ording unternommen. Wie wichtig sind Tapetenwechsel für die Inspiration? Hünecke: Wenn man wegfährt, ist man unter sich, hat keinen Alltag und kann sich ganz auf die Inhalte konzentrieren – diese Ruhe, dass man sich bis zum Ende mit Sachen auseinandersetzt, ist schon gut für die Inspiration. Strate: Ich bin im Januar alleine nach Spiekeroog gefahren und habe in vier Tagen neun Songs geschrieben. Wenn du da in der Einsamkeit bist, setzt du dich ganz anders mit dir und deinen Themen auseinander. Da kommen Sachen hoch, von denen du gar nicht wusstest, dass sie für dich ein Thema sind. Zum Beispiel die Gesellschaftskritik in „So wie jetzt“. Sie beklagen darin, dass wir immer nach dem Haar in der Suppe suchen. Wer sind „wir“? Strate: Unsere Generation, die zwischen 25 und 40, die alle top ausgebildet sind. 25 Praktika, in New York in einer Anwaltskanzlei – aber nach zwei Jahren zieht man weiter, weil der Chef keine Tischtennisplatte in den Aufenthaltsraum stellen will. Wir sind schon eine verwöhnte Generation. Und alle wollen immer individuell sein, jeder hält sich für etwas Besonderes. Hünecke: Ich würde sogar sagen, dass es einen gesellschaftlichen Druck gibt, besonders sein zu müssen, auch durch die ganzen Social Media Plattformen. Jeder muss sich irgendwie präsentieren, sonst gehört man nicht dazu. Und irgendwie vergisst man dabei, wer man wirklich ist. Darum geht es in dem Refrain es Stücks, in dem es heißt: „Leb doch einfach jetzt“. Wir wollen nicht den Zeigefinger rausholen. Wenn Leute Spaß daran haben, sich die ganze Zeit so darzustellen, ist das schön und gut. Aber man sollte nicht vergessen, sein Leben zu leben. Gelingt Ihnen das immer? Strate: Natürlich überhaupt nicht. Ich bin auch ein Typ, der mit vielen Sachen hadert und sich viele Gedanken macht. Und ich gehöre nicht zu den Menschen, deren Glas immer halb voll ist. Hünecke: Da ergänzen wir uns ganz gut: Ich versuche immer so positiv wie möglich zu sein. Auch wenn das im Moment manchmal schwer ist … Wir kommen gerade aus Südafrika, wo wir viel Zeit in Kapstadt verbracht haben. Das ist eine Stadt voller Gegensätze: arm – reich, schwarz – weiß. Da merkt man erst mal, in was für einer Blase man sich hier in Deutschland bewegt, auf seinem Instagram-Account und überhaupt. Sie haben in Südafrika die neue Staffel von „Sing meinen Song“ gedreht – ein TV-Format, das für die teilnehmenden Künstler oft eine sehr intensive Erfahrung zu sein scheint. Was haben Sie von den Dreharbeiten mitgenommen? Strate: Das ist schon eine spannende Erfahrung: Du sitzt da Tag für Tag mit Leuten auf dem Sofa, die du vorher vielleicht gar nicht kanntest, und redet über super persönliche Sachen. Es geht sofort ans Eingemachte – und das mit Künstlern wie Marian Gold von Alphaville, der Welthits hatte. Wir waren gerade in Südafrika angekommen, da lief erst mal „Big in Japan“ im Radio. Wenn der dann einen Song von dir singt, ist das völlig absurd. Mit Revolverheld sind Sie mittlerweile selbst seit 16 Jahren im Geschäft – allerdings stand die Band nie unbedingt für Coolness. Tangiert Sie das, oder wird einem das Image irgendwann egal? Strate: Das ist völlig egal. Hünecke: Wir sind nie dafür angetreten, die hippste Band im Viertel zu sein – sonst wären wir jetzt vermutlich auch schon wieder weg. Uns ging es immer um unsere Songs und Inhalte. Die Frage ist ja auch: Was bedeutet cool überhaupt? Ich finde es cool, wenn Leute authentisch sind. Strate: Wenn das, was wir machen, die Leute berührt, wenn uns jemand schreibt, dass seine Ehefrau zu „Ich lass für dich das Licht an“ von ihrem Vater zum Altar geführt wurde, finde ich das ehrlich gesagt viel cooler, oder schöner und berührender – weil ich weiß, dass dieser Song für alle Ewigkeit mit den beiden verbunden sein wird. Wir machen das, was wir machen, mit Herz. Ob das cool ist oder nicht, war uns immer ziemlich egal.

Revolverheld persönlich

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist ...

Kristoffer Hünecke: Der Elbstrand!

Johannes Strate: Die Strandperle!

Das Zimmer mit dem schönsten Blick befindet sich ...

Strate: Auf Spiekeroog, mit Blick auf die Dünen.

Unsere Show im Mojo am 4. Mai wird ...

Hünecke: Hoffentlich so, wie wir Shows in kleinen Clubs in Erinnerung haben, nämlich schwitzig. Ich freue mich da sehr drauf und hoffe, dass wir ganz dicht vor den Leuten stehen und die Energie spüren.

Strate: Und wenn einer pupst, stinkt es!

Wenn ich nicht Musik mache, dann ...

Strate: Bin ich auf dem Sonnendeck! Nein, dann spiele ich mit meinem Sohn Lego.

Bei uns im Tourbus läuft...

Hünecke: Ganz wenig Musik, weil wir oft nicht mehr aufnahmefähig für Musik sind, wenn wir von der Bühne kommen.

Strate: Stattdessen laufen schwachsinnige Filme von Will Ferrell.  
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Tagesthemen-Moderatorin im Interview

Caren Miosga: „Ich bin nie richtig zufrieden mit mir“

Meinung – Manfred Ertl
Die Nachrichtenwoche ist schon lang und die letzten „Tagesthemen“ sind erst wenige Stunden alt, als Moderatorin Caren Miosga (48) an einem Freitag früh am Vormittag entspannt und bester Laune zum Gespräch im Café „Vesper“ in Eimsbüttel erscheint. Die Moderatorin und Journalistin lacht viel, auch über sich selbst. Zum Beispiel, wenn sie sich an die Jubiläumssendung zum 40. Geburtstag der „Tagesthemen“ Anfang des Jahres erinnert, die sie gemeinsam mit ihrem 1,95 Meter großen Kollegen Ingo Zamperoni moderierte. Weil der so „wahnwitzig groß“ ist und sie sich an seiner Seite „wie Gysi neben Bartsch“ fühlt, hatte die Redaktion erwogen, sie zur Moderation auf ein Podest zu stellen. „Ich hatte nicht nur einen Italiener neben mir, sondern auch einen unter mir“, erzählt sie lachend. Denn die Podeste im Studio heißen „Italiener“. In der Sendung „schrumpfte“ sie dann doch wieder auf Normalmaß.

Caren Miosga ist eine inzwischen feste Größe bei den ARD-Tagesthemen. Seit 2007 moderiert sie die Sendung, und zwar so gut, dass sie für den Deutschen Fernsehpreis 2018 nominiert war. Vorher hatte die studierte Historikern und Slawistin unter anderem für das NDR-Medienmagazin Zapp oder für „Titel, Thesen Temperamente“ vor der Kamera gestanden. Ihre heimliche Liebe gehört nach wie vor der Slawistik, schon während des Studiums hatte sie nebenbei auch als Reiseleiterin in Moskau und St. Petersburg gejobbt. Miosga spricht russisch und liest russische Medien, aber sie würde gern mal wieder hinfahren, um sich ein eigenes Bild zu machen. „Die Massenmedien transportieren nichts anderes als die eine Sicht des Kreml, und es ist zum Teil hanebüchen, was für ein Unfug da über den Westen läuft“, sagt sie: „Gleichzeitig gibt es aber Menschen, die das auch so wollen, und die einen Vorteil darin sehen, in so einer Gesellschaft zu leben. Deren Sicht würde ich gern mehr verstehen.“  

Frage: Haben Sie sich innerlich schon auf die Anmoderation vorbereitet, wenn der HSV aus der Bundesliga absteigt?Caren Miosga: Innerlich noch nicht, aber es wird mir auch nicht schwerfallen. Ich bin bei Fußball völlig leidenschaftslos. Aber ich weiß, dass der fast schon berühmte Satz meines Kollegen Ingo, „der Bessere möge gewinnen“, nicht immer gut ankommt bei den Zuschauern.

Sie bezeichnen sich als „krankhaft perfektionistisch“ und verstehen eingestandenermaßen nichts von Fußball. Wer berät Sie bei solchen Themen, Ihr Mann? Nein, mein Mann versteht auch nichts von Fußball. Aber ich habe Gott sei Dank Kolleginnen und Kollegen, die sehr viel davon verstehen. Und weil ich so wenig Ahnung davon habe, bin ich da ganz besonders penibel und informiere mich immer genau. Wie wirkt sich das Perfektionistische bei Ihnen aus? Ich versuche, mit meiner Leistung zufrieden zu sein. Ich könnte sicher hin und wieder einfach mal den ersten Gedanken für eine Moderation nehmen. Aber ich denke dann auch immer über den zweiten und dritten nach, und stehe mir manchmal selbst ein bisschen im Weg, weil ich nie richtig zufrieden bin. Haben Sie schon mal eine richtige Panne erlebt? Noch keine inhaltlicher Natur, dass ich Müll erzählt hätte. Eher technischer Art . . . Das berühmte Video, das Sie vor der Sendung beim Schminken, Pudern und bei Tonproben zeigt und plötzlich im Netz auftauchte? Genau, wir waren plötzlich online in einer Situation, von der wir das nicht ahnten. Das war ein bisschen wie „Verstehen Sie Spaß?“, aber ich habe ja glücklicherweise keine schmutzigen Witze erzählt. Ich habe darüber sehr gelacht und war war auch erleichtert, dass mir nichts über die Lippen gegangen war, was nicht für andere Ohren bestimmt gewesen wäre. Denn wir sind da ja manchmal schon unter Anspannung, wenn zum Beispiel Unerwartetes passiert und im letzten Moment die halbe Sendung umgestellt oder improvisiert werden muss. Dann fang ich mit Kollegen schon mal an, ein blödes Lied zu singen, damit man sich ein bisschen auflockert.

Als Sie zum Tod des Schauspielers Robin Williams im Studio auf den Moderatorentisch stiegen, um an den großen Film „Club der toten Dichter“ zu erinnern, waren Sie froh, dass an diesem Tag keine Bedenkenträger da waren. Gibt es die sonst? Damit meinte ich damals das, was es üblicherweise in allen Behörden gibt, beispielsweise Feuerwehr- oder Sicherheitsbeauftragte, die darauf achten, dass keine Tische beschädigt werden. Aber es war niemand da, der sagte: Um Himmels willen, auf diesem Mobiliar darf man doch nicht mit nackten Füßen stehen. Nach seinem Wahlsieg in Hamburg haben Sie zu Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz gesagt, er sei so euphorisch wie ein englischer Butler zur Tea-Time. Darf eine Moderatorin das? Unbedingt. Wieso sollen wir Rücksicht auf die nehmen, die den ganzen Tag austeilen und auch nicht aus Zucker sind. Nun ist Olaf Scholz niemand, der mit Bösartigkeiten auffällt, aber so habe ich meine Frage auch gar nicht empfunden. Es ist meine Aufgabe, das zu formulieren, was jeder Zuschauer in so einem Moment denkt. Und es war einfach so, dass Olaf Scholz einen Sechser im Lotto hatte. Er hatte 2011 die absolute Mehrheit geholt und freute sich so, als ob gerade seine Oma gestorben wäre. Nämlich gar nicht. Das war so umso auffälliger, als er in dem Moment auch noch das Wort „Emotion“ in den Mund nahm. Er hat mir das aber überhaupt nicht krumm genommen. Ist Ihnen das wichtig? Ich möchte auf keinen Fall jemanden persönlich verletzen. Aber zuzuspitzen und so zu formulieren, dass es den anderen aus der Reserve lockt, das gehört zu den wichtigsten Aufgaben, die wir haben, zumal Politiker in heutiger Zeit professionell geschult sind, Medientraining haben und jedes Komma abwägen. Da muss der Interviewer zwischendurch einfach Überraschungsmomente setzen, sonst bleibt das Interview vorhersehbar und klinisch.

Haben Sie sich an Ihr Scholz-Interview erinnert gefühlt, als Scholz nach dem SPD-Referendum zur Großen Koalition und dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen wiederholt wie eine Spaßbremse vor die Mikrofone trat? Wahnsinn, aber Olaf Scholz ist einfach so. Beziehungsweise ist er interessanterweise eigentlich nicht so, wenn man ihn jenseits der Kamera kennengelernt hat, dann kann er ein sehr spontaner, humorvoller und zum Teil sarkastischer Mann sein. Aber vor den Kameras verbietet er sich das Spontane konsequent. Was fast schon bewundernswert ist, wie eisern er und ja auch viele andere Politik-Profis das durchhalten, aber was andererseits aus meiner Frager-Sicht sehr schade ist, denn was könnten das für interessante Fernsehgespräche sein, wenn einer sich mal traute! Wie sehr müssen Sie sich öffentlich politisch zurückhalten? Naja, es gibt ja Unterschiede zwischen Meinung und Haltung. Unsere Kommentare in der Sendung sind dezidierte Meinungen, die haben so an meiner Stelle nichts zu suchen. Aber selbstverständlich kann und muss ich eine Haltung zu einem Thema entwickeln. Ich dachte eher an Ihren Alltag, können Sie sich auf privaten Feiern oder wenn Sie auf dem Markt von der NPD angequatscht werden, offen äußern oder müssen Sie sich immer zurückhalten? Das tue ich selbstverständlich, wie alle andere Menschen auch. Wo kommen wir denn hin, wenn ich privat nicht mehr sagen darf, wo ich stehe und wie ich denke. Aber ich sollte mich nicht für eine Partei engagieren und mich mit dezidierten politischen Statements öffentlich zurückhalten, weil mir sonst vorgehalten werden könnte, ich sei befangen, wenn ich in der Berichterstattung jemand kritisch befragen muss. Sie engagieren sich im Kinderhilfswerk „arche“, ist das schon ein Stück politisches Bekenntnis? Ich kenne persönlich Kinder, die wenig zur Verfügung haben, viel weniger als andere in meinem Umfeld. Mir ist das sehr nahe gegangen, und ich halte es für berechtigt und gut, meine von den Tagesthemen geliehene Prominenz einzusetzen und solchen Kindern zu helfen. Und gelegentlich dazu beitragen zu können, öffentliches Bewusstsein zu schaffen für die, die sich gegen Armut einsetzen, die Hausaufgabenhilfe geben oder Kindern Frühstück und Mittagessen anbieten. Ärgert es Sie eigentlich, wie oft in den Medien über Ihr Lächeln, Ihre Augenbrauen oder Ihre Größe berichtet wird, und Sie so auf Äußerlichkeiten reduziert werden? Ach ja, es nervt schon ein bisschen. Aber damit müssen wir Frauen offenbar leben. Genau die gleiche Nummer hatten wir übrigens jetzt, als das neue Kabinett vom Bundespräsidenten die Ernennungsurkunden erhielt. Als sich alle brav in Reih und Glied aufstellten, twitterten sofort Kollegen, guckt mal, die Ministerinnen Klöckner und Giffey tragen beide Königsblau. Niemandem war offenbar aufgefallen, dass sämtliche Männer die gleiche Farbe trugen, nämlich ein sympathisches Anthrazit. Was für ein Unsinn. Wie gehen Sie damit um, immer wie auf einem Präsentierteller zu Leben? Wenn ich inhaltliche Fehler mache, ärgert mich das sehr viel mehr, als wenn mir Zuschauer schreiben, ihnen habe das Grün der Bluse nicht gefallen, die ich getragen habe. Das ist Geschmacksache, und ich kann antworten, gucken Sie morgen wieder neu. Andererseits machen wir Fernsehen, wir sind ein visuelles Medium, da gucken die Leute genau hin. Die Kamera lässt alles erkennen, auch wenn man mal nicht so gut drauf ist, das muss man akzeptieren. Dafür hat Matthias Brandt übrigens mal einen schönen Begriff kreiert, die Kamera sei ein Gedankensichtbarkeitsapparat. Stimmt! Künstlich verstellen bringt eh nichts.

Kann Caren Miosga eigentlich in Hamburg noch unerkannt und in alter Jogginghose über den Markt oder zum Brötchenholen gehen? Ich kann schon (lacht), aber dann müsste ich wohl viel reden. Die Hamburger sind ja eigentlich diskret, aber ich gebe zu, dass ich den ganz großen Auftritt mit alter Jogginghose nicht geben würde. Den Preis, immer das Fernsehgesicht vor mir hertragen zu müssen, zahle ich allerdings nicht. Die Leute, die mich kennen, meine Nachbarn, die wissen ohnehin, wie ich aussehe, wenn ich ungeschminkt und nicht im Fernsehen bin. Caren Miosga persönlich

Privatleben in Hamburg ist . . . angenehm (lacht), am liebsten an der Elbe.

Abschalten kann ich am besten . . . mit den Kindern.

Meine Hobbys sind . . .  dafür habe ich leider wenig Zeit, ich lese und mache Sport.

Kino oder Theater bereiten mir . . . manchmal Schmerzen, im Kino sah ich das letzte Mal „Three Billboards“, das ist jetzt aber auch schon wieder Wochen her. Ich leide aber am meisten, dass ich so wenig ins Theater gehen kann.

Urlaub mache ich am liebsten . . .  am Meer, wo es warm ist, mit viel Sonne.

Meine Töchter finden mich . . . zu ernst (wenn ich arbeite), zuweilen peinlich (wenn ich „uncoole“ Musik höre) und manchmal sogar lustig. Die mögen überhaupt nicht das Fernsehgesicht.
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Die Schauspielerin im Interview

Sibel Kekilli: „Wir brauchen Feminismus mehr denn je“

Meinung – Manfred Ertel
Sibel Kekilli (37) weiß, was sie will, und sie geht diesen Weg mit bewundernswerter Konsequenz – sie will einfach nur nach vorne schauen. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie nicht mehr über Vergangenes reden will. Weder über ihre Rolle als Computerspezialistin Sarah Brandt im Kieler „Tatort“, die ihr viel Lob und der ARD hohe Einschaltquoten beschert hat. Noch über ihr preisgekröntes Spiel im Film „Gegen die Wand“ von Fatih Akin. Und auch Privates ist weitgehend tabu.

Sibel Kekilli sitzt in einem ihrer Lieblingscafés im Hamburger Stadtteil Ottensen, das pickepacke voll ist, und zieht mit strahlendem Lächeln Grenzen für das Gespräch, die anders als bei vielen Kollegen ausgerechnet vor politisch heiklen Themen nicht haltmachen. Wohl auch deshalb reizen sie Rollen, wie etwa in „Die Fremde“, in der sie eine türkisch stämmige Deutsche spielt, die in Istanbul aus ihrer Ehe ausbricht. Für „Die Fremde“ wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zum zweiten Mal mit dem Deutschen Filmpreis. Die Hamburgerin ist streitbar – auch wenn das ihr Leben nicht immer einfacher macht. „Ich bin sehr klar und direkt, rede nicht lange um die Dinge drum herum“, sagt sie, „Es gibt viel zu viele Menschen, die mit dem Strom mitschwimmen.“ Sie nicht. Vor einem Jahr wurde ihr dafür das Bundesverdienstkreuz verliehen. Frage: Vor einem Jahr sind Sie nach 13 Folgen als Ermittlerin Sarah Brandt für viele Zuschauer überraschend aus dem Kieler „Tatort“ ausgestiegen. Können Sie das Thema noch hören? Sibel Kekilli: Können Sie es noch hören? Das ist abgeschlossen und ich befasse mich lieber mit neuen Themen. Sie sind seit Wochen zu Dreharbeiten in Finnland und nur zwischendurch mal auf Heimaturlaub in Hamburg. Worum gehtes bei dem Projekt? Es ist eine internationale Produktion unter anderem mit der Kölner Nadcon, die schon so erfolgreiche Serien wie „Kommissarin Lund“ koproduziert hat. Zwei Frauenfiguren sind die Hauptpersonen. Ich spiele eine Terroristin. Eine starke, kämpferische Frau, die nach Finnland einreist, und meine Gegenspielerin ist eine Polizistin, die Undercover agiert. Ich darf leider nicht zu viel verraten.

Warum Helsinki? Finnland ist zwar bekannt für die Brüder Aki und Mika Kaurismäki als Filmemacher, aber nicht eben als Nabel der Filmszene. Ich kann mir den Drehort ja nicht aussuchen. Doch ich muss gestehen, dass ich die Stadt und die Kultur wirklich mag und die Finnen darüber hinaus eine innovative Filmszene haben, die sehr interessant ist. Allerdings drehen wir nicht nur in Finnland, sondern auch in Brüssel und wahrscheinlich in Georgien oder Rumänien. Sie wagen sich immer wieder an konfliktträchtige Stoffe, wie zum Beispiel in der ZDF-Serie „Bruder – Schwarze Macht“ vorigen Herbst. Sie spielen da eine Polizistin mit türkischen Wurzeln, deren Bruder in die radikal islamistische Szene abgleitet und eine Familie zerstört. Was reizt sie an solchen Rollen? Jede Rolle, die Tiefe hat und mir Raum zum Spielen lässt, ist toll. Das will doch jeder Schauspieler und ich habe das Glück, solche Rollen spielen zu dürfen. Wie ist die öffentliche Reaktion auf solche Figuren? Sind Hasskampagnen und Beleidigungen der Preis für zu viel Prominenz oder Mut? Ich suche meine Rollen ja nicht nach Feedback aus, sondern, weil ich sie spielen will. Von daher muss ich dann wohl mit der Reaktion umgehen, ob es mir gefällt oder nicht. Sind Sie eine Schauspielerin, die politische Botschaften vermitteln will? Als Mensch bin ich sicherlich politisch, aber, wie schon gesagt, als Schauspielerin suche ich meine Rollen nach Inhalt und nicht nach Aufmerksamkeit oder politischer Ausrichtung aus. Vor einem Jahr hat Ihnen Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz verliehen. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung persönlich? Ein Bundesverdienstkreuz bekommt man nicht alle Tage. Das ist wirklich schon etwas ganz Besonderes und Wertvolles in meinem Leben. Und es dann auch noch persönlich überreicht zu bekommen von Bundespräsident Joachim Gauck, von dem ich ein großer Bewunderer bin, das war alles schon sehr außergewöhnlich. Gauck hat Sie dafür gelobt, dass Sie Ihre Popularität dazu nutzen, um Frauenrechte zu einem öffentlichen Thema zu machen. Sind Sie eine Feministin? Jein. Ich finde Feminismus wichtig. Aber leider wird der Begriff Feminismus oft negativ benutzt, nach dem Motto: Feministinnen hassen Männer. Dem kann ich nicht zustimmen. Es geht schlichtweg um Frauenrechte und Gleichberechtigung, und wir haben längst noch nicht erreicht, was wir erreichen sollten und wollten. Und ich versuche meinen Teil dazu beizutragen. Sie könnten es sich doch viel einfacher machen. Was treibt Sie an? Ich finde es wichtig, eine klare Haltung zu haben und diese auch zu zeigen. Den Mut seine Stimme zu erheben und sich einzumischen, ob man bekannt ist oder nicht, sollte selbstverständlich sein. Es ist leicht sich zu beschweren, aber man muss auch handeln. Deshalb versuche ich etwas zu tun und engagiere mich zum Beispiel seit 14 Jahren mit „Terre des Femmes“ für ein selbstbestimmtes Leben von Frauen und Mädchen. Und seit etwa zwei Jahren mit „Papatya“, einer anonymen Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen. Sie ergreifen öffentlich Partei gegen Gewalt und sexuelle Übergriffe gegen Frauen. War die Sexismus-Debatte unter dem Schlagwort „MeToo“, die ihren Ursprung gerade in der Filmbranche hat, überfällig? Schon lange, und sie ist wichtig. Dass wir erst jetzt darüber reden zeigt eigentlich, dass wir noch sehr, sehr weit entfernt sind von Gleichberechtigung und Respekt gegenüber Frauen. Wir brauchen Feminismus mehr denn je.

Sind Sie selbst in Situationen gekommen, in denen Männerübergriffig geworden sind? Ich glaube, das kommt jeder Frau in verschiedenen Lebenssituationen bekannt vor.



Wo fängt die Grenzüberschreitung an, schon bei einem eigentlich harmlos gemeinten, aber vielleicht zu anzüglichen Flirt? Das ist natürlich abhängig von den Betroffenen. Wenn ich selbst einen Spruch mache, muss ich auch damit rechnen, dass ich einen zurückbekomme, auch als Frau. Aber jede Frau hat das Recht, ihre Grenze selbst zu definieren. Sie sind in einer Kultur groß geworden, in der Frauen unterdrückt werden, haben Sie mal als Begründung für Ihr Engagement gesagt. Viele haben sofort an die Türkei gedacht. Aber Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Wenn wir nur die Türkei meinten, wären wir alle blind. Auch hier in Deutschland gibt es immer wieder Übergriffe, die Frauen diskriminieren, und auch darauf sollte man achten. Sie haben 1999 um Entlassung aus der türkischen Staatsbürgerschaft gebeten und sich gegen eine doppelte Staatsbürgerschaft entschieden. Warum? Die doppelte Staatsangehörigkeit gab es damals nicht, auf legalem Weg hätte ich nicht beide haben dürfen. Ich bin Deutsche, und ich wollte wählen, das war mir wichtig. Was bedeutet Heimat für Sie? Heimat ist für mich der Ort, wo ich mich gerade wohl fühle. Im Moment ist es Hamburg, aber auch die Hansestadt hat ihre Probleme. Woran denken Sie? Ich habe das Gefühl, wir zerstören gerade unsere Stadt. Alte schöne Häuser werden abgerissen, Mieten werden immer unbezahlbarer, kleine Blumen- oder Fahrradläden müssen weichen wie in Ottensen, dafür entstehen neue Einkaufszentren, von denen wir aber um die Ecke schon drei haben. Ich finde, da müsste die Politik dringend eingreifen. Wo bleibt der Charme dieser Stadt? Wir machen sie gerade kaputt.

Sibel Kekili persönlich

Vereinbarkeit von Familie und Beruf  . . . ist für jede Frau, egal aus welchem Berufsfeld, eine Herausforderung.

Rote Teppiche bedeuten  für mich . . . Arbeit und Spaß gleichermaßen.

Auf der Straße erkannt zu werden  . . . ist natürlich auf der einen Seite ein Kompliment für meine Arbeit, aber manchmal möchte ich einfach auch nur unerkannt bleiben (lacht).

Zum Abschalten mach ich am liebsten . . . gar nichts. Auch das muss man lernen. Ich lese dann gerne, oder ich guck mir zum x-ten Mal „Columbo“ an.

Sport ist für mich . . . keine echte Entspannung. Ich mache Sport, aber er ist für mich auch Arbeit.
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Chef der Hamburger Sparkasse im Interview

Harald Vogelsang: „Immer mehr Geld macht nicht glücklich“

Meinung – bgl
Herr Vogelsang, lassen Sie uns über Geld sprechen. Im vergangenen Jahr hat Ihr Haus trotz Niedrigzinsphase rund 80 Millionen Euro Gewinn gemacht. Wie haben Sie das geschafft? Harald Vogelsang: Wir haben jeden Euro umgedreht und gleichzeitig in die Zukunft investiert. 80 Millionen Euro sind historisch betrachtet kein Rekordgewinn, aber ein ordentliches Ergebnis unter den derzeitigen Umständen. Muss die Hamburger Sparkasse auch zocken, damit die Rendite auskömmlich ist? Das tun wir gerade nicht. Natürlich müssen auch wir vertretbare Risiken eingehen, um Geld zu verdienen. Aber wir versuchen, sie beherrschbar zu machen, indem wir uns absichern. Das kostet Geld. Dass wir während der gesamten Finanzmarktkrise kein Geld verloren und sogar − wenn auch bescheidene − Gewinne gemacht haben, macht uns ein bisschen stolz und vor allem glücklich. Das klappt nur, wenn man Risiken vermeidet, die gefährlich werden können.

Wann sind Sie in Ihren über zehn Jahren als Haspa-Chef mal nervös geworden? Nervös geworden bin ich, als nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers die Höhepunkte der Finanzmarktkrise heraufzogen. Angespannt war ich auch 2011 bei unserer letzten großen IT-Umstellung. In den Tagen nach der Migration lief der Zahlungsverkehr noch nicht reibungslos. Bei der Größe der Haspa sind das Buchungen im Wert von etlichen Millionen Euro. Aber am Ende ist alles gut gegangen. Warum haben die Menschen den Eindruck, dass die Bankenkrise von den Bürgern selbst mit ihren Finanzverlusten und mit ihren Steuergeldern bezahlt wurde. Warum ist das Image von Banken und Sparkassen so schlecht? Auf Sparkassen und auch Volksbanken trifft das nicht zu. Die meisten Menschen betrachten das differenzierter. Und es ist ja auch so, dass die Finanzmarktkrise nicht von den Banken ausgelöst wurde, sondern durch die Immobilienblase in den USA und dadurch, dass die Investmentbanken und Hedgefonds aus New York und London Verbriefungen auf diese Immobilien in den Markt gebracht haben. Die Regulierungen, die eingeführt wurden, damit sich so etwas nicht wiederholen kann, erreichen die Verursacher der Krise aber gar nicht, weil sie die Regeln zu umgehen wissen. Reguliert werden stattdessen jetzt auch die Sparkassen und Volksbanken, also diejenigen, die unter der Finanzkrise mit gelitten haben. Aber die HSH-Banker etwa oder andere deutsche Investmentbanker sind doch keine weißen Lämmer? Natürlich sind an vielen Stellen Fehler gemacht worden, sonst wäre es nicht soweit gekommen. Die Haspa fördert viele gesellschaftliche und kulturelle Projekte sowie den Sport. Welches Projekt liegt Ihnen persönlich am Herzen? Ganz besonders Bildung. Gut gebildete Menschen sind der einzig nachwachsende Rohstoff, den wir in Deutschland haben. Deutschland ist das Land der Dichter und Denker. Und Deutschland ist in der Bildungslandschaft nicht so schlecht, wie es manchmal geredet wird, aber es ist auch noch Luft nach oben. Bei der Haspa kann man sich jetzt auch Wein und Lebensmittel in Schließfächer bei ausgewählten Haspa-Filialen liefern lassen. Reicht es heute nicht mehr, einfach nur eine gute Sparkasse zu sein? Das sind die Schließfächer für unseren neuen Nachbarschaftsservice kiekmo. Die Idee war ursprünglich gar nicht, dort frische Lebensmittel oder Wein zu deponieren. Aber als die Firmen auf uns zukamen, haben wir gesagt: warum nicht. Eigentlich war die Idee, Gegenstände wie Schlüssel oder eine geliehene Bohrmaschine zu hinterlegen, die sich dann jemand mit einem per SMS gesendeten Code aus dem Schließfach holen kann.

Im Fernsehen läuft eine Doku-Soap „Undercover Boss“. Wär das auch was für Sie, mal in den Haspa-Filialen Mäuschen zu spielen? Nein, das ist nicht meine Art. Ich komme lieber mit offenem Gesicht. Ich besuche unsere Filialen immer wieder mal unangemeldet, aber nicht, um jemanden zu erwischen, sondern weil ich das echte Leben kennenlernen möchte. Wenn dann keiner Zeit für mich hat, fahre ich zufrieden weiter − in dem Wissen, dass wir gerade gute Geschäfte machen. Dazu passt der „Undercover Boss“ nicht. In vielen Branchen denkt man über Verschlankung durch Fusion nach. Müssen die Sparkassen in Schleswig-Holstein um ihre Eigenständigkeit fürchten? Das glaube ich nicht. Das hört sich nicht sehr entschieden an... Man soll ja niemals nie sagen, und ich bin auch kein Hellseher. Aber die Kollegen in Schleswig-Holstein sind überwiegend gut aufgestellt. Ich kann aber nicht ausschließen, dass der eine oder andere in Schleswig-Holstein überlegt, mit seiner Nachbarschaftssparkasse zu fusionieren. Solche Ideen hat es immer gegeben. Ist Ihnen Geld eigentlich wichtig? Eigentlich nicht. Geld ist ein Mittel zum Zweck, um sich Wünsche und Träume zu erfüllen. Und Geld schadet nicht, um ruhig schlafen zu können. Aber Geld kann auch furchtbar unglücklich machen. Es gibt viele Menschen, die so reich sind, wie andere gerne wären, aber unendlich viele Sorgen haben. Immer mehr Geld haben zu wollen, macht keinesfalls glücklich. Wann haben Sie das erste Mal mit Geld zu tun gehabt und Gewinn gemacht? Ich kann mich erinnern, dass ich mir als Junge die Nase am Schaufenster eines Spielwarengeschäfts platt gedrückt habe, weil ich mir von meinem gesparten Taschengeld meine erste kleine Lokomotive kaufen wollte. Ich brauchte dafür 15 D-Mark, ich hatte aber nur 13 zusammengespart. Meine Großmutter hat mir dann die fehlenden zwei Mark geschenkt, weil ich schon so tapfer zusammengespart hatte. Das war ein Schlüsselerlebnis. Ich habe es mit meinen Kindern genauso so gehalten: Wer selbst tüchtig gespart hat, muss dafür belohnt werden.



Sind Sie ein guter Sparer? Ich glaube schon. Meine Großmutter hat mir zur Geburt ein Sparbuch, übrigens von der Haspa (lacht), in die Wiege gelegt, im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich spare heute noch, vor allem für meine Töchter, allerdings als monatliches Aktiensparen. Stimmt es, dass Sie gern Landwirt geworden wären? Ja, das ist kein Schnack. Es schien mir aber wirtschaftlich zu riskant ohne einen eigenen, ererbten Hof. Was hat Sie am Beruf des Landwirts gereizt? Mich hat gereizt, enger mit der Natur verbunden zu sein. Zu sehen, wo unsere Nahrungsmittel herkommen und an der frischen Luft zu sein. Ich bin in Reinbek direkt neben einem 300 Jahre alten Hof aufgewachsen, der Sohn war mein Freund. Das war großartig. Sie gelten als nüchtern, diskret, hanseatisch. Wann fahren Sie mal aus der Haut oder zeigen ihre unbekannte Seite? (lacht) Zum Beispiel beim Konzert der Rolling Stones im Stadtpark. Da flippe ich auch nicht vollkommen aus, aber ein bisschen. Und ich kann mich mit Freunden zusammen über gemeinsam Erlebtes freuen. Was möchten Sie der Generation Ihrer Töchter mit auf den Weg geben? Dass sie immer positiv denken und dazu beitragen sollten, die Welt besser zu machen, auch wenn wir nicht alles beeinflussen können. Und dass das Glück mit den Tüchtigen ist. Das hat mir mein im vergangenen Jahr verstorbener Vater mit auf den Weg gegeben. Wichtig ist auch, in scheinbar aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben, sondern zuversichtlich zu bleiben, denn meist findet sich doch ein Weg. Was bedeutet für Sie der Begriff Heimat? Heimat ist für mich Nachhause-Kommen. Heimat ist da, wo man sich wohlfühlt, wo man Freunde und eine Umgebung hat, die man liebt.

Wo befindet sich diese Heimat für Sie persönlich? Auf jeden Fall in Norddeutschland und in der Nähe von Wasser. Und umgeben von Menschen, die das, was sie tun, ehrlich meinen, mit denen man geradeaus denken und reden kann und die nicht zu viel schnacken. Was zeichnet Hamburg für Sie aus? Hamburg ist für mich die schönste Stadt der Welt, im Kopf-an-Kopf-Rennen mit Vancouver. Und Hamburg zeichnet aus, dass es immer wieder Wege findet, weltoffen zu sein. Wo muss Hamburg dringend besser werden? Hamburg muss in dem Willen, mit anderen Metropolen wie Kopenhagen mithalten zu wollen, besser werden. Die Diskussion, ob die Stadt wachsen soll oder nicht, finde ich skurril, weil eine Stadt, die klein bleiben will, auch klein bleiben wird. Hamburg muss besser werden im Fördern von innovativen Ideen und muss die Verbindung von Wirtschaft und Wissenschaft viel stärker vorantreiben. Und Hamburg kann deutlich zulegen, wenn es darum geht, Anreize für junge Menschen zu schaffen, nach Hamburg zu kommen und hier zu leben. Und mir ist wichtig, dass Hamburg nicht anfängt, die Wirtschaft als böse zu brandmarken. Dass Hamburg aber auch vieles richtig macht, wird gern vergessen, weil es modern ist, Hamburg zu attestieren, dass es nichts kann, um etwas gegen die hanseatische Selbstgefälligkeit zu tun. Das Einzige, was wir Hamburger nicht so gut können, ist Fußballspielen − zumindest in der ersten Bundesliga. Können Sie sich die Freie und Hansestadt ohne den Ersten Bürgermeister Olaf Scholz vorstellen? Ja, natürlich kann ich mir das vorstellen. Er ist ja auch nicht unsterblich. Und wir haben auch schon viele gute Bürgermeister gehabt. Trotzdem empfinde ich es als großen Verlust, wenn Olaf Scholz geht.



Harald Vogelsang persönlich

„Geld macht glücklich“  ist . . . Unsinn.

Ein Sparschwein sollte man  . . . pflegen und ständig füttern.

Meine Schwäche ist . . .  Ungeduld.

Meine Stärke ist . . .  zuhören können.

Am stärksten ärgere ich mich über . . . unnötige Nachlässigkeiten.

Ich kann am besten abschalten . . . auf meinem Segelboot mit Blick auf die Elbe oder Ostsee.

Ich bin zufrieden, wenn . . . meine Familie glücklich ist.

Ich halte mich fit . . .  zu wenig.
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ZDF-Moderator im Interview

Dirk Steffens: „Das Artensterben ist ein viel größeres Problem als der Klimawandel“

Meinung – Manfred Ertel
Seit mehr als 20 Jahren bereist Dirk Steffens die Welt, über 120 Länder hat er gesehen, aber sein Enthusiasmus scheint ungebrochen. „Wenn man Glück hat, ist es wie in einer guten Liebesbeziehung“, sagt der Autor und Dokumentarfilmer, „am Anfang ist man stürmisch verliebt, später hat die Liebe einen anderen Rhythmus, tiefer und intensiver. Ein bisschen ist das bei meiner Arbeit auch so.“ Mit Anfang 20 hat Dirk Steffens als Naturfilmer angefangen, „weil ich das cool fand, um die Welt zu reisen, Abenteuer zu erleben und in die Wildnis raus zu fahren. Irgendwann ist daraus ein sehr ernsthaftes Interesse an Naturthemen und Naturwissenschaft geworden.“ Steffens (50) versteht sich als „Naturreporter“ und ist meistens mittendrin, ob beim Tauchen, Klettern oder auf dem Gletscher. Seit 2008 moderiert er die ZDF-Sendung TerraX. Jeden Sonntag berichtet er am Vorabend für über fünf Millionen Zuschauer von den Schönheiten der Erde. Durch seine Reportagen erwarb sich Steffens eher ungewollt den Ruf eines Umweltaktivisten. Er bekleidet mehrere Ehrenämter, unter anderem als Uno-Botschafter für biologische Vielfalt. Und er ist Honorarkonsul des Südsee-Inselstaats und Unterwasserparadieses Palau. Frage: Haben Sie noch Lust auf Reisen zu gehen? Dirk Steffens: Ich sehne mich schon oft danach, einfach nur die Füße hoch zu legen. Denn das Anreisen und Abreisen ist im Laufe der Jahre doch ein bisschen lästig geworden. Aber das „dort sein“ ist dann immer noch so schön wie beim ersten Mal. Das ist so wunderbar am Naturfilmen, anders zum Beispiel als bei Politikerinterviews: Es ermüdet nicht. Der Elefant heute ist noch genauso faszinierend wie der erste vor 25 Jahren. Ist ein Privaturlaub mit Ihrer Frau dann der Gegenentwurf mit Campen an der Ostsee oder Wandern im Harz? Wenn’s nach mir ginge, ja. Dann würden wir nur in unserem kleinen Ferienhaus an der Ostsee rumhängen. Aber ich bin halt nur 50 Prozent der Entscheidung. Die anderen 50 tendieren dazu, Trekking-Fernreisen zu machen.

Ihr Leben findet größenteils in Flugzeugen und exotischen Gegenden statt, was bedeutet Hamburg da für Sie? Heimat, und die wird immer wichtiger. Das Reisen funktioniert nicht ohne einen Bezugspunkt, an den man sich zurücksehnt, von dem man träumt, nach dem man Heimweh hat. So nach knapp zwei Wochen fängt das bei mir an: Heimweh nach meiner Frau, nach meinem eigenen Bett, nach den Katzen, nach all den Dingen, die für mich Zuhause bedeuten. Heimat ist für mich der Ort, wo man sich nicht erklären muss, wo man einfach sein kann und aufgehoben ist. Denn mein Beruf besteht daraus, an Orte zu fahren, wo ich rein biologisch betrachtet nicht hingehöre. Zum Beispiel unter Wasser oder auf dem Gipfel eines Vulkans. Sie wurden mal als „Indianer Jones des ZDF“ bezeichnet. Weil Ihre Arbeit nicht immer glimpflich abgeht? Das ist ein hübscher und eigentlich etwas schmeichelhafter Vergleich. Der Mann besteht die wildesten Abenteuer, ist aber von Haus aus Wissenschaftler. Und mein wirklicher Beruf ist ja auch Wissenschaftsjournalist. Aber Abenteuer sind für mich nur eine Begleiterscheinung, wenn sie einer Erklärung oder einer guten Geschichte dienen. Im Grunde könnte ich auf Abenteuer gut verzichten. Die sind hinderlich, rauben viel Zeit und Energie, die wir eigentlich zum Filmen brauchen. Welches Stück Welt fasziniert Sie am meisten? Ich mag es nordisch. Palau ist zwar in der Südsee und aus persönlichen Gründen mein Lieblingsland, weil ich dort Freunde gefunden habe und eine meiner schönsten Drehzeiten verleben durfte. Aber wenn sie mich nach Landschaft fragen, bin ich eher der Typ Patagonien, Norwegen. Ich bin so nordisch, wie man es nur so sein kann. Wärmer als 25 Grad finde ich dauerhaft anstrengend. Welche Veränderung in der Welt hat Sie am meisten erschüttert? Da gibt es jetzt leider inzwischen so einige. Wenn man zum Beispiel mal im Hinterland von China war und sieht, wie krass Luftverschmutzung und Umweltzerstörung da sind, dann ist das tief erschütternd. Das gilt auch für einige Regionen von Indien, wo Überbevölkerung und Verschmutzung ein Ausmaß erreicht haben, dass die Menschen mehr quält, als alle politischen, militärischen oder terroristischen Unruhen. An den negativen Hotspots dieser Welt gibt es fürchterliche Zustände.

Hier finden Sie alle Interviews der Serie Sie fühlen sich wohler, wenn Sie mit Haien im Atlantik schwimmen, als im Scheinwerferlicht, haben Sie mal gesagt, trotzdem machen Sie jetzt aber auf Ihrer Tournee das glatte Gegenteil. Ja, Das ist wahr, aber deshalb bin ich auch viel nervöser als vor einer Expedition in den Kongo. Mich macht der Gedanke daran nervös, in einer bestimmten Sekunde auf die Bühne gehen zu müssen und dann sitzen da zehntausend Menschen, blicken mich an und erwarten, dass ich irgendwas Sinnvolles tue oder sage. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie vor zehntausend Menschen in einem Saal aufgetreten. Fernsehen ist viel einfacher, da schaut mir nur eine Kamera zu. Bei ihrer Tournee „Living Planet“ vor einem Jahr haben Sie den Raubbau an Arten und Ressourcen thematisiert. Jetzt geht es um Bilder von faszinierenden Welten. Heißt das, weniger Aufklärung, mehr Show? Die „Living Planet Tour“ geht ja nächstes Jahr weiter. Dieses Jahr zeigen wir Ausschnitte aus der wohl besten Naturfilm-Reihe, die es gibt. Keine Bilder, bei denen man wegdösen kann, so wie bei einigen Tierfilmen, die nachmittags im Fernsehen laufen, sondern eine Hochglanzdokumentationen, faszinierend gedreht, aufwendig produziert. Da bleibt einem vor Begeisterung manchmal glatt die Luft weg. Diese Form von Kinokunst kann Menschen für Natur neu begeistern und erfüllt so eine wichtige Funktion. Denn Begeisterung ist die Voraussetzung dafür, sich intensiver mit einem Thema zu beschäftigen. Nur wer die Natur liebt, setzt sich auch für deren Schutz ein. Für mich persönlich wäre es das Schönste, wenn möglichst viele aus der Show rausgehen und sagen: Mein Gott, ist die Erde schön. Wenn die dann am nächsten Tag den Fernseher einschalten und eine kritische Umweltreportage sehen, sind die dafür garantiert viel offener als vorher.

Sie berühren mit Ihren Naturfilmen Woche für Woche Millionen Menschen. Wo bleibt deren Aufschrei, wenn Umweltschutz wie jetzt bei den Koalitionsverhandlungen fast völlig unter den Tisch fällt? Ich verstehe das auch nicht. Ich bin total entrüstet, dass schon bei den Sondierungsgesprächen die Klimaziele in Frage gestellt wurden. Da fehlen mir echt die Worte. Wir haben zwar eindeutige wissenschaftliche Daten, aber wenn es darum geht, daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, sind wir Menschen, mich natürlich eingeschlossen, so inkonsequent, dass es einen manchmal schon in die Depression stürzen kann. Brauchen wir ein gesellschaftliches Bündnis für Umwelt? Gefühlt haben wir das ja. Jeder, den man anspricht, ist natürlich für den Umweltschutz. Irgendwie zumindest. Auch die Kanzlerin, die sich gern Klimakanzlerin nennen lässt, obwohl Deutschland seine eigenen CO2-Emissionsziele krachend verfehlt. Gefühlt sind wir zwar Umweltweltmeister, aber tatsächlich hat Deutschland seine Vorreiterrolle verloren. Sogar China hat teilweise ambitioniertere Ziele bei der E-Mobilität oder bei erneuerbaren Energien als wir. Dabei sollte eigentlich die deutsche Autoindustrie voranschreiten, schließlich entscheiden moderne Antriebstechniken darüber, ob wir in einigen Jahren immer noch ein großer Auto-Exporteur sein werden. Wenn überhaupt, reden alle über Klima. Warum ist Artensterben so unterbewertet? Ich hoffe, dass das nur ein Problem der Wissenskommunikation ist. Der Klimawandel ist in den fünfziger Jahren physikalisch verstanden worden, in den siebziger Jahren war das in der Wissenschaft Erkenntniskonsens, aber gesellschaftlich richtig groß geworden ist das Thema erst 2006 mit dem Film von Al Gore. Das heißt, Wissen und Wissenschaft allein reichen nicht aus. Es muss auch noch eine Initialzündung in der gesellschaftlichen Kommunikation geben. Beim Artensterben haben wir die ganz offenbar noch nicht erlebt. Dabei ist das möglicherweise ein viel größeres Problem als der Klimawandel. Warum? Bis zu 75 Prozent der Fluginsekten hierzulande sind bereits verschwunden, heißt es. Wenn das stimmt, ist es bedrohlich, denn wir brauchen die Insekten als Bestäuber in der Landwirtschaft, damit unsere Bauern genug Nahrungsmittel produzieren können. Einfach gesagt: Wenn diese Insekten weg sind, haben wir nichts mehr zu essen. Lassen Sie diesen Satz mal sacken, machen Sie sich klar, was das bedeutet. Wenn sich das Klima extrem verändert, wird die Welt zwar auch chaotisch, aber wir sterben nicht sofort. Das Artensterben hingegen ist absolut existenziell für uns Menschen. Gibt es beim Artenschutz zu wenig Streichelzoo und niedliche Bilder? Der Streichelzoo ist sogar ein Problem. Wenn ich von Artensterben rede, denken die Leute an Eisbären oder Pandas. Aber mal ganz hart gesagt: Wenn der Eisbär morgen ausstirbt, ist das zwar bedauerlich, aber für uns in Deutschland doch eigentlich nicht so wichtig. Verändert sich dann unser Leben? Nein! Das Problem ist nicht, dass ab und zu mal eine sympathische Tierart verschwindet, sondern dass wir das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier erleben. Hunderte, tausende Arten sterben fast gleichzeitig aus. Und wenn die zusammenbrechen sollten, wird es auch für uns eng. Ohne Bienen keine Äpfel – oder zumindest nicht mehr so viele.  

Dirk Steffens persönlich

Die drei wichtigsten Dinge in meinem Reisegepäck . . . sind meine Laufschuhe, mein Smartphone mit Musik und ein paar guten Filmen drauf, und ein Buch aus Papier.

Wenn ich mal Zeit in Hamburg habe . . . gehe ich gerne Joggen um die Alster und in meinen Paddelverein, um möglichst viel Zeit auf dem Wasser zu verbringen.

Meine Hobbys sind . . .  Sport. Ich bereite mich grad auf meinen ersten Triathlon vor, ich bin Marathonläufer und paddel viel.

Abschalten kann ich am besten . . . beim Lesen, ein richtiges Buch aus Papier. Ich habe grad „Homo Deus“ gelesen, wo es darum geht, wohin sich die Menschheit entwickelt. Ich lese mehr Sachbücher als Belletristik, aber auch die manchmal gerne, wie zuletzt „Die Geschichte der Bienen“ oder „Altes Land“. Meine Frau schleppt immer die guten Bücher an.

Gegen Jetlag hilft . . . nichts. Den kann man nur erleiden.
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Hamburgs CDU-Fraktionschef im Interview

André Trepoll: „Ich erwarte einen politischen Frühling“

Meinung – Barbara Glosemeyer
Er könnte der Mann sein, der für die Hamburger CDU das Bürgermeisteramt zurückerobert. Als Oppositionsführer hat André Trepoll (40) im Rennen um die Spitzenkandidatur 2020 die Pole-Position inne. Der schlagfertige Debattenredner hat den aktuellen Amtsinhaber jedenfalls schon abgehakt. Ob er selbst nach der Macht im Rathaus greifen wird, will Familienmensch Trepoll im Herbst entscheiden.

Frage: Sie sagen, die Tür für Olaf Scholz ist zu, selbst wenn er nicht Bundesfinanzminister werden sollte. Klingt, als wollten Sie den gewählten Bürgermeister vom Hof jagen . . . ? André Trepoll: Oh, das ist ja nicht meine Idee gewesen, sondern seine. Ganz Deutschland weiß, dass er Finanzminister werden will, nur den Hamburgerinnen und Hamburgern schenkt er keinen reinen Wein ein. Wer sich so verhält, der ist auch nur ein Schulz mit o. Wir brauchen einen Bürgermeister, der sich um die Probleme der Stadt kümmert und nicht um die der SPD. Olaf Scholz hat sich immer als Bundespolitiker gesehen und war hier doch nur auf der Durchreise.

Er soll zurücktreten, selbst wenn die SPD-Mitglieder die GroKo ablehnen? Das wäre konsequent. Er kann dann nicht durch die Stadt laufen und sagen: „Eigentlich wollte ich was anderes machen und das ist hier der Trostpreis.“ Die Hamburger haben ein gutes Gespür dafür, dass das nicht möglich ist. Wollen Sie Bürgermeisterkandidat der CDU 2020 werden? Das entscheiden wir im Herbst. Wir wollen zunächst als Fraktion einen großen Zukunftsdialog mit der Stadt führen und darüber sprechen, wie Hamburg sich entwickeln soll. Und wir müssen erst mal wissen, wen die SPD als neuen Bürgermeister wählen will. Favorit ist SPD-Fraktionschef Andreas Dressel. Kann er Bürgermeister? Ich kann in der SPD keinen geeigneten Kandidaten erkennen. Die SPD ist kopflos und überrascht davon, dass Scholz sie im Stich lässt. Sein Weggang wird eine große politische Dynamik ausgelöst. Das ist der Anfang vom Ende für Rot-Grün in Hamburg.

Warum fordert die CDU dann keine sofortigen Neuwahlen? Weil die Menschen das nicht für richtig erachten würden. Nach dem Gewürge der SPD in Berlin steht den Hamburgern der Sinn nicht nach Neuwahlen. Trauen Sie sich den Bürgermeister-Job zu? Ich habe immer gesagt, ein Fraktions- und Oppositionsführer muss sich das zutrauen. So schlecht scheint die Hamburger SPD nicht regiert zu haben. Die Elbphilharmonie steht, der Wohnungsbau läuft, und die Stadt gehört zu den lebenswertesten weltweit. Was ist daran auszusetzen? Hamburg gehörte schon vor Olaf Scholz zu den lebenswertesten Städten, da haben wir uns Gott sei Dank nicht verschlechtert. Und das Thema Elbphilharmonie ist exemplarisch dafür, wie sich der Bürgermeister in der Stadt verkauft. Er hat das Problem schlicht mit Geld gelöst, das aufgrund der bundesweiten Hochkonjunktur nun auch zur Verfügung steht.



