Hamburg Historisch Die Köhlbrandbrücke – Hamburgs „Golden Gate“

Von Volker Stahl | 04.08.2020, 15:03 Uhr

Die Köhlbrandbrücke wurde zur Eröffnung 1974 als Jahrhundertereignis gefeiert. Nun muss sie ersetzt werden.

Spätestens Mitte der 1970er-Jahre hatte die Umsetzung der 1959 vom Architekten Hans Bernhard Reichow postulierten Idee von der „autogerechten Stadt“ ihren Scheitelpunkt erreicht. Das gleichnamige Buch des Architekten galt bis dahin als Bibel der Stadtplaner, die alle Maßnahmen dem ungehindert fließenden Autoverkehr unterordneten – auch in Hamburg.

1974 wurde die Köhlbrandbrücke eröffnet, ein Jahr später der neue Elbtunnel. „Freie Fahrt für freie Bürger“, lautete das vom ADAC aufgestellte, mittlerweile aber aus der Zeit gefallene Dogma – Feinstaubbelastung, Klimawandel und Dauerstaus lassen grüßen.

Am 20. September 1974 war die Welt der Automobilisten noch in Ordnung. An diesem Tag eröffnete der sangesfreudige Bundespräsident Walter Scheel („Hoch auf dem gelben Wagen“) im Schatten der Pylone aus Stahl die Köhlbrandbrücke, die seitdem „das Hindernis des Wasserwegs“ beseitigte, wie der damalige Hamburger Verkehrssenator Helmuth Kern es formulierte. Ein Hindernis namens Elbe; der Köhlbrand ist der Mündungsarm der Süderelbe.

„Erstmals besteht jetzt eine direkte Straßenverbindung zwischen dem östlichen und dem westlichen Freihafenteil. Die Fähre hat ausgedient“, ist in der Broschüre nachzulesen, die die Staatliche Pressestelle dem Ereignis gewidmet hatte.

100.000 Hamburger kamen zur Einweihung

Die Hamburger Journaille schwärmte von „Hamburgs Golden Gate“, auch der Bundespräsident war begeistert. Mit einem Zitat des Sachsenkönigs Friedrich August gab Scheel die Brücke frei: „Nu, denn latschen wir mal nieber!“ Und das taten 100.000 Hamburger, die sich zu dem Volksfest in luftiger Höhe eingefunden hatten, um die damals viertlängste Brücke in Europa einzuweihen.

Doch bald herrschte das Chaos. Jugendliche rannten zur höchsten Stelle der Brücke, wo Sensationsdarsteller Armin Dahl an einem Seil, das aus einem Hubschrauber hing, mit dem Fahrrad durch die Lüfte „fuhr“, um anschließend mit der ganzen Menschenschar nach Waltershof zu eilen, wo in einem Kleinbus Erinnerungsmedaillen zum „Jahrhundertereignis“ ausgegeben wurden.

Der Andrang war so groß, dass Stühle und Tische zu Kleinholz verarbeitet wurden, mehrere Menschen kollabierten und die Verteiler der Plaketten sich auf das Dach des Busses retteten.

Wie dem auch sei, Hamburg hatte nun ein neues Wahrzeichen, das bald Postkarten und Briefmarken schmückte. Die mit Auffahrten 3,94 Kilometer lange, 157 Millionen Mark teure und 53 Meter hohe Elbquerung in vierjähriger Bauzeit erstellte Brücke schwebt seitdem über dem Köhlbrand, getragen von 135 Meter hohen Pylonen und gehalten von 88 Stahlseilen.

Seile bereits nach dreieinhalb Jahren völlig verrostet

Doch schon nach dreieinhalb Jahren war die erste Euphorie verflogen. Die Seile waren so stark angerostet, dass sie mit Millionenaufwand erneuert werden mussten. Die letzte Sanierung, die 60 Millionen Euro teure Erneuerung der Asphaltdecke, erfolgte von 2014 bis 2016. Die nächste Instandhaltung wäre 2030 fällig. Zu teuer, sagt der Senat.

Ein neuer Tunnel für 3,2 Milliarden soll die Brücke ersetzen, damit auch größere Containerschiffe den Köhlbrand passieren können. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen, denn eine neue Studie zweifelt den Sinn einer Mega-Unterführung an – wegen rückläufiger Umschlagzahlen im Hafen.