Was würden sie besser machen? Vieles. Hamburg ist Staumeister. Jeder Autofahrer steht 44 Stunden jährlich im Stau, weil Rot-Grün eine katastrophale Verkehrspolitik macht und viel zu sehr das Fahrrad bevorzugt. Der ideologische Umbau einer Millionenmetropole zur Fahrradstadt funktioniert nicht. Weiteres Beispiel: Elbvertiefung. Herr Scholz hatte angekündigt, dass 2012 die Bagger kommen. Wir wissen inzwischen, dass es auch 2018 nicht losgehen wird, weil der Senat bei den Planungen geschlampt hat. Der Hafen als wirtschaftliches Herz der Region stagniert. Was läuft schief? Dem Hafen fehlt Dynamik und vor allem die Elbvertiefung. Zusätzlich hat der Senat die Lage mit der Verschlickungsproblematik verschärft. Wir brauchen endlich jemanden, der den Hafen wieder zur Chefsache macht. Und gleichzeitig darüber nachdenkt, was für Hamburgs wirtschaftliche Zukunft in einigen Jahrzehnten wichtig sein wird. Das erwarte ich mir übrigens am meisten, dass es einen politischen Frühling in Hamburg gibt. Der autoritäre Führungsstil von Herrn Scholz hat keine Debatten mehr zugelassen, es wurde eher exekutiert. Ich möchte, dass wir wieder über die besten Ideen streiten und über die Probleme in der Stadt diskutieren. Wo liegen denn Ihre Führungsqualitäten? Ich habe einen moderneren, teamorientierteren Führungsstil als Olaf Scholz. Wir haben nach den 15,9 Prozent bei der Bürgerschaftswahl 2015 den Kopf eben nicht in den Sand gesteckt, sondern Partei und Fraktion neu aufgestellt. Wir sind eine kleine, leistungsstarke Truppe mit 20 Abgeordneten. Ich lasse meinen Fachsprechern eine lange Leine. Sie wissen das zu schätzen und liefern entsprechend gute Ergebnisse. Karin Prien war übrigens so gut, dass sie uns von Daniel Günther abgeworben worden ist (lacht). Sie wollen die „Rote Flora“ schließen. Glauben Sie wirklich, das würde alle Probleme lösen? Nein. Gesinnung kann man nicht verbieten. Aber die G20-Krawalle haben gezeigt, dass die „Rote Flora“ Dreh- und Angelpunkt der linksextremistischen Szene in ganz Europa ist. Die Rotfloristen haben für die G20-Demonstrationen mobilisiert und den größten Schwarzen Block organisiert, den es jemals gegeben hat. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen gegen führende Köpfe der „Flora“ gerade eingestellt . . . Aber wir können doch nicht sagen: Die „Rote Flora“ kann nur geschlossen werden, wenn man einen Brandstifter mit Meldeanschrift „Rote Flora 1“ überführt hat. Das wird nicht passieren. Rot-Grün will jetzt mit den Aktivisten über einen Gewaltverzicht sprechen. Das finde ich rechtsstaatlich bedenklich. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat, das ist ein Grundkonsens in unserer Gesellschaft, darüber müssen wir nicht diskutieren. Was muss der Senat tun? Gegen linksextremistische Gewalt genau so konsequent vorgehen wie gegen rechtsextremistische oder religiöse Gewalt. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich solche Strukturen verfestigen, und wir dürfen keine rechtsfreien Räume dulden. Übrigens bekommen die Nutzer de facto jährlich 30 000 Euro Steuergeld erlassen. Die zahlen weder Grundsteuer noch die Gehwegreinigung. Das sollte sich mal ein normaler Bürger erlauben. Das Verhältnis zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein erscheint reibungsloser denn je. Alles gut in der Hinsicht? Nein. Vieles in der Metropolregion ist nur schöner Schein. In den letzten Jahren hat es keine politischen Initiativen mit Substanz mehr gegeben, um die Zusammenarbeit weiterzuentwickeln. Das ist unter Olaf Scholz völlig eingeschlafen. Wo hapert es? Unter anderem beim Thema Wohnungsbau. Hamburg muss den Umlandkommunen helfen, vermehrt Wohnungsbau zu realisieren, um den Flächendruck in unserer Stadt zu verringern. Wir haben dazu vorgeschlagen, einen abgestimmten Flächennutzungsplan für die gesamte Metropolregion zu entwickeln.

André Trepoll persönlich

Am besten erholen kann ich mich . . . wenn ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern zusammen bin.

Ärgern kann ich mich am meisten über . . . Unpünktlichkeit.

Mein Lebensmotto lautet  . . . nicht nur meckern, sondern auch anpacken.

Hamburg ist  . . .  die schönste Stadt der Welt.

Typisch hanseatisch . . . ist ein bescheidenes und weltoffenes Auftreten.

Meine Stärke ist . . . , dass ich Menschen gern zuhöre.

Meine Schwäche ist . . . , dass ich manchmal nicht auf  sie höre.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist . . .  mein Garten in Harburg.

Ich halte mich fit . . . , indem ich versuche, morgens regelmäßig zu laufen.

Die wenigsten Menschen wissen von mir . . ., dass ich diese Woche beim Scooter-Konzert war.

Der HSV steigt ab, weil . . .  (denkt lange nach) ich verweigere die Aussage. Ich bin HSV-Fan.

In Hamburg könnte ich gut verzichten auf . . .  die ständigen Staus.  
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Hamburgs Steakhaus-König im Interview

Eugen Block: „Man muss nicht jeden Tag Fleisch essen“

Meinung – mlo
Eugen Block (77) gehört zu den großen Hamburger Selfmade-Unternehmern seiner Generation. Ob Steakhaus-Kette oder Grand-Hotel, was er anfasste, wurde zum Erfolg. Nur einmal verließ den Patriarchen sein Instinkt.

Herr Block, essen Sie jeden Tag Steak? Eugen Block: Nein. Man muss nicht jeden Tag Fleisch essen. Ich esse vielseitig und naturbelassen. Auch mal Fisch und mal vegetarisch. Ernährung ist Ihnen wichtig? Ja, sehr. Ernährung ist wichtig, um sein Leben in Ordnung zu bringen. Ich praktiziere eine vitalstoffreiche und frische Vollwerternährung. Die Natur bietet uns dafür alles. Das hat unser Schöpfer alles so gemacht. Wenn man das erkannt hat, bekommt man eine andere Einstellung zum Leben.

Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch. Macht das den Block-House-Restaurants zu schaffen? Nein, obwohl man das denken könnte. Aber selbst bei der BSE-Krise 2002 war der Rückgang beim Fleischverzehr nicht von langer Dauer. Wir passen uns der langsamen Veränderung im Konsumverhalten an und haben auch vegetarische Gerichte im Angebot. Aber im Grundsatz sind wir uns mit unserem Angebot an Steaks immer treu geblieben. Und ich muss sagen: Uns geht’s gut damit, wir haben in allen unseren Unternehmen Wachstum. Ihre Mutter wollte, dass Sie katholischer Priester werden. Sie offensichtlich nicht . . . ? Nein. So mit 13, 14 Jahren war klar, dass ich kein Priester werden will. Da kamen die Mädchen, die mich ein bisschen abgelenkt haben (lacht). Aus Ihnen ist ein Unternehmer geworden. Warum? Das war früh klar. Ich war immer ein Querkopf, wollte frei sein und selber entscheiden. Und ich wollte, dass die Dinge dann auch so gemacht werden. Nach meiner Ausbildung zum Hotel- und Gaststättenkaufmann habe ich mir gesagt: Du musst dich selbstständig machen. Um zu lernen, bin ich ins Ausland gegangen und habe in der Schweiz, in Paris, in London und in San Francisco gearbeitet. In den USA kam Ihnen die Idee für eine Steakhaus-Kette . . . ? Das war Mitte der 60er Jahre. Ich bin mit einem Freund in die Berge rund um San Francisco gefahren. Da gab’s eine rustikale blockhausartige Gaststätte mit Bombensteaks: dick, zart und saftig. Zum Reinbeißen. Ich war begeistert und habe mir gesagt: So was musst Du auch in Deutschland machen. Warum in Hamburg? Sie kommen aus dem Oldenburger Münsterland. Oldenburg war zu klein, Bremen war mir auch zu dörflich. Es musste eine größere Stadt sein, und zwar unbedingt im Norden, damit ich immer nach Hause fahren konnte.

Ihr erstes Steakhaus haben Sie 1968 in der Dorotheenstraße in Winterhude eröffnet. Waren die Hamburger sofort überzeugt? Nein, das war kein Selbstläufer. Die finanzielle Belastung war groß, ich habe damals selber viel mitgearbeitet . . . . . . und Steaks gebraten? Nur im Notfall. Ich war mehr der Kellner als der Koch. Ich bin damals auch krank geworden, hatte starke Rückenprobleme, was nervlich bedingt war. Aber der Umsatz wuchs schnell im ersten Jahr, und nach einem weiteren Jahr konnte ich das zweite Restaurant öffnen. Dann lief es. Seit 1972 bin ich ein wohlhabender Mann.

Was hat den Selfmade-Unternehmer Eugen Block erfolgreich gemacht? Vor allem Disziplin und Hartnäckigkeit. Meine Mutter hat mich „Bohrer“ genannt. Was ich im Kopf habe, das will ich unbedingt durchsetzen. Sie sind ein Dickschädel? Ja, aber ich bin kein ausgesprochener Rechthaber. Ich bin vor allem selbstkritisch, vielleicht zu vertrauensvoll, zu euphorisch.

Hier finden Sie alle Interviews der Serie  

Woher nehmen Sie Ihre Ziele und Visionen? Aus meinem Streben nach Unabhängigkeit. Ich wollte immer frei entscheiden können und habe mir immer gesagt: Du willst kein Rentenempfänger werden. Als ich selbstständig wurde, habe ich als Erstes aufgehört, in die Rentenversicherung einzuzahlen. Sie gelten als sehr penibler Chef. Stimmt es, dass Sie festlegen, wie groß die Löcher in den Salzstreuern sind? Ja. Ich habe mal ein Frühstücks-Ei in meinem Hotel „Grand Elysee“ gegessen. Da standen Salzstreuer zum Drehen auf dem Tisch. Man musste also den Eierlöffel zur Seite legen, um am Salzstreuer zu drehen. Das war zu umständlich. Und in den Block-House-Restaurants haben wir grobkörniges Meersalz, dafür braucht man einfach etwas größere Löcher in den Streuern als üblich. Ich habe dann gesagt: So geht das nicht, wir brauchen andere Salzstreuer. Sie können ein Unternehmen nur gründen, wenn Sie genau diese Detailliebe mitbringen.

Aber so was nervt die Mitarbeiter doch fürchterlich . . . ? Ach, das mit den Salzstreuern verkraften sie schon. Aber ich muss selbstkritisch sagen, dass es häufig Situationen gibt, die den Mitarbeitern nicht immer Freude machen. Ein Unternehmer muss seinen Mitarbeitern so etwas abverlangen, um sie von seiner Idee zu überzeugen. Sind Sie ein Perfektionist? Nein. Perfektionismus ist nicht gut. Wenn wir 85 Prozent unseres Ziels erreichen, dann sind wir gut. Ihr Hotel „Grand Elysée Hamburg“ ist das größte privat geführte Fünf-Sterne-Haus in Deutschland. Was bedeutet Ihnen das? Das Hotel ist ein nicht kleiner Teil meines Lebens. Ich wollte ein besonderes Hotel schaffen, und das ist gelungen. Ich glaube, wir werden noch mal Europas bestes Hotel. Woran bemisst sich die Qualität? Jedenfalls nicht an Pracht und aufgeblasenen Details. Ich sage meinen Leuten immer: Lasst uns auf Augenhöhe mit dem Gast sein. Nicht gestelzt, sondern ganz natürlich, keine komplizierten Lösungen. Das heißt praktisch? Zum Beispiel sind die Badehandtücher in vielen Hotels zu schwer, so dass man sich damit nicht gut abtrocknen kann. Im „Grand Elysee“ sind die Handtücher leichter und praktischer.

Klingt, als wären Sie auch mit 77 Jahren noch sehr aktiv in ihren Firmen. Ich habe immer das Leben eines Unternehmers geführt, das kann man nicht am Kleiderhaken abgeben. Ich arbeite weniger und habe mich von allen operativen Posten und aus dem Aufsichtsrat zurückgezogen. Ich will mich mehr um meinen Garten kümmern, reise gern und bin in meinem Haus an der Geltinger Bucht . . . . . . aber ganz aufgehört zu arbeiten haben Sie nicht? Nein. Soll ich damit aufhören, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und neue Trends zu erspüren? Oder damit, eine Idee zu haben und diese in ein Konzept umzuwandeln? So ein Unternehmen ist doch nie fertig oder vollendet. Wenn ich sehe, dass man etwas verbessern könnte, versuche ich das. Ich gebe meinen Leuten Tipps und Ratschläge, und mache manchmal auch einen Kontrollbesuch. Warum hat keines Ihrer drei Kinder Ihre Nachfolge angetreten? Ich wollte immer, dass mein ältester Sohn Dirk das macht. Er ist eine Persönlichkeit. Ich habe ihn in den Vorstand berufen. Dann habe ich aber festgestellt, dass er einen ganz anderen Kopf hat als ich. Er wollte nicht nur den Dingen hinterherlaufen, die sein Vater gemacht hat. Wir hatten keinen Streit, aber doch Meinungsverschiedenheiten. Dirk ist abgesprungen und hat sein eigenes Unternehmen gegründet. Ich weiß inzwischen, dass es so am besten ist.

Mit der Fluglinie Hamburg Airlines ist der Erfolgsunternehmer Eugen Block in den 1990er Jahren krachend gescheitert. Haben Sie sich überschätzt?Ja, sieht so aus. Ich hätte bei meinen Leisten bleiben sollen. Die Zeit für eine Fluglinie war nach der Wiedervereinigung günstig. Ich wollte eine Revolution einleiten und der Lufthansa Konkurrenz machen. Aber wir haben ein paar dusselige Fehler gemacht. Es tut mir heute noch weh, wenn ich sehe, wie andere Günstig-Airlines am Hamburger Himmel kreisen. Sie sind dabei eine Stiftung zu gründen. Warum? Ich habe mir gesagt, wenn meine Kinder 90 Prozent meines Vermögens erben, dann ist das genug. Also haben wir vor, mit zehn Prozent die Stiftung zu fördern. Wem soll die Stiftung helfen? Es handelt sich um eine reine Wohltätigkeitsstiftung. Sie soll zum einen in Hamburg eine Akademie für angehende Hotel- und Gaststättenmanager begründen. Der zweite und größere Stiftungszweck liegt in Afrika. Wir wollen auch dort im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe jungen Menschen eine Qualifikation ermöglichen und Schulen bauen. Warum tun Sie das? Dahinter steht mein christlicher Gedanke. Ich habe Glück gehabt im Leben, weil ich in Deutschland leben konnte, auf dem Boden gesegneter Verhältnisse. In Afrika haben die Menschen weniger Glück. Ich finde, es ist mehr als nötig, dass wir auch Vieles von dem gutmachen, was die Kolonialmächte dort an Ausbeutung betrieben haben.  

Eugen Block persönlich

Mein Steak esse ich am liebsten... medium gebraten im Block House Pöseldorf.

Erholung finde ich...  an der Ostsee beim Gärtnern.

Ärgern kann ich mich am meisten über... Halbwahrheiten.

Die meiste Freude macht mir... Pflaumen pflücken an der Geltinger Bucht.

Mein Lebensmotto lautet... selig sind die Barmherzigen, selig sind die, die nach der Wahrheit dürsten, und selig sind die, die Frieden stiften.

Hamburg ist meine Wahlheimat, weil... es weltoffene Menschen hat und eine gesunde, mittelständische Wirtschaft.

Der HSV steigt ab, weil... er es mal verdient hat. Ich wünsche es mir aber nicht.
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Intendantin von Kampnagel im Interview

Amelie Deuflhard: „Unsere Künstler wollen die Welt verändern“

Meinung – Martin Sonnleitner
Amelie Deuflhard ist eine vielbeschäftigte Frau. Die Kampnagel-Intendantin muss noch packen. Am Tag nach dem Gespräch geht es zur Stippvisite nach Berlin, anschließend nach Leipzig zur Literaturtagung, die Woche drauf fliegt die 58-Jährige zu einem Performance-Festival nach Teheran. Deuflhard ist eine sehr politische Intendantin, auch wenn es ihr bei den zahlreichen Inszenierungen auf Kampnagel, einer ehemaligen Maschinenfabrik im Stadtteil Winterhude, um „neue Formen des Erzählens und der Ästhetik“ geht. Frau Deuflhard, Kampnagel versteht sich als freies, internationales Produktionshaus. Was ist das Besondere? Amelie Deuflhard: Frei wird oft geschrieben, wegen der freien Szene, das heißt, die Künstler, deren Arbeiten wir zeigen, sind nicht beim Theater angestellt, sondern arbeiten freischaffend mit unterschiedlichen Institutionen, wie beispielsweise Kampnagel, zusammen. Darum ist mir die Bezeichnung internationales Produktionshaus lieber. Das trifft unsere Arbeitsweise am besten, weil wir sowohl mit der lokalen Szene zusammenarbeiten als auch mit Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt. Wir haben eine klare Haltung: Think global, act local. Wir hatten hier Rap-Musiker aus Burkina Faso. Da sind dann viele Leute aus der westafrikanischen Community Hamburgs im Publikum.

Welche Rolle spielt Kampnagel in der Hamburger Theaterlandschaft? Wir haben ja eine reiche Theaterlandschaft, mit zwei Staatstheatern Thalia und Schauspielhaus und einer Vielzahl von Privattheatern, die Sprechtheater im weitesten Sinne bieten. Wir machen sehr wenig klassisches Theater, dafür viel Performance, internationalen Tanz, Konzerte und auch Konferenzen zu aktuellen Themen. Wir sind in Hamburg das Haus für zeitgenössische darstellende Künste. Die Künstler, die wir einladen, arbeiten oft nicht nur in einem Genre, sondern vermischen die unterschiedlichen Kunstsparten. Sie wollen etwas neu erfinden und die Welt verändern. Viele Kampnagel-Künstler sind Kinder der Avantgarde und weltberühmt: Pina Bausch, Sasha Waltz oder William Forsythe. Auch Yoko Ono war vor einigen Jahren hier. Das unterscheidet uns von den anderen Häusern, die eher das klassische Repertoire anbieten und zudem feste Ensembles beschäftigen. Kampnagel versteht sich ja als „Open House“. Welche Rollespielen Sie da in der „Refugees-Welcome“-Bewegung? Bevor es losging mit der großen Flüchtlingsbewegung 2015 haben wir die „Eco-Favela Lampedusa Nord“ in unserem Garten gebaut, ein Haus, das als Performance-Projekt über sechs Monate ein Winterquartier für Geflüchtete war. Es ist umgetauft worden, heißt jetzt „Migrantpolitan“ und ist als Ort eine selbstverwaltete Community für geflüchtete und nicht geflüchtete Künstler. Es werden dort eigenständig Projekte entwickelt. Es ist niederschwellig, jeder kann machen, wozu er Lust hat. Außerdem programmieren wir zusammen mit unserem syrischen Ko-Kurator zum Beispiel Bands aus den Herkunftsländern vieler Geflüchteter. Es gibt regelmäßig „Oriental Karaoke“, wir produzieren zusammen mit dem Nigerianer Larry Moore Macauley, der hier im Dezember zu einer großen Medienkonferenz eingeladen hatte, die „Refugee Voices TV Show“ und bauen ein wachsendes Netzwerk auf, das Chancen offenbart für die Leute, die hier angekommen sind. Wenn syrische Bands auf Kampnagel spielen, sieht man den Leuten im Publikum nicht an, ob sie Refugees sind oder schon lange hier leben. Ist Deutschland, was die Flüchtlingsthematik angeht, auf einem guten Weg? Auf alle Fälle hat Deutschland sehr gut agiert. Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel, gegen großen Widerstand auch in ihrer Partei, 2015 die Grenzen aufgemacht hat, ringt mir großen Respekt ab. Wie wichtig ist es als Theater, sich auch politisch einzumischen? Für mich ist es sehr wichtig, ein Haus oder ein Festival, das ich leite, auch politisch zu positionieren. Deshalb laden wir auf Kampnagel auch regelmäßig Theoretiker und Aktivisten ein, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen und virulenten politischen Fragen beschäftigen. Wir sind beispielsweise Teil eines europäischen Netzwerks zum Thema Klimawandel. Außerdem setzen wir uns seit vielen Jahren mit Kolonialismus und Postkolonialismus auseinander; in Kunst und Theorie. Sie waren auf Kampnagel ja bei dem dann krawallumtosten G20-Treffen im Juni mit einem riesigen Kontrastprogramm vertreten. Ging dies wegen der Ausschreitungen unter? Zunächst einmal nicht. Es gab große mediale Resonanz und weit über 1000 Besucher für unseren „Gipfel für globale Solidarität“. Es waren kritische Wissenschaftler und Aktivisten da, die über die gleichen Themen wie die Politiker auf dem G20-Gipfel diskutiert haben, aber aus einer anderen kritischen Perspektive. Tatsächlich ist zu beobachten, dass nach jedem internationalen politischen Gipfel die Berichterstattung über gewaltsame Ausschreitungen dominiert und dahinter der ernsthafte Diskurs leider verschwindet. Hier ist die Rolle der Medien zu hinterfragen. Hier finden Sie alle Interviews der Serie Hat sich die linksautonome Szene durch die Gewalttaten nicht diskreditiert? Mein Eindruck ist, dass die Leute um die Rote Flora zum alleinigen Sündenbock gemacht werden. Klar haben sie sich auch ungeschickt verhalten und unbedachte Statements abgegeben. Ich persönlich glaube, dass eine große Stadt wie Hamburg autonome Zentren braucht, um einer Gegenöffentlichkeit abseits von Kommerz Raum zu verschaffen.

Lassen Sie sich politisch verorten? Ich bin auf alle Fälle in keiner Partei. Wichtiger ist mir, dass wir als Kulturinstitution politische Diskussionen mit unterschiedlichen Meinungen begleiten können. Wir arbeiten mit Künstlern zusammen, die politisch radikalere Haltungen haben, und auch mit solchen, die moderater sind. Es geht um eine Diversität von Meinungen. Dafür stehen wir auch ästhetisch. Nur so entsteht ein Dialog. Meine Grenze ist da erreicht, wo politische Meinungen mit Ausschluss und Rassismus zu tun haben. Ich fühle mich geradezu verpflichtet, auch mit künstlerischen Projekten Aufklärungsarbeit zu leisten. Braucht es auch militanten Widerstand von links? Grundsätzlich bin ich Pazifistin und gegen jeglichen Militarismus und auch gegen gewalttätige Polizeieinsätze. Stattdessen bin ich dafür, auf Demonstrationen deeskalierend vorzugehen. Unsere Tools auf Kampnagel sind Kunst und Wissenschaft und nicht Protest und Gewalt. Ist Hamburg ein guter Ort für freigeistige Kultur? Offensichtlich. Obwohl Hamburg ja eigentlich eine gemäßigt konservative Stadt ist. Es gibt aber eine große Vitalität. Zum Beispiel mit dem Gängeviertel oder der Planbude auf St. Pauli, wo das Areal der abgerissenen Esso-Hochhäuser per Anwohner-Beteiligung neu geplant wird. Es gibt ein solides, kritisches Potenzial in dieser Stadt. Welche Vorteile bieten auf Kampnagel die weiten, hohen Fabrikhallen? Die Fabriktheater, zu denen Kampnagel auch gehört, wurden ja in den 1970er- und 1980er-Jahren überall in Europa gegründet. Viele davon existieren leider nicht mehr. Man wollte damals ausziehen aus den klassischen Betrieben, wo altmodisches Theater gemacht wurde. Hierzu sollten neue Räume her. Bei Stadttheatern hat man eine Black Box, einen Raum, der abgeschottet ist von außen. Da hört man weder Straßenlärm noch Feuerwehrautos von außen. Das ist bei uns komplett anders. Die Idee war, damit auch näher an die Realität ranzukommen. Das war auch ein Effekt der 68er-Bewegung, viele Künstler gründeten damals kollektive Strukturen. Wir haben flache Hierarchien und wollen nah an der Gesellschaft dran sein. Die Fabrikhallen haben Geschichte und Charisma, es ist aber nichts vorgegeben. Es sind leere Räume, die für alles Mögliche einsetzbar sind. Außerdem haben wir ein riesiges Außengelände mit Kanalzugang, was wir im Sommer auch für die Produktionen nutzen. Es geht immer also auch um die kulturelle Eroberung von Raum . . . Meine künstlerischen Wurzeln liegen im Berlin nach der Wende, der großen Zeit der Raumpioniere in Berlin. Damals waren in Berlin-Mitte viele Ladenwohnungen, Schulen, Fabriken, Versammlungsorte leer. Dann kamen unterschiedlichste Leute: Galeristen, Unternehmer, Bäcker, Klamottenhändler, die diese Räume nutzten. In dieser Zeit wurde mir klar, Raum bedeutet auch Freiheit und ist als Potenzial unwahrscheinlich wichtig für Kreativität. In Hamburg gehen solche Freiräume durch den massiven Wohnungsbau verloren. Künstler versuchen aber immer wieder, Raum zurückzuerobern und zu erkämpfen. Hier in Hamburg ist ihnen das zum Beispiel mit dem Gängeviertel gelungen. Vielleicht schaffen sie es auch mit der Hafencity.

Amelie Deuflhard persönlich

Links zu sein ist ein wichtiges politisches Statement, weil . . . kritisch sein wichtig ist, weil selbst zu denken die beste und wichtigste Fähigkeit ist, die wir haben.

Wäre ich keine Theaterintendantin. . . ,würde ich vielleicht eine Menschenrechtsorganisation leiten.

Schwäbisch an mir ist . . .,dass es fast angeboren ist, mit dem Geld auszukommen, das man hat.

Hanseatisch an mir ist . . . die Liebe zum Wasser.

Olaf Scholz ist ein guter Bürgermeister,weil . . . er die Stadt unglaublich gut kennt und in Bezug auf viele Themen äußerst kompetent ist.

Olaf Scholz ist ein schlechter Bürgermeister, weil  . . . er manchmal ein bisschen vorschnell verurteilt und die Fokussierung auf innere Sicherheit mir nicht so gut gefällt.

Eine Flüchtlingsobergrenze ist Quatsch, weil. . . sie gegen unser Grundgesetz verstößt, das besagt, dass wir Menschen in Not aufnehmen müssen.

Die Elbphilharmonie finde ich . . . ein grandioses Gebäude, das Hamburg international attraktiver macht und neben der Kaufmannsstadt plötzlich die Kulturstadt strahlen lässt.
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Hamburgs Ballett-Intendant im Interview

John Neumeier: „Für mich ist Tanzen der Glaube an eine Philosophie“

Meinung – Manfred Ertel
John Neumeier lässt kurz warten. Er hat gerade eine der ersten Proben zu seinem neuen Ballett „Beethoven-Projekt“ hinter sich gebracht, das im Juni Premiere haben soll. Nun muss er die Eindrücke noch ein wenig nachwirken lassen, bevor er in seinem Büro im Ballettzentrum Hamburg zum Gespräch empfängt. Es ist alles eine Frage der Zeit. Seit 1973 ist Neumeier (78) schon an der Elbe, erst als Ballettdirektor und Chefchoreograf des Hamburg Balletts, seit 1996 auch als Ballett-Intendant an der Staatsoper.

Inzwischen ist er einer der bedeutendsten und gefragtesten Choreografen seiner Zunft. Seine Ballette werden überall auf der Welt getanzt. „Anna Karenina“ wird zur Zeit an Moskaus Bolschoi geprobt und alsbald in Toronto, die „Kameliendame“ in Warschau. Überall wird er die Endproben persönlich abnehmen. Anfang Februar gastiert Neumeier mit seiner Compagnie für acht Aufführungen in Tokio und Kyoto. Zu Japan hat der im US-Bundesstaat Wisconsin geborene Tänzer und Choreograf eine besondere Beziehung. Nicht nur, weil er dort 2015 mit dem Kyoto-Preis für Kunst und Philosophie ausgezeichnet wurde. Seit seiner ersten Gastspielreise 1986, als er in der „Matthäus-Passion“ selbst den Christus tanzte, sei er „fasziniert von den traditionellen Theaterformen in diesem Land und überhaupt von seiner traditionellen Art, mit Menschen umzugehen“, sagt er, und auch von Japans „Poesie und dem Geheimnis seiner erhabenen Kultur“.

Neumeier wollte damals unbedingt sein Schlüsselwerk um das christliche Thema von Schuld und Vergebung präsentieren, obwohl die Veranstalter Buddhisten und anfangs nicht so begeistert waren. Die Aufführung stand dann ganz unter seinem Eindruck vom Besuch der Gedenkstätten in Hiroshima zum Atombombenabwurf 1945: „Ich war tief berührt und völlig fertig“, erzählt Neumeier, „alle haben danach irgendwie begriffen, dass die Aufführung wichtig für mich war“. Frage: Wie kommt ein US-Teenager im biederen Milwaukee der fünfziger Jahre an ein Buch über den großen russischen Ballettmeister Vaslav Nijinski und findet darüber seine große Liebe zum Ballett? John Neumeier: Das war Teil einer Entwicklung. Meine ersten Eindrücke von Ballett hatte ich aus Musikfilmen, in denen ich einfach eine Beziehung zu Tanz und Bewegung entdeckte. Dann gab es alljährlich Tourneen von Ballettcompagnien, die nach Milwaukee kamen. Es muss eine Art Instinkt gewesen sein, als ich meine Eltern das erste Mal gebeten habe, mich in so eine Ballettvorstellung mitzunehmen. Wann war das? Da war ich wohl acht Jahre alt, es war das Ballet Russe de Monte Carlo und für mich wirklich ein großes Ereignis. Danach wollte ich mehr wissen, ich war neugierig. Da man bei uns aber nicht wie in Europa ständig ins Ballett gehen konnte, weil es höchstens drei oder vier Vorstellungen im Jahr gab, habe ich in einer Bibliothek gesucht, was ich über Ballett lesen konnte. Unter den drei, vier Büchern war „The Tragedy of Nijinski“. Durch dieses Buch bekam ich eine Idee davon, was hinter diesem Tänzer und hinter den wunderschönen Schöpfungen auf der Bühne stand. So fing das an. Galten Ballett und Tanz damals nicht als brotlose Kunst? Es galt auf jeden Fall als etwas Exotisches. Wir kannten in unserer Familie ja keine Tänzer und niemanden, der mit diesem Beruf zu tun hatte. Aber das Wundervolle war, dass, obwohl mein Vater Schiffskapitän war und meine Mutter Hausfrau, beide so verständnisvoll waren, dass sie nicht im Wege stehen wollten. Haben die nicht gesagt: „Junge, lern erst mal was Ordentliches?“ Doch, ziemlich deutlich sogar. Deswegen bin ich auch auf die Universität gegangen. Und weil ich dachte, vielleicht haben sie Recht und ich muss mich erst mal vielseitig bilden. Aber sie haben nicht verboten, dass ich dieses Ballettinteresse weiter verfolgte. Als ich dann selbst Tanzen wollte, haben sie mich mit Stepptanz anfangen lassen. Wahrscheinlich haben sie gedacht, so etwas kennen wir wenigstens aus Filmen, das ist nicht so mysteriös wie Ballett.

Sie sind der weltweit dienstälteste Chef einer Ballettcompagnie. Was ist der besondere Reiz an Hamburg? Ich glaube, die Entwicklung der Compagnie, das ist das Wichtigste. Die Tatsache, dass hier Bewegung ist, dass hier Werke entworfen werden und in die Welt rausgehen. Als ich 1973 anfing, haben wir vielleicht 40 Vorstellungen pro Jahr getanzt, jetzt sind es allein 90 an der Staatsoper und bis zu 30 auf Tourneen. Das ist ein großer Sprung. Der zweite Grund ist das Ballettzentrum mit der Schule und nicht zuletzt das Bundesjugendballett. Ich bin vielleicht schon 45 Jahre hier, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es lange ist. Denn Hamburg ändert und entwickelt sich ständig. Sind Sie nie in Versuchung gekommen, neue Herausforderungen an anderen Bühnen anzunehmen? Doch, die gab es natürlich. Mir ist das Ballett an der Pariser Oper zweimal angeboten worden, für Wien gab es fast einen fertigen Vertrag, bevor das Ballettzentrum vom Hamburger Senat genehmigt wurde. Und ohne das Ballettzentrum wäre ich sicher nicht mehr hier. Ich mag Hamburg wirklich gern, auch wenn es im Winter ein bisschen dunkel ist. Aber ich bin nicht so verliebt in diese Stadt, dass ich sagen kann: Hier will ich für immer bleiben. Ich muss als Künstler immer denken, dass es auch anders kommen kann. Sonst stimmt etwas nicht.

Das Hamburger Publikum gilt als kompliziert, manchmal auch arrogant. Stimmt das eigentlich? Nach meiner Erfahrung nicht. Ich habe diesen merkwürdigen Ruf des Hamburger Publikums nicht erlebt. Ich habe erlebt, dass die Leute gewisse Stücke weniger mochten als andere. Aber das ist normal. Trotzdem gab es immer wieder mal Premieren, in denen 90 Prozent der Zuschauer begeistert applaudierten, aber fünf Prozent buhten. Das waren wahrscheinlich nicht fünf Prozent, sondern höchstens fünf Zuschauer. Aber wenn es das nicht gäbe, wäre alles was ich mache langweilig. 70 Prozent der Tänzer Ihres Ensembles stammen aus Ihrer eigenen Ballettschule. Im Profifußball wären Sie mit dieser Quote vielfacher Millionär. Was ist Ihr Geheimnis? Das Geheimnis ist, eine gute Schule zu haben. Tanzen bedeutet nicht nur, eine Gruppe von Menschen mit einem gewissen technischen Niveau zusammenzuführen und mit ihnen eine Show zu machen. Für mich ist Tanzen der Glaube an eine Philosophie, deswegen dürfen wir nicht lügen auf der Bühne und Tanzen nicht leicht nehmen. Wir müssen das, was wir tun, auch fühlen. Außerdem muss uns immer bewusst sein, dass wir mit Menschen zu tun haben. Wir leben und arbeiten alle im gleichen Gebäude, wir wissen alles voneinander. Wir müssen uns täglich fragen, passen wir auch dahin oder wollen wir was anderes. Sie werden Ende Februar 79 Jahre alt. Ist Ihre Kreativität unerschöpflich? Fragen Sie mich das bitte nicht. Haben Sie Angst vor dem Tag, an dem Ihnen nichts mehr einfällt?Natürlich, jeden Tag. Sie haben „seit 50 Jahren Sehnsucht, frei zu sein“, haben Sie mal gesagt, und machen doch immer weiter. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? (lacht) Ich kann das schwer erklären. Aber es gibt in jedem Menschen so etwas wie eine innere Waage: Der Wecker klingelt, und dann entscheidet man sich, ob man aufsteht oder nicht. Das ist bei mir nicht anders. Ich könnte es einfacher haben und als Gast zum Beispiel zur Pariser Oper gehen, mit festen Probezeiten und müsste mich nur für die Tänzer interessieren, die ich für mein Stück ausgewählt habe. Aber ich finde es wunderbar, jeden Tag hier reinzukommen, mich um alles zu kümmern, um die gesamte Compagnie, auch die persönlichen menschlichen Probleme von 60 Tänzern und einem großen Stab. 2019 läuft Ihr Vertrag aus, dann wollten Sie eigentlich endgültig Schluss machen. Bleibt es dabei? (lange Pause): Ich denke, wir sollten das noch etwas spannend machen. Aber einen John Neumeier im Ruhestand ohne Ballett kann man sich nur schwer vorstellen . . . Das steht auch nicht zur Diskussion. Die Frage ist nur, ob ich als Intendant des Hamburg Balletts bleibe. Aber ich werde auf jeden Fall weiter arbeiten, sonst eben freischaffend.

John Neumeier persönlich

Heimat ist für mich . . . der Ballettsaal.

Feierabend ist . . ., wenn meine Augen zugehen.

Abschalten kann ich am besten . . . bei einer trivialen DVD, zum Beispiel „House of Cards“.

Andere Ballettinszenierungen interessieren mich . . .  sehr, weil ich Ballett liebe. Nicht aus Konkurrenz, sondern im Sinne von Genuss.

Schlechte Kritiken sind für mich . . . schwierig. Ich muss damit umgehen, aber ich mach‘ Ballett nicht für die Kritiker, sondern weil es aus meinem Herzen kommt.

Die Hamburger Ehrenbürgerschaft bedeutet mir . . . sehr viel. Weil ich Ehre sehr wichtig finde.
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„Wer Erfolg hat, sollte etwas zurückgeben“

Michael Otto über sein Unternehmen, Klimaschutz und politische Herausforderungen

Meinung – Manfred Ertel
Am 12. April  wird  der Unternehmer und Hamburger Ehrenbürger Michael Otto seinen 75. Geburtstag feiern. Ein guter Zeitpunkt, sich endlich mehr um seine Hobbys zu kümmern? Das kann man sich zumindest gut vorstellen, wenn man den erfolgreichen Manager von seinen Reisen schwärmen hört: Auf dem Pferderücken durch Kasachstan zum Beispiel oder auf Kulturreise mit seiner Frau Christl quer durch den Iran. Nicht so Michael Otto. Seine moralische Überzeugung ist für ihn längst zur Passion geworden. Als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Otto-Gruppe will er zwar weiterhin den Übergang auf der Gesellschafterseite zu Sohn Benjamin mitgestalten. Daneben aber will Michael Otto über seine verschiedenen Stiftungen für soziale und ökologische Projekte „politische und gesellschaftliche Lösungen anbieten“, sagt er. Otto fühlt sich dem Gemeinwohl verpflichtet,  dafür bekam er zahlreiche Ehrenpreise und bekleidet etliche Ehrenämter. Er möchte seine Ideen „multiplizierbar machen“, wie er sagt, wie zum Beispiel seine Initiative zur Schulung von Baumwollbauern in Afrika. Das Programm erreicht in zehn afrikanischen Ländern 760.000 Baumwollbauern mit ihren Familienangehörigen, insgesamt rund sechseinhalb Millionen Menschen. „Das ist auch eine Bekämpfung von Fluchtursachen. Denn die haben heute höhere Einkommen, weil sie deutlich höhere Ernteerträge haben“, sagt Otto, „die haben Schulmöglichkeiten für ihre Kinder. Und die bleiben auf ihrer Scholle, im Grund hängt doch jeder Mensch an seiner Heimat.“

Frage: Wie viele Bitten um finanzielle Unterstützung und Hilfsgesuche flattern Ihnen eigentlich täglich so auf den Tisch?Michael Otto: In der Woche sind das sicher so zehn bis zwölf, die ich persönlich bekomme. Was gar nicht erst direkt auf meinen Schreibtisch kommt, kann ich nicht beurteilen, das sind sicher sehr viel mehr. Aber wir können nicht alle erfüllen, das ist auch klar. Wir haben unsere Schwerpunkte, die Fördermaßnahmen sind von vornherein konzentriert auf Umwelt, Entwicklungshilfe, auf die medizinische Stiftung, die noch mein Vater gegründet hat, sowie auf kulturelle Initiativen und Bildungsprojekte im Kinder- und Jugendbereich, die wir langfristig betreiben.

Wie schwer fällt es, immer wieder auch mal „Nein“ sagen zu müssen? Das ist nicht einfach, aber man kann nicht alles machen. Natürlich gibt es auf der Welt tausende gute Projekte, aber man muss sich irgendwo beschränken. Deshalb haben wir uns zum Beispiel in meiner Umweltstiftung auf Projekte konzentriert, die mit Wasser zu tun haben: von Flüssen, Seen, Feuchtgebieten bis hin zum Meer. Und die wiederum haben wir auch noch regional begrenzt, auf Deutschland, Nordeuropa und Nordasien.

Bleibt neben dem Fulltime-Job der Stiftungen denn noch ausreichend Zeit für Ihre Aufgaben als Aufsichtsratsvorsitzender der Otto-Gruppe? Meine Haupttätigkeit ist natürlich, im Gespräch mit dem Vorstand die strategische Entwicklung der Otto-Gruppe mitzugestalten. Die Stiftungen kosten viel Zeit, aber die opfere ich  gern. Und seit ich nicht mehr im Tagesgeschäft bin, habe ich auch etwas mehr Luft, um mir die Projekte vor Ort anzuschauen. Seit einigen Jahren fahre ich zum Beispiel ein- bis zweimal im Jahr nach Afrika, wo wir Baumwollbauern schulen, damit die höhere Erträge erwirtschaften und vor allem nachhaltige Baumwolle produzieren. Ich finde es wichtig, die Projekte nicht nur vom Papier aus zu kennen.

Sie haben 2015 Ihre Mehrheitsbeteiligung an der Otto-Gruppe in Milliardenhöhe in eine Stiftung überführt. Warum? Das habe ich in Absprache mit meinen Kindern gemacht, die auch voll dahinter stehen. Mir ging es darum, dass die Mehrheit an der Otto-Group immer in unserer Hand bleibt und das Unternehmen nicht irgendwann in fremden Händen an der Börse landet. Und wir über die Stiftung die Entscheidungshoheit behalten, wie sich die Gruppe weiter entwickelt. Außerdem war mir wichtig, dass unser Sitz immer in Hamburg bleibt. Wir haben da langfristig Kontinuität sichergestellt.

Sie haben aber nicht nur an Firma und Familie gedacht... Nein, wer Erfolg hat, sollte auch etwas zurückgeben. Davon war und bin ich zutiefst überzeugt. Wenn man Gewinne ausschütten kann,  sollte auch der Gesellschaft was zurückgegeben werden. Das wollen wir durch die Stiftungen zum Beispiel im Sozial- und Umweltbereich tun. Und das bleibt auch in der Zukunft unser Anliegen.

In der Forbes-Liste der Reichsten dieser Welt rutschten sie danach von Platz 51 auf 174 unter „ferner liefen“... (lacht) Die Forbes-Liste habe ich eigentlich nie als relevant angesehen. Ich habe vor Jahren mal versucht von dieser Liste runter zu kommen, auch, weil ich gar nicht weiß, nach welchen Kriterien die überhaupt  bemessen wird. Da haben die Macher geantwortet, ich sei der erste, der raus will, die anderen wollten alle immer rein. Aber ich bin da völlig leidenschaftslos. 

Der Otto Versand Hamburg war ein Kind der 50er-Jahre. Wie konnten Sie den Erfolg ins Zeitalter der Globalisierung und Modetrends herüber retten? Nachdem ich 1981 Vorstandsvorsitzender wurde, bin ich alle zwei Jahre mit meinem IT-Vorstand in die USA gefahren, um zu sehen, was dort die großen, aber auch die kleinen Hard- und Softwareunternehmen so entwickeln und in ihren Laboratorien vorbereiten. Heute ist das ganz normal, aber damals habe ich dort kaum einen Europäer getroffen.  Als dann das Internet richtig nutzbar wurde,  gehörten wir 1995 zu den Ersten, die mit ihrem gesamten Sortiment im Internet waren. So hatten wir über Jahre einen Vorsprung, Mitarbeiter und Kunden zu schulen und Neukunden zu gewinnen. Wir hatten die Zeit, aus einem klassischen Versandhaus ein digitales Unternehmen zu bauen. Unsere großen Konkurrenten haben damals den Anschluss verschlafen.

Erfüllt es Sie manchmal mit etwas Wehmut, dass es den guten alten Otto-Katalog nicht mehr gibt? Das war natürlich schon eine besondere Zeit, und der Katalog mit Claudia Schiffer, Sylvie van der Vaart und anderen berühmten Stars auf der Titelseite war irgendwie auch ein bisschen Kult. Aber die Zeiten verändern sich, die Einkaufsgewohnheiten auch. Man muss permanent mitgehen, wenn man erfolgreich sein will und immer auch ein bisschen vorausdenken. Wer erst reagiert, wenn der Markt schon voll in Bewegung ist, kommt zu spät.

Wie schwierig war und ist es, Ihre Ansprüche von Nachhaltigkeit, fairer und ökologischer Produktion in den globalisierten Wettbewerb herüberzuretten? Aus unserer Sicht sind die Werte, die wir im Unternehmen haben, nicht verhandelbar. Ich habe 1986 bereits nachhaltiges Wirtschaften und Umweltschutz zu einem weiteren Unternehmensziel erklärt. Und wir haben dann auch Sozialstandards entwickelt, die heute über 1000 importierende europäische Unternehmen einsetzen. Wir begnügen uns auch nicht damit, unseren Lieferanten im Vertrag Standards zu diktieren, sondern wir auditieren unsere Lieferanten, in dem wir zum Beispiel auch unangemeldete Kontrollen machen.

Was müssen wir uns denn unter Sozialstandards zum Beispiel vorstellen? Ein Beispiel: Ich war gerade in Bangladesch und habe mit Gewerkschaften und Abgeordneten gesprochen, dass die Mindestlöhne dort mindestens verdoppelt werden müssen. Ich habe ihnen zugesichert, wir werden uns deswegen nicht von Bangladesch zurückziehen. Da werden auch die meisten anderen deutschen Importeure mitziehen.

Wie enttäuscht sind Sie vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Ansprüche über das bisherige Ergebnis der  Sondierungen  für eine neue Regierungskoalition? Zunächst einmal bin ich sehr enttäuscht, dass sich die FDP so schnell aus den Verhandlungen zurückgezogen hat und keine Verantwortung übernehmen wollte. Ich finde, alle drei, CDU/CSU, Grüne und FDP, hätten jeder wirklich etwas einzubringen, und zwar sehr unterschiedliche Dinge. Das Ganze hätte wirklich eine sehr interessante Koalition werden können.

Einige Ihrer zentralen Anliegen wie Klimaschutz, ökologische Energiepolitik, schonender Umgang mit Ressourcen sind bislang fast völlig auf der Strecke geblieben. Erst mal hoffe ich, dass wir eine große Koalition und damit eine stabile Regierung bekommen. Wir können die Bürger ja nicht so lange wählen lassen, bis der Politik das Ergebnis  passt. Und jede Partei, die sich zur Wahl stellt, gibt sich selbst auf, wenn sie nicht den Anspruch hat, in der Regierung etwas zu beeinflussen und zu verändern.

Regieren um jeden Preis? Im Ergebnis der Sondierungen stehen einige vernünftige Dinge für Soziales, Wirtschaft  und vor allem Europa drin. Die sind nicht so schlecht, wie man vielleicht befürchten musste. Aber mir fehlen zwei ganz wichtige Dinge: Erstens kommen zukunftsbezogene Fragen für mich deutlich zu kurz. Wie verändert sich unsere Gesellschaft im Rahmen der Digitalisierung und Globalisierung, wo müssen wir Weichen stellen, damit wir auch in Zukunft erfolgreich sind. Wie stellen wir uns auf den Wandel der Arbeitsplätze, der mit Macht kommen wird, wie auf  die Robotisierung, die demografische Entwicklung ein? Diese Themen kommen absolut zu kurz.

Im Klimaschutz will die Koalition sogar hinter ihre alten Ziele zurückgehen. Beim gesamten Umweltthema ist das Papier sehr, sehr kurz gefasst. Ein Kohleausstieg ist praktisch überhaupt nicht terminiert. Die Klimaschutzziele für 2020 sind mir etwas zu voreilig gestrichen. Auch wenn man es nicht schaffen kann, die zu erreichen, müsste man ganz anders vorgehen. Man müsste sagen, es wird extrem schwer, aber jetzt müssen wir erst recht richtig Gas geben, damit wir überhaupt eine Chance haben, die Ziele zu schaffen. So hätte ich mir das gewünscht. Das fängt mit der Entbürokratisierung an. Wenn sie heute den Ausbau regenerativer Energien verstärken wollen und interessante Konzepte entwickeln, dann gibt es da so viele Vorschriften, die dagegen stehen, das man kaum vorankommt. Solche Dinge fehlen, da greifen die Vereinbarungen bislang deutlich zu kurz.

Macht das die rot-grüne Koalition in Hamburg besser? In Hamburg geht es nicht so sehr um regenerative Energien, sondern mehr um Radwege und die Erhaltung unseres Grüns. Aber für das alte Kohlekraftwerk Wedel hat man jetzt ja wohl eine Lösung gefunden, das ist gut. Und dann hat Hamburg mit dem VW-Konzern ein bemerkenswertes Abkommen geschlossen, wie man hier den Verkehr vom CO2-Ausstoß durch Elektromobilisierung und Optimierung der Verkehre entlasten kann, das machen sie wirklich gut.

Sähen Sie Olaf Scholz gern als wichtigen Minister in Berlin oder  lieber als Ersten Bürgermeister in Hamburg? Ich glaube, beides kann er gut. Ich schätze ihn sehr, und in beiden Aufgaben wird er viel Positives beitragen. Was bedeutet Ihnen die Hamburger Ehrenbürgerschaft? Die hat mich schon sehr berührt und außerordentlich erfreut, weil sie sehr selten ist. Ich hätte mich auch ohne die Auszeichnung weiter intensiv für Hamburg eingesetzt, aber sie ist noch mal ein zusätzlicher Ansporn.
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„Meine Stärke ist Selbstdisziplin“

Sylvie Meis über ihren 40. Geburtstag, Politik und ihre überstandene Krebserkrankung

Meinung – Barbara Glosemeyer
Das vergangene Jahr nahm kein gutes Ende für Sylvie Meis. Ende November wurde bekannt, dass die 39-Jährige nach sieben Jahren die Moderation der TV-Show „Let’s dance“ an die Österreicherin Victoria Swarovski (24) verliert. Drei Tage vor Silvester platzte dann die nächste Nachricht in die Medienwelt: Nach vorangegangenen Medienberichten musste die gebürtige Holländerin bestätigen, dass sie sich bereits im Herbst von ihrem Verlobten Charbel Aouad getrennt hat. Kein gutes Jahr also für die schöne Holländerin? Sylvie Meis überlegt sich sehr genau, was sie sagt, worüber sie spricht und mit wem. Uns bat sie, die Fragen schriftlich beantworten zu dürfen. Für ein persönliches Treffen stand sie bedauerlicherweise nicht zur Verfügung. Einige von uns eingereichte Fragen blieben unbeantwortet.

Frage: Sie sind Model und  waren Fernseh-Moderatorin. Was machen Sie lieber: Laufsteg, Fotostudio oder die TV-Bühne? Sylvie Meis: Der Mix macht es.

Wo können Sie stärker ihre persönliche Leidenschaft ausleben?Am meisten ich selbst sein, mit allen Facetten, kann ich natürlich in den Projekten meiner eigenen Firmen.

Sie sehen immer top gestylt aus. Gehen Sie nie ungeschminkt oder im Jogginganzug aus dem Haus?Natürlich tue ich das, nicht unbedingt in einer weiten Schlabber-Jogginghose, aber in Sport-Klamotten.

Wie viel Stunden Sport machen Sie am Tag?Eineinhalb bis zwei  Stunden fünf- bis sechsmal die Woche.

Wie bereiten Sie sich auf ein Shooting wie jüngst für Ihre neue Schuh-Kollektion von Deichmann vor? Auf einem Shooting möchte man natürlich abliefern. Das heißt:  gut ausschlafen am Vorabend, gesunde Ernährung, kein Alkohol, wenig Kohlenhydrate, wenig Salz. Außerdem natürlich das obligatorische Beauty-Programm, Maniküre, Pediküre etc.

Hand aufs Herz: Wie viele Paar Schuhe besitzen Sie? Die habe ich noch nie gezählt, könnte ich wahrscheinlich auch schon gar nicht mehr. Es sind Hunderte.



Können Sie bei einem Shooting oder einem Video auch eigene Ideen in eine Kampagne einbringen?Ich bin mein eigener Chef, daher: Klar.

Wann haben Sie zu einem Fotografen oder Regisseur im Fernsehen Nein gesagt, das mache ich so nicht  − und warum? Hahahaha, wenn das Licht nicht stimmt. Dann muss alles noch einmal auf Anfang.

Was gehört für Sie zu einem gelungenen Outfit? Ein perfektes Outfit macht immer der Mix. Ob alt mit neu, preiswert mit teuer etc. Man sollte die Komponenten eines Outfits auf jeden Fall farblich aufeinander abstimmen. Ansonsten gilt: Perfekt ist, was gefällt, nicht kneift und quetscht und die Ausstrahlung unterstreicht.

Wann finden Sie eine Frau eigentlich schön oder attraktiv? Wenn sie Selbstbewusstsein ausstrahlt und lächelt, dann ist eine Frau attraktiv und schön.

Und wann einen Mann? Ein Mann muss etwas Interessantes an sich haben, nicht unbedingt „schön“ im Allgemeingültigen sein. Er muss eher durch Aura überzeugen, das macht Männer attraktiv.

Was ist beim Style ein definitives No-Go – bei Männern und Frauen?Socken in Latschen. Schlimm!

Sie sind eine der bekanntesten Frauen im Show-Business. Gibt es Tage, an denen Sie sich vor der Öffentlichkeit lieber verstecken möchten? Natürlich gibt es solche Tage. Aber ich habe es mir so ausgesucht und liebe natürlich auch mein Leben in der Öffentlichkeit. Wenn ich also auch mal einen ruhigen Tag haben möchte, muss ich eben zu Hause bleiben. Es hat eben immer alles Vor- und Nachteile.

Haben Sie manchmal das Gefühl, auf Ihr attraktives Äußeres reduziert zu werden? Ja, das passiert schon mal öfter. Ein blonder, laufender Meter in High Heels...aber manchmal ist es ja auch ganz gut, unterschätzt zu werden.

Sie sind 2009 an Brustkrebs erkrankt und heute gesund. Wie hat die Krankheit Sie verändert? Die Krankheit hat mein gesamtes Bild auf das Leben als solches verändert. Eine potenziell tödliche Krankheit macht dir wieder bewusst, wie dankbar man im Leben für alles sein muss und dass man auch die kleinen Dinge im Leben schätzen muss.

Sie sind gebürtige Holländerin und angenommene Deutsche. Was unterscheidet Holländer und Deutsche?Eigentlich bin ich nur Holländerin, die in Deutschland ihr Zuhause gefunden hat. Wir Holländer nehmen das Leben noch etwas entspannter als die Deutschen. Hier in Deutschland ist immer alles sehr korrekt – was ich aber auch sehr schätze.

Sie sind vor zwölf Jahren nach Hamburg gezogen und haben erklärt, dass Hamburg Ihre Lieblingsstadt ist. Warum? Hamburg ist einfach wunderschön. Es gibt so vielfältige Plätze und Stadtteile. Es ist einfach für jeden etwas dabei und man kann ohne weit zu  fahren von elegant und konservativ zu hip und jung kommen. Hamburg ist einfach die schönste Stadt, mein Zuhause!



Wo möchten Sie leben, wenn Sie nicht in Hamburg sind? Die Frage verstehe ich nicht. Es ist und bleibt Hamburg.

Sie sind als Model und Moderatorin populär und erfolgreich und Mutter vom 11-jährigen Sohn Damian. Welche Ziele haben Sie mit ihren 39 jungen Jahren noch?Ich habe noch viele Ziele, die ich gerne erreichen möchte. 2017 habe ich schon einen weiteren Schritt in die Richtung unternommen und nun mein eigenes Lingerie und SwimWear-Brand auf den Markt gebracht. Hier bauen wir in Zukunft natürlich noch weiter aus, aber da schwirren auch noch ganz viele andere Ideen in meinem Kopf. Man darf gespannt sein.

Was haben Sie sich fürs neue Jahr 2018 vorgenommen?Mehr Zeit mit meiner Familie in Belgien und Amsterdam zu verbringen.

Ihr Hauptberuf ist Modeln und Entertainen. Sehen Sie sich eigentlich auch als politische Bürgerin, als politische Sylvie Meis? Mein Hauptberuf ist die Geschäftsführung von zwei Firmen und natürlich Mutter sein. Ich sehe mich nicht in der Politik, dafür ist mein Bruder zuständig.

Im April feiern Sie ihren 40. Geburtstag. Denken Sie über das Alter nach? Nicht wirklich. Ich freue mich drauf, 40 werden zu dürfen. Das ist ja auch kein Alter, jetzt geht es doch erst richtig los.

Was möchten Sie ganz persönlich in Ihrem Leben unbedingt noch erreichen? Ich bin aktuell persönlich sehr, sehr glücklich, da habe ich noch nicht weiter drüber nachgedacht.

Sylvie Meis persönlich

Glücklich macht mich... Schokolade.

Meine Stärke ist... Selbstdisziplin.

Mein Laster ist... noch mehr Schokolade.

In Hamburg wollte ich längst mal wieder... in der Sonne sitzen und Kaffee trinken (immer dieser Winter).

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist... die Alster.

Gut verzichten könnte ich... auf Regen.

Meine Lieblingsmusik ist... 80er, 90er, Country.

Familie ist... das Wichtigste auf der Welt.

Ferien verbringe ich am liebsten... in der Sonne.

Entspannen können heißt für mich... abschalten können.

Eine Scheidung... kann passieren.

Sich verlieben ist... großartig.
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„Die Hamburger sind recht selbstzufrieden“

Krista Sager über ihr Leben nach der Politik, die „Hamburger Ehe“ und St.Pauli

Meinung – Barbara Glosemeyer
Sie gehörte zur legendären Grünen-Frauenfraktion in der Bürgerschaft, schaffte als Gleichstellungssenatorin Historisches und war Wegbereiterin des ersten schwarz-grünen Regierungsbündnisses in Deutschland. Seit vier Jahren lebt Krista Sager ohne Politik – und ist heilfroh.

Frage: Frau Sager, Sie sind 2013 mit 60 Jahren aus dem Bundestag ausgeschieden und haben damals gesagt: „Fast jeden Tag bin ich erleichtert, dass ich nicht mehr in diesem Stress stecke.“ Sind Sie heute glücklicher? Krista Sager: Ja. Ich bin nicht mehr in diesem Hamsterrad und ich bin deutlich weniger fremdbestimmt. Die Dinge, die in meinem Berufsleben früher zurückstehen mussten, kommen jetzt mehr zur Geltung. Ich bin sehr zufrieden damit, dass ich mich vor vier Jahren bewusst für dieses Leben entschieden habe, auch in dem Bewusstsein, dass das Leben  begrenzt ist.

Damals wollten Sie Dinge  nachholen wie etwa Senioren-Yoga. Haben Sie mehr Zeit für sich und für was?Yoga habe ich ein wenig schleifen lassen und suche jetzt den Wiedereinstieg. Aber ich habe mit meinem Mann ein paar wunderbare Reisen gemacht − richtige Traumreisen, die ich mein ganzes Leben machen wollte: in die Antarktis, nach Australien, Lateinamerika und Neuseeland. Insgesamt ist mein Leben heute weniger hektisch und lässt mehr Zeit für Unternehmungen oder ein ausgedehntes Frühstück. Aber ich liege nicht nur auf der faulen Haut (lacht), sondern engagiere mich ehrenamtlich in verschiedenen  Wissenschaftsgremien. Das tun zu können und gefragt zu werden, empfinde ich als großes Glück.

Sie haben 30 Jahre Politik gemacht. Was fällt Ihnen am heutigen Politikbetrieb auf? Vor allem, wie unglaublich anstrengend der Politikbetrieb ist und wie wenig das von der Gesellschaft und den Medien gesehen wird. Und ich nehme wahr, wie schwer es manchmal selbst intelligenten Menschen fällt, vom Ende her zu denken. Wenn man wie ich 25 Jahre lang durchaus erfolgreich in der Politik war, hat man gelernt, strategisch zu denken. Das fehlt heute manchmal in der Politik. Ein Beispiel ist die vorschnelle Absage der SPD an eine große Koalition nach dem Aus für Jamaika.

Macron will Europa erneuern, und die Grünen in Europa und Deutschland spielen keine Rolle. Tut das weh? Ich finde, dass die grünen Europapolitiker und ihre Themen in der öffentlichen Debatte sehr präsent sind. Wir sind keine Kanzlerpartei, aber die Grünen  haben in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht für Klimaschutz und in der Umweltpolitik. Erst mit den Grünen ist in der Politik ein Bewusstsein für Umweltschutz gewachsen, daran kommt heute kaum eine Partei mehr vorbei, auch wenn es beim Handeln hapert.



Was macht Sie heute stolz in Ihrer politischen Laufbahn? Ach, mir sind einige Dinge geglückt, aber man vergisst es schnell wieder. Und es ist ja  nie der Erfolg einer einzelnen Person, sondern immer ein Gemeinschaftswerk. In diesem Sinne waren wir unter anderem mit der „Hamburger Ehe“, also der eingetragenen Partnerschaft homosexueller Paare, die wir 1999 im Senat durchgesetzt haben, Wegbereiter für die „Ehe für alle“. Das freut mich.

Gibt es etwas, das Ihnen nicht gelungen ist und das Sie heute noch bedauern? Da gibt es eine Menge, aber auch das verblasst mit der Zeit. Ich bedaure, dass es in der Föderalismuskommission 2004 nicht gelungen ist, Kooperationsmöglichkeiten zwischen Bund und Ländern im Schulbereich zu erlauben und so zum Beispiel den Bund finanziell weiter am Ganztagsschulausbau zu beteiligen. Das wäre ein wichtiger Schritt für den Bildungsbereich gewesen.

Sie waren 1997 die erste Frau im Bürgermeisteramt hinter SPD-Bürgermeister Ortwin Runde. Wie viel Machotum haben Sie damals erlebt?   Aus heutiger Sicht habe ich eine Menge Machotum erlebt, aber für damalige Verhältnisse war es erträglich. Übel genommen habe ich dem damaligen Ersten Bürgermeister Ortwin Runde, dass er überall und auch in meinem Beisein sein Pfeifchen geraucht hat, obwohl er wusste, dass es mich sehr stört.

Ihr grell-grünes Jackett, das Sie oft trugen, erlangte damals in Hamburg fast so viel Berühmtheit wie der gelbe Pullunder von  Hans-Dietrich Genscher. Konnten Sie darüber lachen? Ja. Anfangs habe ich mir das grüne Jackett  gekauft, weil es gerade Mode war. Als mir dann durch die Reaktionen aus meinem Umfeld klar wurde, dass die Farbwahl zur politischen Gesinnung passt, habe ich es bewusst als Stilmittel eingesetzt und zu meinem Markenzeichen gemacht. 

Sie hatten das Image einer frechen Frauenstimme. Stimmt das eigentlich? Ich war kämpferisch. Die Frauenfraktion in der damaligen Bürgerschaft, der ich angehörte, nannte sich „Freche Frauen“. Wir wollten die etablierten Parteien bewusst provozieren, um auf unsere Themen aufmerksam zu machen. Das galt auch für viele Wahlkämpfe. Und ich habe immer, ob in der Partei oder im Parlament, mit Leidenschaft debattiert. Wichtig ist, dass man neben der Leidenschaft auch Argumente transportiert und den Finger in die Wunde legt. Und es ist wichtig, mit den eigenen sich verändernden Rollen in der Politik mitzuwachsen, um authentisch zu bleiben.  Das ist nicht immer ganz einfach, ist mir aber, glaube ich, ganz gut gelungen.

Hat sich seitdem für Frauen in der Politik und in Führungspositionen von Unternehmen etwas verbessert? Auf jeden Fall. Heute ist unstrittig, dass Frauen ein Recht haben auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und dass die Politik die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft und in Unternehmen sicherstellen muss. Als ich ein junges Mädchen war, war Politik, übrigens auch Journalismus, eine reine Männerwelt. Und als ich eine junge erwachsene Frau war, brauchte man als Ehefrau immer noch das Einverständnis des Mannes, um berufstätig sein zu dürfen. Insofern hat sich Vieles verbessert. Aber wir müssen uns bewusst machen, dass das Erreichte fragil bleibt und von Strömungen wie etwa der AfD schnell in Frage gestellt werden kann.

Sie waren Ende der 90er Jahre auch Wissenschaftssenatorin. Warum hinkt Hamburg als deutschland-  und europaweit respektierter Wissenschaftsstandort hinterher? Das ist vor allem ein Problem der Selbstwahrnehmung in Hamburg. Die Hamburger sind recht selbstzufrieden, so dass es manchmal die Wahrnehmung auf die Welt und sich selbst  trübt. Der Wissenschaftsstandort – auch die Uni - ist viel besser, als die Hamburger glauben. Richtig ist, dass der Ausbau des Wissenschaftsbereichs in Hamburg immer halbherzig betrieben worden ist. Die immer noch kleine Technische Universität Harburg etwa ist auf Kosten der Uni und der Fachhochschule entstanden. Die wissenschaftlichen Einrichtungen sind immer in die Mittelmäßigkeit geredet worden. Wenn es um die Wissenschaft in Hamburg geht, ist mancher hier Weltmeister darin, wenig Ahnung zu haben und viele Klischees zu bedienen.

Es gibt viele Leute, für die Hamburg die Stadt der Kaufleute und des Hafens ist, aber nie der Wissenschaft. Stimmt das? Ja, man hat sich darauf ausgeruht, Hafenstadt und eine  Stadt der Kaufleute zu sein. Der Wissenschaftsbereich hat bis heute in Hamburg nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient. Wir könnten international eine viel größere Rolle spielen, wenn wir  unsere Stärken in der Wissenschaft wie etwa das Desy oder Spitzeneinrichtungen wie das Bernhard-Nocht-Institut selbstbewusster ausspielen würden.

Reizt Sie die aktuelle Politik, und würden Sie ein Comeback in Berlin wagen? Nein! Ich bin heilfroh, dass ich nicht dabei sein muss. Das Wissen darum, wie anstrengend und nervig das Politikgeschäft hinter den Kulissen und in der Öffentlichkeit ist, und die Erleichterung darüber, es nicht mehr machen zu müssen, kann ich körperlich noch heute spüren.

Was haben die Grünen um Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir in Berlin falsch gemacht? Ich finde, dass sie im Großen und Ganzen eine gute Figur gemacht und demokratische Reife gezeigt haben. Ich würde mir wünschen, dass die Partei vor diesem Hintergrund das enttäuschende Wahlergebnis reflektiert und ihren Politikstil modernisiert anstatt sich selbst nur zu feiern. Daraus lernt man nichts.

Sie sind Tochter einer Dänin und noch immer sehr verbunden mit Dänemark. Was können die Hamburger von den Dänen lernen? Die dänische Gesellschaft ist durchlässiger und weniger hierarchisch. Die soziale Spaltung nimmt man in Hamburg stärker war. Und das Hyggelige, es sich gemütlich machen, spielt eine große Rolle in Dänemark.

Sie sind eingefleischter St.-Pauli-Fan. Ihr Mann Manfred Ertel, ehemaliger HSV-Aufsichtsratschef, leidet lieber mit dem HSV. Ist Fußball bei Ihnen zuhause ein heikles Thema? Wir reden viel und gern gemeinsam über Fußball. Aber es war ein langer Lernprozess in einer langen Beziehung. Und es hilft, wenn beide Vereine nicht in derselben Liga spielen. Und die Erfahrung mehrerer Relegationen mindert den HSV-Hochmut (lacht).

Krista Sager... persönlich

Ich kann am besten entspannen ... beim Kochen.

Meine Schwäche ... ist: Ich kann mir keine Gesichter und keine Namen merken.

Meine Stärke ... ist strategisches Denken, und ich bin ein großzügiger und toleranter Mensch.

Alter ist für mich ... etwas, was ich derzeit nicht so empfinde, was aber unausweichlich ist.

Ich wollte in Hamburg längst mal wieder ... in das Bucerius Kunst Forum gehen.

Ich könnte gut verzichten ... auf platte Kommentare über Politik und Politiker.

Heimat ... ist für mich ganz klar Hamburg und ein bisschen Dänemark.

Ärgern kann ich mich, ... wenn ich mich ungerecht behandelt fühle.
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„Ich hab’ im Leben irre viel Glück gehabt“

Sänger Achim Reichel über Yoga, Schlager und die Elbphilharmonie

Meinung – Manfred Ertel
Dass er nach 57-jährigem Überleben in der Rockmusik an einer Biografie schreibt, kann eigentlich kaum verwundern. Eher schon, dass er bereits seit drei Jahren daran sitzt. „Ich habe allen Grund, das mal zu Ende zu bringen“, sagt Achim Reichel (73), schließlich hat er viel zu erzählen. 

Der Musiker und Produzent empfängt zum Interview in seinem Studio, zwischen Mischpult und Sofa stehen und hängen diverse Gitarren. Auf einer Lose-Blatt-Sammlung stapeln sich Ideen für Texte und neue Lieder. „Wenn mir was einfällt, schreibe ich das auf einen Zettel und packe den irgendwohin, zum Beispiel hier“. Er zeigt auf ein Regalfach. Achim Reichel ist der deutsche Rockmusiker mit der wohl längsten und schillerndsten Karriere.

1960 gründete er die „Rattles“, die 1963 zusammen mit den damals noch relativ unbekannten Rolling Stones unterwegs waren und 1966 auf der einzigen Deutschland-Tournee der Beatles im Vorprogramm spielten. Er war bis zum Konkurs Mitbesitzer des legendären „Star Club“, viel später verrockte er Shantys, vertonte Gedichte von Heine, Goethe oder Fontane, später von zeitgenössischen Literaten wie Jörg Fauser und Kiev Stingl. Am 15. September spielte Reichel mit einem seiner frühen Projekte in der Elbphilharmonie: „AR & Machines“ gingen Anfang 1970 mit sphärischen und psychedelischen Klängen auf „grüne Reise“, es folgten vier weitere Alben ohne den ganz großen Erfolg. „Ich hatte mit dem Zeugs noch eine Rechnung offen“, sagt Reichel, „es waren die richtigen Sachen zur falschen Zeit“. Nach dem ausverkauften Konzert ist für das kommende Jahr eine Tournee durch andere deutsche Konzerthäuser wie der Berliner Philharmonie geplant. Seit einigen Wochen ist das „Zeugs“ von „AR & Machines“ wieder zu kaufen: 10 CD’s mit zum Teil unveröffentlichten Aufnahmen in einer aufwendigen Werkschau-Box. Für ihn eine späte Genugtuung: „Wenn man von der Zeit eingeholt wird, freut man sich besonders.“ Frage: Wie sieht für Sie ein Tag ohne Musik aus? Achim Reichel: Puh, das ist ja gleich eine schwierige Frage. Ein Tag ohne Musik, geht das überhaupt?

Sind Sie dann unruhig wie ein Raucher auf Entzug? Nee, das ist man in meinem Alter nicht mehr, eher etwas ruhiger. Früher habe ich bei jeder Gelegenheit zur Gitarre gegriffen. Man saß zehn Minuten im Wohnzimmer rum und dachte, ach, mach doch mal ein bisschen die Finger locker. Das nimmt irgendwie ab, ich mache mir schon fast ein bisschen Sorgen.

Was machen Sie, wenn Sie keine Musik machen? Ich habe schon so ein paar Rituale, die sich eingeschliffen haben. Ich bin zum Beispiel zurückgekehrt, jeden Morgen meine Yoga-Übungen zu machen. Dann fahre ich eine dreiviertel Stunde Fahrrad durch die Gegend und atme tief durch. Hinterher habe ich dann das Gefühl, jetzt ist der Kopf klar und ich habe etwas auf meinen Körper geachtet. Man sitzt ja sonst überall nur rum, ob das am Steuer, am Schreibtisch oder am Mischpult ist.

Geht es Ihnen langsam auf den Wecker, 57 Jahre nach den Rattles immer noch danach gefragt zu werden? Ach, mittlerweile weniger. Das war ja meine musikalische Kinderstube, auf die kann ich gar nicht böse sein. Wir waren damals sehr unbedarft, spring-ins-Feld-mäßig unterwegs. Musik war mehr oder weniger unser Hobby. Und das man damit auch noch Geld verdienen konnte, war für uns vier schier unglaublich.

Was wäre ohne die Rattles aus Ihnen geworden? Das ist schwer zu beantworten. Wenn man seit 50 Jahren in diesem launischen Geschäft unterwegs ist und es den Leuten noch nicht mal immer leicht gemacht hat, und trotzdem noch immer im Sattel sitzt, dann ist das fast wie ein Geschenk des Himmels. Und wenn es um den Himmel geht, dann ist man auch gleich beim Schicksal. Dann frag ich mich manchmal, wo soll ich eigentlich meine Kerze aufstellen? Ich habe irre viel Glück gehabt. Allein mit dem Umstand, in den frühen sechziger Jahren auf St. Pauli aufgewachsen zu sein, gleich um die Ecke vom „Star Club“ oder dem „Top Ten“.

Bei der Gründung der Rattles waren Sie 16 Jahre alt undhatten gerade eine Ausbildung als Kellner begonnen. Was haben Ihre Eltern damals gesagt? Junge, lern‘ was Vernünftiges! Und wenn schon Gitarre spielen, dann musst du wenigstens Unterricht nehmen. Aber wir brauchten doch nur drei Akkorde für ein Rock’n-Roll-Stück. Meine Mutter wusste gar nicht, ob sie sich nun Sorgen machen oder sich freuen sollte, dass der Junge sich für irgendwas begeistern konnte. Mein Vater ist als Schiffssteward zur See gefahren, der war eh nie da. Als meine Mutter dann sah, dass alles relativ schnell ging mit den Rattles, da fand sie das dann doch ganz gut.

Haben Sie jemals den Rattles hinterher getrauert? Überhaupt nicht. Mit zunehmendem Alter ist mir klar geworden, dass das auf eine Nostalgie-Band hinausgelaufen wäre, die noch nicht mal mit ihrer eigenen Kultur und ihrer eigenen Sprache verbandelt ist. Ich sehe ja, wo die Rattles heute sind. Ich spiele heute in der Elbphilharmonie, dieser Kathedrale für Hochkultur, mit einem Musikprojekt aus den siebziger Jahren. Und es wird eine Tournee durch andere klassische Kultursäle geplant. Das wäre mir mit den Rattles nie gelungen.

Warum beglücken Sie Ihre Fans nach 47 Jahren mit einer Edition von Stücken, die nicht gerade zu den erfolgreichsten gehörten? Weil ich dem Erfolg gegenüber mittlerweile eine etwas mehrschichtige Einstellung habe. Es kann ziemlich ernüchternd sein, wenn man ausschließlich den Erfolgsprinzipien folgt. Nach dem Motto: Die Leute wollen mitsingen, und es muss in die Beine gehen. Irgendwann schlug bei mir das Pendel um. Ich fragte mich, Alter, machst du das wirklich einzig und allein wegen der Kohle? Oft wird gesagt, solche Gedanken muss man sich erst mal leisten können. Ich bin da mehr oder weniger spielerisch hingelangt. Mainstream tauglich für große Stückzahlen war das oft nicht, aber ich hatte immer das Gefühl, dass es noch einen anderen Sinn gibt, außer Geld zu verdienen.

War die „Grüne Reise“ mit ihren psychedelischen Klängen damals so etwas wie ein Trip auf dem Weg zu sich selbst oder sonst wo hin? In den Siebzigern war ich heilfroh, etwas gefunden zu haben, was wirklich von derart eigener Natur war, dass es Vergleichbares nicht gab. Das war das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, meine Musik nicht mehr nur marktanalytisch zu sehen. Außerdem entstanden „AR & Machines“ ja in der ausklingenden Hippie-Phase. Da war man schon irgendwie auf der Suche.

Musste man dazu auf Droge sein? Ich finde den Begriff „Droge“ zu pauschal. Das wirkt auf mich so, als wenn man Light-Bier mit Schnaps gleichsetzen würde. Ich habe damals meine ganz persönlichen Erfahrungen gemacht, das gebe ich gerne zu, aber es war kein harter Stoff dabei, in keinen Fall. Es gab damals in fast jedem künstlerischen Umfeld die Suche nach den Grenzen der Wahrnehmung, was ist dahinter, ist da überhaupt noch was? Das hat mich irgendwann auch sehr interessiert.

Sie haben Seemannslieder verrockt, alte deutsche Literaten vertont und neue Dichter. Was brachte Sie auf die Idee? Vielleicht war es aufkeimende Reife und die Erkenntnis, dass wir eigentlich ein Land sind, das es bitter nötig hat, sich kulturell auch aus der Gegenwart heraus zu definieren. Die Selbstentfremdung, die auch mit der ganzen Englischsprachlichkeit eingesetzt hat, wollte mir irgendwann nicht mehr so richtig schmecken. Den Versuch, Brücken zu schlagen zu alten Dichtern und Denkern, zu Volksliedern und Balladen, gab es im Ausland schon lange. Und bei mir gab es immer einen inneren Konflikt, ob ich nur irgend so ein Unterhaltungsfuzzi sein und mit dem Strom schwimmen wollte. Es ärgert mich noch heute, dass wir in der Gegenwartskultur sehr schlicht unterwegs sind. Inzwischen brauchen die Programmmacher im Radio gar keinen eigenen Geschmack mehr, sondern nur noch zu wissen, was ein Hit in Amerika oder in England ist.

Sind Sie ein Rockstar? Keine Ahnung, darüber mache ich mir gar keine Gedanken. Ich weiß, dass ich nicht nur viel Glück hatte, sondern wohl auch etwas drauf haben muss, sonst wäre ich längst aus der Kurve geflogen. Aber ich habe auch gemerkt, dass man, wenn der Erfolg mal wieder hoch schwappt, Gefahr läuft, sich selber aus der Hand zu geraten und zu gefällig zu werden.

Wann hört man auf, ein Rockmusiker und nur noch Schlagersänger zu sein? Was unterscheidet Helene Fischer von Achim Reichel? Oha, kann man das so einfach in Worte kleiden? Ich habe nichts gegen Leute, die Schlager mögen. „Atemlos durch die Nacht“ ist aber für mich durch und durch berechnet. Ich versuche, in meinen Texten Geschichten zu erzählen, die manchmal über Grenzen hinausgehen und die sich beim Schlager verbieten, wie zum „Beispiel bei „Matrosen am Mast“ oder „Gonokokken“. Manche denken dann, igitt wie schrecklich, aber in einem seemännischen Zusammenhang ist das einfach authentisch. Ob man diese Authentizität will, ist wieder was anderes. Aber mich hat immer gereizt, über gewisse Grenzen hinaus zu gehen.

Im Autoradio hört man die neue deutsche Welle mit Sängern wie Max Giesinger, Wincent Weiss oder Mark Forster. Was ist daran Pop- und Rockmusik, oder sind das gut gemachte Schlager? Das sind genau die Worte meiner Frau, die sieht das genau so. Es gibt Old-School-Schlager und es gibt Künstler, die sich für Rockmusiker halten, aber so lieb und artig sind, so eingängige, glatt gebügelte Sachen machen, dass die eigentlich auch nichts anderes singen als Schlager. Man muss sie deshalb aber nicht gleich als Teufelsgespenst verdammen.

Achim Reichel ... persönlich

Ich bin Hamburger geblieben, weil . . . ich hier hin gehöre. Ich liebe den Slang, die Hafenkante, da habe ich als kleiner Junge gespielt und in der Elbe gebadet. Es hat schon seine Gründe, warum ich Hamburg treu geblieben bin.

Mein Privatleben . . . gehört mir. Ich finde eine gewisse Intimsphäre gehört zum Leben dazu, wenn alle Geheimnisse ins Licht gezerrt werden, ist das langweilig.

Rote Teppiche sind für mich . . .  okay, aber eine unnötige Unterstreichung von Wichtigkeit. Meine Frau mag die wegen der vielen Fotografen überhaupt nicht, die kommt dann immer über einen Nebeneingang rein.

Das Alter ist . . . eine Tatsache, die einen nachdenklich und auch demütig macht. Und einem klar macht, was Endlichkeit bedeutet. Ich habe allen Grund, mich nicht mehr zu überanstrengen. Ich muss nicht mehr irgendwohin, ich war schon überall.
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Die Klassik-Koryphäe im Interview

Star-Dirigent Kent Nagano: „Musik ist für mich Leben“

Meinung – Manfred Ertel
Man spürt förmlich, dass und wie sehr Kent Nagano (66) seine Musik liebt. Wenn man mit ihm über Klassik redet, wird seine Stimme weich und träumerisch, sentimental und emotional. Er redet von Verantwortung für klassische Musiktradition und ihre Entwicklung in der Zukunft, in der er sich als Dirigent mehr wie eine Art Dienstleister und Mittler versteht. Schon als Achtjähriger dirigierte er einen Kirchenchor, weil sein Chorleiter und Klavierlehrer an der Orgel sitzen musste. „Musik ist immer da“, sagt Nagano über seinen Alltag, Musik hat für ihn keine Grenzen, auch keine zeitlichen. Seine Assistentin muss das Interview in seinem Büro in der Staatsoper mehrfach unterbrechen und an die Uhrzeit erinnern, so viel hätte er zu sagen. Nagano wurde in Berkeley, Kalifornien, geboren, seine Großeltern stammen aus Japan. Zur Spielzeit 2015/2016 kam er als Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und Chefdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters an die Elbe. Zusammen mit Intendant Georges Delnon möchte er ein neues künstlerisches Profil kreieren. Anfang Oktober, nach noch nicht einmal der Hälfte seiner ersten Amtszeit, wurde sein Vertrag als „GMD“, wie er gern sagt, bis 2025 verlängert. Am Sonntag, 26. November, 23.30 Uhr, ist bei arte in einer ausführlichen Dokumentation mehr über die Träume des Star-Dirigenten zu hören und zu sehen.

Frage: Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal auf einem Rock- oder Pop-Konzert? Kent Nagano: Oh, das ist gar nicht so lange her. Das war bei den Rolling Stones im Stadtpark. Unser Intendant Georges Delnon hatte mich netterweise eingeladen, weil ich noch nie die Stones gesehen hatte, und er das gar nicht glauben konnte. Aber als ich jung und ein Student war, da waren die Rolling Stones viel zu exotisch für mich. Ich steckte ja tief drin in der klassischen Musik. Diese Welt war für mich also ziemlich fremd. Das war eine schöne Überraschung.

Was ist sonst so toll an Hamburg, dass Sie so schnell Ihren Vertrag als Generalmusikdirektor verlängert haben? Die Rolle in der Welt als Musikstadt. Hamburg hat eine einzigartige Musiktradition. Für mich und meine Generation ist die verbunden mit Komponisten wie Telemann, Carl Philipp Emanuel Bach, Brahms oder Mahler. Bereits Ende des 17. Jahrhundert wurde hier zum ersten Mal eine bürgerliche Oper gegründet, das war damals total neu. Aber die Offenheit des Hamburger Publikums, immer Neues zu entdecken, ist auch Teil dieser Geschichte. Deshalb hat das, was in Hamburg passiert, eine große Bedeutung für die Entwicklung europäischer Musiktradition.

Welche Rolle hat die Elbphilharmonie bei Ihrer Entscheidung gespielt? Die Elbphilharmonie ist ein Statement für Architektur, und sie hat eine wunderbare Akustik, die zugleich eine Herausforderung ist. Aber vor allem bietet sie die Chance, neue Perspektiven für das Hamburger Musikprofil zu eröffnen. Wir leben in einer Welt, in der normalerweise sehr kurzfristig gedacht wird, immer nur von einem Ereignis zum nächsten. Aber wenn man etwas aufbauen will, was Zukunft haben soll, muss man auch Zeit investieren.



Sie wollten Hamburg zu „einer der großen Opernstädte der Welt machen“, haben Sie bei Amtsantritt erklärt. Wie weit sind Sie bislang gekommen? (lacht) Oh, das war wohl ein Missverständnis. Hamburg ist immer eine große Opernstadt gewesen, Kent Nagano hat damit nichts zu tun. Ich profitiere vielmehr von dieser Tradition. Wichtig ist heute die Frage, welche Perspektive Oper im 21. Jahrhundert hat, wo wird sie ihren Platz finden in der Gesellschaft? Diese Herausforderung fasziniert mich und treibt mich an. Die Staatsoper in die Zukunft zu navigieren, das versuchen Intendant Delnon und ich gemeinsam.

Sind klassische Musik und Oper untrennbar verbunden? Oper ist klassische Musik. Aber als Generalmusikdirektor versuche ich, ein lebendiges Profil in allen klassischen Bereichen zu erhalten und zu entwickeln. Das Philharmonische Staatsorchester ist eines der ganz wenigen Original-Ensembles in Europa, das eine wichtige Rolle in allen Domänen spielt, für symphonische Musik, für Kammermusik, Hausmusik und auch für Oper. Heute sind die meisten Orchester nur auf eine Rolle spezialisiert. Unsere Tradition ist eine andere. Deshalb sind wir in der Elbphilharmonie zu Hause, aber auch in der Staatsoper.

Sie beklagen, dass klassische Musik in den USA keine Bedeutung hat. Und doch führte Ihr Weg geradewegs dahin. Wie kam das? Als ich jung war, lebten in meiner Heimatregion sehr viele Immigranten, 95 Prozent kamen aus Europa. Ja, ich war Amerikaner, ich weiß was ein Hamburger ist und ein Hot-Dog, ich kenne Baseball und all diese stereotypischen amerikanischen Kultursachen. Aber ich bin auch in einer sehr reichen Mischung von europäischer Kultur und Tradition aufgewachsen. Wir haben bei unseren Freunden Tanzen gelernt wie in der alten Welt, wir haben Beethoven gehört und zu Hause Schubert gespielt. Das hat unser Denken und unsere Erziehung geprägt. Heute ist die Balance zwischen alter und neuer Welt verloren gegangen. In den kalifornischen Schulen musste zum Beispiel seit Ende der 70er Jahre gespart werden. Dem fiel als erstes das Fach Musik zum Opfer, es wurde sehr oft sogar ganz gestrichen, aber auch der Kunstunterricht und sogar der Sport. Das Ergebnis ist, dass fast zwei Generationen ohne Kontakt zur Kultur aufgewachsen sind. Wenn man diese Menschen heute nach klassischer Musik fragt, haben sie keine Idee, was Beethoven bedeutet. Der existiert für sie einfach nicht.

Ihre Kindheit auf einer Farm in Kalifornien fand ohne Fernsehen, Kino und Stereoanlage statt, es gab nur Musik in Ihrem Elternhaus. War das für ihre Klassik-Karriere praktisch Ihr Glück? (lacht) Damals fühlte ich mich ganz klar benachteiligt. Es gab ja Familien mit wunderbaren Fernsehern oder großen Stereoanlagen in unserem kleinen Ort, und ich war neidisch. Mein Musikprofessor hatte das erste Tonbandgerät, das war für uns wie ein Wunder.

Haben Sie das später mal bedauert? Nein, für meine Frau und mich ist es ein Privileg, ein so reiches Musikleben zu haben. Das war die Grundlage für unsere Faszination für die klassische Musik. Wir üben ständig, wir haben oft gar nicht genug Zeit, gemeinsam zu spielen.

Ihre Frau Mari Kodama ist studierte Pianistin, funktioniert ein privates Duett ohne gegenseitige Kritik? Wir sind wohl selbst unsere schärfsten Kritiker. In einer engen Beziehung kann man sich Sachen sagen, die man sonst nicht sagen darf. Manchmal ist das sehr hart. Aber wir wollen das auch so.

Sie stehen ständig im Orchestergraben in Hamburg, sind nebenbei noch Leiter des symphonischen Orchesters Montreal sowie Berater und Dirigent in Göteborg. Sind Sie ein Workaholic? Musik ist für mich Leben, beides ist synonym. Ich kann das eine nicht von dem anderen trennen. Wenn ich freie Zeit habe, sitze ich am Klavier. Wenn ich lesen möchte, dann lese ich etwas über Musik oder über Dichter, die eine Verbindung mit Musik haben. Wenn ich entspannen will, gehe ich in Konzerte oder diskutiere mit meiner Frau über Musik, oder ich probe mit Kollegen. Wenn wir Urlaub haben, spielen wir gemeinsam zu Hause. Musik ist meine durchgängige Lebenslinie.

Sie sind mal als „kühler Dirigent“ bezeichnet worden. Was heißt das? Ich weiß nicht, was kühl bedeuten soll. Emotionen sind ein essentieller Teil von Musik. Es ist wichtig für Musiker, dass das Publikum etwas fühlt und tief bewegt ist. Dass die Musiker mit dem Publikum kommunizieren, dass es zu einer Art Dialog kommt. Im Studio oder Übungsraum machen wir zwar Musik, aber ein Konzert funktioniert nur mit Publikum. Ein Dirigent ist wichtiger Teil dieses Prozesses. Deshalb ist er oft vielleicht in gewisser Weise unsichtbar. Aber natürlich hat er Emotionen.

Sie fürchten eine zunehmende Bedeutungslosigkeit von klassischer Musik und möchten neue Wege finden, um den Zugang vor allem für Jüngere frei zu machen. Wie soll das gehen? Der größte Feind von Kreativität und Inspiration ist Routine und Zufriedenheit mit dem Erreichten. Wenn Neugierde und Offenheit für Neues nicht mehr da sind, wenn wir nicht mehr fragen, wie können wir etwas besser machen, was interessiert die nächste Generation, kann auch die Elbphilharmonie allein keine neuen Impulse bringen. Wir dürfen deshalb keine Angst davor haben, den Konzertsaal auch mal zu verlassen. Klassik ist nicht Pop-Musik, sie ist nicht mit Moden verbunden, die irgendwann nicht mehr relevant sind und durch neue Moden ersetzt werden. Klassik ist Tradition und Geschichte, wir haben eine Verantwortung dafür, dass die überlebt.

Ist klassische Musik vielleicht zu elitär? Den Vorwurf kann ich nicht mehr hören. Ich gehe alle paar Jahre nach China. Die Karten zum Beispiel für unsere Beethoven-Konzerte sind dort sofort ausverkauft. Das Publikum ist voller junger Leute, die total begeistert sind. Das hat nichts mit Elite zu tun. Ich bin auch von Zeit zu Zeit in Russland und erlebe dort das gleiche Phänomen. In Montreal bilden unsere Zuhörer inzwischen eines der jüngsten oder vielleicht sogar das jüngste Abonnentenpublikum Nordamerikas. Der Beginn großer Orchestermusik stand immer im Zeichen offener Gesellschaften. Mozart, Johann Sebastian Bach oder Beethoven, sie alle haben ihre Musik nicht für den königlichen Hof geschrieben, nicht für aristokratische Familien. Klassische Musik ist keine geschlossene Kunstform. Wir müssen gegen dieses Image kämpfen und alles dafür tun, dass unsere Musik auch bei uns offen ist für alle.

Kent Nagano ... persönlich An Hamburg mag ich besonders ... das Wetter, wirklich. Es riecht wie das Meer, es ist windig, immer frische Luft, die macht lebendig und bringt Energie. Ich liebe sogar das, was hier Schmuddelwetter genannt wird, es macht alles so sauber. Es ist sehr ähnlich wie in San Francisco.

Heimat ist für mich ... da wo die Familie ist. Meine Frau und meine Tochter leben in Paris, wir reisen viel. Wir haben die Chance, uns an vielen Orten zu Hause zu fühlen, aber nicht das Glück, immer zusammen zu sein. Deshalb ist Heimat da, wo wir zusammen sind.

Meine Lieblingsküche ist ... (lacht) Home-Cooking, die Küche meiner Frau. Sie ist echte Japanerin, in Japan geboren, hat aber nie dort gelebt. Durch ihre Mutter hat sie richtig japanisch kochen gelernt, aber sie kocht alles in ihrem Stil.
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„Es gibt überall HSV-Fans“

Kult-Hamburger Lotto King Karl über Heimat, den Hafen und seinen HSV

Meinung – Manfred Ertel
Die Stimmung beim Sound- Check ist gelöst. Lotto King Karl (50) steht am Mikrophon und macht Späße, seine Musiker – die Barmbek Dream Boys – proben professionell letzte Riffs und Akkorde an den Instrumenten, obwohl sie an diesem Abend nur ein kleines Privatkonzert in der Bar des Kaispeichers B in der Speicherstadt geben. Für Lotto ist das eine Art Heimspiel. Er hat grad’ im Schiffssimulator des Maritimen Museums auf der Brücke eines 300 Meter langen Containerriesen virtuell über die Weltmeere gesteuert. Und ist nun hin und weg. „Super Ding“, sagt er und strahlt wie ein kleines Kind nach der Bescherung: „Ich weiß nicht warum, aber Schiffe führen kann ich total gut.“ Bei der Bundesmarine hat er sich auf dem Wasser zuhause gefühlt. In der Offiziers-Grundausbildung in Flensburg-Mürwik brachte er es bis zum Oberfähnrich zur See, besonders gern schob er Dienst als Kommandierender Brückenoffizier. Der volksnahe Hamburger Rockmusiker, den alle nur Lotto rufen, hat eine besondere Karriere hinter sich. Geboren wird er 1967 in Barmbek als Gerrit Heesemann und macht Abitur am Elitegymnasium. Ein Lotto-Gewinn beschert ihm früh finanzielle Unabhängigkeit. Diesem Glückstag und seinem Alter Ego Karl König widmet er 1995 auch sein erstes Lied „Ich hab den Jackpot“, das er bis heute spielt. Lotto ist mit seinem Lied „Hamburg meine Perle“ Kultsänger des HSV und Ultrafan der Rothosen. Seine Rocksongs handeln von Hamburg und Hafen, von Dosenbier, Vorstadtbräuten und Verlust. Und immer wieder spielen Fußball und der HSV irgendwie eine Rolle. Der Hamburger Jung will geduzt werden, das ist ihm wichtig unter Hamburgern und Seinesgleichen. „Siezen ist doch echt bescheuert“, sagt er.

Frage: Was ist eigentlich so toll an Barmbek? Lotto King Karl: Der Stadtteil ist meine innerste Heimat und was ganz besonderes. Ich komm ja aus Barmbek, bin da aufgewachsen, mitten inne Stadt, wie man bei uns sagt. Es gibt von da so viele kleine Geschichten zu erzählen, zum Beispiel über Wachtmeister Binder, der uns alle bis zum Gehtnichtmehr schikaniert hat. Das Lied „Hunderttausend Nächte“ verbindet unseren Gitarristen Jörn Heilbut und mich, wir kennen uns seit über 30 Jahren. Das ist ein Song über die Klubs unserer Jugend, bei denen das Madhouse über allen anderen stand. Zu unseren Konzerten kommen Leute, die ich teilweise seit frühester Kindheit kenne. Das ist auch so ein Heimat-Ding, wie „Mitten in Barmbek“, das ist die zweite Hymne von unserem Stadtteilverein BU (Anm.: Barmbek-Uhlenhorst). Ich kenne da so viele Leute, das ist fast wie Zuhause.

Du hast Abitur an der traditionsreichen Gelehrtenschule des Johanneums gemacht, einem von zwei Hamburger Elite-Gymnasien... Welches ist denn das zweite, wer kommt denn da ran? (lacht)

Das Christianeum? Ach ja, alle die es auf dem Johanneum nicht schaffen gehen aufs Christianeum, ja, das ist so. (lacht)

Was ist damals schief gelaufen, dass Du nach dem Elite-Abi „nur“ Musiker geworden bist? Es kam halt dieser Lottogewinn dazwischen. Ich bin ja nur zufälligerweise Musiker geworden. Ich habe zunächst mal ‘ne Ausbildung bei der Marine gemacht und danach eine Banklehre. Und habe mich danach immer so durchschlagen müssen mit allen möglichen Jobs.

Zum Beispiel als Packer oder Kurierfahrer. Warum? Das ist einfach so passiert. So ist dann auch mein Studium den Bach runtergegangen. Dann kam der Lottogewinn und von Leuten, die ich gut kannte, kam die Idee, machen wir doch mal einen Song draus.

Dieser Song über den Jackpot von Lottogewinner Karl König, nach dem du dich praktisch nennst, war alles andere als ein großer Hit. Und Du hattest von Musik doch eigentlich keine Ahnung. Ich hatte einfach das Glück, dass der Musikproduzent Frank Ramond, der inzwischen eine riesen Karriere gemacht hat, um die Ecke ein Studio hatte. Wir haben dann entschieden, dass wir uns mit einer Single, die wir in den Markt gedrückt haben, nicht geschlagen geben wollten. Als dann irgendwann der Song „Will er lieber nach Villariba“, der eigentlich nur eine B-Seite war, bei „WDR 1live“ in den Hörercharts überraschend auf Platz drei landete, haben wir gedacht, dass die Idee, ob man mit Musik doch ein bisschen weiterkommt, vielleicht doch gar nicht so schlecht wäre.

Und, war sie das? Immerhin habe ich danach verschiedene Alben bei verschiedenen Plattenfirmen gemacht. Wir hatten gute Konzerte, waren auch mal in den Charts. Aber irgendwann wollte uns keiner mehr so richtig anrühren. Dann haben wir uns entschlossen, das machen wir selber. Und das machen wir jetzt seit 17 Jahren. Anfangs waren wir nur jedes Jahr ein paar Mal in der „Großen Freiheit“ auf St. Pauli, in der wir öfter gespielt haben, als jede andere Band. Dann sind wir mit dem eigenen Plattenlabel in den Stadtpark, danach in die Color Line Arena und schließlich quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Das hat ganz gut funktioniert, obwohl wir uns gegen Milliarden-Konzerne behaupten mussten. Das ist schon eine coole Geschichte.

Alle Welt nennt dich nur Lotto, ruft dich eigentlich noch jemand mit richtigem Namen...? Meine Mutter zum Beispiel, und die Familie.

Reagierst Du auf Gerrit, wenn Dich zum Beispiel auf dem Markt jemand so ansprechen würde? Ich hör ja nicht mehr so gut. Im Ernst: ja klar, aber das kommt nicht mehr so oft vor.

Ihr habt in 15 Jahren zwölf Alben herausgebracht. Dann war auf einmal sechs Jahre Pause, bevor im Sommer das neue Album auf den Markt kam. Was war passiert? Das lag ein bisschen daran, dass wir unsere Songs in verschiedenen Teams und Konstellationen schreiben. Wir sind eine große Band, in der sind einige Leute umgezogen, es sind Kinder geboren worden, Menschen sind gestorben, es war immer irgendwas anderes. Und man braucht für ein Album Zeit und Ruhe, bis man sich irgendwann in die Augen guckt und feststellt, dir fällt auch nichts mehr ein. Erst wenn nichts mehr geht und dieser innere geistige Muskelkater da ist, dann geh ich ins Studio.

Du hast zuletzt einige Zeit in London gelebt. Was vermisst man da von Hamburg? Insgesamt habe ich sogar vier Jahre halb und halb in London und Hamburg gelebt, das hatte private Gründe. Man vermisst vor allem die Heimat. Das können Straßenecken sein, das sind Menschen. Das sind auch Erinnerungen. Zum Beispiel die, durch Straßen zu fahren und an Häusern vorbei, die man kennt, wo Leute wohnen, die man lange nicht mehr gesehen hat. Andererseits mag ich es auch, Ausländer zu sein. Durch eine altsprachliche Schulbildung ist man ja immer etwas limitiert, was Sprachen angeht, deswegen sind englischsprachige Orte für mich besser geeignet. Und London ist nicht so weit weg wie New York.

Du bist großer HSV-Fan. Hat Dich der Klub mit all seinem Chaos und seinen Krisen jemals ins Zweifeln gebracht und an Trennung denken lassen? Nein, der HSV wird immer Teil meiner Gefühlswelt sein. Der Verein ist ein Teil von mir. Das ist einfach so. Das habe ich schon mit Mitte 20 gemerkt. Ich kann mich für bestimmte Sachen nicht begeistern, aber ich kann bestimmte Sachen auch nicht aus meinem Kopf kriegen. Fußball ist eine davon. Von dem Verein kann ich mich nicht scheiden lassen. Würde ich am anderen Ende der Welt leben, wäre ich immer noch HSV-Fan.

Als Rockmusiker wirst Du immer mit Hamburg und dem HSV identifiziert. Ist man als Rockmusiker dadurch eingeschränkt? Nur in den Vorurteilen von Leuten. Tatsächlich ist das nicht so. Wir sind in München und überall aufgetreten. Wir werden zum Beispiel ja auch überall im Radio gespielt, nur nicht in Norddeutschland. Wenn ich Promotion für uns mache, weil der Chef ja selber der Künstler ist, dann habe ich zwei Stunden Talk-Show in München bei einem Top-Sender oder in Baden-Baden. Natürlich ist der HSV da auch immer ein Thema, aber eher am Rande. Es gibt auch Leute, die uns wirklich nach unserer Musik beurteilen.

Nervt das auch manchmal, stets als HSVer oder Fußball-Rockmusiker identifiziert zu werden? Nein, das wird überschätzt. Erstens gibt es ja überall auch HSV-Fans. Und zum anderen ist es so, dass weniger als drei Prozent unserer Lieder was mit Fußball zu tun haben. Du schaffst es nicht, in die Charts zu kommen, nur weil du Fan von einem Klub bist. Außerdem kommuniziere ich ja auch offen, dass es schon fast ein Fall für den Therapeuten ist, sich so sehr mit einem Fußballverein auseinander zu setzen. Das ist einfach meine Macke, dass ich mir weniger Gedanken über das Wetter mache als über den HSV. Es ist schon ziemlich verpeilt, wie sehr ich mich über Fußball aufregen kann. Das öffnet einige Türen, das schließt aber auch ein paar. Dazu stehe ich.

Du hast mal gesagt, „man kann nicht immer Karneval machen“ – wie lange kann man als Musiker auf der Bühne stehen und der Gute-Laune-Bär sein? Wir machen das, so lange es noch ein paar Leute hören wollen. Das natürliche Ende ist der Tod. Aber tatsächlich ist ein Konzert nicht nur eine Gute-Laune-Veranstaltung. Wie beim Theaterstück gibt es auch stille Momente. Wir spielen zum Abschluss unserer Konzerte zum Beispiel oft das „Schlaflied“. Da geht es um einen guten Freund, der gestorben ist. Oder „Hermann“, über unseren verstorbenen Masseur, der wahnsinnig beliebt ist. Das ist alles andere als gute Laune. Vielleicht ist es gerade das, was unsere Konzerte ausmacht: Dass die Leute wissen, das ist schon eine emotionale Veranstaltung.

Lotto King Karl... persönlich Wenn ich am Hafen bin, dann... gucke ich raus. Wer mal zur See gefahren ist kennt das: Wasser hat eine ganz eigene Form von Weite. Wer auf die Elbe guckt, guckt  in die Weite.

Wenn der HSV absteigen würde... müsste er wieder aufsteigen.

Wenn ich zum Labskaus eingeladen werde... drücke ich mich ganz gerne, weil ich kein großer Labskaus-Fan bin.

Wenn ich von Werder Bremen oder vom FC Bayern für eine Gala engagiert würde... das wird niemals passieren (lacht und verschluckt sich fast), die sind ja nicht verrückt.

Wenn man mich nach meinem Privatleben fragt... sage ich, ich hab‘ eins. Aber ein Privatleben zu haben, ist keine Leistung.

Wenn ich über Geld nachdenke... weiß ich, Geld ist ein Werkzeug aber kein Ziel.
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Interview

BSH-Präsidentin Breuch-Moritz: „Strategie und Ausdauer sind wichtig“

Meinung – Redaktion shz.de
Frage: Frau Breuch-Moritz, was machen eigentlich ein Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) und seine Präsidentin? Monika Breuch-Moritz: Wir sind die Summe fast aller Bundesbehörden auf den deutschen Meeresgebieten jenseits der unmittelbaren Landesgewässer. Als Bauamt genehmigen wir etwa Offshore-Windparks oder Pipelines. Wir sind die Meeres-Umweltbehörde genauso wie die Vermessungsbehörde oder die Verkehrsbehörde für die Seeschifffahrt unter deutscher Flagge. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) beschäftigt 860 Mitarbeiter, verteilt auf knapp 800 Stellen an den Standorten Hamburg und Rostock und wir haben fünf Vermessungs- und Wracksuchschiffe. Vorläufer des BSH waren 1868 die norddeutsche Seewarte, aus der 1949 das Deutsche Hydrografische Institut entstand. 1990 gründete sich das heutige BSH.

Wie haben Sie es in das Präsidentenamt des BSH geschafft? Ich habe zehn Jahre beim Deutschen Wetterdienst gearbeitet, bevor ich ins Bundesverkehrsministerium gewechselt bin, weil ich nicht nur fachwissenschaftlich arbeiten, sondern auch politisch etwas mitgestalten wollte. Dort habe ich dann die Fachaufsicht für das BSH und das Referat „Klima und Umweltschutz im Seeverkehr“ übernommen. Mit diesem Themenspektrum habe ich mich dann als Präsidentin des BSH beworben, als mein Vorgänger in Ruhestand ging. Es ist durchaus üblich, dass Referatsleiter im Ministerium die Behörde übernehmen, die sie zuvor beaufsichtigt haben.

Haben Sie es als Ihre Aufgabe gesehen, Frauen zu fördern und in höhere Positionen zu befördern? Ja, das war mir immer ein Anliegen. Ich habe oft erlebt, dass Frauen so gute oder schlechte Arbeit leisten wie Männer, männliche Vorgesetzte bei der Besetzung höherer Posten aber signifikant nur an Männer gedacht haben – und bei Frauen eher an das Abarbeiten von Arbeit. Eine zweite Beobachtung war, dass Männer traditionell fordernder waren. Ein Beispiel: Wenn Frauen eine kritische Beurteilung erhielten, sahen sie die Fehler ein. Männer lehnten die Beurteilung ab. Auch wenn das nicht für alle gilt: Eine gewisse Tendenz zu geringerer männlicher Selbstkritik ist zu erkennen. Im BSH habe ich gemeinsam mit Abteilungsleitern dann bei Stellenausschreibungen für Führungspositionen darauf geachtet, dass Frauen sich bewerben und berufen werden können. Ich bevorzuge niemanden, weil er Frau ist. Aber man muss Frauen eben manchmal auch einen Schubs geben.

Haben Frauen die besseren Eigenschaften für Führungspositionen? Pauschal lässt sich das nicht beantworten, weil Menschen sehr unterschiedlich und jenseits fachlicher Qualifikation mit individuellen Fähigkeiten ausgestattet sind. Das lässt sich nicht auf Mann und Frau, auf die Geschlechter reduzieren. Es gibt Frauen, die völlig ungeeignet und Männer, die hervorragend geeignet sind. Ich denke aber, dass Frauen häufiger die Fähigkeit zur Kommunikation und Empathie haben als Männer. Bei Frauen muss man die Eignung oft erst entdecken, weil sie sich oft nicht so in den Vordergrund drängen. Mir ist die Mischung von Teams wichtig, weil Frauen und Männer gemeinsam ganz anders diskutieren und andere Lösungen finden als ein Geschlecht unter sich. Analog dazu gilt das auch für Berufsgruppen.

Welche Eigenschaft haben Sie selbst, die neben der fachlichen Qualifikation, wichtig ist für Ihre Position? Politisches Gespür ist sehr wichtig. Gerade als Behördenleiterin muss ich die fachlichen Möglichkeiten, die Einschätzung der Wissenschaft kennen. Andererseits muss man die Machbarkeit im Auge behalten. Die Frage ist: Was ist in Gesellschaft und Politik durchsetzbar und mehrheitsfähig? Es nutzt nichts, mit extremen Positionen durch die Wand zu gehen. Manchmal ist die zweitbeste Lösung, die von vielen getragen wird, die bessere. Das Ausbalancieren von verschiedenen Interessen, zwischen dem Wünschenswerten und dem Machbaren ist für mich ein sehr wichtiger Gesichtspunkt. Das gilt vor allem in Behörden, denn wir messen unseren Erfolg nicht wie Firmen an Umsatz und Gewinn, sondern daran, ob wir möglichst viel von unseren Zielen erreicht und möglichst viele Menschen mitgenommen haben. Strategie und Ausdauer sind dabei wichtig.

Immer mehr und stärkere Stürme, immer öfter Hochwasser. Erleben wir derzeit einen Klimawandel? Ob es sich um einen Klimawandel handelt, kann man nur über lange Zeiträume feststellen. Seit zirka 150 Jahren gibt es meteorologische Messungen. Die Ereignisse eines einzelnen Jahres sind erst einmal nur Wetter. Es hat immer schon Jahre mit vielen Sturmfluten oder Hurrikans gegeben. Aber wir beobachten inzwischen eindeutige Entwicklungen: Zum Beispiel, dass die Wassertemperatur in den Meeren und der Meeresspiegel ansteigen. Der mittlere Hochwasserstand in Hamburg liegt heute etwa 20 Zentimeter höher als vor 100 Jahren. Und Klimaszenarien gehen davon aus, dass der Meeresspiegel in den nächsten 100 Jahren um weitere 50 bis 100 Zentimeter ansteigen wird. Das sind Werte, die der Weltklima-Rat veröffentlicht hat. Hamburg und Schleswig-Holstein stellen sich mit ihren Baumaßnahmen an der Küste darauf ein. Die Erderwärmung ist ein Fakt und die Wissenschaft ist sich einig, dass CO2 der Haupt-Verursacher ist.

Ist denn schon alles zu spät oder können wir, die Menschen, noch gegensteuern? Wir können den Klimawandel nicht stoppen, aber ihn durch unser Verhalten verlangsamen. Damit das wirksam wird, müssten dafür aber weltweit drastische Maßnahmen ergriffen und die weltweit größten CO2-Emittenten wirksam zurückgefahren werden.

Welches ist der größte CO2-Verursacher? Ich denke, die Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen. Und der weltweite Verkehr.



Wird der Klimawandel unsere Wirtschaft verändern und wenn ja, wie? Wichtig ist, dass zunehmend erneuerbare Energien eine Rolle spielen. Offshore-Windparks können zum Beispiel unsere Energieversorgung langfristig sichern, emissionsfrei und ohne negative Auswirkungen aufs Klima. Das ist eine großartige Lösung und Windparks auf See haben noch den großen Vorteil, dass dort immer Wind herrscht. Das Investieren in erneuerbare Energien ist ein wichtiger Schritt, nicht nur weil wir uns des Klimawandels bewusst sind sondern auch wegen der Erkenntnis, dass fossile Energien endlich sind. Beim Verkehr wird bei uns inzwischen auch umgedacht, auch wenn andere Länder da weiter sind als wir. Mit den zunehmend sichtbaren Effekten der Erderwärmung wie etwa mehr und stärkeren Hurrikans wird das Umweltbewusstsein in den Industrieländern und bei den Menschen weltweit weiter zunehmen.

Ist die Vermüllung der Meere überhaupt aufzuhalten angesichts des stark zunehmenden Schiffsverkehrs und der Kreuzfahrtschiffe? Die Vermüllung der Meere wird gern der Schifffahrt in die Schuhe geschoben. Die Schifffahrt trägt zwar zur Umweltverschmutzung bei, aber sie hat insgesamt einen relativ geringen Anteil daran. Bei jeder Überschwemmung, jedem Erdrutsch, jedem Hurrikan werden Unmengen von Müll in die Meere getragen. Dazu kommt der laxe Umgang vieler Länder mit Müll. Staaten, die keine funktionierende Infrastruktur haben, kippen ihren Müll meist ins Meer. In der Schifffahrt ist das Entsorgen von Müll im Meer dagegen streng verboten. Schiffe müssen Müll an Land abgeben und gerade die Kreuzfahrtschiffe achten sehr drauf, weil sie es sich anders gar nicht leisten könnten. Sie leben vom Image, einen sauberen Urlaub anzubieten. Der Müll, der von Land her eingetragen wird, ist deshalb das deutlich größere Problem.

Offenbar kommt für den Hamburger Hafen demnächst die Elbvertiefung. Macht das Sinn? Ich halte sie für die Hamburger Wirtschaft für notwendig. Es geht ja weniger um eine Vertiefung als um eine Fahrrinnenanpassung, um Schiffsverkehr im Begegnungsverkehr zu ermöglichen. Und dass man eine gewisse Wassertiefe garantiert, halte ich auch für notwendig, damit die Schiffe tideunabhängiger fahren können.

Und was sagen Sie zur Kritik der Gegner? Ein Fahrwasser, in dem so viele Schiffe fahren, ist kein natürliches Gewässer. Hier sollten nicht die gleichen Maßstäbe gelten wie in einem Naturschutzgebiet. Es wird seitens des Hafens und der Schifffahrtsverwaltung viel getan, um alles so ökologisch wie möglich zu halten und Ausgleichsflächen für bestimmte schützenwerte Pflanzen und Tiere zu finden. Ich finde es wichtig, dass man wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht und gleichzeitig Regelwerke zum Schutz der Umwelt erlässt. Aber Umweltschutz muss man sich auch leisten können. Wenn ich die Wirtschaft abwürge, kann ich mir auch keinen Umweltschutz leisten. Damit ist niemandem gedient.

Ärgern Sie sich, wenn Wettervorhersagen nicht stimmen? Meistens stimmen sie ja, aber genau darüber habe ich mich schon mal geärgert. Wenn es heißt, das Wochenende wird verregnet, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es doch noch gut wird, sehr gering. Das nimmt einem doch die letzte Hoffnung (lacht).

Monika Breuch-Moritz . . . persönlich.

Angst  . . .  verdränge ich meistens.

Verantwortung . . .  wollen heute immer weniger Menschen übernehmen.

In Hamburg wollte ich längst mal . . . wieder ins Ballett gehen.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg . . .  ist die kleine Binnenhafenbrücke, die Holzbrücke zwischen Deichstraße und Kehrwieder. Wenn man sich dort stehend einmal um 360 Grad dreht, sehe ich die Elbphilharmonie, Hafen, Speicherstadt, Wasser, sämtliche Hauptkirchen und den Rathausturm. Eine traumhafte Stelle.

Meine Stärke . . . ist meine Zukunftsorientierung.

Meine Schwäche . . . ist meine Emotionalität.

Ich kann am besten entspannen . . . beim Spaziergang am Wasser.

Ich kann gut verzichten . . . auf ein Auto. Ich habe auch keins.

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Katja Suding im Interview

„Ich brauche einen klaren Kopf“

Meinung – Manfred Ertel
Das alte Namensschild hängt noch an der Tür, aber ihr Büro im Hamburger Rathaus ist bereits ausgeräumt. Katja Suding (41) empfängt als „Gast“, wie sie sagt, in den Räumen der FDP-Bürgerschaftsfraktion. Die hat sie zwei Mal, 2011 und 2015, zu Rekordergebnissen für die Liberalen in der Hansestadt geführt. Seit der Bundeswahl am 24. September und der konstituierenden Sitzung vorigen Dienstag sitzt sie im Bundestag, als stellvertretende Fraktionsvorsitzende an herausragender Stelle. Man merkt ihr an, dass ihr die Herausforderungen und die kommenden Aufgaben Spaß machen, dass sie sich einbringen und Politik in ihrem Sinne verändern will. Die Kommunikationswissenschaftlerin wird als Anwärterin für ein Regierungsamt gehandelt, und das kommt nicht von ungefähr. Sie ist als Fraktionsvize verantwortlich für Bildung und Familie. Das sind neben Wirtschaft und Finanzen die beiden Kernbereiche der FDP. Vor allem mit Bildung und Digitalisierung will sich die FDP einen neuen, modernen Anstrich gegeben, ihren Themen. Das Land brauche ein eigenes Ministerium, um „die großen Herausforderungen, die sich im Zuge der Digitalisierung stellen, und die Verantwortlichkeiten effektiver zu bündeln“, sagt sie. Als erstes müsse der flächendeckende Ausbau eines leistungsfähigen Glasfasernetzes vorangetrieben werden. Wer dafür verantwortlich sein könnte, sagt die ehrgeizige Hamburgerin nicht. Personalspekulationen überlässt sie lieber anderen.

Frage: Haben Sie schon ein bisschen Heimweh nach Hamburg? Katja Suding: Nein, Ich war ja als stellvertretende Bundesvorsitzende auch schon viel in Berlin, Jetzt wird es ein bisschen mehr. Im Moment lebe ich zwischen zwei Welten, aber ich freu mich auf die Zeit in Berlin, und ich freu mich auch darauf, dass ich trotzdem noch viel in Hamburg sein werde.

Sie haben immer gesagt, „Hamburg ist für mich Zuhause geworden“. Wird das so bleiben? Natürlich, meine Kinder leben hier, ich bin hier seit 18 Jahren zuhause. Und ich werde mich auch weiterhin in die Hamburger Landespolitik einschalten. Ich bin Landesvorsitzende und möchte das auch bleiben.

Als Ministerin dürfte es aber ziemlich anstrengend werden, immer zwischen Hamburg und Berlin zu pendeln. (schmunzelt): Netter Versuch, etwas mit in die Frage hineinzupacken, was jetzt schlicht und einfach überhaupt kein Thema ist. Jeder Bundestagsabgeordnete pendelt, das ist jetzt nichts Neues.

Aber Sie sind als Fraktionsvize verantwortlich für zwei absolute Kernthemen der FDP, Bildung und Familie. Die müssten doch bei der Postenverteilung ganz oben stehen. Die Frage stellt sich derzeit nicht. Noch wissen wir nicht mal, ob wir über den Stand der Sondierungen hinauskommen werden. Wir sondieren deutlich intensiver, als man das aus früheren Findungsphasen vielleicht kennt. Und ich kann Ihnen heute noch nicht sagen, ob wir danach weitermachen werden und es überhaupt zu Koalitionsverhandlungen kommt. Aber in den nächsten zwei drei Wochen werden wir wissen, ob wir weiter verhandeln.

Ihre politische Karriere ist ebenso rasant wie erfolgreich. In nicht einmal zehn Jahren vom einfachen Landesvorstandsmitglied zur Vize-Vorsitzenden der Bundestagsfraktion. Halten Sie manchmal inne um sich zu fragen, was die ganze Entwicklung mit Ihnen macht? Phasen der Selbstreflexion braucht man immer. Ich nehme mir diese Zeit, um mich zum Beispiel möglichst wenig davon beeindrucken zu lassen, nun in Sondierungen neben der Bundeskanzlerin zu sitzen oder mit vielen Bundes- und Landesministern über politische Ziele zu verhandeln. Ich versuche einfach umzusetzen, was mir politisch wichtig ist. Dafür brauche ich einen klaren Kopf.

Die FDP stellt sich als moderne Bildungspartei dar. Was bedeutet das konkret? Bildung ist letztendlich die große soziale Frage unseres Landes. Da geht es nicht um Umverteilung oder Transferleistungen, sondern darum, Menschen durch beste Bildung in die Lage zu versetzen, für sich und ihre Familie selber zu sorgen, Chancen im Leben zu nutzen, und damit auch der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Daher müssen wir sehr viel mehr tun. In Deutschland ist Bildung immer noch viel zu sehr abhängig von der Herkunft, vom Elternhaus. Das darf sie nicht sein. Wir brauchen einen Sprung nach vorn zu einer grundlegenden Reform des Bildungsföderalismus.

Vor allem durch eine Beendigung des Kooperationsverbotes, damit der Bund den Ländern mehr finanziell unter die Arme greifen kann? Wir müssen den Bund bei den großen Herausforderungen zur Modernisierung unseres Schul- und Bildungswesens mit einspannen können. Und zwar nicht, indem wir immer wieder das Grundgesetz verbiegen, das den Bildungsföderalismus weitestgehend festschreibt. Wir wollen einen sauberen Weg gehen und zusammen mit Ländern und Kommunen einen Weg finden, mit in die Finanzierung einsteigen zu können. Es geht nicht darum, dass wir pädagogische Inhalte bestimmen wollen. Wir sind ganz im Gegenteil für eine selbstverantwortete Schule, die noch mehr Möglichkeiten bekommen soll, selber über die Auswahl von Personal und Konzepten zu bestimmen, wie sie Bildung organisieren will, die erfolgreich ist.

Wird der Solidaritätszuschlag nun abgeschafft oder nur teilweise? Die Äußerungen nach den Sondierungsgesprächen diese Woche sind sehr widersprüchlich. Da gibt es offenbar sehr unterschiedliche Wahrnehmungen. Unsere Forderung ist nach wie vor und ganz klar, dass der Soli in der laufenden Legislaturperiode abgeschafft wird, und zwar für alle. Nicht nur für die kleineren und mittleren Einkommen. Da gibt es noch Differenzen. Aber für uns gilt die Abschaffung des Soli in Gänze. Davon zu unterscheiden sind Erleichterungen bei der Einkommensteuer. Da haben wir immer gesagt, dass wir einen Schwerpunkt auf die kleineren und mittleren Einkommen legen. Die wollen wir entlasten.

Wie sollen daraus resultierende Mindereinnahmen von mindestens 20 Milliarden Euro kompensiert werden, um die schwarze Null im Etat zu garantieren und zugleich teure Investitionen zu finanzieren? Investitionen und finanzielle Entlastungen müssen sich nicht ausschließen. Dazu muss man endlich den Investitionsbegriff anders definieren. Wir verstehen darunter nicht nur staatliche, sondern ganz ausdrücklich auch private Investitionen. Entlastungen durch eine steuerliche Forschungsförderung oder Verbesserungen von Abschreibungsmöglichkeiten sind zum Beispiel gleichzeitig ein Anreiz für Unternehmen, mehr zu investieren. Zusätzlich muss man sich die bisherige Ausgabenpolitik angucken, die nicht einfach fortgeschrieben werden darf. Dadurch ergeben sich ganz andere Spielräume. Zum Beispiel wollen wir die Förderung von E-Autos auf den Prüfstand stellen. Die hat letztlich kaum die erwünschte Wirkung erzeugt, aber viel Geld gekostet.

Sie haben sich öffentlich an die Seite der Frauen gestellt, die sich in der aktuellen Kampagne „#metoo“ gegen Sexismus und sexuelle Übergriffe wehren. Warum? Weil ich es richtig finde, dass man diese Debatte auch öffentlich und mit einer gewissen Aufmerksamkeit führt. Niemand wird bestreiten, dass es diese Übergriffe in unterschiedlichster Bandbreite gibt. Wir müssen Frauen wissen lassen, dass sie nicht alleine sind, und sie darin bestärken, sich zu wehren und Übergriffe auch zur Anzeige zu bringen. Nur so werden wir solchen Übergriffen einen Riegel vorschieben.

Wenn zu Fotos von attraktiv aussehenden Frauen geschrieben wird, sie kämpften mit vollem Körpereinsatz, ist das schon Sexismus und eine Form von Übergriffigkeit? Das kann nur jede Frau für sich selber definieren. Die eine Frau findet ein Kompliment oder einen solchen Beitrag als anmaßend und übergriffig, die andere als angenehm. Das kann man nur aus den Augen der jeweiligen Betrachterin definieren. Aber es gibt darüber hinaus klare Linien, die nicht verhandelbar sind.

Haben Sie vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte schon mal gedacht, dass Sie Anfang 2015 vielleicht besser nicht zusammen mit zwei jungen FDP-Kolleginnen als „Drei Engel für Lindner“ für ein Fotoshooting posiert hätten? Die Fotos waren überschrieben mit solchen Überschriften wie „Die schärfsten Waffen der FDP“. Nein, ich habe damit keine Probleme. Aber ich habe bisher auch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Es ist mir zum Glück noch nicht passiert, dass ich in unangenehme Situationen gekommen bin.

Neugier gibt Ihnen Ruhe, Kraft und Zuversicht, sagen Sie. Gilt das auch für die schwierige „Jamaika“-Koalition? Neugier, neue Herausforderungen, und alles was meine Neugier auch befriedigt, macht mich tatsächlich ruhig. Ich würde nervös werden, wenn alles immer so weiter ginge und nichts Neues passiert.

Katja Suding... persönlich In Berlin vermissen werde ich... die Elbe. Für mich ist die Elbe, der Blick auf den Hafen, Hamburg. Mir bedeutet das sehr viel.

Am nachhaltigsten beeindruckt hat mich in Berlin bislang... oh, da gab es vieles. (überlegt) Wahrscheinlich die konstituierende Sitzung des Bundestages. Ich war zwar schon einige Male im Reichstag, aber diese Woche zum ersten Mal als Bundestagsabgeordnete. Das war schon was Besonderes.

Politische Karriere bedeutet mir... etwas im Sinne der Menschen gestalten und verändern, etwas Positives erreichen zu können.

Die Entscheidung, in die Politik zu gehen, war für mich... keine bewusste (lacht). Es war nie mein Plan, Berufspolitikerin zu werden. Als wir in Hamburg 2011 plötzlichen Neuwahlen bekamen, und wir innerhalb von Tagen einen Spitzenkandidaten aufstellen mussten und ein Telefonanruf kam, war ich im Urlaub in Ägypten. Ich hatte damals eigentlich ganz andere Dinge im Kopf.

Sport spielt in meinem Leben... eine große Rolle. Ich hoffe, das wird mir auch in Berlin weiterhin gelingen.

Hamburg wird in Zukunft für mich... mein privater Rückzugsort und Wahlkreis sein.
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Julia-Niharika Sen im Interview

Das Gesicht des Hamburg-Journals verrät: „Ich habe ein Abenteuer-Gen in mir“

Meinung – Barbara Glosemeyer
Julia-Niharika Sen (50) wurde in Kiel geboren und hat mit ihren Eltern abwechselnd in Kiel und in Hamburg gelebt, zeitweise auch in Pinneberg, wo ihre Großeltern wohnten. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater stammt aus Kalkutta und machte sich im Jahr 1965 acht Wochen über den Ozean auf nach Hamburg. Julia-Niharika Sen lebt im Hamburger Stadtteil Ottensen und hat zwei erwachsene Kinder. Sie ist christlich getauft, glaubt aber vor allem an „eine göttliche Kraft“ und an „das Gute in der Welt“. Neben den Moderationen für den NDR (u.a. „Hamburg-Journal“) und bei Events bezeichnet sie das Talkformat „Wahnsinn trifft Methode“, das sie gemeinsam mit Uni-Präsident Dieter Lenzen im Thalia Theater moderiert, als ihre „Spielwiese“. Eine neue Reihe startet am 30. November mit der Themen-Triade „Frei.Körper.Kultur“. In dem Format treffen Wissenschaftler und Menschen aus dem echten Leben aufeinander. Für die Veranstaltung am 30. November, 20.30 Uhr, im Nachtasyl im Thalia Theater gibt es Karten für sieben Euro im Theater oder im Unikontor, Allendeplatz 1.

Frage: Sie sind das Gesicht des täglichen Hamburg-Journals im NDR-Fernsehen, moderieren mit „Weltbilder“ und „Rund um den Michel“ zwei weitere NDR-Sendungen und sind gern gebuchte Moderatorin für Events. Wie bekommen Sie all das unter einen Hut? Julia-Niharika Sen: Es ist viel, aber ich habe gern viel um die Ohren. Zwischendurch gönne ich mir kurze Pausen wie Urlaub, einen Besuch bei meiner Tochter in Berlin oder 14 Stunden Schlaf. Danach bin ich wieder total entspannt.

Wo liegt Ihre wichtigste Stärke, um all das zu bewältigen? Beruflich wie privat liebe ich die Herausforderung und: Ich mag es wild – schon immer. Schon mit 16 Jahren bin ich zuhause ausgezogen, habe drei Jahre mit meinem Freund in einem Waldhaus gelebt, mit 20 Jahren meine Tochter und zwei Jahre später meinen Sohn bekommen. Dann habe ich angefangen zu studieren, zehn Jahre nebenbei als Model gearbeitet und so die Familie ernährt. Ich habe immer schon ein unkonventionelles Leben geführt. Ich mag Dinge, die anders sind; und ich liebe die Veränderung, auch weil jedem Anfang ein Zauber innewohnt wie Hermann Hesse ja schon gesagt hat. Ich habe ein Abenteuer-Gen in mir.

Macht es für Sie einen Unterschied, vor Publikum in einem Festsaal zu moderieren oder vor Fernsehkameras und Tausenden Zuschauern, die Sie aber nicht sehen? Klar, es ist schon etwas anderes, wenn man direkt die Gesichter im Publikum sieht. Aber: Wenn ich im Fernsehstudio moderiere, habe ich auch immer eine imaginäre Zuschauerin vor Augen, die ich stellvertretend für unsere Zuschauer gedanklich anspreche.

Das Hamburg-Journal ist die populäre Lokal-TV-Sendung. Werden Sie häufig in Hamburg auf der Straße erkannt und angesprochen? Ich werde häufig erkannt, aber nicht so oft direkt angesprochen. Ich spüre, etwa in der S-Bahn, oder auf der Straße, dass Leute gucken, sich aber nicht sicher sind oder aber sich nicht trauen, mich anzusprechen. Oft suchen Zuschauer, die mich erkennen aber im Geschäft oder Café das Gespräch.

Kurz nach der Amtseinführung des US-Präsidenten Donald Trump haben Sie sich zum Hamburger Presseball, den Sie moderiert haben, das Statement „No alternative facts“ auf Ihr Dekolleté geschrieben. Warum? Schon früh in meinem Leben habe ich mich politisch engagiert und bin der Auffassung, dass man für seine Überzeugung manchmal kämpfen muss. Ich bin mit 16 Jahren gegen das Wettrüsten im kalten Krieg auf die Straße gegangen. Beim Presseball hatte US-Präsident Donald Trump kurz zuvor behauptet, es seien mehr Menschen zu seiner Amtseinführung gekommen als zu der von Barack Obama. Dass das nachweislich nicht stimmt, wie man auf Fotos sehen konnte, wurde von Trumps Pressesprecherin abgetan mit der Formulierung, der Präsident präsentiere eben „alternative facts“ – alternative Fakten. Das hat mich empört. Mein Statement sollte ausdrücken, dass wir als Journalisten für Wahrheit und Aufrichtigkeit kämpfen müssen und ich fand, dass der Presseball, der richtige Ort war, um bei diesem Thema Haltung zu zeigen. Es ging aber nicht nur um Trump, sondern auch um andere internationale Politiker, deren zweifelhafter Umgang mit der Wahrheit eine Gefahr ist für kritische Berichterstattung.

Auf ihrer Homepage findet man nur wenig über Ihr Privatleben. Halten Sie das bewusst aus der Öffentlichkeit heraus? Ich finde das nicht so wichtig und interessant für andere und rede am liebsten nur mit Freunden über Privates.

Verraten Sie uns trotzdem ein wenig über ihr Privatleben. Ich habe eine 30-jährige Tochter, einen 27-jährigen Sohn, und: Ich bin glücklich liiert. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Sie sind gerade 50 Jahre jung geworden. Welche Bilanz ziehen Sie? Für mich ist der 50. Geburtstag kein Anlass, Bilanz zu ziehen. Ich fühle mich immer noch wie mit 28 und lebe in dem Gefühl, dass fast das gesamte Leben noch vor mir liegt. Es wird bestimmt noch viel passieren und ich freue mich über jede neue Herausforderung. Die Zahl 50 klingt für mich noch total fremd, aber ich habe kein Problem damit.

Haben Sie Ihre Karriere geplant? Überhaupt nicht. Ich bin keine Karriereplanerin. Ich glaube, das Wichtigste ist: Tue das, wofür du brennst. Das rate ich Schülern in der Oberstufe, wenn sie mich fragen, und das ist auch mein Lebensmotto. Ich glaube, man kann nur gut und glücklich sein, wenn man etwas leidenschaftlich tut.

Sie tragen einen deutschen und einen indischen Vornamen. War das ein Kompromiss zwischen Ihrer deutschen Mutter und Ihrem indischen Vater? Einen Kompromiss würde ich das nicht nennen. Meine deutsche Mutter und mein indischer Vater haben beide einen Namen beigesteuert. So wie andere Jens-Uwe heißen, heiße ich Julia-Niharika. In meinem Freundeskreis nennt mich die eine Hälfte Julia, die andere Niharika.

Was bedeutet Niharika? Sternengefunkel.

Haben Sie eine typisch indische und eine typisch deutsche Seite? Ich selbst glaube das nicht, aber meine Freunde ordnen gewisse Charakterzüge der einen oder der anderen Seite zu. Da ist etwa von meiner indischen Gelassenheit die Rede. Mir soll das recht sein, aber ich glaube nicht wirklich daran, weil ich in Deutschland aufgewachsen bin und erst mit 20 Jahren zum ersten Mal in Indien war. Vielleicht liegt meine Gelassenheit auch darin begründet, dass mein Vater mir, bei allem, was ich getan habe, immer Zuversicht und Zutrauen vermittelt hat. Und meine Mutter auch.

Was war, als Sie mit 20 zum ersten Mal nach Indien gereist sind, der erste Eindruck? Ich wusste sehr wenig über Indien, weil mein Vater nie viel erzählt hat. Zuerst war ich schockiert und sprachlos über die schlimme Armut und konnte es kaum ertragen. Aber ich war und bin sehr neugierig und habe das Land mit all seinen Seiten inzwischen intensiv kennengelernt. Mich wühlt vieles in Indien auf, etwa das Kastensystem, die Kinderarbeit oder die chaotischen und gefährlichen Verkehrsverhältnisse. Andererseits fühle ich mich auch zuhause, vielleicht weil ich es ja selbst auch wild und chaotisch mag. Vielleicht ist das ja meine indische Seite (lacht). Außerdem liebe ich die indische Musik. Mein Vater hat immer viel gesungen.

Sie sind Mitbegründerin des Vereins „Freundeskreis Tara for Children“, der stark benachteiligte Frauen und Kinder in Indien in lokalen Hilfs- undSchulprojekten unterstützt. Wie sieht diese Hilfe aus? Die Arbeit vor Ort in Indien betreut eine alte Schulfreundin von mir. Wir unterstützen arme und benachteiligte Kinder, die keine Möglichkeit haben, ans Lesen und an kreatives Arbeiten herangeführt zu werden – zum Beispiel Kinder in Waisenhäusern und Kinder in den Slums. Viele dieser Kinder haben unfassbare Schicksale, und unsere Kunst- und Lernprojekte helfen ihnen, Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation für Mädchen und Frauen in Indien in den nächsten Jahren verbessert? Ja, es tut sich etwas. Manchmal nur im Kleinen. Wir unterstützen z.B. Frauen in einem Slum dabei, eigenes Geld zu verdienen. Insgesamt ist die Situation für viele Mädchen und Frauen weiter eine schwierige, aber gleichzeitig gibt es auch eine Menge starker indischer Frauen. Aber das Thema Frauenrechte bleibt weiter ein wichtiges. Ich habe eine Reportage in meiner eigenen indischen Familie dazu gedreht mit dem Titel: „Freiheit adé? Die Hochzeit meiner indischen Cousine“. Es geht um arrangierte Hochzeiten, die immer noch sehr verbreitet sind.

Julia-Niharika Sen ... persönlich In Hamburg wollte ich längst mal... mit einem eigenen Boot durch die Kanäle schippern.

Typisch hanseatisch... ist nur ein Klischee.

Glücklich war ich zuletzt... jetzt!

Am besten kann ich entspannen, ... wenn ich weit weg bin.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg... überall da, wo die Elbe fließt...

Meine Schwäche... ich sage zu selten Nein.

Meine Stärke... ich sage auch zu scheinbar unmöglichen Dingen Ja!

Angst macht mir... im Moment zum Glück fast nichts.

Geld  ausgeben... gern! Für gutes Essen.

Gut verzichten könnte ich... auf Stress.

Heimat... ist für mich Hamburg. Was sonst?

Ich wohne gern in Ottensen, weil... das Viertel trotz vieler Veränderungen an vielen Ecken noch das alte ist. Schon vor über 30 Jahren hab ich dort gewohnt in einer WG. Heute mag ich die Mischung aus  netten Cafés, kleinen Läden und die immer noch lebendige Stadtteilkultur. Und: Es ist nicht weit zur Elbe.
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Hamburg-Interview

Gastronom Christoph Strenger: „Scheitern hat auch Vorteile“

Meinung – bgl
Christoph Strenger (56) gilt als einer der erfolgreichsten Gastronomen Hamburgs. Der gebürtige Westfale betreibt mit zwei Geschäftspartnern ein Imperium von 27 Lokalen, darunter beliebte Restaurants wie das „Clouds“ in einem der Tanzenden Türme auf dem Kiez, den „Chili Club“ in der Hafencity oder das Edel-Sushi-Restaurant „Coast by East“ in der Hafencity. Er ist Fan beider großer Fußball-Clubs der Stadt und sitzt im Aufsichtsrat des Handball Sport Verein Hamburg. Die Grundsteine seines Erfolgs sind die Eröffnung der „Bolero“-Restaurants und des Hotels „East“, einem der ersten Design-Hotels in Hamburg. Strenger hat erst in Hamburg BWL studiert, „weil ich nicht wusste, was ich machen will“, und dann Geografie, „da ich sehr gerne reise und viel unterwegs bin“. Für 2017 rechnet er – auch durch die Beteiligung an der Störtebeker-Gastronomie in der Elbphilharmonie – mit einem Jahresumsatz von 75 Millionen Euro. Seine Unternehmen beschäftigen 1200 Mitarbeiter.

Frage: Wann wussten Sie, dass Sie die Gastronomie zum Ihrem Beruf machen wollen? Christoph Strenger: Es liegt mir wohl im Blut, denn auch meine Mutter hat früher in der Gastronomie gejobbt. Und statt von einer Lokomotive habe ich schon als kleiner Junge davon geträumt, im Keller unseres Hauses eine Kneipe aufzumachen (lacht). Im Ernst: Mir war schon sehr früh klar, dass ich nicht als Angestellter von „nine to five“ arbeiten will. Ich wollte einen Beruf, der es mir erlaubt, auszuschlafen und ausgeruht in den Tag zu gehen. Das hat die Auswahl deutlich eingeschränkt. So kam ich zur Gastronomie. 1989 habe ich dann mit der „Brooklyn“-Bar im Hamburger Stadtteil Ottensen meinem ersten Laden eröffnet.

Haben Sie Ihre Karriere geplant? Es gab einige einschneidende Ereignisse. Sehr wichtig war für mich, dass mein bester Freund und Jugendfreund Roland Koch 1994 ins Geschäft eingestiegen ist, mit ihm arbeite ich seitdem extrem freundschaftlich und vertrauensvoll zusammen. Wir ergänzen uns sehr gut, weil wir unterschiedliche Talente und Interessen haben. Er kann extrem gut mit Geld umgehen und Verträge verhandeln, ich kümmere mich lieber ums Marketing und das Kreative. Wir haben uns auch von großen internationalen Gastronomen inspirieren lassen, wie man richtig Gas geben kann. Aber einen Plan, wie viele Läden wir irgendwann einmal haben wollen, hat es nie gegeben. Wir wollten eigentlich immer nur da gastronomisch vertreten sein, wo wir selbst gerne sind. Und wir wollten mit Leuten zusammenarbeiten, mit denen wir uns verstehen.

Gibt es ein Rezept für Ihren Erfolg? Auf jeden Fall gehört dazu, dass man sich auskennt und weiterbildet. Es muss nicht nur Spaß machen mit ein wenig Glück dabei, sondern man muss auch die richtigen Leute zur richtigen Zeit treffen und dann seine Chance erkennen und nutzen. Unseren Erfolg begünstigt hat aber auch das enorme Entwicklungspotenzial der Gastronomie in Deutschland in den letzten 25 Jahren im Vergleich zu anderen Ländern. Deshalb war man hier extrem offen für neue gastronomische Konzepte. Heute ist Gastronomie komplizierter, der Gast anspruchsvoller. Wenn ich mit meinem Wissen von damals heute in die Gastronomie gehen würde, würde ich vermutlich scheitern.

Sind Sie mutig? Mut ist ja die Überwindung von Angst, aber ich habe nie Angst gehabt. Also brauche ich auch keinen Mut.

Gehört zu jedem Erfolg auch das Scheitern? Scheitern hat auch Vorteile, wenn man daraus etwas lernt. Mit dem einen oder anderen Projekt sind auch wir nicht erfolgreich gewesen, doch wenn man sich dann selbst hinterfragt und reflektiert, was schief gelaufen ist, kann das für die eigene Entwicklung und die des Unternehmens durchaus hilfreich sein.

Muss man risikobereit sein, um erfolgreich zu sein? Man geht natürlich Risiken ein, insbesondere finanzielle. Aber ich konnte immer gut schlafen, weil ich an das, was wir gemacht haben, immer geglaubt habe.

Was würden Sie im Rückblick als Ihren Durchbruch bezeichnen? Das wirtschaftlich Erfolgreichste, was wir jemals gemacht haben, waren die 14 „Bolero“-Restaurants mit mexikanisch-mediterraner Küche in ganz Norddeutschland. Das hat uns sehr nach vorn gebracht. Bekannt gemacht und Renommee verschafft hat uns aber das „East“ auf St. Pauli. Das kennt man sogar in New York.

Mit dem „East“ haben Sie in Hamburg eines der ersten Design-Hotels mit ambitionierter Bar und Küche in Hamburg eröffnet. Verstehen Sie sich als Trendsetter? Mein Partner Thomas Kreye, der das East-Projekt erst möglich gemacht hat, und ich denken nicht darüber nach, ob wir Trendsetter sind. Die Wurzeln des Trends kommen sicherlich aus anderen Ländern, aber wir greifen Trends sehr früh auf – egal, ob es das Design betrifft, ein Gastro-Konzept oder das Speisenangebot.

Woher nehmen Sie Ihre Ideen, was inspiriert Sie? Ich reise viel. In Bangkok, Singapur, Tokio, New York oder Kapstadt gibt es gastronomisch viel zu entdecken. Und die Gastronomie-Hauptstadt Europas ist Kopenhagen.

Denken Sie mit Ihren 56 Jahren über das Älterwerden nach? Definitiv. Vor allem über meine Gesundheit und Ernährung und auch darüber, was ich alles noch machen und erleben möchte. Aber ich finde es nicht nur schlecht, älter zu werden. Ich erlebe gerade eine tolle Zeit, kann mir einiges leisten und sagen, dass ich mir alles selbst erarbeitet und niemandem etwas weggenommen habe. Außerdem bin ich glücklich verliebt in meine junge Freundin (29). Und so sehen die nächsten Jahre des Älterwerdens für mich erst einmal rosig aus. Aber das kann sich von heute auf morgen ändern. Die Einschläge kommen auf jeden Fall näher.

Sie sind in Halle/Westfalen aufgewachsen und zur Schule gegangen. Hat Sie diese Zeit geprägt? Ja. Die fleißigsten Menschen kommen aus Ostwestfalen. Sie können sehr stur sein und sind meist nicht so redefreudig. Ich habe sicherlich einige dieser Eigenschaften, aber das weltoffene Hamburg hat mich dann doch stärker geprägt.

Was unterscheidet einen Westfalen von einem Hamburger? Ein Hamburger ist selbstbewusst und zu Recht sehr stolz auf seine Stadt, weil sie die schönste Stadt Deutschlands ist.

Und dennoch sind Sie viele Monate im Jahr in Kapstadt, Mallorca und New York. Warum diese Fluchten? Weil es noch andere lebenswerte Städte gibt, und Kapstadt ist vermutlich die lebenswerteste Stadt der Welt. Kapstadt hat zwei Ozeane, Berge, tolle Strände, ein super Klima und viele tolle Restaurants. Ich versuche, jedes Jahr sechs Wochen im Winter dort zu verbringen. Auf Mallorca habe ich ein Haus und New York ist für mich immer wieder faszinierend.

Empfinden Sie sich als heimatlosen Menschen? Nein, im Gegenteil. In Hamburg und am Wochenende in Kollmar in Schleswig-Holstein fühle ich mich heimisch; auf Mallorca fühle ich mich zuhause und in Kapstadt habe ich einen Freundeskreis, der für mich wie eine Familie ist. Insofern fühle ich mich überall ein bisschen zuhause, aber meine Heimat ist Hamburg.

Sie unterstützen den HSV und den FC St. Pauli. Ist das bei so unterschiedlichen Vereinskulturen nicht unglaubwürdig? Nein, ich bin Hamburg-Fan durch und durch.



Apropos Fans. Wie hat sich das Gästepublikum verändert? Hamburg ist im Moment die am stärksten touristisch wachsende Stadt der Welt. Das ist gut für die Gastronomie. Aber Gäste sind heute intelligenter und haben eine größere Auswahl. Dem muss man gerecht werden.

Welches sind neue Trends in Hotellerie und Gastronomie? Der Trend geht zur Spezialisierung. Restaurants, die vom Wiener Schnitzel bis Sushi alles bieten, sind weniger gefragt. Heute gibt es immer mehr Läden, die sich auf ein Produkt wie etwa Burger spezialisieren.

Spüren Sie den Fachkräftemangel? Extrem. Das ist eine einzige Katastrophe für die Gastronomie. Bei uns hält sich das Problem allerdings noch in Grenzen, weil wir hier ein freundschaftliches und gutes Arbeitsklima haben, viele junge Leute hier arbeiten und unser Publikum meist großzügig Trinkgeld gibt.

Was würde helfen? Grundsätzlich brauchen wir in der Gastronomie eine Reduzierung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent. Das Geld könnten viele Arbeitgeber in die Mitarbeiter investieren, in bessere Bezahlung, neue Arbeitszeitmodelle. Das würde den Beruf insgesamt attraktiver machen.

Was möchten Sie in Ihrem Leben unbedingt noch erreichen? Ich habe schon so viel erlebt und bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Davon abgesehen möchte ich noch viel mehr von der Welt sehen: Menschen, Natur, Gerüche oder Kulinarisches. Gerne mehr, immer neu. Ich bin neugierig.

Christoph Strenger ... persönlich Luxus ist für mich ... Zeit.

Meine Stärke ist ... nicht aufzugeben.

Meine Schwäche sind ... Wein, Bier und Gin Tonic.

Meine nie endende Sehnsucht ist ... zu reisen.

In Hamburg wollte ich schon längst mal ... mit einem Motorboot durch den Hafen fahren.

Ich kann gut verzichten auf ... Menschen, die schlechte Laune verbreiten.

Familie werde ich ... wohl keine eigene mehr haben.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ... ist die Terrasse des „Coast“ mit Blick auf Elbe und Elbphilharmonie.

Mich ärgert ... Ungerechtigkeit.

Ohne Fußball ... geht das Leben auch weiter.

Am besten kann ich mich entspannen ... im Bett.

Stress ... was ist das? Ich kenne keinen Stress.

Drei-Sterne-Küche ... mal ganz schön, aber nichts, was ich häufig brauche.

Prominente ... sind mir egal.

Sport ist ... sehr wichtig im Leben.

Mein Lebensmotto ... ist „Geht nicht, gibt’s nicht“.

Geld ... ist eine schöne Erleichterung für Vieles im Leben.
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„Das Wichtigste ist, Ziele zu haben“

Hamburgs einziger Drei-Sterne-Koch über frische Produkte und gesunden Ehrgeiz

Meinung – bgl
Die Hansestadt ist mit Kevin Fehlings Restaurant „The Table“ die einzige deutsche Großstadt mit einem Drei-Sterne-Haus − und er ist der einzige in einer deutschen Metropole, der ohne Hotel oder Investor im Rücken arbeitet. Bevor der 40-Jährige vor zwei Jahren sein Restaurant in Hamburgs Hafencity eröffnete, war er zehn Jahre lang Küchenchef im La Belle Epoque des Travemünder Columbia Hotel Casinos. Wie der Name seines Hamburger Restaurants schon vermuten lässt, nehmen die 20 Gäste, die pro Abend dinieren können, an einer langen, geschwungenen Holztafel Platz. Vor den bodentiefen Fenstern hängen schwere, cremefarbene Vorhänge. In diesem ungewöhnlichen Ambiente trafen wir den sympathischen Sterne-Koch zum Gespräch. Privat hat es Kevin Fehling nicht in die moderne und großstädtische Hafencity gezogen. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern (2 und 5 Jahre) grün und ruhig in der Gemeinde Braak (Kreis Stormarn). Aufgewachsen ist Kevin Fehling in Delmenhorst bei Bremen.

Wann wussten Sie, dass Sie Sternekoch werden wollen? Kevin Fehling: Als ich mich für den Beruf des Kochs entschieden habe, war für mich sofort klar, dass ich einer der Besten werden will. Das Symbol und die Motivation dafür war der erste Stern. Als ich den ersten Stern dann hatte, wusste ich: Wir machen etwas richtig. Aber ich fühlte mich mit meinen 30 Jahren und einem Stern noch nicht angekommen. Mein Ansporn war nicht, zwei und drei Sterne zu bekommen, sondern mich weiter zu entwickeln und noch besser zu werden.

Direkt nach Eröffnung Ihres eigenen Restaurants „The Table“ in der Hafencity haben Sie sofort wieder drei Sterne erkocht. Wie wird man so erfolgreich wie Sie? Das Wichtigste überhaupt ist, Ziele zu haben und sie zu verfolgen. Viele sind zwar ehrgeizig, aber sie wissen nicht wofür. Drei Sterne innerhalb von fünf Jahren zu erkochen, hat sehr viel mit Fleiß und Aufopferung zu tun. Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Man muss viel arbeiten und lernen. Und als ich mit 27 Jahren Küchenchef wurde, habe ich sehr schnell gespürt, dass ich führen will und in der Lage bin, ein Team hierarchisch zu leiten, wie es in der Küche erforderlich ist. Mich hat es schon immer gestört, wenn mir andere sagen wollten, was ich zu tun und zu lassen habe (lacht)

Woher kommt Ihr Ehrgeiz, der Beste sein zu wollen? Es gab ein Schlüsselerlebnis in meiner Zeit als Kochlehrling: Ein Mädchen, das studierte und in das ich schwer verliebt war, machte mir unmissverständlich klar, dass ich selbst als Küchenchef nie auch nur annähernd so viel verdienen würde wie sie als studierte Frau. Sie meinte das nicht böse, aber es war demütigend. Danach habe ich beschlossen: Nie wieder wird eine Frau zu mir sagen, dass ich es zu nichts gebracht habe.

Haben Sie das Mädchen noch mal wiedergesehen? Gesehen nicht, aber wir haben telefoniert und sie hat sich entschuldigt (lacht). Eigentlich müsste ich ihr dankbar dafür sein, dass sie meinen Ehrgeiz geweckt hat.

Wie würden Sie Ihre Küche jemandem beschreiben, der sie nicht kennt? Wir sind immer auf der Suche nach dem besten Produkt und das Tier, das wir verarbeiten, sollte das bestmögliche Leben gehabt haben. Das ist das Wichtigste. Ein Kalbsfilet von einem Tier, das in Massentierhaltung aufgewachsen ist, schmeckt nicht. Wenn wir eine Gänsestopfleber servieren, dann von einer Gans, die in Freilandhaltung ein Jahr lang von Hand gefüttert wurde. Das ist teurer, aber ich weiß, dass das Tier ein gutes Leben hatte. Das ist mir wichtig. Es geht immer um das beste Produkt mit dem besten Geschmack. Wir wollen Geschmäcker erzeugen, die genauso überraschend sind wie die Präsentation. Unsere angerichteten Teller sind kleine Gemälde.

Alle Spitzenköche verwenden frischeste, exklusivste Zutaten und beanspruchen Kreativität. Was zeichnet Ihre Erfolgsküche aus? Das Wichtigste sind die Qualität und der Geschmack des Produkts. Erst an zweiter Stelle steht die Kreativität. Beides muss sich ergänzen. Und das hört sich einfacher an, als es ist.

Sind Sie mit guter Küche groß geworden? Ich bin mit klassischer deutscher Küche groß geworden: Königsberger Klopse, Rouladen und Eintöpfen. Meine Mutter hat jeden Tag frisch gekocht, selbst wenn sie zwei Jobs hatte. Und wir haben jeden Tag mit der Familie gemeinsam gegessen, das gibt es heute kaum noch. Ich hatte eine wunderbare Kindheit.

Wie fühlt man sich als Deutschlands König der Köche? Es ist ein tolles Gefühl, zu den besten Köchen zu gehören. Aber es versetzt einen nicht ständig in Partylaune. Dafür gehört einfach zu viel Disziplin, zu viel Arbeit dazu, dieses Niveau weiter zu halten. Wenn man den Oscar gewinnt, steht der für immer in der Vitrine. Wenn man einen dritten Stern erkocht, stehen die Tester ein Jahr später wieder auf der Matte (lacht). Und drei Sterne zu erkochen, ist nur das eine. Das andere ist der überhaupt nicht selbstverständliche wirtschaftliche Erfolg eines Restaurant-Unternehmens mit einem motivierten, funktionierenden Team. Diesen Erfolg nehmen wir demütig an.

Es gibt viele Sterneköche mit Burnout, die den Sternestress auf Dauer nicht aushalten und aufgeben. Wie machen Sie sich vom Erfolgsdruck frei? Für mich ist es positiver Druck. Es ist doch schön, zu den Besten zu gehören. Natürlich muss man ehrgeizig und diszipliniert sein und nach Perfektion streben. Aber es geht auch darum, es selber zu genießen. Man kann sich nur kreativ weiter entwickeln, wenn man seine Anspannung verloren hat. Um erfolgreich zu sein, muss man an seine Grenzen gehen. Das gilt für jeden Beruf, wenn man der Beste sein will.

Sie öffnen Ihr Restaurant an nur fünf Abenden die Woche für nur 20 Gäste: keinen Mittagstisch, sondern nur die Kür der Sterneküche. Wie rechnet sich das? Das Wichtigste ist, ein Konzept zu haben und zu wissen, dass das Restaurant mit der Kalkulation jeden Abend voll sein muss. Das Problem in Deutschland ist nicht, dass die Köche schlecht kochen. Die Restaurants und ihre Küche in Deutschland gehören qualitativ zu den Besten der Welt, das ist wie in der Automobilbranche. Da macht uns keiner was vor. Aber wir haben in Deutschland in der Gastronomie lange nicht verstanden, Konzepte zu entwickeln. Gutes Essen auf den Tisch zu bringen, ist nur das Eine. Genauso wichtig sind für den Erfolg eines Restaurants die Location, ein Lichtkonzept, ein Soundsystem, die Mitarbeiter oder die Haptik des Tisches, an dem die Gäste sitzen. Die gesamte Choreographie muss stimmig sein, damit sich der Gast wohlfühlen kann und wiederkommt. Das macht sich bezahlt.

Wie der Name Ihres Restaurants „The Table“ schon vermuten lässt, sitzen bei Ihnen 20 Gäste pro Abend an einem geschwungenen Thekentisch zusammen. Wie kamen Sie auf diese Idee? Wir wollten ein weltoffenes Restaurantkonzept, das in Hamburg genauso funktionieren würde wie in Paris oder anderswo auf der Welt. Und wir wollten etwas völlig Neues schaffen. Die Idee war, einen Platz zu gestalten, an dem die Gäste miteinander kommunizieren können, es aber nicht müssen. Wir wollten eine Esszimmer-Atmosphäre schaffen mit Blick in die Küche.

Sie beschäftigen Sommelier und Restaurantleiter in einer Person, eine stellvertretende Restaurantleiterin, eine Servicekraft, fünf Köche, einen Spüler, eine Bürokraft. Wie führt man lauter Künstler eines Kochorchesters? Das geht nur sehr hierarchisch. Aber es geht bei uns nicht so cholerisch zu, wie man es aus anderen Sterneküchen kennt. Das wäre auch nicht mehr zeitgemäß. Um gute Mitarbeiter zu bekommen, muss man heute gute Arbeitsbedingungen bieten. Das fängt beim Arbeitsklima an und hört bei der Bezahlung auf. Anders funktioniert das heute nicht mehr.

Mit Getränken muss man bei Ihnen pro Person und Menü etwa 300 Euro zahlen. Sind Sie ein Luxuskoch? Ja und Nein. Es ist immer eine Frage von Prioritäten, wofür ich bereit bin, viel Geld auszugeben. Gutes Essen hat in Deutschland leider nicht den höchsten Stellenwert.

Was isst Kevin Fehling? Morgens esse ich meist nur ein Knäckebrot mit Quark oder Geflügelwurst. Um 17.30 Uhr esse ich hier im Restaurant zusammen mit meinen Köchen, immer gesund, immer frisch. Privat darf es aber auch gern mal ein Döner sein, aber es muss der beste Döner sein. Und ich liebe Sushi und Sashimi. Ich bin da sehr offen. Nur weil ich drei Sterne habe, muss ich nicht den ganzen Tag Fischfilets, Hummer und Kaviar essen.

Was unterscheidet den guten Koch vom Sternekoch? Ein guter Koch kocht leckeres Essen. Ein Sternekoch ist auf der Suche nach Perfektion.

Sie haben gerade 40. Geburtstag gefeiert. Kann man ein Leben lang Dreisternekoch sein? Das ist nicht meine Absicht. Ich gehöre zu einer Generation von Sterneköchen, die eine Zeit lang Gas geben, aber nicht bis 65 in der Küche stehen wollen. Mir ist bewusst, dass meine Energie begrenzt ist. Ich möchte viel Zeit mit meiner Familie verbringen.

Welche Ziele haben Sie für Ihr „zweites Leben“? Ich möchte sehr viel reisen und das lässt sich glücklicherweise gut mit meinem Beruf verbinden. Es gibt da sehr viele Möglichkeiten für einen Sternekoch. Aber darüber nachzudenken, ist jetzt zu früh. Solange ich die Begeisterung und Kreativität verspüre, werde ich weitermachen.

Kevin Fehling... persönlich Fernsehköche... haben dazu beigetragen, dass der Beruf des Kochs in der Öffentlichkeit besser dargestellt wird. Fernsehköche sind Entertainer.

Sport ist... anstrengend.

Ein Vorbild... habe ich nicht. Aber ich bewundere Menschen, die anderen Menschen helfen.

Exklusivität steht für... Qualität, der Genuss in ganz seltenen Momenten.

In meinem Leben ist wichtig,... dass meine Familie und ich gesund bleiben und ein langes glückliches Leben führen können.

An Hamburg mag ich... die Hamburger: ein unglaublich ausgehfreudiges Völkchen und kulinarisch affin. Man kann überall gut essen und trinken und eine schöne Zeit haben.

In Hamburg wollte ich längst mal wieder... ins Planetarium gehen. Ich bin Hobby-Astronom.

Luxus... ist für mich Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, Reisen, gutes Essen und Trinken.
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Andreas Rettig im Interview

Der Geschäftsführer des FC St. Pauli über Hamburg, Heimat und die Entwicklung im Profifußball

Meinung – Manfred Ertel
Andreas Rettig war erst 21 Jahre alt, als er sich 1984 für eine Berufsausbildung zum Industriekaufmann und damit praktisch bereits gegen den Profi-Fußball entschied, 1989 fing er dann bei der Bayer AG in Leverkusen an. „Mein Talent hat zu sieben oder acht Jahren in der 3. Liga gereicht“, sagte Rettig (54) heute rückblickend und ohne Wehmut: „Aber die Erfolgsaussichten als aktiver Spieler waren so gering, dass es die richtige Entscheidung war“. Geblieben von ihm in den Fußballarchiven ist immerhin, dass er als Rechtsaußen des Drittligisten Wuppertaler SV die Vorlage zum Tor des Monats im Januar 1985 durch Klaus-Dieter Nuyken gab. Daran erinnert er sich bis heute gern. „Ich habe zwar nicht die Medaille bekommen, darf sie aber jedes Jahr einmal anfassen.“ Dann nämlich treffen sie sich zu dritt, die an dem Tor beteiligt waren, schauen gemeinsam irgendeinen Kick an, spielen Skat und betrinken anschließend noch einmal das Tor. „Und es wird jedes Jahr schöner“, sagt Rettig und führt es beim Gespräch in seinem Büro am PC gern noch einmal vor. Rettig gehört zu den ausgewiesenen Fußballexperten der Republik. Bevor er im September 2015 überraschend als Geschäftsführer beim Zweitligisten FC St. Pauli in Hamburg anheuerte, war er Manager in Freiburg, Köln und Augsburg sowie Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in Frankfurt.

Fühlen Sie sich eigentlich inzwischen als Hamburger? Andreas Rettig: Ich weiß nicht, wie sich Hamburger fühlen. Ich fühle mich als jemand, der gern in einer tollen Stadt lebt und sehr zufrieden ist ...

Fürchten Sie, man muss Labskaus und Fischbrötchen mögen oder schon mal auf den Michel gestiegen sein, um Hamburger zu sein? (Lacht) Nein, aber ich ertappe mich dabei, dass mir ab und zu das Kölsch fehlt, unser Bierpartner möge es verzeihen. Allerdings trägt meine Frau sehr viel dazu bei, dass wir uns hier gemeinsam wohlfühlen. Sie arbeitet im Zentrum in Rathausnähe. Sie bekommt den Hamburger tatsächlich hautnah mit und schwärmt, und das färbt natürlich auf mich ab. Die Stadt ist toll, bis auf den Karneval fehlt mir hier nichts.

Was mögen Sie denn an Hamburg besonders? Was ich zu schätzen gelernt habe, ist tatsächlich die Unaufgeregtheit und auch, selbst wenn es uns Rheinländern etwas fremd ist, dass man hier nicht direkt umarmt, das können wir Rheinländer ja ganz gut. Die Verlässlichkeit halte ich außerdem für ein hohes Gut, bei den meisten zumindest, mit denen ich hier zu tun habe. Und ich mag den Weg morgens, wenn ich meine Frau zur Arbeit bringe und die Alsterfontäne auf der Binnenalster sehe.

Und was stört Sie? Die Vorzüge sind zugleich ab und an auch manchmal ein Malus: So‘n bisschen mehr aus sich herauszukommen, würde ich mir hier und da manchmal wünschen, und mir fehlt auf jeden Fall die Zeit vom 11.11. bis Aschermittwoch.

Wie schwer ist es als Globetrotter in Sachen Fußball, sich überhaupt irgendwo heimisch zu fühlen? Heimat ist natürlich da, wo wir unsere Familie, unsere Freunde und unseren Lebensmittelpunkt haben. Egal auf welcher Station ich war, ist das immer Köln geblieben. Und ich finde es auch wichtig, dass man einen Anker hat − losgelöst von der jeweiligen Station. Das gibt eine gewollte und gewünschte Distanz zu bestimmten Aufgeregtheiten des Tagesgeschäftes. Ansonsten ist es ein Vorteil, wenn man in den drei schönsten Städten des Landes arbeiten konnte, was für mich Freiburg, Hamburg und Köln sind. Wobei sich das in Köln auf die Menschen bezieht, auf die Mentalität. Wenn man dann sein Hobby an diesen Standorten auch noch bezahlt bekommt, ist es natürlich umso schöner.

Wie wichtig ist eine Form von Heimatgefühl oder Identifikation mit der Stadt und Region, um einen Profi-Fußballverein zu führen? Es ist eine ganz wichtige Voraussetzung, dass man Stadt, Menschen und Gegebenheiten annimmt. Und das muss auch jeder merken, dass man nicht auf der Durchreise ist. Für mich war das immer klar, selbst in Frankfurt, wo ich mit dem ICE in 55 Minuten bis nach Köln hätte pendeln können. Aber man muss immer ein Standortbekenntnis abgeben, um vor den Kollegen und all denen, die es gut mit dem Verein meinen, glaubwürdig arbeiten zu können. Sonst geht das schief.

Wie wichtig ist es umgekehrt für den Erfolg eines Klubs, sich mit seiner Stadt und Region zu identifizieren? Eminent wichtig. Das meine ich damit, Gegebenheiten anzunehmen. Es ist wichtig zu wissen, wie die Leute ticken, wie bestimmte Spielregeln sind, um am Ende Entscheidungen am besten treffen zu können.

Wie nimmt man Gegebenheiten eines Standortes an? Man muss sich schon die Mühe machen, den Standort verstehen zu können und zu wollen. Ich habe das versucht, indem ich nicht direkt vom Verband nach Hamburg zum Klub gewechselt bin, sondern erst eine Abkühlphase genommen habe. Die ersten drei Monate habe ich genutzt, um reinzuschnuppern, die Antennen auszufahren und mitzubekommen, wie tickt so ein Klub. Externe Sichtweisen und Impulse sind wichtig, aber sich gegen die Identität eines Klubs zu stellen und zu glauben, man könnte jetzt alles auf links drehen, das funktioniert nicht.

Ist Pauli ein Stadtteilklub, oder ist das ein Mythos? Ich glaube schon, dass der Motor und die Wurzeln der ganzen St.-Pauli-Bewegung im Stadtteil liegen. Aber die Einstellung, die Werte, die Dinge, die uns wichtig sind, beziehen sich zum Glück nicht nur auf den Stadtteil. Es ist unsere Aufgabe, den Bogen dieser Werte in die Welt zu tragen wie beispielsweise nach Amerika. Ich sage das mit einem Augenzwinkern, weil uns Trump im Moment wunderbar in die Karten spielt. Wir bekommen mit unserem Totenkopf-Shirt auf einmal ungeahnte Umsatzerlöse, weil unser Totenkopf dort als Symbol des Rebellischen und Aufständischen gesehen wird.

2013 haben Sie öffentlich die Werbeversuche des großen Nachbarn HSV abgelehnt, zwei Jahre später landeten Sie beim kleineren Kiezklub – wie fühlt sich das an? (Lacht): Alles zu seiner Zeit ist die richtige Antwort. Ich habe wenige Stärken, aber eine Stärke ist zu wissen, was ich mir zutraue und was nicht. Und ich glaube, dass es in der Situation beim HSV damals nach meiner Bestandsaufnahme und Analyse nicht damit getan war, eine Personalie zu verändern. Ich hätte dort sicher genau so viele Probleme gehabt wie viele andere auch, gerade auch in Kenntnis des Zahlenwerks und der wirtschaftlichen Situation. Für mich ist ein ganz elementarer Punkt, ob Grundprinzipen des Managements, wie wirtschaftliche Vernunft, im Verein auch konsensfähig sind. Wenn sie dann bei der Bestandsaufnahme feststellen, das überfordert einen, dann ist es besser, nicht an Bord zu gehen.

Sie hatten auch andere Angebote und hätten dort sicher mehr Geld verdienen können, haben sich aber für den Zweitligisten St. Pauli entschieden. Warum? Für mich war klar, im letzten Drittel meines beruflichen Wirkens lautet der Grundsatz: Arbeitszeit ist Lebenszeit. Ich habe keine Lust mehr, mich auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zu bewegen. Ich möchte das Gefühl haben, umgeben zu sein von Überzeugungstätern: überzeugt von einer guten Idee, von einer Sache, von einer Strategie. Das Gefühl hatte ich nicht bei allen Gesprächen . Und da meiner Frau und mir Statussymbole nichts bedeuten, das dicke Auto genauso wenig wie Designerklamotten, können wir Entscheidungen treffen, die nicht unter dem Diktat des Monetären stehen.

Überlegen Sie sich angesichts der Entwicklung im Profifußball manchmal, wie lange Sie diesen Job noch machen wollen? Ich glaube, dass es wichtig ist, selber in seinem Bereich, den man beackert, Vernunft walten zu lassen und nur Dinge zu machen, die sich abseits des allgemeinen Irrsinns abspielen. Es wirft insgesamt ein düsteres Licht auf den Profifußball, was in den letzten Jahren leider passiert ist. Das kann keinem gefallen, von den Vorgängen um das „Sommermärchen“, die WM in Katar, bis zu Dopingthemen und Korruption. Ich habe letztens eine Übersicht über in Haft befindliche Fußballfunktionäre zusammengestellt, da brauchen Sie schon ein großes Blatt Papier.

Hätten Sie sich noch vor einigen Jahren vorstellen können, dass Fußballspieler für 150 oder 222 Millionen Euro den Verein wechseln, mithilfe dubioser Finanzierungstricks? Das ist das, was einen wirklich frustriert. Dass hier clevere Juristen in allen Bereichen am Werk sind, um durch juristische Spitzfindigkeiten und Konstrukte Verbandsstatuten und deren Geist wie beim „Financial Fair Play“ – ich sag‘s mal höflich – durch kluge Strategien auszuhebeln. Das ist ja nicht nur im Ausland wie bei Paris Saint-Germain so, das war auch schon bei RB Leipzig der Fall. Wenn sie in der heutigen Zeit die Botschaft versenden, mit Geld kann ich alles kaufen und Spieler oder Trainer zum Vertragsbruch animieren, in dem ich jedem die Wurst hinhalte, dann ist das für mich ein Angriff auf Moral und Werte im Fußball.

Gibt es noch Chancengleichheit in der Bundesliga? Das ist in der Tat ein Problem. Darauf zielte auch unser Antrag zur gerechteren Verteilung der Fernsehgelder ab, für den wir von den Profiteuren des Systems kräftig gescholten worden sind. Wenn es um den eigenen Geldbeutel geht, wird Solidarität in der Bundesliga kleiner geschrieben. Ich halte es für einen strategischen Fehler, sich nur um die Internationalisierung und die Ausrichtung der Top 5 in einer Liga zu kümmern und deren internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Und nicht alle 36 Klubs im Bick zu haben und klar zu sagen, es geht in erster Linie um die nationalen Wettbewerbe. Aber das Gewicht der Top 5 ist eben ein anderes als das von Stadtteilvereinen oder traditionsbewussten Klubs.

Macht die 2. Liga deshalb manchmal mehr Spaß? Nein, ich glaube, wir würden lieber gegen Bayern München spielen. Der Antrieb bei uns sollte schon der sein, sportlich so erfolgreich wie möglich zu werden. Das muss kein Widerspruch sein zu dem, wie wir hier arbeiten.

Andreas Rettig... persönlich Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist... natürlich das Millerntor-Stadion, aber sonst die Fußballkneipe „Osborne“ am Hans-Albers-Platz.

Ich wollte in Hamburg längst mal... richtig gutes Labskaus essen.

Ich entspanne vom Fußball am liebsten... bei meiner Joggingrunde um die Alster.

St. Pauli und die Reeperbahn sind... für mich beides unverzichtbar.

Der Unterschied zwischen Pauli und HSV... sind mehr als hundert Millionen Euro (Verbindlichkeiten, die Red.).
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Präses der Hamburger Handelskammer

Tobias Bergmann im Interview: „Mein wichtigster Berater ist mein innerer Kompass“

Meinung – Barbara Glosemeyer und Markus Lorenz
Herr Bergmann, im Präses-Amtszimmer hat sich einiges verändert, seit Sie eingezogen sind. Warum? Tobias Bergmann: Ich wollte ein paar persönliche Akzente setzen. Es gibt nun einen größeren Tisch, an dem man auch arbeiten kann, und der nicht nur zum Repräsentieren dient. Außerdem habe ich den neoklassischen Eichen-Schreibtisch samt Stuhl ausgetauscht. Da hätte ich sonst einen Bandscheibenschaden bekommen (lacht). Ich habe einen Eishockey-Schläger an die Wand gehängt, den mir die Hamburger Freezers geschenkt haben. Anderes ist geblieben, etwa der große Wand-Gobelin.

Sie sind bis zur Ihrer Wahl zum Präses der Handelskammer als Rebell tituliert worden. Hat Ihnen dieses Etikett gefallen? Ich habe mich am Ende damit abgefunden und irgendwann hat es mir auch gefallen, ein Rebell genannt zu werden. Allerdings habe ich mich nie als störrisch empfunden, sondern als jemanden, der Dinge hinterfragt und auf den Kopf stellen will. Wenn Rebellion meint, das jemand laut und deutlich sagt: „So, wie es im Moment läuft, geht es nicht weiter“, kann ich gut mit diesem Titel leben. In meiner neuen Funktion als Präses sehe ich meine Aufgabe allerdings nicht mehr in einer Rebellion, sondern im Gestalten und im Neu-Aufbau der Kammer. Insofern hat sich für mich ein Rollenwechsel vollzogen.

Welches sind Ihre drei wichtigsten Ziele? Erstens: Die Abschaffung der Pflichtbeiträge bleibt das wichtigste Ziel. Zweitens: Die Handelskammer muss dafür viel, viel sparsamer werden und braucht deshalb ein neues Finanzierungskonzept. Und drittens müssen wir uns als Interessenvertretung der Wirtschaft heute neu definieren. Denn Wirtschaft ist heute viel heterogener als sie es in der Vergangenheit gewesen ist. Unser gesetzlicher Auftrag bleibt aber, eine Gesamtinteressenvertretung der Wirtschaft zu sein. Darüber hinaus ist die duale Ausbildung und die Fachkräfteausbildung eine Kernaufgabe.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung? Wir stehen da vor immensen Umbrüchen in der Arbeitswelt und in der Wirtschaft. Darauf müssen wir als Handelskammer reagieren.

Wie? Ist das Thema Digitalisierung bislang vernachlässigt worden? Manche Unternehmen stehen vor der Digitalisierung wie das Kaninchen vor der Schlange. Alle wissen, dass die Digitalisierungswelle auf uns zurollt, aber die wenigsten sind strategisch darauf vorbereitet. Es gibt vereinzelte gute Ansätze, aber langfristig sind bei weitem noch keine Antworten gefunden worden. Hier hilft zum Beispiel das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Hamburg, das von der Handelskammer geleitet wird. Die Mitgliedsunternehmen bekommen viele praktische Unterstützungsangebote beim Thema Digitalisierung.

Warum brauchen der Kioskbesitzer und der „kleine“ Mittelstand überhaupt im digitalen Zeitalter eine Handelskammer? Es gibt Branchenverbände, die Interessen einer bestimmten Branche vertreten, die aber nicht gleichzusetzen sind mit den Interessen der gesamten Wirtschaft. Das Gesamtinteresse der Wirtschaft ist und bleibt die zentrale Aufgabe der Handelskammer Hamburg.

Noch mal konkret: Was bringt es einer Firma, einem Unternehmer, einem Selbstständigen, Mitglied der Handelskammer zu sein? Wir sind die starke Stimme der Wirtschaft gegenüber der Politik. Wir brauchen in der Stadt eine vorausschauende Wirtschaftspolitik, die den ökonomischen Reichtum, den diese Stadt zweifelsohne hat, auch in Zukunft erhält – unabhängig von Parteipolitik. Dafür stehen wir. Darüber hinaus ist die Kammer Dienstleister für ihre Mitgliedsunternehmen etwa bei Existenzgründungen oder der Integration von Flüchtlingen. Es ist wie bei jeder Organisation, bei jedem Verein: Man wird Mitglied, weil man gemeinsam ein bestimmtes Ziel verfolgt und als einzelner gewisse Vorteile und Privilegien genießt.

Haben Ihre Vorgänger das Gesamtinteresse der Wirtschaft gegenüber der Politik gut vertreten? Ich will es anders machen. Die Handelskammer war in der Vergangenheit immer sehr davon überzeugt zu wissen, was gut und richtig ist für die Wirtschaft. Nehmen Sie das Beispiel Olympia: Da hat ein sehr kleiner Kreis um den Hauptgeschäftsführer beschlossen, dass eine Olympia-Bewerbung richtig und wichtig ist für Hamburgs Wirtschaft und anschließend die Politik und die Mitglieds-Unternehmen nur noch darüber in Kenntnis gesetzt. Das war ein Fehler und kann heute nicht mehr funktionieren. Wir müssen viel mehr zuhören und die Unternehmen intensiver in solche Weichenstellungen einbeziehen. Wir brauchen mehr Transparenz und Mitbestimmung.

Sie haben vor der Wahl versprochen, die Pflichtbeiträge für Mitgliedsfirmen ab 2020 abzuschaffen. Als Präses haben Sie die Ankündigung zurückgenommen. Müssten Sie nicht zurücktreten? Nein, zurücktreten muss ich nicht.

Wäre nicht zumindest eine Entschuldigung angebracht? Ich kann jede Kritik und Enttäuschung bei dem Thema verstehen und habe es mir selbst auch anders gewünscht. Wir halten aber am Ziel einer Abschaffung der Pflichtbeiträge fest. Nur den Zeitpunkt 2020 können wir nicht halten.

Warum nicht? Ich habe erst nach der Amtsübernahme erfahren, wie immens hoch die finanzielle Hypothek der Handelskammer ist, das hat mich in dieser Dimension sehr überrascht. Ich wusste, dass gerade bei den Pensionen etwas auf die Kammer zukommt, aber ich wusste auch, dass sie etwas auf der hohen Kante hat. Dass die Lücke so groß ist, war mir nicht bewusst.

Wie groß ist die Lücke? Die Kammer ist Pensionsverpflichtungen eingegangen, die sich bis zum Höhepunkt Mitte der 2020er Jahre auf 110 Millionen Euro belaufen werden. Wir haben aber nur Rückstellungen von etwa 50 Millionen gebildet und stehen also vor einer Lücke von 60 Millionen Euro. Und das können wir nicht durch freiwillige Mitgliedsbeiträge ausgleichen.

Wie arbeiten Sie mit den Industrie- und Handelskammern in Schleswig-Holstein zusammen? Es hat bereits mit allen drei IHKs Gespräche gegeben. Unsere gemeinsame Aufgabe wird sein, administrative Grenzen zu überwinden. Wir müssen als Selbstorganisation der Wirtschaft vorausgehen und der öffentlichen Hand zeigen, dass wir solche Hürden schneller niederreißen können.

Wie beurteilen Sie die Stimmung in der Handelskammer? Ich würde sagen: konstruktiv-gespannt. Alle wissen, dass Umbrüche bevorstehen und viele Dinge in Frage gestellt werden. Das schafft natürlich auch Unsicherheit. Die Zukunft ist heute nicht mehr so planbar wie früher. Das betrifft aber heute fast alle Unternehmen und ist Teil eines Umbruchs in der Arbeitswelt. Wir werden als Arbeitgeber in der Handelskammer verantwortlich mit den Veränderungen und deren Folgen umgehen. Ich fühle mich wohl hier und bin freundlich aufgenommen worden.

Können Sie Entlassungen ausschließen? Am Ende des Jahres werden wir eine mittelfristige Finanzplanung haben. Dann können wir mit Fakten arbeiten. Wir wollen das Ziel jedenfalls ohne betriebsbedingte Kündigungen erreichen.

Haben Sie schlaflose Nächte? Nein. Entscheidend ist, dass ich mich selbst noch im Spiegel anschauen kann. Ich bin weit davon entfernt, in meinem neuen Amt alles richtig zu machen und perfekt zu sein. Aber ich bin davon überzeugt, dass das, wofür wir gewählt worden sind, der richtige Weg ist.

Was ist für Sie die stärkste Veränderung im Tagesablauf? Früher war ich Berater, heute bin ich Entscheider. Das ist ein spannender Rollenwechsel, den ich noch nicht ganz vollzogen habe. Ich berate noch immer zu viel (lacht).

Was vermissen Sie aus Ihrem „alten Leben“? Ich vermisse die Augenhöhe, die man als Berater hat mit seinen Gesprächspartnern, als Präses aber nicht immer. Auf den Präses schaut die Organisation − von ihm wird zu Recht Führung erwartet.

Wer ist Ihr wichtigster Beraterin oder Ihre wichtigste Beraterin? Es gibt nicht den einen Berater – unterschiedliche Experten sind für unterschiedliche Fragen meine Berater. Ich versuche immer, sie zu verstehen und auf sie zu hören. Ich glaube aber, der wichtigste Berater ist mein innerer Kompass.

Tobias Bergmann ... persönlichGlück ist... beschreibt Bob Dylan unnachahmlich und einzigartig in „Forever young“ – hören Sie es sich an!

Meine Schwäche ist... Impulsivität.

Meine Stärke ist... Authentizität.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist... die Bunthäuser Spitze.

Die Kosten für die Elbphilharmonie... sind eine Investition. Die soll sich jetzt für Hamburg und die Hamburger auszahlen.

Die Elbvertiefung... muss und wird kommen.

Als Niederbayer in Hamburg... fehlt mir die katholisch-barocke Gemütlichkeit.
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Hamburg-Towers-Manager im Interview

Marvin Willoughby über das soziale Basketball-Projekt, Wilhelmsburg und das Ziel erste Liga

Meinung – Redaktion shz.de
Die Hamburg Towers, ambitionierter Basketball-Zweitligist aus Wilhelmsburg, sind seit Sommer 2014 nicht nur sportlich ein Prestigeprojekt im Hamburger Süden. Heimstätte des ProA-Teams ist die alte Blumenhalle der Internationalen Gartenschau, die eigens umgebaut wurde und bei Heimspielen mit 3500 Zuschauern rappelvoll ist. shz.de sprach mit Towers-Geschäftsführer Marvin Willoughby über die weiteren Ambitionen und die beispielhafte soziale Mission der Towers.

Herr Willoughby, Sie haben jetzt drei Spielzeiten in der zweiten Liga hinter sich. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung? Marvin Willoughby: Sehr zufrieden. Wir haben einen riesigen Berg Arbeit abgetragen. Am Anfang war hier ganz schön viel Chaos. Im Organisatorischen haben wir uns von Jahr zu Jahr weiterentwickelt. Am Anfang war man mit Dingen wie Trainingszeiten beschäftigt, im zweiten Jahr ging es schon mehr ums Marketing. In der letzten Saison haben wir die Halle dann schon fast immer voll gehabt. Wir haben im Schnitt 3000 Zuschauer, das ist schon Bundesliganiveau. Auch im Bereich Social Media haben wir einen riesigen Sprung nach vorne gemacht. Die Hamburg Towers sind angekommen in Hamburg und fast jedermann ein Begriff. Wir wollen den Etat für die kommende Saison steigern, um in der kommenden Saison oben angreifen zu können.

Gibt es so etwas wie eine besondere DNA der Hamburg Towers? Ich glaube schon, dass wir eine gewisse Philosophie hier haben. Wir kommen ja aus der Jugend- und Sozialarbeit. Die Spieler sollen hier auch ausgebildet werden, wir wollen nicht mit zehn Import-Spielern antreten, sondern den Spielern die Möglichkeit geben, den Profisport hier zu entwickeln. Unser Ziel ist ganz klar die erste Liga. Wir sind ehrgeizig, es ist aber kein Wunschkonzert. Es ist eine Sache, bei der man viel investieren muss, Ressourcen und Möglichkeiten braucht. Wir kommen dem nun schrittweise näher. Es geht ums Sportliche, aber auch um die Organisation und Infrastruktur. Alles drumherum muss erstligareif sein, die Bundesliga schreibt da viel vor: Büro, Trainerwesen, das kostet alles Geld. Deshalb müssen wir auf der Vermarktungsebene weiter investieren, auch damit wir dann, wenn wir in der ersten Liga sind, alles in die Mannschaft stecken können.

Welche Rolle spielt dabei die Halle im Inselpark? Dass wir eine eigene Halle brauchen, war vor zehn Jahren die Grundidee. Wir wollen unabhängig sein. Wir betreiben die Halle ja auch selber, was ein riesiger Zugewinn ist, wir vermieten sie auch weiter. Es ist ein dennoch ein riesiger finanzieller Kraftakt mit der Halle, klappt aber gut. Wir können die Sozialarbeit hier kostenlos machen, es gibt auch Sport für Rollstuhlfahrer. Es gibt hier nichts, was wir nicht hätten: Wir haben eine enge Anbindung mit der Bahn zum Hauptbahnhof, sind da dichter dran als Eimsbüttel. Auch durch die Autobahn ist alles gut zu erreichen.

Welche Bedeutung haben die Towers für Wilhelmsburg als strukturschwache Region? Der Stadtteil hat seine eigene Geschichte. Vielen Menschen ging es hier nicht so gut wie anderswo. Wir wollten die Wahrnehmung des Stadtteils verändern. Wir haben gesagt, wenn wir irgendwann in der Bundesliga spielen, wertet das auch den ganz normalen Wilhelmsburger auf. Wir wollen den Menschen in der Region hier etwas geben, auf das sie stolz sind. Das ist viel mit Sozialarbeit verbunden, wir sind viel vor Ort, auch an Schulen.

Wie bewerten Sie denn die Entwicklung im Stadtteil in den vergangenen Jahren? Durch den Inselpark hat es einen Schub gegeben. In Wilhelmsburg passiert gerade viel, neue Restaurants und so, das hat aber nichts mit uns zu tun, das ist normale Stadtentwicklung.

Zu Beginn war es ein soziales Projekt. Können Sie diese erläutern? Wir haben vor zehn Jahren mit den Basketball-Camp als soziales Projekt angefangen. Wir haben den Sport in allen sozialen Brennpunkten der Stadt angeboten, Osdorfer Born, Mümmelmannsberg. Das Projekt heißt ja „Sport ohne Grenzen“, das wir 2006 gegründet haben. Das erste Basketball-Camp war in Wedel. Wir haben über Gewalt, Ausgrenzung, Menschen mit Behinderung geredet. Mittlerweile geht es schon konkreter um Sport, welche Rechte und Pflichten man im Team hat, um das Miteinander. Es gibt zwei Stränge, das Soziale und den Leistungssport. Wir wollten auch Talente fördern, deshalb haben wir die Piraten gegründet, die in der Jugend-Basketball-Bundesliga (JBBL) U16 spielen, später kam dann die U19, ebenfalls Bundesligist ihrer Klasse und dann die Towers. Es geht uns um Arbeit, verbunden mit dem Leistungsaspekt. Wir sind nicht studierte Sozialpädagogen, wir sind Sportler, die versuchen für jeden Angebote zu schaffen, auch für Nationalspieler, die aus der Region kommen und einfach ein wenig individuell trainieren wollen.

Wie sichtet Ihr die Spieler für die Towers? Ihr habt ja bereits fertige Profis im Kader, sowohl als auch Leute, die aus dem Top Nachwuchsbereich kommen. Bei den Profis haben wir das Profil, dass wir am liebsten Deutsche nehmen, wenn es geht Hamburger. Aber natürlich holen wir auch US-Amerikaner. Wir wollen Spieler nicht für ein Jahr durchschleusen, sondern sie entwickeln. Die Jüngeren kommen aus unserem eigenen Nachwuchsbereich, die sind schon mit 13, 14 Jahren bei uns. Bei der U  19 kommen die Talente aus ganz Deutschland. Wir legen ganz klar den Fokus auf Charakter vor Talent. Wir wissen, dass wir nicht am meisten zahlen können, wollen Leute mit der richtigen Einstellung.

Wie läuft das Sponsoring? Es geht immer weiter voran, vor allem in der Breite, auch Vattenfall ist ja dabei. Wir haben nicht den einen Hauptsponsor. Wir würden uns nicht jedem anbieten, warten noch, bis es passt. Wir wollen langfristig mit Jemandem zusammenarbeiten, auch für die Bundesliga. Die Sponsoren sind da ja auch ein wenig zurückhaltend geworden, gerade weil es mit der Olympia-Bewerbung nicht geklappt hat und Profi-Eishockey und -Handball gescheitert sind.

Greifen die beiden Fußball-Profivereine HSV und St. Pauli nicht auch alle Sponsoren ab? Das ist schon so. Mit dem Geld, das sie da für Logen ausgeben, könnten die Sponsoren andere Sportarten in die erste Liga schießen. Da müssen wir einfach Geduld haben. Wir haben vor drei Jahre eine Idee gehabt, ich bin zuversichtlich, dass wir da zeitnah auch zwei, drei Top-Sponsoren bekommen. Für die Bundesliga bräuchte man einen Etat von mindestens 3,5 Millionen Euro.

Könnten sie sich mit der Idee anfreunden, dann auch in die große Barclaycard-Arena in die Stadt zu ziehen? Nein, wir bleiben hier. Natürlich, würden wir darüber nachdenken, wenn hier 3500 Zuschauer vor der Halle stehen würden und nicht reinkommen. Wir werden den Aufstieg aber hier in der Halle feiern wollen. Wir brauchen unseren sechsten Mann, das ginge in einer großen Halle verloren.

Marvin Willoughby... persönlich Wilhelmsburg ist cool, weil... die Hamburg Towers hier wohnen.

Sport ist wichtig für die Sozialisation junger Leute, weil... zum Leben gewinnen und verlieren gehört und Sport das spielerisch vermittelt.

Sport verhindert Rassismus, weil... alle gleich sind, ob grün oder blau. Ein schlechter Pass ist ein schlechter Pass.

Offene Grenzen, Internationalität ist wichtig, weil... es wäre ein Verlust, wenn nicht alle teilhaben könnten.

Basketball hat einen höheren Stellenwert gegenüber Fußball verdient, weil... wir cooler sind als Fußball.

Visionen sind wichtig, weil... realistische Ziele sind wichtig, weil man sie erreichen kann und es selbstbewusster macht. 
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Schauspieler

Sebastian Bezzel im Interview: Warum ein Bayer Hamburg so liebt

Meinung – Joachim Schmitz
Fast 13 Jahre lang war Sebastian Bezzel Tatort-Kommissar am Bodensee. Wer aber glaubt, er vermisse diesen Job, täuscht sich. Mit der Hauptrolle eines bayerischen Dorfpolizisten in den schrägen Eberhofer-Krimis hat sich der in Hamburg lebende Bayer unverwechselbar gemacht. In einem Hannoveraner Café unterhalten wir uns über Polizistenrollen, Fußball, Hamburg und den G-20-Gipfel.

Herr Bezzel, wo waren Sie gestern zwischen 21 und 23 Uhr? Sebastian Bezzel: Um 21 Uhr war ich in Köln in einem Restaurant in Bahnhofsnähe, habe Linguine gegessen und den „Kicker“ gelesen. Ich bin dann ins Hotel gegangen und um kurz vor 23 Uhr, nachdem ich mit meiner Frau telefoniert habe, ins Bett gegangen. Zeugen gibt's vielleicht an der Rezeption und meine Frau telefonisch. Aber ansonsten war ich allein unterwegs. Eberhofer würde sagen: Du weißt halt scho, dass des a rechtes Scheißalibi ist.

Sie haben sich ja mehrfach erleichtert geäußert, dass Sie diese Alibi-Frage nicht mehr stellen müssen, seit Sie kein „Tatort“-Kommissar mehr sind. Als Tatort-Kommissar stellt man halt sehr viele Fragen und viele davon wiederholen sich. Deshalb mochte ich Mehmet Kurtulus im früheren Hamburger Tatort so sehr – für einen verdeckten Ermittler mussten diese Fragen anders abgehandelt werden.

Ist das Leben ohne Tatort für Sie ein anderes, vielleicht sogar ein schöneres als in den 13 Jahren davor? Das Leben hat sich gar nicht groß verändert. Na klar, wenn es eine Tatort-Ausstrahlung mit vielleicht neun Millionen Zuschauern gab, hat man es ein oder zwei Wochen lang gemerkt, aber so viel hat sich nicht verändert. Was ich aber wirklich vermisse, ist es, zwei Filme pro Jahr mit Eva Mattes am Bodensee zu machen. Wir haben uns sehr gut verstanden, ich habe viel von ihr gelernt und deshalb empfinde ich es wirklich als Verlust.

In Zeiten, in denen viele Schauspieler von ihrem Beruf kaum leben können, ist es doch nicht das Schlechteste, jedes Jahr zwei gut bezahlte Filme mit acht oder neun Millionen Zuschauern sicher zu haben. Na klar, aber das ist ja auch das Grundproblem unseres Berufes. Ich hatte das große Glück, 13 Jahre lang diesen Job machen zu können, in Sicherheit zu leben und mir finanziell ein bisschen an die Seite schaffen zu können. Der Tatort hat mich auch bekannter gemacht, wodurch der Fall danach weicher ist. Ich darf mich wirklich nicht beschweren, zumal ich ja noch den Eberhofer hab.

Was kann man denn von Eva Mattes lernen? Ich war am Anfang ein anderer Schauspieler. So nach dem Motto „Ich muss mich verwandeln, hier ist die Rolle, und ich geh darauf zu“. Eva hat mir gezeigt, dass man die Rolle auch zu sich holen und aus sich heraus entwickeln kann. Sie hat in der Arbeit eine große Lässigkeit, weil sie auf sich selbst vertraut. Sie ist wahnsinnig diszipliniert und dennoch entspannt, das fand ich immer sehr angenehm.

Perlmann ist tot, es lebe Eberhofer. Ein herrlich schräger bayerischer Dorfpolizist, wie man ihn in keinem anderen deutschen Krimi sehen kann. Was gefällt Ihnen an dieser Figur? Dass er sich nichts scheißt. Der hat keinen beruflichen Ehrgeiz, der ruht in sich und zeigt sich von Äußerlichkeiten ziemlich unbeeindruckt. Der hechelt keinem Zeitgeist hinterher und ist das ruhige Auge im Hurrikan des Wahnsinns um ihn herum. Alle sind verrückt, und Eberhofer sitzt kopfschüttelnd daneben und denkt: Das ist alles sehr anstrengend.

Wären Sie auch Schauspieler geworden, wenn Sie gewusst hätten, wie viele Polizistenrollen auf Sie warten? Ja, auf alle Fälle. Ist doch lustig, dass man als Schauspieler ganz oft Berufe darstellen muss, die man eigentlich nie haben wollte. Mein Verhältnis zu Polizisten hat sich durch meinen Beruf wahnsinnig verbessert. Früher waren das für mich „die Bullen“, die mir schlechtes Gewissen gemacht haben, aber seit ich so viele Polizisten spiele, habe ich etliche echte Polizisten kennengelernt, unter denen es viele großartige Menschen gibt, bei denen man nur froh sein kann, dass es sie gibt.

Ihr Vater ist Vogelkundler. Hat er Sie nie damit infizieren können? Nö, eher mit anderen Sachen. Meine Eltern sind früh mit uns ins Theater gegangen. Meine Mutter hat sich immer darum gekümmert, dass wir auch mal Karten fürs Residenz-Theater in München kriegten. Und wenn gute Filme im Fernsehen liefen, schöne alte Western oder Filme von Billy Wilder und die frühen Dietl-Sachen, dann durften mein Bruder und ich auch mal länger aufbleiben. Und sie hatten ganz viele alte Single-Schallplatten aus dem Wiener Kabarett der 50er und 60er Jahre – damit bin ich aufgewachsen.

Als Kind in Garmisch waren Sie kein Naturbursche? Doch, ich war sogar wahnsinnig viel in der Natur, aber ich habe mich nicht groß für die einzelnen Vogelarten interessiert. Wir haben etwas außerhalb von Garmisch an der Vogelwarte gewohnt, die mein Vater geleitet hat. Da konnte man in der Natur regelrecht versinken – Baumhäuser bauen und im Winter ganz viel Ski fahren. Und zwar nicht wie andere, die einmal im Jahr in den Skiurlaub fahren – für uns war es eher alltäglich.

Und doch hat es Sie als Erwachsenen immer in die Großstädte gezogen – München, Berlin, Hamburg. Warum? Meine Eltern sind ja keine einheimischen Garmischer, sondern Münchner. Deshalb waren wir oft bei meinen Großeltern in München, und ich habe die Stadt schon immer sehr geliebt. Ich fand es toll, wenn es mehrere Kinos und Theater gibt, auch die Vielfalt der Menschen gefällt mir. Ich mag es einfach gern in der Großstadt.

Was hat denn das bayerische Landei dazu gebracht, heute in Hamburg zu wohnen? Meine Frau ist Hamburgerin. Aber das bayerische Landei hat zehn Jahre in München und acht Jahre in Berlin gelebt, bevor es nach Hamburg gegangen ist. Da war ich schon nicht mehr ganz so landeiig unterwegs. Und ich höre mich heute noch sagen „Wir können ja mal Hamburg ausprobieren“ – dabei ist es bis heute geblieben. Meine Frau ist in Ottensen aufgewachsen – und in unsere erste gemeinsame Wohnung ist sie eingezogen, als sie zwei Wochen alt war. Mit dem zweiten Kind wurd’s dann ein bisschen eng, deshalb sind wir umgezogen, aber es war immer klar, dass wir in der Ecke bleiben wollen.

Der Liebe wegen nach Hamburg – und heute verliebt in Hamburg? Ja, total. Hamburg ist eine Superstadt. München und Hamburg sind meine Städte in Deutschland.

Was ist Ihnen heute vertrauter – „Moin moin“ oder „Grüß Gott“? „Grüß Gott“ immer noch. Damit bin ich aufgewachsen.

Gehen Sie in Hamburg lieber zum Fußball oder ins Theater? Ich gehe grundsätzlich lieber zum Fußball (lacht). St. Pauli ist immer super, wenn wir Karten kriegen. Da kann man ganz toll auch mit Kindern hingehen, es herrscht eine unglaubliche Stimmung in diesem Stadion mitten in der Stadt, direkt neben Deutschlands bekanntester Amüsiermeile. Die St.-Pauli-Fans haben eine unglaublichen Charme und Witz, so einen Nachmittag zu gestalten. Aber auch beim HSV…

…kann man mal so richtig Abstiegskampf pur erleben. Ja, aber das ist doch auch großes Drama. Ich war nie in meinem Leben HSV-Fan, aber ich habe natürlich in Hamburg einige Freunde und Bekannte, die totale HSV-Fans sind, und ich sehe, wie sie leiden. Ich hab mich schon ertappt, dass ich mit ihnen mitleide. So ein Bundesliga-Wochenende ist für mich erst rum, wenn auch der HSV gespielt hat, auch wenn ich erst mal natürlich nach den Bayern schau.

Waren Sie schon in der Elphi? Leider noch nicht. Wir sind bislang zweimal mit einem Boot drumherum gefahren. Aber ich finde sie ganz toll und will unbedingt bald mal rein. Natürlich weiß ich, dass sie viel zu teuer war, aber trotzdem hat sich Hamburg damit ein unglaublich schönes Wahrzeichen gebaut. Die Stadt hat dadurch einen ziemlichen Imagegewinn, auch wenn HSV dagegen arbeitet (schmunzelt). In den Jahren, die ich in Hamburg bin, hat sich was getan, ist die Stadt einen Tick internationaler geworden.

Und dabei lebenswert geblieben? Natürlich. Aber auch Leute, die aus dem Ausland kommen, sagen: Wow, was für eine Stadt. Andererseits war kürzlich ein Kumpel von mir aus München da, er hatte Geburtstag, wir sind über den Kiez geschlendert und im „Silbersack“ geendet. Das ist dann eben wieder eine komplett kleine altmodische Kneipe, ein Kultraum, den er auch einfach nur schön fand. Oder meine Fußballkneipe, das „Laundrette“, die ist gleichzeitig Waschsalon – man kann Champions League gucken oder Wäsche waschen – das ist doch super.

Elphi, G-20-Gipfel – macht Hamburg ein bisschen auf heimliche Hauptstadt? Wir haben in Deutschland viele Hauptstädte – und das finde ich allein aus der Geschichte heraus auch sehr wichtig. Berlin ist die große Stadt und auch die Weltstadt, in der man Dinge erleben kann, die man so auch in New York, London oder Paris findet. Trotzdem hat Deutschland viele Hauptstädte und ist im positiven Sinne provinziell. Hamburg ist auch eine Hauptstadt von Deutschland, München auch und Köln auch. Dazu kommt dieses Riesenballungszentrum Ruhrgebiet, das man ja auch als eine Stadt begreifen kann.
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„Man darf sich nicht zu wichtig nehmen“

Nina Bott über GZSZ, Familie und ihre Heimat Hamburg

Meinung – Redaktion shz.de
Gerade erst feierte die Soap „Gute Zeiten Schlechte Zeiten“ 25-jähriges Bestehen. Sie gehörten fast acht Jahre dazu. Werden Sie gerne auf Ihre Rolle angesprochen? Ja. Egal, was ich in meinem Leben gemacht habe, ich habe mir das immer gut überlegt. Es ist ein Teil von mir und hat mich auch zu dem gemacht, was ich heute bin. Ich möchte nirgendwo anders sein, privat nicht, aber auch beruflich nicht. Die Zeit, in der Soaps belächelt wurden, sind schon ewig vorbei. Wer das mal gemacht hat, weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt. Regisseure arbeiten gerne mit solchen Leuten zusammen, weil sie diszipliniert sind, wissen, dass sie nur ein Teil des Zahnrades sind. Man darf sich und die ganze Branche nicht zu wichtig nehmen.

Ich habe bei meiner Recherche einen Song von Ihnen gefunden… Ja, ok (lacht). Das war vielleicht keine Glanzleistung. Singen kann ich definitiv überhaupt nicht. Auch das möchte ich aber nicht missen. Es hat Spaß gemacht, zu sehen, wie so etwas gemacht wird. Auch wenn es jetzt immer noch grauenvoll klingt, vor der Bearbeitung war es noch schlimmer. Das war aus der Zeit, da gab es GZSZ-Compilations, immer mit zwei Bonustracks. Reihum musste jeder Darsteller mal ran. Zwei Songs hab ich performt. Die CDs haben sich verkauft wie warme Semmeln, eine hatte sogar Goldstatus − nicht meinetwegen. Sicherlich nicht.

Ist ein Soap-Comeback für Sie denn ausgeschlossen? Überhaupt nicht. Gerade habe ich durch „Prominent!“ auf Vox den Spaß am Moderieren entdeckt. Es ist schwierig, gerade das Schauspielen nicht zu kurz kommen zu lassen, weil da die Vorläufe geringer sind. Moderationen lassen sich besser planen, was mir wiederum gerade ein wenig die Schauspielengagements verbaut. Das muss sich erst eingrooven.

Sie wollen trotzdem weiterhin als Schauspielerin arbeiten? Beides erfüllt mich. Beim Moderieren kann ich Ich sein. Beim Schauspielern schlüpfe ich in verschiedene Rollen, das ist für mich ein Art Ventil, durch das ich Emotionen und Druck abbaue. Spielen tut richtig gut, das ist etwas ganz anderes. Ich möchte beides nicht missen. Ich freue mich, dass sich beides gut mit der Familie vereinen lässt.

Sie haben eine Tochter (1 1/2) und einen Sohn (13). Wie vereinen Sie Kinder und Beruf? Ich habe die Unterstützung der beiden Papas und Omas. Jeder Tag ist anders. Diese Woche bin ich, bis auf einen Tag, jeden Tag zu Hause, die letzten Monate war das eher andersherum. Ich versuche zum Schlafen immer zu Hause zu sein. Oder aber ich nehme die Kleine mit. Ich war noch nie eine Nacht ohne sie. Kann ich mir auch nicht vorstellen. Ich arbeite so gerne und wirklich viel, und mit Leidenschaft, versuche aber auch, mir keine Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Wenn ich da bin, bin ich Vollzeitmama. Ich weiß das zu schätzen.

Wie teilen Sie sich mit Ihrem Freund die Elternrolle? Steht Ihre Karriere momentan im Fokus? Mein Freund arbeitet auch Vollzeit, in einer ganz anderen Branche. Wir schaffen das und können uns beide entfalten. Wir achten schon darauf, dass keiner zu kurz kommt. Die Kleine ist mittlerweile auch im Kindergarten. Und wir haben die Omas hier in Hamburg. Wenn ich für „Prominent“ in Köln arbeite, pendele ich meistens. Oder die Kleine kommt mit. Wenn ich weiß, dass ich die ganze Woche in Köln bin, macht es manchmal Sinn, dass wir dableiben.

Sie waren ja vermutlich in den letzten Wochen auch mit Ihrer eigenen Sendung: „House Rules – Das Renovierungsduell“ beschäftigt. Worum geht es in dem neuen Format? Insgesamt gibt es sechs Folgen. Vier haben wir fertig. Das ist ein australisches Format. So etwas habe ich in der Form noch nie gemacht, das hat es so aber auch noch nicht in Deutschland gegeben. „House Rules“ ist ein Battle mit vier Familien, die sich selbst und ihre Häuser zur Verfügung stellen. Während eine Familie im Urlaub ist, renovieren die anderen drei deren Haus. Natürlich sind Geschmäcker sehr unterschiedlich. Und das ist das Problem. Hinterher gibt es eine Expertenjury, die das Ergebnis bewertet.

Was ist Ihre Aufgabe bei „House Rules“? Ich bin nicht die nächste Heimwerkerkönigin. Ich führe durch das Format, stelle die Aufgaben und Herausforderungen, begrüße und erkläre die Regeln. Als Host quasi. Aber ich bin auf der Baustelle nicht die, die das Werkzeug in die Hand nimmt.

Sind Sie handwerklich begabt? Mir macht das Spaß, ich bin kreativ. Aber ich kenne meine Grenzen, gerade, wenn es körperlich zu schwierig wird. Ich habe ein ganz gutes Stilgefühl. Und, wie ich finde, auch einen guten Geschmack. Aber wenn es darum geht, Fenster auszutauschen oder Wände einzureißen, dann bin ich raus.

Sie leben mit Ihrem Freund und Ihren zwei Kindern in Hamburg. Ist Hauskauf auch ein Thema? Wir waren monatelang auf der Suche. Deshalb passte das Format so gut zu meiner Situation. Jetzt haben wir uns gerade entschieden. Unser Hauskauf ist mit einer großen Renovierung verbunden.

Bleiben Sie in Hamburg? Ja. Ich will auf keinen Fall weg. Ich war beruflich immer mal im Ausland und bei meinem Freund könnte das auch mal anstehen. Das wäre für eine gewisse Zeit auch okay. Grundsätzlich hänge ich sehr an Hamburg. Ich bin hier geboren und hier leben meine Freunde und der Rest Familie, den ich noch habe. Ich habe lange in Berlin gelebt und ein halbes Jahr auf Mallorca. Aber in jeder freien Minute war ich am liebsten in Hamburg.

Sie haben einen Blog „Mutterrolle“ – was war die Idee dahinter? Ich hatte während meiner Schwangerschaften so viele Emotionen und Gedanken in mir, daraus wollte ich etwas machen. In meiner ersten Schwangerschaft habe ich ein Buch mit einer Freundin zusammen geschrieben. Ehrlich gesagt könnte nichts unterschiedlicher sein, als die Schwangerschaftszeit von Frauen. Viele Frauen haben mich gefragt, wie es bei mir ist. Es ist so ein großes Gefühl, sich auszutauschen. Das vereint die Menschen. Dadurch kam ich dazu. Ich hatte das Gefühl, dass es nicht nur mir etwas bringt.

Verdienen Sie damit Geld? Ja. Wenn man so eine große Reichweite hat, dann ergeben sich automatisch spannende Möglichkeiten, die für alle Seiten Sinn machen. Ich mache allerdings nur Werbung für Dinge, hinter denen ich stehen kann und achte darauf, nicht zu viele Kooperationen zu machen.

Sei es auf Ihrem Blog oder bei Social Media, aber auch im Fernsehen − Sie geben sehr viele private Einblicke. Gehört das zur Karriere dazu? Ich bin ein lebensfroher, optimistischer Mensch. Nicht naiv. Mir ist schon bewusst, dass das Internet Gefahren birgt. Bei meinem ersten Kind war ich da noch ganz vorsichtig. Aber jetzt habe ich keine Angst mehr davor, dass meine Kinder das später nicht gut finden. Ich poste doch nur Fotos, die vor Lebensfreude strotzen und keine volle Windel. Ich kann mir schon vorstellen, dass man vielleicht irgendwann das Maß verlieren kann. Als Eltern ist man so stolz auf seine Kinder. Mein Sohn sagt mir mittlerweile, ob er das in einer Situation will oder nicht. Auch, ob er zu einem Event mitkommen will, oder eben nicht. Er ist jetzt in einem Alter, da kann ich ihn fragen und miteinbeziehen.

Haben Sie Ihren Sohn auch gefragt, ob Sie sich wieder für den „Playboy“ ausziehen dürfen? Sie waren im Juni erneut auf dem Cover des Magazins. Das war ihm ziemlich egal. Den interessiert das nicht. Ich habe ihn natürlich gefragt. Auch für mich war die Entscheidung nicht mehr so groß, weil es schon das dritte Mal war.

Wie kam es dazu? Ein Freund von mir ist Paul Ripke, der Fotograf. Wir wollten schon immer einmal zusammen ein Playboy-Shooting machen. Als dann die Anfrage kam, hab ich ihn gefragt. Und er hat sofort zugesagt. Wir haben in der Nähe von Frankfurt geshootet. Ich wollte dieses Mal ganz bewusst keine Fotos am Strand. Wir sind dann in einen 70er-Jahre-Look-gehüpft.

Sie werden nächstes Jahr schon 40. Haben Sie ein Problem mit dem Älterwerden? Überhaupt nicht. Ich bin jetzt 39 und finde das ganz cool. Ich mag ungerade Zahlen viel lieber, daher liegt mir die 40 nicht so. Aber auf die 43 freue ich mich schon richtig. Quersumme 7 ist voll mein Ding.

Nina Bott... persönlich Sport ist... anstrengend, aber wichtig, gerade für Lennox und meinen Freund.

In Hamburg kann ich... abschalten.

In der Öffentlichkeit... bin ich trotzdem ich.

Als Mama... weiß man, was einem wirklich wichtig ist.

Der G20-Gipfel war... echt nervig. Wir sind geflohen. Ich hatte ein mulmiges Gefühl.

Ich kann nicht leben ohne... meine Kinder.
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„Hamburg ist nicht die schönste Stadt“

Stararchitekt Hadi Teherani über die Defizite der Hafencity, Kreativität und eine Wohnbrücke über die Elbe

Meinung – Markus Lorenz
Man sagt, er baut Hamburgs Denkmäler von morgen. Kein anderer Architekt hat dem modernen Stadtbild so den Stempel aufgedrückt wie Hadi Teherani. Wir treffen den Baumeister mit persischen Wurzeln in seinem Büro im Lofthaus am Elbberg, eine dieser atemberaubenden Teherani-Schöpfungen. Aus dem Fenster fällt der Blick über Elbe und Hafen – und auf eine seiner Lieblingskreationen.

Herr Teherani, wie gefällt Ihnen die Elbphilharmonie? Die gefällt mir gut. Das ist mal ein Highlight für Hamburg, das international ausstrahlt. Mittlerweile ist es schon ein Wahrzeichen. Bei anderen Immobilienprojekten sagt man jetzt, man hat Elbphilharmonie-Blick.

„Mal ein Highlight“? Wagt Hamburg architektonisch zu selten etwas? Viel zu selten. Hamburg ist der eigenen Schönheit verfallen. Die Stadt ist durch ihre natürliche Lage mit Elbe und Alster gesegnet. Sie ist zu selbstgenügsam.

Ist Hamburg denn nicht die „schönste Stadt der Welt“, wie so manche sagen? Nein. Es ist eine der schönsten Städte. Es gibt aber viel spannendere Städte, wie London, Barcelona oder auch Istanbul. Aber das stört die Hamburger nicht. Die fühlen sich wohl in ihrem Nest und wollen nicht gestört werden.

Ist das ein Fehler? Wenn man an die Konkurrenz unter Städten bei der Stadtentwicklung denkt, dann ist es ein Fehler. Städte, die sich nicht verändern, sind uninteressant.

Welche Rolle spielt Architektur dabei? Braucht Hamburg mehrere Elbphilharmonien? Hamburg braucht nur eine Elbphilharmonie. Aber die Stadt braucht zusätzlich noch andere Gebäude, die eine ähnliche Funktion übernehmen. Der Grund, warum wir andere Städte besuchen, ist schließlich die Architektur. Niemand würde nach Rom fahren, wenn die alten Römer dort nicht die tollen Gebäude hingestellt hätten. Sonst könnte man ja nach Hannover oder Dortmund fahren.

Was ist mit der Hafencity? Die haben Sie früher mal als „Würfelhusten“ kritisiert. Fällt Ihr Urteil inzwischen milder aus? Die Hafencity ist eigentlich ganz gut gelungen ...

… aber? Es ist noch Luft nach oben.

Das heißt? Es müsste noch einige tolle Bausteine geben, damit die Hafencity ihren Reiz zeigt. Mir fehlt eine übergeordnete Idee, die die besondere Atmosphäre des Ortes aufnimmt. Den Genius loci, die besondere Spannung zwischen Wasser und Gebäuden, wie etwa in Venedig. Das architektonische Niveau ist schon hoch, aber manches ist zu austauschbar und zu eng bebaut.

Zum Beispiel? Zum Beispiel am Kaiserkai, darauf bezog sich der „Würfelhusten“. Gerade jetzt, wo die Elbphilharmonie fertig ist, hätte der Kaiserkai ein breiter Boulevard sein müssen. Aber diese Fehler sind vor langer Zeit gemacht worden.

Abgesehen von der Elbphilharmonie: Welches Gebäude in der Hafencity gefällt Ihnen am besten? Mein eigenes, das Gebäude von China Shipping am Sandtorkai. Es nimmt Strukturen aus dem Hafen auf und orientiert sich an einem Vancarrier.

Sie planen derzeit ein neues Projekt in der Hafencity...? Am Strandkai haben wir ein Wohngebäude entworfen, neben dem Marco-Polo-Tower und genauso hoch.

Wie drückt sich dabei der Genius loci aus? Das Haus nimmt die Idee eines Schiffes auf. Wir bauen Decks, so dass die Menschen um ihre Wohnung herumgehen können. Man kommt vom Wohnzimmer auf ein Holzdeck, davor ist eine Reling. Das Ganze gestapelt und leicht verdreht.

Am östlichen Ende der Hafencity will Hamburg erstmals ein 200-Meter-Hochhaus bauen, den Elbtower. Gute Idee? Ja, eine gute Idee. Ich finde allerdings, dass so ein Hochhaus in der Mitte der Hafencity in Höhe Baakenhöft besser aufgehoben wäre als am Rand. Auch dort würde ein schlankes Gebäude nicht die Silhouette mit den Kirchtürmen zerstören.

Bürgermeister Scholz hat für den Elbtower „Weltklassearchitektur“ angekündigt und um Entwürfe gebeten. Machen Sie mit? Ja. Wir lassen uns jetzt mal die Unterlagen kommen.

Viele Ihrer Gebäude prägen das moderne Hamburg, etwa die Tanzenden Türme auf St. Pauli, das Dockland in Altona und der Berliner Bogen. Sprechen Menschen Sie darauf an und sagen: „Das hast Du gut gemacht“? Ja. Das passiert ständig.

Was ist das für ein Gefühl? Das ist eine schöne Bestätigung meiner Arbeit. Die Leute sagen das mit Respekt. Dann geben sie mir die Hand, springen über ihren Schatten und sagen: „Ich möchte Ihnen mal danken für die schönen Häuser, die sie gebaut haben.“

Mögen Sie den Begriff „Stararchitekt“? Naja. Den Titel gibt’s ja gar nicht. Wir sind alles Architekten. Aber aus dem Produktdesign weiß ich, dass es dazu gehört, solche Marken zu kreieren.

Sie haben eine besondere Formensprache, etwa bei den Knicks der Tanzenden Türme oder beim Dockland, das wie ein Schiff aussieht. Wo kommen Sie auf so was? Es steckt immer eine Idee dahinter und eine Klarheit. Hamburg ist eine klare Stadt und klar eingeteilte Stadt. Hier Alster, dort Elbe. Hier weiße Villen, dort roter Backstein. Mit meinen Gebäuden antworte ich auf diese Klarheit, und ich berücksichtige immer die besonderen Eigenarten des Ortes, an dem das Gebäude stehen soll.

Woher schöpfen Sie ihre Kreativität? Für mich ist Kreativität normal. Ich schöpfe meine Ideen aus der Umgebung.

Ein Beispiel, bitte. Bei den Tanzenden Türmen habe ich den Spirit und den Move des Viertels St. Pauli aufgenommen. Und habe eben kein gerades Hochhaus entworfen wie die anderen. Ganz einfach.

Aber so einfach scheint es nicht zu sein, wenn andere nicht darauf kommen...? Doch. Die anderen denken zu kompliziert.

Welche Rolle spielt dabei, dass Ihre Wurzeln im Iran liegen? Das kann eine Rolle spielen. Aber ich bin in Deutschland zur Schule gegangen und ausgebildet worden. Ich bin deutsch geprägt, auch wenn meine Eltern mit mir Persisch gesprochen haben.

Kein Einfluss aus dem persischen Kulturkreis? Doch. Im Iran sind beispielsweise Gastfreundschaft und Respekt stärker ausgeprägt. Bei Gebäuden muss man Respekt für die Umgebung zeigen. Und es gibt im Iran die Tradition, nachhaltige Häuser zu bauen. Wind wurde durch das Innere geleitet und zum Kühlen über ein Wasserbecken geführt. Dieses Prinzip der Luftbewegung habe ich auch eingesetzt, etwa im Deichtorcenter und im Doppel X.

Welches Ihrer Hamburger Gebäude gefällt Ihnen am besten? Ich mag das Dockland noch immer, blicke aus meinem Büro darauf und freue mich, dass so viele Menschen da rauflaufen. Und wenn ich an den Tanzenden Türmen vorbeifahre, freue ich mich, dass sie von jeder Seite anders aussehen. Das Gebäude hat eine seltene Tiefe und Reife.

Hamburg streitet derzeit über den Abriss des denkmalgeschützten City-Hofs. Wie gefällt Ihnen der Entwurf für den Nachfolgebau? Ich verstehe diejenigen, die für den Abriss sind, aber auch die, die dagegen sind. Insgesamt könnte Hamburg mehr Brüche in der Architektur gebrauchen. Wenn jetzt so ein Bruch wie der City-Hof wegfällt und ein Möchtegern-Kontorhaus entsteht, finde ich das eher langweilig. Die Stelle ist die eigentliche Einfahrt nach Hamburg, dort hätte die Chance zu Weltarchitektur bestanden.

Welchen Traum als Architekt wollen Sie sich noch erfüllen? Mein Traum wäre, weiterhin so arbeiten zu können wie derzeit und immer wieder was Neues zu machen. Ich bin im Moment so frisch wie vor 40 Jahren.

Eine Ihrer großen Ideen, die nie verwirklicht wurden, war die Living Bridge, eine Wohnbrücke über der Elbe in Hamburg mit 1000 Wohnungen. Sehen Sie noch eine Chance? So lange an der Stelle noch nichts gebaut ist und der Sprung über die Elbe ein Ziel Hamburgs bleibt: ja. Eine Wohnbrücke wäre die beste Möglichkeit, den Süden urban anzubinden. Das ist eine historische Chance.

Hadi Teherani... persönlich Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist … meine Lounge an der Außenalster, direkt am Wasser.

Dieses Hamburger Gebäude würde ich sofort abreißen … das Millerntor Center gegenüber den Tanzenden Türmen.

Arbeiten bedeutet für mich … mein Leben.

Entspannung finde ich … bei der Arbeit.

Ich möchte niemals wohnen in … einer dunklen Straße ohne Grün.

Ich habe Angst vor … Dummheit.

Das schönste Gebäude der Welt ist für mich … die Villa Malaparte auf Capri.
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Besuch von Kate und William in Hamburg

Interview mit Rolf Seelmann-Eggebert: „Man kann informiert spekulieren“

Meinung – Mona Adams
Queen Elisabeth II ist mit ihren 91 Jahren noch immer im Dienst. Der Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert irgendwie auch. Mona Adams traf den 80-Jährigen auf einen Kaffee in seinem Büro in Eppendorf. Seinen Kaffee trinkt der Journalist gerne aus royalen Bechern. Momentan mit Kate und William drauf. In der kommenden Woche ist das royale Traumpaar auf Deutschlandreise, am Freitag kommen sie für einen Besuch auch nach Hamburg.

Wie sind Sie zum Adelsexperten geworden? Rolf Seelmann-Eggebert: Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich war in London Korrespondent der ARD, als Charles und Diana sich kennenlernten, verlobten, heirateten. Eigentlich versuchte ich in der Zeit verzweifelt politische Berichterstattung zu machen, doch den Redaktionen waren Charles und Diana viel wichtiger. Da habe ich mich das erste Mal in die Thematik eingearbeitet. In Deutschland war ich dann Programmdirektor und mit der Darstellung und Berichterstattung über das britische Königshaus sehr unzufrieden. Es wurde nur über Skandale berichtet. Ich bekam dann die Möglichkeit die Windsors ein Jahr lang zu begleiten. Das war mein Einstieg. Eigentlich wollte ich zurück nach Afrika, in die Berichterstattung über die Dritte Welt. Das habe ich dann zu meinem Hobby gemacht. Mein Leben hat sich also zwischen Hütten und Palästen abgespielt. So wird möglicherweise ein Buch heißen, das bald mal über mein Leben erscheint.

Möglicherweise? Möglicherweise. Es ist noch nicht geschrieben. Mehr kann ich dazu nicht sagen, weil sonst die Familie allzu überrascht wäre. Wenn man ein Buch schreibt, das eine persönliche Lebensgeschichte konzipiert, muss man erst das ein oder andere Gespräch führen.

Haben Sie gerne über den königlichen Adel berichtet? Mich hat es gereizt, zu erfahren, wie weit man als Journalist an die Häuser herankommt. Das war journalistische Neugier und Ehrgeiz.

Wie viel Ihrer Arbeit ist es zu spekulieren? Man kann informiert spekulieren. Sie können zum Beispiel Charles mit seinem Sohn William vergleichen und daraus etwas schließen. Wenn man viel liest, auch was verlautbart wird, dann weiß man schon eine Menge. Und wenn Sie mir dann die Frage stellen, war die Königin für oder gegen den Brexit, dann kann ich sagen, dass sie niemals dazu Auskunft geben kann. Aber ich würde sagen, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie für den Brexit war. Eine Familie, die derart in Europa verankert ist, kann nicht für so etwas sein, was Europa schwächer macht.

Ist das auch der Grund, weshalb Herzogin Catherine und Prinz William kommende Woche nach Deutschland kommen? Es gibt zwischen Staaten Staatsbesuche, offizielle Besuche, private Besuche. Das, was die beiden machen, lässt sich schwer einordnen. Das Auswärtige Amt der Briten hat sie sozusagen aufgefordert diese Reise anzutreten. Sie haben zugestimmt. Das ist eher ungewöhnlich. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Königshaus von der Regierung eingespannt wird, die Beziehung so gut wie möglich erscheinen zu lassen. Sie sind ja vorher noch in Polen, Charles war in Rumänien und Rom gewesen. Das ist eine Häufung, die ungewöhnlich ist. Die sind allesamt mächtig auf Reisen.

Welche Rolle spielen Kate und William? Sie haben es bislang gut gehabt. Aufgrund des Todes ihrer Mama Diana hat Charles seine Söhne William und Harry lange Zeit einfach machen lassen, ohne große Verpflichtungen. William durfte seine Fliegerei weiter machen, hat mit der Familie außerhalb von London gelebt. Dadurch aber, dass der Herzog von Edinburgh erklärt hat, dass er ab Herbst nicht mehr für offizielle Pflichten zur Verfügung steht, ist ein großes Loch entstanden. Er war ungefähr Schirmherr von 600 Organisationen, da muss der ein oder andere gefunden werden, der die Bürde der Verantwortung übernimmt. Und deshalb sind die Kinder jetzt gefordert. Nicht nur William und Kate, sondern auch Harry. Wobei man da die Hoffnung hat, dass er vielleicht noch in diesem Jahr heiratet. Mit einer Frau an seiner Seite steht er bei offiziellen Anlässen noch besser da.

Wie weit reichen Ihre Kontakte? Je mehr Königshäuser man gemacht hat, desto höher ist die Chance, dass man die Ausstehenden auch kriegt. Man sollte nicht drängeln, und sich Zeit lassen. Ich habe es sogar fast mal geschafft, den japanischen Kaiser zu interviewen.

Wie kam das? Ich wollte ein Interview mit dem Tenno machen. Dann kam er nach Deutschland zum Staatsbesuch. Den Bundespräsidenten Weizsäcker kannte ich damals ganz gut. Dieser bat ihn dann beim Staatsbankett für mich um ein Interview. Der arme Kaiser hörte sich das an und ging zu seinem Haushofmeister, also seinem obersten Verwaltungsmann. Dem fiel vor Schreck die Gabel aus der Hand. Leider sprach dessen Empfehlung gegen mich, so dass der Tenno wieder zu Weizsäcker ging, und mir absagte. So nah komme ich heran, aber näher nun mal auch nicht.

Wie kommen Sie an Ihre Gesprächspartner? Ich habe mir zu Beginn das Schwierigste vorgenommen. Ich versuchte ein Interview mit Charles zu seinem 30. Geburtstag zu machen. Das wurde mir abgeschlagen. Später war es dann so, dass ich Prinzessin Ann als Gesprächspartnerin bekam, dann mit großer Mühe den Herzog von Edinburgh. Charles bekam ich wieder nicht. Dann fiel mir ein, dass es eine Schwester von Philip gab, die damals mit einem Hannoverschen Prinzen, Prinz Georg, verheiratet war. Die rief ich an. Wenig später bekam ich einen Anruf, ich könnte mit Charles sprechen.

Wen haben Sie noch interviewt? Nachdem ich die Windsors geknackt hatte, war es mir möglich mit allen damaligen Monarchen Interviews zu führen. Mit Ausnahme der Queen. Die gibt keine Interviews. Ich bin bei allen sechs Königshäusern vorstellig geworden. Auch Juan Carlos von Spanien wollte zunächst nicht mit mir sprechen, doch auf ähnliche Weise, wie bei Charles gab es dann eine positive Intervention. Juan Carlos war nach unserem Interview so glücklich, dass der Regisseur und ich als Dank Zigarren aus dem Keller der Zarzuela bekamen. Ich habe dann noch mit vielen Kronprinzen gesprochen, von denen heute der ein oder andere König ist. Dabei war auch die schwedische Kronprinzessin Victoria, die ich besonders schätze. Ihre Mutter übrigens auch.

Wer ist ihr königlicher Liebling? Am meisten verstehe ich vom britischen Königshaus. Besonders zu schätzen weiß ich aber die schwedische Königin. Ich halte sehr viel von ihrem Engagement für die Dritte Welt. Da hat sich eine Beziehung ergeben. Sie hat ein Kinderhilfswerk gegründet, die World Childhood Foundation, die auf vier Stiftungen in Brasilien, Schweden, Amerika und Deutschland beruht. In dem Gremium in Deutschland sitze ich auch.

Wie sieht Ihre Arbeit heute mit 80 Jahren aus? Filme mache ich nicht mehr. Ich will mich noch einmal mit Afrika beschäftigen, sozusagen als Bogen. Ich fange in Afrika an, und höre in Afrika auf. Ich bin 15 Jahren nach meiner Pensionierung immer noch relativ tätig. Das beabsichtige ich auch weiterhin zu bleiben. Die Feder hinzulegen und zu sagen, das wars, geht nicht. Es ist eine Gewohnheit. Ich bin aber mittlerweile aus der Berichterstattung weitgehend ausgestiegen. Nur bei großen Übertragungen mache ich noch mit. Wenn man seine Kontakte nicht permanent pflegt, dann ist das schwierig, sie zu halten. Die Spitze bleibt zwar – Monarchen pflegen Monarchen zu bleiben bis zum letzten Atemzug – aber die anderen wechseln.

Fehlt Ihnen ihre Arbeit? Nö. Ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Ich erlebe heute, wie groß das Interesse am Königshaus geworden ist. Das war damals ganz anders. Vor 30 oder 40 Jahren war nur Hollywood auf unseren Titelseiten, eben Filmstars. Man konnte deutlich erkennen, wie sich die Sache änderte. Plötzlich waren Königskinder gefragt.

Aber wenn Herzogin Catherine und ihr Prinz William mit ihren Kindern nach Hamburg kommen, sind sie dabei? Da werde ich mit der Moderatorin Mareile Höppner zusammen in Berlin sein. Wir haben in der Hauptstadt ein zentrales Studio eingerichtet, von dem aus wir live berichten. Ich bin dabei der Experte für Königliches.

Wären Sie nicht lieber vor Ort? Ich sehe es besser auf meinem Bildschirm in meinem Studio, als wenn ich irgendwo an einer Straßenecke stehe und die beiden vorbeifahren. Ich werde sie trotzdem erleben. Ich bin eingeladen zur Gartenparty, die am Tage ihrer Ankunft in Berlin stattfindet. Da habe ich die Nähe, die ich sonst missen würde.

Aber ein Interview mit Kate und William werden Sie nicht führen? Ich habe es versucht. Ich habe noch keine Antwort, es kann also immer noch passieren. Nach dem Großvater und dem Vater wäre es sehr schön, wenn ich auch William interviewen könnte. Ich habe ihn schon getroffen, aber noch nie ein Interview mit ihm geführt.

Rolf Seelmann-Eggebert ... persönlichDie Königshäuser… sind ein unerschöpfliches Thema.

Ich bin Journalist geworden, weil… ich neugierig war und viel Neues kennenlernen wollte.

Als Adelsexperte bin ich… spezialisiert auf die königlichen Häuser, nicht so sehr auf den deutschen Adel.

Mein Ruhestand ist… ein Unruhestand.
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Der Bürgermeister von Hamburg im Interview

Olaf Scholz vor dem G20-Gipfel: „Ich bin nicht naiv genug zu übersehen, dass Schlimmeres geplant ist“

Meinung – Barbara Glosemeyer, Markus Lorenz und Burkhard Ewert
Herr Bürgermeister, wenige Tage vor dem G20-Gipfel: Freuen Sie sich auf das Ereignis, oder machen Sie drei Kreuze, wenn's vorbei ist? Im Gegenteil: Ich finde es gut, dass es den Gipfel gibt. Es gibt einiges über die weitere Entwicklung der Welt und über die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu besprechen. Und es ist gut, wenn so ein Treffen in einem demokratischen Land wie Deutschland stattfindet. Und erst recht in einer so weltoffenen Stadt wie Hamburg.

Viele Menschen sind genervt von den Einschränkungen in der Stadt. Können Sie verstehen, wenn Leute sagen: Bleibt mir weg mit eurem Gipfel? Ich bin sicher, die meisten wissen, wie notwendig es ist, dass gerade diese Staats- und Regierungschefs miteinander über die wichtigsten Fragen der Gegenwart reden.

Sie haben neulich für Erstaunen gesorgt, als Sie den G20-Gipfel mit dem Hafengeburtstag verglichen haben... Ich habe mich darauf bezogen, dass es auch im Zusammenhang mit anderen größeren Ereignissen in Hamburg zu Verkehrsbehinderungen in der Innenstadt kommt. Damit haben wir hier Erfahrung. Beim Hafengeburtstag fahre ich immer mit der S-Bahn ins Rathaus, weil ich sonst nicht durchkomme.

Hätten Sie die Gastgeberrolle für den Gipfel nicht ablehnen können? Wieso hätte ich das tun sollen? In der Hamburger Verfassung steht, dass wir als Hafenstadt Mittlerin für den Frieden zwischen den Völkern sein wollen. Es wäre eine merkwürdige Haltung, die Ausrichtung eines solchen Gipfels abzulehnen. Es muss möglich sein, ein solches Treffen in Berlin, Hamburg oder München durchzuführen. Das sind die drei Städte in Deutschland, die groß genug sind, um Tausende Delegationsteilnehmer, knapp 5000 Journalisten und die nötigen Sicherheitskräfte aufzunehmen. Vorschläge, das auf Helgoland oder in der Lüneburger Heide zu machen, sind nicht ganz zu Ende gedacht, um es höflich auszudrücken.

Es wird eine 38 Quadratkilometer große Demonstrationsverbotszone geben. Wenn Protest der Menschen die Politiker akustisch und optisch überhaupt nicht erreicht, ist das nicht eine Aushöhlung des Rechts auf Demonstration? Wir haben fast 30 genehmigte Demonstrationen und Kundgebungen, auch in der Innenstadt. Die Polizei sorgt dafür, dass solche friedlichen Versammlungen stattfinden können. Was nicht stattfinden darf, ist eine Gefährdung der Gipfelteilnehmer und Gewalt. Es ist bedauerlich, dass einige Demonstrationsaufrufe keine Distanzierung von Gewalt beinhalten.

Was hätte eigentlich der Juso Olaf Scholz zu den Einschränkungen des Demonstrationsrechts gesagt? Gewalt ist kein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Ich habe mich schon als junger Sozialdemokrat mit denjenigen gestritten, die nicht bereit waren, für ausschließlich friedliche Kundgebungen zu werben. Wer jetzt sagt: „Wir lassen uns nicht spalten, deshalb distanzieren wir uns nicht von Gewalt“, sollte es mir nachsehen, dass ich nicht naiv genug bin zu übersehen, dass da Schlimmeres geplant ist.

Beobachtet die Polizei bekannte Gefährder gezielt? Die Sicherheitsbehörden tun alles, um zu gewährleisten, dass keine Straftaten verübt werden können. Vielleicht ist es auch noch einmal wichtig sich klarzumachen: Von den Gipfelteilnehmern geht keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit aus. Und auch nicht von den allermeisten Kundgebungsteilnehmern. Es geht um eine kleine Minderheit von Gefährdern, und derentwegen betreiben wir einen sehr großen Aufwand.

Können Sie Wut und Ärger gerade junger Menschen über den Zustand der Welt verstehen? Und deren Wunsch, den verantwortlichen Politikern mal richtig die Meinung zu sagen? Unbedingt. Das soll auch möglich sein und findet auch statt. Es ist richtig und notwendig, dass eine kritische Weltöffentlichkeit Forderungen an Politiker stellt; auf friedlichen Versammlungen natürlich.

Das Bundesverfassungsgericht hat grundsätzlich ein Protestcamp im Stadtpark erlaubt... Nein. Das Bundesverfassungsgericht hat gesagt, es soll nach Versammlungsrecht eine Entscheidung getroffen werden. So ein Camp ist als politische Demonstration möglich, aber eben nicht mit Übernachtungsmöglichkeit.

Kommt Hamburg mit den 50 Millionen Euro aus, die der Bund für die Sicherheit beim G20-Gipfel zahlen will? Wir kommen mit den 50 Millionen Euro, die der Bund zur Verfügung stellt, gut klar.

Hamburgs Polizei hat Berliner G20-Hundertschaften nach Hause geschickt, weil sie zu heftig gefeiert haben. War das die richtige Entscheidung? Ich glaube, dass die Hamburger und die Berliner Polizeiführung eine richtige Entscheidung getroffen haben. Wir arbeiten weiterhin gern mit der Berliner Polizei zusammen, im Übrigen auch bei diesem Gipfel.

20.000 Polizisten, 38 Quadratkilometer demonstrationsfreie Zone, hermetische Abriegelung von Messe und Elbphilharmonie und Kosten im dreistelligen Millionenbereich – ehrlich: Steht das alles noch im Verhältnis zum Anlass? Ehrlich: Die Frage ist falsch gestellt. Die eigentliche Frage ist, ob diese Frauen und Männer, die an der Spitze der Staaten stehen, sich treffen und unterhalten können sollen. Wenn wir das bejahen, müssen wir auch dafür sorgen, dass sie sich sicher in der weltoffenen und kosmopolitischen Stadt Hamburg treffen können. Und wir wollen auch friedliche Kundgebungen ermöglichen.

Was sind aus Ihrer Sicht die großen Themen von G20 in Hamburg? Die Welt hat große Probleme: Fallen wir zurück in eine Phase des Protektionismus, die Wohlstandsverluste in vielen Ländern mit sich bringen würde? Wie können wir einen fairen Handel in der Welt organisieren? Was können wir dagegen tun, dass die Steuergrundlagen der Staaten gefährdet werden, weil einige Unternehmen ihre Gewinne dorthin verlagern, wo sie gar nicht oder sehr wenig besteuert werden? Wie können wir gegen große Gesundheitsrisiken und Epidemien vorgehen, insbesondere in armen Ländern? Was können wir tun, um den menschengemachten Klimawandel zu begrenzen? Wie nehmen wir unsere gemeinsame Verantwortung gegenüber der Fluchtmigration wahr? Und für uns Europäer ganz wichtig: Wie können wir in Afrika eine eigenständige und bessere Entwicklung ermöglichen? Es ist ein großer Skandal, dass aktuell in Afrika großer Hunger durch eine verheerende Dürre herrscht, es die Weltgemeinschaft aber nicht schafft, die wenigen Milliarden Euro aufzubringen, um wirksam zu helfen. All das muss in Hamburg beraten werden.

Angesichts dieser Liste von Riesenproblemen: Wird die Welt nach den Tagen von Hamburg eine bessere, friedlichere und gerechtere sein? Oder gilt am Ende „Außer Spesen nichts gewesen“? Die Befürchtung, dass keine großen Fortschritte bei vielen dieser wichtigen Themen erreicht werden können, ist plausibel. Aber gerade das spricht für die Notwendigkeit des Treffens, nicht dagegen.

Wie fühlt es sich an, als Hamburgs Bürgermeister beim Gipfel zwar Gastgeber, aber nicht Teilnehmer zu sein? Die Bundesregierung hat die anderen Staaten eingeladen und ist damit auch die Gastgeberin. Wir helfen dabei, dass alles gut funktioniert und ich treffe eine Reihe der Staats- und Regierungschefs, auch auf bilateraler Ebene.

Würden Sie gern stärker mitreden? Ich bin Bürgermeister von Hamburg. Und auch wenn wir stolz auf unsere lange Tradition als Stadtrepublik sind, weiß ich doch, dass in diesem Falle die Bundesregierung ihre Aufgaben erledigen muss.

Wenn Sie Gelegenheit hätten, mit Donald Trump zu sprechen, was würden Sie ihm sagen? Aus meiner Sicht ist es ganz zentral zu verstehen, dass die Welt nur im Miteinander funktioniert, und dass es keine gute Perspektive ist, immer nur das eigene Land in den Vordergrund zu stellen. Ich würde deshalb sehr dafür werben, dass man immer auch die anderen Länder mit im Blick behält, denn gute und dauerhafte Lösungen müssen immer für alle funktionieren. Im Übrigen sollten wir nicht vergessen, dass wir große Gemeinsamkeiten mit der nordamerikanischen Demokratie haben. Wir haben den USA viel zu verdanken in Bezug auf die demokratische Entwicklung im Nachkriegsdeutschland.

Was würden Sie Wladimir Putin sagen? Für mich ist wichtig, dass in den internationalen Beziehungen das Recht im Vordergrund steht. Die Veränderung von Grenzen, etwa durch die Annexion der Krim und den Krieg in der Ukraine, stellen eine Bedrohung des Rechts der Völker dar. Das ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Alle sollten sich wieder darauf verständigen, dass Grenzen nicht verschoben werden dürfen und dass man den anderen nicht angreift. Im Übrigen wünsche ich mir, dass Russland eine positive Vorstellung von der weiteren Entwicklung der Europäischen Union hat und die EU als Nachbarn, nicht als Problem begreift.

Was hat die Stadt Hamburg vom Gipfel? Zunächst einmal haben auch wir etwas davon, wenn Lösungen für die Probleme der Welt gefunden werden. Wir sind als Stadt, die für einen großen Teil des deutschen Außenhandels zuständig ist, und als größter Hafen des Landes unmittelbar interessiert daran, dass Protektionismus nicht um sich greift. Im Übrigen bin ich fest davon überzeugt, dass es der Stadt Hamburg natürlich dienen wird, dass sie mehrfach global wahrgenommen wird als offene, soziale, liberale und schöne Stadt. Die weltweite Aufmerksamkeit für die Elbphilharmonie hält an. Mit der Eröffnung des neuen Röntgenlasers XFEL im Spätsommer werden wir Anerkennung als weltweiter Wissenschaftsstandort finden. Und nun werden rund 5000 Journalisten aus fast 70 Ländern der Erde aus Hamburg über den G20-Gipfel berichten.

So kurz vor dem Gipfel und angesichts der befürchteten Ausschreitungen bitte ein Blick ins Seelenleben des Bürgermeisters. Schlafen Sie noch ruhig? Ich schlafe ruhig. Wir haben uns gut vorbereitet und ich bin sicher, dass wir uns auf diejenigen verlassen können, die für die Sicherheit verantwortlich sind. Wir haben gute Polizistinnen und Polizisten, das sind tolle Leute.

Sie sind am 6. Juli beim Global Citizen Festival in der Barclaycard Arena dabei. Auf wen freuen Sie sich besonders? Da bin ich nicht so festgelegt. Auf jeden Fall gibt es ein Wiedersehen mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau.

Was machen Sie am 9. Juli, wenn alles vorbei ist? Ich treffe den argentinischen Präsidenten. Bis zum Urlaub ist es noch eine Weile hin.

Alle Artikel rund um den G20-Gipfel gibt es auf unserer Übersichtsseite shz.de/g20.
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Andy Grote im G20-Interview

Hamburgs Innensenator: „Ich träume nachts nicht vom Gipfel“

Meinung – Marco Tripmaker
Raum III im prächtigen Hamburger Rathaus: mit Ledertapeten besetzte Wände, historische Gemälde und mit geschnitzten Ornamenten verzierte, schwere Türen: Ein Ort der Ruhe im geschäftigen Hamburger Rathaus dieser Tage, einem der schönsten Gebäude der Stadt. Andy Grote (49), seit Januar 2016 Innen- und Sportsenator in Hamburg, kommt mit ruhigen Schritten zur Tür herein. Gibt die Hand, setzt sich auf dem ihm zugedachten Platz an der Spitze des massiven Tisches, faltet die Hände und wartet auf die erste Frage: Alle haben zurzeit Fragen an ihn, den verantwortlichen Senator für die Sicherheit des G20-Gipfels. Im Gespräch mit shz.de strahlt Grote nur wenige Tage vor einem der wichtigsten Ereignisse in der Hamburger Geschichte vor allem eines aus: eine beeindruckende Ruhe.

Sie haben seit Monaten als verantwortlicher Innensenator nur noch ein Thema: den G20. Angesichts der möglichen Szenerien könnte man meinen, Sie seien der Mann, der derzeit in Hamburg am schlechtesten schläft... Wenn der Innensenator in dieser Zeit schlecht schlafen würde, dann wäre das kein gutes Zeichen für den G20 und die Sicherheit in der Stadt. Ich weiß, dass sich alle Verantwortlichen und Einsatzkräfte seit vielen Monaten konzentriert und mit einer hohen Professionalität auf den Gipfel vorbereiten. Wir können darauf vertrauen, dass die Sicherheit gewährleistet ist.

Das Thema G20 spielt also abends im Hause Grote keine Rolle mehr? Gar keine Rolle will ich nicht sagen, aber ich kann abschalten und träume nachts auch nicht vom Gipfel.

Können Sie im Vorfeld und während des Gipfels überhaupt noch auf St. Pauli leben, quasi im Zentrum des linken Widerstandes? Es wurde ja zuletzt ein paarmal bei Ihnen eingebrochen, und am Montag hatten Aktivisten einen ausrangierten Wasserwerfer vor Ihrem Haus postiert... Ich bewege mich im Stadtteil ganz normal. Nach den Einbrüchen wurden die Sicherheitsmaßnahmen rund um unsere Wohnung verstärkt. Aber ich mache aus meiner Wohnung keine Festung.

Sie haben zuletzt die linke Szene für ihr radikales Vorgehen kritisiert und sich damit im Viertel nicht unbedingt Freunde gemacht. Meinen Sie, Sie werden zum Saisonstart des FC St. Pauli wie üblich ein Spiel besuchen können? Klar, die meisten Menschen dort sind ganz normal und haben politisch eher eine linke Einstellung. Das heißt nicht, dass sie radikalen und militanten Protest begrüßen. Ich erlebe St.  Pauli als einen Stadtteil mit einer großen Offenheit, Toleranz und einem breiten Meinungsspektrum. Der Saisonstart ist also nicht gefährdet, jedenfalls nicht aus Sicherheitsgründen.

Sie werden während des Gipfels knapp 90 Kolonnen begleiten. 42 Gipfelteilnehmer gelten als gefährdet, drei als besonders gefährdet. Wie wollen Sie den Transfer vom Flughafen in die Stadt sichern, wenn am Straßenrand Lieferwagen oder Autos parken, die möglicherweise mit Sprengstoff oder Material für Blockaden beladen sind? Gehen Sie mal davon aus, dass die Polizei mögliche Gefahrenquellen schon sehr gut im Blick hat. Wir wissen genau, dass die linke Szene sich bereits sensible Orte ausgeguckt hat und haben dort Leute angetroffen. Wir werden nicht bekannt geben, wer wann welche Route nutzt. Es werden nicht alle geparkten Fahrzeuge entlang der Routen entfernt.

Angriffe welcher Art auf die Infrastruktur befürchten Sie konkret? Wir müssen mit Beschädigungen von Gleisanlagen, Bahnstationen, Straßen oder am Flughafen rechnen. Auch kann es Versuche geben, den Hafen durch Blockaden oder Sabotage lahmzulegen. Diese Bereiche sichern wir sehr intensiv. Wir müssen vor allem bei den Großdemonstrationen am Donnerstagabend und Sonnabend mit Ausschreitungen rechnen. Die Zahl der militanten Demonstranten wird einfach zu groß sein, als dass nichts passieren könnte.

Wie groß ist die Gefahr eines Terroranschlags? Der Europol-Chef und andere Experten warnen deut- lich... Wir haben schon seit längerer Zeit eine allgemein sehr hohe Gefahr von Terroranschlägen in Europa. Es gibt aber derzeit keinerlei Hinweise, dass der G20 besonders gefährdet ist. Wir wissen aber um die Gefahr und Sie können davon ausgehen, dass alles, was es an Professionalität in Sachen Terrorabwehr in Deutschland gibt, auch in Hamburg sein wird. Dass Sicherheitsniveau in der Stadt wird so hoch sein wie es noch nie war.

Im Falle eines Worst-Case-Szenarios mit Verletzten und Toten: Welche Konzepte gibt es zur Krisenintervention? Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet. Wir haben das bundesweit höchste Niveau in der Terrorabwehr, haben ganz neue Konzepte erarbeitet und neue Ausrüstung beschafft. Wir haben die Kollegen intensiv geschult und trainiert. Für alle Eventualitäten.

Warum wehren Sie sich eigentlich so vehement gegen große G20-Camps? Zunächst einmal wollten wir immer, dass das ganze demokratische Leben in unserer Stadt mit all den Foren, Plattformen, Initiativen und Versammlungen den Gipfel prägt. So haben wir während der Veranstaltung allein 30  Versammlungen − so viel wie bei keinem anderen Gipfel zuvor. Wir wollen aber nicht, dass Gewalt diese friedlichen Gegenstimmen überschattet und werfen deshalb ein besonderes Auge auf den kleinen, gewaltbereiten Teil der Protestaktivitäten. Beide Camps, sowohl im Volkspark als auch im Stadtpark, sind klarer Teil des militanten Widerstandes und würden ein Treffpunkt für alle gewaltbereiten Aktivisten werden. Die Camps würden Rückzugsmöglichkeiten zum Planen gewalttätiger Aktionen bieten und stellen damit eine Gefahr dar. An dieser Art von logistischer Basis haben wir kein Interesse.

Wie werden Sie nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, das Camp im Stadtpark teilweise zu genehmigen, weiter vorgehen? Das Bundesverfassungsgericht hat eine ausgewogene Entscheidung getroffen, mit der wir leben können. Danach können die Anmelder eine Versammlung in Camp-Form durchführen. Die Versammlungsbehörde kann aber auch sicherstellen, dass Sicherheitsbelange des G20-Gipfels, der Schutz der Grünanlage und die Beschränkung auf Bestandteile mit Bezug zur Meinungskundgabe gewährleistet ist. Das reine Übernachten während des Gipfels hat keinen Versammlungscharakter.

Der Sex-Skandal der Berliner Polizei wirbt ja nicht gerade für Vertrauen in der Bevölkerung... Ich erwarte von der Polizei auf offenes, korrektes und der Bevölkerung zugewandtes Verhalten. Wer sich nicht daran hält, auf dessen Unterstützung verzichten wir.

Wenn sich alles auf den G20-Gipfel konzentriert, dann könnte das ja der ideale Zeitpunkt sein, um am Stadtrand einzubrechen oder eine Bank zu überfallen. Auf St. Pauli ist bereits zu spüren, dass die Drogenkriminalität wieder anzieht. Weil Einsatzkräfte abgezogen wurden? Wir gewährleisten in ganz Hamburg weiterhin den Schutz der Bevölkerung. Es kann natürlich immer mal sein, dass besondere Schwerpunkteinsätze während des G20-Gipfels etwas reduziert laufen, weil nicht so viele freie Kräfte da sind. Es liefen aber auch in den letzten Tagen Einsätze zum Beispiel gegen die Dealerkriminalität.

Wie gefällt Ihnen eigentlich der Spitzname „Verbote-Grote“? Naja, damit kann ich leben. Ist halt viel politische Kampfrhetorik dabei. Wir liegen mit unseren Maßnahmen im unteren Bereich dessen, was man für so einen Gipfel machen muss. Wir haben die eng gezogenen Sicherheitszonen um die Veranstaltungsorte und die Transfer-Korridore in der Innenstadt und zum Flughafen. Daraus resultieren aber keine Verbote. Wir wollen mit jedem einzelnen Anmelder von Versammlungen gemeinsam Lösungen finden − meistens kriegen wir das auch hin. Ich glaube nicht, dass es schon mal einen Gipfel mit weniger Einschränkungen gegeben hat, obwohl wir massives Gewaltpotenzial in der Stadt haben und es massenweise Ankündigungen von Streckenblockaden gibt. Darauf müssen wir vorbereitet sein. Trotzdem gibt es keine Evakuierungen, keine Ausweisungen gefährlicher Orte, keine Akkreditierungsverfahren und keine großflächigen Sperrungen. Denken wir doch mal zurück: Beim Gipfel in Elmau hat die zentrale Kundgebung in München stattgefunden, beim Heiligendamm-Gipfel in Rostock. Hier ist alles mitten in der Stadt, ganz dicht am Veranstaltungsort. Das hat es noch nie gegeben. Ich finde dieses Herbeiinszenieren eines großen Konflikts, in dem man seine demokratischen Rechte gegen unseren Staat und unsere Polizei erkämpfen müsse, absurd. Das ist auch respektlos denen gegenüber, die in anderen Ländern tatsächlich die Unterdrückung ihrer demokratischen Freiheiten erleben müssen.

Freuen Sie sich schon auf den 9. Juli? Viel Zeit zum Durchatmen bleibt ja nicht − die Geburt ihres Kindes steht bevor... Ich erlebe in diesem Sommer tatsächlich zwei aufregende Ereignisse. Das eigentlich wirklich aufregende und bedeutende wird für mich persönlich natürlich das Ereignis nach dem Gipfel sein.



Alle Informationen und Berichte zum G20-Gipfel in Hamburg finden Sie gesammelt auf shz.de/g20.
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„Meine Songs sind für mich ein Ventil“

Johannes Oerding über seine Haare, seine Hamburg-Liebe und deutsche Musik

Meinung – Sarah Engel
Udo Lindenberg bezeichnet sie als kleinen Bruder von Stevie Wonder. Geht das runter wie Öl? Ja, das geht wirklich runter wie Öl (lacht). Udo knallt allerhand Komplimente über mich heraus, das ist sehr schön. Wir kennen uns schon sehr, sehr lange. Als ich vor 14 Jahren einen meiner ersten Auftritte auf der Reeperbahn hatte, war Udo im Publikum. Nach dem Konzert kam er zu mir, hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: „Du hast eine goldene Kugel im Hals. Du bist ein Goldkehlchen.“ Das ist natürlich ein Ritterschlag, denn ich bin ein großer Fan von Udo. Er ist einer meiner größten Helden und gehört zu den Gründervätern der deutschen Popmusik.

Sie beide eint auch die Leidenschaft für Hüte. Hand aufs Herz: Wie viele besitzen Sie? Ich besitze 32 Hüte, trage von diesen nur vier oder fünf. Die anderen Hüte behalte ich aber, weil jeder Hut für eine Phase meines Lebens steht (lacht).

Wann haben Sie Ihren ersten Hut gekauft? Meinen ersten Hut habe ich mit 15 oder 16 Jahren gekauft. Das war zu der Zeit meiner ersten Schülerband. Es war ein gestrickter Hut, den ich heute nicht mehr tragen würde. Für mich gehört der Hut zu Bühnenkluft. Außerdem lasse ich mir momentan die Haare lang wachsen und trage eine Übergangsfrisur. Das sieht einfach schäbig aus. Aber da ich sehr eitel bin mit meinem Haar, setze ich den Hut auf, der das gut kaschiert.

Und wie lang soll das Haar werden? Bis alle Stimmen verstummt sind, die ein Problem damit haben.

Oha, das Haar als Reizthema? Meine Haare sind meine Rebellion. Inzwischen sind die Stimmen zu meinem Haar ein wenig ruhiger geworden. Aber die Äußerungen zu meiner Frisur waren übertrieben. Fremde Menschen machen sich Gedanken über meine Frisur oder meinen Bart. Das finde ich absurd.

Warum mögen Sie deut sche Musik? Ich verstehe deutsche Musik und kann mich so damit auseinandersetzen. Deutsch ist meine Muttersprache, hier kann ich Texte mit Anspruch, neuen Bildern und Wortspielen schaffen. Das klappt nur als Muttersprachler. Würde ich auf Englisch texten, würde mein Wortschatz niemals ausreichen, und ich müsste Texte wie Dieter Bohlen schreiben. Dann reimt sich together auf forever – und das möchte ich nicht. Außerdem wünsche ich mir, dass die Menschen mich verstehen. Sie identifizieren sich lebenslang mit diesem Text, wenn sie eine Situation oder ein Erlebnis damit verbinden.

Wer hat Sie in der Jugend inspiriert? Ich habe nicht nur ein musikalisches Genre gehört. Ich mochte den deutschen Hip-Hop, Rock, Indie und Pop. Von den Beginnern über Michael Jackson und Bruce Springsteen bis zu David Hasselhoff war alles dabei. Das hat mich inspiriert und macht mein breites musikalisches Spektrum aus.

Sie kommen vom Niederrhein, sind auf dem Dorf aufgewachsen, wohnen jetzt in Hamburg. Warum wollten Sie raus? Das waren praktische und romantische Gründe. Ich wollte raus, die Welt entdecken, und wusste, dass ich das Musiker-Leben auf dem Dorf nicht bekomme. Hamburg war für mich die erste Adresse. Als ich nachts in die Stadt und über die Kennedy-Brücke fuhr, habe ich mich sofort verliebt. Für mich ist Hamburg die Musik-Stadt Nummer 1.

In welcher Kneipe in St. Pauli trifft man Sie? Ha, ich werde den Teufel tun und meine geheimen Spots in Hamburg verraten (lacht). Aber das Schanzenviertel ist mein Dorf in der Stadt. Alle Kneipen, die sich zwischen Schanze und Reeperbahn befinden, sind gut. Wichtig ist nur: Vor der Reeperbahn ist Schluss, denn hier wird es sehr touristisch. Dort habe ich keine Stammkneipe.

Können Sie eigentlich noch ungestört durch Ihren Kiez laufen? Ich falle inzwischen schon öfter auf. Vor allem abends, wenn die Menschen ein wenig was getrunken haben und sich trauen, werde ich angesprochen und um Fotos gebeten. Für mich hat sich damit geändert, dass ich mich abends nun auch ein wenig benehmen muss. Ich kann nicht mehr auf allen vieren kriechend aus dem Club herausstolpern (lacht).

Wenn Sie nicht in Hamburg sind, reisen Sie mit Ihrer Band von einem Gig zum nächsten. Haben Sie ein Ritual vor den Auftritten? Wir trinken Ramazzotti. Leider habe ich diese Tradition vor über zehn Jahren ins Leben gerufen, und ich wünschte, ich hätte mir damals einen anderen Schnaps ausgesucht. Aber jetzt ziehen wir das durch. Es gibt Ramazzotti mit Eis und Zitrone, wir bilden einen Kreis, und ich halte eine kleine, individuelle Rede. Danach geht es los.

Wie gehen Sie mit einem Tief nach dem Konzert um? Ich kenne diese Löcher. Manchmal toure ich so viel, dass ich kaum zum Abschalten komme. Aber es gibt Konzerte, die überragend und groß waren, und danach sitzt du im leisen Hotelzimmer. Das ist ein komischer Moment. Doch mit der Zeit habe ich gelernt, diesen Übergang zu schaffen. Trotzdem kann ich verstehen, dass große Künstler nach der Tour in ein Loch fallen, wenn sie nach Hause kommen und auf einmal wieder den Müll rausbringen müssen.

Ihre Songs sind sehr persönlich. Warum können Sie sich auf der Bühne so gut öffnen? Ich konnte mich schon immer besser musikalisch ausdrücken, als meine Gefühle im Gespräch zu thematisieren. Ich kann nur sehr schlecht über meine Gefühle reden und glaube, dass es vielen Männern ähnlich geht. Meine Songs sind für mich ein Ventil, so wie andere Tagebuch schreiben. Die Lieder auf der Bühne zu spielen bringt mich emotional weiter. Das ist also auch ein egoistischer Ansatz (lacht). Und wenn ich merke, dass andere Menschen auch davon berührt werden, bekommt mein Beruf einen Sinn.

Wie schwer trifft Sie dann Kritik zu Ihren Songs? Ich kann nur sehr schwer mit Kritik umgehen. Mein engster Kreis darf mich kritisieren, und selbst bei diesen Menschen freue ich mich mehr, wenn sie mich loben. Aber ich kann bei meinen Songs auch nicht abschalten. Wer meine Songs kritisiert, kritisiert mich. Das ist nervig, deshalb lese ich auch keine Zeitungskritiken.

Wem spielen Sie einen neuen Song als Erstes vor? Meiner Freundin, meinen zwei besten Freunden – mit dem einen lebe ich in einer WG, der andere wohnt im dritten Stock darüber, meinem Produzenten und meinem Manager. Das sind fünf Menschen, die mich unterstützen, und mehr brauche ich auch nicht.

Ihre Freundin ist die Sängerin und Moderatorin Ina Müller. Wie einig sind Sie sich beim Songschreiben? Ina und mich hat immer Musik verbunden. Wir haben einen ähnlichen Geschmack und sind uns einig, wie Musik und Texte klingen müssen. Oft geht es bei unserer Kritik immer um Nuancen und Feinheiten, das bedeutet mir viel.

Einige Ihrer Songs vom Album „Kreise“ sind in Australien entstanden. Warum mussten Sie sich diese Auszeit nehmen? Ich war ein wenig überarbeitet (lacht) und war noch nie in Australien. Also habe ich meinen Rucksack gepackt und bin alleine los. Während dieser Reise habe ich gemerkt, dass es Sinn macht, sich eine Pause zu gönnen. Ich habe keine Gitarre mitgenommen und fünf Wochen nichts getan, bis ich wieder Lust hatte zu schreiben. Das war sehr sinnvoll.

Auf Ihrem Album findet sich auch ein politisches Lied. In „Weiße Tauben“ singen Sie über den Wunsch nach Frieden. Warum war es Ihnen wichtig, politisch zu texten? Früher wollte ich mit meiner privaten, politischen Haltung und meinen Glaubensfragen niemanden belästigen. Aber es ist so viel passiert in den vergangenen Jahren, und ich setze mich stark damit auseinander. Außerdem empfinde ich als erwachsener Mensch und Künstler eine Verantwortung. Ich möchte meine Reichweite nutzen, um eine Diskussion anzustoßen.

Mit Mitte 30 ziehen viele Menschen eine erste Lebens-Bilanz. Was haben Sie bislang richtig gemacht? Während meiner musikalischen Reise habe ich sehr viele richtige Entscheidungen getroffen. Ich habe auch mal Nein gesagt – zum Beispiel wenn es um eine Teilnahme beim Eurovision Songcontest oder einer Castingshow ging. Hier habe ich immer rigoros abgelehnt. Denn die große Kunst ist es, Shows abzusagen, die nicht zu mir als Künstler passen. Ich möchte auf keiner Bühne stehen und Bauchschmerzen haben. Dementsprechend habe ich mich sehr langsam entwickelt. Aber es hat sich für mich gelohnt, Geduld zu haben. Die Qualität meiner Shows und Lieder soll für sich sprechen.

Johannes Oerding...persönlich Ich lebe gerne in Hamburg... , weil die Stadt weltoffen ist und hier jeder so sein kann, wie er möchte. Mein liebster Ort... ist St. Peter Ording. Meine Stärke ist..., dass ich sehr begeisterungsfähig bin und das an andere Menschen weitergebe. Mein Laster ist... Döner Kebab.'Zigaretten sind... für mich Vergangenheit. Auf der Bühne... bin ich Zuhause. Sie ist für mich die Essenz meines Berufes. Nach meiner Tour... packe ich den Rucksack und fliege wieder in Urlaub.
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„Hamburg macht sich kleiner, als es ist“

Hamburgs neuer Kultursenator über die Freiheit der Kunst und die Elbphilharmonie

Meinung – bgl
Herr Brosda, Sie sind seit gut 100 Tagen neuer Kultursenator in Hamburg. Was hat Sie am stärksten überrascht? Carsten Brosda: Die eine große Überraschung gibt es erfreulicher Weise nicht, weil ich mich ja schon einige Monate vertretungsweise um die Themen und die Behörde gekümmert hatte, bevor ich das Amt offiziell übernommen habe. Ganz überraschungsfrei ist so etwas aber natürlich nie. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass mir manche doch noch einmal anders begegnen, seit ich den Titel des Kultursenators formal trage. Das irritiert, klärt sich dann aber meistens sehr schnell, wenn die merken, dass ich immer noch ein ganz normaler Mensch bin.

Sie waren zuvor in Hamburg Kulturstaatsrat. Was unterscheidet den Kulturstrippenzieher im Hintergrund vom populären Amt des Senators? Das Arbeiten und Sprechen in der Öffentlichkeit. Ich selbst habe ein öffentliches Amt in meinem Berufsleben nie angestrebt. Aber als ich aufgrund der Krankheit der damaligen Kultursenatorin Barbara Kisseler (†) gezwungen war, immer mehr in eine öffentliche Rolle zu wachsen, habe ich festgestellt, dass viele finden, dass es ganz ordentlich klappt, wenn ich es mache.

Ihre Vorgängerin hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Elbphilharmonie eröffnet werden konnte und nun schon, parallel zur Ihrer Amtszeit als Kultursenator, sich zu einem Pilgerort für Musikfans und Wahrzeichen Hamburgs gemausert hat. Wie arbeitet es sich in so großen Schuhen? Natürlich waren wir unterschiedliche Typen, aber wir haben sehr ähnliche Auffassungen und Ideen von Kultur geteilt. Wir haben uns sehr gut verstanden und hatten noch einiges vor. Dass es dazu nicht mehr gekommen ist, bedaure ich noch immer sehr. Mir hätte es besser gefallen, selbst im Hintergrund zu bleiben und mit Barbara Kisseler als Kultursenatorin und von ihr lernend die Kultur in der Stadt zu bewegen. Es kommt noch oft vor, dass wir uns in der Kulturbehörde bei anstehenden Entscheidungen fragen: Was würde Barbara Kisseler (†) tun? Es ist unser Glück, dass sie ein unglaublich gut bestelltes Feld hinterlassen und lange Linien angelegt hat. Jetzt geht es darum, das weiter zu entwickeln und umzusetzen. Und zwar aus voller Überzeugung, mit Lust und Leidenschaft.

Was haben Sie sich für Kulturziele in den kommenden Jahren gesetzt? Ziele zu definieren, ist in erster Linie eine politische Kategorie und passt deshalb für mich nur sehr eingeschränkt zum Begriff Kultur, die ja zuallererst von dem Schaffen der Künstlerinnen und Künstler geprägt sein sollte. Aber es sollte uns gemeinsam gelingen, die neue internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung, die Hamburg spätestens seit der Eröffnung der Elbphilharmonie als Kulturstadt erlebt, dauerhaft in der Selbstwahrnehmung der Stadt und ihrer Bürger zu verankern. Die Bedeutung von Kultur für das städtische Leben und das Selbstverständnis der Bürger darf nicht nur ein oder zwei Sommer überdauern. Dabei geht es nicht nur um die Elbphilharmonie, sondern um das kulturelle Leben unserer Stadt in ganzer Breite. Das bedeutet natürlich auch, dass wir uns fragen müssen, ob die Rahmenbedingungen für die Kreativität und Produktivität der Künstlerinnen und Künstler in Hamburg stimmen. Als Kulturpolitiker verstehe ich mich als Ermöglicher von Kunst und nicht als jemand, der die Richtung vorgibt. Es ist unsere Aufgabe, die Freiheit der Kunst zu gewährleisten.

Braucht die Kultur mehr Geld in Hamburg? Immer und überall. Einen Zustand, an dem jemand aus der Kultur stöhnt „Jetzt ist aber genug. Ich weiß nicht, wie ich das ausgeben soll…“ hat es noch nie gegeben und wird es vermutlich auch nie geben. Barbara Kisseler hat einmal gesagt: „Eine der Kernaufgaben einer Kultursenatorin ist es, gemeinsam mit dem Finanzsenator eine Definition dafür zu finden, was Kulturstadt Hamburg heißt.“ Aber da nehme ich auch jede Menge solidarische Unterstützung war.

Aus der Kulturszene sind Klagen zu hören, der Elbphilharmonie-Hype sorge bei ihnen für Einbußen. Was tun Sie gegen den Verdrängungswettbewerb zu Lasten kleinerer Häuser? Es gibt diese Befürchtungen, aber wir sollten uns von ihnen nicht leiten lassen. Meine Hoffnung ist, dass diejenigen, die sich entscheiden, etwas Kulturelles zu unternehmen, sich dann nicht nur für die Elbphilharmonie interessieren. Kulturinteressierte Besucher und Einheimische, die sich vergeblich um ein Ticket für die Elbphilharmonie bemüht haben, werden sich nicht ermattet vor den Fernseher setzen, sondern sich andere kulturelle Ziele suchen.

Also statt Elbphilharmonie ins St.-Pauli-Theater? Warum nicht? Ich glaube, dass es da durchaus Schnittmengen gibt. Aber genauso wichtig ist es, dass wir die Elbphilharmonie nicht als Solitär in der Hamburger Kulturlandschaft stehen lassen, sondern sie mit dem Kulturangebot der Stadt vernetzen. Sie muss Bestandteil anderer kultureller Angebote sein – als Veranstaltungsort etwa wie zurzeit beim Theater der Welt oder thematisch wie in der Ausstellung „Elbphilharmonie revisited“ in den Deichtorhallen. Der Leuchtturm Elbphilharmonie darf nicht alle Blicke auf sich ziehen, sondern muss das Licht auch auf den Rest der Kulturlandschaft in Hamburg werfen. Ich bin sicher: Die Nachfrage nach Kulturangeboten in Hamburg wird sich verstärken. Insofern wird die ganze Kulturstadt Hamburg am Ende profitieren und nicht nur ein Konzerthaus.

Trotz Kunsthalle, Deichtorhallen und Bucerius Kunstforum hat Hamburg im Wettbewerb etwa mit München, Frankfurt oder Berlin in der Kunst- und Galeristenszene einen provinziellen Ruf. Wie kommt das? Ich würde das so nicht teilen. Die Kunsthalle war im vergangenen Jahr das meist besuchte Kunstmuseum in Deutschland. Das lag sicherlich auch am freien Eintritt für einen Monat anlässlich der Wiedereröffnung der Kunsthalle. Aber es war mehr als das. Und auch aktuell werden das Programm des neuen Direktors Christoph Martin Vogtherr und seine neuen Ausstellungsideen wie im aktuellen Projekt „open access“ andernorts als etwas Besonderes wahrgenommen.

Als eigenständige Kunstqualität von der Elbe? Hamburg neigt manchmal dazu, sich kleiner zu machen als es ist. Man kann das in vornehmer Selbstbeschreibung hanseatisches Understatement nennen oder es soziologisch als einen „Second-City-Komplex“ analysieren. Aber in Wahrheit ist die kulturelle Landschaft in Hamburg enorm reich und die Programmatik hiesiger Häuser fantastisch. Das Besondere an Hamburg ist: Sie ist die größte europäische Stadt, die niemals Hauptstadt eines Landes gewesen ist. Hamburg ist nie Residenzstadt eines Monarchen oder Hauptstadt einer Nation gewesen. Hamburg war damit auch niemals der Präsentierteller einer Kultur, die Pracht und Macht zur Schau stellen sollte. Alles, was wir in Hamburg an Kultur haben, ist von den Bürgern selbst erschaffen und erwirtschaftet worden. Das ist eine andere, eine bürgerliche Kulturtradition, die weniger auf Grandezza setzt, aber unglaublich viel Substanz hervorbringt:

Haben Sie eine persönliche Kulturleidenschaft? Ich lese viel und höre viel Musik. Wenn es um Songs und Geschichten geht, dann am liebsten die vier Säulenheiligen: Neil Young, Bob Dylan, Bruce Springsteen und Van Morrison. Wenn es um klassische Musik geht, dann kann ich mich mit einer Mahler- oder Bruckner-Symphonie stundenlang beschäftigen, bevor ich eine Philipp-Glass-Platte auflege. Auch in dieser Hinsicht finde ich den sehr analytischen Klang der Elbphilharmonie ganz großartig, weil er in seiner Zergliederung meiner Art des Zuhörens sehr entgegen kommt.

Es ist schon viel über das neue Hafenmuseum geredet worden. Wo wird es angesiedelt? Das diskutieren wir gerade. Es ist keine einfache Entscheidung, weil wir einen Standort identifizieren müssen, der einen klaren Bezug zum Hafen hat, aber gleichzeitig einen Museumsbetrieb ermöglicht und gut erreichbar ist. Wir haben eine Standortanalyse in Auftrag gegeben, das Ergebnis liegt aber noch nicht vor. Wichtiger noch als der Standort ist aus meiner Sicht das Konzept. Wir werden darauf achten, dass wir nicht nur die Vergangenheit des Hafens romantisieren, sondern ebenso die Gegenwart und Zukunft eines modernen Hafens in den Blick nehmen. Das muss konzeptionell wie geografisch gut gelöst werden. Dabei werden wir uns nicht unnötig unter Druck setzen. Alle Beteiligten wissen, dass wir das Museum erst im nächsten Jahrzehnt eröffnen können.

Und das Museum für Udo Lindenberg? Er hat uns gesagt, sein Museum kommt, das habe er mit Olaf beim Eierlikörchen schon geklärt. Wann geht’s los? Das kann ich nicht sagen, aber wir sind in guten Gesprächen – auch wenn ich das mit dem Eierlikör für ein Gerücht halte.

Wird eigentlich beim G20-Gipfel auch über Kultur gesprochen? Kultur steht nicht explizit auf der Tagesordnung. Aber ein solcher Gipfel ist immer auch Ausdruck einer bestimmten kulturellen Grundhaltung, dass es besser ist, miteinander zu reden als nicht miteinander zu reden. Hamburg wird sich unter anderem mit seiner Kulturikone Elbphilharmonie und dem philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano präsentieren. Und natürlich hoffen wir, dass solche kulturellen Einblicke auch die sonstige Haltung der Gipfelteilnehmer prägen und zu vernünftigen Diskussionen führen.

Carsten Brosda ... persönlich Premieren sind für mich … eine Freude. Meistens.

An Vernissagen mag ich … die Auseinandersetzung mit Neuem, weniger den Sekt.

Fußball bedeutet mir … viel, solange er blau-weiß ist. Ich bin in Gelsenkirchen aufgewachsen.

Ich lese gerade … „Hillbilly-Elegie“ von J. D. Vance. Das sind die Memoiren eines Mittdreißigers mit einem sehr persönlichen Blick auf die US-Gesellschaft. In den amerikanischen Feuilletons wird es gerade als das Buch besprochen, das man gelesen haben muss, wenn man begreifen will, warum so viele Trump gewählt haben. Weil ich das verstehen will, lese ich das Buch und es lässt sich sehr interessant an.

Von Kultur schalte ich … nie ab.

Geld bedeutet … weniger als Kunst.

Zum G20-Gipfel werde ich … ganz normal meine Arbeit machen.

Glück empfinde ich … wenn ich mit meiner Familie zusammen bin.

Mir fehlt in Hamburg … Sonne.
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Interview zum Saisonfinale

HSV-Boss Heribert Bruchhagen: „Ich erwarte Respekt vor der Leistung des HSV“

Meinung – Manfred Ertel
Die riesen Enttäuschung über das 0:0 gegen Mainz im vorentscheidenden Abstiegsduell wiegt noch schwer, als Heribert Bruchhagen zum Gespräch in seinem Büro im Volksparkstadion empfängt. Fünf Monate nach seiner Berufung zum Vorstandsvorsitzenden steckt der HSV – wieder einmal – tief in der Krise. Kein Geld, kein Erfolg, keine Punkte. Da bleibt es nicht aus, dass mehr über die sportliche Lage und den Verein gesprochen wird, als ursprünglich geplant. Dabei bietet die Karriere des Westfalen eigentlich genug Gesprächsstoff.

Spieler, Trainer, Manager und Vorsitzender, unter anderem bei Schalke 04, Arminia Bielefeld und Eintracht Frankfurt, zwischendurch mal einige Jahre Lehrer – Bruchhagen hatte viele Herausforderungen zu bestehen, bevor er sich im besten Rentenalter noch die des Hamburger Traditionsklubs aufbürdete. Schon einmal, von 1992 bis Ende 1994 war er Manager an der Elbe. „Nein“, sagt Bruchhagen entschieden, seine Rückkehr habe er „in keinster Weise bereut“. Vom HSV habe er vor seiner Vertragsunterschrift im Dezember „ein klares Bild gehabt, ich wusste um die prekäre Situation“. Und ja, er wäre wohl auch gekommen, „wenn man mir damals gesagt hätte, die Situation zwei Spieltage vor Schluss ist so wie sie heute ist“.

Und wie ist die? Bruchhagen vertraut seiner Mannschaft. Es gebe „keine kategorische Aussage“ von ihm, „aber ich bin fest überzeugt davon, dass wir genug Potenzial und die spielerische Qualität in der Mannschaft haben, um in den beiden ausstehenden Spielen zu bestehen und uns darüber hinaus notfalls auch in der Relegation durchsetzen“, sagt der Fußballlehrer. Kategorisch!

Gehören Sie eigentlich zu der Kategorie Männer, die im Ruhestand nichts anzufangen wissen mit ihrer vielen freien Zeit? Bruchhagen (lacht): Ein bisschen was ist da sicherlich dran. Ich war auf diesen Ruhestand nicht so gut vorbereitet. Ich habe kein Seniorenstudium in Münster angestrebt, ich bin in keinem Kegelklub, keinem Literaturklub oder Kartenklub. Ich war immer sehr stark auf meinen Beruf fixiert und bin dann in die Heimat zurückgekehrt, in der eine gewisse Enge eingetreten ist.

Eigentlich hatten Sie doch in Frankfurt vor einem Jahr gesagt, irgendwann muss mal Schluss sein. Das war ja lange vorbereitet, und ich hatte mir ein Bild gemalt, wie mein Ruhestand aussehen könnte: Fahrradfahren, morgens Zeitungen und Brötchen holen, ein bisschen Golf spielen, reisen mit meiner Frau. Das habe ich auch alles gemacht und bis September war das sehr gut. Dann aber kam Oktober, November, und dann wurde der Tag sehr lang.

War die Entscheidung für Hamburg mehr eine für den HSV oder eine für die Stadt, in der Ihre Töchter und ihr Enkel zuhause sind, und in der Sie gern viel Zeit verbracht haben. Es ist ja kein Zufall, dass ich seit 25 Jahren Mitglied beim HSV bin. Und es ist auch klar: Wenn es nicht der HSV gewesen wäre, zu einem dritten Verein wäre ich nicht mehr gewechselt.

Was können Sie besser als andere Vorsitzende, Präsidenten, Manager, Sportdirektoren, die in den letzten zehn Jahren in Hamburg gescheitert sind? Nichts. Ich bin nur länger dabei. Das heißt, die Vorgänge, die Aufgeregtheiten, die Diadochenkämpfe, die divergierenden Strömungen in einem Traditionsverein sind mir sowohl aus Schalke als auch aus Frankfurt bekannt, alle Abläufe und Vorgänge sind für mich nicht neu.

Ich habe gelernt, damit umzugehen und, dass man Vereinbarungen, Verträge, Konstellationen nicht nur aus der Situation heraus beurteilen kann. Alle Vorgänger haben doch nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, und ich schließe mich niemals dieser nachgeordneten Kritik an, weil diejenigen die alles kritisieren, weder die Protokolle, noch die Inhalte, noch die Entscheidungsgrundlagen auf dem Schirm haben.

Haben Sie sich die Aufgabe beim HSV so schlimm vorgestellt? Wieso ist die schlimm? Unsere Mannschaft spielt nicht gut...

...schlimm genug. Und die finanzielle Situation ist auch nicht rosig. Stimmt. Und das war mir auch bekannt, ich war ja schließlich 15 Jahre im Lizensierungsausschuss der Bundesliga. Aber ob ich jetzt das Amt antrete oder ein anderer hätte ja nichts an der wirtschaftlichen Konstellation geändert. Im Gegenteil: Ich verwahre mich sogar dagegen, dass der Verein als chaotisch bezeichnet wird. Das ist falsch.

Dieser Verein ist sehr groß aufgestellt, ob das immer ein Vorteil ist, ist eine andere Frage. Er ist sehr gut durchorganisiert, alle Abteilungen, alle Abläufe sind klar strukturiert. Der Verein ist also keinesfalls chaotisch, sondern er bleibt weit hinter den sportlichen Leistungen zurück, die man von ihm erwarten kann.

Trotzdem war das Ergebnis in den letzten Jahren, egal wie die Vorsitzenden, Manager, Trainer oder Spieler hießen, immer das gleiche: Durcheinander, Erfolglosigkeit und auch Chaos. Was ist das eigentlich für ein Virus, von dem Hamburg ergriffen scheint, wenn es um den HSV geht? Das kann man nur selbstkritisch beurteilen. Es kann doch nicht sein, dass wir in den letzten zehn Jahren zwölf Trainer mit Abfindungen versehen haben. Die können ja nicht alle schlecht gewesen sein. Als der HSV 1983 den Europapokal der Landesmeister gewonnen hat, lag der Etatunterschied zum FC Bayern bei 30 Prozent. Heute liegt er bei 500 Prozent.

Ich habe noch als Manager bei Schalke neun Millionen Mark Fernsehgelder bekommen so wie alle anderen 17 Bundesligavereine auch. Heute hat es eine Explosion der Fernsehgelder gegeben und eine Spreizung zwischen den Vereinen, diesen Zug hat der HSV damals verpasst.

Das bedeutet, außer dass es an Geld fehlt? Dass es eine sportliche Erwartungshaltung in der Stadt gibt, die aus der Vergangenheit herrührt, die aber die finanzielle Situation nicht mehr zulässt. Es ist ein schwieriger Spagat, Menschen erklären zu müssen, warum etwas nicht mehr geht, und gleichzeitig den Wunsch nach sportlichem Erfolg aufrecht zu erhalten. Und wenn jetzt Uli Hoeneß noch sagt, der eigentliche Konkurrent des FC Bayern München dürfte nur der HSV sein, dann tut uns das richtig weh, weil es überhaupt nicht mehr mit den Tatsachen übereinstimmt.

Trotzdem haben wir erlebt, dass eine Reihe guter Spieler in Hamburg eher schlechter geworden ist und junge Spieler ihre Klasse erst bei anderen Vereinen finden. Stimmt auch. Der HSV besetzte bei der Zusammenstellung der Mannschaft immer wieder Stellen mit fertigen Spielern und räumte damit den jungen Spielern keinen Platz ein. Das was wir in Mainz, in Augsburg, in Freiburg erleben, um nur einige zu nennen, passierte hier nicht, weil man immer namhafte Spieler von anderen Vereinen holte, um schneller Erfolg zu haben.

Verderben eine Weltstadt wie Hamburg mit seinen attraktiven Möglichkeiten zur Ablenkung und ein Verein wie der HSV mit seinen Gehältern den Charakter junger Spieler? Wenn Spieler, die bisher 100 Euro verdient haben, beim HSV 200 Euro bekommen, an der Elbchaussee oder an der Alster wohnen, beim Italiener den Tisch freigeräumt bekommen und einen großen Dienstwagen fahren, und sich auch noch die Frauen ausgesprochen wohlfühlen beim Shopping in Hamburg, denken manche vielleicht, wir haben’s geschafft.

Die Spieler sind zwar immer noch in dem festen Glauben, das beste und alles auf dem Rasen zu geben, aber manch einer, der so ein gesetteltes Moment wie in Hamburg erlebt, ist im Unterbewusstsein nicht mehr in der Lage, eine Streetfighter-Mentalität zu entwickeln, die noch mehr Willenskraft mobilisiert so wie sie die jungen Spieler in den anderen Vereinen auf dem Weg nach oben in die Waagschale werfen.

Können Sie den Reiz der Stadt zurzeit eigentlich noch privat genießen mit Ihrer Frau oder den Kindern? Ich hab ja den großen Vorteil, dass ich eine öffentliche Person bin und manchmal eingeladen werde zum Beispiel zum Hafengeburtstag. Und ich bin auch so in der Stadt unterwegs...

...und werden überall angequatscht und konfrontiert mit der Lage des HSV? Ja klar, aber das gehört dazu. Außerdem habe ich ein Sprachkleid entwickelt, mit dem ich mich ganz charmant schützen kann. Und wenn es ganz hart wird, dann stelle ich die Gegenfrage: Sagen Sie mal, warum sind Sie eigentlich Senator geworden und nicht Bundesligamanager, so wie Sie mir das alles erklären spricht doch alles dafür, dass Sie erfolgreich wären. Dann gehen alle erst mal einen Schritt zurück.

Wie hoch ist Ihr Herzinfarktrisiko derzeit beim HSV? Ich bin Raucher, von daher war ich auch schon bei Eintracht Frankfurt so einem Risiko ausgesetzt. Aber an Spieltagen und während des Spiels bin ich schon sehr angespannt. Meine Frau arbeitet intensivst daran, dass ich nicht oder weniger rauche, und ich setze dem Stress intensiv Sport entgegen, ich laufe zwei-, dreimal die Woche sechs, sieben, acht Kilometer, je nach Verfassung, und versuche mich aus dem Alltag zu lösen.

Und morgens, wenn ich durch die Stadt ins Büro fahre, versuche ich mir immer wieder zu sagen: Du hast es selbst gewollt und es gibt viele Dinge, die Dir trotz allem ein angenehmes Leben bescheren.

Bayern, Dortmund und zwei drei andere Klubs werden zur neuen Saison wieder hohe dreistellige Millionenbeträge investieren. Wird die Wettbewerbsungleichheit nicht immer größer? Trotzdem kommen ja nach wie vor 54.000 Menschen ins Stadion wie bei uns letzten Sonntag. Es geht schon gar nicht mehr um die Erwartungshaltung, wer Meister wird.

Entfernt sich der Fußball mit seinen astronomischen Millionensummen nicht immer mehr von den Menschen auf den Rängen, die dafür zahlen sollen, wie Thomas Tuchel mal gesagt hat? Ihre Fragestellung ist ein Relikt aus den 60er, 70er, 80er Jahren, wo das Bundesligageschehen noch rein sportliche Motive hatte. Sie haben die alten Werte des Fußballs vor Augen, damals wurde auch gepfiffen, wenn es zur Halbzeit 0:0 stand im Volksparkstadion. Da waren aber auch nur 18.000 Zuschauer da. Heute haben wir 53.000 und den so genannten Dauersupport. Nur ein Teil unseres Publikums liest noch den „Kicker“ oder hat früher selbst in der Kreisklasse, Bezirks- oder Landesliga gespielt. Heute ist Fußball ein gesellschaftliches Ereignis.

Für eine nachhaltige Lösung beim HSV brauchte es  auch personelle Kontinuität an der Spitze. Kann das ein 70jähriger auch im Falle eines Abstiegs leisten? Ich habe einen Vertrag bis 2019 abgeschlossen, der dem Verein und mir jederzeit die Möglichkeit gibt, Kontinuität zu zeigen oder auch ihn aufzulösen. Als mich die Aufsichtsräte verpflichtet haben, sind die sicher Szenario Eins, Klassenerhalt, aber auch das Szenario Zwei durchgegangen. Ich habe in der Vergangenheit bewiesen, dass ich auch mit einem sportlichen Rückfall sehr gut umgehen kann.

Das Hamburger Abendblatt hat in einer Leserumfrage festgestellt, dass 77 Prozent der Teilnehmer finden, der HSV habe diesmal den Abstieg verdient. Wie geht es Ihnen damit? Ich stelle ja auch fest, dass in Fußballdeutschland so ein Vorurteil besteht. Das ist absurd. Im Gegenteil: Ich erwarte, dass man großen Respekt vor der Leistung des HSV hat, als einziges Mitglied vom ersten bis zum heutigen Tag durchgehend in der Bundesliga zu sein. Darin steckt auch eine positive Leistung, um das zu erreichen. Das kann bis auf den FC Bayern München, der nie abgestiegen ist, kein anderer Verein von sich behaupten.

Heribert Bruchhagen...persönlich

Die Elbphilharmonie ist...ein tolles Wahrzeichen für Hamburg, das ein Meilenstein weit über eine Generation hinaus sein wird. Und der Michel ist ja inzwischen auch etwas angestaubt.

Zur Entspannung muss ich am liebsten...joggen an der Alster. Aber ich mache mich dabei unkenntlich. Nach Kilometer drei, vier setzt bei mir ein Wohlbefinden ein, nach Kilometer acht verkehrt sich das wieder ins Gegenteil.

HSV-Mitglied zu sein bedeutet für mich...stolz auf die 54-jährige Bundesligazugehörigkeit und sicherlich eine gewisse Abwehrhaltung gegen die Kritik an den sportlichen Leistungen der letzten fünf Jahre, auch wenn die enttäuschend sind.

Am liebsten bin ich mit meiner Familie...auf Juist. Wir sind große Juist-Fans, ich war als Kind schon auf der Insel, meine Frau auch, und ebenso meine Kinder. Diese Insel hat was ganz besonderes.

Ultras und Pyro sind...Zeiterscheinungen, die einer Jugendbewegung geschuldet sind, die wahrgenommen werden möchte und sich gegen das Fußball-Establishment auflehnt. Und den Verein viel Geld kosten.
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Das Hamburg-Interview zum Hafengeburtstag

Hafenkapitän Jörg Pollmann: „Ich habe meinen Traumjob gefunden“

Meinung – mlo
Er kommandiert nicht ein Schiff – sondern fast 9000. Und das jedes Jahr. Hamburgs Hafenkapitän Jörg Pollmann (58) bestimmt über das „Tor zur Welt“. In diesen Tagen empfindet der Ostfriese besonders viel Stress und Spaß zugleich.

Herr Pollmann, wie kommt ein Ostfriese als Hafenkapitän nach Hamburg? Ich komme aus einer Seefahrerfamilie und wollte schon als Jugendlicher zur See fahren. Als nach Ausbildung, Studium und Seefahrtzeit meine Kinder kamen, habe ich mir was an Land gesucht. Ich war zunächst in einer Stauerei in Hamburg, wurde Betriebsleiter und habe mich dann auf die Stelle des Hafenkapitäns beworben.

Und haben das Rennen gemacht...  Ja, aber als die Zusage kam, musste ich noch ein bisschen überlegen: Ich in einer Behörde? Und dann auch noch Beamter? Meine Frau hat gesagt: Mach das. Heute sage ich: Ich habe meinen Traumjob gefunden.

Was tut eigentlich der Hamburger Hafenkapitän? Als Hafenkapitän bin ich die oberste nautische Instanz im Hamburger Hafen und damit für die Sicherheit verantwortlich. Dabei geht es vor allem um die Ablaufsteuerung des Schiffsverkehrs: Welche Schiffe können unter welchen Bedingungen zu welcher Uhrzeit den Hamburger Hafen anlaufen oder verlassen. Dafür bin ich mit meinem Team zuständig.

Das heißt genau? Die Elbe hat viele Restriktionen, etwa Tiefe und Breite der Fahrrinne, dazu die Tide. Jedes Seeschiff, das nach Hamburg kommen will, muss uns mindestens einen Tag vorher sämtliche Daten schicken, damit wir eine Einlaufgenehmigung erteilen können. Wir gucken uns genau an: Was ist das für ein Schiff, was hat es vor und wo will es genau hin? Wir sagen dem Reeder beispielsweise, mit welchem Tiefgang und zu welchem Tidezeitpunkt sein Schiff kommen kann. Wir vergewissern uns auch, ob der Liegeplatz zur Verfügung steht und dass die Rückmeldungen der Lotsen, der Schlepper, der Festmacher, der Wasserschutzpolizei und des Zolls vorliegen. Nur wenn all das geklärt ist, lassen wir das Schiff von der Nordsee kommend nach Hamburg. Denn es ist ja so: Wenn ein Schiff erst mal in der Elbe ist, können wir es nicht mehr stoppen.

Ist es tatsächlich noch nie vorgekommen, dass Ihnen versehentlich einer der dicken Pötte durchgerutscht ist? Noch nie. Wir haben in Hamburg eines der modernsten Verkehrsablaufsysteme der Welt. Wir bereiten uns im Übrigen auch mit Simulationen darauf vor, wenn neue und besonders große Schiffe erstmals nach Hamburg kommen.

Klingt alles sehr technisch. Gibt es noch Romantik im Hamburger Hafen à la Hans Albers? Mit Seemannsromantik findet hier nicht mehr viel statt. Die Seeleute liegen mit ihren Schiffen heutzutage jwd in irgendeinem Containerterminal. Die Zeitpläne sind eng. Übrigens ist aber immer versucht worden, Abläufe im Hafen effizienter zu gestalten. Auch zu Zeiten von Hans Albers.

Die Umschlagzahlen stagnieren. Ist Hamburg in 20 Jahren noch Welthafen? Wenn die Fahrrinnenanpassung der Elbe kommt, bin ich sicher, dass wir auch in 20 Jahren noch in der Champions League mitspielen werden.

Aber die Containerriesen werden immer größer. Kann Hamburg auf Dauer mit Tiefwasser-Konkurrenten wie Rotterdam und Wilhelmshaven mithalten? Ja, wenn wir die Fahrrinne nochmals um einen Meter vertiefen und entsprechend verbreitern. Der Standort Hamburg hat so viele Stärken, unter anderem den größten Eisenbahnhafen Europas. Außerdem verbleiben um die 25 Prozent der Ladung direkt in der Metropolregion. Das ist ein Riesenvorteil.

Wie stellen Sie sich den Hafen der Zukunft vor? Fahren bald Schiffe ohne Besatzung? Der Einsatz autonomer Schiffe ist für uns unheimlich interessant. Wir sind allerdings nicht die Treiber der Entwicklung, beobachten aber und liefern Informationen zu. Persönlich kann ich mir vorstellen, dass – sagen wir in zehn Jahren – Schiffe ohne Besatzung über die Ozeane fahren. Kurz vor Erreichen des Hafens gehen dann Seeleute an Bord und übernehmen die Steuerung.

Ein Jahres-Höhepunkt ist für Sie und Ihr Team immer der Hafengeburtstag. Was ist Ihre Rolle? Die Vorbereitung des Hafengeburtstages läuft bei uns das ganze Jahr. Ich leite den Arbeitskreis „Wasser“, in dem wir festlegen, welche Schiffe wo liegen und welche Aktionen wann auf der Elbe stattfinden.

Wenn zur Einlaufparade 300 Schiffe gleichzeitig die Elbe hochkommen, ist das eigentlich Stress für den Hafenkapitän? Na klar, das sind Stresstage. Meine Frau sagt in der Zeit immer zu mir: „Warum kommst Du eigentlich noch nach Hause? Leg' Dir doch eine Matratze ins Büro.“ Aber so weit ist es nun doch noch nicht.

Was macht die Sache so aufwändig? Wir sind der einzige Hafen, der Einlauf- und Auslaufparaden in dieser Größenordnung überhaupt macht. Dazu kommen noch die vielen kleinen Begleitfahrzeuge. Das muss jedesmal ganz akribisch geplant, abgestimmt und in die Verkehrsablaufsteuerung eingefügt werden. Kollegen aus anderen Häfen sagen schon mal: „So viele Einschränkungen für den Hafenumschlag. Was Ihr Euch da aufhalst.“ Während der Paraden lassen wir keine Containerfrachter, Bulker oder Tanker in den betroffenen Bereichen fahren. Das sind schon Einschränkungen im normalen Ablauf. Aber Hafengeburtstag ist ja auch nur einmal im Jahr.

Worauf freuen Sie sich beim Hafengeburtstag am meisten? Wenn es vorbei ist (lacht). Im Ernst: Der Hafengeburtstag ist eine erhebliche Herausforderung. Wenn wir hinterher sagen können, es ist gut gelaufen, dann ist das für uns eine große Erleichterung. Aber ich tue das alles auch, weil es mir großen Spaß macht.

Gibt es 2017 irgendein ein Schiff, das Ihr Herz höher schlagen lässt? Ja. Als Ostfriese freue ich mich, dass in diesem Jahr das Feuerschiff „Borkum Riff“ zum ersten Mal zum Hafengeburtstag kommt. Mit den Betreibern habe ich schon einen Besuch abgesprochen. Und wenn ik dor ok noch Plattdüütsch schnacken kann, um so beter.

Jörg Pollmann... persönlichZuletzt seekrank war ich... an Bord eines Segelbootes in der Nordsee vor zwei Jahren.

Mein Lieblingshafen ist... Hamburg.

Über Ostfriesenwitze... kann ich lachen.

 Urlaub – an der See oder in den Bergen... mehr an der See. Wo Wasser ist, fühl’ ich mich wohl.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist... ein Deichabschnitt am Mühlenberger Loch, von wo aus man einen unbeschreiblich schönen Blick über die Elbe und den Hafen hat.

Dass ich als Hafenkapitän kein eigenes Schiff habe... als Hafenkapitän bestimme ich den Kurs eines ganzen Hafens, was will ein Seemann mehr?
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Chuzpe und Schiffbruch, Risiko und Reichtum

Container-König und Ex-Senator Ian Karan: „Für mich gibt’s nichts Besseres als Hamburg“

Meinung – Dagmar Gehm
Ian Karan (77) kann eine Vorzeige-Karriere als Zuwanderer vorweisen: Erfolgsunternehmer, Kurzzeit-Wirtschaftssenator und Stifter. Im Gespräch bekennt er sich zu seiner Wahlheimat an der Elbe.

Herr Karan, Ihr Geburtsland Sri Lanka verließen Sie, um in England zu studieren und kamen dann nach Deutschland. Warum ausgerechnet Hamburg? Ian Karan: Die Spedition Schenker in London, wo ich bis dahin tätig war, hatte mir zwar einen Job in Frankfurt angeboten, aber ein Freund empfahl mir: „So wie Du aussiehst, wird es nicht gut ankommen, wenn Du Hessisch babbelst. Such dir lieber etwas in Hamburg.“ Diese Entscheidung habe ich nie bereut. Die Stadt war sehr nett zu mir und hat mir meinen Aufstieg ermöglicht. Ich bin hier sehr glücklich mit meiner Familie, für mich gibt es nichts Besseres als Hamburg.

Beim Talk „Knut Terjung trifft…“ kam die Rede darauf, dass Sie Ihr Studium in London wegen Fehlzeiten abbrechen mussten. Wie kam es dazu? Ich habe morgens in einem Restaurant geputzt und abends als Barmann in einem Club gearbeitet. Sie sehen, ich konnte damals schon einiges (lacht). Aber ich war immer müde und verschob die Vorlesung auf den nächsten Tag. So wird aus morgen übermorgen, und plötzlich sind es enorme Fehlzeiten. Schon im zweiten Semester war ich draußen. Aber ich bin ohnehin kein Akademiker, sondern jemand, der auf Handfestes baut. Theorie ist nicht unbedingt meine Sache. Gelernt habe ich aus Biographien von Menschen, die viel bewegt haben wie Napoleon, Winston Churchill oder der deutsche Geschäftsmann Tiny Rowland, der mit nichts nach England kam und dort ein großes Imperium aufgebaut hat.

Vom Tellerwäscher zum Multimillionär – ausgerechnet in Hamburg haben Sie amerikanische Klischee-Karriere gemacht? Genau! Das ist auch in Deutschland möglich. Ich hatte noch keinen Job in Hamburg und arbeitete die ersten drei Monate als Tellerwäscher in einem vegetarischen Restaurant. In der Freizeit zwischen 15 und 18 Uhr putzte ich bei Firmen Klinken, um einen anderen Job zu finden. Schließlich bekam ich bei der Spedition Max Grünhut eine Stelle.

Wen haben Sie in Ihrem Leben bewundert, wer hat Sie inspiriert und motiviert? Bei den deutschen Politikern ist es Angela Merkel. Ich finde sie ganz toll und freue mich, mit ihr am 15. Mai zu Abend zu essen. Sehr gern mag ich auch Peter Harry Carstensen. Er ist der geborene Landesvater und hat viel Humor. Ich hätte gern seine Statur! Mein berufliches Vorbild war Fritz Schröder, Inhaber von Max Grünhut. Er wusste mit wenigen Worten Menschen zu motivieren. Eines Tages wollte er mir den Dank einer kanadischen Firma weiterleiten, für die ich auf Englisch einen Bericht geschrieben hatte. Seine Sekretärin war nicht am Platz, also marschierte ich direkt ins Chefzimmer, wo mir der elegante Herr einen Sherry anbot, weil er mich für einen Kunden hielt. Irgendwann erschien die Sekretärin und raunte ihm wohl zu, dass ich nur ein unwichtiger Idiot aus irgendeiner Abteilung sei. Doch da er gern englisch sprach, wollte er jeden Donnerstag mit mir üben – bei Tee statt bei Sherry. Zwischen uns entwickelte sich Sympathie, und ich fing an, Karriere zu machen. Sehr schnell wurde ich Leiter der USA-Abteilung, wo ich zum ersten Mal mit Containern in Verbindung kam.

Ein paar mal im Leben haben Sie alles auf eine Karte gesetzt. Sind Sie eine Spielernatur? Nein. Aber ich weiß, was ich will und bin bereit, Risiken einzugehen. Wie bei dem Chef eines Chicagoer Unternehmens, der nach Hamburg zur Beerdigung des deutschen Firmenleiters gekommen war und nun einen neuen suchte. Damals verdiente ich bei Grünhut 2500 D-Mark. Als mich der Mann aus Chicago fragte, wie viel ich bei ihm verdienen wollte, verlangte ich forsch: „10.000!“ Er war ein bisschen schockiert, aber ich sagte: „Sie kriegen einen guten Mann dafür!“ Drei Wochen später kam ein Telex mit der Bestätigung von 10.000 US-Dollar. Ich hatte keine Währung genannt, aber er hatte an Dollar gedacht. Das waren 24.000 D-Mark. Ich war saniert!

Sie haben auch Schiffbruch erlitten. Hatten Sie da zu hoch gepokert? Einen herben Rückschlag erfuhr ich 1993. 1975 hatte ich mich selbstständig gemacht in der Container Leasing-Branche und eine Firma aufgebaut mit 102.000 Containern. Damit waren wir die Nummer 10 weltweit. Ein Konkurrent wollte die Firma kaufen. Ich übertrug ihm alles, aber er „vergaß“ zu zahlen. Mein Gewinn wären 21 Millionen US-Dollar gewesen. Am Ende erhielt ich davon etwa 30 Prozent. Ich wollte nicht jahrelang prozessieren, sondern den Streit beilegen, um mich auf einen Neuanfang konzentrieren zu können. Allerdings war ich verschuldet und musste sogar mein Haus verkaufen. Mit den 30 Prozent und einem großartigen Partner fing ich ganz neu an, und innerhalb von zehn Jahren wuchs die Firma von null auf Nummer sieben in der Welt mit 520.000 Containern, umgerechnet 1,4 Milliarden US Dollar Investitionskapital. Die Firma habe ich dann direkt vor der Pleite der Lehman Brothers an zwei Banken verkauft. Und diesmal hat mein Anwalt sichergestellt, dass das Geld vor der Schlüsselübergabe auf meinem Konto war.

Wie sehen Sie die Zukunft der Schifffahrt-Branche? Die Entwicklung ist sehr traurig, ein Ende nicht in Sicht. Die Überkapazität ist schlimm, hauptsächlich deutschen Investoren und Banken wie der HSH Nordbank geschuldet, die freiwillig viel Geld geliehen haben. Und die Reeder haben gekauft ohne Ende. Jetzt gehen sie links und rechts Pleite, und die Banken in Hamburg und Schleswig-Holstein müssen Milliarden abschreiben. Zur Rettung der Schifffahrt müssten viele Schiffe außer Dienst gestellt und die Weltwirtschaft gesteigert werden. Man fürchtet aber, dass Präsident Trump die Importe nach Amerika drosselt und es wieder eine Überkapazität geben wird. Für Deutschland wird es dann sehr schwierig werden, weil die USA das Hauptimportland für Pkws sind. Wir selber haben einiges investiert in Spezialcontainer, die alle langfristig vermietet sind. Wir kaufen seit drei Jahren nichts mehr, sondern warten den Markt ab. Aber ich sehe noch kein Licht am Ende des Tunnels.

Und wie sieht es mit dem Hamburger Hafen als Containerumschlagplatz aus? Viele glauben, dass wir einen Hafen auf hoher See haben. Aber in Wahrheit sind wir ein Binnenhafen. Die Schiffe sind größer geworden und brauchen mehr Tiefe und Breite. Das Problem ist der Begegnungsverkehr. Nicht überall können zwei Schiffe aneinander vorbeifahren. Wenn die Reedereien einmal anfangen, ihre Fahrpläne zu ändern, um Hamburg zu vermeiden, dann wird es sehr schwierig sein, sie zurückzugewinnen. Zum Glück sind 30 Prozent der Ladung, die über Hamburg läuft, auch für Hamburg bestimmt. Das ist noch ein Anreiz für Reeder, den Hafen anzusteuern. Trotzdem muss man jetzt anfangen, auf Hafen-affine Industrien zu setzen, um nicht nur auf Umschlag angewiesen zu sein und Arbeitsplätze für die 160.000 Hafenarbeiter zu schaffen. Da ist die Politik gefragt, in Zusammenarbeit mit Schleswig-Holstein und Niedersachsen neue Ideen zu entwickeln. Leider sitzt Hamburg aber manchmal auf einem hohen Ross.

Wo setzen Sie in Ihrer Ian und Barbara Karan-Stiftung die Schwerpunkte? Wir haben auf der Halbinsel Jaffna im Norden von Sri Lanka ein Internat für 160 Kinder des Hartley College wieder aufgebaut, das im Krieg zerstört wurde. Als Vollwaise habe ich selber dort gewohnt. Es gibt weitere Pläne für Sri Lanka. Ansonsten kümmert sich die Stiftung zu 80 Prozent um Projekte in Hamburg. Ich will nicht die Welt verbessern, sondern vor der eigenen Haustür kehren. Die Stiftung legt Wert auf Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch Sprachförderung. Ich selber habe erfahren, dass die Sprache der Schüssel dazu ist, um eine fremde Kultur zu verstehen und Teil von ihr zu werden.

Ian Kiru Karan...persönlichAm besten entspanne ich... in meinem großen Garten in Wellingsbüttel.

Den schönsten Blick genieße ich... auf die Außenalster direkt vor der Tür unseres Firmengebäudes.

Fit halte ich mich... mit Tennis und Golf. In England habe ich auch Cricket gespielt. Der HSV hat ein Cricket-Team, das ich als damaliger Aufsichtsrat unterstützt habe.

In meiner Freizeit höre ich... sehr gern klassische Musik von Mozart bis Debussy. Ich gehöre zum Freundeskreis Elbphilharmonie und zur Gesellschaft der Freunde von Bayreuth.

Meinen nächsten Traum... erfülle ich mir auf einer Reise zum Südpol. Dort wollen meine Frau und ich ein Expeditionsschiff besteigen.
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Multitalent Julian Sengelmann im Interview

„Wir leben unsere Talente viel zu wenig aus“

Meinung – bgl
Julian Sengelmann ist das, was man ein Multitalent nennt: Der 34-jährige Hamburger Jung ist Musiker, Schauspieler, Fernsehmoderator, Autor, Sprecher sowie Theologe. Und alles gleichzeitig. Er hat in TV-Serien wie „Großstadtrevier“, im „Landarzt“ oder in Inga-Lindström-Filmen am Sonntagabend gespielt. Darüber hinaus moderiert Sengelmann für den NDR die Reihe „Tatorte der Reformation“, er schreibt gerade ein Buch über das Kirchenjahr und er liebt die Musik: Am 28. April erscheint sein erstes Solo-Album mit dem Namen „13“. Und alles andere als nebenbei ist er seit zehn Monaten Vater von Töchterchen Leni. Zum Interview treffen wir den 34-Jährigen im Café „Elbfaire“ im ökumenischen Forum in der Hafencity.

Sie haben sehr viele Berufe. Konnten oder wollten Sie sich nicht wie andere Menschen für einen Beruf entscheiden? Julian Sengelmann: Ich habe mich bewusst für alle entschieden.

Welcher Ihrer Berufe war zuerst da? Als ich klein war, wollte ich Schauspieler werden. Als jüngstes von vier Kindern habe ich früh gelernt, auf mich aufmerksam zu machen. Ich fing an, Witze zu erzählen und konnte aus dem Stegreif Gedichte erfinden. Dafür erntete ich Anerkennung und das gefiel mir. Daneben habe ich früh Kindertheater gespielt und synchronisiert. Die Liebe zur Musik kam später, als ich zu den Pfadfindern ging und am Lagerfeuer Schrammelgitarre spielte. Als ich bei einem Schüleraustausch in einem kleinen Kaff in England landete und viel Zeit zum Gitarrespielen und Songtexten hatte, beschloss ich zum ersten Mal, Popstar zu werden. Und so habe ich nach meinem Abitur Einladungen von Schauspielschulen nicht wahrgenommen, weil ich mit meiner Band Musik machen wollte. Die brach kurze Zeit später auseinander und so fing ich an, Theologie zu studieren.

Wieso ausgerechnet Theologie? Aus Interesse. Das Johanneum-Gymnasium in Hamburg, an dem ich mein Abitur gemacht habe, hatte ein sehr breit gefächertes humanistisches Bildungs- und Lernangebot. Das fand ich spannend und wollte ein Studium beginnen, das ähnlich breit aufgestellt ist. Hinzu kam, dass ich kirchliche Jugendarbeit gemacht habe, was mir gefiel. So hab ich angefangen, Theologie zu studieren und, wie es manchmal so ist im Leben, wenn man nicht mehr krampfhaft an Dingen festhält: Zwei Tage vor meinem ersten Hebräisch-Kursus an der Uni kam der Anruf einer Regisseurin, die mich für eine ZDF-Serie casten wollte. Seitdem bin ich Theologe und Schauspieler.

Sind Sie auch Pastor? Nein, zumindest noch nicht. Das Vikariat, das ja vergleichbar ist mit dem Referendariat bei Lehrern, war für mich bislang keine Option, weil ich dafür die Schauspielerei und die Musik für eine gewisse Zeit hätte aufgeben müssen. Das wollte ich nicht. Seit Anfang dieses Jahres aber gibt es jetzt in der Nordkirche das berufsbegleitende Vikariat, das ich jetzt mache. Einige Tage in der Woche muss ich dafür ins Predigerseminar nach Ratzeburg.

Können Sie sich vorstellen, als Pastor tätig zu sein? Wenn ich es mir nicht vorstellen könnte, würde ich es nicht machen.

Mit welchem Ihrer vielen Berufe und Talente verdienen Sie Ihr Geld? Ich liebe es, breit aufgestellt zu sein und mit allem Geld zu verdienen – außer natürlich der Theologie.

Wie bekommen Sie all das unter einen Hut? Ich bin fleißig und schlafe wenig. Und ich arbeite strukturiert, so schaffe ich einiges.

Sie glauben daran, dass die Straße aus der man kommt, den Charakter prägt, wie es die HipHop-Band Blumentopf einmal gesagt hat. Sie sind am Mittelweg im feinen Pöseldorf aufgewachsen. Was dürfen wir daraus schließen? Im Original-Songtext von Blumentopf heißt es ja: „Man sagt, dass die Straße aus der man kommt, den Charakter prägt, aber was nützt das, wenn man in der Sackgasse lebt?“ Zu mir passt die buchstäbliche Bedeutung von einem Mittelweg, der zwischen allem ist und zwischen allem vermitteln möchte. Soziologisch bedeutet es, am Mittelweg aufgewachsen zu sein, dass es mir beim Aufwachsen an nichts gemangelt hat. Meine Familie war gut situiert, aber wir waren keine Reichen-Kinder. Bei den Pfadfindern habe ich sehr früh eine andere Seite kennengelernt, wie man es zum Beispiel schafft, für drei Mark den besten Tag seines Lebens zu erleben.



Warum heißt ihr Album „13“? Die Zahl 13 hat viel mit meinem Leben zu tun: Zum einen bin ich mit der Musik der Mongo Clikke 13, einem Verbund aus Hamburger HipHoppern unter anderem mit Samy Deluxe, zwischen 1997 und 2002 aufgewachsen. Zum anderen komme ich aus dem früheren Postleitzahlbezirk 20013. Es heißt auch 13, weil ich mich 2013 durchgerungen habe, ein Solo-Album zu machen. Und im ersten Korintherbrief 13 im neuen Testament heißt es: „All unsere Weisheiten, all unsere klugen Reden werden vergehen.“ Das fand ich sehr passend, weil ich mir mit diesem Album sehr viel Mühe gegeben habe und es wichtig für mich ist. Letztendlich ist es aber nur eine Momentaufnahme. Ich finde es sehr entlastend, dass nichts für die Ewigkeit ist, auch wenn es einem persönlich sehr viel bedeutet.

Wovon singen Sie? Es sind sehr unterschiedliche Facetten von Popmusik, so bunt wie das Leben. Ich singe von Trauerphasen genauso wie von Momenten, in denen einem das Herz aufgeht.

Welche Rolle spielt Gott in Ihrem Leben? Er spielt jede Rolle. Alles was ich mache, versuche ich in einen Kontext mit meinem Glauben zu stellen. Ich glaube, dass jeder Mensch Talente mitbekommen hat, die wir aber viel zu wenig ausleben, weil wir sehr reglementierte Vorstellungen von einem gelungenen Leben haben. In unserer Gesellschaft gilt: je härter du arbeitest, umso höher steigst du auf – in dem Hochhauskomplex, in dem deine Firma sitzt und bevor du in Ruhestand gehst, hast du ein Eckbüro mit zwei Fenstern. Diese Art von Karriere verhindert, dass wir unsere Talente ausleben.

Welche Zukunft haben Kirche und Theologie heute noch? Als Reformationsbotschafter der Nordkirche stelle ich mir häufig die Frage, was die Reformation mit uns heute zu tun hat. Für viele ist Glauben wie eine staubige Schatzkiste, die nach alten Büchern riecht. Wir müssen Anknüpfungspunkte in die Gegenwart finden und so von Gott reden, dass es die Menschen interessiert und sie sich angesprochen fühlen. Das ist zwar eine große Herausforderung, für die ich aber kämpfen möchte.

Was braucht man dafür? Mehr junge offene Theologen wie Sie? Nein. Man braucht Leute, die authentisch von ihrem Glauben erzählen. Ein großes Problem ist die pseudosakrale Sprache, die viele Menschen abschreckt.

Die Gesellschaft verändert sich, die Fremdenfeindlichkeit wächst mit der Anzahl der Flüchtlinge und mit dem zunehmenden Terror durch den IS. Was können wir tun? Uns über unsere Wertvorstellungen mit denen austauschen, die auf der Flucht sind; entweder weil sie aus einem repressiven System heraus wollen oder zum Beispiel Mädchen, die gerne die Möglichkeit haben wollen zu lesen, zu lernen oder zu studieren. Fremde Kulturen und Werte kennenlernen, baut Vorurteile ab und bereichert uns. Wir haben ein Problem mit Bildern, weil wir uns Bilder von Dingen wie etwa dem Islam machen, die es so nicht gibt. Der IS ist eben nicht repräsentativ für den Islam. Und der Populismus ist eine Gefahr, weil er verkürzte Schlagworte als einfache Lösungen für komplexe Zusammenhänge anbietet. Die gibt es aber nicht. Ich habe so unterschiedliche Menschen verschiedener Religionen kennengelernt. Das Einzige, was gegen Populismus und Undifferenziertheit hilft, ist: Bildung, Denken lernen.

Julian Sengelmann... persönlich Glücklich macht mich... Musik zu machen.

Ich bin ganz bei mir... wenn ich allein zuhause sitze und auf dem Klavier klimpere.

Meine Schwäche ist... zu viel zu wollen.

Meine Stärke...  ist sehr viel zu machen.

Wütend werde ich... bei Undifferenziertheit.

Wichtig ist mir... Nächstenliebe.

Außer meiner Musik höre ich... zum Beispiel das Album „Kids“ der Indie-Electro-Band Fotos.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg... ist eine Bank an der Alster, dahinter eine Statue von einem Paar, das sich an den Händen hält.

Julian Sengelmann in drei Worten ist... umtriebig, laut, leise .
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Otto Waalkes ist zurück

„Humor ist angeboren, kann man nix machen“

Meinung – Barbara Glosemeyer
Kurz bevor Otto zum ersten Auftritt seiner diesjährigen Tournee in seine Heimatstadt Emden aufbricht, erwischen wir den Komiker und Wahl-Hamburger bestens gelaunt und können unsere brennenden Fragen an ihn loswerden. Seine Antworten sind − typisch Otto. Witzig. Lesen Sie selbst!

Macht es Ihnen nach 51 Jahren immer noch Spaß, auf der Bühne zu stehen? Otto: Nein, es ist fürchterlich, grauenvoll! Ich wollte die neue Tournee eigentlich „Nicht das again“ nennen, aber dann haben wir uns doch für „Holdrio again“ entschieden. Das klang irgendwie einladender.

Wie halten Sie sich fit auf Ihrer Tournee? Na, mit der Tournee! Das ist das reinste Sportprogramm! Rennen, springen, setzen, aufstehen, laufen, hüpfen, Kniebeugen zum Autogrammegeben.

Wie kommen Sie nach der Show runter? Man muss ein kleines Schlückchen Tee trinken. Oder einen großen Schluck Bier.

Sind Sie privat eigentlich auch so quirlig? Na ja, natürlich nicht immer. Manchmal bin ich auch lebhaft, zappelig, hibbelig, kribbelig, fahrig, flatterhaft oder einfach nur wuselig.

Denken Sie manchmal ans Aufhören? Klar! Nach zwei Stunden Show denke ich immer ans Aufhören − dann muss ich ins Bett, um für den nächsten Abend fit zu sein.

Würden Sie auch gern − wie in diesem Jahr Jane Fonda − mal eine „Goldene Kamera“ für Ihr Lebenswerk bekommen? Ich würde viel lieber für meine Goldenen Kameras eine Jane Fonda bekommen.

Sie waren einige Zeit aus der Öffentlichkeit verschwunden. Wo waren Sie? Meinen Sie, als ich auf Tournee war? Oder als ich in Kinofilmen mitgespielt hab? Oder als ich meine große Fernsehshow hatte? Oder meinen Sie meine Ausstellung in Mainz? Oder als ich für „Ice Age 5“ synchronisiert hab? Oder doch die Tournee und die Shows und die Filme und die Vernissagen und die „Ice Age“-Teile davor? Oder meinen Sie dazwischen? Da war ich vermutlich kurz auf der Toilette.

Tourneestart 2017 in Emden. Ist das eine Verbeugung vor Ihrer Heimatstadt? Nee, die Verbeugung kommt erst ganz zum Schluss, nach dem Auftritt! In Emden fang ich an, weil die Ostfriesen tierisch ungeduldig sind. Und meine Familie wohnt doch auch da, da muss ich ja natürlich mal wieder vorbeischauen.

Ostfriesland hat Sie als Markenartikel. Warum hat Hamburg keinen Otto? Das fand ich auch traurig. Ich bin vor lauter Mitleid nach Hamburg gezogen.

Wird man eigentlich mit so viel Humor geboren? Ja, ist leider angeboren, kann man nix machen. Habe ein paarmal versucht, es operativ entfernen zu lassen. Ist aber zu eng mit dem Hirn verwachsen, ist leider nicht möglich, schade.

Hat sich der Humor Ihres Publikums eigentlich in den letzten 50 Jahren verändert? Ich hoffe nicht! Schließlich kommen die doch immer noch in meine Shows!

Was hat Otto die letzten 50 Jahre verändert? Nach und nach wurden nach oben hin immer größere Teile meines Gesichts freigelegt.

Was war Ihre Rettung im Leben? Meine Kappe, um den Großteil dieses Gesichts wieder zu verdecken.

Humor macht Männer sexy, das sagen alle Frauen. Ertrinken Sie in Liebesbriefen? Klar, da kommt schon einiges zusammen. Aber nicht mehr so viel wie früher, ist ja klar. Heute gibt es schließlich auch E-Mail und WhatsApp.

Bei freier Wahl: Wären Sie als Mann lieber schön als witzig auf die Welt gekommen? Klar, das wäre viel besser. Die Leute würden Tickets kaufen, um mich anschauen zu können und ich müsste nur auf der Bühne stehen und rein gar nichts machen. Ein Traum!

Sind Sie eigentlich zurzeit verliebt? Das kann ich erst sagen, wenn ich die ganzen Briefe durch hab.

Was ist mit 68 anders, als Sie es sich als junger Mann vorgestellt haben? Dass ich mal älter werde als 35, hätte ich nie gedacht!

Sie wohnen seit Jahrzehnten in Blankenese. Mal daran gedacht umzuziehen? Ich bin gerne da, ist wie ein kleines Dorf in der großen Stadt. Die Leute kennen sich untereinander, man sagt „Moin“ und fragt sich, wie der wohl nochmal heißt. Wie zu Hause!

Ihr Freund Udo Lindenberg wohnt im Hotel. Könnten Sie das? Ich bin doch auch meistens im Hotel, ich bin so oft unterwegs und auf Tournee. Wenn ich dann wieder zu Hause bin, werfe ich immer mein Handtuch auf den Boden und warte auf ein neues.

Was lieben Sie an Hamburg? Jeder versteht mich, obwohl ich doch aus dem kleinen Ostfriesland komme. „Moin“ passt einfach immer!

Wo ist Ihr Lieblingsplatz in Hamburg? Hauptsache am Wasser! Am liebsten irgendwo, wo ich auch Matjes essen kann.

Ach ja, zum Schluss, bitte erzählen Sie unseren Lesern einen Witz! Wie nennt man ein weißes Mammut? Helmut!

Otto Waalkes... persönlichIch könnte gut verzichten auf... Shampoo.

Ich erhole mich... so langsam vom Lampenfieber.

Meine Schwäche... ist, immer neue Scherze basteln zu müssen.  

Meine Stärke... ist, die Leute auch mit alten Scherzen zum Lachen zu bringen.

Die Elbphilharmonie... hat schönere Wellen als Trumps Frisur.

Schöne Frauen... kommen und gehen.

Autos... kommen und fahren weg.

Ich lache über... Steve Martin, Monty Python, Jerry Lewis, immer noch. Aber es gibt ja auch so viel guten Nachwuchs. Nico Semsrott ist super, den müsst ihr euch anschaun.

Das Lachen vergeht mir... wenn RTL fragt, ob ich ins Dschungelcamp will. 

Der HSV... könnte ja auch mal was anderes ausprobieren. Tischtennis, vielleicht. Oder Stricken. Oder einfach ein bisschen an der Alster spazieren? Ist doch auch schön.
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Interview in der Elbphilharmonie

Hamburgs Tourismuschef über Wilhelmsburg, Chatbots und den Schlagermove

Meinung – Barbara Glosemeyer und Markus Lorenz
Wir treffen Michael Otremba in der Elbphilharmonie. Das hoch gelobte Konzerthaus ist für Hamburgs Tourismuschef Glücksfall und Auftrag zugleich. Das neue Wahrzeichen soll die Stadt touristisch in die Liga der Weltmetropolen befördern.

Kürzlich hat in der 2. Fußball-Bundesliga der FC St. Pauli bei 1860 München gespielt. Wem haben Sie die Daumen gedrückt? Otremba: Dem FC St. Pauli.

Obwohl Sie mal für 1860 gearbeitet haben...? Ich habe während meiner Arbeit im Fußball festgestellt, dass ich mehr an den Menschen hänge, als an Vereinslogos. Und jetzt gibt es eine Nähe zu den Personen bei St. Pauli.

Das Spiel hat St. Pauli gewonnen. Wann wird Hamburg auch bei den Übernachtungszahlen München überflügeln? (lacht) Wir müssen uns fragen, ob Übernachtungszahlen wirklich das entscheidende und einzige Kriterium sind, an dem wir uns orientieren...

...sind sie nicht? Nein, ich finde nicht.

Wir haben gedacht, die Zahl der Übernachtungsgäste ist für den Tourismuschef der Stadt das alles Entscheidende? Natürlich wollen wir die Attraktivität Hamburgs weiter steigern und mehr Menschen für Hamburg und den Norden begeistern. Aber auch in anderen Metropolen geht es derzeit hin zu der Betrachtung: Wie wird die Stadt vor Ort wahrgenommen – und welches Erlebnis bieten wir den Gästen?

Also mehr Qualität als Quantität? Wir wollen weiter wachsen, und das wird auch so kommen. Aber ein „Immer mehr“ kann nicht allein die Maßgabe sein. Wir müssen uns stärker mit der Frage auseinandersetzen: Wie können wir das Erlebnis vor Ort und für die Gäste noch wertvoller und angenehmer gestalten?

Das heißt konkret? Die Anspruchshaltung bei Hamburg-Besuchern steigt, allein schon wegen der Elbphilharmonie. Die steht für ein unvergleichliches Erlebnis in der Stadt. Diesen hohen Qualitätsanspruch wollen wir während des gesamten Aufenthalts erfüllen können.

Was fehlt Hamburg touristisch? Hamburg fehlt nichts, wir haben alles. Aber bisher haben wir uns noch zu stark am Prinzip „Mehr und mehr“ orientiert. Das war richtig und wichtig. Jetzt ist es aber an der Zeit, andere Parameter zu definieren. Es geht um einen Perspektivenwandel. Als Tourismusgesellschaft wollen wir das Wachstum nicht mehr sich selbst überlassen.

Wie tun sie das? Es gibt zum Beispiel seit einiger Zeit den Event-Lotsen. Das ist ein Tool, mit dem Veranstalter einen Überblick bekommen, auf welchen Flächen in Hamburg wann was möglich ist. Das hilft uns bei dem Ziel, das Geschehen zu entzerren und Veranstaltungen auch in andere Stadtteile zu bringen. Und mit unserem Hotelbedarfsplan wollen wir unter anderem Impulse setzen für die Entwicklung von attraktiven Arealen außerhalb des Stadtzentrums. Auch das ist eine neue Aufgabe.

Hamburg-Urlauber gehen demnächst also eher nach Barmbek und Wilhelmsburg als in die City? Ich frage: Ist das beste Café automatisch immer am Rathausmarkt? Vielleicht nicht. Das Reiseverhalten ändert sich, es gibt eine große Nachfrage unter dem Stichwort „Live like a local“. Es gibt immer mehr Besucher, die nicht nur die touristischen Spots abhaken. Für die wollen wir Geschichten erzählen, die in den Stadtteilen spielen. Das heißt: Besucher wollen Hamburg so erleben, wie es die Hamburger tun. Wir wollen Hamburg also echt und kontrastreich auch fernab der bekannten Pfade darstellen, die Kampagnen dazu laufen sehr erfolgreich.

Aber Touristen erwarten von Hamburg doch die Klassiker wie Hafen, Kreuzfahrtschiffe, St. Pauli und Musicals...? Ja, das werden wir auch weiterhin bedienen. Aber wir wollen das klassische Angebot um anderes ergänzen.

Heißt das, weg von umstrittenen Massenveranstaltungen wie Schlagermove und Harley Days? Nein. Es gibt einen Markt für diese Veranstaltungen. Zum Schlagermove kommen 500.000 Menschen. Auch die Harley Days finden große Nachfrage. Die Veranstaltungen haben eine wichtige wirtschaftliche Komponente.

Manche Hamburger sagen, die Stadt sei die schönste der Welt. Macht der Tourismuschef sich das zu eigen? Hamburg ist eine wunderschöne Stadt. Viele Besucher sagen, sie haben gar nicht gewusst, wie schön. Ich erlebe bei den Hamburgern unfassbar viel Stolz auf ihre Stadt. Aber daraus darf keine Saturiertheit resultieren, nach dem Motto: wird schon laufen. Bei der Attraktivität sind wir in einem Wettbewerb mit Städten wie Amsterdam und Barcelona.

Was wird den Tourismus in Hamburg noch verändern? Die Digitalisierung. Perspektivisch wird es möglich sein, mit Gästen stärker in Dialog zu treten, etwa über Chatbots...

...klingt technisch-unpersönlich. Ich glaube das Gegenteil wird passieren. Chatbots machen den Kontakt zu der Vielzahl an Besuchern erst möglich und wahrscheinlich persönlicher. Wir wollen mit allen 96 Millionen Gästen, die jährlich nach Hamburg kommen, in den Dialog treten.

Wie soll das gehen? Der Gast schickt beispielsweise eine Whatsapp-Nachricht, und der Chat-Roboter antwortet. Er lernt vom Besucher, was dieser sucht und kann entsprechende Angebote machen. Etwa Hinweise auf gute Restaurants oder Golfplätze geben, wenn der Gast sich genau dafür interessiert.

Was bedeutet die Elbphilharmonie für den Hamburg-Tourismus? Die Kraft dieses Bildes ist einzigartig. Zum ersten Mal hat Hamburg ein Motiv, das weltweit für die Stadt steht, so wie das Opera House für Sydney. Die touristische Anziehungskraft ist immens.

Spüren Sie das Feedback bereits? Ja, auf jeden Fall. Die Bilder der Eröffnung sind um die Welt gegangen. In den Gesprächen mit Airlines, Reedereien oder Reiseveranstaltern zeigt sich, dass die Elbphilharmonie insbesondere im Ausland Türen öffnet

Wie sehen Sie die Hafencity? Das Projekt ist total mutig und steht für die Aufbruchstimmung. Aber es ist auch eine Herausforderung. Es wird jetzt um die Belebung gehen und darum, eine Balance zu finden zwischen Hafencity und Innenstadt.

Die Hafencity hat wenig aktives Quartiersleben... Wir sollten dem Stadtteil Zeit geben. All das wird kommen.

Wo macht Hamburgs Tourismuschef Urlaub? Meistens am Wasser. Ich bin in Eckernförde groß geworden. Seit ich da weg bin, habe ich große Sehnsucht nach dem Meer.

Ihre Lieblingsstadt? Sydney. Die Menschen sind wunderbar offen. Da wird man von Wildfremden zum Picknick eingeladen, habe ich selbst erlebt.

Bis Sie die Hamburger dazu bringen, Fremde zum Picknick zu bitten, müssen Sie dicke Bretter bohren... Das erlebe ich ganz anders, gerade als jemand, der lange in München gelebt hat. Die Hamburger begegnen mir mit großer Offenheit und Direktheit.

Michael Otremba...persönlichIch entspanne... am Wasser.

 Mein Lieblingsort in Hamburg ist... Entenwerder.

 Meine Heimatstadt Eckernförde... hat mich die Sehnsucht nach dem Meer gelehrt.

HSV oder St. Pauli? St. Pauli

 Glück empfinde ich... mit Freunden.
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„Man lernt von den Toten für die Lebenden“

Klaus Püschel über den Tod, die Faszination seines Berufs und Fernsehserien

Meinung – Martin Sonnleitner
Herr Püschel, wie sind Sie zu diesem speziellen Beruf Gerichtsmediziner gekommen? Klaus Püschel: Als ich am Ende meines Studiums war, kam als eines der letzten Fächer Gerichtsmedizin dran. Es war in Hannover, der Professor kam aus Hamburg, er hat das Fach so interessant dargestellt, dass ich es unbedingt machen wollte.

Was war der Schlüsselmoment? Für mich war deutlich lenkend die Feststellung, dass es um logisches Denken geht, um naturwissenschaftlichen Sachverhalt, reale Dinge. Ich kann rekonstruieren und bin meilenweit entfernt von glauben, meinen, hoffen. Ich kann etwas beweisen.

Was sind die faszinierendsten Fälle in Ihrer Laufbahn gewesen? Ich sitze gerade an einer Fallsammlung für mein zweites Buch. Das sind 100 Fälle, es gibt also sehr viele. Einige sind besonders interessant, weil sie besondere Aufmerksamkeit erzeugen, wie eine Millionärin, die gefunden wurde. Dann gibt es die kleinen Fälle, die kriminalistisch eine große Herausforderung darstellen und die besonders verrückt sind. Ich erzähle da gerne die Geschichte eines jungen Mannes, der ein Catering-Unternehmen mit seinen Eltern hatte. Er saß auf der Rückbank, hatte einen Dönerspieß hinten im Lieferwagen, gerade ausgerichtet. Es gab einen Auffahrunfall und der Spieß bohrte sich von hinten durchs Herz, kam aber vorne nicht raus. Man zog den Spieß heraus. Er war tot, es waren äußerlich aber keine Verletzungen erkennbar.

Was sind die häufigsten Fälle? Die Mehrzahl sind Routinefälle. Wir führen im Jahr etwa 1300 Leichenöffnungen durch. Bei den meisten Fällen handelt es sich um den sogenannten plötzlichen Tod aus innerer Ursache ohne äußere Umstände. Dann untersuchen wir auch viele Todesfälle, die sich im Krankenhaus ereignen. Es wurde Anzeige erstattet wegen eines angeblichen Behandlungsfehlers. In der Todesbescheinigung gibt es drei Rubriken: natürlicher Tod, nicht natürlicher Tod oder ungeklärt. Schleswig-Holstein ist das einzige Bundesland mit nur einer Alternative: natürlicher oder nicht natürlicher Tod. Immer wenn bei der Leichenschau nicht natürlicher Tod oder ungeklärt angekreuzt ist, sind es Fälle, die von der Gerichtsmedizin mit geklärt werden. Das sind von allen Todesfällen ungefähr 10 bis 15 Prozent. Wir sind in Hamburg das einzige Institut für Rechtsmedizin. Fachlich gehört dazu noch die Toxikologie zur Giftanalytik und ein Arbeitsbereich für DNA-Analyse, um biologische Spuren zu ermitteln.

Eine Rolle spielen ja auch Kohlenmonoxidvergiftungen. Können Sie dies erläutern? Diese Vergiftungen sind ein Beispiel dafür, dass man durch Erfahrungen im Umgang mit Verstorbenen sehr schnell zur richtigen Diagnose kommen kann, etwa durch die hellroten Totenflecke. In Hamburg-Harburg gab es einen Rettungseinsatz, mehrere Personen aus einem Haus kamen in eine Notaufnahme, in allen Fällen gab es Sauerstoffmangelerscheinungen. Der erste Mann hatte Herzprobleme, der zweite war gestürzt, dem dritten war übel. Hinterher kam raus, dass es Kohlenmonoxidverletzungen waren, es gab drei Tote und zehn Verletzte. Hätte man es beim ersten klinischen Fall erkannt, hätten die anderen Personen vielleicht gerettet werden können. Die Leichenschau ist generell eine präventive Maßnahme, die verhindern soll, dass weitere Menschen zu Schaden kommen. Man lernt durch die Toten für die Lebenden.

Was ist die wichtigste Eigenschaft, die Sie in Ihrem Beruf brauchen? Genau hinschauen, das Verletzungsmuster wahrnehmen und interpretieren. Dann kombinieren, sich den Sachverhalt darstellen lassen und rekonstruieren. Eigentlich sind alle Sinne gefragt für die Tätigkeit eines Gerichtsmediziners. Einige Fälle verbreiten einen spezifischen Geruch oder haben eine charakteristische Farbe.

Sie haben ein Buch geschrieben, waren in Talkshows. Dennoch hat man den Eindruck, es geht nicht um Effekthascherei, sondern um Analyse. Die Ausgangsposition ist leider nicht so, wie sie durch die Medien suggeriert wird. Da entsteht ja auch durch den Münster-Tatort der Eindruck, Gerichtsmedizin sei populär und gut ausgestattet. In den letzten zwei Jahrzehnten sind die finanziellen Mittel für die Institute systematisch runtergeschraubt worden. Das Fach ist das kleinste Fach in der Medizin und führt ein gewisses Mauerblümchendasein, das Gegenteil also von dem, was im Fernsehen präsentiert wird. Häufig kommt bei uns das Argument, wir könnten ja nicht mehr helfen, da wandert das Geld dann in andere Bereiche der Medizin, in die Immunologie oder Kardiologie. Die bekommen große Unterstützung, wir sollen die Dinge mit dem Sektionsmesser lösen. Dabei geht es bei uns nicht nur um die Untersuchung von Toten, sondern um Gewalt im Allgemeinen. Wir sprechen auch über Kindesmisshandlung, sexuelle Gewalt gegen Frauen oder um Vernachlässigung von alten Menschen.

Sie betreiben ja auch Selbstversuche, nennen es praktiziertes Wissen. Was machen Sie da genau? Vorhin war wieder einer meiner Studenten da und hat die „Tatwerkzeuge“ eines aktuellen Falls vorgezeigt: ein Messer mit einem bestimmten Säge-Schliff, ein anderes mit einer Doppelspitze. Die Frage war, wie bei einem Opfer die Verletzungen zugefügt wurden. Da machen wir auch Versuche am eigenen Körper. Im Fall Kachelmann ging es beim Opfer etwa um gewisse Verletzungen am Hals. Nur konnten diese Verletzungen in der Art und Weise, wie es die Zeugin erläutert hat, nicht stattgefunden haben. Wir untersuchen auch Selbstverletzungen mit bestimmten Werkzeugen bei Versicherungsfällen. Da müssen wir mit Beilen, Messern und Sägen Versuche durchführen. Das machen wir dann an geeigneten Testobjekten, wie Leichen.

Interessant ist ja auch die Geschichte um den Schädel des Piraten Klaus Störtebeker. Da konnten Sie ja auch neue Erkenntnisse beisteuern... Es ging um den Museumsschädel von Störtebeker. Man konnte die Hinrichtungsstätte eines Piraten am Grasbrook, wo heute die Elbphilharmonie ist, rekonstruieren. Der Mann war ungefähr 36 bis 40 Jahre alt. Er hatte viele Kämpfe gefochten, es gab Schmisse. Es muss ein besonderer Piratenanführer gewesen sein, weil man das Loch im Kopf, verursacht durch einen Nagel, vorbereitet hatte. Der Schädel blieb lange an der Hafenauffahrt aufgenagelt. Die Geschichte von Störtebeker ist aber eine Legende. Das hat die Geschichtsforschung ergeben.

Haben Sie Angst vor dem Tod? Der Gedanke ist mir nicht angenehm, weil ich das Leben sehr liebe. Ich akzeptiere den Tod aber, bin nicht besonders ängstlich. Ich weiß von meinem Job ja, dass der Tod entweder sehr schnell kommt oder aber, wenn er länger dauert, der Abschied nicht schwer fällt.

Wann dreht sich Ihnen noch der Magen um? Gar nicht, ich mache meinen Job sehr gerne. Geruchsempfindungen, Seh-Eindrücke oder auch Geschichten im Hintergrund finde ich interessant und wichtig, aber sie berühren mich nicht persönlich, so dass es zu vegetativen Reaktionen kommt.

Es gab in Hamburg ja mehrere Fälle von Kindesmissbrauch. Können Sie erläutern, was da Teil Ihrer Arbeit war. Das ist ein Thema, das mich meine gesamte 40-jährige Laufbahn begleitet. Es kommt darauf an, dass man die richtige Diagnose stellt. Man kann den Kindern nur helfen, wenn man sie frühzeitig Rechtsmedizinern vorstellt. Nur dann kann man rechtzeitig entscheiden zwischen Unfall oder Misshandlung. Es ist auch vorbeugend, damit das Kind nicht weiter misshandelt wird. Auch toten Kindern soll somit Gerechtigkeit widerfahren.

Inwieweit ist der Gerichtsmediziner auch als Kriminologe tätig? Rechtsmediziner arbeiten nicht so, wie es in den Krimis gezeigt wird. Wir sind Ärzte und müssen den Fall für die Polizei und Juristen verständlich darstellen. Wir sind nicht dazu da, um den Fall juristisch zu verfolgen, deshalb ist kriminalistischer Sachverstand erst in zweiter Linie gefragt. Natürlich braucht man rekonstruktives Denken und Kombinationsvermögen, es dient aber nur dazu zu rekonstruieren, welche Art von Gewalt hier zum Ausdruck gekommen ist oder indirekt, was zum Täter zu sagen ist. Aus welcher Richtung die Gewalt kommt, ob sie mit großer Kraft oder mit einen Werkzeug erfolgt ist. Verfolgen können wir den Täter nicht, auch wenn wir eng mit der Polizei kooperieren. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft wissen unsere Arbeit sehr zu schätzen. Rechtsmedizin ist antizyklisch, wir haben 24 Stunden am Tag Bereitschaftsdienst.

Klaus Püschel ... persönlich Keine Stadt ist so schön zum Sterben wie Hamburg, weil... die Rechtsmedizin hier besonders gut, sorgfältig und erfolgreich Kriminaldelikte mit aufzuklären hilft.

Hamburg ist sicher für Tote, weil... es die einzige Stadt in Deutschland ist, die ein öffentliches Leichenschauhaus hat, in dem sämtliche nicht natürliche und ungeklärte Todesfälle unter professionellen Rahmenbedingungen untersucht werden. Das Institut für Rechtsmedizin.

Kein Fach ist so belebend wie die Rechtsmedizin, weil... wir aus den Schattenseiten des menschlichen Lebens, die Gewalt und Tod betreffen, viele Elemente ziehen, um den Lebenden Unterstützung zu geben.

Der Tod ist wichtig, weil... es ein Ereignis im Leben ist, um das sich zentrale Fragen auftun.

Wenn ich in einigen Jahren in Rente gehe, dann  werde ich... noch intensiver mit meinen Enkelkindern spielen und Sport treiben.

Gerichtsmedizin ist kalt bis ins Herz, weil... rational beobachtet werden muss, damit objektiv und überzeugend für das Gericht das Gutachten erstellt werden kann.
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„Jeder von uns hat eine absolute Macke“

Rhea Harder-Vennewald - seit zehn Jahren an der „Hafenkante“ im Einsatz

Meinung – Manfred Ertel
Eigentlich sei sie ja ein eher rastloser Mensch, immer unter Dampf, ständig unterwegs, sagt Rhea Harder-Vennewald (41) über sich selbst. Zum verabredeten Gespräch in einem Café in Hamburg-Eppendorf sitzt sie schon zehn Minuten vor der Zeit vor ihrem Latte Macchiato und blättert entspannt in einem Magazin. Ihr Zeitfenster sieht 90 Minuten vor, bevor sie wieder als „Familienmami“ gefragt ist, wie sie selbstironisch sagt. Mit ihrer Zeit wird es bald wieder vorbei sein. Dann muss die Mutter von drei Kindern (12, 6 und 3 Jahre) wieder in die Rolle der Polizeiobermeisterin Franzi Jung für die ZDF-Vorabendserie „Notruf Hafenkante“ schlüpfen. Die Dreharbeiten für die zwölfte Staffel beginnen in einigen Tagen. Die gebürtige Berlinerin ist spezialisiert auf Serien. Sechs Jahre war sie unter anderem bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (GZSZ). Sie spielte lange bei „Berlin, Berlin“ mit und bei „Alles außer Sex“. Als Streifenpolizistin im Hamburger Revier an der Hafenkante ist sie seit der ersten Sendung am 4. Januar 2007 dabei. Ende März, nach Ende der elften Staffel, werden 275 Folgen zu sehen gewesen sein. „Krass“, sagt Rhea Harder, als ihr die stolze Zahl bewusst wird. In wie vielen Episoden davon sie, alias Polizeiobermeisterin Franzi – unterbrochen durch Schwangerschaft und Mutterschutz – zu sehen war? „Müsste ich nachfragen“, lacht sie, „wäre aber mal interessant zu wissen“. Die Antwort ist: 240.

Seit vier Wochen ermitteln die Kollegen vom „Notruf Hafenkante“ im ZDF ohne Polizeiobermeisterin Franzi Jung. Was ist los? Ist Franzi schon wieder schwanger? Nein, diesmal nicht. Wahrscheinlich wurden grad einige Folgen gezeigt, die letztes Jahr während meiner Sommerpause gedreht wurden. Seitdem ich mein drittes Kind bekommen habe, gibt es glücklicherweise drei Streifenteams in der Serie und wir können immer mal zwischen ihnen tauschen. Alle profitieren davon, zwischendrin mal etwas Luft zu haben. Denn vorher hieß es immer durcharbeiten, ein ganzes Jahr lang.

Schauen Sie nicht hin undwieder mal fern, um zu sehen, welche Episode gerade läuft und ob Sie dabei sind? Eher selten, weil die Serie für mich zu einer undankbaren Zeit läuft. Da ist bei uns zuhause entweder Abendbrot angesagt oder noch mal mit den Kindern durch die Wohnung toben, also den Abend ausklingen zu lassen. Vor zwei Wochen habe ich aber mal geguckt, und zwar mit meinen Kindern. Die Kleine war total aufgeregt, als sie mich im Vorspann gesehen hatte. Aber mein Mittlerer, Bruno, musste ihr dann verklickern, dass ich gar nicht dabei bin. Das war für sie schwer zu verstehen.

„Notruf Hafenkante“ feierte Anfang Januar zehnjähriges Jubiläum. Ist eine Serie nach so langer Zeit für Sie als Schauspielerin eigentlich mehr Fluch oder Segen? Ich betrachte das eher als Segen. Man muss sich ja nichts vormachen: Es gibt sehr viele Schauspieler, und es gibt eher weniger, die viel zu tun haben. Und ich gebe gerne zu, ich bin ein Arbeitstier. Ich brauche meine Arbeit, um mich wohlzufühlen. Ich bin niemand, der seine Hände gerne in den Schoß legt. Ich brauche dieses Gefühl, gebraucht zu werden. Und zwar nicht nur von meiner Familie. Das kann auch die Vorgartenarbeit beim Nachbarn sein oder den Hauseingang zu putzen. Und da ist eine Serie einfach toll, weil man immer was zu schaffen hat.

Spüren Sie nach so langer Zeit nicht Druck, mal etwas anderes zu machen, den großen Spielfilm zum Beispiel in einer ganz anderen Rolle, als Mörderin etwa? Nein, aber ich würde gerne mal in einem Märchen spielen. Da hätte ich wahnsinnig Lust drauf. Und dann lieber die Hexe als die Prinzessin, denn die ist ja immer die Gute, und das ist ein bisschen zu einseitig. Aber so eine Hexe, die total lieb sein kann aber einen ganz anderen Plan im Hinterkopf hat, das würde mich wahnsinnig reizen. Oder ein Pferdefilm. Aber beide Sachen sind relativ schwierig in Deutschland umzusetzen.

Warum, weil beides Kinderfilme sind? Märchen müssen bei uns immer eher lustig sein, ich würde aber lieber ein schönes, ehrliches Märchen spielen, so wie man sie bei den Gebrüdern Grimm kennt. Und Pferdefilme sind wahnsinnig teuer. Die kann keiner mehr bezahlen. Dabei müsste das gar kein Kinderfilm sein. Denken Sie nur an den „Pferdeflüsterer“. Das war in der Quintessenz nicht einmal eine berauschend tolle Geschichte, aber ein richtig schöner Erwachsenenfilm.

Werden Sie auf der Straße erkannt und angesprochen? Manchmal, das empfinde ich aber eigentlich als Lob, weil man als Fernsehschauspielerin, anders als am Theater, sonst keine unmittelbare Reaktion des Publikums hat. Natürlich bekomme ich Post und freue mich darüber, aber wenn mich jemand auf der Straße anspricht, ist das noch mal etwas anderes. Das freut mich dann wirklich. Auch, als wir kürzlich den Hamburger Polizeistern verliehen bekommen haben für die gute Außendarstellung der Polizeiarbeit im öffentlichen Leben. Darauf bin ich echt stolz. Und als dann ein Polizist auf mich zukam und sagte, er würde mit mir sofort auf Streife fahren, ich hätte immer alles im Blick, da würde er sich sicher fühlen, das war so schön zu hören.

Haben Sie sich mit der Rolle der Franzi in der „Hafenkante“ einen heimlichen Wunsch erfüllt, weil Sie gern Polizistin geworden wären? Ja, ich habe mich nach dem Abitur bei der Polizei in Berlin beworben und wollte zur berittenen Polizei. Das war relativ schwierig, weil es damals in Berlin nur ein paar Pferde gab und man sowieso erst mal die Grundausbildung machen musste. Ich dachte mir, irgendwie werde ich das schon schaffen, aber dann bin ich leider durch den Mathe-Test gefallen. Es gab viele Bewerber, und es wurde gleich bei den Tests hart selektiert. Eigentlich lief alles ganz gut, aber bei Mathe war es dann nicht ausreichend.

Bedauern Sie manchmal, dass es mit dem Beruf der Polizistin nicht geklappt hat? Nee, ich glaube, es ist genau richtig so. Vielleicht wäre ich sonst öfter mal in einen echten Gewissenskonflikt gekommen. Ich wüsste nicht, wie ich als Polizistin handeln würde, wenn es zum Beispiel bei einer Demonstration zu Festnahmen käme und dann da beste Freunde von mir dabei wären. Es würde mir schwer fallen, da nicht schnell mal wegzugucken und die laufen zu lassen. Ich finde, das ist ein sehr spannendes Thema für die „Hafenkante“ und habe das auch schon mal angemeldet. Aber ich möchte es nur spielen. Oder wenn ich bei der berittenen Polizei wäre und irgendwer würde meinem Pferd was tun, ich glaube, dann wäre ich kein Menschenfreund mehr.

Sie sprechen Hörspielrollen von Kinderbüchern, zum Beispiel TKKG, die grad die 200. Folge feiern, oder „Die drei Fragezeichen“ und strahlen jetzt sofort bei dem Stichwort. Ja, das macht mir solchen Spaß. Vor dem Mikrophon zu sitzen und Worten einen Ausdruck zu geben, dass die Hörer Bilder vor sich sehen, das finde ich so schön. Ich kenne das Gefühl selbst vom Lesen, das möchte ich gerne mit meiner Stimme für Kinder zaubern.

Auf der anderen Seite lieben Sie auch den totalen Gegensatz, die düsteren skandinavischen Krimis. Was fasziniert Sie daran? Diese dunklen Geschichten sind einfach so dicht erzählt, bis in kleinste Details ausgemalt, die Szenen sind mit viel Bedacht gezeichnet und beschrieben, die Personen und Charaktere, wie die leben und sprechen. Das ist nicht einfach nur hingeschrieben. Es gibt in anderen Filmen manchmal Texte, da denke ich, der ist gut aufgesagt, lebt aber nicht. Das passiert mir bei nordischen Krimis nicht.

Können Sie sich mit den Kommissaren, die zumeist männlich und wechselweise melancholisch, eigenbrötlerisch beziehungsgestört, alkoholisiert, sexsüchtig oder sonst wie sonderlich sind, identifizieren? Ach, wenn man die meisten Menschen runterkochen würde auf das, was sie wirklich ausmacht, hat doch jeder von uns irgendwie ‘ne absolute Macke. Die ist aber unspannend, wenn sie im Fernsehen durch eine überbordende Handlung übertüncht wird. Bei den nordischen Krimis braucht man manchmal nur in die Gesichter zu sehen.

Und welches ist Ihre Macke? (überlegt sehr lange) Ich bin ein sehr rastloser Mensch, das stresst manchmal meinen Mann, der sehr gut zur Ruhe kommen kann. Ich bekomm ’n Affen, wenn ich auf dem Sofa sitzen müsste, um mich zu erholen. Das kann ich nicht, da krieg ich echt ‘ne Macke. Ich bin echt der Typ, der raus muss. Das war schon immer so. Ich musste in den Pferdestall. Ich musste in den Garten, umgraben, Bäume schneiden, das Gefühl haben, etwas Produktives zu tun.

Man konnte kürzlich lesen, dass Sie mit ihrem Sohn zum Fußball gegangen sind: Aus Spaß am Spiel oder nur aus Mutterliebe? Zuletzt war es aus Zeitmangel etwas seltener, aber ich bin echt gern beim Fußball im Volksparkstadion. Am liebsten bevor all die anderen Zuschauer kommen, weil das dann noch so schön nach sattem, feuchtem Rasen riecht. Allein dieses Gefühl ist traumhaft schön. Und dann dieses schöne Stadion.

Speziell das vom HSV? Ja, ich bin deshalb auch schon recht lange bei der HSV-Stiftung „Hamburger Weg“ engagiert dabei und mach da viel zur Unterstützung sozialer Projekte.

Noch im März beginnen die Dreharbeiten für die zwölfte Staffel von „Notruf Hafenkante“. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wann für Sie Schluss ist? Ich glaube, ich mache das so wie bei GZSZ. Wenn ich ein Gefühl wie in der Schulzeit habe, als ich zur nullten Stunde Mathe aufstehen musste und und mir dachte „Och Nö!“, dann höre ich auf. Bei GZSZ war das an so einem grauen, nebligen Novembermorgen. Ich fuhr mit meinem alten Opel Corsa zum Studio in Babelsberg und stieg aus dem Auto. Es nieselte und ich dachte, oh nee, nullte Stunde. Jetzt fahr ich einen Ascona, der ist sogar noch älter. Aber das Gefühl gibt es noch nicht. Ich hab ja auch so viel zwischendurch zu tun.

Rhea Harder-Vennewald persönlichBerlin oder Hamburg? (langes Zögern) Schachmatt, Berlin ist meine Heimat, Hamburg ist mein Zuhause.

„Hafenkante“ oder „Großstadtrevier“? Natürlich „Hafenkante“. Weil’s mein‘s ist.

„Tatort“ oder „Kommissarin Heller“? Ich finde Kommissarin Heller spannend. DEN Tatort gibt es ja nicht mehr, sondern es sind die Tatorte, die Spanne ist so weit geworden. Wenn, dann ist Münster mein Lieblingstatort oder der aus Dortmund mit dem Kommissar, der ‘ne Vollmacke hat.

Henning Mankell oder Stig Larsson? Oha, die sind schon beide gut. (wieder langes Überlegen) Ich glaube Stig Larsson, der ist noch etwas düsterer.

HSV oder St. Pauli? Ich brenne für den HSV.

Wochenmarkt oder Supermarkt?Wenn meine Gemüsefrauen da sind, dann Wochenmarkt.

Drei Kinder oder vier? Wo drei Platz haben, hätte auch noch ein viertes Platz.
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„An den Rand der Verzweiflung“

NDR-Moderatorin Annika de Buhr über Karriere und das Mutter-Sein

Meinung – Mona Adams
TV-Moderatorin Annika de Buhr (44) trägt gerne Rot und verkörpert damit Lebensfreude und Selbstbewusstsein. Zuletzt strahlte die Ex-ZDF-Heute-Moderatorin in auffälligem rotem Abendkleid auf dem Semper-Opernball. Auch zum Interview in der Lobby des Atlantik-Hotels erscheint sie in knallroter Lederjacke. Ein Gespräch bei Klaviermusik und Kamillentee über ungeplante Auszeiten, Klinken putzen und Bingobär Michael Thürnau.

Wann haben Sie gemerkt, dass es nicht so funktionierte, wie Sie es sich gedacht hatten? Es wurde eine ungewohnte Rücksicht auf mich genommen. Ich hatte mit meinem Sender vereinbart, dass ich bald wiederkomme: Warum stehe ich dann nicht auf dem Dienstplan, und dem nächsten auch nicht? Ich hab mein Hirn nicht verloren, und auch keine 25 Kilo zugenommen, ich bin willens. Ich wollte mich wieder einbringen. Ich habe nette Mails geschrieben, habe im Vorzimmer angerufen, nachgefragt. Ich hatte den Eindruck, man meinte, ich bräuchte den Job nicht mehr. Hat Sie das sauer gemacht? Es hat mir nicht gefallen. Sauer war ich nicht, aber wirklich sehr verzweifelt. Irgendwann musste ich realisieren, dass es so ist. Es war eine Auszeit, die ich mir so nie genommen hätte. Und das fand ich recht unbefriedigend. Aber ich bin relativ hartnäckig. Nach einer Auszeit, die dann wirklich sein musste, weil ich mich in stärkerem Ausmaß um meinen Sohn kümmern musste, hab ich wieder angefangen mich zu melden, bei Veranstaltungen zu erscheinen, Kontakte zu suchen  ... Klinken putzen? Ja, das war Klinken putzen par excellence. Das ist mühsam und nicht sonderlich befriedigend. Aber ich hab es gemacht. Ich dachte, irgendwann wird es schon funktionieren. Vor dem Kind gab es ja auch genügend Einsatzmöglichkeiten, ich bin ja noch dieselbe. Wenn ich Dienste zusage, dann bin ich auch da. Irgendwann ist dann mal jemand beim NDR darauf gekommen, dass ich es wirklich ernst meine. Da war ich dann plötzlich NDR-Außenmoderatorin für „Mein Nachmittag“. Wann war das? Viereinhalb Jahre nach der Geburt. Endlich habe ich mich wieder wahrgenommen gefühlt, nicht nur als Mutter. Muttersein war für mich eine Form der Reduzierung, die mich nicht glücklich gemacht hat. Jeder muss für sich die eigenen Gewichtungen setzen. Ich wollte wieder Geld verdienen und das tun, was ich gern mache. Für „Mein Nachmittag“ war ich in ganz Norddeutschland unterwegs, das waren sehr aufwendige Produktionen. Ich wollte das so, also habe ich mich auch nicht beschwert. Und die Babysitterin hat sehr gut verdient. Von dem Vater Ihres Kindes sind Sie mittlerweile getrennt. Wer passt auf Ihren Sohn auf, wenn Sie nicht da sind? Eine Indonesierin ist als Aupair bei uns eingezogen. Sie wird von meinem Sohn als große Freundin wahrgenommen. Das zeigt mir: Wir haben die Richtige. Ist Hamburg Ihr Zuhause? Ich habe mich schon in verschiedenen Städten zu Hause gefühlt. Momentan pendle ich zwischen Schwerin, Hannover und Hamburg. Ich war lange Zeit in Berlin, hab mich auch dort sehr wohl gefühlt. Es gehört für mich zum Beruf dazu, Städte zu wechseln. Sie teilen und posten viel auf Instagram, Facebook, Twitter. Gehört das heutzutage zum Job dazu? Was ich zeige, sind andere Facetten und Einsichten als das, was man auf dem Schirm sehen würde. Ich ermögliche einen Blick hinter die Kulissen. Wer keine Lust hat sich zu zeigen, sollte sich einen anderen Beruf suchen. Ich trenne Berufliches und echt Privates. Selbstverständlich poste ich nirgendwo mein Kind. Gibt es einen Unterschied zwischen Annika und der Moderatorin Frau de Buhr? Da ich beruflich sehr genau und sortiert vorgehe, würde man nicht glauben, wie zu Hause mein Schreibtisch aussieht. Ich möchte da lieber nicht in die Details gehen.

Sie tun viel Gutes: Wie wichtig ist Ihnen soziales Engagement? Ich freu mich gerade auf ein ganz neues Projekt: Dabei engagiere ich mich für einen ambulanten Hospizdienst. Ich habe schon früh Berührung gehabt mit der Hospizarbeit, habe viel Leid gesehen. Zum Teil ist es ja so, dass Krankheiten in Schüben verlaufen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen Kinder und Jugendliche nach Hause dürfen. Gerade mobile Hospizdienste können den Familien sehr helfen, den Geschwisterkindern und den Eltern, auch in ganz alltäglichen Dingen. Das liegt mir am Herzen. Ich hab das selbst erlebt: Durch Fälle in meiner Familie ist mir das sehr bewusst geworden. Und dann war ich ehrenamtliche Botschafterin der Deutschen Krebshilfe und für die Stiftung Kinderjahre bin ich immer noch sehr engagiert. Haben Ihre Engagements immer eine persönliche Intention? Wenn die Themen mir näher sind, macht es für mich mehr Sinn. Ich möchte etwas zu den Themen sagen können, dann sind es meine und damit meine Anliegen. Wie helfen Sie den Stiftungen? Ich bin zum Teil bei Aktionen und Projekten dabei. Ich helfe aber vor allem dabei, Spenden zu sammeln. Es geht oftmals darum, Öffentlichkeit zu schaffen, ohne die es nicht geht. Ich helfe mit meinem Namen und meinem Gesicht. Ihr neues Projekt ist die Moderation des Dokumentations-Magazins bei „kabel eins Doku“. Sind Sie ein Doku-Junkie? Absolut. Ich komme selten zum Fernsehgucken. Was ich schaue, gucke ich ganz bewusst. Was mich wirklich interessiert, sind sehr gute Dokumentationen. Ich schaue mir genauso gerne Geschichtsdokus an wie auch Technikdokus. Klingt, als sei der Job das perfekte Format? Ich habe eine große Nähe zu den Themen, die wir behandeln. Ich habe einen größeren Ehrgeiz, wenn es um Themen geht, die von Belang sind: Ob sie von Welt sind oder von regionaler Bedeutung, wie bei uns im NDR-Nordmagazin. Sie waren als Moderatorin erster Stunde beim Aufbau des neuen Senders „kabel eins Doku“ dabei. Wie war das? Toll. Ich bin sehr gerne schon bei den allerersten Überlegungen dabei, kann mich dann noch besser einbringen. Das Doku-Magazin, das ich moderiere, entwickeln wir im Team. Viele Kollegen kenne ich noch von meiner Zeit bei XXP, einem Nachrichtensender von Spiegel TV. Da habe ich damals meine ersten Schritte im TV-Business gemacht. Wie kamen Sie zum Moderieren? Ich war mit Mitte 20 für die Zeitung bei einem Casting in Hannover, wollte darüber schreiben. Der NDR suchte Assistentinnen für eine Spielshow, Bingo mit Michael Thürnau. Alle Teilnehmerinnen mussten durch die Dekoration laufen. Ich hatte Freude daran, ihnen zuzuschauen. Das hat auch der Produzent mitbekommen und sich einen Spaß daraus gemacht, mich auch durch die Kulissen laufen zu lassen. Ich hab mich mit Händen und Füßen gewehrt. Keine Chance. Also bin ich da mit Leichtigkeit über die Stufen. Dann kam ich zu Michael Thürnau, ich wusste, er wird mir jetzt Fragen stellen, wie auch bei den anderen Damen. Ich drehte den Spieß um, hab mir das Mikrofon geschnappt und das Interview stattdessen mit ihm geführt. Auf dem Heimweg bekam ich einen Anruf des Produzenten. Er wollte mich für die Produktion eines Fernseh-Piloten als Co-Moderatorin. Ich war unerschrocken und hab zugesagt. Danach verlief meine Karriere erstmal prächtig. Ich kam nicht auf die Idee, dass etwas dazwischen kommen könnte. Was haben Sie aus dem zwischenzeitlichen Aus gelernt? Karrieren funktionieren nicht von alleine. Mit Hartnäckigkeit, Talent, einem großen Willen und letztendlich auch einer Freude an dem, was man macht, kann eine Karriere gelingen. Muss sie aber nicht.

Annika de Buhr persönlich...

Zuhause fühle ich mich… in einer netten Umgebung mit Menschen, die mir viel bedeuten.

Ich lerne von… allen, jeden Tag, und bleibe auch hoffentlich offen dafür.

Arbeit bedeutet für mich… ziemlich viel.

Der beste Moderator… den lerne ich hoffentlich noch kennen, und hoffentlich lerne ich dann auch noch was von ihm/ihr.

Die Elbphilharmonie… ist sicherlich schick, groß und ein Wahrzeichen für Hamburg. Aber ich war nicht einmal da, als sie eröffnet wurde, ich habe gearbeitet.
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Hamburg-Interview

Musiker Michy Reincke: „Das Internet zerstört jede Lebendigkeit“

Meinung – Christoph Forsthoff
Frust? Nein, Michy Reincke treibt eher eine gehörige Portion Wut, wenn der Hamburger Pop-Poet in die deutsche Radiolandschaft hört – und meist vergeblich nach seinen eigenen Songs lauscht. „Wenn die zu Abspielstationen von irgendwelchen Top-Hits aus den USA werden und nur deutschsprachige Titel nach deren Verkaufszahlen senden: Warum beschäftigen die dann eigentlich noch Musikredakteure?“ Was den 57-Jährigen nicht davon abhält, dem Mainstream auf seinen Alben etwas andere Töne entgegenzusetzen – auch wenn Titel wie „Die Frau, in der die Welt verschwand“ oder „Ich will die Sache nicht unnötig in die Länge ziehen“ wohl kaum jemals in die Top Ten der Charts gelangen werden. Wir haben den Querdenker in seiner Barmbeker Altbauwohnung besucht und mit Reincke bei zwei Kannen grünem Tee über Qualität und Quantität in der Musik sinniert.

Bekommen Sie gelegentlich bitterböse Anrufe von Radiomoderatoren, die an den allzu langen Titeln Ihrer Songs verzweifeln? Michy Reincke (lacht): Nein. Mir macht es natürlich Spaß, ungewöhnliche Sätze zu kreieren – und da vieles bereits auf viele schlichte Weisen gesagt ist, benötigt man manchmal ein paar mehr Worte, um das Ungewöhnliche und Neue einzufangen. Doch vermutlich stolpern die Leute vom Radio eher über Zeilen aus dem Song „Gib alles oder vergiss es“.

Warum? Weil es da etwa heißt „Lass dir deine Lieder nicht von Marktforschern schreiben“. Für mich ist hier ein Gipfel der Absurdität erreicht, wenn mittlerweile Menschen für Umfragen zuhause angerufen und gefragt werden, ob sie bei einem Titel ab- oder einschalten würden und ihnen dann für 20 Sekunden ein Titel übers Telefon vorgespielt wird!

Vielleicht möchten viele Hörer auch einfach nur unterhalten werden – und die Sender ermitteln auf diese Weise, welche Musik besonders unterhaltsam ist… …aber dann hört man doch auf, den Menschen etwas beizubringen, ihnen etwas Neues zu zeigen und an die Hand zu geben, sondern gibt ihnen schlicht, was sie wollen – absurd! Niemand ist mehr in der Lage zu vermitteln, was benötigt oder gebraucht wird: Das ist einfach das Dilemma, an dem unsere Popmusik-Kultur krankt.

Nun wird ganz sicher nicht jeder einen Michy-Reincke-Song als etwas betrachten, das benötigt oder gebraucht wird… (lacht): Ich versuche zu unterhalten, aber ich versuche trotzdem auch unbequem zu sein. Denn für die meisten Menschen bedeutet das große Radio-Glück heute höchste Bequemlichkeit – und nicht mehr die Auseinandersetzung mit Dingen, die im Grunde der Kritik bedürften.

Woran denken Sie hier? Nehmen Sie etwa das Internet: Ich habe noch nie eine solche Form der Abhängigkeit erlebt! Das Internet zerstört jede Form von Lebendigkeit und alle Talente, über die ein Mensch verfügt, weil er nur noch zum Homo monitoris wird, der ständig auf seinem Smartphone wischt und blättert und nicht mehr in der Lage ist, sich wirklich auszutauschen und über seine Talente nachzudenken.

Da wird Ihnen eine große Mehrheit der Gesellschaft widersprechen und das Internet ein großes Glück nennen… … mögen mich da die Leute auslachen oder als Ewiggestrigen bezeichnen: Unsere Kultur hat auch in früheren Zeiten große Erfolge erreicht. Natürlich war früher nicht alles besser, aber bestimmte Dinge sind heute einfach schlechter – und da sehe ich meine Aufgabe als Künstler, nicht nur zu unterhalten, sondern diese Dinge kulturkritisch zu beleuchten.

Ein zweifellos lobenswerter Ansatz, allein: Möchten Sie mit Ihrer Musik nicht auch Erfolg haben? Für mich bedeutet die Vokabel Erfolg etwas anderes als der Konsens, auf den man sich in unserem Gesellschaftssystem offenbar geeinigt hat – nämlich, dass selbst hochneurotische und inakzeptable Lebensformen, die einer Gesellschaft nicht gut tun, hofiert werden, solange diese Menschen nur möglichst populär, reich oder mächtig sind.

An welchen Erfolgs-Werten orientieren Sie sich lieber? Mein Vater selbst ist zur See gefahren, doch erinnere ich mich sehr gut an zwei Onkel, die eben solche Werte vermitteln konnten. Der eine hat im Hafen gearbeitet, der andere war Klempner und sie haben es hinbekommen, sich mit ihren Familien ein Haus zu bauen, zusammenzuhalten und ein gutes Leben zu führen. Das mag banal und unspektakulär klingen, aber für mich ist das wesentlich echter als Menschen, die verzweifelt versuchen, die Mängel und Lücken in ihrem Leben mit dem Verzehr von Käfern im Urwald zu füllen.

Das klingt fast so, als wollten Sie sich nicht damit abfinden, dass Zeit und Gesellschaft sich verändert haben – und würden am liebsten die Uhr wieder zurückdrehen… Ich bin da sicher kein Girolamo Savonarola…

…Sie sprechen von dem florentinischen Dominikaner, der Ende des 15. Jahrhunderts die Missstände in der katholischen Kirche anprangerte… …weil die noch mehr Macht haben und mit dem Verkauf von Ablassbriefen das nötige Geld für prächtige Kirchenbauten eintreiben wollte. Und als Savonarola gegen diese Entwicklung predigte, wurde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt – dabei bemängelte er eben das, was 20, 30 Jahre später dann auch Martin Luther angegriffen hat…

…und das letztlich dann zur Spaltung der Kirche führte. (lacht): Nun sehe ich mich nicht in der Nachfolge Luthers, aber ich möchte einfach auf Dinge hinweisen, die sich nicht zum Besseren entwickelt haben. Und wenn zum Beginn des 21. Jahrhunderts die angebliche große neue Freiheit des Internets dazu führt, dass alle sich „freiwillig“ zur Überwachung vernetzen oder Menschen in Abhängigkeiten von vermeintlich sozialen Plattformen geraten, die im Grunde nur Daten übermitteln, wie man Menschen in Abhängigkeiten bringt, dann sehe ich das nicht als Fortschritt.

…und setzen Ihre Musik als „eine Kerze in einem Bergwerk“ dagegen, wie Sie es selbst formulieren – das klingt nicht gerade sympathisch bescheiden. Ich bin wirklich nicht unbescheiden und auch niemand, der sagt, er sei besser als andere. Aber die stringente Ignoranz, mit der man mich seit Jahrzehnten vor allem im Radio abstraft, zeugt vor allem von Ahnungslosigkeit. Wir haben 2004 die Lausch Lounge ins Leben gerufen…

…ein Podium, auf dem Sie in verschiedenen norddeutschen Städten Nachwuchskünstlern Auftrittsmöglichkeiten bieten… …weil es unser aufrichtiges Anliegen ist, dass die Generation nach mir Foren für ihre Musik bekommt, um ein Publikum zu gewinnen, das echtes Interesse hat und nicht Musik so konsumiert wie Kaffee oder Alkohol. Und wenn ich mich dann dazu hinreißen lasse zu sagen, meine Musik sei eine Rose auf einem Misthaufen, dann ist das nicht nur arrogant, sondern auch amüsant und trifft den Kern.

Böse Zungen würden solch ein Selbstbild als den Neid des weniger Erfolgreichen bezeichnen. Mir hat tatsächlich einmal jemand vom Radio gesagt: Du kennst doch unser Format, das kann doch nicht so schwer sein, genau so etwas herzustellen – nein, ist es auch nicht! Aber wenn es nicht das ist, was man machen möchte, warum sollte man es tun? Einzig und allein, um dann stattzufinden? Das halte ich nicht für glücklich.

Sie wollen Ihre Lieder also nicht von Betriebswirtschaftlern schreiben und von Anwälten produzieren lassen, wie Sie es einem Teil der Branche zynisch vorhalten. Ich habe mal an solch einer Konferenz in einem Musikkonzern teilgenommen. Da schaute sich der Geschäftsführer die Charts an und auf seine Frage zu den Interpreten auf Platz 1 hieß es, das seien zwei russische Mädchen, die irgendetwas singen und sich dabei auf der Bühne küssen würden. Die Folge war, dass ein Produzententeam nach zwei Mädchen suchen sollte, die genauso sexy sein und auch ein bisschen Skandal machen sollten.

Musikalisch zweifellos eine Bankrotterklärung… …denn nicht mehr die Sänger entscheiden über die Musik oder machen sie gar selbst, sondern ein Produzententeam, das einen jungen Mann oder eine junge Frau exakt nach den Vorgaben der Musikindustrie oder eines formatierten Radioprogramms sucht, um solche Musik zu lancieren. Und das nimmt immer weiter zu, wir sind schon beim Klon des Klons von der Kopie angelangt.

Irgendwann wird das Publikum doch aber genug haben. Wer das denkt, muss nur auf den dauerhaften Erfolg der Casting-Shows schauen: Das Publikum wächst immer wieder nach – es gibt immer neue Zwölfjährige, für die es die größte Entdeckung ihres Lebens ist, dass sich da so smarte, junge Zeitgenossen in diesen Wettkampf begeben. Deshalb wird es diese Shows auch noch lange geben.

Und Sie werden weiterhin mit Ihren eigenen Songs dagegen halten? Ich neide niemandem etwas, weil ich es lieber mir selbst gönnen würde. Aber ich möchte eben auch sagen können, dass Hitparaden-Erfolge wenig über die tatsächliche inhaltliche und formale Qualität aussagen. Ich brauche keine Hitparaden-Notierungen – selbst wenn ich morgen die Nummer Eins wäre, hätte dies keine Auswirkung auf meine eigene Einschätzung: Ich weiß auch so, wie gut das ist, was ich mache.

Michy Reincke ... persönlichTaxi nach Paris …ein Lied, das vor 33 Jahren zu mir kam und mich seitdem begleitet: ein guter Freund.

Smartphones … lassen Menschen nicht immer smart erscheinen. Ich benutze meins tatsächlich nur zum Telefonieren und für Notizen.

Barmbek … meine erste eigene Wohnung in der Nähe des Stadtparks.

In der Jugend ... hat man noch einen langen Weg vor sich, um jung zu werden.

Die Ehe ist … eine sehr gute Idee. Zwei Entscheidungen für einen Weg und die Liebe als Garten.

Grüner Tee … ist mein Lieblingsgetränk – besonders japanischer Sencha.

Erfolg heißt … für mich: die Einmaligkeit und Vielfalt des Lebens als Reichtum begreifen zu können und furchtlos zu sein
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Simone Buchholz über ihre Heimat St. Pauli

„Es gibt eine große Respektlosigkeit gegenüber den Menschen hier“

Meinung – Manfred Ertell
Sie hat an diesem Vormittag erst eine Seite geschrieben, als Simone Buchholz, 44, etwas zerzaust von Wind, Regen und Stress zum Interview im Café „Transmontana“ auf St. Pauli erscheint. Sechs Seiten täglich muss sie schaffen, um ihren neuen Roman pünktlich zum 1. März abzuliefern. „Beton Rouge“, der am 7. August erscheinen soll, ist der siebte Krimi um die Hamburger Staatsanwältin „Chas“ Riley und ihren Liebhaber, den Kneipenbesitzer und ehemaligen Einbrecherkönig „Klatsche“. Ihre Geschichten spielen zwischen Reeperbahn und Hans-Albers-Platz, sie handeln von Liebe, Tod und Fußball. Ihre Protagonisten, die nach Halt und festen Beziehungen lechzen, sprechen wie die Menschen au